Aufregung um Stute Aziza

In einer stürmischen Vollmondnacht schlägt ein Blitz in eine jahrhundertealte Eiche ein, und eine Sternschnuppe fällt vom Himmel. Im gleichen Moment wird ein wunderschöner Schimmel mit einem kleinen schwarzen Stern auf der Stirn geboren.

Schrecksekunden und Seeigeleier

Den azurblauen Himmel schmücken ein paar Schleierwolken, so zart wie ein Hauch, ein laues Lüftchen weht, es duftet süß und intensiv nach Blüten. Es ist ein herrlicher Tag, wie gemacht zum Ausreiten. Ein traumhaft schöner Schimmel jagt ausgelassen über die Felder, sein mondheller Schweif flattert wie eine Fahne im Wind. Er galoppiert vorbei an den hohen Linden, wird immer schneller und schneller und …

„He, Caro!“

Carolin Baumgarten, genannt Caro, hörte wie aus weiter Ferne eine leise Stimme, spürte einen sanften Druck in der Seite, schreckte hoch. „Wie?“

Wieder dieser sanfte, aber bestimmte Druck in der Seite. Dann etwas lauter die Stimme von Lina Schniggenfittich, ihrer besten Freundin. „Achtung! Caro! Wo bist du denn mit deinen Gedanken?“

Bei einem genialen Ausritt mit meinem Sternentänzer, dachte Carolin verträumt. Sternentänzer war ein prächtiger weißer Araberhengst mit einem kleinen schwarzen Keilstern auf der Stirn und dunklen geheimnisvollen Augen. Doch Sternentänzer war nicht nur wunderschön, er besaß auch eine ganz außergewöhnliche Gabe. Eine magische Gabe.

„Caro!“

Carolin versuchte, sich zusammenzureißen. Ganz offensichtlich war sie in einem Tagtraum versunken gewesen. Hier standen weit und breit keine Linden. Und statt eines azurblauen Himmels spannte sich nur die mittlerweile schon etwas verschmutzte, ehemals weiße Klassenzimmerdecke über ihrem Kopf.

Vor ihrem Tisch baute sich gerade die Englischlehrerin in voller Größe auf. „Carolin, könntest du das bitte wiederholen“, kam es auch glatt von Miss Somerset.

Carolin hob den Kopf und schaute auf einen Bauch, den eine weiß-rot gestreifte Bluse umhüllte, vorsichtig sah sie ein wenig höher und blickte dann direkt in das verärgerte Gesicht der Englischlehrerin. Zwischen deren Augenbrauen hatte sich eine tiefe Falte gebildet. Vor ein paar Monaten hatte Miss Somerset sich diese mit Botox wegspritzen lassen, doch inzwischen war die Wirkung des Nervengiftes offenbar verflogen und die Falte wieder so tief wie eh und je. Und ziemlich Furcht einflößend.

Natürlich hatte Carolin überhaupt keine Ahnung, worüber die letzte Viertelstunde gesprochen worden war. Hilfe suchend schielte sie aus den Augenwinkeln hinüber zu Lina, die natürlich nicht eingreifen konnte.

„You have no idea?!“, stellte die Englischlehrerin auch gleich treffend fest, nickte vor sich hin, machte abrupt kehrt und schritt wieder nach vorne.

Wieder der sanfte Druck in Carolins Seite. Dann die Stimme von Lina. „Ey, pass bloß auf, die Somerset hat dich schon die ganze Zeit auf dem Radar!“

„Ich bin gerade so schön geritten …“, seufzte Carolin.

„Können wir doch heute Nachmittag in die Realität umsetzen“, schlug Lina vor. „Wir können doch zusammen ausreiten.“ Sie überlegte. „Ich bin seit unserem Pferdetrip neulich nicht mehr geritten und hab schon richtig Entzugserscheinungen.“ Carolin, Lina und Jennifer hatten in den letzten Ferien einen einwöchigen Wanderritt mit ihren Pferden gemacht und dabei jede Menge Abenteuer erlebt.

