Ich widme dieses Buch meiner geliebten Schwester Mirjam.
Wenn jemand eine starke Frau ist, dann sie. Ihre Aufopferung
für ihre Familie und Menschen in Not beeindruckt mich tief.
Mirjam, Du bist eine Frau nach dem Herzen Gottes.
Ich widme dieses Buch auch meiner Gemeinde in Gochsheim.
Eure Liebe und Freundschaft hat mein verletztes Herz geheilt.
Ihr habt mir ein Zuhause gegeben. Es ist nicht in Worte zu
fassen, was Ihr durch Euer Dasein für mich getan habt.
Ich liebe Euch alle.
Die meisten Namen sowie einige Ortschaften und
andere Details wurden aus Gründen der Sicherheit und des
Persönlichkeitsschutzes geändert.
Neuauflage by Damans Kofmehl © 2019
Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt.
ISBN: 9783749464043
Vorwort
Spbille
Ich will raus hier!
Laura
Alles für den nächsten Kick
Judit
Wenn alles zerbricht
Brigitte
Und dennoch vertraue ich
Das Gleichnis von der Boje
Seid stark, Frauen! So habe ich dieses Buch genannt, und das möchte ich jeder Frau zurufen, die diese Zeilen liest. Sei stark!
Als Mose gestorben war und Josua in seine Fußstapfen treten sollte, hat Gott Josua eben diesen Satz gesagt: Sei stark! Die Verantwortung für ein ganzes Volk zu übernehmen, war immens. Aber Gott hat Josua ermutigt, stark zu sein. Und er sagte es nicht nur einmal, er sagte es gleich dreimal, damit Josua es wirklich kapiert:
«Dein Leben lang wird niemand dich besiegen können. Denn ich bin bei dir, so wie ich bei Mose gewesen bin. Ich lasse dich nicht im Stich, nie wende ich mich von dir ab. Sei stark und mutig! ... Sei mutig und entschlossen! ... Ja, ich sage es noch einmal: Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern, und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst» (Josua 1,5-7 und 9).
Ich habe dieses Buch geschrieben, um dir Mut zu machen. Ich habe diese vier Frauen ausgewählt, damit du an ihrem Beispiel sehen kannst: Egal, was passiert, egal, welcher Sturm in deinem Leben tobt, aus eigener Schuld oder unverschuldet, egal, wie düster die Situation aussieht, in der du gerade stehst - es gibt Hoffnung. Jesus wird mit dir da durchgehen. Darum sei stark, hab keine Angst, sei mutig und entschlossen und lass dich nicht einschüchtern. Denn der Herr, dein Gott, ist bei dir, wohin du auch gehst.
Damaris Kofmehl
Alles oder nichts
Unsere Flucht war bis ins kleinste Detail vorbereitet. Wir hatten niemanden eingeweiht, nicht einmal unsere Eltern. Wahrscheinlich hätte sonst mein Papa seinen Job als Abteilungsleiter verloren. Stattdessen brachen mein Mann, mein fünfjähriger Sohn und ich am 9. September 1988 Richtung Grenze auf. Wir wollten die DDR über die Tschechoslowakei verlassen und von dort in den Westen fliehen. Das war der Plan.
Je näher wir an jenem Freitag der tschechoslowakischen Grenze kamen, desto mulmiger wurde mir zumute. Was, wenn die Grenzwächter Verdacht schöpften? Wir hatten kaum Gepäck dabei, nur einen Rucksack und die wichtigsten Papiere. Einmal hatten Polizisten an der tschechoslowakischen Grenze das Motorrad meines Bruders auseinandergenommen, weil sie glaubten, wir würden Drogen schmuggeln. Nicht auszudenken, was geschehen würde, falls sie heute ebenfalls auf die Idee kämen, uns herauszuholen. Spätestens wenn sie den Bolzenschneider in unserem Kofferraum entdeckten, wäre die Sache gelaufen.
Meine einzige Hoffnung war, dass sie sich von unserem kleinen, goldigen David derart ablenken ließen, dass sie uns einfach durchwinken würden, so wie letztes Mal, als wir in Tschechien Urlaub machten. Tschechen sind sehr kinderlieb. Das wusste ich, und das war auch mit ein Grund, warum mein Mann und ich uns entschieden hatten, über die Tschechoslowakei nach Westdeutschland zu fliehen - und nicht direkt von der DDR aus.
Obwohl wir vorher mit niemandem so konkret darüber geredet hatten, wussten wir von Westdeutschen, dass die deutsch-deutsche Grenze sehr gefährlich war, mit Tellerminen bestückt, mit scharfen Hunden und Grenzwächtern, die nicht zögerten, Flüchtige wie Freiwild abzuschießen. Von der tschechisch-deutschen Grenze war uns dies nicht bekannt. Wenn wir also lebend im Westen ankommen wollten, dann mussten wir es über einen tschechisch-deutschen Grenzabschnitt versuchen.
Wir rollten mit unserem Auto an die Grenze, mein Mann kurbelte die Scheibe herunter, und ein uniformierter Polizist nahm unsere Ausweise entgegen. Mein Herz klopfte wild.
«Wie lange bleiben Sie in der Tschechoslowakei?»
«Drei bis vier Tage», sagte Paul ruhig.
