Ich bin all jenen unendlich dankbar, die sich bei der Entstehung dieses Buches solche Mühe gegeben haben. Emily Stokely, Küchenfee extraordinaire, die mir das Brotbacken beigebracht hat. Roger Barron, der sich so viel Zeit für mich genommen und mir solch wundervolle Einblicke in die Welt des Wirtschaftsrechts gegeben hat (ganz zu schweigen von seiner Jo-Malone-Expertise!). Und ganz besonders Abigail Townley, die mir bei der Entwicklung des juristischen Plots so kompetent zur Seite stand und so geduldig unendlich viele Fragen beantwortet hat.
Dank auch dem unermüdlichen Patrick Plonkington-Smythe, Larry Finlay, Laura Sherlock, Ed Christie, Androulla Michael, Kate Samano, Judith Welsh und all den fabelhaften Leuten bei Transworld. Dank an meine wundervolle Agentin Araminta Whitley, deren Begeisterung für dieses Buch keine Grenzen kannte, und an Lizzie Jones, Lucinda Cook, Nicki Kennedy und Sam Edenborough. Dank an Valerie Hoskins, Rebecca Watson und Brian Siberell. Dank auch, wie immer, an die Vereinsmitglieder und an alle meine Jungs, die großen wie die kleinen.
Diese Danksagung wäre unvollständig, würde nicht auch Nigella Lawson Erwähnung finden, die ich zwar nie kennen gelernt habe – aber deren Bücher sämtlich Pflichtlektüre für alle sein sollten, die sich doch noch zur Göttin in Gummistiefeln mausern wollen.
Sophie Kinsella ist Schriftstellerin und ehemalige Wirtschaftsjournalistin. Mit ihren Romanen um die liebenswerte Chaotin Rebecca Bloomwood hat sie ein Millionenpublikum erobert. Aber auch mit »Sag’s nicht weiter, Liebling« und der »Göttin in Gummistiefeln« eroberte sie die Bestsellerlisten im Sturm. Sophie Kinsella lebt in London. Mehr zum Buch und zur Autorin unter www.readsophiekinsella.com.
Die Romane mit Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood:
Die Schnäppchenjägerin (45286)
Fast geschenkt (45403)
Hochzeit zu verschenken (45507)
Vom Umtausch ausgeschlossen (45690)
Außerdem: Sag’s nicht weiter, Liebling. Roman (45632)
Würden Sie sich als gestresst bezeichnen?
Nein. Ganz sicher nicht.
Ich habe nur ... einfach viel zu tun. So ist das nun mal, wenn man einen anspruchsvollen Job hat. Ich bin ehrgeizig/karrierebewusst und habe Spaß an meiner Arbeit.
Na gut, manchmal stehe ich schon ein bisschen unter Druck. Ich bin schließlich Rechtsanwältin in der Londoner City, dem Finanzmekka sozusagen. Haben Sie einen Schimmer, was das heißt?! Nein?
Ich habe so fest aufgedrückt, dass der Stift glatt durchs Papier gegangen ist. Mist. Egal. Auf zur nächsten Frage.
Wie viele Stunden verbringen Sie täglich am Arbeitsplatz?
Kommt drauf an.
Treiben Sie regelmäßig Sport?
Ich habe vor, demnächst mal wieder zum Schwimmen zu gehen. Sobald ich Zeit habe. Ist im Moment viel los in der Kanzlei. Aber nur vorübergehend.
Trinken Sie täglich mindestens 8 Gläser Wasser?
Nein.
Ich setze kurz ab und räuspere mich. Maya blickt von ihrer kampfbereit aufgepflanzten Kosmetika-Batterie auf. Maya ist die mir zugeteilte Beauty-Therapeutin. Ihr langes dunkles Haar mit der einzelnen weißen Strähne ist zu einem Zopf geflochten. In einem Nasenflügel blitzt ein dezenter Strassstein.
»Kommen Sie voran? Wenn Sie irgendetwas nicht verstehen, fragen Sie mich nur«, sagt sie mit ihrer angenehmen, leisen Stimme.
»Nun, ich bin ein wenig in Eile, das sagte ich ja bereits«, merke ich höflich an. »Muss ich das denn wirklich alles beantworten? «
»Ich fürchte, ja. Diese Fragen dienen dazu, so viel wie möglich über die Gesundheits- und Beauty-Defizite unserer Kundinnen in Erfahrung zu bringen«, erklärt sie, nun mit einem Hauch von Strenge.
Ich werfe einen Blick auf meine Uhr. Schon Viertel vor zehn.
Ich habe einfach keine Zeit für dieses Theater. Ehrlich. Aber es ist nun mal ein Geburtstagsgeschenk und ich hab’s Tante Patsy versprochen.
Genauer gesagt, habe ich den Gutschein schon vor einem Jahr, zu meinem letzten Geburtstag, bekommen. Um mich mal so richtig zu entspannen. Mir was zu gönnen. Tante Patsy ist die Schwester meiner Mutter und hat was gegen Karrierefrauen. Immer, wenn ich sie sehe, packt sie mich bei den Schultern und späht mir besorgt ins Gesicht. Auf der beigefügten Karte stand: »Lass dich einfach mal in aller Ruhe verwöhnen, Samantha!! «
Was ich ja auch vorhabe. Bloß, dass im Moment so viel los ist in der Kanzlei. Und irgendwie ist das Jahr verflogen, ohne dass ich auch nur eine Sekunde Zeit gefunden habe. Ich bin Rechtsanwältin bei Carter Spink, und, wie gesagt, im Moment ist ein bisschen viel los. Nur vorübergehend, natürlich. In ein paar Wochen ist der Spuk vorbei. Bestimmt.