„Geht heute leider nicht.“ Carolin schüttelte den Kopf. „Ich hab meiner Mutter versprochen, ihr bei den Vorbereitungen für irgend so ein komisches Dinner für die Leute von ihrem Kochkurs zu helfen.“

„Und was bitte sollst du dabei machen?“, flüsterte Lina verwundert.

„Keine Ahnung!“ Carolin zuckte die Achseln. „Ich glaub eher, meine Mutter braucht ein bisschen Gesellschaft. Ich habe den Eindruck, sie fühlt sich momentan etwas im Stich gelassen und ist daher nicht besonders gut drauf.“

Schließlich gab die Schulglocke das Zeichen zum Schulschluss. Lina stand auf und streckte sich. „Echt schade, bei diesem Traumwetter!“

„Stimmt!“ Carolin nickte betrübt und räumte ihre Bücher zusammen. „Aber irgendwie schulde ich meiner Mam noch was, immerhin hat sie den Wanderritt erlaubt.“

„Na ja!“ Lina lachte. „Morgen ist auch noch ein Tag.“

Die beiden Freundinnen nahmen ihre Schultaschen, liefen zur Klassenzimmertür und wären dort beinahe mit Julia Schlupf zusammengestoßen, die sich auch gerade aus der Tür drücken wollte.

Julia war eine Mitschülerin, sie hatte lange blonde Haare, war sehr hübsch und mindestens ebenso arrogant und eingebildet. „Passt doch auf!“, herrschte Julia die beiden an. „Ich hab gleich noch ein superwichtiges Date und keine Lust, mich umzuziehen, weil ihr meine weiße Spitzenbluse beschmutzt.“ Sie musterte Lina verächtlich von oben bis unten.

Julia konnte das ungestüme Naturmädchen mit den wilden roten Locken und den leuchtend grünen Augen, das meist mehrere geblümte Röcke übereinander trug, dazu eine geschnürte Bluse und dicke Schnürstiefel, nicht ausstehen. Lina mochte die eingebildete Julia genauso wenig. Die zwei Mädchen waren schon oft aneinandergeraten. Julia hatte sich immer wieder üble Streiche und Gemeinheiten ausgedacht.

Lina tippte sich an die Stirn. „Ey, jetzt geht’s aber los! Ich hab dich nicht mal berührt, du Schnepfe!“

„Pah!“, machte Julia nur und rauschte davon.

Lina drehte die Augen zum Himmel. „Zimtzicke!“ Sie sah Julia wütend nach. „Möge dein superwichtiges Date doch der Reinfall des Jahrhunderts werden“, fauchte sie ihr noch hinterher.

Beruhigend legte Carolin den Arm um Lina. „Lass sie doch!“

Lina ballte die Fäuste. „Die schafft es immer wieder, mich zur Weißglut zu bringen.“

Carolin fasste Lina an der Hand und zog sie mit nach draußen. „Vergiss es, komm schon!“

Lina nickte, folgte dann Carolin. Gemeinsam schlenderten die beiden Freundinnen zu ihren Rädern und fuhren nach Hause.

Carolin wohnte zusammen mit ihrer Mutter Ines Baumgarten, ihrem Stiefvater, dem Tierarzt Dr. Joachim Sander, und dessen Sohn Thorben im Ahornweg 16 in Lilienthal – in einem schnuckeligen, hübschen gelben Häuschen. Die Fenster hatten grüne, schon etwas ausgeblichene Fensterläden. Neben der Eingangstür befand sich eine kleine Veranda, auf der eine Hollywoodschaukel stand, die schon bessere Tage gesehen hatte. Dazu gehörte ein kleiner Garten ums Haus, in dem ein paar knorrige Obstbäume und viele Sträucher wuchsen.

Als Carolin um die Ecke bog, kam ihr schon von Weitem eine dicke dunkelgraue Dampfwolke entgegen. Küchenfenster und Haustür standen sperrangelweit offen. Erschrocken hüpfte Carolin vom Rad, stellte es ab und rannte auf die Haustür zu. „Mam!“, schrie sie laut.

„Hier bin ich“, kam es etwas kläglich aus der Küche.