Der Polizist ließ seinen Blick über unsere kleine Familie gleiten und betrachtete David auf dem Rücksitz, der mit seinen blonden Locken und seiner großen Plüsch-Mickymaus im Arm einfach zum Knuddeln aussah.
«Muss der Kleine nicht zur Schule?», fragte er.
«Er ist noch im Kindergarten», antwortete ich wahrheitsgetreu, während ich mich bemühte, mir meine innere Nervosität nicht anmerken zu lassen. Der Tscheche blätterte in unseren Ausweisen, ohne eine Miene zu verziehen. Dann reichte er meinem Mann die Papiere zurück und nickte uns freundlich zu.
«Gute Fahrt.»
Ich atmete innerlich auf. Die erste Hürde war geschafft. Wir waren in der Tschechoslowakei. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Mein Name ist Sybille Cramer. Zu dieser Zeit war ich 26 Jahre alt, und drei Monate zuvor hätte ich es mir noch nicht mal träumen lassen, dass ich jemals etwas so Gewagtes tun würde. Bis vor drei Monaten führte ich ein stilles, bescheidenes Leben, wie man es von einer braven DDR-Bürgerin eben erwartete. Mit zwanzig wurde ich glückliche Mutter und heiratete. Paul, mein Mann, arbeitete im selbständigen Betrieb seines Vaters als Automechaniker. Und ich arbeitete als Büroangestellte in einem Hotel. Nichts Aufregendes. Unser Alltag war grau in grau. Das Einzige, was Farbe in unser Leben brachte, war unser gemeinsames Hobby, und dieses Hobby war es auch, das letztlich den Startschuss für unsere wahnwitzige Flucht gab.
Paul und ich rüsteten alte Motorräder auf und nahmen an Rallyes in der ganzen DDR teil. Das war eine tolle Sache. Das aufgemotzte Motorrad auf dem Anhänger fuhren wir mit unserem Trabi zu jedem Rennen. Mein Mann nahm an den Parcours für Motorräder teil, und ich fand immer irgendwo ein Plätzchen in einem Oldtimerauto. Am Abend gab es dann jeweils eine Siegerehrung, leckeres Essen und Tanz. Es war ganz nett, und wir lernten eine Menge interessanter Leute kennen.
Ein Mann, mit dem wir uns bei einem dieser Treffen anfreundeten, war Pierre Winterkorn. Pierre kam aus dem Westen, aus Essen, und mit seiner Hilfe ersteigerten wir ein wunderschönes englisches Ariel-Motorrad und wurden darüber hinaus Mitglieder im englischen Ariel-Club. Von nun an erhielten wir regelmäßig Post aus England. Wir wurden über sämtliche Clubaktivitäten informiert, und es gab mir jedes Mal einen Stich ins Herz, dass wir nicht dabei sein konnten.
Wir saßen in einem Überwachungsstaat fest und hatten keine Möglichkeit, jemals von hier wegzukommen, auszubrechen, die Welt zu sehen, etwas anderes zu tun, als immer und immer wieder dieselben Rallye-Strecken abzufahren, dieselben Leute zu treffen, zur selben Musik zu tanzen. Wir drehten uns im Kreis, und ich ertappte mich immer öfter bei dem Gedanken: Kommt da eigentlich nichts Neues mehr dazu? Die Enge der DDR machte mir je länger, je mehr zu schaffen.
Unter der Woche arbeiteten wir 45 bis 48 Stunden, und wenn wir mal an einem Wochenende zusammen fortgehen wollten, kehrten wir meist ziemlich frustriert wieder nach Hause zurück. In die Disco, die um acht Uhr öffnete, kam man höchstens rein, wenn man schon um vier Uhr nachmittags anstand. Und in die wenigen Restaurants kam man entweder gar nicht rein, oder man kam rein, setzte sich, suchte sich ein Menü aus, und bevor man seine Bestellung überhaupt aufgeben konnte, hieß es:
«Es tut uns leid. Küchenschluss.»
Küchenschluss war bereits um neunzehn Uhr. Tja. So war das. Es war schlimm, wirklich schlimm. Man konnte höchstens selbst eine Party organisieren, und das konnte wiederum nur, wer eine eigene Wohnung hatte. Ansonsten gab es nicht viele Freizeitangebote. Es war schon oft zum Verzweifeln für uns junge Menschen. Und sich darüber aufregen konnte man auch nicht, denn man wusste ja nie, wer bei der Stasi war und wer nicht.
Das Einzige, was man tun konnte, war, alles geduldig zu ertragen und so zu funktionieren, dass man nirgends aus der Reihe tanzte. Sechsundzwanzig Jahre meines Lebens hatte ich damit verbracht, nicht aus der Reihe zu tanzen, hatte mir nie was zuschulden kommen lassen, hatte das gesagt und getan, was man von mir erwartete. Doch der Schrei nach Freiheit wurde immer lauter in mir, auch in meinem Mann. Wir wollten raus aus dieser Enge, raus aus dieser Zwangsjacke, in der man sich nicht entfalten konnte, raus aus diesem Staat, wo alles so kontrolliert und eingegrenzt war.
