Schröder, Patricia:
Die Doppel-Kekse
Einmal Zwilling, immer Zwilling
ISBN 978 3 522 65359 6
Einbandillustration: Maria Karipidou
Einbandlayout und -typografie: Stephanie Reis
E-Book-Konvertierung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
© 2017 Planet!
in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart
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»Das kann nicht sein.« Lucie stoppte ihr Fahrrad, sprang auf den Bürgersteig und schüttelte energisch den Kopf. »Unmöglich! Du hast dich bestimmt verguckt.«
Anders als ihre Zwillingsschwester zog Lea sachte die Handbremse und ließ das Rad ausrollen, bevor sie abstieg.
»Das hab ich zuerst ja auch gedacht«, erwiderte sie. »Zumindest zu fünf Prozent. Aber irgendwie hat sich exakt dieses Bild hier eingebrannt!«, schimpfte sie und schlug sich zornig mit dem Handballen gegen die Stirn.
Lucie hievte ihren Drahtesel über die Bordsteinkante und lehnte ihn gegen den Stromverteilerkasten. Mit vor der Brust gekreuzten Armen und skeptisch vorgeschobener Unterlippe ging sie auf ihre Schwester zu.
»Ich glaub das einfach nicht«, bekräftigte sie.
»Würde ich ja auch gern«, jammerte Lea. »Ach, verdammt!«, fluchte sie. »Hätte ich mich vorhin in der Cafeteria doch bloß nicht umgedreht!«
»Ehrlich gesagt, hätte ich das auch besser gefunden«, gab Lucie zurück. »Mannomann! Ausgerechnet heute, wo die Butterkekse Hochzeitstag haben!«
Dreizehn Jahre waren Rosanna und Gerald von Leipnitz inzwischen verheiratet. Klar hatte es hin und wieder mal Meinungsverschiedenheiten gegeben, aber niemals einen ernsthaften Streit. Heute Morgen beim Frühstück hatten sie noch geturtelt wie zwei frisch verliebte Täubchen – und jetzt DAS!
»Jedenfalls würde es erklären, wieso Papa nichts gegen die Ohrstöpsel-Aktion unternommen hat«, brummte Lea.
»Mhmmm … vielleicht.«
Nachdenklich nagte Lucie an ihrer Unterlippe.
»Okay«, sagte sie schließlich. »Ist sicher besser, wenn wir das Ganze mal im Auge behalten.«
Lea lehnte ihr Rad gegen das von Lucie, schloss beide an den Hinterrädern zusammen und nickte.
»Und vorerst kein Wort zu Opa Pistorix!«, beschwor sie ihre Schwester.
Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Türsummer ertönte. Der Duft nach frisch gebackenem Kuchen war jedoch schon bis nach draußen zu riechen.
»Hoffentlich ist Opa Pistorix nicht ins Klo gefallen«, murmelte Lucie.
»Oder über Nacht taub geworden«, gab Lea sorgenvoll zurück.
Lucie schüttelte den Kopf. »Ach, was! Du kennst ihn doch. Manchmal ist er einfach bloß stur.«
»Ja, wenn Papa oder Mama etwas von ihm wollen«, erwiderte Lea. »Oder wenn es um Oma Billie geht. Aber doch nicht bei uns.«
»Hm, stimmt.« Lucie nickte. »Es wäre gut, wenn wir einen Schlüssel hätten«, meinte sie, während sie ihren Blick über die beiden Fenster gleiten ließ, die zur Straße hinausgingen.
»Das kannst du knicken«, sagte Lea. »Sogar Papa musste sich heimlich einen anfertigen lassen.«
Opa Pistorix konnte es nämlich nicht leiden, wenn man ihm hinterherspionierte.
»Hm«, machte Lucie noch einmal. »Könnte allerdings sein, dass ich eine Idee habe«, fügte sie geheimnistuerisch hinzu.
»Aha? Und in welche Richtung geht die so, deine Idee?«, bohrte Lea, nichts Gutes ahnend, nach.
»Das verrate ich dir lieber erst hinterher«, entgegnete Lucie.
»Och, nö, das ist n…«, setzte Lea zum Protest an, da wurde die Haustür mit einem Ruck aufgerissen, und ihr Großvater stand auf der Schwelle.
»Hallo, meine Zwengelchen! Da seid ihr ja endlich!«, rief er, und seine blauen Augen strahlten vor Freude.
