Zum Buch
Als Nina die Nachricht erhält, dass Tim, ihr bester Freund aus Kindertagen, unerwartet gestorben ist, bricht eine Welt für sie zusammen. Vor allem, als sie erfährt, dass er sie noch kurz vor seinem Tod fast manisch versucht hat, zu erreichen. Und sie ist nicht die Einzige, bei der er sich gemeldet hat. Tim hat ihr nicht nur eine geheimnisvolle letzte Nachricht hinterlassen, sondern auch einen Auftrag: Sie soll seine Schwester finden, die in den schier endlosen Wäldern verschwunden ist, die das Dorf, in dem sie alle aufgewachsen sind, umgeben. Doch will Nina das wirklich? In das Dorf und die Wälder zurückkehren, die sie nie wieder betreten wollte …
Zur Autorin
MELANIE RAABE wurde 1981 in Jena geboren. Nach dem Studium arbeitete sie tagsüber als Journalistin – und schrieb nachts heimlich Bücher. 2015 erschien DIE FALLE, 2016 folgte DIE WAHRHEIT, 2018 dann DER SCHATTEN. Melanie Raabes Romane werden in über 20 Ländern veröffentlicht. Die FALLE war international eines der heiß umkämpftesten Bücher der letzten Jahre. Melanie Raabe lebt und schreibt in Köln.
MELANIE RAABE
DIE WÄLDER
Thriller
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in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka
Umschlagmotiv: Getty Images/Julien Speranza/Eye Em
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-21303-9
V001
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O behold the hole in my soul
Cannot be filled and it cannot be sewn up
And o behold the hole in my heart
Devil will come for us, try to tear us apart
And o behold the hole in my tale
I tried to tell, but I guess I failed
And o behold the hole in the sky
Where does the baby bluebird go when she dies?
Where does the baby bird go when she dies?
Kevin Morby – O Behold
Die alte Frau beeilte sich. Außer ihr war niemand mehr unterwegs, und auch sie wollte daheim sein, bevor die Straßenlaternen verloschen. Bevor die Dunkelheit auf das Dorf herabfiel wie ein Vorhang aus Finsternis. Der Vollmond spendete kein Licht heute Nacht, er hielt sich hinter dichten Wolken verborgen.
Auf Höhe der uralten Linde musste sie kurz innehalten, um zu verschnaufen. Einen Moment nur. Sie war ja fast zu Hause.
Schwer stützte sie sich auf ihren Stock, und während sie Atem schöpfte, schweifte ihr Blick unwillkürlich zu den letzten Häusern des Ortes, die sich ein Stück weit die Straße hinunter abzeichneten. Hinter ihnen begannen die Wälder.
Die Wälder waren gefährlich. Sie erstreckten sich vom Rand des Dorfes unendlich weit und wurden immer finsterer, je tiefer man in sie vordrang. Die Wälder veränderten die Menschen, die es wagten, sie zu durchqueren. Manche gingen alt und gebeugt hinein und kamen jung und aufrecht wieder heraus, doch bei den meisten war es genau umgekehrt. Einigen verhalfen die Wälder zu Klarheit, anderen verwirrten sie den Sinn. In ihrem Zentrum waren sie so schwarz, dass jeder, der einmal in dieses Dunkel blickte, auf immer sein Augenlicht verlor. Mitten durch sie hindurch lief eine Schlucht, so tief, dass ein Stein, den man hineinwarf, ein Jahr lang fiel, bevor er auf den Grund traf.
Die Wälder waren lebendig. Bevölkert von Wesen, so alt wie die Erde selbst. Manchmal riefen sie nach den Menschen, griffen nach ihnen, wenn sie unvorsichtig genug waren, dem Waldrand zu nahe zu kommen.
Und manchmal, ganz selten, kam des Nachts etwas heraus aus den Wäldern, angezogen von den warmen Körpern und den Träumen der Menschen, und ging um in den Straßen des Dorfes.
Die alte Frau kannte die Sagen.
Sie setzte sich wieder in Bewegung, bog in ihre Straße ein, hörte bereits das Plätschern des Baches, der das Dorf durchfloss. Gerade war sie an die Brücke gekommen, die sie überqueren musste, um zu ihrem Häuschen zu gelangen, als das Licht um sie herum verlosch. Erschrocken sog sie die Luft ein. Nicht der Dunkelheit wegen, die sie plötzlich umgab, sondern wegen dem, was sie einen Wimpernschlag lang wahrgenommen hatte, bevor die Straßenbeleuchtung abgeschaltet worden war, genau auf der Schnittstelle zwischen Licht und Finsternis.