Na jedenfalls, als ich dann vor ein paar Tagen Tante Patsys diesjährige Geburtstagskarte erhielt, fiel mir plötzlich siedend heiß ein, dass ich den Gutschein vom letzten Jahr ja noch gar nicht verbraten hatte und dass es höchste Zeit wurde, bevor er verfällt. Und deshalb sitze ich jetzt hier auf dem Sofa. An meinem neunundzwanzigsten Geburtstag. In einem weißen Frotteebademantel und grauslichen Wegwerfslips. Wo ich doch eigentlich in der Kanzlei sein sollte.
Rauchen Sie?
Nein.
Trinken Sie Alkohol?
Ja.
Bereiten Sie sich regelmäßig frische Mahlzeiten zu?
Was soll das schon wieder heißen? Ich blicke auf, ein wenig unsicher. Wozu sollte ich mir selbst was kochen?
Ich ernähre mich gesund und ausgewogen, schreibe ich schließlich hin.
Was die absolute Wahrheit ist.
Weiß doch jeder, dass die Chinesen länger leben – was könnte also gesünder sein, als sich regelmäßig was vom Take-Away zu holen? Und Pizza, das ist was Mediterranes. Ist wahrscheinlich sogar noch gesünder als Selbstgekochtes.
Haben Sie das Gefühl, ein ausgeglichenes Leben zu führen?
Ja.
»Fertig«, verkünde ich und reiche den Fragebogen an Maya weiter, die sich sofort darin vertieft. Ihr Finger kriecht im Schneckentempo übers Papier. Als ob wir alle Zeit der Welt hätten.
Sie vielleicht. Ich nicht. Ich muss bis eins im Büro sein. Allerspätestens.
»Ich habe Ihre Antworten gründlich studiert«, Maya mustert mich bedenklich, »und bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie offenbar eine außerordentlich gestresste Person sind.«
Was? Wie bitte? Wo hat sie das denn her? Ich habe doch draufgeschrieben, dass ich nicht gestresst bin.
»Nein, das bin ich nicht.« Ich zaubere ein Da-siehst-dumal-wie-entspannt-ich-bin-Lächeln auf mein Gesicht.
Maya wirkt nicht gerade überzeugt. »Sie haben offenbar einen recht stressigen Beruf.«
»Ich liebe Stress«, versuche ich zu erklären. Stimmt ja auch. Das weiß ich schon, seit …
Ja, seit es meine Mutter zu mir gesagt hat, ich war etwa acht. Du liebst Stress, Samantha. Wir alle tun das. Es ist unser Familienmotto. Oder so ähnlich.
Abgesehen von meinem Bruder Peter, natürlich. Der hatte einen Nervenzusammenbruch. Aber wir übrigen lassen uns nicht so schnell kleinkriegen.
Ich liebe meinen Beruf. Ich liebe es, die Lücken in einem Vertragstext ausfindig zu machen. Ich liebe den Adrenalinrausch, wenn es zum Abschluss kommt. Ich liebe die Verhandlungen, das Ringen mit dem Gegner, äh, Klienten. Ich liebe es, die andere Seite mit dem besten Argument niederzuschmettern.
Nun ja, gelegentlich habe ich schon das Gefühl, als würde mir jemand eine gewaltige Last auf die Schultern laden – die ich dann schleppen muss, egal wie erschöpft ich bin …
Aber so geht’s doch jedem. Ist doch ganz normal.
»Ihre Haut ist total dehydriert.« Maya schüttelt den Kopf. Fachmännisch streichen ihre Finger über meine Wange, heben mein Kinn. »Ihr Puls ist sehr hoch. Das ist besorgniserregend. Stehen Sie im Moment unter starker Anspannung?«
»Es ist zur Zeit viel los in der Kanzlei.« Ich zucke die Achseln. »Nur vorübergehend, natürlich. Mir geht’s gut.« Könnten wir jetzt mal zu Potte kommen?
»Wie Sie wollen.« Maya steht auf und drückt auf einen Wandschalter. Plötzlich ertönt dezente Panflötenmusik. »Ich kann nur sagen, bei uns sind Sie gut aufgehoben, Samantha. Bei uns werden Sie Ihren Stress los, bei uns können Sie mal so richtig entspannen. Bei uns werden Sie revitalisiert und gründlich entgiftet.«
»Wie nett«, murmle ich. Ich habe kaum zugehört, weil mir plötzlich eingefallen ist, dass ich ja vergessen habe, mich bei David Elldridge wegen des ukrainischen Öl-Deals zu melden. Ich wollte ihn doch gestern anrufen. Verdammter Mist!
»Wir vom Green Tree Center bieten dem gestressten Menschen von heute einen Hort der Ruhe, eine Zuflucht vor dem Lärm und der Hektik des Alltags, den täglichen Sorgen des Lebens«, leiert Maya mit Singsangstimme. Sie drückt auf einen anderen Schalter und plötzlich herrscht stimmungsvolles Schummerlicht. »Aber bevor wir anfangen«, säuselt sie, »haben Sie noch irgendwelche Fragen?«
»Ach ja, schon.« Eifrig beuge ich mich vor.
Maya strahlt. »Schön! Wollen Sie vielleicht mehr über die heutige Behandlung erfahren oder ist Ihre Frage eher allgemeiner Natur?«
»Dürfte ich vielleicht schnell eine E-Mail schicken?«
Mayas Lächeln gefriert zu Eis.
»Nur ganz schnell«, versichere ich hastig. »Dauert keine zwei Sekündchen – «
»Samantha, Samantha …« Maya schüttelt den Kopf. »Sie sind hier, um sich zu entspannen. Um sich mal Zeit für sich selbst zu nehmen. Nicht um E-Mails zu verschicken. Das ist eine Sucht! Eine Pest! So schlimm wie Alkohol. Oder Koffein.«
Um Himmels willen, ich bin doch nicht süchtig. Einfach lächerlich. Ich meine, ich checke meine E-Mails doch nur … alle dreißig Sekunden. In etwa.
