BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe
der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Manuel Prieto/Norma
E-Book-Produktion:
César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-3494-4
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Krieg im Roten Tal
1
Sie jagten mich schon drei Tage und drei Nächte durch das Land. Jetzt war die vierte Nacht halb herum, und ich war am Ende. Auch mein Pferd war am Ende. Ich wusste, nun würden sie mich bald erwischen und erledigen. Big John würde mich hängen lassen, das war sicher. Dieser Big John McQueeny hatte schon mehr als einen Mann aus geringerem Anlass hängen lassen. Diesmal hatte er einen wirklich triftigen Grund. Denn ich hatte seinen Sohn getötet.
Die ganze Mannschaft der mächtigen McQueeny-Ranch jagte mich. Dazu kamen noch viele Leute im Land, die dem mächtigen Big John McQueeny einen Gefallen tun wollten. Ich durfte mich nirgendwo blicken lassen. Selbst wenn mich jemand aus großer Entfernung reiten sah, bekamen die McQueeny-Reiter bald schon Bescheid.
In dieser vierten Nacht sah ich die Lichter von Santa Maria vor mir in der Nacht. Ich wusste genau, dass ich verloren war, wenn es mir nicht gelang, in Santa Maria ein frisches und recht gutes Pferd zu bekommen.
Denn auf einem frischen Tier konnte ich vielleicht durchbrechen und ins Mesaland entkommen. Dort im Mesaland gab es tausend Verstecke und verborgene Winkel. Im Mesaland westlich des Pecos’ lebten Geächtete. Dort in den Tälern war auch Big John McQueenys Macht zu Ende.
Indes ich noch in der Nacht verhielt und überlegte, ob ich es wagen konnte und die Stadt nicht schon längst eine Falle war für mich, weil dort Big Johns Reiter auf mich lauerten, brach mein Pferd auf die Knie. Es stöhnte erbarmungswürdig, und ich machte, dass ich aus dem Sattel kam.
Das arme Tier legte sich auf die Seite. Ich wusste, es würde sterben. Ich hatte es zuschanden geritten, verdammt noch mal! Oh, ich war kein Tierquäler oder Pferdeschinder. Ich war es wirklich nicht. Doch ich wollte nicht gehängt werden.
Ich nahm mein Gewehr aus dem Sattelschuh. Einen Gnadenschuss durfte ich dem armen Tier nicht geben. Den hätte man in der Nacht meilenweit gehört, auch in der kleinen Stadt dort vor mir.
Ich durfte mich nicht verraten.
Und so machte ich mich auf den Weg.
Ich musste ein frisches Pferd haben. Und selbst dann waren meine Chancen winzig.
Wie ein Wolf schlich ich durch die Nacht, nutzte jede Deckung und hielt immer wieder an, um zu lauschen. Zum Glück kannte ich die kleine Stadt einigermaßen. Denn ich war schon einige Male hier gewesen, um etwas Spaß zu haben und Einkäufe zu machen. Ich erinnerte mich auch sehr gut an das Mädchen Nancy, das das älteste Gewerbe der Welt ausübte und dennoch in diesem frauenarmen Land immer wieder Heiratsanträge bekam.
Nun, ich brauchte länger als eine Stunde, bis ich die kleine Stadt mit dem heiligen Namen erreichte und mich von der Seite her durch eine Gasse bis zur Hauptstraße schlich.
Vor dem Saloon, der zur Hälfte eine Bodega und Fonda war, zur anderen Hälfte ein typischer Saloon, standen einige Pferde.
Ich kauerte an der Ecke des Saloons in der dunklen Gassenmündung.
Bis zu den Pferden waren es nur zwei Dutzend Schritte oder ein Dutzend Sprünge.
Ich musste nur das beste Pferd erwischen.
Als ich noch überlegte, wie ich es machen sollte – also langsam gehen oder sehr schnell springen – da hörte ich den trommelnden Hufschlag von Reitern.
Ich atmete seufzend aus, denn ich wusste, wer dort geritten kam. Es konnte nur Big John McQueeny mit einer ganzen Anzahl von Reitern sein. Gewiss ließ er sie vor der Stadt ausschwärmen und die Stadt einschließen.