Am anderen Ende der Brücke stand etwas.
Die alte Frau starrte in die Schwärze vor ihr. Horchte.
»Ist da wer?«
Ihre Stimme klang fremd. Sie wartete, erhielt keine Antwort.
Sagte sich, dass sie sich getäuscht haben musste. Dass sie nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben konnte. Gerade hatte sie sich wieder vorsichtig in Bewegung gesetzt – sie brauchte kein Licht, um sich in der Dunkelheit zurechtzufinden, sie kannte diesen Weg im Schlaf –, als der Mond hinter den Wolken hervorkam und die kleine Brücke vor ihr in silbriges Licht tauchte.
Und da war sie wieder. Die Erscheinung. Es war ein junges Mädchen. Es stand am anderen Ende der Brücke und sah sie aus starren Augen an.
Die alte Frau hielt sich am Geländer der Brücke fest. Sie war neunundachtzig Jahre alt, aber völlig klar und bei Verstand, und auch ihre Augen waren immer noch gut. Sie bildete sich das nicht ein. Sie sah das Geistermädchen ganz genau.
Das weiße Gewand im Mondlicht, ein Segel im Wind.
Die durchscheinende Haut, das wehende Haar, schwarz wie die Nacht selbst.
Und die dunklen Augen, die Dinge erblickt hatten, die nicht von dieser Welt waren.
All das sah die alte Frau.
Aber die dünne Blutspur, die der Geist hinterließ, als er sich umwandte und in Richtung der Wälder verschwand, die sah sie nicht.
Die Finsternis brach urplötzlich herein. Von einer Sekunde auf die andere. Sie hielt drei Tage, fünfzehn Stunden und vierunddreißig Minuten lang an.
Nina war gerade auf dem Heimweg, die Schicht steckte ihr in den Knochen. Eigentlich hatte sie für Halloween freigenommen, doch der Kollege, der sie hätte ablösen sollen, war nicht rechtzeitig aus dem Urlaub zurückgekehrt, Pilotenstreik oder so was, also war sie geblieben. Fast achtundvierzig Stunden lang. Die halbe Nacht über hatte sie in der Notaufnahme mit der Pinzette Glassplitter aus Handflächen und Knien geholt, Mägen ausgepumpt, Platzwunden genäht, gebrochene Nasen versorgt. Ein kleiner Superman, der höchstens zwölf oder dreizehn sein konnte und aussah, als wäre er einer ordentlichen Menge Kryptonit ausgesetzt gewesen, der offiziell jedoch mit Alkoholvergiftung eingeliefert worden war, hatte sie aus halb geschlossenen Augen angeschaut und sie gefragt, ob sie ein Engel sei, bevor er sich auf ihren Kittel übergeben hatte.
Mit Wehmut hatte Nina an das Prinzessin-Leia-Kostüm gedacht, das ungetragen in ihrem Zimmer hing. Ihre Mitbewohnerin hätte ihr die Haare geflochten, sie hatte sich eigens ein Tutorial auf Youtube dafür angeschaut, und sie wären auf die Party eines gemeinsamen Freundes gegangen.
Egal. Es war, wie es war. Niemand hatte sie gezwungen, Ärztin zu werden.
Sie hatte dem Jungen die Haare aus der verschwitzten Stirn gestrichen und war sich umziehen gegangen. Viel Glück, Kleiner. Möge die Macht mit dir sein.
Als der Kollege sie dann doch noch abgelöst hatte und Nina das Krankenhaus verließ, hätte sie eigentlich taumeln müssen vor Erschöpfung, doch sie war hellwach. Das Runterfahren dauerte immer lange bei ihr, die Müdigkeit würde auch heute auf sich warten lassen – und der Schlaf erst recht. Nina entschied, nicht direkt vor dem Krankenhaus in die U-Bahn zu steigen, sondern ein paar Straßen weiter die S-Bahn zu nehmen. Sie brauchte Auslauf.
Trotz der feuchten Kälte, die in den letzten Tagen von der Stadt Besitz ergriffen hatte, waren die Straßen immer noch voll, und je näher Nina der Haltestelle kam, desto lauter und gedrängter wurde es. Sirenengeheul, Gelächter und Gebrüll. An der großen Kreuzung, auf die sie zusteuerte, sah es aus, als könnte jeden Moment der Straßenkampf losbrechen. Überall Betrunkene, viele von ihnen verkleidet. Skelette, Vampire, Zombiehorden. Die Stimmung war irgendwo zwischen ausgelassen und aggressiv, unmöglich zu sagen, in welche Richtung sich das gleich noch entwickeln würde hier, die Luft schmeckte nach Tequila und Beton. In der Ferne zuckte das Blaulicht eines Krankenwagens. Es knirschte unter Ninas Schuhen, in dieser Nacht waren schon so viele Bierflaschen zu Bruch gegangen, dass es kaum noch möglich war, nicht in Scherben zu treten. Streitende Pärchen, junge Männer in kleinen Grüppchen, vermutlich auf der Suche nach einem Club, der sie auch ohne Mädels im Schlepptau nicht abweisen würde.
