Die Zukunft des römischen Weltreiches liegt in seinen Händen
Rom, 180 n. Chr. In der Nacht, in der der Kaiser Marc Aurel ermordet werden soll, zieht Claudios Galenos Bilanz. Er ist einer der berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit, Leibarzt der Kaiser ebenso wie der Medicus der Gladiatoren und Sklaven. Blutige Kämpfe und tödliche Intrigen am Hof bestimmten sein Leben. Drei Frauen entfachten seine Leidenschaft. Doch keine vermochte ihn so zu bezaubern wie Lucilla, die Tochter des Kaisers Marc Aurel, die jetzt eine Entscheidung von ihm verlangt, von der die Zukunft des römischen Weltreichs abhängt …
Tessa Korbers epischer Roman über das gefährliche und wechselvolle Leben eines Medicus zwischen Intrigen und Wissenschaft in der furchtbaren und großartigen Welt des römischen Reiches.
Tessa Korber, geb. 1966 in der Pfalz, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Seit ihrem ersten Romanerfolg „Die Karawanenkönigin“ hat sie über zwanzig Romane geschrieben, einige davon unter Pseudonym, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Erlangen.
Der Medicus des Kaisers
Historischer Roman
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Digitale Neuausgabe
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Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Der Roman erschien erstmals im Pendo Verlag, Zürich, 2001.
Covergestaltung: © Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de unter Verwendung folgender Bilder: thinkstock: cosmin4000; shutterstock: Sandra IMA Louro
E-Book-Erstellung: Konrad Triltsch Print und digitale Medien GmbH, Ochsenfurt
ISBN 978-3-7325-2998-8
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Pergamon muss man an einem Herbsttag sehen, wenn der Himmel dunkelblau ist und die weißen Wolkenbänke so schnell über den Pindasos heranziehen, dass Licht und Schatten auf dem Marmor der Treppen und Terrassen ohne Unterlass wechseln. So schnell streift Hell auf Dunkel die Dächer und Säulen, dass man meinen könnte, es wären die Wolken, die stillstehen, und Pergamon auf seinem Berg würde sich bewegen, vom Wind vorangetrieben wie ein Schiff mit blendenden Segeln.
So kommt es einem vor, vor allem dann, wenn man sich auf die Brüstung der Theater-Terrasse geschwungen hat, die Füße in den Abgrund baumeln lässt und weit über den glitzernden Selinus und das grüne Tal dahinter blickt, denselben lachenden Wind um die Stirn, der drunten das Laub der Olivenbäume in silbernem Flirren bewegt und die Eichenwälder rauschen lässt.
Als Junge balancierte ich oft dort herum, gleich hinter dem Dionysos-Tempel, und sah hinunter auf die Stützmauern mit ihren Streben, die einen in die Tiefe zu saugen schienen. Hier und da kam der raue Fels zwischen dem glatten Mauerwerk hervor, löste es ab und unterbrach es, kleine, klammernde Pinienschösslinge auf seinen Buckeln tragend. An denen hielt sich mein Blick fest, wenn ich meinte zu schwindeln und zu fallen und zwei Terrassen tiefer blutig zwischen den Marmorstatuen aufzuschlagen. Trotzdem habe ich die Mutprobe meinen Freunden immer wieder vorgeführt, freihändig, johlend, Claudios, das verrückte Wunderkind.
Später dann schlenderte ich abends manchmal mit einem Mädchen hier vorbei und zog die gleiche Nummer ab, damit es heiße Wangen und einen fliegenden Atem bekäme und sich dann von mir küssen ließe. Doch, doch, das klappte erstaunlich oft. Aber die Momente davor allein auf der Brüstung, im Angesicht der zitternden Sterne und der dunklen Gebirgszüge im Mondlicht, schwarz vor der tieferen Schwärze der Nacht, sie waren wie Rausch und Flug, oft besser als alles, was danach kam.
Heute würde ich nicht mehr dort sitzen wollen. Nicht weil ich den Tod nicht herausfordern wollte, das habe ich als Arzt mein Leben lang getan, das ist mein Beruf. Nein, ich habe nur zu viele gesehen in den Arenen, die so mit ihm getändelt haben: lachend, wie ich, mit strömenden Pulsen, berauscht von seiner Nähe, und die er mitnahm, trotz ihres Lachens, ihrer Jugend, ihres Mutes und ihrer strotzenden Lebenskraft, genauso beiläufig und umstandslos wie jeden beliebigen anderen auch. Aus prächtigen Helden in Purpurroben wurden sie zu schmutzigen Fleischklumpen, und sie haben nichts zum Ausgleich dafür bekommen.
Auch Lucilla wird, als die Mörder kamen, mit demselben wütenden Mut ihrem Schicksal entgegengesehen haben, mit dem sie ihr ganzes Leben betrachtete. Und was bewirkte es? Nichts als dass wir uns nie wieder in den Armen liegen werden. Sie hing erdrosselt, wie man mir sagte, zwischen den Säulen einer Terrasse über dem Meer, dessen Brandung an diesem Tag ungewöhnlich friedlich gewesen sein soll, türkisfarbene Teiche, die Buchten unter dem Thymianduft der Hügel, und ihr stolzer Trotz, der Welt ihr Glück abzuverlangen, war Vergessenheit.
Und der Kaiser, dem ich nicht helfen konnte? Er spuckte Blut, verzieh selbst dem Wetter, starb wie ein echter Philosoph und war doch hinterher – nichts als tot.
Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, als jetzt, alter Narr, der ich bin, noch einmal das große Spiel zu wagen. Ave Cäsar, die Todgeweihten grüßen dich! Tritt in die Arena, du hast es doch zu Lebzeiten so gerne getan, und miss dich mit meiner Hinterlist! Falls ich verliere ... nun, ich werde sie klopfen hören, die Prätorianer, und der Becher steht hier neben mir bereit. »Schau, ohne festhalten, ohne festhalten?« So rief ich damals und wedelte mit den Händen. Ihr Götter, war der Himmel über Pergamon weit!
Nein, das Mädchen, das mir damals als Lohn für mein Kunststück statt der erwarteten Umarmung eine Ohrfeige gab, die meine Wange brennen ließ, hatte schon recht gehabt. Dennoch kann ich mich einfach nicht an ihren Namen erinnern.
Dabei sollte mir dieser Name unvergesslich sein; es war nämlich die letzte Nacht in meiner Heimat, als ich sie ausführte. Meine Ausbildung als Arzt war beendet, meine Lehrer lobten mich als seltene Begabung: Die Nachbarsburschen, die mir, dem Stubenhocker und Gelehrten, die Kindheit sauer gemacht hatten, sie waren jetzt schlichte Handwerker und Familienväter und verbeugten sich ehrerbietig, wenn ich ihre Läden betrat und etwa spezielle Messer für meine Operationen bei ihnen bestellte. Für sie, dachte ich manchmal, wenn ich sie sah, war das Beste bereits vorbei, ihre Jugend, in der sie die Könige der Straße gewesen waren. Für mich, da war ich sicher, sollte das Beste noch kommen. Und beinahe schämte ich mich dafür, dass es so war, und ich fragte mich, ob sie es auch so empfänden wie ich und ob ihre Demut mir und ihrem eigenen Leben gegenüber mit Wehmut oder gar Bitterkeit gemischt war. Hatten sie damals, als sie mich johlend über die steilen Treppen der Unterstadt hetzten, schon gewusst, dass ich unweigerlich der Herr sein würde und sie die Knechte? Dass der Spaß nur kurz währen würde?
