Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Karen Gerwig
ISBN 978-3-492-95167-8
Januar 2016
© 2009 G. A. Aiken
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»What A Dragon Should Know«, Zebra Books, New York 2009
© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2011
Umschlaggestaltung: www.guter-punkt.de
Umschlagmotiv: Sylwia Makris / www.sylwiamakris.com
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Für Kate Duffy. Du warst immer mutig genug, mich von der Leine zu lassen – selbst wenn du keine Ahnung hattest, wohin ich wollte oder was ich unterwegs demolieren würde – und dafür bin ich dir ehrlich dankbar.
Für Doug Lindquist. Auch wenn du fort bist – deine Anleitung, Unterstützung und deine Empfehlung, ich solle langsam machen, durchatmen und bloß nicht in Panik verfallen, helfen mir immer noch jedes Mal, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze. Du fehlst sehr, mein Freund, aber du und deine Worte werden immer ein Teil von mir sein. Danke, Doug – für alles.
Liebe Leserin, lieber Leser,
weil ich selbst eine Quasselstrippe und aufrührerische kleine Schwester war, habe ich mich darauf gefreut, die Geschichte des immer zu Streichen aufgelegten, schwatzhaften kleinen Bruders von Fearghus dem Zerstörer und Briec dem Mächtigen zu schreiben.
Aber ich kann nicht sagen, dass es leicht war, die Geschichte von Gwenvael dem Schönen zu schreiben, denn ich wusste, er braucht eine Heldin, die viel mehr kann als ihn im Schlafzimmer zu fordern. Damit einem mehr als zweihundert Jahre alten Drachen auch weitere sechshundert Jahre lang nicht langweilig wird, wenn dieser Drache den Großteil seiner Tage damit verbringt, Späße und Streiche zu planen und auszuhecken, brauchte ich eine Heldin, die förmlich für Späße und Streiche lebt. Und diese Heldin ist Dagmar Reinholdt, die Bestie der Nordländer.
Aber auch wenn es vielleicht nicht ganz einfach war, dieses Buch zu schreiben, hat es Spaß gemacht. Wie könnte es auch anders sein, mit zwei durchtriebenen Unruhestiftern am Ruder?
Obwohl meine Bücher in sich abgeschlossene Geschichten sind und auch so gelesen werden können, gibt es in der Welt der Drachenpolitik oft ziemlich viele Mitspieler, deshalb möchte ich Ihnen vorschlagen, als Erstes Fearghus’ Buch »Dragon Kiss« und Briecs Geschichte »Dragon Dream« zu lesen, damit Sie, was die Drachensippe angeht, auf dem neuesten Stand sind.
Und jetzt, nach dieser kurzen Nebenbemerkung, lade ich Sie in die Welt meiner Drachenfamilie ein – wo die Drachen sehr viel vernünftiger sind als es die Menschen um sie herum je zu sein hoffen können.
G. A. Aiken
1 Es war nicht das erste Mal, dass er um sein Leben rannte. Und es würde höchstwahrscheinlich auch nicht das letzte Mal sein. In den vergangenen Jahrzehnten war er allerdings meistens vor wütenden Vätern geflohen, die ihn an Orten vorgefunden hatten, wo er ihrer Meinung nach nicht hätte sein sollen.
Doch heute rannte Gwenvael vor seiner eigenen Verwandtschaft davon. Nicht, dass das in irgendeiner Form neu gewesen wäre, aber es war schon eine Weile her, seitdem das zum letzten Mal hatte sein müssen.
Es stimmte schon, dass er den Mund hätte halten sollen. Dabei war es eine durchaus legitime Frage gewesen. Wie immer hatte seine Sippe aber alles unverhältnismäßig aufgebauscht und ließ ihre deplatzierte Wut jetzt an ihm aus.
Warum gaben sie nicht einfach zu, dass sie neidisch waren? Denn er war Gwenvael der Schöne. Drittgeborener Sohn und viertgeborener Nachkomme der Drachenkönigin, ehemaliger Hauptmann der Streitkräfte der Drachenkönigin im Norden und meistgeliebtes männliches Wesen im gesamten Gebiet der Dunklen Ebenen: Gwenvael war prachtvoll, großmütig und liebevoll.
Und seine Sippe hasste ihn dafür.
Abgesehen davon: Wer sollte ahnen, dass eine Königin so empfindlich sein konnte? Selbst eine menschliche.
Er hatte doch nur eine einfache Frage gestellt – »Ist das normal, dass du schon im siebten Schwangerschaftsmonat so dick bist?« Eine einfache Frage, die Tränen, unattraktive Schnieflaute und geschleuderte Waffen zur Folge gehabt hatte. Die Menschenkönigin mochte ihre Fähigkeit verloren haben, schnell zu laufen, aber ihr Wurfarm war immer noch effektiv. Sie hat mir fast mein verdammtes Ohr abgeschnitten!
Jetzt hatte der Gefährte der Königin – auch bekannt als Gwenvaels ältester Bruder und zukünftiger Drachenkönig der Südländer, Fearghus – das Bedürfnis, ihn wie ein Karnickel zu jagen.
Das war der Grund, warum Gwenvael davonrannte. Denn wenn Fearghus der Zerstörer Gwenvaels hübsches Gesicht tatsächlich zerstörte, würde man den großen Mistkerl nie dafür bestrafen. Man würde ihm wie immer seine brutalen Übergriffe verzeihen, während man Gwenvael seine sinnlichen nie verzeihen würde.
Er wurde nackt mit ein paar Küchenmädchen seines Großvaters erwischt? Sofort bekam er die Klaue seines Vaters am Hinterkopf zu spüren. Er deutete an, seine Mutter solle sich, wenn sie sich in ihrer menschlichen Gestalt befand, besser Dinge vermeiden, die die Größe ihres Hinterns betonten? Sofort bekam er die Klaue seines Vaters am Hinterkopf zu spüren. Er schmiss eine kleine Party zum achtzehnten Geburtstag seines jüngsten Bruders Éibhear, an der auch ein paar Mädchen aus dem örtlichen Bordell beteiligt waren? Sofort bekam er die Klaue seiner Mutter am Hinterkopf zu spüren.
Fearghus dagegen hatte ihm vor mehr als einem Jahrhundert die Schwanzspitze abgehackt und war bis heute nicht dafür bestraft worden. Während seine stachelbewehrte Schwanzspitze, die die meisten Drachen als Waffe benutzten, irgendwo in einem Fluss schwamm, schleppte Gwenvael einen Stumpf durch die Gegend. Glücklicherweise hatte er andere Verwendungsmöglichkeiten für seinen tragisch lahmen, entstellten Schwanz gefunden. Die meisten weiblichen Wesen wussten diese sehr zu schätzen.
Gwenvael schoss um eine Ecke, auf die Ställe zu und zum Hintereingang wieder hinaus. In diesem Moment sah er die süße Izzy, die Tochter der attraktiven Talaith und von Gwenvaels idiotischem Bruder Briec.