Ein Taxifahrer hupte einen Mann an, der sich als Frankensteins Monster verkleidet hatte und ihm direkt vor den Wagen gelaufen war. Der Fahrer legte die Hand auf die Hupe und nahm sie einfach nicht wieder runter. Der Lärm war ohrenbetäubend. An einer Straßenecke schoss eine junge Frau mit ausrasierten Schläfen mit einer Schreckschusspistole in den Himmel, vertrieb die letzten Rotkehlchen auf sieben Jahre aus der Stadt. Zwei Dragqueens, von denen sich die eine als gute und die andere als böse Fee verkleidet hatte, bewarfen Passanten mit Glitzer. Nina überquerte die Kreuzung, wich einer Gruppe Dementoren aus, die ihr entgegenkam, und stieß mit einem dunkelhaarigen Mann zusammen, der komplett in Schwarz gekleidet war, rote Kontaktlinsen und kunstvoll aufgeklebte Hörner trug, die tatsächlich aussahen, als wüchsen sie direkt aus seiner Stirn. Ein paar Meter weiter wurde Nina auf vier Mädchen aufmerksam, die sich als Ghostbusters verkleidet hatten. Kurz sah sie ihnen nach und fragte sich, wo man bloß diese absolut echt aussehenden Protonenpacks bekam, die sie sich auf die Rücken geschnallt hatten, als ihr klar wurde, dass das Mobiltelefon in ihrer Hosentasche vibrierte.
Der Anruf brachte alles zurück.
Das Dorf und die Wälder.
Das röteste Rot und das schwärzeste Schwarz.
Den kalten Zigarettenrauch. Die Friedhofsblumen. Dahlien und Astern. Milchzähne in Plastikbehältern und Schlüpfer auf der Leine. Herbststürme und Blindschleichen und Hagebuttensträucher und Kohleöfen. Die feuchte Erde und den Geschmack von Metall.
Und die Wölfe. Vor allem die.
Sie schaffte es gerade so nach Hause. War froh, die Wohnung verwaist vorzufinden. Jessie war wohl noch feiern, und Bill Murray, Ninas Hund, lag friedlich in seinem Körbchen. Sie schleppte sich in die Küche, goss sich mit zittriger Hand ein Glas Wasser ein, trank und ließ sich auf einen der Stühle fallen. Saß kurz einfach so da. Sie fühlte sich, als wäre gerade eine Blendgranate vor ihr detoniert.
Als Nina hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde, blickte sie auf und sah eine betrunkene Jessie in den Raum stolpern. Sie war als Untote verkleidet, als Corpse Bride in einem mit Blut und Friedhofserde besudelten Brautkleid.
»Na, du Verräterin?«, sagte Jessie, als sie Nina am Küchentisch sitzen sah. »Hast du dich doch noch entschieden, mal wieder nach Hause zu ko…«
Sie stockte, als sie Ninas Gesichtsausdruck bemerkte.
»Ist alles in Ordnung?«
In diesem Moment brachen alle Dämme.
»Oh mein Gott, Nina! Was ist denn bloß passiert?«
Nina war nicht in der Lage, zu antworten.
»Süße«, sagte Jessie. »Was ist denn nur los?« Und dann, alarmiert: »Hat dir jemand was getan?«
Nina schüttelte den Kopf.
»Es ist Tim«, stieß sie hervor.
»Was ist mit ihm?«
Nina versuchte, die Worte zu formen, doch mehr als ein Schluchzen brachte sie nicht zustande. Sie stand auf, riss ein Stück Küchenrolle ab und putzte sich die Nase. Atmete tief durch.
»Rita hat mich angerufen. Seine Mutter«, sagte sie. »Er hat … sie sagt, er hat … er ist nicht mehr da.«
Er ist weg, einfach so.
Jessie blinzelte. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff.
»Oh mein Gott!«
Nina ließ sich wieder auf einen der Küchenstühle sinken und barg das Gesicht in den Händen. Die Uhr über der Tür tickte unbeeindruckt. Draußen hupte ein Auto.
Jessie streifte ihre weißen Pumps ab und setzte sich ihrer Mitbewohnerin gegenüber.