Nun, mein Spaß sollte damals gerade erst beginnen! Morgen würde mich ein Wagenzug voller Pergament, dessen Herstellung meine Heimatstadt ihren Namen verdankte, an die Küste nach Elaia bringen, und von dort würden die Häute und ich uns ein Schiff nach Alexandria teilen, wo der berühmte Arzt Numisian lehrte. Ich hatte ihn in Korinth nicht angetroffen, aber in Ägypten würde ich ihn finden, sein Meisterschüler werden und seinen und meinen Ruhm in alle Welt tragen, dazu war ich fest entschlossen, auch wenn weder er noch die Welt etwas von ihrem kommenden Glück ahnten.
Mein Vater hieß meine Wahl gut; ein Arzt, der von sich sagen konnte, in Alexandria studiert zu haben, dem standen die Türen der vornehmen Welt offen. Noch einmal wiederholte er seine Mahnung, mich nicht zum Anhänger einer Schule zu machen, sondern kritisch meinen Geist zu bemühen allen Schulmeinungen gegenüber, woher sie auch kämen. Ich versprach ihm das mit völlig ruhigem Gewissen, hatte ich doch erst wenige Wochen vorher dem wandernden Arzt, der in der Säulenhalle des großen Gymnasions einen Vortrag hielt, kräftig und vor allen Leuten die Meinung gesagt. Allein die Bildtafeln, die er zur Demonstration über die Natur des Uterus dabeihatte, bewiesen, dass der Kerl noch nie mit eigenen Augen einen präparierten Unterleib gesehen hatte! Eine einzige Sektion hätte ihm verraten, dass die linke und die rechte Hälfte nicht unterschiedlich stark durchblutet waren und es also unsinnig war, aus der Platzierung des Fötus – er hielt die auf der stärker durchbluteten Seite für durchweg männlich – auf sein künftiges Geschlecht zu schließen. Die hinführenden Arterien nämlich ... aber ich will nicht abschweifen. Ich sprang also auf das Rednerpodium, drehte eine der Tafeln um und skizzierte mit wenigen Strichen, wie sich die Sache eigentlich verhielt. Der Mann ist noch am selben Tage abgereist.
Ich dagegen schrieb rasch ein Buch über das Thema und widmete es – obwohl sie nicht lesen konnte – meiner Amme Alkestis, ehe ich es später unserer berühmten Bibliothek übergeben ließ. Alkestis weinte Tränen über dieses Geschenk, die ich damals für Freudentränen hielt. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher.
Alkestis war die Amme unseres Stadtviertels. Und obwohl sie seine Sklavin war, ließ mein Vater sie frei schalten und erlaubte ihr auch, einen Teil des so verdienten Geldes für ihren Freikauf zu behalten. Obwohl ich mir nie vorstellen konnte, dass Alkestis uns freiwillig verlassen würde, sie war doch einzig für mich auf der Welt! Selbst als Mutter noch lebte, hielt ich mich lieber bei ihr in der Küche auf und folgte ihr überallhin auf ihren Geschäftsgängen in die Häuser der Frauen. Dort saß ich dann in den Vorzimmern der Gebärenden, im Kreis all der Nachbarinnen, die zu dem Anlass zusammengekommen waren, und lauschte ihren leisen Unterhaltungen über Frauenleiden und die Affären der Abwesenden, über Liebestränke und Erntezauber, um den sie Alkestis baten. Denn auch darauf verstand sich meine Amme. Wenn Vater stolz darauf war, dass seine Dienerin stets in blütenweißen Gewändern herumlief und so seinen eigenen Sinn für Reinlichkeit und Ordnung nach draußen trug, so hätte ich ihn leicht eines Besseren belehren können. Alkestis trug Weiß, wie alle Zauberinnen, nur weißes Leinen, weil Tieropfer wie Wolle oder Leder ihr nicht erlaubt waren. Sie übte ihr Amt barfuß aus, wie es sein musste, und ohne irgendeinen Knoten in Gewand oder Haar, der ihren Zauber hätte binden können. Und ich war ihr kleiner Gehilfe.
»Hast du das Messer, Claudios?«, fragte sie, und ich nickte und gab ihr die Klinge, die der Gebärenden unters Bett gelegt wurde, um den Schmerz abzuschneiden.
»Und jetzt sing, mein Kleiner«, gebot sie dann, und ich sang, während sie die Zeichen vollführte, die Litanei der Beschimpfungen, die Seth fernhalten sollten, Silvanus und Charon, den Fährmann, all die bösen Götter und Geister, die das Kindbett bedrohten.
»Zieht euch zurück von dieser Frau«, so sang ich mit sechs Jahren und warf eine Handvoll trockener Kräuter ins Feuer, »sonst spreche ich laut von all euren Sünden, verrate eure Namen und gebe sie den Dämonen zu fressen.«
»Iiiiieehh«, stieß Alkestis ihren Tierschrei aus, die Rauchwolken stiegen auf, und die Gebärende stöhnte. Nur gut, dass Vater uns nicht sah. Nur gut, dass meine vornehmen römischen Patienten nicht wissen, wie meine Ausbildung als Arzt begann. Obwohl – manchen von ihnen, diesen sternguckenden, abergläubischen Narren, wäre es wohl gerade recht, wenn ich ihnen Eidechsenblut auf die Stirn tröpfelte und iranische Götter anriefe, statt sie zu einer Diät, kalten Bädern und Gymnastik zu verdonnern. Wie dumm ist doch die Welt!
Das dachte ich auch damals, später, als ich Alkestis schon lange nicht mehr begleitete, sondern längst mit meinen Philosophielehrern in den Säulenhallen wandelte oder mit meinem Mentor Satyros über ein kunstvoll seziertes Schwein gebeugt stand und den Verlauf der Nervenbahnen diskutierte. Wenn Alkestis in der Küche eine ihrer Besucherinnen empfing, die mit verweinten Augen über die Untreue eines Liebsten klagte und verstohlen eine Locke seines Haares hervornestelte, damit Alkestis ihr ein Püppchen daraus bastelte und es bände, dann lächelte ich, wenn sie für ihr verstohlenes Ritual ins Nebenzimmer gingen, und schaute gar nicht von meinen Büchern auf dabei. Ich lächelte auch, als ich ihr das Werkchen überreichte, das meine neue Kunst gegen ihre stellte. Und Alkestis weinte.
Mein Vater war ein großzügiger Herr und überließ seine Sklavin ohne Scheltworte ihren Tränen. Mir klopfte er auf die Schulter, nickte abwesend und war in Gedanken schon wieder bei den Magazingebäuden, die er gerade auf dem unteren Markt errichten ließ, Architekt mit Leib und Seele, der er war. Ich nickte zurück und wandte mich ab, die Karren rückten an. Claudios Galenos, der jüngste Arzt Kleinasiens, rollte auf knarrenden Rädern seiner Vollendung entgegen! Das Kaikostal weitete sich vor mir, die Ruine von Teuthrania grüßte mich Singenden zum Abschied von ihrem Berg herab, und an der Mündung wartete vor Elaia mit knarzenden Masten mein Schiff, das wiegende Meer und dahinter – Alexandria. Alexandria! Sogar die weißen Schreie der Möwen riefen diesen Namen.