»Zwengelchen« war die Abkürzung für »Zwillingsengelchen«, die Opa Pistorix gleich nach Leas und Lucies Geburt eingeführt hatte. Er nannte die beiden so gut wie nie bei ihren Vornamen, weil er immer eine Weile brauchte, bis er sie auseinanderhalten konnte, denn äußerlich glichen die Schwestern sich bis auf das winzig kleine Muttermal unter dem rechten Nasenflügel.
»Wer ist wer?«, fragte ihr Großvater auch jetzt.
»Ich bin Lea«, antwortete Lucie.
»Dann muss ich wohl Lucie sein«, meinte Lea grinsend. »Übrigens sind wir nicht endlich, sondern schon geschlagene fünf Minuten hier.«
»Oh, das tut mir leid«, erwiderte Otto von Leipnitz, alias der Vater von Gerald von Leipnitz, alias Opa Pistorix. »Aber ich hatte noch im Keller zu tun, und dabei habe ich offenbar ein wenig die Zeit vergessen«, entschuldigte er sich.
»Schon okay«, sagte Lucie. »Hauptsache, die Torte für Mama und Papa ist nicht angebrannt.«
»Ach, die ist doch schon längst fertig.« Otto von Leipnitz trat zur Seite und winkte die Zwillingsschwestern herein. »Und jetzt kommt. Ihr müsst unbedingt meine neueste Rezeptur probieren.«
Leas und Lucies Großvater wohnte im Hochparterre. Bei jedem Schritt, mit dem er eine Treppenstufe erklomm, schwang sein kugelrundes Bäuchlein auf und ab. Trotz seines Alters und der Körperfülle war er noch immer flink wie ein »Papierflieger im Windkanal«. So jedenfalls hatte Gerald von Leipnitz es einmal ausgedrückt, und seine Töchter hatten ihm sofort beigepflichtet. Manchmal – insbesondere in heiklen Situationen – war Opa Pistorix schneller von der Bildfläche verschwunden, als man bis drei zählen konnte.
Auch jetzt war er ziemlich flugs bei seiner Wohnungstür. Er schloss auf und ließ Lea und Lucie zuerst eintreten.
Die Schwestern stellten ihre Rucksäcke unter der Garderobe ab und stürmten sofort in die Küche.
»Wow!«, jubelten sie im Duett. »Die Torte für unsere Eltern sieht ja mega aus!«
»Schade, dass wir sie nicht jetzt schon probieren können«, sagte Lea und berührte vorsichtig eins der türkisfarbenen Marzipanherzen auf der dreistöckigen mit sonnengelbem Zuckerguss überzogenen Torte.
»Die Welle obendrauf ist am coolsten«, meinte Lucie. »Wie hast du die nur so original hingekriegt?«
»Mit meinen überaus geschickten Fingern natürlich«, protzte Opa Pistorix. »Ach, und übrigens …«, fuhr er mit einem Augenzwinkern fort, »wer behauptet eigentlich, dass ihr sie nicht gleich probieren dürft?«
Die Zwillingsschwestern sahen ihn irritiert an. Dass sie ihren Eltern nachher eine angeschnittene Hochzeitstorte überreichten, kam ja wohl kaum infrage.
»Wenn ich die Damen also auf den Balkon bitten dürfte …«, sagte Otto von Leipnitz unbeirrt und wies mit ausgestreckten Armen zur Küchentür hinaus.
Lucie lief voran, und Lea klebte ihr an den Fersen. Sie durchquerten den schmalen Flur und das Wohnzimmer und trabten auf den Balkon hinaus.
Der kleine Holztisch war fix und fertig gedeckt. Auf einer feinen weißen Spitzendecke standen zwei gelb-türkise Törtchen im Miniformat, umringt von vier Tellern, zwei Tassen und zwei Gläsern. Eine brennende Kerze und vier farblich passende und zu Blüten geformte Papierservietten rundeten das Ganze auf festliche Weise ab.
»Opa, du hast dich verzählt!«, platzte es aus Lea heraus. »Wir sind doch nur zu dritt!«
»Ja.« Otto von Leipnitz nickte. »Aber nicht mehr lange.«
Lucie machte große Augen.
»Du hast noch jemanden eingeladen?«, stieß sie erstaunt hervor.
Ihr Großvater nickte abermals. »Allerdings.«
»Verrätst du uns auch, wer es ist?«, fragte Lea.
Otto von Leipnitz wiegte seinen Kopf hin und her.
»Nein, lieber nicht. Es soll eine Überraschung sein. Aber setzt euch ruhig schon mal hin«, meinte er. »Bis unser Besuch da ist, dürft ihr von meiner allerneuesten Kreation kosten.«
»Okaaayyy«, sagte Lucie gedehnt.
