Umschlag

Elke Pistor, Jahrgang 1967, ist in Gemünd in der Eifel aufgewachsen. Nach dem Abitur in Schleiden zog sie zum Studium nach Köln. Hier lebt sie mit ihrer Familie und arbeitet als Autorin und Publizistin.

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Dieses Buch ist keine Gebrauchsanleitung, auch wenn einige der hier aufgeführten Pflanzen sich durchaus eignen, ungeliebten Zeitgenossen durch nicht sachgemäßen Umgang erheblichen Schaden zuzufügen. Aber – zur Erinnerung – das ist nicht nur nicht nett, sondern auch verboten und führt zu direkten strafrechtlichen Konsequenzen. Für den Fall, dass das jemand vergessen sollte, weisen der Verlag und die Autorin an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin, dass sie keinerlei Haftung für etwaigen Missbrauch übernehmen. Kocht euch lieber einen Pfefferminztee und redet über alles.

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Autoren- und Verlagsagentur Peter Molden, Köln.

Und hier finden Sie den Klingelton zum Landkrimi:

www.emons-verlag.de/landkrimis

© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotive: fotolia.com/moleskostudio, sxc.hu/Billy Alexander
Umschlaggestaltung: Franziska Emons / Tobias Doetsch
Illustrationen Innenteil aus: Johann Georg Sturm, Deutschlands Flora in Abbildungen. Mit Tafeln von Jacob Sturm, 1796.
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-295-1
Landkrimi
Originalausgabe

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Für meine Familie –

Vor- und Nachfahren und alle, die dazugehören

Dies ganze Buch ist mit Bedacht

Für Bauersleute so gemacht,

Dass, wer es liest und darnach thut,

Verstand, Gesundheit, guten Muth

Erhält, auch wohl ein reicher Mann

Nach dessen Vorschrift werden kann.

Zur Lust für Kind und Kindes-Kind

Viel schöne Bilder drinnen sind.

Vier baare Groschen gutes Geld,

Es achtzehn Kreuzer rheinisch hält,

Sind der wohlfeile Preis davon,

Wozu noch kommt der Finder-Lohn.

Was Guts darinn’ ist, übe fein!

So wird der Kauf dich nicht gereun.

Rudolf Zacharias Becker

Noth- und Hilfsbüchlein für Bauersleute

1788

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Brennnessel, Urtica urens – eine ausdauernde Pflanze, deren Stängel und Blätter mit Brennhaaren besetzt sind, wächst an Zäunen, Hecken und Wegesrändern. Ein Tee aus den Blättern der Pflanze hebt die allgemeine Widerstandskraft, wirkt bei Ekzemen und Blutarmut und vermehrt die Ausscheidungen.

Eins

Das hatte ich mir alles ganz anders vorgestellt.

Als Herr Dr. Habschick mich telefonisch vom Ableben meiner Tante Marion und meinem anstehenden Erbe informierte, hatte ich weniger Matsch und deutlich mehr Hochglanz im Sinn.

Ich weiß nicht, ob ich die realistischen Erinnerungen an diesen Ort aus meiner Kindheit einfach nur verdrängt hatte. Meine Phantasie gaukelte mir jedenfalls paradiesische Bilder vor. Über allem schien die Sonne, der Himmel strahlte in tiefstem Blau, und der Baum hinter Tante Marions Küche hing wie in meiner Kindheit voller süß-saftiger Kirschen.

Trotzdem bat ich den Notar um Bedenkzeit. Ich kannte mich. Schnell begeistert, himmelhoch jauchzend und dann umso betrübter, wenn der Absturz kam. Wobei Absturz in vielen Fällen mit Realität gleichzusetzen war. Einer Realität, die mich in vollem Galopp überholte.

Das war so gewesen, als ich in der Schule eine Gruppe organisierte, die Brieffreundschaften mit inhaftierten Jugendlichen pflegte, und einer der Knaben, die sich dafür gemeldet hatten, nichts Besseres zu tun hatte, als die Urlaubspläne meiner Freundin und ihrer Familie breitgefächert an mögliche Interessenten weiterzugeben.

Immerhin war er die Ausnahme gewesen, und bei uns anderen vieren trugen die Kontakte wirklich dazu bei, dass die Männer im Anschluss ihr Leben auf weniger dunkel verschlungenen Pfaden weiterführten. Nur die Begeisterung der Eltern meiner Freundin über ihr sehr sauber ausgeräumtes Haus hielt sich in Grenzen.

Das immerhin hatte ich bisher gelernt: Nicht alles, was auf den ersten Blick verführerisch lockte, hielt auch beim näheren Hinsehen seine Versprechen.

Außerdem war ich älter geworden. Mit zweiunddreißig wechselt man nicht mehr so spontan die Lebensräume. Auch wenn der Traum vom Leben auf dem Lande sich in meinem Hinterkopf seit meiner Kindheit hartnäckig festgebissen und in besonders stressigen Augenblicken verlockende Bilder einer Sonnenliege auf grüner Wiese direkt vor Tante Marions Küchentür durch mein Hirn gejagt hatte. Ich hatte schließlich ein Leben, eine Arbeit, Freunde. Hier in der Stadt. Nicht in Kleinhaulmbach.

In Kleinhaulmbach gab es Wiesen, Kühe und natürlich Marions wunderbaren Kräutergarten. Sie brachte mich bei meinen Sommerferienbesuchen auf den Geschmack und war der Grund für zunächst kindliche Experimente mit unterschiedlichstem Erfolg im Blumenkasten und letztlich für mein Biologiestudium.

»Fachgebiet Kräuter und Heilpflanzen« stand seitdem in meinem Lebenslauf, auch wenn ich wegen meiner journalistischen Arbeit die Praxis seit dem Uni-Abschluss sträflich vernachlässigt hatte.

Ich war also unschlüssig. Oder war das, was ich Vorsicht nannte, eigentlich Angst? Die Furcht vor Veränderung meines Lebensweges, den ich vor nicht allzu langer Zeit erst als Trampelpfad durch den Dschungel der Dauerpraktika geschlagen hatte? Die Bulldozer standen bereit und liefen sich schon warm, um aus dem schmalen Weg eine breite Straße zu machen. Sollte ich wirklich den Schlüssel abziehen und ihn einfach wegwerfen? Auf meiner Schulter schlug ein blond gelocktes Engelchen einen Ausdruck meines Rentenbescheides aus dem Jahr 2045 um die Ohren eines kleinen abenteuerlustigen Teufels in Indiana-Jones-Outfit. Der Engel gewann, Indiana Jones zog murrend davon und vergaß sogar seine Peitsche.