* * *
»Was?«, rief ich und wollte meinen Ohren nicht trauen. »Zweihundert Tetradrachmen für dieses lumpige Loch? Man wird den Lärm von den Schiffswerften Tag und Nacht hören!« Der Hauswirt, ein dicker Ägypter, der zwischen dem fremd riechenden Vielerlei der Waren stand, die er im Erdgeschoss seines Mietshauses vertrieb, zuckte nur mit den schweißglänzenden Schultern und lächelte geduldig. Ich sah, dass seine schillernden Augen mit Khol ummalt waren, der in der Hitze langsam in den Falten unter seinen Tränensäcken verlief.
»Mein Haus liegt direkt an der Via Kanopus, Herr«, entgegnete er mit selbstsicherem Stolz. Und da hatte er recht. Das andere Zimmer, das ich mir vorher angesehen hatte, bot zwar einen wunderbaren Blick auf die grünen Gärten der westlichen Nekropole, aber ich hätte mich durch ganz Rhakotis schlagen müssen, um zur Agora oder zur Bibliothek zu kommen, wo ich meine Studien betreiben wollte. Straßen um Straßen mit den kubischen, abweisenden Häusern der Ägypter, die nur schmale Fensteröffnungen nach draußen schickten, hätten sich zwischen mir und der griechischen Zivilisation erstreckt. Außerdem lag es im vierten Stock eines Mietshauses. Die einzige Möglichkeit, seine Notdurft zu verrichten, war ein Nachttopf oder, vier Stockwerke tiefer, das Urinbecken an der Treppe, das ein Gerber dort für seine Zwecke aufgestellt hatte; kein sehr verlockender Gedanke.
Nein, es schien mir weit besser, über diesem gemischten Warenlager zu hausen, nahe den Wandelhallen der Philosophen, wo ich schon bald zwischen blauen Papyrusbündelsäulen sitzen und meinen Blick über die vergoldeten Kassettendecken schweifen lassen wollte, während ich den Lehren der großen Männer lauschte. Und nahe dem Inselchen Pharos, wo das letzte Ziel meiner Wünsche lag.
Ich sog die Luft im Laden Manethos – so hieß mein künftiger Vermieter – tief ein, kostete die Mischung aus Seife, Leder, Gemüse und alten Stoffen, die mir in den nächsten Monaten so vertraut werden sollte, griff in meinen Beutel und zählte die gewünschte Anzahl Tetradrachmen auf die Theke. Es war das Monatseinkommen eines Handwerkers, aber was sollte es: Ich besaß ja genug davon – wofür hat man einen reichen Vater?
Misstrauisch sah ich zu, wie Manetho hinter Mehlsäcken, Fläschchen mit Haarfärbemittel, Körben mit Mandelgebäck und üppig dekoriertem Tongeschirr zu wühlen begann und eine verstaubte Flasche hervorholte, um das Geschäft mit einem Trunk zu besiegeln. Zitronenlikör, erklärte er mir triumphierend, den seine Mutter selbst zu machen pflegte. Ich wollte höflich ablehnen, doch er stellte unnachgiebig zwei Glasbecher aus seinem Angebot auf die Theke und goss die leuchtend gelbe Flüssigkeit ein, die den dämmrigen Laden mit einem Mal zu erhellen schien und ihn bis in den letzten Winkel mit dem duftenden Aroma eines rauschenden Zitrushaines erfüllte. Obwohl ich nur sehr vorsichtig an der streng und seifig schmeckenden Kostbarkeit nippte, schwebte schon nach wenigen Schlucken mein Kopf. Mein Vermieter nickte, lachte und schenkte mir nach, während er ins Plaudern geriet. Mit Mühe folgte ich der Geschichte seiner Familie, die durch die Jahrhunderte zurückreichte bis zu der Ahnin, die im Schilf des Mareotis-Sees von Pharao Ptolemaios geschwängert worden war. Er erzähle mir dies nur im Vertrauen, damit ich wüsste, in welch ehrenwertem Haus ich lebe. Und Kochen auf den Zimmern sei verboten.
Pharaonen, Liköre, Tetradrachmen und Traditionen – erschöpft trat ich nach diesem Einstand am Spätnachmittag aus dem kühlen Halbdunkel des Magazins auf die noch unbekannten Straßen. Die Hitze presste mir den Atem aus den Lungen. Doch ich musste unbedingt heute, am Ankunftstag, noch hin, ich musste! Wenigstens von Weitem wollte ich es sehen, das Haus, das ich in Alexandria vor allen anderen aufzusuchen gedachte: dasjenige des Numisian auf Pharos. Es konnte ja nicht weit sein; der Hafenlärm war nicht zu überhören. Ich folgte dem Knarzen der Lastkräne, den Rufen der Schauerleute und dem Flug der Möwen und Kormorane bis zur nahen Mole und stand bald auf einem belebten Handelskai vor dem großen Damm, der die Insel mit dem Festland verband, dem Heptastadion. Er strebte straßenbreit, schnurgerade und gleißend in die grüne See, wie der blendende Pfad des Helios. Und irgendwo dort vorne, in der Nähe des berühmten Leuchtturms, dem ich kaum einen Blick gönnte, da brannte die Fackel des Geistes, deren Licht mich angelockt hatte.
Erregt tat ich den ersten Schritt auf den leuchtenden Pfad hinaus. Und schwankte. Heptastadion, Möwenschreie, Turm und Wogen schwappten mit einem Male in grünem Zitronenlicht sacht hin und her, hin und her. Unsicher trat ich von dem wankenden Damm zurück und spürte, wie die gnadenlose Sonne mich auf den Steinen zerdrückte. Numisian musste warten. Ich schloss die Augen und sah Glutkristalle. Es war ein Fehler gewesen, dachte ich, im August nach Alexandria zu kommen.
* * *
Es war ein Fehler gewesen, überhaupt nach Ägypten zu kommen. Das wurde mir wenige Monate später klar. Und das lag nicht nur am Klima. Jedem Arzt, der auch nur eine Ahnung von dessen grundsätzlicher Bedeutung besaß, musste einfach klar sein, wie schädlich das viel zu heiße, trockene Klima des Landes für die Gesundheit war! Auch das Essen war nicht der Grund, obwohl es meine tiefe Abneigung gegen Ägypten begründen half.
»Bohnen, Bohnen, Bohnen«, stöhnte ich täglich, wenn Manethos Mutter mir das vereinbarte Abendessen aufs Zimmer stellte. »Und wenn es keine Bohnen gibt, dann eben Erbsen. Oder Linsen.« Aber die Ägypter waren unbelehrbar. Ich dozierte oft an den Imbissständen, wo Esels- und Kamelfleisch, in kleine Stücke geschnitten und mit tödlich scharfen Gewürzen geröstet, die Gesundheit jedes anständigen Griechen tagtäglich bedrohten. Vergebens! Sogar Wiesel zählten diese Menschen zu den Nahrungsmitteln und – mich schaudert noch heute, wenn ich daran denke: Schlangen. Selbst Vipern und andere giftige Arten lagen, die schlaffen Leiber über die Holztische der Marktbuden baumelnd, zum Verkauf für den Liebhaber aus. Die glänzenden Schuppen, tiefschwarz wie Obsidian oder bunt gemustert, verführten Kinder und junge Frauen zu schaudernden Berührungen. Ich blieb stehen. Ob sie denn nicht wüssten, was sie ihrer Konstitution, Leib und Leben damit antäten, rief ich voller Abscheu. Aber sie gaben nur zurück, dass keinerlei Gefahr bestünde, wenn das Fleisch frisch genossen würde.