Es ist doch so: In dreißig Sekunden kann eine Menge passieren.
»Im Übrigen, Samantha«, fährt Maya fort, »sehen Sie hier irgendwo einen Computer?«
»Nein.« Gehorsam blicke ich mich in dem schummrigen Kabäuschen um.
»Deshalb verlangen wir ja von unseren Gästen, sämtliche elektronischen Geräte in einem der Schließfächer zu lassen. Handys verboten. Taschencomputer verboten.« Maya breitet die Arme aus. »Das hier ist ein Hort der Ruhe, der Erholung. Eine Zuflucht vor der Hektik der modernen Welt.«
»Schon kapiert.« Ich nicke demütig.
Jetzt ist wahrscheinlich nicht der beste Zeitpunkt, ihr zu verraten, dass ich einen BlackBerry im Papierhöschen eingeschmuggelt habe.
»Also, dann wollen wir mal.« Maya lächelt wieder. »Legen Sie sich hier hin und decken Sie sich mit einem Handtuch zu. Und bitte nehmen Sie Ihre Uhr ab.«
»Was, meine Uhr?!«
»Noch so eine Sucht.« Sie schnalzt missbilligend mit der Zunge. »So lange Sie hier sind, steht die Zeit für Sie still.«
Von wegen. Da mir jedoch nichts anderes übrig bleibt und sie mir bereits auffordernd den Rücken zukehrt, mache ich schließlich widerwillig meine Armbanduhr ab. Dann lasse ich mich umständlich auf der Liege nieder und breite das Handtuch über mir aus. Schließlich will ich meinen kostbaren BlackBerry nicht zerquetschen.
Ich habe das mit dem elektronischen Equipment natürlich gelesen. Und mein Diktaphon habe ich ja auch brav abgegeben. Aber drei Stunden ohne meinen BlackBerry? Ich meine, wenn jetzt was in der Kanzlei sein sollte? Ein Notfall? Was Brandeiliges?
Und diese Vorschrift ist sowieso unsinnig. Wie soll man sich ohne Handy & Co. eigentlich entspannen? Wenn die wirklich wollen, dass man sich erholt, dann sollten sie einem die Sachen lieber lassen als sie zu konfiszieren.
Außerdem – ich habe ihn ja gut versteckt. Da findet sie ihn nie.
»Ich beginne jetzt mit einer entspannenden Fußmassage«, verkündet Maya bedeutungsvoll und schmiert meine Füße mit irgendwas ein. »Versuchen Sie Ihren Geist zu leeren.«
Leeren. Meinen Geist. Gehorsam blicke ich zur Decke. Mein Geist ist so leer wie, wie … ein leerer Geist.
Was wird jetzt mit Elldridge? Ich hätte mich bei ihm melden müssen. Sicher wartet er schon auf meinen Anruf. Wenn er sich jetzt bei den Seniorpartnern beschwert? Das könnte meine Chancen, selbst Seniorpartnerin zu werden, gefährden.
Panik durchzuckt mich. Gerade jetzt heißt es aufpassen. Nichts dem Zufall überlassen.
»Machen Sie sich von allen Gedanken frei …«, säuselt Maya. »Fühlen Sie, wie Ihre Anspannung aaabklingt …«
Vielleicht könnte ich ihm ja rasch eine E-Mail schicken. Unterm Handtuch.
Verstohlen taste ich nach meinem BlackBerry. Millimeterweise ziehe ich ihn aus dem Slip, sorgfältig darauf bedacht, ein Rascheln des Papierstoffs zu vermeiden. Maya massiert derweil hingebungsvoll meine Füße.
»Ihr Körper wird gaaanz schwer … Ihr Kopf wird leeeer …«
Schwitzend ziehe ich den Taschencomputer so weit hoch, dass ich gerade eben einen Blick auf den Bildschirm erhaschen kann. Gott sei Dank ist es hier so schummrig. Vorsichtig tippe ich einhändig eine Nachricht ein.
»Entspaaaannen«, intoniert Maya in beruhigendem Ton. »Stellen Sie sich vor, Sie wandern am Strand entlang … die Sonne scheint …«
»Mhm«, murmle ich zerstreut.
»David«, tippe ich, »Betr. ZFN Öl-Kontrakt. Habe Ergänzungen gelesen. Finde, wir sollten
»Was tun Sie da?«, fragt Maya alarmiert.
»Nichts!« Hastig schiebe ich den BlackBerry wieder unters Handtuch. »Bloß … äh … relaxen.«
Maya geht um die Liege herum und blickt auf den Huckel im Handtuch, wo ich meinen BlackBerry umklammere.
»Sie haben da doch nicht etwa was versteckt?«, fragt sie ungläubig.
»Nein!«
In diesem Moment stößt der mistige Taschencomputer ein Piepsen aus. Scheiße.
»Blöde Zentralverriegelungen«, sage ich möglichst lässig. »Man hört sie bis hier herauf.«
Mayas Augen verengen sich zu Schlitzen. »Samantha«, sagt sie drohend, »Sie haben da doch nicht etwa ein elektronisches Gerät unterm Handtuch versteckt?«
Ich könnte lügen. Aber dann würde sie mir wahrscheinlich das Handtuch runterreißen.
»Ich wollte bloß eine klitzekleine E-Mail …« Zerknirscht hole ich meinen BlackBerry hervor.
»Ihr unverbesserlichen Workaholics!« Entnervt nimmt sie mir mein kleines Spielzeug weg. »E-Mails können warten. Alles kann warten. Sie wissen einfach nicht, wie man mal abschaltet. «
»Ich bin kein Workaholic!«, widerspreche ich empört. »Ich bin Rechtsanwältin! Das ist was anderes!«
»Sie wollen’s einfach nicht wahrhaben.« Mitleidiges Kopfschütteln.