Dann meldete sich mein schlechtes Gewissen.

Abgesehen von den saisonalen Grußkarten zu Weihnachten und Ostern und den jährlichen Anrufen zum Geburtstag hatte ich den Kontakt zu Marion einschlafen lassen. Seit Ewigkeiten hatte ich sie nicht mehr besucht. Es mir nur immer wieder vorgenommen, mit dem Gedanken, es unbedingt zu tun, wenn endlich Zeit dafür da wäre.

Allerdings hatte sie von sich aus auch nichts hören lassen. Dazu war sie selbst zu beschäftigt. Sie brauchte die Zuwendung einer fernen Nichte nicht, um sich zu bestätigen.

Ab und an las ich in einer Zeitung von Umweltaktionen, an denen sie maßgeblich beteiligt gewesen war, obwohl sie keiner Partei angehörte. Zweimal hatte ich sie auf einem Foto entdeckt. In der ersten Reihe, mit energisch entschlossenem Gesichtsausdruck. Das letzte Mal erst vor Kurzem, bei einer Demonstration gegen den Einzug eines riesigen Outlet-Stores in ihr Dorf. Sie war mir alterslos erschienen, und ich hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass sie eines Tages nicht mehr da sein könnte. Schon gar nicht so bald.

Dr. Habschicks Anruf hatte mich überrascht, und es hatte eine Weile gedauert, bis es mir klar geworden war: Ich hatte mir zu lange Zeit gelassen.

Vielleicht trugen die hübsch arrangierten Trockenblumensträuße, farbfröhlichen Patchwork-Bettdecken und weißen Vollholzküchen, die während meiner Arbeit täglich in Bildform auf mich einströmten, zu meiner Enttäuschung über den Anblick bei, den der Hof mir jetzt bot.

Wer regelmäßig über die »Königin des Speckpfannkuchens«, gefühlte vierhundertachtundneunzig Möglichkeiten der Kürbiszubereitung und die besten pflanzlichen Hausmittel gegen Blasenentzündung berichten muss, verliert irgendwann den Bezug zur Realität. Oder wie mein Chefredakteur Björn es gern ausdrückte: »den Kontakt zur Scholle«.

Dabei war Björns intensivster Berührungspunkt zur Natur der Kauf eines in Plastikfolie verhüllten Blumenstraußes im örtlichen Discounter.

Er war so ziemlich gegen alles allergisch und hasste Frischluft, was auch seine selbst bei größter Hitze geschlossenen Bürofenster erklärte. Fahrrad fahren hieß für ihn, auf dem Trimm-Rad zu strampeln, während er eine Folge seiner Lieblingsfernsehserie ansah, die er stets akribisch aufzeichnete. Sonntagsausflüge führten ihn prinzipiell ins Kino oder manchmal ins Theater. Freunde traf er grundsätzlich in der virtuellen Welt oder am Abend auf Partys in den angesagten Clubs der Stadt. Eine romantische Sommernacht verbrachte er auf dem Lounge-Sofa vor der riesigen Panoramascheibe seines Lofts und genoss den atemberaubenden Blick über die Skyline. Mit eingeschalteter Klimaanlage selbstverständlich. Das Wetter störte ihn nie, da er es nur sah, aber nicht spürte.

Björn war ein Stadtmensch durch und durch. Er sah gut aus, bestach durch seinen Charme und jenen besonderen Witz, der Intelligenz durchblitzen ließ, jedoch nie arrogant oder herablassend wirkte.

Aber er war geizig.

Blätterte in Sonderangebotsprospekten, freute sich auf die Schlussverkaufssaison wie ein Kind auf Weihnachten. Oft hatte er mehr Freude daran, etwas günstig erworben zu haben, als an der Sache selbst. An manchen Tagen war er stolz darauf, weniger als drei Euro für sein Essen ausgegeben zu haben, obgleich er am Abend Kopfschmerzen vor Hunger hatte. Wobei sein Ehrgeiz ihn das Essen während der Arbeit sowieso oft vergessen ließ. Er durchdrang ein Thema, wenn es ihn einmal gefesselt hatte. Biss sich fest und ließ nicht locker, bis er alle Facetten ausgeleuchtet hatte und den letzten Dingen auf den Grund gegangen war, die andere lieber im Dunkeln gelassen hätten.

Björn war ein großartiger Journalist. Sein Kontaktnetzwerk spannte sich durch alle Gesellschaftsschichten der Republik. Er kannte alles und jeden. Vor allem aber hatte er sein Ziel vor Augen: In nicht allzu ferner Zukunft wollte er in der Redaktion eines der ganz großen Politmagazine landen, möglichst hoch angesiedelt.

Sein bisheriger Erfolg gab ihm recht. »Natürlich Land«, wie unsere Zeitschrift hieß, erfreute sich in den letzten Jahren stetig wachsender Abonnentenzahlen. Den Begriff »Auflagenmisere« kannten wir nur vom Hörensagen. Unser Credo hieß, die Sehnsucht der Leser nach Natürlichkeit, Natur und echten Erlebnissen zu erfüllen.

Björn hatte mit der Besetzung des Chefredakteurpostens seine Sehnsucht nach einer raschen Karriere erfüllt. In schwachen Minuten gestand er manchmal ein, die Materie zu verabscheuen, und amüsierte sich über die auf herbstlich dekorierten Kaffeetafeln drapierten Kastanien und überMenschen in Karohemden oder Biozopfpullovern zwischen Heuballen. Er kannte jedoch keine Verwandten, wenn es um seinen Vorteil ging, und war sich nicht zu schade, Begeisterung zu heucheln, wo er bestenfalls Langeweile und im schlimmsten Fall Abneigung empfand.

Dennoch entpuppte er sich als talentierter Liebhaber. Ich genoss seine Aufmerksamkeit und Zuwendung, wenn er mir am Abend ein Glas Wein eingoss, wir über Gott und die Welt sprachen und ich unter seinen massierenden Händen dahinschmolz. Meine Arbeit fand mehr Beachtung, seit er die Artikel wirkungsvoller im Magazin positionierte und ich den besseren unserer beiden Fotografen mit zu den Vorort-Terminen nehmen durfte.