Sie und ihre Schwester warfen sich einen ratlosen Blick zu und setzten sich dann einander gegenüber an den Tisch.
»Wie ich eben bereits erwähnte, gibt es eine ziemlich gewagte Rezeptur«, sagte Otto von Leipnitz, dessen rundes Gesicht nun eine aufgeregte Röte zierte. »Bin in drei Sekunden wieder da«, kündigte er an, bevor er blitzschnell ins Wohnzimmer zurückhuschte.
»Eins … zwei … drei …«, zählte Lucie und zog eine Grimasse. »Von wegen Papierflieger im Windkanal.«
»Vielleicht liest er ja noch rasch ein paar Seiten in einem seiner geliebten Asterix-Hefte«, witzelte Lea.
Otto von Leipnitz war nämlich ein leidenschaftlicher Asterix und Obelix-Fan.
Anstatt sich vor den Fernseher zu hocken und wie andere Männer seines Alters einen Krimi oder die Sportschau zu gucken, vergrub er seine Nase lieber in einem seiner geliebten und schon ziemlich zerlesenen Comics.
Lea und Lucie scherzten oft darüber, denn sie fanden, dass ihr Großvater selbst sehr gut ein Bewohner dieses legendären unbesiegbaren gallischen Dorfes hätte sein können. Und weil sein zweites Hobby das Kreieren von Kuchen und Torten war und Bäcker auf Lateinisch »Pistor« hieß, hatten sie ihm kurzerhand den Spitznamen Opa Pistorix verpasst.
»Von ›gewagt‹ war übrigens eben auch noch nicht die Rede«, fuhr Lea fort. »Nur von neuer Rezeptur. Die Torte für die Butterkekse ist allerdings wirklich toll geworden.«
»Mhm«, pflichtete Lucie ihr bei. »Gelb wie die Sonne über Teneriffa und türkis wie das Meer drum herum.«
Auf der Hauptinsel der Kanaren hatten ihre Eltern sich vor ziemlich genau fünfzehn Jahren kennengelernt, als Gerald von Leipnitz Rosanna de Angelis ganz romantisch aus einer Monsterwelle rettete.
»Wenn Johanna Knippke sich ihm an den Hals wirft …«, begann Lucie.
»Was dann?«, half Lea ihrer Schwester auf die Sprünge.
»Werden wir sie ertränken …«, sagte Lucie vage und setzte hastig »Oder so ähnlich!« hinzu.
»Noch wissen wir ja nicht, ob ich mich nicht vielleicht doch verguckt habe«, meinte Lea.
»Ach, auf einmal?«, wunderte sich Lucie.
»Na jaaa …« Lea stieß einen langen Seufzer aus.
Je mehr Zeit zwischen ihrer Beobachtung in der Pause und dem Hier und Jetzt verstrich, desto leichter war es, sich einzureden, dass sie sich das Berühren der Hände tatsächlich nur eingebildet hatte. »Lass uns doch erst mal abwarten, wie die Torte ankommt«, schlug sie vor.
»Trotzdem«, beharrte Lucie. »Wir sollten JayKay alias Johanna Knippke auf jeden Fall weiter beobachten.«
Lea zog eine Schnute. »Oder Papa.«
»Besser nicht.« Ihre Zwillingsschwester wedelte mit ihrer Kuchengabel hin und her. »Das wäre viel zu auffällig. Wenn sich nämlich wirklich etwas zwischen den beiden anbahnt, wird er verdammt auf der Hut sein und früher oder später merken, dass wir ihm hinterherspionieren.«
Lea schluckte. Wie konnte Lucie diese Ungeheuerlichkeit nur aussprechen! Sie selbst wollte sich das nicht einmal vorstellen. Der bloße Gedanke, dass Papa Butterkeks Mama Butterkeks auf eine solche Weise hinterging, schnürte ihr den Magen zusammen. Nein! Nein! Nein! Und nochmals nein! Es durfte einfach nicht wahr sein!
»Ich glaub’s nicht«, murmelte sie. »Selbst wenn Papa und Johanna Knippke sich irgendwie berührt haben, könnte es dafür auch eine ganz andere Erklärung geben.«
»Kann es nicht«, widersprach Lucie heftig. »Nur Liebespaare fassen sich an den Händen. Außerdem ist ›könnte‹ Konjunktiv. Ich will aber nicht auf etwas warten, das vielleicht passiert. Dann ist es nämlich zu spät. Ich will lieber vorher schon etwas tun.«
»Und was?«, fragte Lea.