»Doch! Ich meine, nein! Hören Sie, wir stehen kurz vor ein paar Mega-Abschlüssen! Ich kann jetzt nicht einfach abschalten! Jetzt nicht. Ich … na ja, ich kann vielleicht Seniorpartnerin in der Kanzlei werden. Sie wissen schon.«
Jetzt, wo ich es laut ausspreche, verspüre ich wieder dieses Zucken, das immer durch meine Nerven geht, wenn ich nur daran denke. Seniorpartner in einer der bedeutendsten Anwaltsfirmen des Landes. Mein ganz großer Traum. Das, was ich immer wollte, was ich mir immer gewünscht habe.
»Morgen fällt die Entscheidung«, fahre ich in ruhigerem Ton fort. »Wenn es klappt, werde ich die jüngste Seniorpartnerin in der Geschichte sein. Begreifen Sie, was das heißt? Haben Sie auch nur eine Ahnung – «
»Jeder kann sich ein paar Stunden freinehmen«, unterbricht mich Maya. Sie legt mir die Hände auf die Schultern. »Samantha, Sie sind fürchterlich nervös. Angespannt bis in die Haarspitzen. Kurz vor dem Nervenzusammenbruch …«
»Mir fehlt nichts.«
»Sie sind das reinste Nervenbündel!«
»Bin ich nicht!«
»Sie müssen einen Gang zurückschalten, Samantha.« Sie mustert mich eindringlich. »Aber Sie müssen das selbst wollen. Es liegt an Ihnen. Nur Sie können beschließen, Ihr Leben zu ändern. Sind Sie dazu bereit?«
»Äh … na ja …«
Ich stoße ein überraschtes Quieken aus. In meinem Wegwerfhöschen zuckt was.
Mein Handy. Ich hab’s zusammen mit dem BlackBerry reingeschoben und zuvor auf »vibrieren« gestellt, damit man nichts hört, falls es klingelt.
»Was ist das?!« Maya starrt mit herunterhängendem Unterkiefer auf mein zuckendes Handtuch. »Was … was um Himmels willen … zuckt denn da?«
Ich kann unmöglich sagen, dass es mein Handy ist. Nicht nach dem BlackBerry.
»Ähm …« Ich räuspere mich. »Das ist mein … äh … Vibrator …«
»Ihr was?!« Maya wirkt eine Winzigkeit entsetzt.
Das blöde Handy vibriert erneut. Ich muss rangehen. Es könnte ja die Kanzlei sein.
»Äh … wissen Sie, ich erreiche da gleich einen, äh, ziemlich intimen Moment.« Ich versuche mich an einem vielsagenden Zwinkern, was bei mir immer so aussieht, als wäre mir gerade was ins Auge geflogen. »Vielleicht könnten Sie ja kurz rausgehen? «
Maya fällt nicht auf mein Ablenkungsmanöver herein.
»Einen Moment mal!« Ein misstrauischer Blick auf den zuckenden Huckel im Handtuch. »Sie haben da doch nicht etwa ein Handy drunter? Sie haben das Handy auch noch mit eingeschmuggelt? «
O Gott. Jetzt explodiert sie gleich.
»Hören Sie«, versuche ich hastig die sich auftürmende Killerwelle zu glätten, »ich weiß ja, Sie haben Ihre Regeln und so – das sehe ich völlig ein! –, aber verstehen Sie doch bitte, ich brauche mein Handy.« Ich stecke die Hand unters Handtuch, um besagtes Kleingerät herauszuholen.
»Fassen Sie das nicht an!«, kreischt Maya. Ich zucke erschrocken zurück. »Samantha«, sagt sie, mit herkulischer Anstrengung um Geduld ringend, »wenn Sie auch nur ein Wort von dem, was ich gesagt habe, mitbekommen haben, dann schalten Sie das Ding jetzt sofort ab.«
Das Handy vibriert in meiner Hand. Ich werfe einen Blick auf die Caller-ID und mein Magen krampft sich zusammen. »Es ist die Kanzlei.«
»Die können Ihnen eine Nachricht hinterlassen. Das kann warten.«
»Aber – «
»Das hier ist Ihre Zeit.« Sie beugt sich vor und nimmt mich bei beiden Händen. »Ihre Zeit.«
Herrgott, sie kapiert’s einfach nicht. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
»Ich bin bei Carter Spink«, versuche ich ihr zu erklären. »Carter Spink. Die bekannte Anwaltskanzlei?! Ich habe keine Zeit. Meine Zeit gehört der Firma.« Ich klappe das Handy auf und sofort durchbricht eine zornige Männerstimme den Frieden unserer schummrigen Beauty-Klause.
»Samantha, wo zum Teufel stecken Sie?«
Wieder krampft sich mein Magen zusammen. Es ist Ketterman. Der Boss. Er hat sicher einen Vornamen, aber gehört habe ich ihn noch nie. Er wird von allen nur mit Ketterman angesprochen. Er hat schwarze Haare, eine Stahlrandbrille und stechende graue Augen. In meiner Anfangszeit bei Carter Spink habe ich nur seinetwegen nachts Alpträume gehabt.
»Der Fallons-Deal ist wieder aus der Schublade. Sehen Sie zu, dass Sie schleunigst in die Kanzlei kommen. Meeting um halb elf.«
Wieder aus der Schublade?
»Komme sofort.« Ich klappe das Handy zu und lächle Maya zerknirscht an. »Sorry.«
Ich schaue wirklich nicht jede Sekunde auf meine Uhr.