»Wenn du ganz sichergehen willst«, rieten mir die Wohlmeinenden, »so geh zu Merenptah hinter dem Gymnasion. Der verkauft sie lebend.« Ich sagte ihnen, was ich als griechischer Arzt und Hippokrates-Kenner von derlei Dummheiten hielt, und es gab einen Auflauf, der mich rasch das Weite suchen ließ. Mein Genosse Philition tröstete mich in seiner neuesten Entdeckung, einer Taverne, die echten kretischen Rotwein anbot, und sprach mir Mut zu. Aber ich brauchte keinen Trost. Was tat es, dachte ich trotzig, wenn die Ägypter mich nicht liebten; ich liebte sie ja auch nicht!
»Weißt du, Philition«, sagte ich nach dem dritten Becher, »es war ein Fehler, nach Alexandria zu kommen.« Er nickte nur. Ich fürchte, er kannte den Satz bereits.
Philition war mein Gefährte geworden in dem Stockwerk über Manethos kühlem Laden. Er bewohnte seit einem halben Jahr das Zimmer nach Westen hinaus, wirtschaftete, so gut er konnte, mit dem kleinen Guthaben, das sein Vater, ein Steinmetz aus Smyrna, ihm zukommen ließ, und suchte wie ich, die hohen Weihen der alexandrinischen Medizin zu erlangen. Wenn ich seinen letzten Briefen glauben darf, ist er ein glücklicher und zufriedener Gemeindearzt seiner Heimatstadt geworden, Asklepios schenke ihm Gesundheit und Wohlstand!
Philition beklagte sich nicht wie ich über die ägyptischen Bohnen, er war genügsam, auch in geistiger Hinsicht, und deshalb konnte er sich leichter mit dem Umstand abfinden, der Alexandria erst wirklich zu einer Enttäuschung machte: dem unglaublich schwachen Niveau der hiesigen ärztlichen Ausbildung, die dem guten, ja legendären Ruf der Stadt gänzlich zuwiderlief. Was dem Bildungssuchenden hier geboten wurde, war empörend: ein Nichts, Scharlatanerie, hinter den Fassaden großer Namen versteckt. Ihr Götter, wie konnte so viel Schwachsinn von den Lippen so weniger Männer tropfen? Noch heute packt mich die Wut, wenn ich daran denke! Und wie schafften sie es, dafür solche Honorare einzuheimsen?
»Sag mir, Philition«, klagte ich, als wir eines Tages vor einer kleinen Halle neben der Bibliothek des Serapis-Tempels saßen, wo der berühmte Julianus die Sektion eines Bauches vorführte. »Sag mir, ist das hier wirklich Alexandria, der Nabel der medizinischen Welt?« Ich ließ mich auf die Stufen sinken und schaute melancholisch einer Gruppe kahlköpfiger Priester nach, die in Formation über den Hof zog. »Ich glaube es einfach nicht, Philition.«
In den kühlen Raum hinter mir, dessen rotgrundige Wände bunte Friese mit Gartenbildern zierten, auf denen zarte Bäume ihre Äste reckten und Enten aus blühendem Schilf aufflogen, war vor Kurzem der tote Körper auf einer Bahre hereingetragen worden, gefolgt von einer Schar eifriger Adepten des Asklepios, darunter wir beide, Philition und ich. Gesicht, Oberkörper und Beine bedeckt von fast leuchtend weißen Leintüchern, harrte der bloß liegende, unter dem Nabel leicht behaarte, speckige Bauch dazwischen schutzlos der Künste des Meisters. Zwei Assistenten reichten ihm die Skalpelle zu und zogen die kaum mehr blutenden Schnittränder mit Wundhaken vorsichtig beiseite, sodass die Bauchhöhle bald offen vor uns lag. Das schillernd weißliche Geschling der Därme wurde entfernt, und wir beugten uns in unseren Tuniken vor. Julianus präparierte unter ständigem Dozieren die wichtigsten inneren Organe heraus, und fassungslos musste ich zusehen, während die anderen eifrig auf ihre mitgebrachten Wachstäfelchen kritzelten, wie Julianus seelenruhig Nerv um Nerv, Arterie um Arterie achtlos durchtrennte. Der große Erasistratos, auf den er sich dabei fortwährend berief, hätte sich im Grabe umgedreht bei dieser Metzelei. »Dies ist der Magen«, erläuterte Julianus gerade, »den die Nahrung passiert, um verdaut zu werden.«
»Ja, aber wie?«, warf ich ein, »wie verdaut er?« Unruhiges Gemurmel stieg auf und hallte unter der hohen Decke. Zwischenfragen waren anscheinend nicht üblich, die Assistenten blickten drohend, und der Meister sah mit herabgezogenen Mundwinkeln nicht auf mich, sondern auf das tote Fleisch vor sich, um fortzufahren.
»Hier sieht man die Stelle des Austritts für den Dünndarm, wo ein Teil der Nahrung zunächst als Brei passiert, um dann ...« »Aber wie wird die Nahrung denn nun zu Brei?«, insistierte ich unzufrieden und reckte das Kinn, als die anderen Schüler geschlossen einen Schritt zurücktraten und mich allein dem mutmaßlichen Zorn Julianus’ überließen. Der schob die Mundwinkel noch ein wenig tiefer.
»Durch Zerreiben und Peristaltik«, antwortete er, knapp und lauernd, wie jemand, der sich fragte, was der Gegner als Nächstes vorhatte.
»Und wie das?«, fragte ich. »Ich meine, wie kann man etwas über die Bewegungen des Magens erfahren, wenn man das gesamte System der ihn versorgenden Nerven und Adern sorglos zerstört?« Julianus warf einen raschen Blick auf den von ihm zerfledderten Leib und fixierte mich dann finster.
»Es geht hier«, presste er zwischen den fast geschlossenen Lippen hervor, »um eine Demonstration der Organe nach den Lehren des großen Erasistratos. Wir«, sagte er betont gravitätisch, holte tief Luft und blähte seinen Brustkorb auf, »wir beschäftigen uns hier nicht mit Fragen, die der große Anatom nicht gestellt hat.« Damit, so meinte er, sollte das geklärt sein. Das »Wir« hinter mir atmete kollektiv aus.
»Erasistratos war wahrhaftig ein großer Anatom«, gab ich zu, »und von Nervenbahnen verstand er eine Menge. Außerdem«, trumpfte ich auf, »sollen Fragen, die er nicht gestellt hat, für immer ungestellt bleiben? Ich meine, er ist doch immerhin seit fast vierhundert Jahren tot.« Das »Wir« atmete kollektiv wieder ein und hielt die Luft an. Aber ich war zu sehr in Fahrt gekommen, um mich davon noch abhalten zu lassen. »Außerdem war auch Erasistratos nicht frei von Fehlern. Um zunächst beim Magen zu bleiben«, fuhr ich Julianus über den Mund, der eben dazu angesetzt hatte, etwas zu sagen, »um beim Magen zu bleiben, so hat er sehr wohl verlangt, dass die Art, wie Speisen verdaut werden, erforscht werde. Aber warum hat er nicht auch untersucht, welches die ursprüngliche und führende Ursache davon ist? Bei den Venen und beim Blut hat er sogar auf die Frage nach dem Wie verzichtet. Aber der göttliche Hippokrates hat nicht darauf verzichtet«, dozierte ich atemlos.