Wir wollten raus. Aber wie? Eine Flucht kam nicht in Frage. Zu viele Risikofaktoren. Und einen Ausreiseantrag zu stellen war ebenfalls keine gute Idee.
Wer den offiziellen Weg wählte, um aus diesem Land zu kommen, der war sowieso abgestempelt, der war das schwarze Schaf in der Gesellschaft, dem wurde das Leben zur Hölle gemacht. Leute, die einen Ausreiseantrag stellten, verloren ihre Arbeit und konnten höchstens noch auf dem Friedhof arbeiten oder als Hilfsarbeiter. Das hatten wir miterlebt bei unsern Nachbarn, die einen Stock über uns wohnten. Die hatten jahrelang auf gepackten Koffern gesessen. Und das meine ich wörtlich. Denn jeden Tag konnten sie den Bescheid kriegen, sie dürften jetzt rüber. Und wenn dieser Tag kam, mussten sie vorbereitet sein. Denn die Ausreisegenehmigung war nur lausige vierundzwanzig Stunden gültig, und würden sie es nicht innerhalb dieses einen Tages schaffen, sämtliche Behörden aufzusuchen, um sich auf allen Ämtern und Büros offiziell abzumelden, um dann mit allen nötigen Stempeln rechtzeitig an der Grenze zu sein, dann wäre die Genehmigung schon wieder ungültig und sie müssten einen neuen Antrag stellen. So war das.
Paul und ich wollten auf keinen Fall durchmachen, was unsere Nachbarn durchgemacht hatten. Die mussten immer gewappnet sein, konnten nicht in den Urlaub, konnten nie groß weg. Sie hatten kaum noch Möbel und auch kein Auto mehr, um keine Zeit mit dem Verkauf zu verlieren, wenn es so weit war. Die Frau ging schon gar nicht mehr aus dem Haus, um den Bescheid nicht zu verpassen. Sie kam höchstens mal zu uns ins untere Stockwerk. Ansonsten war sie einfach nur noch zu Hause, zwischen gepackten Koffern, zwischen Hoffnung und Ungewissheit.
Irgendwann, nach jahrelangem Warten, wurde die Familie dann tatsächlich nach Westberlin abgeschoben. Da haben wir geweint, als sie uns aus dem Taxi, das sie abholte, zuwinkten. Sie hatten es geschafft, und wir waren immer noch hier. Und wir wären wohl auch immer hiergeblieben, hätte nicht Pierre Winterkorn den Stein ins Rollen gebracht. Und das kam so:
Es war auf einem Campingplatz in der Tschechoslowakei. Die Tschechoslowakei war nebst Polen das einzige Land, wo man kein Visum für die Einreise brauchte, daher verbrachten wir öfter mal unsere Ferien dort. Pierre hörte, dass wir im Urlaub waren, und kam spontan aus der BRD mit seinem Motorrad auf einen Besuch vorbei. Wir unterhielten uns über dieses und jenes, und plötzlich sagte er völlig überraschend:
«Also, wenn ihr rüberwollt, ich könnte euch helfen. Ich kenne den Grenzverlauf. Ich kann euch die nötigen Infos besorgen, die ihr braucht, um von der Tschechoslowakei in den Westen zu kommen.»
Mein Mann und ich waren gleich Feuer und Flamme. Pierre nahm uns auf einen Zeltplatz mit und erklärte uns, wie wir es von hier aus sehr einfach zu Fuß bis direkt an die Grenze schaffen würden.
«Ich helfe euch», sagte er. «Und ich weiß auch schon, wie.»
Wir kehrten in die DDR zurück, und eines Tages erhielten wir tatsächlich Post von Pierre. Es war ein kleines Paket, und in dem Paket befand sich eine größere Bonbondose. Natürlich war es keine richtige Bonbondose. Pierre hatte sie so präpariert, dass niemand Verdacht schöpfen konnte. Die Dose war richtig zugeschweißt und ließ sich nur mit einem Büchsenöffner öffnen. Als wir sie endlich aufkriegten, staunten wir nicht schlecht: In der Büchse befand sich eine Landkarte. Aber es war nicht irgendeine Landkarte. Es war eine topographische Karte jenes Grenzabschnitts, den Pierre uns aus der Ferne gezeigt hatte.
Die Karte war von 1965, aber noch immer korrekt und extrem detailliert. Sie zeigte nicht nur sämtliche Geländeformen, Höhenkurven, Straßen- und Bachverläufe, sondern auch die exakte Grenzbeschaffung, wo die Grenze verläuft, wie der Grenzzaun angeordnet ist, wo sich die einzelnen Grenzposten befanden und sogar wo die Grenzwächter mit ihren Autos Kontrolle fuhren. Wie auch immer Pierre an diese Karte gekommen war, etwas Besseres hätte er uns nicht zuspielen können. Es war unglaublich. Die Eintrittskarte in die große Welt lag direkt vor uns. Ob es tatsächlich möglich war, diese Grenze unbemerkt zu betreten und zu überwinden? Ob wir es schaffen konnten?
Und so begannen wir uns auf unsere große Flucht vorzubereiten. Wir sagten niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen. Wir haben uns still und heimlich vorbereitet, ohne dass jemand etwas davon mitkriegte. Als Erstes begannen wir, alles, was irgendwie mit dem Westen zu tun hatte, wegzuwerfen oder zu verbrennen. Alles musste raus, damit die Stasi nichts finden würde.