Izzy war nicht Gwenvaels echte Nichte; ihr leiblicher Vater war ein Mensch aus den Südländern gewesen, der viele Jahre zuvor in einer Schlacht gestorben war – lange, bevor Talaith und Briec sich kennengelernt hatten. Doch Izzy gehörte zur Familie, und er liebte sie heiß und innig, genau wie sie ihn. Oder zumindest hatte er das geglaubt, bis sie in ihn hineinrannte, als er vorbeistürmte, sodass er gegen eine der Stalltüren flog. Er vergaß ständig, wie stark seine menschliche Nichte war. Ihre Mutter mochte eine kleine, zarte Hexe sein, die dazu ausgebildet war, auf Befehl zu töten, doch Izzy war ein ziemlicher Rabauke – und gefiel sich in dieser Rolle ungemein.
Izzy stand über ihm und rief: »Hab ihn!«
»Iseabail!«, schrie er, am Boden zerstört. »Mein Liebling! Meine geliebte Nichte! Wie konntest du nur?«
»Du hättest nicht ihre Gefühle verletzen sollen. Das war gemein.« Sie wackelte mit dem Finger vor seinem Gesicht. »Sei nicht immer so gemein!«
Izzy. Die süße, schöne, aber ewig sonderbare Izzy. Ihre Treue der Königin gegenüber stand außer Frage. Selbst jetzt trainierte sie täglich mit den Soldaten, in der Hoffnung, in den Krieg geschickt zu werden, damit sie ihre Loyalität mit Blut beweisen konnte. Warum irgendwer das Bedürfnis zu so etwas hatte, ging über Gwenvaels Verstand. Er mochte es nicht zu bluten oder auf sonst eine Art verletzt zu werden. Er hatte seine Körperteile gern genau dort, wo sie hingehörten – und zwar funktionsfähig. Er hatte es seinem Vater mehr als einmal sagen müssen: »Ich sagte, ich würde für den Thron meiner Mutter kämpfen. Ich habe nie gesagt, ich würde dafür sterben!« Einfach nur, um den alten Dummkopf zu einem seiner schäumenden Wutanfälle zu provozieren, fügte er jedes Mal hinzu: »Findest du nicht, ich sehe viel zu gut aus, um zu sterben?«
»Ich dachte, du liebst mich!«, schrie Gwenvael Izzy an.
»Nicht, wenn du gemein bist!« Ihre Herzensgüte war so echt, dass ihm nur einmal ganz kurz – na ja, vielleicht auch zweimal – der Gedanke kam, sie für diesen Verrat mittels eines Feuerballs aus seinem Leben zu streichen.
Große, grobe Hände schnappten Gwenvael bei den Haaren und zerrten ihn von den Ställen fort.
»Lass mich los, du Bastard!«
»Du gehst wieder da rein, du Hurensohn«, knurrte Fearghus. »Du gehst wieder da rein und entschuldigst dich, und wenn es das Letzte ist, was du tust!«
»Es gibt nichts, wofür ich mich entschuldigen müsste!«
Als Beweis, dass er da anderer Meinung war, hielt Fearghus kurz an, um ihm mit seinem Riesenfuß in den Magen zu treten.
»Au!«
»Du hast sie zum Weinen gebracht. Niemand bringt sie ungestraft zum Weinen!«
Sie durchquerten jetzt den Rittersaal des Schlosses auf der Insel Garbhán. Einst war dies ein Ort des Schreckens gewesen, das Machtzentrum von Lorcan dem Schlächter. Jetzt gehörte es der Frau, die Lorcans uneheliche Halbschwester war und gleichzeitig diejenige, die ihn geköpft hatte.
»Ich kann allein gehen«, erklärte er Fearghus, als ihm klar wurde, dass die elende Echse nicht die Absicht hatte, in absehbarer Zeit anzuhalten. Obwohl Gwenvael bei seinem Fluchtversuch seine natürliche – und prächtige – Drachengestalt hätte annehmen können, hätte er damit nur unnötig die Menschen verstört, die hier lebten.Und das tat er sehr ungern. Er mochte Menschen … Nun, er mochte weibliche Menschen. Die Männer hätte er auch entbehren können.
»Ich jage dich nicht noch mal«, knurrte Fearghus und schleppte Gwenvael die harte Steintreppe hinauf. Als Gwenvael anfing zu treten und versuchte, sich aus Fearghus’ Griff loszureißen, schnappte der Zweitälteste, Briec, Gwenvaels Beine und half Fearghus.
»Du verräterischer Mistkerl!«
»Was machen wir mit ihm?«, fragte Briec erwartungsvoll. »Werfen wir ihn aus einem Fenster? Komm, lass ihn uns aus einem Fenster werfen! Oder vom Dach!«
»Wir bringen ihn zu Annwyl.«
»Meinst du nicht, dass unsere Mutter es merkt, wenn er keinen Kopf mehr hat?«
»Sie wird es merken«, antwortete Fearghus, der Gwenvaels Gezappel ignorierte. »Die Frage ist: Macht es ihr etwas aus?«
Jetzt, vor dem Schlafgemach der Königin, trat Fearghus die Tür auf und warf gemeinsam mit Briec den armen Gwenvael in den Raum hinein. Die Tür knallte zu, und Gwenvael ging auf, dass ihn seine Brüder auf Gedeih und Verderb der Königin der Dunklen Ebenen ausgeliefert hatten. Man nannte sie auch die Blutkönigin der Dunklen Ebenen, die Köpfende, die Verrückte Schlampe von Garbhán, oder noch markiger: Annwyl die Blutrünstige. Aus irgendeinem Grund war die Menschenkönigin dafür bekannt, ein kleines bisschen aufbrausend zu sein.
Sich innerlich wappnend, blickte Gwenvael zu der schönen Königin Annwyl auf und sagte: »Meine liebe, süße Annwyl. Meine Seele sehnt sich nach dir. Mein Herz verzehrt sich nach dir. Sag mir, dass du mir meine vorschnellen, törichten Worte vergibst und dass unsere Liebe nie vergehen wird.«
Sie starrte ihn lange an, und dann, zu Gwenvaels größtem Entsetzen, brach sie schon wieder in Tränen aus.
In diesem Augenblick wusste er, dass er das seinen Brüdern nie verzeihen würde.
Sie nannten sie Die Reinholdt-Bestie. Oder kurz: Die Bestie.
Das gefiel ihr nicht, vor allem, weil ihr Name eigentlich Dagmar war, aber sie tolerierte es. Es gab schlimmere Dinge in ihrer Welt als einen Namen zu bekommen, von dem sie nicht glaubte, dass sie ihn verdiente.
Na gut … vielleicht verdiente sie ihn ein bisschen.
Dagmar klappte ihr Buch zu und seufzte. Sie wusste, dass sie sich nicht den ganzen Tag in ihrem Zimmer verstecken konnte, egal, wie sehr sie sich das wünschte. Sie wusste, sie musste sich ihrem Vater stellen und ihm sagen, was sie getan hatte. Die Tatsache, dass sie es für das Herrschaftsgebiet und das Volk ihres Vaters getan hatte, würde Dem Reinholdt, dem mächtigsten Warlord der Nordländer, wenig bedeuten. Doch sie hatte früh in ihrem Leben gelernt, die »fünf Minuten« ihres Vaters, wie sie sie gern nannte, zu ignorieren, wenn sie letztendlich das bekam, was sie wollte.
Sie legte ihr Buch beiseite, stand auf und zog eines ihrer grauen Wollkleider an. Sie zog es zurecht und schlang sich dann einen schlichten Ledergurt um die Hüften. Den kleinen Dolch, den sie benutzte, um kleinere Dinge zu schneiden, steckte sie in den Gurt und band sich dann ein graues Kopftuch um; ihr langer, geflochtener Zopf reichte ihr weit über den Rücken hinab.