„Mam!“ Carolin legte ihre Schultasche ab und raste in die Küche. „Was ist denn? Brennt was? Soll ich die Feuerwehr rufen?“

„Ach was, Feuerwehr!“ Ines stand vor dem weit geöffneten Backofen, die Hände durch riesige Grillhandschuhe geschützt. Offenbar war sie bereits für den Abend angezogen, denn sie trug unter der Schürze ein Blümchenkleid, das Carolin noch nie an ihr gesehen hatte. Ihr Gesicht hatte eine unnatürliche, leicht rötliche Farbe, ihre Augen funkelten erbost. „Dieses bescheuerte, dämliche Teil!“, schimpfte sie.

„Was ist denn passiert?“, fragte Carolin nun schon etwas ruhiger nach. Offenbar handelte es sich nicht um einen akuten Notfall.

„Irgendwie hat es diesen blöden Bratschlauch zerrissen, und alles ist rausgelaufen. Jetzt ist der ganze Ofen verschmutzt, und der Hasenbraten verbrannt.“ Ines bückte sich und zog hektisch an dem Backblech. „Verdammt!“

Hasenbraten? Oje, der arme Hase! Carolin schüttelte sich. Igitt! Bloß gut, dass der verbrannt ist!, dachte sie, hütete sich aber davor, ihre Gedanken laut auszusprechen.

„Mist! So ein Mist!“ Ines war völlig aufgelöst, schien den Tränen nahe. Sie riss das Blech ganz heraus, inspizierte die verkohlte Hülle, die darauflag, und stellte alles neben der Spüle ab. „Was soll ich denn jetzt nur machen?“

„Ach komm, Mam! Dann kochst du halt was anderes“, schlug Carolin vor.

„Ach ja, und was?“ Ines war immer noch außer sich.

„Keine Ahnung, irgendwas! Schließlich kommen deine Gäste ja bestimmt auch, um sich zu unterhalten“, versuchte Carolin, ihre Mutter zu trösten.

„Das ist kein Konversationskurs, sondern ein Kochkurs“, gab Ines mit tränenerstickter Stimme zurück.

„Dann schauen wir halt im Kochbuch nach und suchen was anderes aus“, meinte Carolin.

„Nee“, schniefte Ines.

„Aber warum denn nicht? Irgendwas finden wir bestimmt. Ich kann dann auch gleich losfahren und die Zutaten besorgen“, schlug Carolin eifrig vor.

„Das ist gar nicht nötig, ich hab noch was anderes da“, entgegnete Ines immer noch schniefend.

Carolin sah ihre Mutter verwundert an. „Aber wo ist denn dann das Problem, Mam?“

Ines straffte entschlossen die Schultern. „Nirgends“, gab sie zurück. Sie griff nach einem Spüllappen und machte sich energisch daran, die Spuren des misslungenen Bratens zu beseitigen.

„Und was gibt’s stattdessen zu essen?“, erkundigte sich Carolin vorsichtig. Rehrücken? Hirschbraten? Bei Ines weiß man ja nie so genau, welches Tier noch dran glauben muss!

„Spaghetti mit Vongole und Seeigeleiern“, erklärte Ines mit nun schon festerer Stimme.

„Bitte was?“, fragte Carolin entsetzt nach und hoffte, sich verhört zu haben.

„Vongole – mit Venusmuscheln.“

„Und mit was für Eiern?“

„Mit Seeigeleiern“, wiederholte Ines, als wäre es das Natürlichste der Welt.

„Du meinst doch nicht diese stachligen, schwarzen, runden Tiere, die im Meer rumliegen und einen in die Füße piksen?“, fragte Carolin ungläubig.

„Genau die“, nickte Ines und deutete auf den Kühlschrank. „Holst du mir die bitte raus, Schatz! Eigentlich war das als unser Sonntagsessen gedacht, aber nun gibt es das Gericht eben heute Abend“, seufzte sie dabei.

Unser Sonntagsessen!?, dachte Carolin angewidert und dankte insgeheim dem Kochkurs und dem verkohlten Hasen. Seeigeleier ess ich nicht mal gegen Androhung von lebenslangem Hausarrest!