»Wie …« Sie suchte nach Worten. »Was ist denn bloß passiert?«
»Ein Unfall. Mehr weiß ich nicht.«
»Fuck, Nina«, murmelte Jessie. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«
Nina hörte sie kaum. Irgendwie begann sie ja selbst erst, zu begreifen.
Tim.
Wie unzertrennlich wir als Kinder waren, damals, im Dorf, dachte sie.
Wie weh es tat, ihn zurückzulassen, als ich fortzog mit meinen Eltern. Wie ungewöhnlich es alle fanden, dass wir es schafften, Kontakt zu halten. Über die Kindheit, über das Heranwachsen, über einfach alles hinaus. Mal mehr, mal weniger natürlich. Manchmal habe ich monatelang nichts von ihm gehört. Dann wieder fast täglich. Manchmal, wenn er Drogen nahm, hatte ich keine Lust, ranzugehen, wenn er anrief. Aber wenn ich die Worte »bester Freund« gehört habe, habe ich immer nur an ihn gedacht. Tim hätte alles für mich getan. Genauso wie ich für ihn. Und jetzt ist er weg. Einfach so.
»Wir haben uns viel zu lange nicht gesprochen«, sagte Nina.
Und genau in dem Moment, als sie das sagte, traf es sie.
Oh mein Gott.
Nina spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen.
Wie konnte ich das nur vergessen?
»Jessie«, sagte sie, und sie hörte ihre eigene Stimme wie von fern. »Ich muss jetzt einen Moment für mich sein.«
Als sich die Tür hinter ihrer Mitbewohnerin schloss, atmete Nina aus. Barg erneut den Kopf in den Händen. Stand auf. Setzte sich wieder hin. Kramte ihr Handy hervor und legte es vor sich auf den Küchentisch. Starrte es an.
Tim hatte doch vor ein paar Tagen noch versucht, sie zu erreichen.
Wie zum Teufel konnte ich das vergessen?
Tim hatte ein Talent dafür, zur Unzeit anzurufen. Er meldete sich am liebsten mitten in der Nacht oder dann, wenn Nina gerade am Arbeiten war. Außerdem war er unter seinen Freunden bekannt dafür, weitschweifige Mailboxnachrichten zu hinterlassen, und Nina fand, seit sie den Job im Krankenhaus angetreten hatte, nicht immer sofort die Zeit, sie abzuhören. Einmal hatte Tim sie angerufen, bloß um ihr mitzuteilen, dass er gerade die ersten Mauersegler des Jahres am Himmel entdeckt hatte. Minutenlang hatte er ihr den halben Wikipedia-Eintrag über die kleinen Zugvögel auf die Mailbox gesprochen. Ein anderes Mal – da war er gerade aus dem Theater gekommen – hatte er ihr einen kompletten Shakespeare-Monolog als Voicemail hinterlassen. Oft rief er sie auch einfach von Konzerten aus an, um ihr Songs, von denen er glaubte, dass sie sie mögen würde, auf die Mailbox laufen zu lassen.
Für gewöhnlich rief Nina Tim einfach zurück, wenn sie mehr Zeit hatte. So hatte sie es sich auch dieses Mal vorgenommen. Nur: Sie hatte es nicht getan. Sie hatte es über die langen, hektischen Arbeitstage im Krankenhaus, die ihr alles abverlangt hatten, schlicht vergessen.
Ich habe Tim vergessen.
Nina kniff die Augen so fest zusammen, dass sie Sternchen sah, und presste die Fäuste dagegen, als könnte sie so die Tränen zurückhalten, die sich schon wieder Bahn brechen wollten.
Mein Gott, dachte sie. Er war mein bester Freund, und ich habe mir noch nicht einmal die Mühe gemacht, seine Mailboxnachricht abzuhören.
Sie versuchte sich in Erinnerung zu rufen, wann sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Das war bei seiner Ausstellungseröffnung in London gewesen. Wie lange war das her? Ein Jahr? Vielleicht sogar ein bisschen mehr. Tims Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Die großen, braunen Augen, das kurze, dunkle Haar, die Grübchen, der Enthusiasmus, die Wärme. Sie erinnerte sich so gut an diesen Abend. Nina hatte Tim dabei zugeschaut, wie er versiert Small Talk betrieb, Interviews gab und für Fotos posierte, während sie sich mit Prosecco betrank und große Augen bekam, als sie die Berühmtheiten erkannte, die sich unter die Gäste der Vernissage gemischt hatten. Später waren sie noch zu zweit in eine Bar gegangen. Tim, der seit Jahren clean war und nicht einmal mehr Alkohol anrührte, bestellte einen Pinot Grigio für Nina und ein Wasser mit Zitrone für sich und begann, sie über ihr Leben auszufragen, obwohl sein eigenes deutlich interessanter war. Und schließlich war das Thema unweigerlich auf das Dorf gekommen.