Obwohl ich zugegebenermaßen ohne sie ziemlich aufgeschmissen wäre. Das wären Sie auch, wenn man Ihre Zeit in Sechs-Minuten-Segmenten messen würde. Mein Büroalltag ist in Zeitspannen von sechs Minuten unterteilt. Alle sechs Minuten klingelt die Kasse. Oder sollte sie klingeln. Läuft alles über computerisierte Formulare:
11:00 – 11:06: Vertragsentwurf für Projekt A
11:06 – 11:12: Überarbeitung der Akte für Klient B
11:12 – 11:18: Rücksprache bezüglich Vertrag C
Als ich bei Carter Spink anfing, fand ich den Gedanken, über alles, was ich in jeder Minute meines Bürotages tue, Rechenschaft ablegen zu müssen, gelinde gesagt, erschreckend. Ich dachte immer: Und wenn ich jetzt mal sechs Minuten lang nichts tue? Was soll ich dann aufschreiben?
11:00 – 11:06: Gelangweilt aus dem Fenster geschaut
11:06 – 11:12: Davon geträumt, wie ich bei Harrods George Clooney begegne
11:12 – 11:18: Versucht, Nasenspitze mit Zunge zu berühren
Aber die Wahrheit ist, man gewöhnt sich dran. Man gewöhnt sich dran, sein Leben in kleine Zeiteinheiten zu zerhacken. Und man gewöhnt sich daran, zu arbeiten. Immerzu, jede Minute des Tages.
Bei Carter Spink wird nicht Däumchen gedreht. Da wird nicht aus dem Fenster geschaut oder sich Tagträumen hingegeben. Nicht, wenn sechs Minuten deiner Zeit so viel wert sind. Sie müssen es so sehen: Wenn ich sechs Minuten einfach so verstreichen ließe, würde das die Firma glatte fünfzig Pfund kosten. Zwölf Minuten: hundert Pfund. Achtzehn Minuten: hundertfünfzig.
Wie gesagt, bei Carter Spink wird nicht Däumchen gedreht.
Als ich schnaufend in mein Büro platze, erwartet mich Ketterman bereits wie ein aufziehendes Unwetter. Sein Blick ist mit einem Ausdruck des Missfallens, ja Ekels auf das Chaos auf und um meinen Schreibtisch herum gerichtet.
Es ist schon wahr, mein Arbeitsplatz ist nicht gerade der Allerordentlichste. Tatsächlich … ist es der reinste Saustall. Aber ich habe ganz fest vor, mal gründlich aufzuräumen! Sobald ich Zeit habe. Einschließlich der wackeligen, staubigen alten Aktenstapel, die meinen Schreibtisch umschließen, wie ein Ring Felsbrocken ein zugewachsenes Eiland.
»Meeting in zehn Minuten«, verkündet er mit Blick auf seine Uhr. »Überprüfen Sie vorher bitte noch einmal den Finanzierungsentwurf. «
»Selbstverständlich«, antworte ich, um Gelassenheit bemüht. Nicht einfach bei einem Menschen, der einen derartig einschüchtert wie Ketterman.
Und das ist noch eine seiner liebenswerteren Seiten. Der Mann verströmt eine furchteinflößende, messerscharfe Geisteskraft, wie andere Männer ihr Aftershave. Aber heute ist es noch tausendmal schlimmer, denn Ketterman gehört zum dreizehnköpfigen Gremium von Seniorpartnern, das darüber entscheidet, wer als neuer Seniorpartner in ihren erlauchten Kreis aufgenommen wird. Ein Meeting, das morgen stattfindet.
Ja, morgen werde ich erfahren, ob ich es geschafft habe oder ob ich mein Leben als einen Riesenreinfall verbuchen muss.
Ob ich unter Druck stehe? Ob ich unter Druck stehe?!
»Der Entwurf ist … hab ihn gleich …« Ich greife in einen Aktenstapel und ziehe etwas, das sich wie ein Ordner anfühlt, heraus und präsentiere ihn mit einer schwungvoll-triumphierenden Geste.
Es ist eine Schachtel mit alten Donuts.
Hastig stopfe ich sie in den Papierkorb. »Er ist hier irgendwo … ganz bestimmt …« Panisch wühle ich in meinem Saustall. Gott sei’s gedankt: »Da ist er!«
»Ich weiß wirklich nicht, wie Sie in dieser Unordnung vernünftig arbeiten können, Samantha.« Kettermans Stimme ist dünn und sarkastisch, sein Gesicht vollkommen humorlos.
»Na wenigstens habe ich immer alles zur Hand!«, versuche ich mit einem kleinen Lachen zu scherzen, doch Kettermans Miene bleibt ungerührt. Nervös ziehe ich meinen Stuhl zurück und prompt rutscht ein Stapel Briefe, den ich völlig vergessen hatte, in einem Schwall von der Sitzfläche.
»Wissen Sie, dass es früher Vorschrift war, den Schreibtisch jeden Abend aufzuräumen?« Kettermans Ton ist stählern. »Vielleicht sollten wir diese Regel wieder einführen.«
»Ja, vielleicht!«, stammle ich mit einem panischen Lächeln. Der Mann macht mich immer nervöser.
»Samantha!«, dröhnt in diesem Moment eine joviale Stimme an mein verschrecktes Ohr. Ich drehe mich um und sehe Arnold Saville durch den Korridor auf uns zukommen.
Arnold ist mir der liebste von allen Seniorpartnern. Er hat eine buschige graue Löwenmähne, die immer ein bisschen so aussieht, als würde sie besser zu einem Dirigenten oder Einsteinverschnitt passen als zu einem Anwalt. Außerdem hat er einen recht eigenwilligen Geschmack, was seine Krawatten betrifft. Heute zum Beispiel trägt er eine knallrote Paisleykreation mit dazu passendem Tüchlein in der Brusttasche des Sakkos. Er begrüßt mich mit einem breiten Grinsen, und ich kann nicht anders, als erleichtert zurückzugrinsen. Sofort werde ich wieder ein wenig ruhiger.