Dass wir die Affäre geheim hielten, beruhte auf gegenseitigem Einverständnis. Es hätte ein schlechtes Licht auf uns beide geworfen. Zum Gegenstand von Klatsch und Tratsch zu werden ist niemals förderlich für die Karriere.

Björn und ich liebten uns im Verborgenen, und ich muss gestehen, dass eben das einen großen Anteil an dem Reiz hatte, den die ganze Sache auf mich ausübte, auch wenn die Ungerechtigkeit meiner Vorteilsnahme durch die intime Bekanntschaft zu ihm immer wieder mahnend an meinem Gewissen kratzte. Wenn böse Zungen die Gelegenheit gehabt hätten zu behaupten, ich würde mich hochschlafen, hätte ich sie noch nicht einmal Lügen strafen können. Obwohl bei uns beiden natürlich alles ganz anders war. Es war echt, wahr und gut. An einem Punkt unseres Zusammenseins, kurz nachdem ich von meinem Erbe erfahren hatte, erwogen wir sogar halbherzig, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten und uns den Anfeindungen der Kollegen auszusetzen.

Dr. Habschicks Briefumschlag mit den Informationen zum Hof, den er mir nach unserem Telefonat zugeschickt hatte, ruhte während dieser Zeit unter einem stetig wachsenden Stapel Ablagepapiere und geriet mehr und mehr in Vergessenheit. Seine Anrufe auf dem Anrufbeantworter löschte ich, ohne sie mir anzuhören.

Björn schlug vor, alles zu verkaufen. Er könne gern seine Kontakte spielen lassen.

Ich selbst zog es vor zu warten. Worauf, wusste ich nicht. Ich war eine Meisterin im Aufschieben von Dingen, die mir Entscheidungen abverlangt hätten, die ich nicht treffen wollte. An einem Abend servierte Björn mir neben einem Teller Spaghetti auch die Idee einer gemeinsamen Wohnung. Das Vorhaben scheiterte schließlich an der Existenz meines Katers Herrn Hoppenstedt. Björn ertrug ihn nicht eine Sekunde ohne gerötete Augen, heftige Niesattacken und Hustenanfälle. Ich hingegen ertrug nicht eine Sekunde lang die Vorstellung, Herrn Hoppenstedt wegzugeben. Einen Kater, der Stöckchen apportierten, Türen öffnen und den Lichtschalter betätigen konnte, fand man nicht alle Tage. Außerdem liebte ich Herrn Hoppenstedt vorbehaltlos, und er liebte mich ebenso.

Ob das auch für mich und Björn galt, hatte ich bisher nicht ernsthaft hinterfragt. Als ich es dann tat, fiel die Antwort eindeutig aus.

Ich kannte Björns Schwächen, seinen Egoismus und seine Rücksichtslosigkeit. Bisher hatte ich diese Facetten seiner Persönlichkeit nur zur Kenntnis, aber ihm nicht übel genommen. Mit einem Mal störten mich die Schatten, die er warf. Sie waren deutlich länger, als ich gutheißen konnte. Selbst aus meiner Perspektive als Nutznießerin stieß mir seine Unterteilung der Redaktion in »Macher« und »Opfer« sauer auf. Ebenso die charmanten Frotzeleien, die sich bei genauerer Betrachtung als unter dem Deckmäntelchen des Sarkasmus versteckte Häme entpuppten.

Der Spiegel meiner Verliebtheitshormone sank rapide und hinterließ nichts als einen schalen Nachgeschmack.

Björn brachte kein Verständnis für meinen plötzlichen Sinneswandel auf und verabschiedete sich aus dem, was einmal eine Beziehung zwischen uns hätte werden können. Er sagte es zwar nicht direkt, aber ich bekam sein Beleidigtsein darüber, letztlich im Gunstvergleich gegen einen schwarzen Kater verloren zu haben, auf allen Ebenen zu spüren. Die interessanten Artikel, deren Recherchetouren in hübsche Wellness-Hotels, angesagte Landgasthöfe oder ins ländliche Ausland führten, erhielten nun die anderen. Ich wechselte übergangslos von den Machern zu den Opfern, weil er es so entschied. Meine Aufgabe bestand ab sofort in der Gestaltung der »Landtipps«, einer Mischung aus bezahlten Produktanzeigen, kleinen Rezepten und jahreszeitlich angepassten Gedichten. Eine Arbeit, die ausschließlich am Schreibtisch stattfand und mich von Tag zu Tag mehr anödete. Jeglicher Versuch, mit Björn auf einer sachlichen Ebene zu kommunizieren, scheiterte von vorneherein an seiner Weigerung, mich als Kollegin und nicht als die Frau, die ihn von ihrer Bettkante gestoßen hatte, zu sehen.

Als ich zum sechsten Mal ein Hausmittelchen gegen raue Winterhaut zusammenstellen sollte, reichte es mir. Ich räumte mein Arbeitszimmer auf, sortierte sämtliche Ablagestapel und rief Herrn Dr. Habschick an.

Und hier war ich nun.

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Giersch, Aegopodium podagraria – gehört zur Familie der Doldenblütler. Seine Blätter erinnern in ihrer Form an Ziegenfüße. Heute gilt der Giersch als Unkraut, die Volksmedizin kennt ihn jedoch seit Jahrhunderten als wirksames Mittel zur Schmerzlinderung bei Rheuma und Gicht.

Zwei

Ich fror. Zu Hause in der Stadt hatte sich der Sommer bereits mehr Terrain erobert. Hier kämpfte er in manchen Nächten noch mit dem Bodenfrost und scherte sich nicht um die Eisheiligen.

Der kühle Wind hatte sich in meine Schultern verbissen, kaum dass ich aus dem Wagen ausgestiegen war. Die Einfahrt glich einer ostdeutschen Seenplatte. Regen war hier anscheinend kein Wetter, sondern Dauerzustand. Riesige Pfützen, voneinander getrennt durch graubraune Grasbüschelinseln, spiegelten den grauen Himmel.

Du hast die falschen Schuhe an, dachte ich, bis mir bewusst wurde, dass ich nicht nur die falschen Schuhe trug, sondern genau genommen überhaupt kein Modell besaß, das diesen Wasserlöchern gewachsen wäre.