Bevor sie sich in dem mannshohen Spiegel neben ihrem Bett einen flüchtigen Blick zuwarf, setzte sich Dagmar vorsichtig ihre Augengläser auf die Nase. Zum Lesen brauchte sie sie nicht, aber für alles andere. Vor vielen Jahren war es ein Mönch, der liebe Bruder Ragnar gewesen, der Dagmar ihre ersten Augengläser geschenkt hatte, als er bemerkte, wie oft sie blinzelte, wenn sie mehr als ein paar Zentimeter über ihre Nase hinausschaute. Er hatte die Augengläser selbst gemacht, und sie trug sie seitdem.
Ein schneller Blick in den Spiegel sagte ihr, dass das Ganze nicht zu furchtbar aussah, also verließ sie ihr Zimmer und erlaubte ihrem Hund vorauszurennen. Dagmar schloss ihre Tür ab und kontrollierte zweimal, ob sie auch wirklich fest verschlossen war, bevor sie die steinernen Hallen der Festung ihres Vaters durchquerte. Sie war hier geboren und hatte sich nie weiter als bis in die nächste Stadt entfernt. Sie wusste, sie würde eines Tages hinter diesen Mauern sterben, es sei denn, sie konnte ihren Vater überreden, ihr ein kleines Haus irgendwo in den umliegenden Wäldern vor den Toren zu schenken. Tragischerweise würde sie noch mindestens zehn Jahre warten müssen, bis sie ganz sicher in die Kategorie »alte Jungfer« gehörte.
In den Nordländern entfernten sich Frauen niemals weit von ihren Angehörigen, bis sie ihren Ehemännern übergeben wurden. Nach drei Eheversuchen bezweifelte sie, dass noch irgendein Mann daherkommen würde, der närrisch genug war, im Reinholdt-Clan seinen Hals zu riskieren, nur um sie ins Bett zu bekommen. Was sie, wenn sie ehrlich mit sich war – und wann war sie das nicht? – sehr erleichternd fand.
Einige Dinge gehörten von Natur aus zu den Eigenschaften ihres Geschlechts. Gefällig zu sein, liebevoll, charmant und zärtlich – sie kannte viele Frauen, die diese Gaben von Natur aus besaßen. Dagmar dagegen besaß keine dieser Eigenschaften – wenn sie auch für kurze Zeit so tun konnte, als ob. Wenn sie durch Vortäuschung bekam, was sie wollte, warum also nicht?
Denn Dagmar wusste, dass es Schlimmeres auf dieser Welt gab als vorzugeben, eine liebevolle, sittsame Frau zu sein. Nämlich zum Beispiel, wirklich eine liebevolle, sittsame Frau zu sein. Die Nordländer waren eine raue, harte Gegend und nichts für solche, die reinen Herzens und schwachen Geistes waren. Sich tatsächlich zu kümmern oder wirklich so schwach zu sein, wie die Nordmänner es von ihren Frauen erwarteten, war ein ausgezeichneter Weg, jung zu sterben.
Und Dagmar hatte die Absicht, hundert Jahre alt zu werden. Mindestens.
Das intensive Studium der Papiere in ihren Händen erlaubte es Dagmar, alles zu ignorieren, was um sie herum vorging. Die heftigen Streits, die betrunkenen Angehörigen, die überall auf dem Boden herumlagen, die sich windenden Körper in dunklen Ecken.
Ein Morgen wie jeder andere in der Reinholdt-Festung.
Sie hatte sich selbst schon vor langer Zeit beigebracht, all die irrelevanten Aktivitäten um sich herum einfach auszublenden, die sie nur von den wichtigen Dingen ablenkten.
Das war einfach, wenn ihr Hund Knut kühn neben ihr herging, mit Argusaugen wachte und sie beschützte. Sie hatte ihn von seiner Geburt an aufgezogen, und jetzt war er ihr treuer Gefährte. Er war einer der vielen Kampfhunde, die sie für ihren Vater gezüchtet und ausgebildet hatte, seit sie neun Winter alt gewesen war, aber Knut gehört ihr und niemandem sonst. Seit drei Jahren beschützte er sie, wie Knuts Vater sie beschützt hatte: wild, grimmig und brutal. So wild, grimmig und brutal, dass niemand in ihre Nähe kommen konnte. Das gefiel ihr.
Dagmar war sich wohl bewusst, dass es für eine Frau ungewöhnlich war, für die Hunde zuständig zu sein, die ein Warlord wie ihr Vater im Kampf benutzte, aber er hatte die Augen nicht davor verschließen können, wie gut sie mit Hunden umgehen konnte. Aber vor allem konnte er die Tatsache nicht ignorieren, dass sie jeden einzelnen Kampfhund innerhalb seines Gebietes darauf trainiert hatte, nur auf ihre Stimme, ihren Befehl zu reagieren. Es war einen Monat vor ihrem zehnten Geburtstag gewesen, als sie ihren ersten Sieg ausgeheckt, geplant und durchgeführt hatte. Sie erinnerte sich gut daran, wie sie vor ihrem Vater gestanden hatte und sämtliche bösartigen, unbändigen Kampfhunde in Habtachtstellung vor, neben und hinter ihr, die nur auf ihren Befehl gewartet hatten. Sie hatte mit zusammengekniffenen Augen zu ihrem Vater hinaufgeblinzelt, denn schon damals war sie kurzsichtig gewesen, und hatte ihm leise erklärt: »Es tut mir leid, dass dein Hundetrainer seinen Arm verloren hat, Vater. Vielleicht brauchst du jemanden, der ein bisschen besser mit diesen Tieren zurechtkommt, eher mit Freundlichkeit als mit Brutalität.«
»Du bist noch ein kleines Mädchen«, hatte er zurückgeknurrt und dabei mit dem zerfetzten, blutgetränkten Arm seines Ausbilders gestikuliert. »Was verstehst du schon von Krieg und Kampf?«
»Gar nichts«, hatte sie fast geflüstert, die Augen niedergeschlagen. »Aber ich kenne mich mit Hunden aus.«
»Dann zeig es mir. Zeig mir, was du kannst.«
Sie hatte den Blick gehoben, ihrem Vater in die Augen gesehen und auf einen Hund gedeutet, dann auf einen der Wächter. Nur einer der achtzehn Hunde stürmte los und ging auf den Mann los, der sie einmal als »hässliches Mädchen« bezeichnet hatte.
Ihr Vater hatte dem Hund dabei zugesehen, wie er tat, wozu er ausgebildet war, und sich nicht im Geringsten um die Hilfeschreie des Wächters gekümmert.
»Sehr gut«, hatte er schließlich gesagt, aber sie hatte gewusst, dass die Prüfung noch nicht vorüber war.
»Danke.«
»Jetzt ruf ihn zurück.«
Sie hatten beide gewusst, dass das die wahre Herausforderung war, denn die Kampfhunde der Reinholdts wurden oft unkontrollierbar, wenn sie im Blutrausch waren. Viele von ihnen wurden am Ende der Schlacht von ihren Hundeführern getötet.