Dann überlegten wir uns, wie wir unseren kleinen David mitnehmen sollten. Für uns stand von Anfang an fest, dass er mitkam. Er gehörte zu uns, wir waren eine Familie und würden ihn auf keinen Fall zurücklassen. Aber er war erst fünf, und laut Karte mussten wir doch ein ziemliches Stück zu Fuß zurücklegen und sogar einen kleinen Fluss überqueren. Das würde der Kleine nicht schaffen. Einer von uns musste ihn folglich irgendwie tragen.
Also kaufte ich beim Jagdausstatter einen Rucksack und schnitt unten zwei Löcher hinein, durch die er dann die Beine durchstecken konnte. Dann kaufte ich uns Trainingsanzüge und deckte alles, was metallisch war und das Licht reflektierte, mit Klebeband ab, damit die Grenzwächter uns mit ihren Nachtsichtferngläsern nicht entdecken würden. Wir besorgten uns ein Infrarotfernglas, zudem einen Bolzenschneider, zwei Taschenlampen, ein Buschmesser, eine Menge Vitamintabletten und Pfeffer, damit die Suchhunde unsere Spur nicht finden würden.
Als Nächstes begannen mein Mann und ich mit einem intensiven Fitnessprogramm. Fast jeden Tag gingen wir im Wald trainieren, liefen über Stock und Stein, bergauf, bergab, um topfit zu sein für den 9. September. Das war unser Stichtag, und wir hatten nur drei Monate Zeit, um uns auf diesen Tag vorzubereiten.
Ungeahnte Hindernisse
Und dann war es so weit. Mit nichts weiter als unserer Ausrüstung und unseren Dokumenten und dem kleinen Reisegepäck fuhren wir in die Tschechoslowakei, quer durch das ganze Land bis fast nach Österreich hinunter. Wo laut topographischer Karte die Tschechoslowakei, Österreich und Westdeutschland aufeinandertrafen, befand sich ein circa anderthalb Kilometer breiter Streifen Niemandsland, eine Schutzzone zwischen den Ländern, und genau da mussten wir durch.
Unterwegs übernachteten wir in einem Hotel, da die Strecke zu weit war, um sie an einem Tag zurückzulegen. Erst an diesem Abend weihten wir unseren Sohn in unseren Plan ein. Wir hatten ihm absichtlich vorher nichts erzählt, damit er sich nicht aus Versehen verplappert. Natürlich bekam ich in der Nacht kein Auge zu. Und am nächsten Morgen hatte ich keinen Hunger und nur ein flaues Gefühl im Magen. Wenn das nur gutging. Natürlich hätten wir auch jederzeit umkehren und in die DDR zurückfahren können. Aber das wollten wir nicht. Wir wollten die Flucht schaffen!
Die Stelle, von wo wir zu Fuß weitergehen mussten, erreichten wir am Nachmittag. Das Auto parkten wir am Straßenrand und montierten einen Reifen ab, damit es so aussah, als hätten wir eine Panne. Den Autoschlüssel legten wir in den Auspuff. Sobald wir im Westen wären, wollten wir unsere Schwägerin benachrichtigen, damit sie das Auto abholen könnte. Wir hatten in Pauls Werkstatt extra einen Plan hinter einem Bild versteckt, damit sie das Auto auch fände, bevor die Stasi es als Beweismaterial beschlagnahmen würde. Wir hatten wirklich versucht, an alles zu denken.
Und so stiefelten wir mit unseren Rucksäcken los, als wären wir nichts weiter als einfache Wanderer. Ich trug ein schwarzes Kopftuch und schwarze Kleidung, schwarze Schuhe und schwarze Handschuhe. Auch mein Mann war vollständig in Schwarz gekleidet. Die Gegend war menschenleer. Es war eine wunderschöne, unberührte Wildnis, aber wir hatten keine Zeit, die Natur zu genießen.
Es war schon eigenartig. Ob wir es wohl schaffen?, überlegte ich die ganze Zeit. Wir wollten es schaffen, Paul und ich, wir wollten in den Westen. Aber ob es uns wirklich gelingen würde, das wussten wir nicht. Und was genau mit uns passieren würde, falls sie uns schnappten, das wussten wir auch nicht. Wir hatten ja mit niemandem darüber geredet, wir wussten nicht, ob es viele gab, die wie wir versuchten, über die Grenze zu flüchten. Wir wussten auch nicht, ob die Stelle, die wir gewählt hatten, eine Stelle war, an der schon viele ihr Glück versucht hatten. Wir wussten nur, dass wir da rüberwollten. Egal, wie viele Hürden es unterwegs zu überwinden galt.
Die erste Hürde kam schon nach den ersten hundert Metern: Dort, wo auf der Karte ein Weg eingezeichnet war, der uns zum Fluss führen sollte, lagen lauter umgestürzte und umgeknickte Bäume auf dem Waldboden. Es roch nach frischer Rinde und nasser Erde. Offenbar hatte hier vor wenigen Tagen ein Orkan gewütet.
«Na prima», meinte Paul. «Und wie kommen wir jetzt zum Bach?»