Ich blinzelte. Am Haus blätterte an einigen Stellen der Putz ab, auf dem Dach fehlten gerade so viele Ziegel, dass es sich noch lohnen würde, sie zu ersetzen und nicht das gesamte Dach zu erneuern. Wenn darunter keine Löcher klafften, die ich mir von meiner Position aus nur vorstellen konnte, aber eigentlich nicht ausdenken wollte. Dicke Tropfen rannen die Fensterscheiben herunter und sammelten sich im aufgesprungenen Holz der Rahmen.

Am liebsten hätte ich mich ohne Umschweife wieder ins Auto gesetzt und wäre zurück in meine schöne, saubere, matsch- und pfützenfreie Stadt gefahren. Aber das ging nicht. Ich hatte diverse Papiere unterschrieben und war nun offizielle Besitzerin dieses Hauses. Nach dem Rechten sehen war das Mindeste, was ich hier tun musste.

»Wer wollte denn unbedingt aufs Land? Du doch, liebe Katharina«, schimpfte ich mit mir selbst. Endlich ein Garten statt eines Schlauchbalkons. Endlich ein eigener Komposthaufen anstelle von Guanodüngerorgien. Endlich Landluft statt Abgasdunst.

Hinter der Mauer aus Findlingen, die eine wilde Wiese von der Einfahrt trennte, lehnte eine Schneeschaufel an der Wand. Laut Dr. Habschicks Informationen hatte Marion beim abendlichen Schneeschippen einen Herzanfall erlitten, war bewusstlos geworden und in der Nacht erfroren. Die Nachbarin hatte sie am nächsten Morgen in der Früh gefunden und sofort den Krankenwagen alarmiert, aber es war bereits zu spät gewesen.

Ich betrachtete den kümmerlichen gräulich weißen Überrest des Schneehaufens, den Tante Marion zusammengeschoben hatte, und dachte an die Schneemassen, mit denen uns der Winter beglückt hatte. Bis in den März hinein waren immer wieder Glatteisattacken, Kältewellen und Schneegestöber über uns hereingebrochen. Die apfelzimtliche Gemütlichkeit des Dezembers war im Januar der neuschneeknirschenden guten Laune gewichen. Der Februar hatte Frühlingshoffnungen geweckt. Allerdings nur kurz. Die Regengüsse verwandelten sich bald in Hagel und wurden im nahtlosen Übergang wieder zu Schnee. In der Redaktion sortierten wir die Bilder von Frühjahrsblühern in königsblauen Metallblumenkästen wieder aus und entwickelten stattdessen in Selbstversuchen Kräutertees gegen Winterdepressionen. Der Hausmeister hatte in diesen Wochen mit Salz und dem Räumgebläse gekämpft und geflucht, was das Zeug hielt. Welche Schneehöhen musste der Winter erst hier auf dem Land produziert haben? Auf jeden Fall zu hohe für Marion, die zwar im Herzen jung, aber nicht gesund geblieben war.

Ich balancierte auf Zehenspitzen um mein Auto, öffnete die Beifahrertür und schnallte Herrn Hoppenstedts Transportkiste ab. Er maunzte. Und er stank. Ich seufzte. Herr Hoppenstedt hasste Autofahrten. Oder besser gesagt, er hasste Autofahrten in seiner Transportkiste. Regelmäßig stand ihm weißer Schaum vor dem Maul, er jaulte und brummte zwischen seinen Ausbruchversuchen, und irgendwann hielt sein Verdauungssystem die Anspannung nicht mehr aus und gab nach. Ich hatte mir angewöhnt, ihn während der kurzen Strecken zum Tierarzt frei in meinem Wagen herumlaufen zu lassen. Natürlich wusste ich, dass das verboten war. Aber Herr Hoppenstedt zeigte sich den Stethoskopen, Fieberthermometern und Spritzen der Tierärztin gegenüber dann deutlich zugänglicher. Er saß während der Fahrt auf der Ablage, spielte Wackeldackel-Imitator und ließ sich am Ziel relativ leicht mit Leckerlis bestechen, in seinen Transporter zu klettern.

Die Fahrt zu Marions Hof hatte allerdings über zwei Stunden gedauert und führte über Autobahnstrecken. Also musste Herr Hoppenstedt in seinen Kasten, ob er wollte oder nicht. Er wollte nicht. Und hatte das auch sehr deutlich gezeigt. Jetzt stank er, jammerte kläglich und schaute mich mit Schaumresten vor dem Maul an, als ob ich ihn an eine Tierversuchsstation verschachert hätte.

Ich kramte den Schlüssel zu Marions Haus aus meinem Rucksack. Vollgepackt mit Katerkiste und einem Koffer mit meinen Utensilien, hüpfte und sprang ich im Slalom durch die Kraterlandschaft bis zur Eingangstür. Das Schloss klemmte und gab erst einem vehementen Dagegenstemmen nach.

Im Flur roch es anders, als ich es erwartet hatte. Acht Wochen waren eine lange Zeit. Zu lange für ein altes Gemäuer, um nicht gelüftet zu werden. Aber statt Muff und Staub empfingen mich frische Luft und ein Hauch von Kräuteraroma. Ich ging ein paar Schritte ins Dunkel des Hausflurs und parkte Kater und Koffer. Ehe ich Herrn Hoppenstedt auch nur kurzfristig in die Freiheit entließ, um seinen Transporter sauber zu machen, wollte ich die Lage überprüfen.

Ich drückte den Bakelitschalter nach unten, und eine funzelige Lampe glomm auf. In meiner Wohnung besaß ich keine einzige Energiesparlampe. Ich hasste dieses diffuse Licht und hatte mich nicht von den falschen Fakten seitens der Industrielobby einlullen lassen. Seit dem Tod der Glühbirne hatte ich nur Halogen und LED eingesetzt. Erstens gaben die vernünftigeres Licht, und zweitens waren sie deutlich umweltfreundlicher und energiesparender. Hier alles umzurüsten, würde allerdings ein paar Euro kosten.

In der Küche hatte jemand nach Marions Tod aufgeräumt. Auf dem Tisch unter dem Fenster stapelten sich Briefe und Werbezeitschriften, als ob Marion nur in Urlaub und nicht für immer verreist wäre. Die Stühle waren ordentlich herangeschoben, die Lehnen berührten die Kanten. Die Spüle war leer, die weiße Keramik glänzte. Auf dem Herd stand ein Wasserkessel. Bündel getrockneter Kräuter hingen an einer Schnur über dem Herd. Brotkasten und Kühlschrank waren geleert, geputzt und ihre Türen mit verschlungenen Geschirrtüchern am Zufallen gehindert worden. Der Wasserhahn tropfte leise in die Stille hinein. Ich kam mir fremd vor. Ein Eindringling.