Also hatte Dagmar, immer noch ohne den Blick von dem ihres Vaters abzuwenden, ihre Finger gehoben, kurz gepfiffen und eine Geste mit der Hand gemacht. Der Hund hatte seine schreiende, weinende und blutende Beute auf der Stelle losgelassen, war zurück an ihre Seite getrottet und hatte sich auf den Platz gesetzt, den er verlassen hatte. Mit hängender Zunge, Blut an der Schnauze, hatte er Dagmar angesehen und auf den nächsten Befehl gewartet.
Damals hatte ihr Vater nur gegrunzt und war weggegangen, den Arm seines Ausbilders mitsamt einer Blutspur hinter sich herziehend. Doch bis ihr sechzehnter Winter vergangen war, hatte Dagmar die volle Kontrolle über die Hundezwinger und sämtliche Hunde – Arbeitshunde und Haustiere – in sämtlichen Ländereien ihres Vaters innegehabt.
Als Knut abrupt stehen blieb, tat sie es ihm nach und wartete, bis ein Kelch an ihrem Kopf vorbeiflog und an die Wand neben ihr krachte. Mal wieder ein Streit zwischen einem ihrer Brüder und seiner Frau.
Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, stieg sie über den auf dem Boden rollenden zerbeulten Kelch und ging auf die Haupthalle zu. Ihr Vater saß an der Haupttafel; mehrere ihrer Brüder saßen mit ihren Frauen um ihn herum, doch der Stuhl neben ihm war frei, denn das war Dagmars Stuhl. Sie wusste, dass das ihre Schwägerin Kikka ärgerte, die sie über den Tisch hinweg böse anstarrte.
Während sie hereinkam und sich setzte, schaufelte ihr Vater sich Essen in den Mund, als fürchte er, der zähe Haferbrei könnte versuchen zu fliehen. Wie immer ignorierte sie den Anblick ihres Vaters beim Essen.
In ihrer Welt gab es schlimmere Dinge als schlechte Tischmanieren.
»Vater.«
Ihr Vater grunzte. Er war noch nie besonders gesprächig gewesen, aber seiner einzigen Tochter hatte er besonders wenig zu sagen. Nach zwölf strammen Söhnen von drei verschiedenen Ehefrauen – zwei waren davongelaufen, und Dagmars Mutter war nach der Geburt gestorben – hatte er nicht mit einer Tochter gerechnet. Vor allem hatte er nicht mit einer Tochter wie ihr gerechnet. Wenn er betrunken war, beklagte er oft die Tatsache, dass sie nicht als Junge geboren worden war. Er hätte mehr mit ihr anfangen können, wenn sie nützlich für ihn gewesen wäre, statt nur etwas, das er beschützen musste.
Es hätte sie verletzen sollen, dass ihr Vater nach all der Zeit immer noch nicht anerkannte, was sie für sein Lehen tat. Wie viel sie beitrug, unter anderem die Verteidigungsmaßnahmen, die sie entwarf, die Hunde, die sie ausbildete, um seinen Männern im Kampf das Leben zu retten, oder die wichtigen Waffenstillstände, die sie ihm auszuhandeln half. Doch warum Zeit damit verschwenden, verletzt zu sein? Es hätte nichts geändert und sie nur wertvolle Zeit gekostet.
Dagmar griff nach einem Brotlaib und riss ihn auseinander. »Der neue Wurf Welpen sieht sehr vielversprechend aus, Vater. Sehr stark. Kräftig.« Sie riss das halbe Brot in ihren Händen noch einmal auseinander und gab Knut einen Teil.
Ihr Vater grunzte noch einmal, doch statt auf eine Antwort zu warten, die sie gar nicht erwartete, machte sich Dagmar über den heißen Haferbrei her, den einer der Diener vor sie hinstellte. Das gemeinsame Frühstück, wenn er nicht fort war, um sein Land zu verteidigen, lief oft so ab. Um genau zu sein, hatte sie sich so sehr an das Schweigen oder gelegentliche Grunzen gewöhnt, dass sie sich fast an ihrem Essen verschluckte, als ihr Vater plötzlich doch mit ihr sprach.
»Wie bitte?«, fragte sie, nachdem sie geschluckt hatte.
»Ich wollte wissen, was für eine Botschaft du vor ein paar Tagen mit meinem Siegel drauf verschickt hast.«
Verdammt. »Du erlaubst mir, dein Siegel zu benutzen und fast alle Korrespondenz mit deinem Namen zu unterschreiben. Also musst du dich schon genauer ausdrücken, Va…«
»Mach’s kurz!«, knurrte er.
Na gut: »Ich habe eine Botschaft an Annwyl von den Dunklen Ebenen geschickt.«
Er starrte sie so lange an, dass ihr klar war, dass er keine Ahnung hatte, wen sie meinte. »Na gut.«
Ohne ein weiteres Wort stand er auf und nahm seine Lieblings-Streitaxt. Die Vormittage, wenn die zwei Sonnen am Himmel standen, aber die Luft noch am kältesten war, waren in den Nordländern dem Kampftraining vorbehalten. Als ihr Vater den Hauptsaal verließ, legte Kikka ihren Löffel nieder und fragte laut: »Nennt man Annwyl von den Dunklen Ebenen nicht auch die Verrückte Schlampe von Garbhán?«
Dagmar hatte nur einen Augenblick, um ihrer nutzlosen Schwägerin einen frostigen Blick zuzuwerfen, bevor Der Reinholdt wieder hereingestürmt kam, während Dagmars Brüder es angesichts der rasenden Wut ihres Vaters plötzlich eilig hatten zu verschwinden.
Die Axtklinge Des Reinholdts schlug in den Esstisch ein, und beim Geräusch des splitternden Holzes stieben die restlichen Diener, die noch im Raum waren, in alle Richtungen auseinander. Bevor Dagmar ein Wort sagen konnte, brüllte ihr Vater: »Du hast dieser Wahnsinnigen eine Botschaft geschickt?«
Gwenvael sah die Königin der Dunklen Ebenen an und machte sich Sorgen. Sie erschien ihm so schwach. Schwächer als er sie je erlebt hatte. Und bleich, was einer Kriegerkönigin, die den Großteil ihrer Zeit mit ihren Soldaten im Freien verbrachte und alles tötete, was sich ihr in den Weg stellte, gar nicht gut zu Gesicht stand. Ihre Haut war von der Sonne immer goldbraun getönt gewesen, wenn auch nicht so braun wie die von Talaith und Izzy, aber die kamen auch aus den Wüsten von Alsandair, wo alle in verschiedenen Braunschattierungen geboren wurden. Das war Annwyl nicht.
Doch in den letzten Monaten, während ihr Bauch wuchs und ihre Zwillinge in ihr aktiver wurden, hatte Annwyl irgendwie nichts von dem inneren Glühen anderer erstgebärender menschlicher Mütter, die er auf seinen Reisen gesehen hatte. Sie sah abgespannt und müde aus.
»Was ist los, Annwyl?«
Zumindest hatte sie endlich aufgehört zu weinen, aber jetzt stand sie am Fenster und starrte schweigend hinab in den Hof.