Julianus brachte etwas wie ein trockenes »So« hervor, aber ich ging nicht darauf ein, sondern erläuterte eifrig die hippokratische Viersäftelehre, die Erasistratos sträflich und unsinnigerweise vernachlässigt hatte, hätte sie ihm doch den Schlüssel zu allen Körperfunktionen in die Hand gegeben. Da waren der warme und feuchte Saft, das Blut, der warme und trockene Saft, also die gelbe Galle, so erklärte ich, der kalte und feuchte Saft, vertreten im Schleim, und ...
»Trocken«, höhnte da Julianus, »ein Saft!« Und erstmals schenkte er seiner Schülerschar seine kostbare Aufmerksamkeit. Er gab ihr mit einem abschätzigen Lächeln die Erlaubnis, mich zu verhöhnen.
»Allerdings!«, rief ich. »Denn nach unserer Auffassung unterscheidet sich das dem bloßen Erscheinen nach Feuchte von dem der Potenz nach Feuchten. Wer wüsste nicht, dass Salzlake und Meerwasser, so feucht sie scheinen, das Fleisch trocknen und konservieren, während alles andere Wasser es unverzüglich zersetzt und faulen lässt?« Triumphierend sah ich in die verwirrten Gesichter um mich herum. Da schwiegen sie! »Und der vierte Saft«, nutzte ich die Stille und fuhr nun ungestört fort, »ist die kalte und trockene schwarze Galle, von der Erasistratos ebenfalls keine Ahnung hatte, obwohl Hippokrates von ihr lehrte: ›Wenn Dysenterie von der schwarzen Galle herkommt, ist sie tödlich.‹ Gerne hätte ich Erasistratos gefragt, ob die kunstvoll wirkende Natur denn kein Organ geschaffen hat, welches einen solchen Saft ausscheidet, wie es die Niere mit dem Harn und ein weiteres mit der gelben Galle tut?« Und ich wies auf die Milz, die das bekanntlich tat, die Julianus aber, ebenso wie sein Vorbild Erasistratos, nicht beachtet, in ihre schleimigen Häute eingehüllt und vom Messer noch unberührt an ihrem Platze vergessen hatte. »Oder vielleicht könnt Ihr mir den Zweck dieses Organes benennen?«
»Dieses Organ«, knurrte Julianus, ganz der Schüler seines toten Herrn, »ist funktions- und nutzlos. Genau wie Ihr.« Damit winkte er seinen Assistenten, die die Wundhaken sorgsam beiseitelegten, sich die schleimverschmierten Finger an den Schürzen abwischten und auf mich zukamen. Alles war in Aufruhr, nur der Tote lag ruhig auf seiner Bahre.
»Nutzlos?«, rief ich, »wie kann ein Teil dieses so kunstvoll gebauten Wunderwerkes nutzlos sein?« Ich rief es über die Schulter, denn sie hatten mich unter den Achseln gepackt, hochgehoben und trugen mich hinaus.
»Säfte«, spuckte einer, als sie mich unsanft auf den Treppenstufen absetzten.
»Potenz der Feuchte«, höhnte der andere. Dann war ich allein. Philition trat hinter mich, legte mir begütigend die Hand auf die Schulter und seufzte.
»Unfähige Scharlatane«, murrte ich, »vor lauter Theorie unfähig zu sehen, was vor ihren Augen liegt.«
»Hhm«, brummte Philition, und sein Magen knurrte.
»Und wenn sie es dann sehen, fehlen ihnen das Abstraktionsvermögen und die Logik, um es zu verstehen.« Die Priesterschar war inzwischen in ihrem Heiligtum verschwunden. Der Hof gehörte uns. »Jede Tetradrachme war für diesen Müll vergeudet«, brummelte ich immer noch, und laut, dass sie es drinnen hörten: »Ich verlange mein Geld zurück.« Philition klopfte mir noch immer begütigend auf die Schultern.
»Dafür bist du ein Arzt und diese dort nichts weiter als eine Gefahr für ihre künftigen Patienten. Hast mit sechzehn schon drei Bücher geschrieben, und ...«
»Schon gut.« Ich ließ mich beruhigen. »Gehen wir ein paar Bohnen essen und versuchen wir unser Glück dann am Nachmittag mit diesem berühmten Hippokrates-Exegeten. Wie heißt er noch?«
Wie sich herausstellte, lohnte es sich nicht, den Namen zu behalten, und ich habe auch darauf verzichtet, ihn für dieses Manuskript nachzuschlagen; er hatte es wahrlich nicht verdient, der Nachwelt erhalten zu werden. Erklärte er doch im Peristyl der stattlichen Villa, die ihm seine wissenschaftliche Arbeit eingebracht hatte, einer andächtigen Schar von Schülern, dass Hippokrates in seiner Fallbeschreibung des Patienten Silenus diesen nicht deshalb als »schlaflos, viel redend, lachend und singend« beschrieben hatte, weil das zu seinem Krankheitsbild gehörte, sondern vielmehr, weil es sich bei dem Kranken eben um einen Silen, einen Satyr also, handelte. Und diese pferdefüßigen und -ohrigen, rossgeschweiften Gesellen mit den runden Augen und den aufgeworfenen Nasen, wie wir sie von den Vasenbildern kennen, ja, ja, die feierten, sangen und redeten nun einmal gerne. So jedenfalls erklärte es uns der freundliche, rundgesichtige alte Mann, der selbst einem Silen verblüffend ähnlich sah und sicher ein wunderbarer Großvater seiner Enkel und Trinkgenosse bei frohen Gelagen war, den ich aber jederzeit mit Flüchen von meinem Krankenbett vertrieben hätte, so das Schicksal mich je in seiner Nähe darauf niederwürfe. Bei allen Göttern! Dieser Sophist ging mit Hippokrates’ Text um wie ein Betrunkener mit einem Waisenkind!
Als er uns nach seinem Vortrag mit launiger Jovialität begrüßte und uns vorschlug, unsere Zeit doch damit zu verbringen, die in der Forschung noch ungeklärte Frage zu beantworten, ob dieser Silen nun in der Stadt Platanon oder Plotanon gelebt hätte, da genügte ein Blick der Verständigung zwischen Philition und mir, und wir verabschiedeten uns. Wir lachten noch, als wir wieder in unserer kretischen Taverne saßen.
* * *
Alexandria ließ mich damals an der ärztlichen Kunst, vor allem aber an der menschlichen Vernunft verzweifeln. Und ich frage mich bis heute, wie es kommen konnte, dass ich vier Jahre dort blieb. Vier Jahre, die, wenn ich es recht überlege, zu den wunderbarsten meines Lebens zählten. Es wird Zeit, dass ich von Neferure berichte.
Das Porträt, das sie mir schickte, ist arg verblasst, viel von dem Gold blieb an meinen Fingerspitzen, wenn ich darüberstrich, es betrachtete und versuchte, in den langsam in der Zeit versinkenden Zügen mich selbst wiederzufinden. Auch jetzt ist es mir wieder nah, es steht neben dem Silberbecher im Lampenlicht, wie ein Fenster ins Jenseits. Ja, es wird Zeit, dass ich von Neferure erzähle. Das begann so:
Ich war, wie gesagt, verzweifelt, und dass ich nicht nach einem Jahr wieder abreiste, lag zunächst nur an dem Teufelskreis, in den Numisian mich verstrickte, genauer, sein Sohn Herakleianos, denn Numisian, der große Meister, war gestorben, wie ich schließlich in der Bibliothek erfuhr, tot und begraben, noch ehe ich in Alexandria angekommen war. Als ich eines Abends endlich wieder am Ursprung des Heptastadions stand, bereit, seinen breiten Rücken mit dem Aquädukt darunter zu betreten, und diesmal endlich mit der lang ersehnten schriftlichen Einladung in Numisians Haus in der Hand, da gab es für meinen Ehrgeiz – ja, ich gebe zu, ich war ehrgeizig – nur noch den Nachlass des berühmten Anatomen als Ziel. Aber sollte das nicht genügen?