Ich wandte mich um und ging am Kater vorbei durch den Flur. Herr Hoppenstedt maunzte. Ich vertröstete ihn und stieß mit der flachen Hand die Wohnzimmertür auf. Auch hier nichts als penible Ordnung, die zeigte, wie lange Marion bereits tot war. Der zweite Name meiner Tante war Chaos. Ihre vielen Interessen, ihre Agilität und Energie hatten sich immer auch in ihrer Umgebung gespiegelt. In meiner Erinnerung lagen Bücher aufgeschlagen übereinander, Zeitschriften in wilder Reihenfolge unter der Ablage des Wohnzimmertisches, und Notizzettel, CD-Hüllen, Entwürfe von Plakaten und politischen Spruchbändern bevölkerten Boden und Ablageflächen. Bei meinen wenigen Besuchen in den letzten Jahren hatte ich den Raum immer so vorgefunden. Marion hatte Aufräumen für eine Verschwendung von Zeit gehalten. Zeit, die man – beziehungsweise sie – deutlich effektiver und nutzbringender einsetzen konnte. Jetzt hatte der Raum die Erinnerung an Marion bereits verloren, er war nur noch der Ort, an dem sie einmal gelebt hatte.

Trotz Herrn Hoppenstedts Protesten stieg ich an ihm vorbei in die erste Etage des kleinen Hauses. Niedrige Decken, kleine Kammern. Ein Schlafzimmer, ein Bad. Alles einfach, schlicht und sauber.

Vor der letzten der drei Türen blieb ich kurz stehen. Der geheime Raum, so hatte ich ihn als Kind genannt. Geheimnisvoll. Ein bisschen unheimlich. Ich betätigte die Klinke und trat ein. Büchertürme lehnten sich aneinander, deckenhohe Regale bogen sich unter ihrer Last. Kleine Zeichnungen von Kräutern und Heilpflanzen hingen in alten Rahmen an den wenigen freien Stellen an den Wänden. Vor dem Fenster stand Marions Schreibtisch mit der alten Tintenfeder, die sie zur Dekoration an den Rand der Platte gestellt hatte. Daneben eine schmale Vitrine, in der sie ihre Schätze aufbewahrte. Eine silberne Dose, ein Mörser, eine Holzschale. Ein altes Messer mit abgewetztem Holzgriff, an dessen Klinge der Rost nagte. Die Vitrinentür stand einen Spaltbreit offen. Staub hatte sich auf den Gegenständen und den Glasregalen niedergelassen. Das unterste Bord war leer. Eine staubfreie rechteckige Fläche zeigte an, dass hier etwas fehlte. Eine Kiste? Ich sah mich um. Ohne Erfolg. Wer auch immer die Kiste aus dem untersten Regal genommen hatte – er hatte sie nicht einfach im Raum abgestellt, sondern mit sich genommen. Vielleicht derjenige, der hier für Ordnung gesorgt hatte. Jemand, der sich in diesem Haus augenscheinlich besser auskannte als ich. Ich schauerte, schlang die Arme um meinen Oberkörper und fühlte mich unwohl. Sollte ich wirklich hierbleiben wollen, wartete eine Menge Arbeit auf mich. Vermutlich war es mit Streichen und dem Umräumen und Aussortieren von Möbeln nicht getan. In der Treppe wohnten die Holzwürmer, die Fenster hatten nur eine Einfachverglasung, und die altertümlichen Lichtschalter ließen auf eine vorsintflutliche Elektroinstallation schließen. Und das Dach musste ich mir auch genauer ansehen.

»Du hast hier nichts zu suchen, Katharina«, sagte ich betont in die Stille hinein und erwartete beinahe eine Antwort auf mein Selbstgespräch: Umkehren. Ich nickte. »Das ist alles sowieso nur eine Schnapsidee. In der Theorie hört sich das alles immer sehr einfach, aufregend und im Endergebnis befriedigend an. In der Praxis zieht es hier wie Hechtsuppe.«

Meine Stimme klang hohl. Einsam. Für einen Moment hatte ich die schreckliche Vorstellung, in diesem Haus festgehalten und alt zu werden, ohne einen meiner Freunde jemals wiederzusehen.

»Jetzt übertreibst du aber, Katharina«, sagte ich streng und rief mich zur Ordnung.

Diese Selbstgespräche führte ich immer, wenn das reine Denken mir zu unübersichtlich wurde, weil zu viele Gedanken in meinem Kopf gleichzeitig um meine Aufmerksamkeit buhlten, oder wenn ich zu einem endgültigen Entschluss gelangen musste. So wie jetzt. Ich hatte bisher nichts, aber auch wirklich nichts gefunden, was auch nur annähernd meiner Vorstellung von einem harmonischen Leben auf dem Lande entsprach. Ich musste mir eingestehen, selbst der naiven Illusion aufgesessen zu sein, die wir unter den Lesern unserer Zeitschrift so gern verbreiteten.

Also: Kater und Sachen wieder über die Pfützenlandschaft zum Auto manövrieren, Kleinhaulmbach den Rücken kehren und Dr. Habschick darüber informieren, dass er doch bitte einen landbegeisterten Verrückten finden solle, der mir das Ganze für eine erträgliche Summe abkaufen würde.

Herr Hoppenstedt randalierte unten in seinem Gefängnis. Etwas knackte, gefolgt von einem Scheppern. Ich rannte aus dem Zimmer und sah gerade noch einen schwarzen Katzenschwanz um die Ecke des unteren Treppenaufgangs huschen. Die Transportkiste lag quer auf der Seite, das Gitter war herausgebrochen. Die dicke Papierhandtuchschicht, mit der ich in weiser Voraussicht den Boden ausgelegt hatte, lag zerknüllt in der hintersten Ecke und zeigte deutliche Anzeichen der autobedingten Inkontinenz des Katers.

»Herr Hoppenstedt?« Ich hastete die Treppe herunter, riss die Tür, die den kleinen Vorflur von der eigentlichen Wohnetage trennte, auf und schaute mich suchend um.