Der Weg war fast vollständig mit riesigen Baumstämmen zugedeckt und kaum noch zu erkennen. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Es war siebzehn Uhr.
«Ich hoffe, wir schaffen es, bevor es dunkel wird», sagte ich. Im September wurde es ja schon um acht Uhr dunkel, und in der Dunkelheit würde es viel schwieriger sein, sich zu orientieren. Aber noch war es hell, und wir marschierten zielstrebig los, kletterten über die umgestürzten Bäume und versuchten, den schmalen Pfad nicht aus den Augen zu verlieren in dem Schlachtfeld von entwurzelten Bäumen.
Nach einiger Zeit erreichten wir das, was wir fälschlicherweise als Bach bezeichnet hatten. Auf der Karte war es nur als dünner Strich eingezeichnet. Doch dieser dünne Strich entpuppte sich als ein wilder, reißender «Bach» von über zwei Meter Breite. Die Gegend hier war sehr bekannt für Wildwassersport, und als ich vor diesem Gewässer stand, wusste ich auch, warum. Das Tosen des Stromes war so laut, dass wir uns richtig anschreien mussten, um unser eigenes Wort zu verstehen. Irgendwie mussten wir da rüber, so viel stand fest. Normalerweise würdest du das nicht schaffen. Unmöglich. Der Bach war viel zu breit, und die Strömung zu stark, um hinüberzuschwimmen.
Doch in Extremsituationen neigen wir Menschen ja dazu, erstaunliche Kräfte zu entwickeln. Mit einem gewaltigen Sprung setzte ich über den Bach. Paul warf mir David zu, als wäre er leicht wie eine Feder, und zum Schluss sprang auch er einem Puma gleich über das Wildwasser. Hürde Nummer zwei war bewältigt. Doch uns war klar, dass uns der harte Teil erst bevorstand. Noch waren wir in der Tschechoslowakei. Noch hatten wir den Grenzzaun nicht erreicht. Noch waren wir nicht im Westen.
Wir liefen rasch, sahen uns immer um, ob niemand in der Nähe war, und eilten weiter über Stock und Stein, querfeldein durch den leicht ansteigenden Wald. Um rascher voranzukommen, setzten wir David nun in den Rucksack, den wir extra für ihn präpariert hatten.
Es begann schon zu dämmern, als wir eine breite Straße erreichten. Falls unsere Berechnungen stimmten, befanden wir uns exakt in der Mitte von zwei Grenzposten, was unsere Chance vergrößerte, nicht entdeckt zu werden. Wir hörten, wie sich von rechts ein Auto näherte, und duckten uns rasch hinter den Büschen. Ein militärischer Geländewagen fuhr an uns vorbei, ohne uns jedoch zu sehen.
Wir warteten, bis die Luft rein war, dann überquerten wir die Straße eilends. Ich riss mein erstes Pfefferpäckchen auf und begann hinter uns Pfeffer zu streuen, damit die Spürhunde unseren Geruch nicht aufnehmen konnten. Nicht weit hinter der Kontrollstraße befand sich ein Graben, der mit Wasser und Schlamm gefüllt war. Er war leicht zu überwinden. Dann kam ein Rollstacheldrahtzaun, den wir beinahe übersehen hätten. Er war wohl absichtlich so gut getarnt, damit Eindringlinge sich darin verfangen würden und geschnappt werden könnten.
Wir übersprangen das letzte Hindernis, und jetzt standen wir vor dem ersten Grenzzaun. Und da bekam ich doch etwas weiche Knie. Es war ein drei Meter hoher Zaun, der oben ins tschechische Landesinnere gebogen und mit Stacheldraht versehen war.
Pierre hatte uns gesagt, der Grenzzaun wäre ein Maschendraht, den man leicht mit einem Bolzenschneider durchtrennen könne. Wir hatten sogar vorher extra in einer Schonung ausprobiert, wie man einen Maschendrahtzaun anknipst und abwickelt, um möglichst rasch hindurchzukriechen. Doch das hier war kein Maschendrahtzaun. Nein, das war es nicht. Es war ein Zaun, der aus lauter dicken und dünnen, doppelt gezogenen, eng aneinandergereihten Alarmkabeln bestand! Und damit nicht genug: Gleich hinter dem Zaun, nach einem vielleicht zwei Meter breiten, ordentlich gerechten Sandstreifen, befand sich gleich nochmals so ein Mordsding. Mir sank der Mut.
«Was machen wir denn jetzt?», flüsterte ich Paul zu und sah ihn fragend von der Seite an. Sobald wir auch nur ein einziges dieser Kabel durchschnitten, würde automatisch Alarm ausgelöst. Damit hatten wir nicht gerechnet. Hätten wir gewusst, was für ein Zaun uns erwartete, hätten wir eine Strickleiter mitgebracht, um obendrüber zu klettern.
Ich hatte Angst. Wir waren nicht weit von der Kontroll-Straße entfernt und fürchteten, jeden Moment von patrouillierenden Grenzwächtern entdeckt zu werden.
«Warten wir, bis der nächste Kontrollgang durch ist», schlug mein Mann vor. «Das gibt uns mehr Zeit.»