Numisians Hinterlassenschaft umfasste, so hieß es in den geschwätzigen Buchläden um das Museion, über fünfzig Bände handschriftlicher Notizen, dazu die Lektionen für seinen Schüler Pelops in Smyrna und die Bildtafeln zu der großen griechischen Vortragsreise, die damals in Athen ihren glorreichen Abschluss gefunden hatte. Allein diese Bildtafeln sollten wahre Wunderwerke sein, die jeden Muskel und Nerv des Körpers zeigten. Manche munkelten sogar von einem Skelett, das eine Mechanik so bewegte, dass das Spiel der darauf angebrachten künstlichen Muskeln studiert werden konnte, als hätte man einen lebenden Menschen ohne Haut vor sich. Dieses Letztere allerdings hielt ich für ein Gerücht, eine gelehrte Fama, wie sie unsere allzu literarischen Historiker gerne ausstreuen, denen mehr an der Rhetorik und ihren schönen Effekten als an der Logik liegt und die ihre Finger von der Wissenschaft lassen sollten. Aber auch ohne das: Numisians Erbe war fabelhaft und schien mir jede Anstrengung wert.
Herakleianos empfing mich höflich, geradezu herzlich. Er versicherte, schon von dem Ruf gehört zu haben, den ich mir als Arzt in Alexandria erworben hatte, bat mich herein und befragte mich bei einem ausgezeichneten Essen zu meinen beruflichen Erfahrungen. Tatsächlich hatte alles mit der Mutter Manethos begonnen, an deren Krankenbett mich der besorgte Gemischtwarenhändler rief, als ein Quartanfieber die Greisin schüttelte, dem die einheimischen Mediziner mit ihren Rezepten aus zerstoßenen Eidechsenschwänzen nicht mehr beikamen. Ich entfernte unter dem Zischeln der Nachbarschaft einen mit Schlangenblut beschrifteten Papyrusstreifen voller Zauberzeichen von der schweißverklebten Stirn der Alten und legte ihr feuchte Tücher auf. Dann schickte ich Manetho mit einer Liste zum nächsten Kräuterladen und ging, meine Schröpfköpfe zu holen. Von all den misstrauischen Blicken schier in die Ecke gedrückt, nahm ich neben meiner ersten Patientin Platz, und obwohl sie so klein und verhutzelt war, dass man gut und gerne meinen könnte, sie selbst sei es gewesen, die damals den Pharao im Schilf beglückte, so überlebte sie nach Aderlass und Kräutertee doch ihr Fieber, lachte mich am Morgen des vierten Tages mit zahnlosem Mund an, krakeelte etwas auf Ägyptisch, was ich nicht verstand, und hatte mir damit nicht nur meine Miete vom Hals geschafft, sondern auch eine wachsende Zahl von Patienten in Rhakotis beschert.
Allerdings, so berichtete ich Herakleianos lachend, während er mich zur Entspannung nach dem Mahl in das im abendlichen Dämmer liegende Peristyl begleitete, worein von Zeit zu Zeit das Licht des nahen Leuchtturms fiel, allerdings war Manetho wenige Zeit danach zu mir gekommen, um zu erklären, dass er mir zwar die Zimmermiete erlassen hätte, nicht jedoch die Miete für die Arztpraxis, die ich ja nun hier betriebe. Wir einigten uns, wen wundert es, auf zweihundert Tetradrachmen. Herakleianos lachte, die Sklaven brachten Wein und geröstete Mandeln, und wir tranken, knabberten süße Kerne und plauderten zum Plätschern des Springbrunnens. Alles lief bestens, Herakleianos schmeichelte mir so, dass ich völlig vergaß, wie viele Wochen es mich gekostet hatte, diese Einladung zu erhalten. Wir waren über das Vorgehen bei Oberarmsektionen ganz und gar einer Meinung, und als ich glaubte, nun im besten Licht dazustehen, und das Gespräch auf das Erbe seines Vaters brachte, da geschah, was mir heute rückblickend noch die Schamröte ins Gesicht treibt, als wäre das nicht alles schon fast vierzig Jahre her. Wie hatte ich nicht durchschauen können, was doch so durchsichtig war? War ich tatsächlich so jugendlich-dumm gewesen? Aber wer kann sich solche Fragen schon ehrlich selbst beantworten? Ich schweife ab, von Herakleianos wollte ich berichten, wie er mich umgarnte, und Herakleianos tat dieses so:
Tja, das Erbe, setzte er an, sicherlich, jaja. Ob ich nicht noch ein paar Mandeln wolle. Nein? Das Erbe also. Er drehte das Weinglas in seiner Hand. O ja, es sei da, doch, doch. Allerdings, kurz und gut, er müsse es selbst erst sichten, das müsse ich verstehen. Ich verstand, versicherte ich natürlich eifrig, ich verstand. Dabei verstand ich erst viel später. Als ich an diesem Abend ganz plötzlich hinauskomplimentiert unter den Laternen des Heptastadions stand, da begriff ich noch lange nicht. Auch nicht, als er mir das nächste Mal versicherte, er müsse die Unterlagen nun zunächst sortieren. Ein paar Wochen darauf – denn so lange dauerte es jeweils, bis ich wieder einmal vorgelassen wurde, dann aber immer so herzlich, dass sich jede Frage nach der langen Wartezeit von selbst verbot –, ein paar Wochen darauf also ließ er mich wissen, er wolle Fehler aus den Schriften tilgen, um das Andenken des Toten nicht zu schädigen. Dann hieß es, er könne jetzt nichts herausgeben, da er alles für eine Edition systematisiere. Schließlich hatte er die Unterlagen angeblich der alexandrinischen Bibliothek zur Abschrift geschickt. Und dort war alles zunächst verschwunden zum Katalogisieren. Und das, ich wusste es aus Erfahrung, konnte Monate dauern.
»Verdammt«, beklagte ich mich, nicht bei Herakleianos, sondern bei Philition. Und ich wartete. Wie gesagt, ich hing am Haken meiner Hoffnungen. Da mir auf diese Weise viel Zeit übrig blieb, suchte ich mir einen leidlichen Lehrer, Marinus, dessen Skelettdemonstrationen recht anregend waren, behandelte meine ägyptischen Patienten, trieb ein wenig Studien über die Landesnatur und Astronomie und entwickelte meine Pläne für die wunderbare Zukunft, wenn mein Numisian-Kommentar mich berühmt gemacht haben würde in der ganzen zivilisierten Welt.
»Philition?«, verkündete ich, »eines habe ich von den Alexandrinern gelernt.« Er hob fragend die Augenbrauen und schälte weiter seine Bohnen. Ich drehte mich auf meiner Liege auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Wie man erfolgreich wird. Darauf verstehen sie sich hier wirklich. Es genügt nicht, dass du die Natur studierst, die Fakten beobachtest und dann daraus nach den Regeln der Logik deine Schlüsse ziehst, nein!« Ich hob einen Finger. Philition kippte den beim Putzen der Bohnen angefallenen Abfall aus dem Fenster.