Mist! Die Kellertür stand offen. »Herr Hoppenstedt?«, gurrte ich erneut und lauschte hinunter, in der Hoffnung, ihn zu hören. Aber alles blieb still. Langsam betrat ich die Treppe. Das Betätigen des Lichtschalters blieb ohne Erfolg, und so musste ich mich mit dem Schein in meinem Rücken und dem Licht zufriedengeben, das durch die schmutzig braune Scheibe des Kellerfensters in den Treppenschacht fiel. Vorsichtig tastete ich mich nach unten.

An der rechten Seite der Treppe befand sich ein Absatz, auf dem Marion alles Mögliche abgestellt hatte. Einen Behälter mit gesammelten Plastiktüten, Kanister, an deren Böden noch Reste von bunten Flüssigkeiten schwappten, ein Fischkescher, mit den Jahren matt gewordene Einmachgläser.

»Herr Hoppenstedt?« Ich gab meiner Stimme nun einen strengeren Klang, obwohl mir klar war, dass das im Endeffekt auch nichts brachte. Wenn der Kater nicht wollte, dann half alles nichts außer seinen Lieblingsleckerchen, und die hatte ich, wie mir gerade auffiel, vergessen. Ich blieb stehen, lauschte erneut.

Der nächste Schalter funktionierte, und ich konnte endlich mehr als nur die Umrisse von allem erkennen. Vier Türen gab es hier unten, drei davon waren verschlossen. Die vierte führte in eine Art Werkzeuglager. Alte Holzkisten mit noch älteren Werkzeugen stapelten sich in Regalen übereinander. Drei Fahrräder unterschiedlicher Größe rosteten ihrem Schicksal entgegen. Hinter mir explodierte die Welt. Es krachte und schepperte. Ich fuhr herum. »Hoppenstedt!«

Ein Schraubendreher rollte vor meine Füße und blieb liegen. Der Kater hatte eine komplette Kiste aus dem Regal geschoben. Vermutlich bei dem Versuch, sich dahinter zu verstecken, was ihm aufgrund seiner Leibesfülle aber nicht gelungen war. Er kauerte sich für eine Sekunde zusammen und schoss, als ich mit ausgestreckter Hand auf ihn zuschlich, durch den Türspalt nach draußen und die Treppe wieder hinauf.

Ich stolperte über Kater und Stufen und griff nach allem, was mir Halt versprach. Ohne Erfolg. Oben stieß ich gegen einen schweren Garderobenständer aus Eisen. Er krachte gegen die Wand, der Putz riss und rieselte, fiel in großen Brocken zu Boden. Mir blieb kaum Zeit, mich über das nicht unerhebliche Loch zu ärgern, weil Herr Hoppenstedt panisch zwischen meinen Beinen hindurch und an mir vorbeihuschte und im Obergeschoss verschwand. Ich fluchte, schnappte mir mit Ausnahme der Papierunterlagen-Überreste die Einzelteile der Transportkiste und folgte ihm. Neue Taktik. Ich würde den Transporter am oberen Ende der Treppe aufstellen und mich selbst darunter auf die Stufen hocken. Irgendwann würde seine Neugierde siegen, und er käme aus seinem Versteck. Da war ich mir sicher. Nicht sicher war ich mir darüber, wie lange ich dort würde sitzen müssen. Ein Kissen als Unterlage wäre sicher angenehm unterm Sitzfleisch. Auf dem Sessel im Schlafzimmer hatte ich welche gesehen.

Meine zusätzliche Hoffnung, Herrn Hoppenstedt dort vielleicht auf dem Bett liegend vorzufinden, wurde enttäuscht.

»Hallo?« Eine Frauenstimme.

»Ja?« Ich beugte mich über das obere Treppengeländer. Jemand stand im Flur. »Machen Sie die Tür zu!«

Die Frau folgte der Anweisung und sah zu mir hoch.

»Ist er jetzt rausgelaufen?«

»Wer?«, fragte sie.

»Herr Hoppenstedt.«

Sie schüttelte langsam den Kopf. »Hier ist niemand durch die Tür.«

»Herr Hoppenstedt ist mein Kater.«

»Ach so.«

Während ich die wenigen Stufen zu ihr nach unten ging, dachte ich über den Eindruck nach, den ich wohl auf sie machen musste. Normalerweise achtete ich darauf, Fremden ein professionelles Äußeres zu präsentieren. Das bedeutete in meinem Fall die Basisausstattung, als da wären: gekämmte Haare, saubere und gegebenenfalls modische Kleidung sowie anständige Schuhe. Als Journalistin muss man vertrauenerweckend aussehen, sonst hocken die Leute auf ihren Informationen wie die Hühner auf den Eiern und rücken sie nicht raus. In diesem Moment kam ich mir ganz und gar nicht professionell vor. Auf der Jeans prangten an den Oberschenkeln dicke Flecken aus Spinnweben und Wandfiasko-Resten. Mein Pullover hatte ebenfalls sehr gelitten. Darüber, wie viele meiner braunen Haare noch in dem Zopf steckten, den ich heute Morgen gebunden hatte, konnte ich nur Spekulationen anstellen. Der Staub hatte sie vermutlich grau gefärbt, und die Frau hielt mich jetzt für fünfundfünfzig statt für zweiunddreißig. Da ich aber sowieso nicht vorhatte zu bleiben, konnte mir das alles egal sein.

»Und?«

»Was und?«

»Ist er?«

»Nein.«

Wir starrten uns an. Die Frau streckte mir ihre Hand entgegen. »Mila Seidenmacher. Die Nachbarin.«

Ich ergriff die Hand und schüttelte sie. Ihre Haut fühlte sich rau an, wie die Haut eines Menschen, der viel mit den Händen arbeitete. Vermutlich tat sie das auch.

»Katharina Rübchen.«

»Die Nichte«, stellte Mila Seidenmacher fest. Ich nickte und schwieg. Was sollte ich auch sagen?

Sie verlor kein Wort über mein Fernbleiben bei Marions Beerdigung. Kein Vorwurf, keine hochgezogene Augenbraue. Gut so. Ich hatte keine Lust, mich ihr gegenüber zu rechtfertigen, wie ich es mir selbst gegenüber ständig tat, weil mein schlechtes Gewissen immer wieder wie ein kleiner Teufel aus der Kiste sprang. Mila Seidenmacher ließ meine Hand los.

»Ich habe hier nach dem Rechten geschaut, seitdem Marion gestorben ist.«

Sie redete nicht um den heißen Brei herum. Sagte nicht so etwas wie »von uns gegangen« oder »hat uns verlassen«. Sie sagte »gestorben«, ohne mit der Wimper zu zucken. Das gefiel mir.