Geduckt huschten wir zurück, sprangen über den Rollstacheldraht, über den Wassergraben, eilten über die Straße und versteckten uns wieder im selben Gebüsch. Dann warteten wir, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Langsam kroch die Dämmerung herauf. Es wurde immer dunkler. Als die nächste Patrouille vorbei war, blieben wir noch eine Weile in unserem Versteck, dann rannten wir los, setzten zum dritten Mal über den Wassergraben, den Rollstacheldraht, und als wir den ersten Zaun erreichten, war es schon stockdunkel. Paul nahm den Bolzenschneider und begann hastig, ein Kabel nach dem anderen zu durchtrennen.
Ich lauschte, ob ich den Alarm hören konnte, doch es blieb alles still. Mein Mann schnitt drei, vier Kabel durch und hob sie so weit hoch, dass David und ich gerade eben hindurchkriechen konnten.
«Los, auf! Durch mit euch! Hopp!», raunte Paul uns zu.
Jetzt standen wir in dem Sandstreifen zwischen den beiden hohen Grenzzäunen, und ich sah besorgt auf die Spuren, die wir in dem feinen Sand hinterließen.
«Mach schnell!», sagte ich und trat nervös von einem Bein aufs andere.
Mein Mann zwängte sich durch die Lücke im ersten Zaun und machte sich unverzüglich am zweiten Zaun zu schaffen. Wieder schlüpften wir hindurch, nahmen unsern David in die Mitte, und dann begannen wir zu laufen. Wir liefen so rasch wir irgend konnten. Vor lauter Hektik, Angst und Aufregung vergaß ich, weiterhin Pfeffer hinter uns zu streuen, um unsere Geruchsspuren zu verwischen. Aber in diesem Moment hatte ich nur noch eines im Kopf: Weg von hier! Bloß weg! Rüber in den Westen!
Der Wald war jetzt weniger dicht, dafür war der Boden so uneben, dass wir mehr herumstolperten, als wirklich vorwärts zu kommen. Ständig stieß ich mit meinen Knöcheln an irgendwelche Wurzeln oder verfing mich in schmerzhaften Dornengestrüppen. Meine Füße waren schon ganz wund und zerkratzt, aber ich kümmerte mich nicht darum. Unser Ziel war zum Greifen nah. Um meine blauen Knöchel konnte ich mich kümmern, wenn ich im Westen war.
Im Westen! Allein die Vorstellung verlieh mir neue Kräfte. Wir rannten über eine offene Wiese, dann kam wieder ein Stück Wald, und dann, dann sahen wir die ersten Lichter im Westen. Wir standen vor einem flachen Abhang mit viel Gestrüpp und vereinzelten Bäumen. Und dort unten in der dunklen Nacht leuchteten uns die Lichter einer kleinen Stadt entgegen. Die Entfernung war schwer zu schätzen, es waren bestimmt noch zwei bis drei Kilometer bis zu dieser Ortschaft. Aber wir konnten sie sehen! Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Wir haben es geschafft!, dachte ich. Wir sind im Westen! Wir sind da!
In diesem Moment hörten wir hinter uns Hundegebell. Sie waren uns auf den Fersen. Durch den Alarm informiert worden, hatten die Grenzwächter unsere Verfolgung aufgenommen. Wir hörten das Bellen eines Hundes und konnten durch die Bäume hindurch das Licht von Taschenlampen sehen. Gelähmt vor Angst blieben wir einfach nur stehen und waren für einen Moment unfähig, klar zu denken.
«Wir müssen uns verstecken!», sprach mein Mann schließlich aus, was mir ebenfalls spontan durch den Kopf geschossen war. Und noch etwas anderes schoss mir durch den Kopf: der Pfeffer! Warum hatte ich bloß aufgehört, Pfeffer zu streuen?! Der Pfeffer hätte uns retten können! Ich hatte nicht lange Zeit, mich über mein Missgeschick zu ärgern. Wir hatten im Moment ganz andere Sorgen.
«Da lang!», flüsterte Paul und wandte sich nach links. Wir stolperten den Abhang hinunter und fanden eine Grube, die groß genug war, dass wir uns darin verstecken konnten. Sie war voller Dreck und matschiger Erde, aber gut geschützt mit allerlei Sträuchern und Wurzeln und einem umgefallenen Baum, der quer über der Mulde lag. Wenn wir Glück hatten, würden die Grenzwächter an uns vorbeiziehen. Vielleicht, wenn wir uns ganz ruhig verhielten, würden sie uns nicht finden. Vielleicht ...
Zitternd klammerten wir uns aneinander, während wir hörten, wie das Hundegebell immer näher kam. Jetzt hörten wir ihre Stimmen, sie waren schon ganz dicht bei uns. Äste knackten, und dann kläffte der Hund laut und blieb direkt über uns stehen. Wir saßen in der Falle. Der Hund hatte uns aufgespürt. Wir wussten, dass es sinnlos gewesen wäre, Widerstand zu leisten. Es war aus.
Erwischt
«Hoch!», befahl uns eine scharfe Männerstimme. Wir krabbelten auf allen vieren aus der Mulde und ergaben uns. Kaum tauchte Davids dreckverschmiertes Gesichtchen über der Grube auf, begann der Spürhund ihn freudig abzulecken, als hätte er dem Kleinen das Leben gerettet. Unglaublich. Wären wir über die deutsch-deutsche Grenze geflüchtet, hätten uns deren Spürhunde wohl eher zerfleischt.