»Weiß ich noch nicht genau.« Lucie tippte sich mit den Fingern gegen ihre Schläfen. »Aber ich spüre schon, wie sich da drinnen was zusammenbraut.«
Lea sah ihre Schwester mahnend an.
»Mach bloß keine Alleingänge!«
»Ne, ne, keine Angst, natürlich werde ich …«
Lucie wurde vom lauten »Täterätäää!« ihres Großvaters unterbrochen.
»Na, was sagt ihr dazu?«, fragte Opa Pistorix.
Er trat auf die Terrasse heraus und stellte seinen Enkelinnen jeweils eine Dessertschale vor die Nase, die einen braunen Haufen Was-auch-immer enthielt.
»Tja, hm … keine Ahnung«, erwiderte Lea und betrachtete ihr Häuflein skeptisch von allen Seiten. »Ich finde, es sieht wirklich etwas gewagt aus.«
»Seit wann erledigst du deine persönlichen Geschäfte nicht mehr auf der Toilette?«, brachte Lucie es ohne Umschweife auf den Punkt.
»Ich gebe zu, das Ganze ist noch verbesserungswürdig«, antwortete ihr Großvater ein wenig zerknirscht. »Aber ich kann euch versprechen: Es schmeckt auch so absolut köstlich.«
»Ja, dann …«, sagte Lucie.
Sie und Lea nickten einander kurz zu und tauchten ihre Kuchengabeln todesmutig in die braune Masse.
»Ich hoffe, es ist irgendwas mit Schokolade«, murmelte Lea. Im nächsten Moment weiteten sich ihre Augen und sie stieß ein freudig überraschtes »Oh!« aus.
Aus einer weichen braunen Kuchenmasse quoll eine zartrosafarbene Creme hervor, die winzige rote Fruchtstückchen enthielt.
»Was ist das?«, wolle Lucie wissen. »Himbeeren?«
»Nein, Erdbeeren«, sagte Otto von Leipnitz und wippte ungeduldig mit den Fersen auf und ab. »Jetzt kostet endlich, sonst platze ich womöglich noch.«
»Au weia«, meinte Lucie. »Ob wir das wollen?« Grinsend sah sie ihre Schwester an. »Nee, he? Oder glaubst du etwa, dass Opa Pistorix auch mit Erdbeercreme gefüllt ist?«
Kichernd schoben sich die Schwestern eine gut gefüllte Kuchengabel in den Mund.
»Du hast eine blühende Fantasie, Zwengelchen«, bemerkte ihr Großvater und blickte geradezu spannungsgeladen zwischen den Mädchen hin und her.
Lea und Lucie wussten genau, wie sie ihn auf die Folter spannen konnten, und verzogen erst mal keine Miene.
»Und?«, fragte Otto von Leipnitz, nachdem die Zwillinge auch einen zweiten Bissen ohne jeglichen Kommentar verdrückt hatten.
Lucie zauberte sich einen scheinheiligen Ausdruck ins Gesicht. »Was meinst du?«
»Na, wie es euch schmeckt, natürlich!«, platzte es aus ihrem Großvater heraus.
»Hm«, machte Lea. »Ganz okay, oder?«
»Joah«, meinte Lucie schulterzuckend. »Vielleicht ein bisschen fad.«
»Waaas?«, rief Otto von Leipnitz empört. »Ist dir eigentlich klar, wie viel Peperoni ich in die Creme gerührt habe?«
»Ach!« Lea tat erstaunt. »Dann sind diese roten Stückchen also gar keine Erdbeeren?«
»Aber selbstverständlich sind es Erdbeeren«, polterte ihr Großvater, der es hervorragend verstand, seine Enttäuschung mit einem Wutausbruch zu übertünchen. »Ich habe sie heute Morgen frisch vom Markt geholt und …«
»Du hast Peperoni in die Creme getan?«, keuchte Lucie. Sie fasste sich an den Hals und verdrehte die Augen. »Hast du etwa vergessen, dass ich allergisch gegen Schotengewächse bin?«
Otto von Leipnitz erbleichte von einer Sekunde auf die andere.