»Die Post haben Sie sicher schon entdeckt. Ich wollte sie nicht öffnen. Der Nachlassverwalter hatte Ihr Kommen angekündigt, und da dachte ich, dass …«

»Vielen Dank«, unterbrach ich sie. »Ich habe die Briefe gefunden. Ich werde sie mitnehmen und zu Hause in Ruhe durchgehen. Ich kann Ihnen gern meine Adresse dalassen. Oder nein, ich werde einen Nachsendeantrag stellen, dann haben Sie keine Mühe mehr damit.«

»Sie bleiben nicht hier? Der Nachlassverwalter, dieser Doktor …« Sie suchte nach dem Namen.

»Habschick. Dr. Habschick«, half ich aus.

»Genau. Dieser Habschick hatte uns gesagt, Sie würden sich hier niederlassen wollen.«

»Ich habe es mir anders überlegt.«

»Oh.« Sie zögerte einen Moment. »Warum?«

Nichts in ihrer Miene verriet, wie sie darüber dachte. Freute es sie, oder bedauerte sie es?

»Weil das alles hier«, ich umfasste mit einer Geste die Umgebung, »nichts für mich ist. Ich bin kein Land…« Ich verstummte.

»Landei wollten Sie sagen, richtig?« Sie grinste, und um ihre Augen herum erschienen erstaunlich viele Lachfältchen. Ich blickte zu Boden.

»Nein, ich wollte …«

»Schon gut.« Sie nahm mir die Transportkiste aus der Hand und stellte sie ab. »Wir dachten nur, wo Sie doch Kräuterexpertin sind und Marion hinter dem Haus so einen riesigen Kräutergarten angelegt hat.«

»Meine praktische Erfahrung liegt bereits etwas länger zurück. Ich bin Journalistin. Bei der Zeitschrift schreiben wir über die Pflanzen, wir schauen ihnen nicht beim Wachsen zu. Dazu fehlt in der Redaktion die Zeit.«

»Hmm«, murmelte sie. »Aber Sie wollen doch sicher nicht gleich heute wieder weg.«

»Wenn ich den Kater in der nächsten halben Stunde einfangen kann, dann schon.«

Sie schaute mich an, und wieder hatte ich den Eindruck, dass sie mich abschätzte. Dann nickte sie. »Okay. Ich helfe Ihnen suchen.« Sie wandte sich ab und sah sich um. »Wo könnte er sein?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Überall.«

»Das ist ja schon mal ein Anhaltspunkt«, brummelte sie leise, und obwohl ich ihr Gesicht nicht sah, konnte ich mir gut vorstellen, wie sie gerade die Augen verdrehte. Sie ging in die Hocke, streckte eine Hand aus und schnalzte mit der Zunge. Ich betrachtete ihre Rückensansicht. Ihre dunklen Haare fielen ihr bis auf die Schultern, und die Jeans saßen eng an ihrer schmalen Figur. Die Ärmel ihrer karierten Bluse waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt und ließen ihre sehnigen Unterarme frei.

Ich ertappte mich dabei, wie ich im Geiste automatisch nach geeigneten Stellen im Haus für eine Fotostrecke suchte. Sie wäre ein wunderbares Model in ihrem Hemd und der leicht verschlissenen Jeans.

»Ist irgendwas?« Sie drehte den Kopf und schaute mich über ihre Schulter hinweg an. Ich zuckte zusammen und fühlte mich ertappt. Hatte sie Augen im Rücken?

»Nein«, gab ich zurück. Sie musste mich wirklich für eine Vollidiotin halten.

»Ich habe übrigens einen Streuselkuchen mitgebracht«, sagte sie und kroch auf allen vieren durch den Flur. »Er steht draußen vor der Tür. Vielleicht sollten wir ihn reinholen, bevor es wieder anfängt zu regnen.« Sie beugte die Ellbogen, legte ihre Wange auf den Boden und spähte unter die Anrichte. »Ist Ihr Hoppenstedt ein ziemlich fetter schwarzer Kater?«

»Könnte hinkommen.«

»Gut. Dann holen Sie jetzt mal den Kuchen rein. Solange das Viech hinten an der Wand klebt und keine Anstalten macht, herauszukommen, können wir es uns genauso gut schmecken lassen.« Sie stand auf und ging in die Küche. Mit raschen Griffen, die mir zeigten, wie vertraut sie mit der Einrichtung war, nahm sie zwei Teller und zwei Gläser aus dem Schrank. Ich drehte mich um und ging durch den Flur zur Haustür.

Sorgfältig achtete ich darauf, die Zwischentür zu schließen, damit Hoppenstedt nicht einen Überraschungsmoment ausnutzen und im Schnellstart nach draußen entwischen konnte. Dabei betrachtete ich das Ergebnis meines Nahkampfs mit dem Kater. Das Loch an der Seite des Windfangs neben der Haustür war recht groß. Fetzen der Tapete hingen an den Rändern. Auf dem Boden davor lagen weißer Staub und Stücke der Rigipswand. Noch eine Baustelle. Ich seufzte.

»Später, Katharina. Eines nach dem anderen. Erst der Kuchen. Dann die Arbeit.«

Trotzdem wäre eine annähernde Vorstellung über die Größe des Schadens nicht schlecht. Ich ging näher heran. Die Nachbarin würde schon nicht verhungern, wenn sie eine Minute länger warten musste. Vorsichtig befingerte ich die Bruchstelle. Mehr Gips bröckelte unter der Tapetenschicht ab und rieselte vor und in das Loch. Ich kniete mich auf den Boden und spähte hinein. Es war eine Doppelwand, wie sie häufig in alten Häusern zu finden ist. Hinter der vorderen, mit Gipsplatten verkleideten Wand befand sich ein Hohlraum, in den ursprünglich wohl einmal Dämmmaterial gegeben worden war, wovon aber nicht mehr viel zu sehen war. Ein Rohr verlief senkrecht durch den Zwischenraum. Etwas war zwischen dem Rohr und der Wand eingeklemmt. Es sah aus wie ein flaches Paket, aber im Dunkeln konnte ich es nicht genau ausmachen.

Ich streckte meinen Arm durch das Loch und tastete mich zu der Stelle vor, an der ich das Päckchen vermutete.

»Haben Sie den Kuchen gefunden?« Mila Seidenmachers Stimme drang gedämpft durch die geschlossene Tür zu mir. Geschirr klapperte.