„Caro!“ Ines blickte auf die Uhr. „Die Zeit drängt. Los!“

Carolin holte den Plastikbeutel aus dem Kühlschrank und legte ihn mit spitzen Fingern auf den Küchentisch.

„Das geht wenigstens etwas schneller und einfacher“, meinte Ines und versuchte, den Beutel aufzuknoten. „Und die aufwendigen Zutaten kann ich mir auch sparen.“

„Super“, nickte Carolin – und fasste einen Entschluss. „Du, Mam, wenn jetzt eigentlich alles geritzt ist und nicht mehr so viel zu tun, kann ich dann vielleicht nachher zu Lina, wenn die Gäste da sind?“

Ines sagte nichts, werkelte nur weiter geschäftig an dem Beutel herum.

„Geht das in Ordnung, Mam?“, hakte Carolin nach. Vielleicht können wir ja am Abend noch ausreiten …

„Ja klar, lasst mich nur alle allein hocken“, knurrte Ines, ohne sich umzudrehen. Ihre Stimme klang wütend und traurig zugleich.

„Mam …“

„Wenn schon mein Mann in letzter Zeit kaum noch Zeit für mich hat, könnte wenigstens meine Tochter da sein, wenn Gäste kommen“, fiel Ines ihr ins Wort.

„Kommt Jo heute Abend denn nicht?“, wunderte sich Carolin.

„Ja … nein … was weiß denn ich!“, stieß Ines hervor. „Keine Ahnung, wieso er momentan kaum Zeit hat. Wahrscheinlich werden gerade überall Tierärzte gebraucht, wahrscheinlich gibt es gerade eine Tierepidemie, was weiß ich, was los ist!“

„Mam …“

„Ist schon gut“, winkte Ines ab. „Wenn du gehen willst, dann geh! Kein Problem!“, sagte sie. Doch der Ton, wie sie es sagte, verriet, dass es sehr wohl ein Problem für sie wäre, und dabei sah sie so verloren aus, dass Carolin Mitleid mit ihrer Mutter bekam.

Ines hatte endlich den Beutel aufgeknotet. Sie holte ein Netz mit Mini-Muscheln heraus und noch eines mit einer undefinierbaren orangegelben Masse.

Hilflos lehnte Carolin in der Tür und überlegte, wie sie ihre Mutter aufmuntern könnte. Als sie die Muscheln sah, hatte sie eine Idee. „Mam, hast du dir eigentlich schon überlegt, wie du den Tisch dekorieren willst?“

„Mal sehen“, grummelte Ines.

„Mir ist gerade etwas eingefallen.“ Carolin raste nach oben. Sie blieb in ihrem Zimmer stehen und drehte sich im Kreis. Wo hab ich die gleich wieder hin?, überlegte sie. Ach ja! Carolin bückte sich und zog die oberste Schublade ihres Schreibtisches auf. Hier! Sie holte eine weiße Papiertüte heraus und öffnete sie. In der Tüte befanden sich Muscheln in den verschiedensten Größen und Formen. Die hatte sie gesammelt, als sie in den Sommerferien ihren Vater auf Mallorca besucht hatte. Paul Baumgarten lebte auf der spanischen Mittelmeerinsel in einer hübschen Finca. Wenn das nicht die richtige Tischdeko ist!, freute sich Carolin, flitzte mit der Tüte in der Hand wieder nach unten und präsentierte die Muscheln ihrer Mutter. „Mam, was sagst du dazu? Die perfekte Tischdeko.“

Ines warf einen Blick in die Tüte und nickte. „Ja, schön.“

„Ich mach mich dann mal ans Dekorieren“, erklärte Carolin voller Tatendrang und lief ins Wohnzimmer. „Wie viele Gäste sind es denn?“, rief sie ihrer Mutter zu.

„Hängt davon ab, ob Jo kommt oder nicht“, gab Ines mit frostiger Stimme zurück. „Und Thorben ist ja auch nicht da, der hat heute Basketball-Training.“

„Okay. Aber für Jo decke ich auf jeden Fall mal mit“, beschloss Carolin.

Punkt sechs Uhr abends erschienen die Gäste. Dr. Sanders Assistentin Anna Schmidt und ihr Verlobter Niklas Hauser waren die Ersten, die im Wohnzimmer standen.