Ich wusste, sie hatten mein sterbendes Pferd gefunden und waren sicher, dass ich nach Santa Maria musste, um ein frisches Tier zu bekommen.
Es war also zu spät für mich. Ich saß in der Falle. Sobald sie wussten, wo ich war, kreisten sie mich noch enger ein.
Am Klang des Hufschlags konnte ich erkennen, dass die meisten Reiter rechts und links um die Stadt ritten, also zwei Halbkreise bildeten. Einige andere Reiter aber kamen schnurgerade in die Stadt.
Ich duckte mich tiefer zu Boden und schmiegte mich enger an die Hauswand.
Und da sah ich sie kommen.
Big John McQueeny ritt an der Spitze, ganz und gar ein grau gewordener Adler. Er war körperlich nicht groß, hatte höchstens Mittelmaß. Dass sie ihn Big John nannten, hatte nichts mit seiner Körpergröße zu tun.
Er war ein Boss, ein King – und ein unduldsamer Despot.
Hinter ihm ritten drei seiner Söhne.
Und dann kamen noch ein halbes Dutzend Reiter.
Sie ritten keine sechs Yards entfernt an der dunklen Gassenmündung vorbei. Dass sie mich nicht sahen, lag gewiss an den beiden Laternen vor dem Salooneingang. Deren Licht blendete sie wohl, sodass sie in der dunklen Gassenmündung nichts erkennen konnten.
Einen Moment war ich versucht, mein Gewehr auf Big John McQueeny zu richten und ihn vom Pferd zu schießen. Wenn sie mich hier schon erwischten, dann sollte er wenigstens vor mir zur Hölle fahren.
Für einen kurzen Moment hatte ich die Chance. Dann aber war schon wieder alles vorbei. Doch wahrscheinlich würde ich auch dann nicht geschossen haben, wenn ich länger hätte überlegen können. Denn erstens hatte ich immer noch die leise Hoffnung, heil aus der Klemme herauszukommen – und zweitens brachte ich es nicht fertig, selbst einen Feind aus dem Hinterhalt zu erschießen. Noch war ich nicht so weit, nein, noch nicht.
Aber was sollte ich tun?
Sie saßen vor dem Saloon ab. Die Pferde stampften und schnaubten, die Sättel knarrten, die Sporen klingelten. Und der Staub wirbelte.
Ich zog mich in der dunklen Gasse zurück und bog dann in den Hof des Saloons ein. Es war ein dunkler Hof mit einigen Schuppen und Anbauten, Magazinen und den Aborten, von denen her es mächtig stank. Doch so konnte man sie wenigstens in der Dunkelheit finden.
Ich hatte gehofft, hier im Saloon vielleicht ein abgestelltes Sattelpferd zu finden. Doch nur ein Betrunkener schnarchte irgendwo, wahrscheinlich hatte er den Rückweg von den Aborten bis zur Hintertür nicht mehr geschafft.
Verdammt, wenn ich eine Maus gewesen wäre, hätte ich leicht ein Loch gefunden.
Mein suchender Blick ging hoch, und da sah ich das Licht in Nancy Palmers Fenster. Ja, das war ihr Zimmer. Dort empfing sie ihre zahlenden Gäste. Man konnte hier vom Hof die Außentreppe hinauf, aber auch vom Saloon aus nach oben durch die Innentür. Ihr Etablissement war also von zwei Seiten zu betreten.
Ich ging die Außentreppe hinauf, und es war eine Handlung, die etwas vergleichbar war mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden, der nach allem griff, woran er sich klammern konnte. Vielleicht war es auch ein besonderer Instinkt, der mich leitete.
Die Tür war nicht verschlossen. Ich glitt hinein.
Nancy war bei der Arbeit. Sie verdiente sich gerade zehn Dollar.
Der riesige Bursche über ihr war offenbar ein Frachtfahrer, der es mal wieder nötig hatte. Unter seiner Achselhöhle hindurch sah Nancy auf mich. Der schwitzende Mann, der mir den Rücken und noch eine Menge mehr zukehrte, bemerkte mich nicht. Er war zu intensiv beschäftigt und voll auf sein Tun konzentriert.