»Was ist los, meine Königin? Du bist anders als sonst.«
Sie lächelte. »Ich bin nicht deine Königin.«
»Du bist es, wenn ich hier bin. Und als dein treuer und dich am meisten liebender Untertan will ich nur helfen.«
»Das weiß ich.«
»Also, was ist los, Annwyl? Was macht dir solche Sorgen, dass ich fünf Goldstücke verwetten würde, dass du es nicht einmal Fearghus gesagt hast?« Als sie sich weiter von ihm abwandte, setzte er sich auf einen der robusten Stühle mit den geraden Lehnen und hielt Annwyl seine Hand hin – er war nicht so dumm, sich ihr noch einmal zu nähern, wenn sie schlecht gelaunt war. Nicht, wenn diese verdammten Schwerter gerade mal eine Armeslänge von ihr entfernt waren. »Komm, erzähl Gwenvael, was du meinem lieben – aber nicht annähernd so gut aussehenden und charmanten – Bruder nicht sagen kannst.«
Nach einem langen Moment nahm Annwyl Gwenvaels Hand und ließ sich von ihm auf seinen Schoß ziehen. Er streichelte ihr den Rücken, während sie in der Tasche ihres Kleids grub. Sie reichte ihm ein Stück Pergament, und Gwenvael sah sofort auf das Wachssiegel, das immer noch an einem Teil davon klebte. Er hielt sich nicht damit auf, den Brief selbst sofort zu lesen, denn er hatte festgestellt, dass es fast so wichtig, wenn nicht sogar wichtiger war, von wem Briefe kamen als was tatsächlich darin gesagt wurde.
»Wessen Siegel ist das? Ich kenne es nicht.«
Annwyl seufzte laut auf. »Der Reinholdt.«
»Der Reinholdt?« Er runzelte nachdenklich die Stirn; dann ging ein Ruck durch seinen Körper. »Gute Götter! Dieser Verrückte aus dem Norden?«
»Genau der.«
»Ehrlich …« Er warf noch einen Blick auf den Brief. »Ich wusste gar nicht, dass irgendwer aus dem Reinholdt-Clan schreiben kann.«
Dagmar wartete geduldig, während ihr Vater wetterte. Er hatte wohl wieder eine schlaflose Nacht hinter sich, denn er brauchte länger als gewöhnlich. Zwei Dinge beeindruckten sie immer, wenn ihr Vater so zu ihr war: Er hatte sie in seiner Wut nicht ein Mal angerührt oder war gewalttätig geworden, und er wurde bei seinen Schreikrämpfen niemals persönlich. Während mehr als eine ihrer Schwägerinnen sie schon »dumme Schlampe« oder »hässliche Kuh« genannt hatte, wenn ihr nichts Geistreicheres mehr eingefallen war, blieb ihr Vater immer bei seinem Streitpunkt. Und sein Streitpunkt war normalerweise, dass Dagmar wieder einmal ihre Grenzen überschritten hatte.
Normalerweise hatte sie das dann auch.
Als ihr Vater endlich lange genug schwieg, dass sie antworten konnte, sagte sie: »Ich glaube, du unterschätzt, was Königin Annwyl für uns tun kann.«
»Außer ihren Blutdurst in unser Zuhause mitzubringen?«
»Vater«, sagte sie besänftigend, »du solltest nicht auf Gerüchte hören.« Sie lächelte. »Das ist mein Job.«
»Oooh, du hast jetzt einen Job?«, fragte Kikka zuckersüß und strahlte übers ganze Gesicht dabei.
Und Dagmar gab, ebenfalls strahlend, zurück: »Ich wusste gar nicht, dass Eymund dir ein neues Kleid gekauft hat. Es ist schön!«
Ihr Bruder Eymund, der durch Abwesenheit geglänzt hatte, seit ihr Vater zurück war, kam wieder in den Saal. »Was? Was für ein neues Kleid?« Er warf seiner jungen Frau einen wütenden Blick zu. »Ein neues Kleid?«
Kikkas Blick war fast jeden Augenblick wert, in dem Dagmar sich mit Dem Reinholdt auseinandersetzen musste.
Sie wandte sich wieder ihrem Vater zu und hob die Stimme, damit er sie über das Gebrüll ihres Bruders hinweg hören konnte. »Vater, ich verstehe deine Sorge. Aber wir können nicht ignorieren, was für eine Verbündete Königin Annwyl für uns wäre. Man sagt, sie habe fast hundert Legionen zur Verfügung. Alle gut ausgebildet und kampfbereit.«
Ihr Vater legte seine großen Fäuste auf den Tisch, und Dagmar wusste, dass sie jetzt nicht mehr mit dem beängstigenden Warlord sprach, der in den gesamten Nordländern gefürchtet wurde, sondern mit Sigmar Reinholdt. Dem Mann, dem sein Volk und seine Familie sehr viel bedeuteten. »Du machst dir Sorgen wegen Jökull, nicht wahr?«, fragte er, ohne sie anzusehen.
»Aus gutem Grund. Wir können deinen Bruder nicht länger ignorieren.«
»Ich ignoriere ihn nicht!«
»Er verstärkt seine Truppen, kaufte sie anscheinend ein. Deine Männer bereiten sich eindeutig auf eine Belagerung vor. Ich will helfen, und Königin Annwyl macht mir das möglich.«
»Ich brauche deine Hilfe nicht, kleine Miss.«
»Nein. Du brauchst ihre. Und ich sehe keine Schande darin.«
Ihr Vater räusperte sich, sah sich um und murmelte: »Du weißt, dass es nicht deine Schuld ist.«
Leider wusste sie das nicht. Aber als sie nicht antwortete, holte ihr Vater tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. »Was geben wir ihr?«
»Informationen.« Sie konnten ihr wenig mehr bieten.
»Du und deine verdammten Informationen.«
»Damit handle ich.« Sie beugte sich vor und sah ihm direkt in die Augen – sie war eine der wenigen, die das wagten. »Du musst mir in dieser Sache vertrauen.«
Er schnaubte und starrte auf den Tisch hinab, während Dagmar geduldig wartete.
Als er endlich seine Axt am Griff packte und die Waffe aus dem Tisch riss, wusste sie, dass sie gewonnen hatte – oder zumindest eine kurze Galgenfrist erlangt hatte.
»Treib es nicht zu weit mit mir, kleine Miss«, grummelte er.
Natürlich würde sie das. Sie war so gut darin.
Als ihr Vater den Raum verließ, kam ein Diener hereingeeilt. »Mylady, Bruder Ragnar ist auf dem Weg hierher.«
Sie nickte und stand auf; den Appetit hatte sie schon längst verloren.