Ich bin mir ganz sicher, dass Arnold sich bei der Versammlung für mich einsetzen wird. Ebenso sicher bin ich, dass Ketterman gegen mich votieren wird. Arnold ist der Freigeist unter den Seniorpartnern, er setzt sich auch einmal über die Regeln hinweg, kümmert sich nicht um Nebensächlichkeiten wie einen versauten Schreibtisch.
»Belobigungsschreiben, beste Samantha!«, verkündet er strahlend und wedelt dabei mit einem Zettel. »Von keinen Geringeren als den Gleiman Brothers, stellen Sie sich vor.«
Ich nehme ihm den Zettel ab und überfliege ihn überrascht. »… sehr zu schätzen ... stets überaus professionell …«
»Sie haben denen wohl ein paar Milliönchen eingespart, mit denen sie gar nicht mehr gerechnet hätten.« Arnold zwinkert mir zu. »Die sind richtig entzückt.«
»Äh, ja.« Ich erröte ein wenig. »Na ja, das war doch nicht der Rede wert. Mir ist einfach nur eine kleine Schwachstelle aufgefallen. «
»Nun, Sie haben offenbar mächtigen Eindruck gemacht.« Arnold wackelt mit seinen buschigen Augenbrauen. »Die möchten von jetzt an ausschließlich mit Ihnen zusammenarbeiten. Ausgezeichnet, Samantha! Wirklich gut gemacht.«
»Äh … danke.« Ich werfe einen schüchternen Blick auf Ketterman, nur um zu sehen, ob möglicherweise die abwegige Chance besteht, dass er beeindruckt ist. Seine Miene ist unverändert missbilligend.
»Ich würde Sie außerdem bitten, das hier für mich zu erledigen. « Ketterman klatscht einen fetten Papierstapel auf die einzige Stelle auf meinem Schreibtisch, die noch frei ist. »Ich brauche die Risikoanalyse in achtundvierzig Stunden.«
Auch das noch. Mir wird ganz übel, wenn ich den dicken Ordner nur anschaue. Dafür werde ich Stunden brauchen.
Ketterman schiebt mir immer die Drecksarbeit zu, für die er sich zu schade ist. Und nicht nur er. Sogar Arnold tut das. Und oft sagen sie einem nicht mal Bescheid, klatschen einfach einen Stapel auf den Schreibtisch, dazu irgendein unleserliches Memo. Und ich soll den Mist dann machen.
»Das geht doch in Ordnung, oder?« Seine Augen verengen sich.
»Klar, klar. Kein Problem«, sage ich mit munterer Icheigne-mich-zur-neuen-Seniorpartnerin-Stimme. »Bis gleich, dann.«
Während er abrauscht, werfe ich einen Blick auf meine Uhr. Zehn Uhr zweiundzwanzig. Mir bleiben noch exakt acht Minuten, um den Fallons-Vertragsentwurf auf eventuelle Lücken oder Fehler zu überprüfen. Ich schlage die Akte auf und überfliege sie in Rekordgeschwindigkeit. Seit ich bei Carter Spink angefangen habe, hat sich meine Lesegeschwindigkeit mehr als verdoppelt.
Tatsächlich lese ich jetzt nicht nur schneller. Ich gehe schneller, rede schneller, esse schneller … habe schnelleren Sex …
Nicht, dass ich davon in letzter Zeit allzu viel gehabt hätte. Aber vor ein, zwei Jahren war ich einige Zeit mit einem Seniorpartner von Berry Forbes zusammen. Er hieß Jacob und hatte mit den ganz großen, internationalen Deals zu tun, was unterm Strich hieß, dass er noch weniger Zeit hatte als ich. Am Ende haben wir unsere Routine zu solchem Feinschliff gebracht, dass wir in exakt sechs Minuten fertig waren, was ganz praktisch gewesen wäre, wenn wir uns den Sex gegenseitig in Rechnung gestellt hätten (was wir natürlich nicht haben!). Er brachte mich zum Orgasmus, dann brachte ich ihn zum Orgasmus – und dann haben wir unsere E-Mails gecheckt.
Wir sind also praktisch gleichzeitig zum Höhepunkt gekommen. So gut wie. Da behaupte mal einer, dass das kein guter Sex war. Ich lese die Cosmo, ich weiß Bescheid.
Na jedenfalls hat Jacob dann ein unheimlich gutes Angebot aus den USA bekommen und ist nach Boston gezogen. Tja, und das war’s dann mit uns. Nicht, dass es mir allzu viel ausgemacht hätte.
Um ganz ehrlich zu sein, ich mochte ihn nicht mal besonders.
»Samantha?«, reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Es ist meine Sekretärin, Maggie. Ich habe sie erst seit ein paar Wochen, daher kenne ich sie noch nicht so gut. »Eine Joanne hat angerufen, während Sie außer Haus waren.«
»Joanne von Clifford Chance?« Interessiert blicke ich auf. »Gut. Richten Sie ihr bitte aus, ich hätte ihre E-Mail zu Klausel vier erhalten und werde mich nach der Mittagspause – «
»Nicht diese Joanne«, unterbricht mich Maggie. »Joanne, Ihre neue Putzfrau. Sie möchte wissen, wo Ihre Staubsaugerbeutel sind.«
Ich verstehe nicht ganz. »Meine was?«
»Ihre Staubsaugerbeutel«, wiederholt Maggie geduldig. »Sie kann sie nicht finden.«
»Warum will sie den Staubsauger in einen Beutel tun?«, frage ich perplex. »Will sie ihn irgendwohin mitnehmen?«
Maggie schaut mich an, als wäre sie nicht sicher, ob ich Witze mache.