Ich grinste Nancy zu und legte dann den Zeigefinger quer über die Lippen, was ja international nichts anderes als »Mundhalten« bedeutet.
Sie lächelte zurück und nickte sogar erkennbar.
Da fiel mir gewissermaßen ein riesiger Stein vom Herzen. Ich war mächtig erleichtert, wie man sich denken kann. Denn Nancy hätte ja auch ebenso gut loskreischen können.
In Santa Maria war mit Sicherheit bekannt, dass Big John McQueeny meinen Skalp haben wollte. Und jeder, der ihm dabei nicht half, den betrachtete er als seinen Feind. Deshalb war es von Nancy wirklich anständig, mich bei sich zu dulden.
Ich konnte jedoch nicht lange verharren. Binnen Sekunden musste ich mich entscheiden. Denn der riesige Bursche über ihr, der sich so schwitzend mühte, der brauchte nur einmal über die Schultern nach hinten zu blicken, da würde er mich sehen, über die Störung wütend werden und böse losbrüllen, bevor er sich daranmachte, mich aus dem Zimmer zu feuern.
Ich trat zu dem Schrank in der Ecke, öffnete ihn, schob Nancys Kleider etwas zur Seite und stieg hinein.
Es war ein großer, spanischer Schrank. Nancys Kleider rochen gut. Weil sie sich oft mit Kerlen abgeben musste, die nicht sauber waren, war sie es um so mehr. Auch mein Gewehr nahm ich mit in den Schrank. Doch ich lehnte es in die Ecke und nahm den Colt in die Hand. Die Schranktür ließ ich ein wenig offen. Durch den schmalen Spalt konnte ich die Tür zur Saloontreppe beobachten.
Ich wusste, sie suchten schon im Saloon nach mir. Hier hatten sie zuerst begonnen. Es dauerte auch nicht lange, da wurden beide Türen aufgestoßen, nämlich die, durch die ich in Nancys Zimmer trat, und die andere, zu der man vom Saloon über die Innentreppe gelangen konnte.
Ja, es waren Big John McQueenys Leute. Sie kamen mit schussbereiten Colts herein, und weil sie nicht so leise und dezent waren wie ich, bekam Nancys Gast das diesmal mit. Zuerst grollte er und wollte losbrüllen. Doch dann begriff er, dass ihm dies nur wenig helfen würde. Er sah in harte Gesichter und Revolvermündungen.
Und so sagte er: »Jungens, das ist aber nicht die feine Art, einen Gentleman bei einer intimen Handlung zu stören. Schämt ihr euch nicht?«
Sie taten Letzteres natürlich nicht. Nein, sie grinsten. Einer sagte glucksend: »Seht mal, der hat auf jeder Hinterbacke einen Schmetterling tätowiert. O du Heiliger Vater.«
Nun lachten sie prustend, und für einen Moment waren sie nicht böse, gefährlich und heiß wie Jagdhunde, die hinter einem Wolf her waren.
Sie wandten sich ab – auch jene, die ich nicht sehen konnte, weil sie vom Hof aus durch die Tür kamen, die ich vorher benutzte. Sie gingen alle, entfernten sich sporenklirrend und immer noch wiehernd vor Lachen.
Auch Nancy lachte.
Und der zahlende Gast nahm seine Beschäftigung wieder auf.
Ich bemühte mich, nicht auf die Geräusche zu hören, auch nicht auf den glücklichen Seufzer. Ich verhielt mich still wie ein Geist und war dankbar, sehr dankbar sogar. Denn vorerst war ich gerettet.
Nancys Gast hatte mich davor bewahrt, dass sie Nancys Zimmer durchsuchten und dabei auch in ihren Schrank sahen. Sie hatten sich nicht vorstellen können, dass sich hier jemand eingeschlichen hatte.
Es dauerte noch eine Weile.
