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© 2021 edition waldorf
Stuttgart, 1. Auflage 2021
Print: ISBN 978-3-949267-21-5
ePub: ISBN 978-3-949267-22-2
ePDF: ISBN 978-3-949267-23-9
Translated by Jon McAlice
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Am 26. Juli 2020 wurde in der Neuen Residenz in Salzburg die Ausstellung Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele eröffnet. Durch Corona war die Eröffnung einmal verschoben worden, jetzt fand sie in kleinem Rahmen mit den üblichen Schutzvorkehrungen statt.
Die erste Aufführung von Hugo von Hofmannsthals Jedermann in der Regie von Max Reinhardt auf dem Salzburger Domplatz am 22. August 1920 gilt als die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele. Hier begann das »große Welttheater«, welches die Ausstellung würdigt. Zu dieser Zeit bewohnte Max Reinhard bereits Schloss Leopoldskron. Es entwickelte sich bald zu einem bedeutenden Treffpunkt für Schriftsteller, Regisseure und Schauspieler.
Zuvor hatte Max Reinhard seit 1902 die Berliner Theaterszene maßgeblich geprägt, vielleicht sogar aufgemischt. Er inszenierte u. a. 1903 im Kleinen Theater Berlin Hugo von Hofmannsthals Bearbeitung der Sophokleischen Elektra. Die ausgesprochen intensive Wechselbeziehung, welche sich während der Premiere am 30. Oktober zwischen Gertrud Eysoldt als Elektra und den Zuschauern entfaltete, steht exemplarisch oder symptomatisch für die performative Wende in der Europäischen Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Fischer-Lichte 2012, S. 9).
Im Theater wendet sich der Fokus damit auf Vorgänge, bei denen die vierte Wand zusammenbricht, bei denen Bühnen- und Zuschauerraum nicht mehr getrennt sind. Den Brennpunkt bildet eine Präsenz, aus welcher sowohl die Schauspieler*innen als auch das Publikum Energie ziehen und ein Ereignis als gemeinsame Jetzt-Zeit formen. Es ist ein spezieller Moment, der sich unverwässert und fast unentrinnbar verdichtet und zeitigt.
Max Reinhardt war in besonderem Maße davon überzeugt, dass sich jedes Theaterstück erst im Austausch mit dem Publikum erfüllen kann und es dafür sogar eigener Festspiele bedarf. Mit der heutigen Terminologie formuliert: Er war überzeugt, dass Theateraufführungen zu archetypischen Resonanzräumen werden können.
2020 sind es die Wiener Philharmoniker, die mit der Position an die Öffentlichkeit treten, dass die besondere Wärme, die Dichte und die Geschlossenheit ihres Klangkörpers nicht jene Abstandsregeln zulasse, welche für die bezeichnete Ausstellung angesetzt wurden. Daniel Froschauer, Vorstand der Wiener Philharmoniker und Stimmführer der 1. Geigen, nutzt seinen persönlichen Draht zu Bundeskanzler Sebastian Kurz: Inspiriert vom Fußball mögen die Wiener Philharmoniker und die Gesangssolist*innen einmal wöchentlich getestet werden. Sie sollten mit anderen nur mit Abstand kommunizieren dürfen, dafür aber untereinander keinen Abstand einhalten müssen (SZ vom 1./2. August 2020, S. 15).
Zusammen mit den Besuchern, die sich im Schachbrettmuster auf den Sitzen verteilen, wagt Salzburg so die Festspiele – und der Musikbetrieb aus der ganzen Welt blickt gespannt auf dieses Experiment wie Ereignis. Die Wiener Philharmoniker haben sich einen Resonanzraum erobert, in dem sie erklingen können und dürfen.
Im Folgenden möchte ich Bildungsfiguren als Resonanzfiguren bzw. Bildungsräume als Resonanzräume charakterisieren, mich dafür aber nicht direkt dem Resonanzraum Schule (Beljan 2019) und dessen Lernwelt (Rosa & Endres 2016) zuwenden. Vielmehr geht es mir zunächst um Resonanzfiguren des verkörperten Selbst, aus denen in Bildungsprozessen Erkenntnisfiguren eines weltverbundenen Selbst hervorgehen mögen. Erst von dort aus werde ich den Bogen zum Resonanzraum Schule und der Lernwelt des Oberstufenunterrichtes schlagen.
Doch zunächst verweile ich noch einen Moment in der Ausstellung Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele. Dort war auch ein Künstler der documenta 11 eingeladen, aus seiner Perspektive auf die Festspiele zu reagieren.
The exhibition Great World Theater accompanying the centennial of the Salzburg Festival opened on July 26, 2020. Due to Covid-19, it had been postponed and now opened under more modest circumstances in compliance with the government’s health policy.