Auch die tschechoslowakischen Grenzwächter waren humaner, als ich es erwartet hätte. Es waren vier Männer mit Maschinenpistolen. Sie sprachen kein Deutsch, aber das war auch nicht nötig, um uns zu durchsuchen. Sie nahmen uns den Rucksack ab, und mein Mann musste sich mit gespreizten Beinen, die Hände hinter dem Kopf, hinstellen, damit sie ihn nach Waffen abtasten konnten. Als sie das Buschmesser bei ihm fanden, begannen sie heftig miteinander zu diskutieren und stellten Paul ein paar Fragen auf Tschechisch, die er natürlich nicht verstand. Ich sah meinem Mann an, wie nervös er war. Mich und David ließen sie erstaunlicherweise in Ruhe. Dann gaben sie uns mit ihren MPs einen Wink, nahmen uns in die Mitte und brachten uns zurück zu ihrem Grenzposten.
Ich hatte keine Ahnung, was jetzt mit uns passieren würde. Ich hielt einfach meinen Sohn fest und versuchte, ruhig zu bleiben. Die Männer führten uns durch zwei riesige Tore, die groß genug für einen Panzer waren. Wir erreichten dieselbe Straße, die wir bereits dreimal überquert hatten. Unter Bewachung musste ich mich mit David am Straßenrand hinsetzen, während Paul einen Steinwurf weit von uns weggeführt wurde, damit wir uns nicht mehr absprechen konnten.
Die Straße war beleuchtet, und ich sah, wie sich mein Mann mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken, hinstellen musste wie ein entflohener Sträfling.
Nach einer Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, erschien ein strammer Beamter, der sich Paul in gebrochenem Deutsch vorknöpfte. Obwohl sie viele Meter von uns entfernt waren, konnte ich ihre Unterhaltung dennoch mitverfolgen.
«Wo kommen Sie her?», fragte der Beamte.
«Aus der DDR», antwortete mein Mann wahrheitsgetreu.
Der Beamte schien ihm nicht zu glauben. «Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen. Sie sind aus dem Westen.»
«Nein. Wir sind aus dem Osten», wiederholte mein Mann verwirrt. Auch ich war verwirrt. Wie kam der bloß auf die Idee, wir wären aus dem Westen? Er hatte doch unsere Pässe.
«Diese Pässe sind gefälscht», sagte der Tscheche und wedelte mit unseren Ausweisen vor Pauls Gesicht herum. «Wir wissen genau, dass sie gefälscht sind. Geben Sie es endlich zu, der Westen hat Sie als Spione gesandt.»
«Wir sind keine Spione!», antwortete Paul energisch. «Wir wollten rüber in den Westen.»
«Und was ist das hier?» Der Beamte zog die topographische Karte hinter dem Rücken hervor. Sie war ganz zerknittert und schmutzig. «Wie kommen Sie in den Besitz einer solchen Karte? Können Sie mir das mal verraten?»
Mein Mann schwieg, und der Tscheche interpretierte sein Schweigen als Geständnis.
«Sie sind Spione», wiederholte der Beamte seine absurde Theorie. «Wären Sie aus dem Osten, hätten Sie keine derartige Karte bei sich. Zudem ist es nicht möglich, so weit ins Niemandsland einzudringen. Das hat noch nie jemand geschafft. Wenn wir Sie erst mal der DDR ausgeliefert haben, wird es wahrlich nicht gut für Sie aussehen. Das können Sie mir glauben.»
Mein Mann schüttelte nur den Kopf und beteuerte immer und immer wieder, dass wir DDR-Bürger wären und versucht hätten, über die Tschechoslowakei in den Westen zu fliehen. Aber der Grenzbeamte schien sich seine Meinung bereits gebildet zu haben.
«Nennen Sie uns Ihre Kontaktleute. Wer hat dies für Sie geplant?»
«Niemand», versicherte Paul, und ich konnte auch aus dieser Entfernung spüren, dass mein Mann langsam die Nerven verlor. Er hatte Angst. Er hatte Angst vor dem, was uns bevorstehen würde, falls man uns tatsächlich Spionage anhängen wollte. Und da packte er aus. Er erzählte alles, er verriet ihnen jedes Detail unserer Flucht. Er sagte, wo wir unser Auto abgestellt hatten und dass der Schlüssel im Auspuff lag. Er sagte, woher wir kamen, wo wir gewohnt hatten.
Er sagte einfach alles. Und jetzt schienen sie uns zu glauben. Nachdem sie alles in Erfahrung gebracht hatten, was sie wissen wollten, führten sie meinen Mann ab, und derselbe Beamte, der meinem Mann ein volles Geständnis entlockt hatte, kam nun auch zu mir herüber und durchlöcherte mich mit Fragen. Er verhielt sich aber mir gegenüber sehr korrekt und versuchte auch nicht, mich einzuschüchtern, wie er es bei Paul getan hatte. Er holte sogar die große Mickymaus aus dem Rucksack und gab sie David zum Spielen. Ich jubelte innerlich, als er das tat. Denn was er nicht wissen konnte, war, dass ich die Mickymaus präpariert hatte. Ich besaß eine kleine Porzellanfigur, eine zarte Gärtnerin, die ich unbedingt mit in den Westen nehmen wollte. Es war ein Erbstück aus teurem Meißner Porzellan und bedeutete mir sehr viel. Also hatte ich die Figur mit Schaumgummi umnäht, die Plüsch-Mickymaus aufgeschnitten und die zerbrechliche Gärtnerin darin versteckt. Wie es schien, hatte meine Technik funktioniert. Die Porzellanfigur war erst mal in Sicherheit.