„Wow, ist das ein herrlich gedeckter Tisch!“, staunte die junge blonde Frau.

„Das war Carolins Werk“, erklärte Ines, während sie die Weingläser auf dem Tisch verteilte und die Stoffservietten zurechtrückte. Wohlwollend zwinkerte sie ihrer Tochter dabei zu.

„Schätze mal, dass es was thematisch Entsprechendes zum Essen gibt?“, erkundigte sich Niklas interessiert. „Irgendwas aus dem Meer?“

„Mam hat Muscheln gekocht“, antwortete Carolin eifrig.

„Hm, lecker, theoretisch leicht zuzubereiten, möchte man meinen, praktisch aber ganz und gar nicht“, fachsimpelte Niklas.

„Genau so sehe ich das auch“, sagte Ines. „Eigentlich wollte ich ja Hasenbraten machen, aber …“ Sie konnte ihren Satz nicht zu Ende sprechen, denn in diesem Moment klingelte es erneut an der Haustür.

Carolin öffnete und ließ Justus und Hermine und Regina und Harry herein, zwei Pärchen aus dem Kochkurs. Justus stellte eine eiskalte Flasche Prosecco auf den Tisch, Regina hatte eine Schachtel Pralinen dabei. „Selbst gemacht“, wie sie stolz bemerkte.

Als alle Gäste am Tisch saßen und die Erwachsenen als Aperitif den mitgebrachten Prosecco tranken, ging die Tür auf und Dr. Sander kam ins Zimmer. „Einen wunderschönen guten Abend allerseits“, grüßte er munter. Seine Haare standen zu Berge, seine Wangen waren gerötet. Er wirkte leicht abgehetzt.

„Schön, dass du auch noch kommst, Jo“, gab Ines spitz zurück und musterte ihren Mann überaus kritisch von oben bis unten.

Dr. Sander sah die gefüllten Gläser auf dem Tisch und die erwartungsvollen Gesichter der Gäste. „Tut mir leid, dass ich euch warten ließ.“

„Ach, wir haben noch gar nicht angefangen zu essen“, klärte ihn Carolin auf. „Es gibt Muscheln“, fügte sie dann noch spitzbübisch hinzu und beobachtete Dr. Sander.

Der Doc mochte exotisches Essen ebenso wenig wie Carolin, ließ sich jedoch nichts anmerken und verzog keine Miene. „Prima, ich hab einen Bärenhunger“, erklärte er nur und setzte sich an den Tisch.

Ines trank ihr Glas in einem Zug leer und stand auf. „Ich hol uns mal die Pasta aus der Küche.“ Sie warf Anna einen unmissverständlich auffordernden Blick zu. „Wärst du so lieb und hilfst mir bitte, Anna?“

„Klar!“ Anna stand bereitwillig auf.

„Ich helfe auch mit.“ Carolin folgte den beiden Frauen in die Küche.

Ines öffnete den großen Topf mit der Soße für die Nudeln und rührte mit einem langen Holzlöffel darin herum. „Sag mal, Anna …“, begann sie dann – den Blick auf den Topf gerichtet.

„Was soll ich denn ins Wohnzimmer bringen?“, fragte Anna geschäftig und sah sich suchend in der Küche um.

„Gleich“, winkte Ines ab. „Ich muss die Soße erst noch etwas aufwärmen.“ Sie hielt kurz inne. „Du, die Praxis läuft doch momentan ziemlich gut, oder?“, sagte sie dann.

„Ja, schon“, nickte Anna. Sie trat an den Herd und schnupperte in die Luft. „Hmmm, duftet lecker!“

„Und ihr habt doch viel zu tun? Viele kranke Tiere, oder?“, erkundigte sich Ines, während sie in dem Topf rührte.

„Haben wir“, bestätigte Anna.

„Da fallen doch bestimmt jede Menge Überstunden an?“, bohrte Ines so unauffällig wie möglich weiter, während sie mit dem Kopflöffel hantierte.