»Schau an« – Kikka lächelte höhnisch, während ihr Ehemann immer noch über »das ganze verfluchte Geld, das du aus dem Fenster wirfst!« schimpfte – »noch ein männliches Wesen, das es nicht mit unserer kleinen Dagmar treiben wird.«
»Ganz im Gegensatz zu dir, Schwester.« Dagmar beugte sich nieder und beendete den Satz flüsternd: »Die offenbar alles vögeln würde.«
Während sie auf die Tür und ihre Ruhepause von dieser Idiotie zuging, hörte Dagmar ihren Bruder schnauzen: »Was hat sie gesagt? Was machst du?«
Gwenvael überflog die Nachricht flüchtig. »Der Reinholdt will, dass du – und sie betonen dieses ›Du‹ sehr deutlich – in sein Herrschaftsgebiet kommst, um das Leben deiner ungeborenen Kinder zu retten. Du weißt, ich persönlich schätze es gar nicht, dass er versucht, meine liebliche Königin herumzukommandieren, aber was mir wirklich Sorgen macht …«
»… ist, dass die Barbaren schon wissen, dass ich Zwillinge bekomme?« Auf Gwenvaels Nicken hin fügte sie hinzu: »Und wenn sie das wissen, könnten sie auch schon wissen, dass ich nicht mehr so hart bin, wie ich einmal war.«
»Du wirst nicht ewig schwanger sein, Annwyl. Und wenn die Zwillinge erst da sind, wirst du wieder genauso wild, grausam und irre blutrünstig sein wie immer.«
»Du versuchst doch nur, mich zu trösten.«
»Funktioniert es?«
»Ein bisschen.« Sie schloss die Augen, und er wusste, dass sie Schmerzen hatte, wieder die »Stiche«, wie sie sie nannte, was in letzter Zeit immer öfter vorkam. Sie holte tief Luft und sprach weiter. »Aber selbst wenn ich persönlich in die Nordländer aufbrechen wollte, würde Fearghus das niemals zulassen. Und Morfyd! Götter, was das für ein Gequengel gäbe!« Gwenvaels ältere Schwester, eine mächtige Drachenhexe und Heilerin, konnte sogar einen Stein zermürben, wenn ihr danach war. »Abgesehen davon hat mir jemand, von dem ich eigentlich dachte, er wäre verrückt nach mir, gesagt, ich sei zu fett um zu reisen.«
»Das habe ich nicht gesagt, auch wenn ich es großartig finde, wie ihr alle mich absichtlich falsch versteht. Und wie schnell wir vergessen, dass ich auch bemerkt habe, dass deine Brüste noch voller und sogar noch hübscher als vorher geworden sind. Wenn das überhaupt möglich ist.«
Annwyl schüttelte lachend den Kopf. »Nicht einmal ein Mindestmaß an Schamgefühl.«
»Nicht einmal einen Teelöffel voll. Also, wir wissen beide, dass du nicht reisen kannst. Was soll ich also tun? Willst du, dass ich ihnen zurückschreibe? Ich denke, wir müssen beide zugeben, dass ich besser mit dem geschriebenen Wort umgehen kann als du mein Liebling.«
»Das ist wohl wahr.« Sie drehte sich ein wenig auf seinem Schoß, damit sie ihn direkt ansehen konnte. »Aber ich dachte, vielleicht könntest du an meiner Stelle hingehen.«
»Ich? Zurück in die Nordländer?« Er verzog das Gesicht. »Da würde ich noch lieber Baumrinde essen.«
»Glaubst du, ich bitte dich gerne darum, so ein Risiko einzugehen? Vor allem bei dem Eindruck, den du dort hinterlassen hast?« Sie hob eine Augenbraue.
»Weißt du, sie waren gar keine Jungfrauen«, argumentierte er, wie er schon seit Jahrzehnten argumentierte. »Sie sind an diesem See zufällig auf mich gestoßen. Sie haben mich benutzt! Sie haben ihre Schwänze auf eine Art benutzt, die ich verführerisch fand, und ich habe getan, was ich tun musste, um die Schrecken des Krieges zu überleben.«
»Stimmt es, dass du, und zwar nur du allein, ausdrücklich in der Waffenstillstandsvereinbarung erwähnt wirst?«
»Solange ich mich von Blitzdrachinnen fernhalte – du kennst die Blitzdrachen vielleicht auch als die Hordendrachen, meine schöne Majestät« – er schenkte ihr sein reizendstes Lächeln, aber sie starrte ihn nur an, also fuhr er fort – »darf ich für kurze Aufenthalte in die Nordländer reisen.«
»Dann musst du gehen. Aber um ganz ehrlich zu sein, bist du der Einzige, den ich schicken kann.«
Das Eingeständnis überraschte ihn. »Bin ich das?«
»Morfyd kann ich nicht schicken. Sie ist eine Frau, und die Blitzdrachen würden sie schneller schnappen als du ein Mädchen aus dem Dorf in dein Bett locken kannst.«
»Was für eine hübsche Analogie! Danke!«
»Abgesehen davon wird deine Schwester hier gebraucht, weil sie die Einzige ist, die Fearghus davon abhalten kann, seine eigenen Eltern umzubringen.«
Gwenvael hielt sein zorniges Stirnrunzeln gerade noch zurück; er wollte den Ton ihres Gesprächs so leicht wie möglich halten. »Dann weigert sich Mutter also immer noch zu glauben, dass deine Babys von Fearghus sind?«
»Ich weiß nicht, was sie glaubt, und es ist mir auch egal. Sie war schon seit sechs Monaten, seit sie es erfahren hat, nicht mehr hier, und das ist mir auch ganz recht so.« Gwenvael wusste, dass das gelogen war. Dieser Streit war der hässlichste gewesen, den er in seiner Sippe je erlebt hatte, und obwohl alle von Fearghus’ Geschwistern an diesem Tag hinter ihm und Annwyl gestanden hatten, hatte es Annwyl mehr verletzt, als einer von ihnen zugeben wollte.
»Keita kann ich auch nicht schicken«, fuhr sie fort, »weil sie dafür sorgen würde, dass sämtliche Männer aufeinander losgehen und darüber völlig vergessen würde, warum ich sie geschickt habe. Abgesehen davon: Wann ist sie schon einmal hier, dass ich sie fragen könnte?«
Das konnte Gwenvael nicht bestreiten. Seine kleine Schwester war ihm ähnlicher als jeder andere in der Familie. Sie lagen im Alter nur ein paar Dekaden auseinander, hatten sich immer nahegestanden und verstanden sich sehr gut. Doch er hatte bemerkt, dass Keita in den letzten Jahren fast ihre gesamte Zeit so weit wie möglich vom Berg Devenallt und den Dunklen Ebenen entfernt verbracht hatte. Sie hatte eine eigene Höhle, war aber fast nie da, und wenn sie einmal nach Hause kam, wurde es oft ungemütlich zwischen ihr und ihrer Mutter. Gwenvael konnte sich an keine Zeit erinnern, zu der Mutter und Tochter miteinander ausgekommen waren, was Familienzusammenkünfte immer ziemlich anstrengend gemacht hatte. Andererseits liebte Gwenvael diese Art von Spannung und fand oft ein perverses Vergnügen daran, die Situation zu verschlimmern.
»Natürlich ist da noch Briec, aber …« Annwyl suchte nach Worten, schien aber nichts zu finden, was sie über den arroganten, silberhaarigen Drachen sagen konnte, und endete mit: »Muss ich das mit Briec wirklich erklären?«
»Mir nicht.«
»Und Éibhear ist noch zu klein. Abgesehen davon bist du offen gesagt der politisch Erfahrenste aus eurem ganzen Haufen.«
Gwenvael lächelte, schockiert und ehrlich geschmeichelt von ihrer Feststellung. »Meinst du das ernst?«
»Natürlich. Ich bin nicht blind. Und man sollte immer die Stärken und Schwächen der Verbündeten kennen, die man um sich hat. Mein Vater hat das immer gesagt … du weißt schon, bevor er loszog und etwas oder jemanden vernichtete.«
Sie kaute auf ihrem Daumennagel, eine Angewohnheit, die sie über die letzten Monate entwickelt hatte, während ihr Stresspegel stieg. »Im Endeffekt bin ich mir sicher, dass du der Einzige bist, der das wirklich kann.«
»Und ich bin mir sicher, dass du damit durchaus recht hast, aber was springt für mich dabei heraus?«
Annwyl ließ ihre Hand in den Schoß fallen. »Was für dich dabei herausspringt?«
»Aye. Was ist meine Belohnung dafür, dass ich diese Aufgabe ausführe, die du mir aufgetragen hast?«
»Was willst du?«
Grinsend neigte Gwenvael ein wenig den Kopf vor und zupfte mit seinem Daumen und Zeigefinger behutsam am oberen Saum ihres Mieders.