»Ich?«, stammelte er. »Schotengewächse? … Ähm, vergessen? … Nein … Ich hab das ja nicht einmal gewusst.«
»Es stimmt ja auch nicht«, sagte Lea trocken. »Lucie ist eine ganz üble Schwindlerin. Das hättest du dir eigentlich auf deinen Merkzettel schreiben sollen.«
»Aber Zwengelchen«, erwiderte Otto von Leipnitz. »Ich kann euch ja nicht mal auseinanderhalten.«
»Das ist nun echt nicht unser Problem«, brummte Lucie und ließ die Hände sinken. »Außerdem ist es auch nicht besonders nett.«
Lea nickte eifrig. »Wenn du dir mit deinen Enkeltöchtern nur halb so viel Mühe geben würdest wie mit deinen Torten, wären wir schon überglücklich.«
»Aber Zwengelchen …« Wie ein mit dicken Steinen gefüllter Sack sank Otto von Leipnitz auf einen der beiden freien Stühle und sah bestürzt von einem Zwillingsmädchen zum anderen. »Warum habt ihr denn nie etwas gesagt? Ich konnte ja nicht ahnen, dass es euch so viel ausmacht! Und ich wollte euch ganz gewiss nicht kränken«, sagte er und ließ betreten den Kopf sinken. »Wisst ihr, früher hat eure Oma das mit dem Auseinanderhalten geregelt. Es war, als hätte sie euch ein unsichtbares Namensschild umgehängt, das ich nur abzulesen brauchte.«
Lea legte ihrem Großvater mitfühlend ihre Hand auf den Arm.
»Aber jetzt ist Oma Billie nicht mehr da«, erwiderte sie leise.
»Na ja, so richtig weg ist sie ja nun auch wieder nicht«, meinte Lucie.
»Im Gegenteil.« Otto von Leipnitz’ Blick wanderte zur Balkontür. »Eigentlich müsste sie längst hier sein.«
»Oh!« Leas Augen leuchteten auf. »Dann ist sie also die Überraschung.«
»Ja, Zwengelchen, aber …«
»Es macht nix, dass du uns nicht auseinanderhalten kannst«, fiel Lucie ihm ins Wort. »Eigentlich ist es sogar ganz lustig. Und dein kleiner Erdbeercreme-Peperoni-Kackhaufen hier …«, sie deutete auf ihr Dessertschälchen, »… schmeckt absolut köstlich. Fruchtig, scharf und schokoladig. Total super!«
»Find ich auch«, pflichtete Lea ihrer Schwester bei.
Noch lieber wäre es ihr natürlich gewesen, wenn es sich bei der Creme nicht um eine Creme, sondern um köstlich kühles Erdbeereis gehandelt hätte.
»Ehrlich?«
Die Miene ihres Großvaters hellte sich schlagartig auf.
»Ehrlich!« Lea hob die Hand zum Schwur. »Und das mit dem Zwillings-Tortenvergleich war auch gar nicht ernst gemeint.«
Otto von Leipnitz holte tief Luft.
»Na, also …«, wollte er sich empören, aber auch diesmal ließen ihn seine Enkelinnen nicht zu Wort kommen.
»Lea und ich haben bloß Spaß gemacht, Opa Pistorix«, sagte Lucie. »Wir wissen doch, dass du uns gernhast.« Sie sprang von ihrem Stuhl auf und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Wir dich übrigens auch.«
»Ach, meine Zwengelchen«, seufzte ihr Großvater, und ein glückliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Ihr seid mir wirklich die Allerliebsten.«
»Und Oma Billie natürlich«, ergänzte Lucie und kniff ihrer Schwester freundschaftlich in den Nacken. »Na los, wollen wir mal nachschauen, ob sie schon im Anmarsch ist?«
»Klar.« Lea schaufelte sich noch rasch eine Portion Schokokuchen-Erdbeercreme in den Mund und erhob sich ebenfalls.
»Jetzt wartet doch mal!«, rief Otto von Leipnitz ihnen nach, aber da waren die Zwillingsschwestern bereits im Wohnzimmer abgetaucht.
Sie steuerten gerade auf die Küche zu, um von dort aus durchs Fenster auf die Straße hinauszuschauen, als die Klingel schrillte.
»Perfekt! Da ist sie ja schon«, jubelte Lucie und stürzte ins Treppenhaus. »Nee, doch nicht«, korrigierte sie sich, als sie den dunklen Männerschemen hinter der geriffelten Glasscheibe der Haupttür registrierte.
»Ja, hallo?«, rief Lea derweil in den Lautsprecher der Gegensprechanlage. »Wer ist denn da?«
»Floristik Petzold«, antwortete eine tiefe Stimme. »Ich habe eine Nachricht für Herrn von Leipnitz.«
Lucie hechtete die Treppe hinunter und riss die Tür auf.