The premier of Hugo von Hofmannsthal’s Everyman in 1920 is considered to be the beginning of the annual Festival. It was directed by Max Reinhardt and performed in the open area in front of the cathedral. This was the beginning of the »great theater of the world« now documented in the accompanying exhibition. At that time, Max Reinhardt had already taken up residence in Schloss Leopoldskron. The castle soon became a gathering place for writers, directors, and actors.
Reinhard moved to Salzburg from Berlin, where he had been active in theater life since 1902. In 1903, he directed Hugo von Hofmannsthal’s version of Sophocles’ Elektra in Berlin’s »Little Theater.« During the premier an intense atmosphere of shared drama evolved between the leading actress, Gertrud Eysoldt, and the audience. This performance was symptomatic for a shift beginning to take place in European culture during the 20th century. The atmosphere was symptomatic for this performative transformation (Fischer-Lichte 2012, p. 9 & 2014, p. 2 – 4).
In theater performances, attention was being paid to those aspects of the performance that could collapse the »fourth wall« – the invisible separation between the actors on stage and the audience. The focus came to rest on a quality of presence that served to energize both the actors and the audience, transforming the experience of the performance into a shared »now.« This is a unique moment in time, palpably compact, substantially present.
Max Reinhardt was convinced that every theater performance becomes complete in the dialogue between audience and actors. In his view, there needed to be theater festivals dedicated to this aspect of performance. He was convinced that theater could become what we might call today an archetypal space of resonance.
In 2020, the Vienna Philharmonic argued that the unique warmth and compactness of their orchestral tone could not be achieved under the distancing guidelines required for the exhibition in Salzburg. Daniel Froschauer, chairman of the Board of the Vienna Philharmonic and section leader of the first violins, used his personal relationship to the Austrian Chancellor, Sebastian Kurz: The result was, like soccer players, the members of the orchestra and the soloists were tested weekly for SARS-CoV-2, they had to practice social distancing with others, but not with one another (SZ from 1/2 August 2020).
Together with the members of the audience, who will be seated checkerboard style in correctly distanced seats, Salzburg is meeting the challenge to culture posed by the pandemic. Musicians from around the world watched to see if the experiment was successful. The Vienna Philharmonic managed to lay claim to a quality of resonant space in which they can play as they feel they need to.
In this lecture, I am going to characterize certain aspects of education in terms of this riddle of resonance and look at learning spaces as spaces of resonance. I will not begin directly with the question of schools (Beljan 2019) and the educational aspects that are specific to them (Rosa and Endres 2016). What interests me is the question of resonance and its relation to the embodied self and how this leads to an understanding of the self in its connection with the world. What role does education play in this process? After having explored this, we can return to the question of school, especially high school.
But first I would like to linger for a while in the exhibition Great World Theater – 100 Years of the Salzburg Festival. One of the artists from docu-menta 11 was invited to create something for the exhibition that expressed his sense of what the Festival means.
Abb. 1 Yinka Shonibare: The Bird Catcher’s Dilemma. Ausstellung Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele vom 26. 7. 2020 bis 31. 10. 2021 in der Neuen Residenz Salzburg
In dem Raum mit unmittelbarem Blick auf das Mozart-Denkmal am Platz vor dem Museum gestaltet der britisch-nigerianische Künstler Yinka Shonibare eine persönliche Hommage an Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart. In seiner Installation The Bird Catcher’s Dilemma zeigt er einen Vogelfänger, dessen Vögel frei sind. Sie sitzen auf ihren Vogelkäfigen, deren Türen geöffnet bleiben. Ihnen dient das Gitterwerk der Käfige als Halt und Widerlager. Sie dürfen und können sich jederzeit frei in die Lüfte schwingen.
Die Käfige befinden sich auf der Ladefläche eines Handwagens; nicht wohlgeordnet oder gestapelt, vielmehr chaotisch abgestellt. Der Wagen wird von einer Person gezogen. Ihre Haltung ist gebeugt und erinnert an harte körperliche Arbeit bzw. an Sklavenarbeit. Sie trägt elegant geschnittene Kleidung des 18. Jahrhunderts, wie sie für das Österreich Mozarts typisch war. Die Kleidung ist afrikanisch coloriert. Das Haupt der Person sticht zuerst als schwarze und glatt polierte Kugel hervor und gleicht einem Globus. Blickt man genauer, erkennt man im aufgezeichneten Gitternetz Sternbilder.
Durch die Installation regt Yinka Shonibare ein weiteres Mal an, über das Spannungsfeld von europäischer Kultur und Kolonialismus nachzudenken. Bereits 2002 auf der documenta 11 bevorzugt er, wie jetzt auch in Salzburg,
»afrikanische Stoffe, die mit ihren bunten, ornamentalen Mustern Vorstellungen von Authentizität und Exotik erwecken. Diese Stoffe werden in der Technik des sogenannten ›Dutch wax‹ hergestellt, einem Wachsdruckverfahren, das in Indonesien seinen Ursprung hat und über die Niederlande und die Stoff-Fabriken Manchesters seit dem 19. Jahrhundert nach Afrika exportiert wurde« (Shonibare 2002).