Nancys Gast sagte: »O mein Goldstück, am liebsten würde ich dich mitnehmen. Ich habe einen Frachtzug von zwölf schweren Doppelwagen und könnte dir eine Menge bieten. Willst du nicht mit mir kommen?«
»Nein«, erwiderte Nancy. »Ich kann die anderen Jungens nicht so enttäuschen. Was täten die, wenn ich nicht mehr hier wäre?«
»Nun, das wäre mir verdammt egal«, knurrte der Frachtzugboss. »Wen haben die denn gesucht, diese Spanner?«
»Was weiß ich«, erwiderte Nancy und brachte ihn zur Tür. Und als die geschlossen war, riegelte sie ab, lief zur Hoftür, riegelte auch sie ab und sagte dann bitter: »Chet, du bist ja verrückt! Oh, du verdammter Sattelstrolch, warum musst du ausgerechnet zu mir kommen? Ich habe unten noch fünf Mann hocken, die darauf warten, in mein Paradies eingelassen zu werden. Willst du vielleicht die ganze Zeit dort in meinem Schrank hocken und …«
»Schon gut, schon gut«, unterbrach ich sie und zeigte ihr friedfertig meine Handflächen, so als hielte sie einen Colt auf mich gerichtet.
»Wo soll ich denn hin, Nancy? Big John ist mit zwei Dutzend Reitern gekommen. Er wird mich hängen, weil ich seinen Sohn im Duell erschießen musste. Er wird mich hängen. Kannst du das verantworten, Nancy? Ich werde mir im Schrank die Ohren zuhalten. Und sehen kann ich ohnehin dort drinnen nichts.«
Bevor sie etwas erwidern konnte, klopfte es an die Tür.
Eine Männerstimme sagte draußen drängend: »Jetzt bin ich an der Reihe, Nancy.«
Ich hörte nicht länger zu, sondern stieg wieder in den Schrank.
Nancy fluchte bitter und ging dann, um die Tür zu öffnen.
***
Nun, lieber Leser meiner Geschichte, ich, Chet Kellog, gebe hier mein feierliches Ehrenwort, dass ich mir im Schrank wahrhaftig die Ohren zuhielt, weil ich nichts hören wollte.
Ich war ja kein Spanner, nur ein Gejagter, der am Leben bleiben wollte und der in Nancys Schrank ein Schlupfloch gefunden hatte wie ein Mäuserich. Die armen Kerle, die sich bei Nancy etwas kauften, was sie für Liebe hielten, taten mir leid.
Aber so ist nun mal diese Welt. Die Einsamen wollen auch mal etwas Glück bekommen oder das, was sie dafürhalten.
Ich gehörte manchmal auch schon zu dieser Sorte.
Irgendwann endlich öffnete Nancy den Schrank, in dem ich schwitzte und manchmal vor mich hindämmerte. Denn ich war ja erschöpft, hungrig und ganz und gar erledigt. Nancy verharrte einige Sekunden. Sie starrte zu mir hinein – und ich blinzelte zu ihr hinaus und hinauf.
Einige Atemzüge lang schwiegen wir.
Dann sagte sie kehlig: »Es trifft sich gut, dass du in meiner Schuld bist. Hast du verstanden? Du bist in meiner Schuld. Willst du deine Schuld bezahlen, wenn du hier heil herauskommen solltest?«
»Ich habe bisher stets alles mit Zinsen zurückgezahlt, die guten und die bösen Dinge«, erwiderte ich. »So habe ich es immer gehalten.«
Sie betrachtete mich kritisch und mit einer Spur von Misstrauen. Aber dieses Misstrauen war nicht gegen mich persönlich gerichtet, sondern galt allen Männern.
Eigentlich war sie noch jung, doch schon so weise wie eine alte Frau. Sie war sehr hübsch. Doch bald würde sie älter aussehen, als sie Jahre zählte.
Sollte ich sie bedauern?
Wahrscheinlich nicht. Denn sie hatte ihren Weg gewählt, und es bereitete ihr Freude, all den Burschen, die zu ihr kamen, etwas zu geben.