»Ich bin seine Enkelin«, sagte sie zu dem bunten Sommerblumenstrauß, der in kariertem Hemd, Jeans und Chucks auf der Schwelle stand.
Der Blumenstrauß wanderte nach unten, und dahinter kam das freundliche Gesicht eines circa dreißigjährigen Mannes zum Vorschein.
»Mein Name ist Grawe«, stellte er sich vor. »Ist dein Opa zu Hause?«
»Ja, aber Sie können die Blumen genauso gut auch mir geben«, erwiderte Lucie.
»Die Blumen und diesen Brief hier«, sagte der Mann.
Er hatte die schokoladenbraunsten Augen, die Lucie je gesehen hatte, und ziemlich verstrubbeltes schwarzes Haar. Eigentlich sah er gut aus, fand sie. Zumindest soweit sie das beurteilen konnte. Lediglich der Sechstagebart war nicht ganz nach ihrem Geschmack.
Der Mann zog einen leicht zerknitterten violetten Umschlag aus seiner Gesäßtasche hervor und reichte ihn ihr.
»Vielen Dank«, sagte Lucie, nahm den Brief und die Blumen entgegen und flitzte wieder die Treppe hinauf.
»Ich glaube, du hast eine heimliche Verehrerin!«, rief sie, nachdem sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte.
Otto von Leipnitz brummte etwas Unverständliches, wies Lucie an, die Blumen ins Wasser zu stellen und öffnete den Umschlag.
»Und?«, fragte Lea, während ihre Schwester mit dem Strauß in die Küche eilte. »Wie heißt deine Verehrerin?«
»Sybille von Leipnitz«, erwiderte ihr Großvater knapp.
Seine Lippen zitterten, und seine Mundwinkel bogen sich nach unten. Er sah aus, als würde er jeden Augenblick anfangen zu weinen.
»Oma Billie?« Lea schluckte. »Was schreibt sie denn?«
»Sie entschuldigt sich«, presste Otto von Leipnitz hervor.
»Und wofür?«, fragte Lea leise.
»Dafür, dass sie nun doch nicht kommt«, krächzte ihr Großvater. Er knüllte den Brief zusammen und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen. »Vermutlich hat dieser Sparkassenheini es ihr ausgeredet.« Er vermied es, Lea anzusehen, und reckte stattdessen den Hals in Richtung Küche.
»Die Blumen kannst du im Papier lassen, Zwengelchen!«, rief er. »Die hat sie nämlich für eure Eltern bestellt. Und jetzt esst endlich diesen verfluchten Kackhaufen auf.«
Frau Mäckers Geschimpfe hatte die Zwillingsschwestern bis in die zweite Etage hinauf verfolgt. Und natürlich hatte sich auch Rosanna von Leipnitz über den Lärm im Treppenhaus, die ihr bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Wäschewanne und das blitzschnelle Abtauchen ihrer Töchter in Leas Zimmer gewundert.
»Verrraaat!«, krakeelte Papagei Punkt-um aus dem Wohnzimmer.
Er kletterte bis zur Käfigdecke hinauf, krallte sich mit seinem Schnabel an einer der Streben fest und machte auf erhängter Pirat, ein Kunststück, das Lucie ihm beigebracht hatte.
»Das befürchte ich allerdings auch«, murmelte Rosanna von Leipnitz, klopfte energisch gegen Leas Zimmertür und drückte anschließend sofort die Klinke herunter.
»Abgeschlossen!«, rief Lucie und sank neben ihrer Schwester und der Wäschewanne auf den orange-pink-gelb-gestreiften Flickenteppich.
»Das merke ich«, knurrte ihre Mutter. »Würdet ihr bitte mal aufmachen?«
»Geht gerade nicht«, antwortete Lea.
»Verrraaat!«, brüllte Punkt-um aus dem Wohnzimmer und flatterte wie wild mit den Flügeln. »Alleee Mann von Deeeck!«, schrie er, öffnete seinen Schnabel und ließ sich unter lautem Pistolenknallen auf den Käfigboden fallen. »Aaaanker lichten!«, krakeelte er dann und kletterte wieder zur Käfigdecke hinauf.
»Diese Wäschewanne …«, begann Rosanna von Leipnitz.
»Welche Wäschewanne?«, fragte Lucie, während sie und Lea die Kuchenschachtel auseinanderfalteten.