»Nein?«
»Nein! Du musst außerdem eine Autorität zitieren, die alles bestätigt, was du herausgefunden hast, hinter der du dich verschanzen kannst, wenn die Literaten, Sophisten und Halbgebildeten gegen dich aufmarschieren. Einen hervorragenden Arzt, einmalig in Praxis wie in Theorie, von philosophischem Scharfsinn und möglichst schon lange tot.« Philition wässerte seine Bohnen.
»Erasistratos?«
»Hippokrates!«, beschloss ich. »Er ist ideal. Plato persönlich hat ihn als philosophischen Denker gelobt. Praktisch hat er ja Platos Seelenlehre vorweggenommen und medizinisch bestätigt ...« Erregt spann ich den Gedanken weiter. Philition fachte ein Feuer an. Das Herdchen, das er zum Kochen in seinem Zimmer improvisiert hatte, war ein vor Manetho streng gehütetes Geheimnis.
»Also ich weiß nicht«, meinte mein Gefährte und pustete sacht in die Glut, »ob man Hippokrates wirklich als Vorläufer Platos sehen kann. Er hat das mit dem Herz als Sitz der Seele schon etwas anders gemeint als ... Was war das?« Schritte auf der Treppe ließen uns beide aufspringen. Hektisch traten wir das Feuer aus, wedelten den Rauch aus dem Fenster und beförderten mit einem Fußtritt den Bohnentopf unter die Liege, auf die ich mich schwer atmend wieder warf, in einer Karikatur meiner vorigen entspannten Pose. Doch die Schritte gingen knarzend vorüber.
»Papperlapapp«, nahm ich den Gesprächsfaden umgehend wieder auf. »Wer weiß das schon so genau? Glaubst du, auch nur einer von diesen Kretins hat Hippokrates wirklich gelesen? Oder gar Plato? Und sie auch noch verstanden?« Philition sah bedauernd auf die verschütteten Bohnen, dann lächelte er.
»Ich sehe dich schon wie einen Krieger, mit Plato als Schild und Hippokrates als Schwert, wie du die Reihen der Scharlatane gnadenlos lichtest.«
»Jaaaa«, stieß ich die Luft aus und lehnte mich zurück, »ich gedenke als Nächstes ein Buch über Logik zu schreiben.«
»Dein sechstes dann, seit du hier bist. Wie soll ein einfacher Medicus wie ich da mithalten?« Er tat, als dächte er nach. »Lad mich zum Essen ein«, beschied er schließlich, »und dann ...«
»... dann gehe ich zu Chaeremon«, unterbrach ich meinen unternehmungslustigen Freund, »tut mir leid, aber ich habe heute Abend schon eine Verabredung.« Als Philition mich fragend ansah, erklärte ich: »Ein weitläufiger Verwandter Manethos. Er hat mir den Kontakt vermittelt. Du weißt doch, dass ich in meiner Freizeit auf den Spuren Herodots wandele und ...«
»Ach, willst du reisen? Ist er ein Fremdenführer?«
»Nein, äh, ein Mumienmeister.«
»Ah.«
* * *
Ich hatte, wie gesagt, damals Zeit, und meine Interessen waren vielgestaltig. Das Treffen mit Chaeremon, dem Einbalsamierer, war lange vorbereitet worden, damit auch etwas da wäre, woran er mir seine heilige Kunst demonstrieren konnte. Vor vier Tagen nun hatte er mir über Manetho Nachricht bringen lassen, dass die Verwandten einer vornehmen Ägypterin vorstellig geworden waren und sich unter seinen hölzernen Mumienmodellen dasjenige als Vorbild für die Behandlung ihrer Toten ausgesucht hatten, das den meisten technischen Aufwand und damit für mich den meisten Gewinn versprach. Nach Ablauf der üblichen Frist, also heute, sollte die Leiche in feierlicher Prozession zu ihm gebracht werden. Vier Tage, so hatte mir Manetho verschämt erklärt, seien üblich, damit sich die Gehilfen des Balsamierers nicht vielleicht an der noch allzu lebensnahen Frauenleiche vergriffen. Nicht dass so etwas in seiner Werkstatt jemals vorgekommen wäre, aber die Vorschriften ... Ich nickte, das hatte bereits in meinem Herodot gestanden. Und auch im Übrigen behielt der große Historiker recht.
Als ich gerade angekommen war und Chaeremon, mit geschorenem, glänzend braunem Schädel und einem bronzenen Stirnreifen – schließlich erwartete er Kunden –, mich herumführte, wurde gerade eine weitere Leiche aus dem Natronbecken gezogen, wo sie die vorschriftsmäßige Zeit verbracht hatte. Mit langen Hakenstangen hievten die Gehilfen sie auf den Tisch und entfernten den Stöpsel in ihrem After, um ablaufen zu lassen, was der siebzig Tage zuvor dort eingeführte Zedernsaft zersetzt und zerfressen hatte. Unwillkürlich drückte ich mir meine mitgebrachte Herodot-Rolle an Mund und Nase. Ich roch das beruhigende Aroma von altem Papier und metallischer Tinte, während ich meine Augen über die Gerätschaften an den Wänden wandern ließ. Die Hakenstangen in ihren Wandhalterungen, die Steinmesser zum Öffnen des Bauches, die unzähligen Haken und Schaber, nach Größe sortiert und zu glänzenden Fächern ausgebreitet, Wandschmuck und Werkzeug zugleich, die hölzernen Statuen des Anubis rechts und links der Tür. Inzwischen hatten die Helfer die eklige Brühe aufgewischt und der Duft von Spezereien erfüllte den Raum. Ich wagte wieder hinzusehen und entdeckte, dass, was wie ein verschrumpelter Greis ausgesehen hatte, die vom Natron zu Haut und Knochen ausgezehrte Leiche eines Knaben war. Chaeremons Geselle brachte sie nun nach nebenan zum Binden. Offenbar war diesem Jungen die billigere Form der Balsamierung zuteilgeworden. Seine Eingeweide landeten auf dem Mist hinterm Haus, statt ordentlich in vier Kanopenkrügen, bewacht von tierköpfigen Gottheiten, seiner Wiedergeburt zu harren. Was war er in diesem kurzen Leben wohl gewesen, der Sohn eines Handwerkers, ein Soldatenkind?
Vor dem Haus wurde der Lärm von Sistren hörbar, monotoner Gesang kam dumpf näher. Chaeremon entschuldigte sich und bat mich, hier in den hinteren Räumen zu warten.
»Wir Ägypter sind sehr empfindsam, was unsere religiösen Riten betrifft. Wenn es einige meiner griechischen Kunden wären, könntest du mich gerne begleiten.« Damit eilte er hinaus und überließ mich der Erkenntnis, dass durchaus auch die griechische Mittelschicht den ägyptischen Grabbräuchen huldigte. Glaubten sie wirklich, mit der Sonnenscheibe durch die Unterwelt zu wandeln und wiederzuerstehen, oder wie die Ägypter sich das vorstellten? Ich zog der Schakalfratze des Anubis mit den vergoldeten Augenrändern eine nachdenkliche Grimasse. Die Musik wurde leiser. Es verging nicht viel Zeit, bis Chaeremon wiederkam mit seinem, wie er es nannte, »Gast«. Und was dann kam, hat Herodot bereits geschildert. Die Stelle war in meinem Papyrus angestrichen und vielfach kommentiert:
Zuerst ziehen sie mit einem Eisenhaken das Gehirn durch die Nasenlöcher heraus, doch entfernen sie nur einen Teil auf diese Weise, den anderen durch Essenzen, die sie eingießen.