»Komme gleich!«, rief ich, zog meine Hand aus dem Loch und schaute noch einmal hinein, um mich zu orientieren. Zweiter Versuch. »Na geht doch«, murmelte ich, als ich das Päckchen zu fassen bekam und aus dem Hohlraum zog.

Ein Ledereinband kam zum Vorschein, nachdem ich das alte Einschlagpapier entfernt hatte. Eine Kladde, etwas schmaler als ein kleines Schulheft, aber deutlich dicker. Ich drehte das Buch um. Außen war nichts darauf geschrieben. Ein dünnes Lederbändchen war zweimal um den Einband gewickelt und zu einer Schleife gebunden worden. Ich runzelte die Stirn. Was konnte das sein? Das Buch roch muffig, und an einigen Stellen war das Leder brüchig. Ich strich über die trockene Lederhaut, schob die Enden des Bändchens hin und her. Warum hatte ich Skrupel? Das Buch hatte in der Wand des Hauses gesteckt, das ich geerbt hatte. Es war also genau betrachtet mein Eigentum, und ich konnte damit machen, was ich wollte. Trotzdem kam es mir vor, als ob ich in etwas sehr Privates eindringen würde, zu dem ich eigentlich kein Zugangsrecht hatte. Ich löste das Band und schlug das Buch wahllos an einer Stelle auf. Eine altertümliche Handschrift füllte die Seiten, und ich hatte Mühe, sie zu entziffern. Lange her, dass ich so eine altmodische Schreibschrift hatte lesen müssen. Es dauerte einen Moment, bis die Worte einen Sinn für mich ergaben.

Sie wollte nicht, dass er litt. Deswegen war die Auswahl der Mittel von besonderer Bedeutung. Einen schnellen, von allen Schmerzen befreiten Tod kann man auf vielerlei Weisen herbeiführen. Die Natur deckt uns den Totentisch dazu. Ich brachte ihr das Säcklein, sprach die Anweisungen, und als sie am nächsten Tag in Witwentracht bei mir erschien, wusste ich, dass mein Vorhaben wieder einmal geglückt war.

»Katharina?« Mila Seidenmacher versuchte, die Tür zu öffnen, vor der ich hockte. Ich klappte das Buch zu, schlug es in das Papier ein und stopfte es unter meinen Pullover. Ich fühlte mich ertappt wie ein kleines Schulmädchen. »Ist irgendwas?«, fragte sie durch den Spalt.

»Nein, nein. Alles okay.« Ich trat einen Schritt von der Tür weg. »Ich habe mir nur kurz das Loch angeschaut, das Herr Hoppenstedt und ich verbockt haben. Ich hoffe, ich kann es reparieren, bevor die ersten Käufer zur Besichtigung kommen.«

Hatte ich da gerade wirklich von einem Mord gelesen? Oder sogar von mehreren? »… dass mein Vorhaben wieder einmal geglückt war.« Das konnte doch nicht sein. Was war das für ein Buch, das ich in der Wand meines Hauses gefunden hatte? Am liebsten hätte ich sofort nachgesehen, aber Mila drückte sich an mir vorbei, öffnete die Haustür und griff um die Ecke. Als ihre Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie darin einen Teller mit einem kleinen Kuchen unter einer Plastikhaube.

»Tadaa.« Sie nahm die Haube ab und hielt mir den Kuchen unter das Gesicht. Sofort zog mir ein verführerischer Duft nach Aprikosen in die Nase, und ich merkte, wie hungrig ich war. Ich folgte ihr in die Küche, zog einen der Holzstühle vom Tisch weg und setzte mich.

Das Buch musste warten, bis Mila wieder verschwunden war. Das war etwas, was ich nicht an die große Glocke hängen wollte. Wer weiß, wer das geschrieben hatte. Wenn es nun Marion gewesen war?

»Streusel mit Aprikosen und Schmandcreme«, sagte Mila Seidenmacher. Sie nahm ein Messer, teilte den Kuchen in vier Stücke und legte jeweils eins auf die beiden Teller. »Kaffee ist keiner da, aber ich habe noch etwas von Marions Gundermann-Giersch-Sirup gefunden.« Sie hielt eine kleine Flasche hoch, in der eine grün-gelbliche Flüssigkeit schwappte. »Marion nannte es immer ihre Unkrautlimonade. Schmeckt super mit frischem Wasser.«

Ich hatte Mühe, mich auf das, was sie sagte, zu konzentrieren, nickte nur und aß einen Bissen vom Kuchen.

»Wenn Sie das Haus verkaufen wollen«, sagte Mila und legte ihre Gabel hin, »was soll dann mit den Ziegen passieren?«

»Welche Ziegen?« Ich nahm einen Schluck von dem Kräutergetränk und ließ es mir über die Zunge laufen. Eindeutig zu süß für meinen Geschmack, aber die Lakritznote gefiel mir.

»Marions kleine Herde. Sie hat drei Ziegen und einen Bock. Er heißt Ludwig. Eines der Weibchen ist auf jeden Fall trächtig, bei den anderen beiden ist es noch nicht sicher.« Sie griff wieder nach ihrer Gabel und stach auf ihr Kuchenstück ein. »Ich habe sie in den letzten Wochen versorgt, aber es ist auf Dauer schon ein bisschen viel für mich.«

Entgeistert sah ich sie an. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Eine Ziegenherde passte nun definitiv nicht in meine Pläne. Wer kaufte schon ein altes heruntergekommenes Haus mit einem Haufen Viecher dazu?

»Sie müssen zweimal am Tag gefüttert werden, solange sie noch im Stall stehen. Dazu kommt das Ausmisten.« Sie schob die letzten Krümel über den Teller und trank ihr Glas aus. »Heute Abend zum Beispiel kann ich das nicht machen. Ich dachte ja, Sie bleiben hier, und da hab ich mir …« Sie verstummte und hob entschuldigend die Schultern.

Ich ließ die Gabel sinken und schloss für einen Moment die Augen. Ein Haus, das im Schlamm versinkt, poröse Wände, eine schwangere Ziegenherde und eine Art Tagebuch, in dem von Mord die Rede ist. Nichts davon fand sich auf der imaginären Wunschliste, die ich mir für mein neues Leben auf dem Land gebastelt hatte.

Mila Seidenmacher stand auf und stellte ihren Teller und das leere Glas in die Spüle.