»Na, die, die ihr gerade in die Wohnung geschleppt habt«, erwiderte ihre Mutter ungeduldig. »Die habt ihr doch nicht etwa Frau Mäcker stibitzt?«
»Hä?«, machte Lucie. »Mama, kann es sein, dass mit deinen Augen etwas nicht in Ordnung ist?«
»Sei mal lieber nicht so frech«, raunte Lea. »Sonst wird sie noch sauer.«
Vorsichtig hob sie die gerissene Torte aus der Wanne und platzierte sie behutsam auf der Schachtel.
Lucie stöhnte. »Oh Mann, das kriegen wir doch nie wieder hin!«
»Lass mich nur machen«, erwiderte Lea. »Die Torte wird vielleicht nicht wieder ganz wie neu, aber …«
»Ich weiß nicht …«, sagte Lucie gedehnt.
Es erstaunte sie, dass ihre Schwester jetzt, da man von Opa Pistorix’ wundervoller Hochzeitstorte so gut wie gar nichts mehr erkennen konnte, zuversichtlicher war als vorhin noch. Andererseits war es auch wieder typisch für Lea, die oftmals gerade dann zur Hochform auflief, wenn es eng wurde und kaum noch etwas zu retten war. Und trotzdem:
»Vielleicht sollten wir sie wirklich besser wegschmeißen.«
»Spinnst du!?« Lea zeigte ihrer Schwester einen Vogel, und aus dem Wohnzimmer ertönte nun zum dritten Mal: »Verrraaat!« und »Aufknüpfen, den Halunken!«.
»Klappe!«, zischte Lucie in Richtung Tür. »Ich bin kein Halunke.«
»Selber schuld«, meinte Lea kichernd. »Wieso bringst du Punkt-um auch einen solchen Schwachsinn bei?«
»Das ist kein Schwachsinn, sondern für einen alten Piratenpapagei absolut standesgemäß«, verteidigte sich Lucie. »Außerdem ist es cool. Sagt zumindest Rabatze.«
»Aha. Soso.« Lea konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Tja, wenn er das sagt, muss es ja stimmen.«
Rabatze, der eigentlich Rayhan hieß, besuchte die achte Klasse ihres Gymnasiums und war stellvertretender Mittelstufensprecher. Lucie traf sich hin und wieder mit ihm zum Slacklinen. Außerdem spielten die beiden im selben Eishockeyverein.
Lucie streckte ihrer Schwester die Zunge heraus, und Lea konterte sofort mit einer langen Nase.
»Gib doch endlich zu, dass du in ihn verknallt bist«, neckte sie.
»Bin ich überhaupt nicht«, widersprach Lucie heftig.
»Und wieso leuchtest du dann wie eine vollreife Tomate?«
»Tu ich doch gar nicht.«
»Na, dann ist jetzt wohl ein Beweis fällig«, meinte Lea.
Sie sprang auf, angelte den kleinen ovalen Spiegel, der über ihrem Nachtschränkchen hing, von der Wand und hielt ihn ihrer Schwester vor die Nase.
»Ich seh nix«, brummte Lucie.
»Dafür seh ich rot, wenn ich dich angucke«, erwiderte Lea.
»Mir ist eben heiß«, stöhnte Lucie.
»Klar. Wegen Rabatze.«
»Nee, weil du die Heizung immer so doll aufdrehst.«
»Quatsch«, sagte Lea. »Die Heizung hat ein Thermostat und regelt sich selber. Das weißt du genauso gut wie ich.«
»Hallo?«, ertönte es hinter der Zimmertür. »Würdet ihr mir bitte endlich mal eine zufriedenstellende Antwort geben?«
Lucie verdrehte die Augen. Ihre Mutter stand also immer noch dort.
»Hast du etwa gelauscht?«, rief sie.
»Natürlich nicht«, wies Rosanna von Leipnitz den Vorwurf empört von sich. »Wenn ihr allerdings vorhabt, Frau Mäckers Wäschewanne wegzuschmeißen, dann …«
Lucie musterte ihre Schwester finster. »Von wegen, Mama hat nicht gelauscht!«, brummte sie.
»Wir haben uns die Wanne nur ausgeliehen«, rief Lea. »Frau Mäcker bekommt sie gleich zurück.«
Sie hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, da klingelte es Sturm.
»Fauch!«, zischte Lucie. »Wetten, das ist sie?«
»Denke ich auch«, murmelte Lea. Sie packte die Wäschewanne und hechtete zur Zimmertür. »Ich komme schon!« Brüllend drehte sie den Schlüssel um und stürmte in den Flur hinaus.
Ihre Mutter war bereits auf dem Weg zur Wohnungstür.