»Hör auf damit!« Sie schlug lachend nach seiner Hand.
»Komm schon. Ich bitte doch nur darum, einen Augenblick in den üppigen Garten deiner Brust eintauchen zu dürfen.«
»Der üppige Garten meiner …« Annwyl schüttelte den Kopf. »Du wirst in keinen meiner Körperteile eintauchen, Lord Gwenvael.«
»Na, na. Ich bitte doch nur darum, ein bisschen mit ihnen zu spielen.« Er steckte seine Nase in ihren Ausschnitt, und Annwyl lachte und stemmte sich gegen seinen Kopf.
»Gwenvael! Hör auf!«
Die Tür ging krachend auf und Fearghus stolzierte herein. »Was zum Teufel geht hier …« Schwarzer Rauch quoll aus seinen Nasenlöchern. »Nimm deine Nase da raus!«
In aller Seelenruhe hob Gwenvael den Blick und sah in Fearghus’ wütendes Gesicht. »Oh. Hallo, Bruder. Was machst du denn hier?«
Dagmar lächelte herzlich, als die Tore aufgingen und einige Mönche hereinkamen; zwei von ihnen zogen einen großen Wagen voller Bücher. Bücher für sie.
»Bruder Ragnar.« Sie neigte respektvoll den Kopf.
»Lady Dagmar. Es ist so schön, dich zu sehen, Liebes.«
Bruder Ragnar, schon seit vielen Jahren Mönch in dem rätselhaften und selten in die Öffentlichkeit tretenden Orden des Kriegshammers, brachte Dagmar schon Bücher, seit sie zehn war. Es war das Einzige in der Festung ihres Vaters und den umgebenden Dörfern, das dafür sorgte, dass sie nicht den Verstand verlor: friedliche Reisende, die immer nützliche Informationen für sie hatten. Bruder Ragnar war ihr definitiv der liebste unter allen regelmäßigen Besuchern, aber sie hatte im Lauf der Jahre viele kennengelernt und gesprochen – die meisten von ihnen Mönche und Gelehrte – und viel über eine Welt gelernt, die sie nie gesehen hatte. Sie brachten ihr Bücher, Klatsch und Neuigkeiten, die sie oft benutzte, um ihrem Vater und ihrem Volk zu helfen, aber es war Bruder Ragnar, der ihr Unterricht im Lesen, Schreiben und Verhandeln gegeben hatte.
Er hatte ihr von Anfang an viel beigebracht und ihr gezeigt, wie sie von ihren Verwandten bekommen konnte, was sie wollte, ohne dass es jemand merkte. »Warum ein Rammbock sein, mein Liebes, wenn du einfach an die Tür klopfen und eingelassen werden kannst?«
Er hatte natürlich recht gehabt. Wie immer.
Dagmar nahm seinen rechten Arm, denn in seiner linken Hand hielt er seinen Wanderstab. Sie konnte wegen der Kapuze seiner Kutte, die er immer trug, nie viel von seinem Gesicht sehen, doch dem Klang und der Kraft seiner Stimme nach bezweifelte sie, dass er sehr alt war. Und obwohl er schwer verwundet worden, sein Körper gebrochen und schwach war, hatte er nichts von seinem Wesen verloren. Die Augen, die sie aus der Dunkelheit seiner Kapuze ansahen, waren von einem strahlenden Blau mit seltsamen silbernen Flecken auf der Iris und immer fröhlich und aufgeweckt.
Sein Ordensgelübde zwang Bruder Ragnar, selbst mit seinem kaputten Körper alle Wege zu Fuß zu machen, obwohl sie ihm mehr als einmal angeboten hatte, ihm ein Pferd zu kaufen. Doch es gehörte zu den Opfern, die Mönche aller Orden bringen mussten, was Dagmar nie verstehen würde – war das Leben nicht schwierig und schmerzhaft genug, auch ohne zusätzliches Elend?
»Ich bin so froh, dich zu sehen, Bruder.« Sie drückte seine behandschuhte Hand. »Du siehst gut aus.«
»Es ist immer noch schön, unterwegs zu sein. Auch wenn ich mich nicht gerade auf den Winter freue.« Der Winter in den Nordländern war für sie alle eine schwere Zeit, und nur die Wackersten – oder Dümmsten – zogen durch die Winterstürme ins Land der Reinholdts.
»Aber jetzt bist du ja hier. Und wir haben viel zu besprechen.«
»Ja, das haben wir.« Er machte eine Geste zu dem Wagen hin. »Und ich habe dir ein paar wunderbare neue Bücher mitgebracht, die du sicher mögen wirst.«
Sie warf einen Blick auf den Wagen und lächelte. »Du bringst mir die besten Geschenke.«
Indem sie Bruder Ragnars Hand auf ihren Arm legte, führte sie ihn und seine Gefährten in die Haupthalle, um ihnen warmen Wein und etwas zu essen anzubieten. »Also, Bruder … gibt es Neues von meinem Onkel?«
»Viel, leider. Es gefällt mir nicht, Dagmar. Es gefällt mir ganz und gar nicht.«
»Das wird mir genauso gehen, da bin ich sicher.«
»Hast du der Königin der Südländer eine Nachricht geschickt, wie ich dir geraten habe?«
»Ja, aber mein Vater war nicht sonderlich begeistert.«
»Sie ist eine Frau«, stichelte er. »Ihre Schwäche ist offensichtlich.«
»Aber ihr Ruf, Bruder …«
»Ich weiß. Sie ist vollkommen verrückt, aber sie hat fast hundert Legionen zur Verfügung, Mylady. Stell dir vor, was auch nur eine Legion tun könnte, um deinem Vater zu helfen.«
»Aber wenn sie so völlig wahnsinnig ist, wie jeder sagt, wird sie dann überhaupt verstehen, in welcher Gefahr sie schwebt?«
»Mylady, die meisten Monarchen der Südländer sind ziemlich irre. Aber sie sind immer von den verlässlichsten und schlauesten Köpfen unserer Zeit umgeben. Königin Annwyl wird da keine Ausnahme sein.« Er drückte leicht ihre Hand. »Keine Sorge, Mylady. Falls die Königin nicht selbst kommt, habe ich keine Zweifel, dass sie an ihrer statt nur ihren angesehensten Stellvertreter schicken wird.«
2 Wie lange soll ein Drache meines Formats noch ohne ein warmes weibliches Wesen überleben?
Seit Tagen reiste er nun schon durch die kalten und unerbittlichen Nordländer, über Ozeane der Verzweiflung, Wälder des Todes und Flüsse des Zorns hinweg. Er nannte sie nicht aus Spaß so. Er nannte sie so, weil die meisten davon wirklich so oder so ähnlich hießen.