Welche, das wollte mir Chaeremon bei diesem ersten Besuch partout nicht verraten. Er gab sich ganz in die zugehörigen Gebete vertieft, und ich sah weiter zu, in die aufsteigenden Weihrauchdämpfe eingehüllt.
Darauf machen sie mit einem scharfen äthiopischen Stein einen Schnitt längs der Weiche und holen nun Stück um Stück alle Eingeweide aus dem Inneren heraus, und haben sie das Innere gereinigt und mit Palmwein ausgewaschen, wischen sie es noch einmal mit zerstoßenen Spezereien aus. Darauf füllen sie die Höhlung mit gereinigter, zerstoßener Myrrhe und Kasia und den anderen Spezereien, mit Ausnahme von Weihrauch – der stieg mir dafür üppig in die Nase –, und nähen sie wieder zu. Sind sie damit fertig, legen sie die Leiche in Natron ein.
Das war es eigentlich. Nichts davon war mir allzu fremd. Ich sagte mir im Geiste die Namen der Organe und Gewebeteile auf, die ich kannte und die zum Vorschein kamen, hier so ungewohnt unsystematisch zerteilt. Die Frau hatte, stellte ich seltsam gerührt fest, bemalte Fußnägel gehabt und wunderhübsche Knie, wie aus Alabaster gedrechselt. Als der Gehilfe sie herumdrehte, um den Haken im Genick ansetzen zu können, sah man die bösen schwarzen Flecken auf Gesäß und Rücken, wo das Blut sich beim Liegen gestaut hatte und geronnen war, Leichenflecken. Das Gesicht, mit den schon etwas eingefallenen Augen, sah angespannt aus, als sie in der Natronlauge tiefer glitt und auf den Grund gelangte. Ihr langes schwarzes Haar schwebte hinterher und fächerte sich als zärtlicher Schleier über ihr bleiches Profil.
»Da bleibt sie nun siebzig Tage«, erklärte Chaeremon mir. Ich nickte nur. Auch das stand bei Herodot. Doch das, was danach kam, nicht. Chaeremon umrundete die Bronzebecken mit den Innereien der Frau, ignorierte einige sandfarbene Katzen, die hungrig hereinstreiften und natürlich – unnötig, dass ich fragte – heilig waren, und stellte mich seiner Familie vor.
»Das ist Kija, meine Frau.« Eine strahlende Matrone erhob sich vom Webstuhl, wo sie mit einer ganzen Schar Dienerinnen beschäftigt war, und begrüßte mich. »Sie webt die Binden für die Mumifizierung. Ein feineres Leinen als ihres findest du im ganzen Delta nicht. Spinnen könnten es gewebt haben.« Kijas Lächeln wurde unter dem Lob ihres Mannes noch breiter. Ich prüfte nach freundlichem Drängen die Qualität des Stoffes auf dem Rahmen und pries sie in den höchsten Tönen. Es fiel mir leichter, als wenn ich ihre Kochkunst hätte loben müssen. Der Weihrauch aus dem Balsamierungsraum nebenan drang bis hierher.
»Das sind Mertit, Uto und Nitokris, sie lernen bei ihrer Mutter. Dies ist mein Sohn Ramses Apollodorus, der die Rohstoffe für uns einkauft ...« Ich beschloss sofort, mich später mit dem jungen Mann über seine Quellen für Arzneikräuter zu unterhalten. »... Meine Schwägerin Senet, die Binden perfekt zu besticken versteht. Meinen Bruder hast du ja drinnen schon kennengelernt.« Der Obergeselle war also der Bruder gewesen. »Und das ist Chons, der in der Nähe eine Sargschreinerei betreibt, und das hier – Neferure, wir haben Besuch! – ist meine älteste Tochter Neferure.«
Endlich! Ich dachte tatsächlich so etwas Ähnliches wie: endlich! Noch heute weitet sich mir die Brust, wenn ich daran denke, wie ich Neferure das erste Mal sah, und in mir breitete sich so ein Gefühl aus wie, ja wie, ich weiß nicht, vielleicht wie das, nach Hause zu kommen. Noch heute sehe ich im Gegenlicht ihr Profil, die hohe gewölbte Stirn, die in einem einzigen weichen Schwung in die königliche Nase überging, unter der große, aufgeworfene Lippen erblühten. Die hohen Wangenknochen, die geschwungenen Brauen und die länglichen, pharaonischen Augen erahnte ich, bevor ich sie sah. Sie hatten mich schon von so vielen Friesen herab angesehen, aber noch nie in dieser Vollendung der Linien.
»Sei gegrüßt.« Ich trat näher zu dem Mädchen hin, das an einem Tisch vor dem Fenster saß, den Pinsel in der Hand und über eine Malerei gebeugt. Über ihre Schulter vorgeneigt sah ich, wie von dem Bild unter ihren Fingern der Blick einer jungen Frau mich traf. Das Licht schimmerte auf ihrer Haut, als wäre sie lebendig, und unwillkürlich streckte ich die Hand aus, die Holztafel zu berühren, stockte aber in der Luft. Die Frau sah mich aus müden Augen an, ein dunkler Turm von Löckchen, wie sie in Alexandria gerade als Perücke in Mode waren, krönte ihre Stirn. Löckchen, die Neferure nicht nötig hatte. Ihr wie geölt glänzendes Haar war so fein und regelmäßig gekringelt, wie ich das von den Bildern kretischer Tänzerinnen kannte. Sie verschlangen sich am Hinterkopf, den sie mir immer noch zuwandte, zu einem schweren Knoten, aus dem ein dezenter Duft nach Sandelholz aufstieg.
»Wunderschön«, sagte ich. »Ich meine das … das Bild.« Meine Verwirrung war echt, und ich glaube, sie spürte das, sonst hätte sie sich wohl nicht umgedreht und mich angelächelt. Mit billigen Komplimenten, das sollte ich in den nächsten Monaten lernen, entlockte man Neferure kein Lächeln. Als sie mir nun ins Gesicht schaute, schien es mir, dass eines ihrer Augen mich nicht fixieren wollte, oder doch? Je länger ich hinsah, desto sicherer war ich, dass die bezaubernde Neferure, wie ich sie im Geiste bei mir nannte, einen kleinen Silberblick hatte, nur einen kleinen, kaum der Rede wert. Ich entspannte mich und erwiderte das Lächeln. Wahrscheinlich hatte sie das kurze unmerkliche Zögern gar nicht wahrgenommen. Neferure lächelte wieder und beugte sich zurück zu ihrer Arbeit.
»Ich wollte sie in dem Moment malen, in dem sie sich ganz als der Mensch bewusst ist, der sie war«, erklärte sie mir. »Den Tod, aber auch das Leben vor Augen und wissend, dass beides ihr Schicksal ist.« Ich nickte stumm, bevor ich etwas Dummes sagte, und wiederholte nur:
»Wunderschön.« Ich hörte einen ihrer Ohrringe leise klingeln, als sie sich neben mir bewegte.
»Neferure ist eine der gesuchtesten Mumienporträ«ö»üä«