»Warte, Mama!«
»Worauf?«, fragte Rosanna von Leipnitz spitz. »Dass Frau Mäcker mit einem Rollkommando der Polizei hier aufkreuzt?«
»Das macht sie bestimmt nicht«, wiegelte Lea ab.
»Abgesehen davon hat die Polizei garantiert Wichtigeres zu tun, als sich um den Diebstahl von Wäschewannen zu kümmern«, setzte Lucie hinzu, die mittlerweile ebenfalls aus Leas Zimmer gekommen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte.
Rosanna von Leipnitz stoppte mitten im Flur und drehte sich zu ihren Töchtern um.
»Wofür habt ihr das Ding überhaupt gebraucht?«, wollte sie wissen.
»Och …«, meinte Lea und kratzte sich am Kopf.
»Um den Quadratballon heraufzutransportieren natürlich«, sagte Lucie. »Nachdem Frau Mäcker im Keller aufgetaucht war, konnten wir ihn unmöglich dort unten lassen. Sie dachte doch tatsächlich, wir wollten ihre Handtücher in die Luft sprengen.«
»Ist nicht wahr!«, erwiderte ihre Mutter und unterdrückte mühsam ein Schmunzeln.
»Verrraaat!«, brüllte Punkt-um und ließ sich unter wildem Geflatter auf den Käfigboden fallen. »Alleee Mann von Booord!«
Nur eine Sekunde später schrillte die Klingel von Neuem los.
»Jetzt reicht es mir aber«, brummte Rosanna von Leipnitz. Sie nahm Lea die Wäschewanne ab und öffnete die Wohnungstür.
»Hier, bitte schön, haben Sie Ihr gutes Stück zurück«, sagte sie zu Frau Mäcker, die mit hochrotem Gesicht auf der Fußmatte stand und jeden Augenblick zu explodieren drohte.
»Ich hoffe, die beiden Schmierfinken haben sie auch gründlich ausgewischt.« Die Nachbarin riss Rosanna von Leipnitz die Wanne aus der Hand. »Ha, wusste ich es doch!«, keifte sie und deutete auf einen einsamen sonnengelben Krümel.
»Schmiiieeerfinken!«, krakeelte Punkt-um aus dem Wohnzimmer. »Rrrüüübe ab!«
Erschrocken sah Frau Mäcker Leas und Lucies Mutter an.
»Finden Sie das nicht ein wenig übertrieben?«
»Nein, eigentlich nicht«, erwiderte Rosanna von Leipnitz mit bemüht ernster Miene. »Ähm … was ist denn das eigentlich für ein widerlicher Krümel, wenn ich fragen darf?«
»Er stammt von einem Kuchen, den Ihre Töchter in meine Wäschewanne geworfen haben«, erklärte Frau Mäcker. »Wenn Sie ihn bitte noch entfernen könnten, wäre ich bereit, diese unerfreuliche Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen.«
»Ja, natürlich. Das ist wirklich sehr großzügig von Ihnen.« Rosanna von Leipnitz nahm die Wanne entgegen, drehte sie um und klopfte ein paar Mal kräftig von außen gegen den Boden. »Sehen Sie!«, stieß sie aus und wies auf die Spitze ihres Hausschuhs. »Da liegt er jetzt, der gemeine kleine Kerl.«
Frau Mäcker grummelte etwas Unverständliches, riss die Wäschewanne wieder an sich und stapfte die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf.
»Wollten Sie nicht endlich Ihre Handtücher abhängen?«, rief Rosanna von Leipnitz hinter ihr her. »Nicht dass den armen hilflosen Kreaturen dort unten im dunklen Keller auch noch etwas zustößt!«
Frau Mäcker hielt für einen Moment in ihrer Bewegung inne. Schließlich drehte sie sich um, warf Leas und Lucies Mutter einen finsteren Blick zu und hastete dann an ihr vorbei ins Erdgeschoss hinunter.
Rosanna von Leipnitz schloss die Wohnungstür, tippte den Tortenkrümel mit der Fingerkuppe von ihrem Hausschuh und wandte sich zu ihren Töchtern um.
»So, so«, sagte sie mit ernster tiefer Stimme. »Ihr habt also einen Kuchen in Frau Mäckers Wäschewanne geworfen.«
»Logisch«, gab Lucie schulterzuckend zurück. »Das machen wir immer so. Ist nämlich unser neues Hobby.«
»Haaandtücheeer!«, schrie Punkt-um. »Aaaallleee aufhängen!«