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MYSTERY erscheint vierwöchentlich in der Harlequin Enterprises GmbH
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Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste. |
© 2010 by Patricia Bow
Originaltitel: „Mirror in the Dark“
© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: MYSTERY
Band 326 (11) 2011 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: Constanze Suhr
Fotos: Matton Images
Veröffentlicht als eBook in 10/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
ISBN: 978-3-86349-214-4
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
MYSTERY-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
MYSTERY THRILLER, MYSTERY GRUSELBOX, MYSTERY GESCHÖPFE DER NACHT
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Patricia Bow
Spiegel des Bösen
1. KAPITEL
Tori stand zwei Meter vom Klippenrand entfernt, beschattete sich die Augen und sah blinzelnd auf den blau funkelnden Pazifik hinaus. Das Donnern der Wellen kam von tief unten.
Sie trat einen Kieselstein in die Luft. „Wie konnte ich nur so blöd sein! Ich und meine Abkürzungen!“
Eine gute Nachricht gab es aber. Der weiße Quarzstein des Felsens war in diesem Teil von Nova Scotia fast einmalig. Nach diesem hellen Gestein war das Hotel Bright Point benannt worden. Es konnte also nicht mehr weit entfernt sein, vielleicht anderthalb bis höchstens drei Kilometer. Aber in welcher Richtung? Tori sah sich suchend um.
„Verlaufen?“, hörte sie da jemanden hinter sich fragen.
Tori schnappte nach Luft und wirbelte herum. Dicht hinter ihr stand eine Frau. „Oh … ja. Ich bin auf dem Weg nach Bright Point. Eigentlich hätte ich in der Stadt auf den Hotelbus warten sollen. Aber ich wollte lieber laufen.“
„Du wärst besser auf der Straße geblieben.“ Die Frau ging an ihr vorbei. Vollkommen entspannt blieb sie dicht am Abgrund stehen. Sie war groß, schlank und hatte die Hände lässig in die Jeanstaschen geschoben. Ihr schwarzes Haar flatterte im Wind.
„Ja, das ist mir inzwischen auch klar geworden. Aber die Straße macht einen großen Bogen Richtung Süden. Ich wollte eine Abkürzung nehmen.“
„Und warum möchtest du nach Bright Point?“
„Um mich für einen Job zu bewerben.“
„So jung und schon allein unterwegs.“ Sie hatte eine tiefe, einschmeichelnde Stimme. Tori fragte sich, ob sie eine Indianerin war. Mit diesem tiefschwarzen Haar, das in der Sonne bläulich schimmerte. Ihre Haut war makellos.
„Ach, so jung bin ich auch wieder nicht“, sagte sie betont lässig. „Außerdem habe ich meine Gründe, ich suche …“ Sie sprach nicht weiter. Fast hätte sie vor einer völlig Fremden ihre Familiengeschichte ausgeplaudert!
„Du bist also auf der Suche.“
Das klang so merkwürdig, aber die Bemerkung traf den Kern. „Ich wollte Sie nicht aufhalten“, erklärte Tori höflich. „Wenn Sie mir nur kurz sagen könnten, in welcher Richtung das Hotel liegt …“
„Das Hotel?“ Die Frau lachte und wirbelte so dicht am Abgrund auf dem Absatz herum, dass Tori erschrocken keuchte. Die Fremde zeigte direkt nach unten. „Geh da runter, dann Richtung Süden. Du bist zu weit nördlich gelaufen.“
„Komme ich denn da runter?“ Tori näherte sich vorsichtig dem Klippenrand und blickte hinunter. Schnell wich sie zurück. „Auf keinen Fall!“
Tief unter ihnen donnerten die Wellen gegen die Felsen. Selbst hier oben klang es noch bedrohlich laut. Tori hatte das Gefühl, der Felsen würde unter ihren Füßen durch die Kräfte der Wassermassen erbeben.
„Das ist keine Einbildung.“
Tori sah sie fragend an. Die Frau musterte sie intensiv. „Auf der Höhe des Meeresspiegels befinden sich Höhlen, einige davon sind sehr tief. Das Dröhnen ist die Wut der See, die im Kliff gefangen ist. Ihr Zorn erschüttert das Land. Sie waren schon immer Feinde, die beiden Elemente Wasser und Erde.“
Tori fragte sich, ob die Frau Dichterin war. Oder vielleicht ein bisschen verrückt.
Mit jedem Moment fühlte sich Tori unwohler. Sie machte einen weiteren Schritt weg vom Felsrand. „Na ja, also hier komme ich jedenfalls nicht runter!“
„Aber es gibt einen Weg. Du musst dich allerdings beeilen – die Flut kommt! Nicht weit von hier führt eine Eisentreppe nach unten.“ Die Fremde machte eine Kopfbewegung Richtung Süden. „Dort entlang.“
„Oh, super! Vielen Dank für Ihre Hilfe!“ Tori streckte ihr die Hand entgegen und ließ sie wieder sinken, als die Frau nur ausdruckslos darauf blickte.