«Wissen Sie, was mit Ihnen geschieht, wenn wir Sie drüben der Stasi übergeben?», fragte mich der Beamte, nachdem er sich ein Bild von unserer Situation gemacht hatte.
«Nein», sagte ich, «das wissen wir nicht. Wir kennen niemanden, der so was schon mal durchgemacht hat.»
Der Beamte nickte und sah mich sehr ernst an, nicht böse, eher aufrichtig besorgt. «Wissen Sie, dass Republikflucht schwerer angerechnet wird als drei Morde?»
Ich hatte es nicht gewusst. Es klang nicht gerade ermutigend.
«Es wird nicht einfach werden, Frau Cramer. Sie müssen sich auf einiges gefasst machen.»
Ich schluckte und merkte, wie mir ganz heiß wurde, als er das sagte. Irgendwie werden wir das schon schaffen, dachte ich. Er will mir bloß Angst einjagen. Aber innerlich spürte ich, dass er die Wahrheit sagte.
Man brachte uns in eine Kaserne. Hier gab es eine erste Vernehmung, und ein Beamter nahm unsere Aussage zu Protokoll. Dann wurden wir abgeführt. Mein Mann musste die Nacht in einer schäbigen Kasernenzelle auf einer harten Metallpritsche verbringen. David und ich bekamen ein Zweimannzimmer, das von zwei bewaffneten Soldaten bewacht wurde. Im Gegensatz zu Paul hatten wir ein ordentliches Bett zum Schlafen, aber natürlich war mir nicht nach schlafen zumute. Was würde in der DDR auf uns zukommen? Auf mich, auf Paul, und vor allem auf den kleinen David? Würden wir jemals wieder eine Familie sein? Oder würde uns der Staat gewaltsam auseinanderreißen?
Am nächsten Morgen gab es ein abscheuliches Frühstück, bestehend aus einem Topf Milch und einer Art Mehlklumpen. Dann wurden wir in einen Geländewagen verfrachtet und in die nächstgelegene Stadt gefahren. Mein Junge und ich durften vorne sitzen, während mein Mann in Handschellen und mit einem Schäferhund hinten auf der offenen Ladefläche sitzen musste.
Wir durften nicht miteinander reden, und als sie uns in der Stadt ohne ein weiteres Wort trennten und in verschiedene Richtungen abführten, überkam mich ein seltsames Gefühl der Einsamkeit. Wir konnten uns nicht einmal voneinander verabschieden, noch wussten wir, ob wir uns jemals wiedersehen würden. Das war ziemlich hart, auch für unseren David, der ja noch viel zu klein war, um zu begreifen, was da eigentlich passierte. Ich war erstaunt, wie tapfer er sich hielt.
Man brachte meinen Sohn und mich auf einen Polizeiposten, wo ich erneut stundenlang verhört wurde. Danach wurden wir zu einem Hotel gefahren. Da wir noch einiges an tschechischen Kronen hatten, erlaubten uns die Beamten, zwei Nächte in einem Hotel zu verbringen. Es war Wochenende, und sie sagten uns, sie würden uns erst am Montag der Stasi übergeben. So lange mussten wir unter Polizeibewachung in dem Hotel bleiben und durften es unter keinen Umständen verlassen. Ein Polizist in Zivil war immer in der Nähe und behielt uns im Auge.
«Wenn Sie sich ruhig verhalten», so ermahnte er mich, «dann dürfen Sie und das Kind in dem Hotel bleiben. Sollten Sie jedoch versuchen abzuhauen, müssen wir Sie bis zur Auslieferung ins Gefängnis bringen wie Ihren Mann, und Ihr Sohn kommt für zwei Tage ins Kinderheim. Also, tun Sie nichts, um uns zu dieser Maßnahme zu zwingen!»
Es waren keine leichten zwei Tage. Wir durften uns zwar frei bewegen, lebten in einem schönen Hotel, hatten ein hübsches Zimmer mit Toilette und Blick in den Innenhof, und auch die Hotelküche war vorzüglich, aber natürlich konnte ich all diesen Luxus nicht genießen. Wie auch. In zwei Tagen würde ich der Stasi übergeben werden und ins Gefängnis kommen. Ich würde David verlieren und ihn für eine sehr lange Zeit nicht mehr sehen. Es brach mir das Herz, wenn ich daran dachte. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen. Was würde aus ihm werden, während ich im Gefängnis saß? Wie lange würden wir voneinander getrennt sein? Es war schon schlimm genug, nicht zu wissen, welches Schicksal meinen Mann oder mich erwartete. Aber zu wissen, dass ich nur noch zwei Tage mit meinem eigenen Kind verbringen konnte, bevor die Stasi es mir wegnehmen würde, das war unerträglich.