Sie sagte: »Habe ich also dein Wort, dass du deine Schuld bezahlen wirst?«
»Das hast du«, erwiderte ich – und ich wusste zum Glück noch nicht, was sie von mir verlangte. Sonst hätte ich ihr gewiss nicht so leicht mein Wort gegeben.
Sie lächelte wie eine Spielerin, die einen dicken Pokertopf gewonnen hatte.
Aber sie sagte mir immer noch nicht, was sie von mir wollte, sondern flüsterte: »Leg dich erst schlafen, Chet Kellog. Ruh dich erst aus. Ich sehe dir an, wie erschöpft du bist. Du würdest wahrscheinlich gar nicht richtig begreifen, was ich von dir will. Leg dich dort auf das Sofa.«
Ich wollte nichts lieber hören als das.
Denn ich war wirklich am Ende. Meine Erschöpfung war größer als mein Hunger.
Und so fiel ich bäuchlings aufs Sofa und war von einem Atemzug zum anderen weg. In meinem Unterbewusstsein war ja jetzt die Gewissheit, dass ich sicher war vor Big John McQueenys Strick, solange ich bei Nancy im Zimmer blieb.
2
Als ich erwachte, war es Mittag. Ich erkannte das an der Sonne, die keinen Schein durch das Fenster ins Zimmer warf, weil sie zu hoch am Himmel stand.
Nancy saß im Nachthemd vor dem Spiegel und machte sich die Haare. Im Spiegel erkannte sie dann auch, dass ich wach geworden war, und wandte sich um. »Na, geht es dir jetzt besser?«, fragte sie.
Ich dehnte und reckte mich. Ja, der Schlaf hatte mir gut getan. Dass ich schmutzig war, vor Schweiß stank, dies störte mich noch nicht. Dafür verspürte ich den hungrigen Wolf in meinen Eingeweiden. Er knurrte so laut, dass Nancy es sogar hörte. Sie deutete zum runden Tisch, auf dem das Frühstück stand.
»Ich lasse mir stets das Frühstück aufs Zimmer bringen«, sagte sie. »Das ist also nicht verdächtig gewesen. Ich fragte den Burschen vom Restaurant auch, ob Big John immer noch nach dir suchen würde.«
»Und?«, fragte ich und setzte mich auf.
»Sie haben die Stadt eingeschlossen und durchsuchen jedes Haus – nein, jedes Loch«, erwidert sie, »jedes Loch, das groß genug ist für einen Mann. Big John ist sicher, dass du noch in der Stadt bist. Denn es fehlt kein Pferd. Sie sind sicher, dass du ohne Pferd nicht abhaust, denn du wärest verloren in diesem Land. Er hat schon gedroht, die Stadt einzureißen, wenn sie dich nicht herausgibt. Wenn die Leute wüssten, dass ich dich …«
»Schon gut«, unterbrach ich sie.
Doch dann erhob ich mich und trat zum Tisch, um mir Nancys Frühstück – das sie wahrscheinlich stets erst um die Mittagszeit nahm – einzuverleiben.
Es war ein prächtiges Frühstück, so wie es ein hart arbeitendes Mädchen haben musste. Doch für mich war es ein Tropfen auf einen heißen Stein. Es stillte zwar meinen Hunger, doch es konnte mir nicht genug Säfte verschaffen. Ich hatte eine Menge von meiner Substanz verbraucht.
Nancy beobachtete mich.
»Nein, mehr kann ich dir nicht bieten«, kam sie meiner Frage zuvor. »Es wäre zu auffällig, würde ich mehr als nur mein normales Frühstück verlangt haben aus dem Restaurant.«
Sie deutete nach unten. »Big John sitzt unten im Saloon. Da hat er sein Hauptquartier aufgeschlagen. Er wartet auf Erfolgsmeldungen seiner Männer. Fast die ganze McQueeny-Mannschaft ist hier. Ich glaube, Big John kann wittern, dass du noch in Santa Maria bist, und gibt deshalb nicht auf. Doch du kannst nicht ewig hier bei mir bleiben.«
»Nein«, sagte ich. »Sobald es dunkel ist, mache ich mich auf die Socken. Und ich werde immer in deiner Schuld sein, Nancy.«
Da lächelte sie.