„Also dann, tschüs.“ Tori wandte sich um, rückte den Rucksack zurecht und machte sich auf den Weg. Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie die Fremde nicht mehr.
Nachdem sie sich etwa zehn Minuten durch die Büsche geschlagen hatte, kam sie auf einen überwucherten Weg. Sie folgte dem Pfad, der zum Klippenrand führte, und stieß auf zwei Eisenpfähle, die in etwa einem Meter Abstand voneinander im Fels befestigt waren. An einem Pfosten hing eine Metallkette. An deren Ende baumelte ein zerbrochenes Holzschild. Was auch immer darauf gestanden hatte, es war durch die Witterung vollkommen verblasst.
Tori kniete sich zwischen die beiden Eisenpfosten und spähte hinunter. Da war sie. Eine verrostet wirkende Eisentreppe. Eigentlich war es keine Treppe, sondern eher eine Leiter, die vom Felsrand hinunterführte. Glücklicherweise lag das Ufer hier höher. Und die Wellen hatten die unteren Stufen der Leiter noch nicht erreicht. Aber die Flut stieg, und mit jedem Brecher kamen die Wassermassen näher.
Sie schnürte die Riemen des Rucksacks fester, drehte sich um und setzte behutsam den Fuß auf die erste Sprosse. Ein Stück tiefer fand sie zu beiden Seiten des Eisentritts ein Geländer, das in den glitzernden hellen Stein geschraubt war und an dem sie sich festhalten konnte.
Nachdem Tori ein wenig geklettert war, wagte sie einen Blick über die Schulter nach unten. Die Wellen reichten inzwischen schon bis auf zwei Meter an den Fels heran. Aber die Hälfte war geschafft.
Sie sollte sich beeilen! Schnell noch ein Schritt, dann noch einer und noch einer … dann brach eine Sprosse unter ihrem Gewicht zusammen! Mit klopfendem Herzen tastete Tori nach der nächsten Sprosse. Doch auch die gab nach. Tori rutschte ein Stück nach unten. Erst im letzten Moment bekam sie das Geländer wieder zu fassen. Die Einzelteile der Leiter landeten mit einem metallischen Klirren auf dem Felsboden.
Zitternd klammerte sie sich an das Geländer, einen Fuß auf der nächsten Sprosse, die zu halten schien. Den anderen Fuß wagte sie nicht aufzusetzen.
Als sie sich vom ersten Schreck erholt hatte, streckte sie vorsichtig den Fuß nach der nächsten unteren Sprosse aus. Sie hielt. Ganz langsam verlagerte Tori ihr Gewicht darauf.
Die Sprosse riss und krachte in die Tiefe. Entsetzt schrie Tori auf und hielt sich am Geländer fest.
Einen Augenblick versuchte sie sich zu sammeln. Sie wünschte, sie hätte eine Hand frei und könnte sich die Schweißperlen von der Stirn wischen. Okay. Weiter runter geht’s offensichtlich nicht. Also wieder zurück nach oben.
Tori begann zurückzuklettern, setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen auf die Sprossen. Aber sie hatte keine zwei Stufen genommen, als sich plötzlich die linke Seite des Geländers lockerte. Die Schrauben, mit denen es befestigt gewesen war, waren aus dem Stein gerutscht.
Instinktiv ließ Tori die Stange los und klammerte sich an das rechte Geländer. Jetzt musste sie mit ansehen, wie sich auch dieses Eisenstück langsam aus der Halterung löste!
Wenn ich das nächste Stück Geländer erwische … Sie blickte nach oben, reckte sich so weit sie konnte …
Mit einem lauten metallischen Quietschen rutschte die Leiter unter ihr weg. Tori landete mit dem Fuß auf einem leicht herausragenden Felsstück, rutschte weiter hinunter und versuchte krampfhaft, irgendwo Halt zu finden.
Schließlich rutschte sie nicht weiter. Tori klemmte an der Steinwand, ein Fuß auf einem faustgroßen Felsvorsprung, der andere in der Luft. Es rauschte ihr in den Ohren. Schwarze Flecken tanzten vor ihren Augen.
Bitte, bitte, jetzt bloß nicht ohnmächtig werden!
Sie holte tief Luft. Nach ein paar Sekunden konnte sie wieder klar sehen. Sie blickte nach oben und sah nur glatten, steilen Fels. Nirgendwo etwas, an dem sie sich festhalten könnte.
Vorsichtig sah sie hinunter. Eine breite Wölbung im Stein, darunter nichts als Luft. Wenn sie am Felsen hinunterstieg, würde sie abrutschen. Wie weit war sie vom Boden entfernt? Keine Ahnung. Und das Krachen der Wellen wurde lauter und lauter.
Jetzt blieb ihr nur noch eins. Tori schrie um Hilfe.