„Ach, das geht eigentlich“, winkte Anna ab. „Ist nicht so tragisch.“ Sie lächelte. „Zum Glück, denn ich brauche ja schließlich noch Zeit für die Hochzeitsvorbereitungen. Niklas und ich wollen nämlich schon bald heiraten. Und es gibt noch so viel zu tun.“ Anna strahlte über das ganze Gesicht, während sie erzählte.

Carolin, die in der Küchentür lehnte und die beiden Frauen beobachtete, merkte, wie ihre Mutter erst leicht zusammenzuckte, dann aufblickte.

„Keine Überstunden also?!“, wiederholte Ines und betonte dabei jede Silbe.

„Genau“, nickte Anna. „Zum Glück! Ich komm eigentlich jeden Tag pünktlich raus.“ Sie deutete auf die Muschelsoße. „Muss das so heftig kochen?“

„Was? Nein!“ Ines zog rasch den Topf vom Herd und kippte die Soße in den großen Pastatopf, der auf der Anrichte stand.

„Das heißt also, ihr habt in der Praxis gar nicht sooo schrecklich viel zu tun?“, hakte Ines noch einmal nach.

„Stimmt“, bejahte Anna und rieb sich über den Bauch. „Aber jetzt lass uns nicht mehr von der Arbeit reden. Ich hab nämlich Hunger wie ein Wolf. Ach übrigens, nächste Woche sind wir dran.“ Sie lächelte. „Ihr dürft dann unser Hochzeitsmenü testen.“

„Wie nett!“, erwiderte Ines geistesabwesend.

Carolin hatte ihre Mutter die ganze Zeit über verwundert beobachtet. Komische Fragerei! Worauf will Mam eigentlich hinaus?

Ines drückte Anna ein paar Topflappen für die Schüssel mit der Soße in die Hand, sie selbst nahm eine der beiden Nudelschüsseln. Carolin transportierte die andere.

Wider Erwarten wurde es auch für Carolin ein netter Abend. Anna wusste viele unterhaltsame und witzige Tiergeschichten zu erzählen, und Ines erlaubte, dass sie die Spaghetti nur mit Butter aß.

Die anderen Gäste waren begeistert von der Soße und unterhielten sich blendend. Nur ab und zu ruhte Ines’ Blick nachdenklich auf ihrem Mann, der sich ebenfalls bestens zu amüsieren schien.

Überraschende News auf Lindenhain

Der nächste Tag war zum Glück genauso schön und sonnig wie der Tag zuvor. Gleich nach der Schule schwang sich Carolin auf ihr Rad und fuhr mit einem kurzen Stopp zu Hause gleich weiter nach Lindenhain. An der Einfahrt stieg sie für einen Moment ab und ließ ihren Blick über den Reiterhof schweifen. Die Anlage erhob sich auf einem sanften grünen Hügel zwischen großen, alten Linden, sie bestand aus einem langen, hellgelben Stall mit blauen Türen und einem Auslauf davor, einem Reitplatz, der großen Reithalle, einer weitläufigen Koppel, dem Haupthaus und dem zweistöckigen, terrakottafarbenen Ferienhaus.

Ein Lächeln breitete sich auf Carolins Gesicht aus. „Wenn ich nur einen einzigen Tag nicht hier bin, fehlt mir das alles schon, und ich hab Sehnsucht“, murmelte sie und stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie setzte sich auf den Sattel und ließ ihr Rad langsam bis zum Radständer rollen.

Voller Vorfreude auf den Ausritt mit ihrem geliebten Pferd hüpfte Carolin gut gelaunt zum Stall. Sie lief die Stallgasse entlang und stürmte gleich in Sternentänzers Box. „Hallo, mein Süßer!“ Stürmisch schlang sie zur Begrüßung die Arme um den sehnigen Hals des Araberhengstes und liebkoste ihn. „Wir beide gehen jetzt gleich mal los.“

Wie zur Bestätigung blähte der Schimmel seine Nüstern und schnaubte zufrieden.