Und nach so vielen Tagen unausgesetzten Reisens durch – davon war er inzwischen überzeugt – eine besondere Form der Hölle, hatte er immer noch keine Frau. Er war die Männer leid; er wollte Frauen sehen. Er wollte ihre Haare riechen, ihre Haut schmecken und sich in ihren Körpern verlieren. Und er wollte ganz sicher nicht noch einen wütenden, knurrigen, unattraktiven männlichen Nordländer sehen.
Das waren die Gedanken, die Gwenvael durch den Kopf schossen, als er in Sichtweite der Reinholdt-Festung kam. Noch mehr nutzlose, wertlose Nordland-Männer mit ihren nichtsnutzigen Kodexen und Regeln. Er dachte kurz darüber nach, seine menschliche Gestalt anzunehmen, entschied sich aber dagegen. Er brauchte den Vorteil gegenüber Dem Reinholdt und seinem Kriegersohn, Der Bestie.
Mit diesem Entschluss landete Gwenvael in all seiner Drachenpracht vor den Toren der Reinholdt-Festung.
Krallenbesetzte Füße gruben sich in den Boden und ließen die Festungsmauern erzittern; goldene Flügel streckten sich weit von seinem Körper, die langsamen, gleichmäßigen Bewegungen wirbelten Staub und Luft auf. Dann neigte Gwenvael den Kopf zurück und blies eine Flammenzunge in den Himmel hinauf.
Als er genug davon hatte, sah er hinab auf die Menschen, die zu ihm hinaufstarrten. »Nur zu«, bot er großzügig an. »Habt keine Hemmungen, euch in die Hosen zu machen und euch verängstigt und hilflos zusammenzukauern.«
Götter, manchmal überwältigte ihn sein Großmut geradezu selbst.
Dagmar hob ein Buch vom Boden auf und blätterte rasch die Seiten durch. Sie war so konzentriert auf ihre Arbeit, dass ihr nicht auffiel, dass etwas fehlte, bis Knut aufsprang und die Tür anknurrte. Sie sah bereits in diese Richtung, als einer ihrer Brüder ohne zu klopfen eintrat. Es war das typische unhöfliche Benehmen der Reinholdt-Männer, aber Knut wollte ihn trotzdem angreifen. Dagmar hielt ihn mit einem einfachen »Nein« zurück.
Der Hund hatte die Zähne gefletscht und befand sich schon im Flug, doch er riss sich automatisch zurück, traf auf dem Boden auf und rollte sich hastig herum. Er knurrte und schnappte ein wenig zum Schein, bevor er zurück an Dagmars Seite kam.
»Was ist los?«
Ihr Bruder Fridmar, dritter Nachkomme Des Reinholdts, lehnte lässig im Türrahmen und aß einen Apfel. Zwischen zwei Bissen nuschelte er: »Drache draußen.«
»Ja, schon gut, ich bin gleich … warte.« Sie sah von ihrer Arbeit auf. »Wie bitte?«
»Drache«, sagte er gelassen. »Vor den Toren. Eymund hat zum Angriff gerufen, aber Pa meinte, ich soll erst dich holen.«
Dagmar legte sorgsam die Schreibfeder auf den Schreibtisch, drehte sich langsam auf ihrem Stuhl herum und legte den Arm auf die Lehne. »Ein Drache? Bist du sicher?«
»Er ist groß, schuppig und hat Flügel. Was zum Teufel könnte es sonst sein?« Sie wäre vielleicht weniger genervt gewesen, wenn er bei dieser Antwort nicht Apfelstückchen gespuckt hätte.
»Und was für eine Art?«
Ihr Bruder runzelte die Stirn. »Art? Es ist ein Drache, hab ich doch gesagt.«
Es erstaunte sie, dass sie immer noch die Geduld für so etwas aufbrachte, aber was sie früh gelernt hatte und was ihre Schwägerinnen wohl nie begreifen würden – ihre Brüder und ihr Vater dachten und bewegten sich nicht schneller als absolut notwendig. Sie anschreien, kreischen … totale Zeitverschwendung. Also mühte sich Dagmar ab, bis sie hatte, was sie brauchte. Sie nannte es die »Steter Tropfen höhlt den Stein«-Methode. »Es gibt verschiedene Arten von Drachen, Bruder. Violette. Blaue. Tannengrüne.«
»Tannen …« Er schüttelte den Kopf. »Klar. Egal. Er ist gelb.«
»Gelb?« Dagmar tippte mit dem Finger auf den Schreibtisch und benahm sich genauso schwer von Begriff wie ihre Verwandtschaft. Und sie liebte es, dass sie die Stirn hatten, sich darüber aufzuregen, wenn sie das tat. »Es gibt keine gelben Drachen, Bruder. Meinst du golden?«
»Ja. Na gut. Dann golden.«
Dagmar blinzelte. »Ein Goldener? So weit im Norden?« Sie durchforstete ihr Gedächtnis nach allem, was sie im Lauf der Jahre über Drachen gelernt hatte – viel war es nicht. Es war nicht so, dass sie nicht geglaubt hatte, dass sie existierten, aber sie hatte bezweifelt, dass sie viel mit Menschen zu tun hatten. Warum sollten sie auch?
Die Hordendrachen des Nordens lebten weit in den höchsten Gebirgen und blieben meistens für sich. Ihre Farben waren ausgeprägt, aber einfach, und reichten von tiefen dunklen Lilatönen bis hin zu fast weiß, und sie trugen die Macht der Blitze in sich. Wie die Menschen der Nordländer waren sie überwiegend Krieger und Kämpfer.
Die Drachen der Südländer besaßen ein größeres Farbenspektrum und hatten ihre eigene Königin. Feuer war ihre innere Kraft, und sie waren oft Gelehrte und Lehrer.
»Wen interessiert, wie weit er gereist ist?«
»Dich sollte es interessieren. Und Vater. Warum sonst sollte ein Goldener von so weit her kommen und das Risiko eingehen, mit den Hordendrachen aneinanderzugeraten? Soweit ich weiß, sind sie Todfeinde.« Sie betrachtete ihren Bruder. »Und warum will Vater, dass ich da rausgehe? Du weißt, dass es ein Mythos ist, was man über Jungfrauenopfer und Drachen sagt, oder?«
»Natürlich weiß ich das«, blaffte er auf eine Art, dass Dagmar sofort wusste, dass er an den Mythos glaubte. »Und nach den drei Hochzeiten bist du ja wohl auch nicht mehr wirklich Jungfrau, oder?«
»Die letzten beiden haben ja wohl kaum gezählt.«
»Hör zu, Weib« – Fridmar warf das Kerngehäuse seines Apfels auf ihren Fußboden, und Dagmar schnappte empört nach Luft – »dieser Drache da draußen hat nach Pa verlangt, und Pa hat nach dir verlangt.«
»Er hat verlangt?« Sie machte große Augen und blinzelte ihren Bruder an. Ihren »überraschten Blick« nannte sie das. »Du lässt zu, dass ein Drache etwas von Dem Reinholdt verlangt? Wo ist dein Heldenmut? Deine Ehre?«
»Hältst du vielleicht den Mund?« Der Kiefermuskel ihres Bruders begann ganz leicht nervös zu zucken. »Du wirst sauer, wenn wir anfangen zu töten ohne … ohne