»Die Beutel, die man in den Staubsauger tut«, erklärt sie mir wie einer leicht Debilen. »Die den Staub aufnehmen? Wo haben Sie die?«
»Ach so, die!«, sage ich, als ob mir gerade ein Licht aufgegangen wäre. »Die Beutel! Äh …«
Ich ziehe die Stirn in nachdenkliche Falten, als läge mir die Antwort auf der Zunge. In Wahrheit weiß ich nicht einmal, wie mein Staubsauger überhaupt aussieht. Habe ich ihn eigentlich je in die Hand genommen? Ich weiß, dass er mir geliefert wurde, mehr aber auch nicht.
»Vielleicht ist es ja ein Dyson«, überlegt Maggie. »Die brauchen keine Beutel. Ist es ein Handstaubsauger oder ein Bodenstaubsauger? « Sie schaut mich erwartungsvoll an.
Hand? Boden? Man saugt doch den Boden, oder? Und hält den Staubsauger in der Hand? Da ich mich nicht (noch mehr) blamieren will, mache ich auf cool und kompetent.
»Ich kümmere mich darum«, sage ich in energischem Ton und verrücke geschäftig ein paar Aktenstapel. »Danke, Maggie. «
»Sie hat noch eine Frage.« Maggie wirft einen Blick auf ihren Zettel, um ihr Gedächtnis aufzufrischen. »Wie schaltet man Ihren Herd an?«
Ich tue sekundenlang so, als wäre ich ganz ins Aktenrücken vertieft. Natürlich weiß ich, wie man meinen Herd anschaltet.
»Na ja, man dreht natürlich am … äh … Schalter. Ist doch ganz einfach, oder …?«
»Sie sagte, er hätte so eine Art Timer-Verriegelung.« Maggie wirft die Stirn in grüblerische Falten. »Ist es ein Gas- oder ein Elektroherd?«
Ich glaube, ich sollte dieses Gespräch besser so schnell wie möglich beenden.
»Maggie, ich muss jetzt wirklich dringend einen Anruf erledigen«, erkläre ich bedauernd und wedle mit der Hand in Richtung Telefon.
»Was soll ich Ihrer Putzfrau also sagen?«, beharrt Maggie. »Sie wartet auf meinen Rückruf.«
»Sagen Sie ihr … sagen Sie ihr, sie soll es für heute gut sein lassen. Ich kümmere mich darum.«
Kaum, dass Maggie verschwunden ist, schnappe ich mir Stift und Memoblock.
1. Wie schaltet man den Herd an?
2. Staubsaugerbeutel – kaufen.
Ich lege den Stift weg und massiere mir die Stirn. Ich kann mich wirklich nicht auch noch damit befassen. Staubsaugerbeutel, also wirklich. Ich weiß ja nicht mal, wie die Dinger aussehen, geschweige denn, wo man die herkriegt –
Ich habe einen jähen Geistesblitz. Ich werde einfach einen neuen Staubsauger bestellen. Die kommen doch sicher mit Beutel, oder?
»Samantha.«
»Was? Was ist?« Erschrocken reiße ich die Augen auf. In meiner Tür steht Guy Ashby.
Guy ist mir von allen Kollegen der Liebste. Er ist eins neunzig, dunkler Teint, schwarze Augen und immer wie aus dem Ei gepellt. Mit einem Wort, ein Bild von einem Anwalt. Aber an diesem Morgen sind seine schwarzen Haare zerzaust, und er hat Ringe unter den Augen.
»Nur die Ruhe«, lächelt Guy, »ich bin’s nur. Was ist, kommst du auch zum Meeting?«
Er hat das umwerfendste Lächeln. Ehrlich. Das sage nicht nur ich, das findet jeder in der Kanzlei.
»Äh … ja. Ja, natürlich.« Ich sammle fahrig die nötigen Papiere zusammen und sage wie beiläufig: »Geht’s dir gut, Guy? Du siehst irgendwie mitgenommen aus.«
Er hat mit seiner Freundin Schluss gemacht. Sie haben die ganze Nacht lang gestritten und jetzt hat sie ihn endgültig verlassen ...
Nein, sie ist nach Neuseeland ausgewandert ...
»Hab die ganze Nacht durchgearbeitet«, sagt er und verzieht das Gesicht. »Scheiß Ketterman. Der Mann ist der reinste Cyborg. « Er gähnt aus Leibeskräften. Ich kann sein makelloses, strahlend weißes Gebiss bewundern, das er sich vor seinem Harvard-Abschluss hat richten lassen.
Er sagt, es sei nicht seine Entscheidung gewesen. Offenbar lassen sie keinen zur Prüfung zu, der nicht das Okay vom Schönheitschirurgen bekommen hat.
»Du Armer.« Ich grinse mitfühlend und schiebe dann meinen Stuhl zurück. »Komm, lass uns gehen.«
Ich kenne Guy seit einem Jahr, seit er in unsere Abteilung kam. Er ist intelligent und humorvoll und hat dieselbe Arbeitsweise wie ich. Wir … na ja, wir sind einfach auf derselben Wellenlänge.
Und ja, es hätte sich was zwischen uns entwickeln können, wenn die Dinge anders gelaufen wären. Aber da gab es dieses unglückselige Missverständnis und …
Was soll’s. Es sollte eben nicht sein. Einzelheiten sind unwichtig. Ich denke gar nicht mehr dran. Wir sind gute Freunde – und das ist am besten so.
Also gut, Folgendes ist passiert:
Es scheint, als hätte Guy anfangs ebenso ein Auge auf mich geworfen wie ich auf ihn. Ja, er wollte definitiv was von mir. Sonst hätte er mich nicht gefragt, ob ich mit jemandem zusammen wäre. Was ich nicht war.
Ich hatte mich kurz davor von Jacob getrennt. Es wäre einfach ideal gewesen.
Ich versuche, möglichst gar nicht dran zu denken, wie ideal es gewesen wäre.