„Ach Sternentänzer, das war das Schönste an unserem Wanderritt mit den Mädels. Dass wir den ganzen Tag zusammen sein konnten.“ Carolin seufzte. „Keine Schule, keine nervige Miss Somerset, keine Mam, nur meine besten Freundinnen und du.“ Carolin streichelte liebevoll Sternentänzers weiches mondhelles Fell. „Das wär mein Leben! Davon würd ich nie genug bekommen“, fügte sie hinzu. Dann marschierte sie Richtung Sattelkammer, um Sattel und Zaumzeug zu holen.

Auf dem Gang wäre sie fast mit Jan zusammengestoßen, der gerade einen Ballen Stroh vor sich her bugsierte.

„He!“, rief der.

„Sorry, Jan.“

„Nach rechts und links schauen ist manchmal auch im Stall hilfreich“, scherzte Jan. Jan war Lindenhains Mann für alles. Er kümmerte sich um die Pferde und die Stallungen – einfach um alle auf dem Hof anfallenden Arbeiten. Fast immer hatte er gute Laune und fast immer einen Kaugummi im Mund. Bevorzugte Marke: Cherry-Mint. Damit formte er gerade eine Blase.

Carolin deutete auf den riesigen Strohballen. „Wo soll das ganze Stroh denn hin?“

„In die Box für unseren Neuzugang“, erklärte Jan und ließ die Kaugummiblase platzen.

„Neuzugang?“

Jan musterte sie einen Moment erstaunt. „Ach, du warst ja gestern gar nicht da! Da hat uns Gunnar nämlich verkündet, dass wir auf Lindenhain ein Pferd zur Reha bekommen werden.“

Carolin sah Jan an, als würde er vom Mann im Mond erzählen. „Pferd? Reha?“

„Irgendein berühmter Turniergaul soll sich bei uns auf dem Hof von einer Verletzung erholen“, erklärte Jan. „Mehr weiß ich auch nicht.“

„Echt?“

Da bog Tim um die Ecke. Tim war ursprünglich als Aushilfe auf Lindenhain eingestellt worden, hatte inzwischen aber eine Ausbildung zum Pferdewirt begonnen. An jeder Hand baumelte ein großer, bis oben hin mit Hafer gefüllter Eimer. „Hast du in der Box schon alles fertig?“, rief er Jan zu.

Jan deutete auf den Strohballen. „Bin schon im Anmarsch! Ein alter Mann ist schließlich kein D-Zug.“

Carolin sah Tim fragend an. „Jan hat eben was von einem Turnierpferd erzählt? Was ist das für ein Pferd?“

Tim stellte die Eimer auf dem Boden ab und zog bedauernd die Schultern hoch. „Viel mehr weiß ich auch nicht. Ich hab über das Pferd bisher nur einmal zufällig in einer Pferde-Fachzeitschrift etwas gelesen.“

„Aber das ist doch cool!“, sagte Carolin begeistert. „Ein Pferd aus einer Fachzeitschrift kommt zu uns nach Lindenhain. Erzähl schon, wie sieht es aus? Welche Rasse? Welche Farbe? Männlich? Weiblich?“

„Es ist eine weiße Araberstute“, erklärte Tim.

„Im Ernst?“ Carolin sah ihn mit großen Augen an. „Ein Araberschimmel wie mein Sternentänzer?“

„Jawohl“, grinste Jan. „Das passt wie die Faust aufs Auge.“

„Stimmt“, feixte jetzt auch Tim. „Daran hab ich noch gar nicht gedacht.“

Carolin blickte fragend von einem zum anderen. „Wovon sprecht ihr gerade?“

„Die neue Araberstute könnte doch eine tolle Braut für deinen Sternentänzer sein“, lachte Jan.

Tim nickte. „Die beiden wären bestimmt ein super Paar. Die Stute ist ein herrliches Tier. Wunderschön, gepflegt und in Topform. Bis auf die Verletzung natürlich.“

„Braut … ich weiß nicht …“, meinte Carolin zögerlich.

Jan zwinkerte ihr zu. „Wieso nicht? Was spricht denn dagegen? Na sag schon. Du willst doch auch nicht, dass dein Sternentänzer immer allein bleibt.“

Tim machte ein betont ernstes Gesicht. „Und unser lieber Jan weiß, wovon er spricht. Auch er ist schon ewig allein. Weit und breit keine Braut in Sicht“, spottete er.