»Du wirst deine Schuld bezahlen«, sagte sie. »Doch zuvor will ich dir meine Geschichte erzählen, damit du auch alles richtig begreifst.«
Sie machte eine kleine Pause. Dann sprach sie entschlossen: »Wir waren daheim eine armselige Familie. Nach dem achten Kind lief meine Mutter fort, denn unser Vater war ein Säufer und Dieb, ein Schnapsbrenner und Pferdestehler. Sie hingen ihn eines Tages in El Paso auf. Und da hatte ich die ganze Blase am Hals – ich meine die Geschwister. Denn ich konnte nicht weglaufen wie unsere Mutter. Ich dumme Gans brachte es nicht fertig. Ich ging erst weg, als meine Schwester Sally groß genug war, also etwa vierzehn, um an meine Stelle zu treten. Ich ging fort, um Geld zu verdienen. Ich fand schnell heraus, dass ich es am leichtesten auf jene Weise konnte, die so viele Männer an mir schätzen. He, was ist falsch daran? Sag es mir: Was ist falsch daran?«
In ihre Stimme kam ein spröder und herber Klang. Ich begriff, dass sie von mir etwas hören wollte, was ihr Erleichterung verschaffen konnte – nein, kein Trost oder Mitleid. Es müsste etwas anderes sein. Ich musste ihr etwas sagen – aber was?
Plötzlich fiel mir etwas ein. Und so erwiderte ich: »Eines steht fest, Nancy. Du und deine Artgenossinnen, ihr könnt eine biblische Verheißung für euch in Anspruch nehmen, die man euch nicht streitig machen kann.«
Da staunte sie. Ihr Mund blieb sogar einen Moment offen.
»Waaas? Was ist das?«, fragte sie leise.
Ich grinste und sprach: »Jesus hat einmal gesagt: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Huren kommen eher in das Reich Gottes als ihr …«
Ich verstummte, denn ich glaubte, nichts mehr sagen zu müssen.
Aber sie fragte: »Als wer?«
Ich hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.
»Ach, eher als alle anderen, als all diese aalglatten und scheinbar so seriösen und edlen Bürger jedweder Art, als all diese Frömmler und Heuchler, denke ich. Denn die meisten Menschen sind ganz anders, als sie sich geben. Oder?«
Sie nickte. »Ja«, sagte sie, »der erste Mann in meinem Leben, der war ein gottesfürchtiger Familienvater und maßgebendes Mitglied im Stadtrat und in der Kirchengemeinde. Ich arbeitete als junges Ding in seinem Store, versuchte, meine Geschwister auf diese Weise zu ernähren. Ich bekam von ihm alles, wenn ich mit ihm ins Magazin ging und ihm das gab, was er von seiner Frau nicht mehr bekam. Nun gut, ich werde also irgendwann bevorzugt in Gottes Reich kommen. Aber leider weilen wir noch auf der Erde. Ich habe meine Geschwister jahrelang unterstützt, bis sie groß genug waren. Mit meinem Geld und meiner Schwester Mühe wurde aus ihnen etwas. Vor vier Wochen etwa kam mein Bruder – der älteste meiner fünf Brüder – hier durch. Er war auf der Flucht und brauchte etwas Geld und ein frisches Pferd. Meine Schwester Sally hatte meinen Geschwistern nicht gesagt, wie ich das Geld verdiene. Sie glaubten alle, ich sei gut verheiratet und könnte sie deshalb so nobel unterstützen. Nun sah Ollie – so heißt mein Bruder –, was hier mit mir los ist. Ich habe mich geschämt. Und er musste weiterhin meine Hilfe annehmen, weil er so sehr in Not war. Ich gab ihm den Rat, ins Red Valley zu flüchten. Denn dort ist der Ort, wo sie alle Zuflucht finden vor dem Gesetz. Nun lebt er dort unter Geächteten, und vielleicht wurde er inzwischen wirklich ein Bandit und Mörder.«
»Ist er das nicht?«, fragte ich skeptisch.