Aber Nigel MacDermot, dieser gedankenlose, hirnverbrannte, hoffnungslos konservative Blödmann hat Guy gesagt, ich wäre mit einem Seniorpartner von Berry Forbes zusammen.
Obwohl es längst aus war.
Wenn Sie mich fragen, ich finde, das ganze System krankt. Man bräuchte wirklich mehr Klarheit. Es sollte so was wie Schildchen geben, mit denen die Leute rumlaufen, wie bei Toiletten: besetzt, frei. Dann gäbe es nicht diese blöden Missverständnisse.
Na jedenfalls, bei mir war leider kein Schildchen dran. Und falls doch, dann das falsche. Die nächsten ein, zwei Wochen waren ziemlich peinlich. Ich habe Guy ständig angelächelt, ihm wurde zunehmend unbehaglicher und er fing an, mir aus dem Weg zu gehen, weil er a) keine Beziehung zerstören wollte und b) keine Lust auf einen flotten Dreier mit Jacob und mir hatte.
Ich stand da wie der Ochs vorm Berg und habe es schließlich aufgegeben. Dann kam mir gerüchteweise zu Ohren, dass er sich seit einiger Zeit mit einer gewissen Charlotte trifft, die er auf irgendeiner Wochenendparty kennen gelernt hat. Ein, zwei Monate später mussten wir zusammen an einem Fall arbeiten und wurden Freunde – was wir immer noch sind.
Tja, das wär’s so weit.
Und ich meine, es ist schon in Ordnung. Wie das Leben eben so spielt. Manche Dinge klappen – andere nicht. Dies hier sollte eben einfach nicht sein.
Bloß, dass ich, tief im Herzen, das Gefühl habe … dass es eben doch hätte sein sollen.
»Also«, sagt Guy, während wir durch den Flur zum Konferenzzimmer gehen. »Partner.« Er zwinkert mir zu.
»Sag so was nicht!«, zische ich entsetzt. Er wird es noch verschreien.
»Jetzt komm schon. Du hast es geschafft, das musst du doch wissen.«
»Ich weiß gar nichts.«
»Samantha, du bist die Beste deines Jahrgangs. Und du arbeitest am härtesten. Wie hoch ist dein IQ noch mal? 600?«
»Klappe.« Ich starre auf den pastellblauen Teppich, und Guy lacht.
»Was ist 124 mal 75?«
»Neuntausenddreihundert«, knurre ich.
Das ist das Einzige, was mir bei Guy wirklich auf den Wecker geht. Ich kann nämlich – so etwa seit meinem zehnten Lebensjahr – große Summen im Kopf ausrechnen. Ich weiß nicht, warum, es ist einfach so. Und alle anderen sagen »schön« und belassen es dabei.
Nur Guy kann einfach nicht aufhören. Dauernd wirft er mir irgendwelche Zahlen an den Kopf, als wäre ich eine Zirkusattraktion. Ich weiß, er findet das lustig – aber mir geht es ziemlich auf die Nerven.
Einmal habe ich ihm absichtlich ein falsches Ergebnis genannt. Doch dann hat sich rausgestellt, dass er die Zahl für einen Vertrag brauchte, an dem er arbeitete. Der Deal wäre deswegen beinahe geplatzt. Seitdem hüte ich mich, falsche Auskünfte zu geben.
»Hast du schon für dein Foto vor dem Spiegel geübt?« Er meint das Foto für die Website der Firma. Guy legt einen Finger ans Kinn und zieht eine übertrieben nachdenkliche Miene. »Ms. Samantha Sweeting, Seniorpartnerin.«
»Auf den Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen.« Ich verdrehe die Augen über so viel Albernheit.
Obwohl es eine klitzekleine Lüge ist. Ich habe mir natürlich bereits Gedanken über mein Outfit gemacht. Wie ich meine Haare tragen könnte. Und welches meiner schwarzen Kostüme passen würde. Eins steht aber schon fest: Diesmal werde ich ganz breit lächeln. Auf der jetzigen Carter-Spink-Website sehe ich nämlich viel zu ernst aus.
»Ich hab gehört, deine Präsentation neulich hat sie umgehauen«, sagt Guy.
Das hebt schlagartig meine Laune. »Wirklich?« Ich versuche, nicht zu eifrig zu klingen. »Das hast du gehört?«
»Und dass du’s William Griffith vor allen gezeigt hast.« Guy verschränkt die Arme und mustert mich belustigt. »Machst du eigentlich überhaupt mal einen Fehler, Samantha Sweeting?«
»Ach komm, ich mache ständig Fehler«, sage ich leichthin.
Wie zum Beispiel den, dich nicht gleich am ersten Tag zu schnappen, Single hin oder her.
»Ein Fehler ist erst dann ein Fehler, wenn er sich nicht mehr wieder gutmachen lässt.« Guys Augen scheinen sich bei diesen Worten förmlich in die meinen zu bohren.
Aber vielleicht guckt er ja auch nur so, weil er übernächtigt ist. Ich war noch nie gut, wenn es darum ging, irgendwelche Zeichen zu deuten.
Das hätte ich studieren sollen, anstatt die Juristerei. Damit hätte ich wirklich was anfangen können. Einen Magister in »Wissen, wann Männer auf dich stehen und wann sie bloß gute Freunde sein wollen«.
»Alles bereit?« Kettermans schneidende Stimme lässt uns beide zusammenfahren. Ich drehe mich um und sehe ein ganzes Rudel Männer in schwarzen Anzügen auf uns zukommen. Auch ein paar Frauen entdecke ich darunter – ebenso schwarz gewandet.
»Selbstverständlich.« Guy nickt Ketterman zu, dreht sich dann um und schenkt mir ein freches Zwinkern.
Vielleicht sollte ich ja einen Kurs im Gedankenlesen belegen.