»Du solltest noch mal hinfahren«, sagte Tim und nippte an seinem Wasser. »Es ist kein schlechter Ort.«
Nina schüttelte den Kopf.
»Nie wieder. Das habe ich mir geschworen.«
Sie dachte an die Kiste. Die, die in der dunkelsten, hintersten Ecke ihres Kellers stand und alle Informationen enthielt, die sie über die Geschehnisse von damals gesammelt hatten. Sie würde sie nie wieder öffnen.
»Ich bin fertig mit dem Dorf. Wir werden das letzte Puzzleteil niemals finden. Ich bin fertig mit der Sache. Und ich bin fertig mit den Wäldern.«
Sie würde die Kiste wegwerfen, mitsamt ihrem Inhalt.
Tim lächelte und zeigte seine Grübchen.
»Das verstehe ich«, sagte er. »Aber du könntest einfach so hinfahren!«
»Wozu? Ich weiß doch eh, wie es dort aussieht.«
»Die Dinge ändern sich«, sagte Tim.
»Das tun sie nie«, versetzte Nina.
Doch ihr bester Freund ließ nicht locker.
»Es wäre gut für dich, als Erwachsene zurückzukehren. Dem Trauma ins Gesicht zu sehen.«
»Ich habe kein Trauma.«
Und ich will nicht daran denken.
»Warum warst du dann so lange nicht wieder dort?«, fragte Tim.
»Weil ich dieses Kaff hasse.«
»Tust du nicht. Du hasst nur ein Teil davon. Und glaub mir, das hasse ich auch. Aber es ist nicht das ganze Dorf.«
Nina nahm einen großen Schluck von ihrem Wein. Aus irgendeinem Grund nervte es sie, dass Tim immer wieder davon anfing. Sie verstand ihn ja. Er war noch näher dran als sie. Aber trotzdem. Tim tat, als wären sie damals einem Kinderschänder in die Hände gefallen oder so was.
»Warum musst du immer wieder mit diesen alten Geschichten anfangen?«
Tim zuckte mit den Schultern, so, wie er es paradoxerweise häufig tat, bevor er etwas äußerte, das ihm besonders wichtig war.
»Unsere Geschichten bedeuten etwas«, sagte er. »Wo wir herkommen, bedeutet etwas.«
»Ja«, antwortete Nina. »Es bedeutet, dass wir Landeier sind.«
Tim lachte und gab auf.
Sie hatten sich nie wiedergesehen. Der letzte Teil ihres Studiums hatte Nina geschluckt, mit Haut und Haaren. Und Tim reiste ununterbrochen als Fotograf in der Weltgeschichte umher. Aber wäre das so schwer gewesen? Sich die Zeit zu nehmen, einander zu sehen? Klar, sie hatten immer mal wieder gesprochen. Aber am Telefon war es doch nicht dasselbe.
Nina putzte sich die Nase und griff nach dem Handy. Die Nachricht musste sich noch auf der Mailbox befinden. Mit zittrigen Fingern entsperrte sie das Telefon …
Ja, da war sie. Siebenundvierzig Sekunden Tim.
»Okay«, sagte Nina leise, wie um sich selbst Mut zu machen. »Okay, ich mach das jetzt einfach.«
Ihr Zeigefinger schwebte über dem Symbol für Play. Sie zögerte. Plötzlich hatte sie Angst davor, Tims vertraute Stimme zu hören. Was er wohl gewollt hatte? Ihr von einer Ausstellungseröffnung erzählen? Von einer Reise? Einer neuen Eroberung?
Nina wappnete sich, dann tippte sie auf Play und presste sich das Telefon ans Ohr.
Seine Stimme zu hören war wie ein Schlag in die Magengrube.
Nina. Ich bin’s. Bitte ruf mich so schnell wie möglich zurück.
Es ist wirklich wichtig.
Dann war da eine Pause, so, als hätte er auflegen wollen, es sich aber im letzten Moment anders überlegt.
Ich bin ins Dorf zurückgekehrt und …
Ich bin hier auf etwas gestoßen.
Wir …
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Es gab eine kurze Pause.
Die Nacht damals. Erinnerst du dich?
Die, über die wir nie wieder gesprochen haben.
Die, wegen der wir geschworen haben …
Erinnerst du dich?
Ich habe es gefunden.
Das letzte Puzzleteil. Verstehst du?
Ich weiß jetzt alles.
Ich habe dir alles aufgeschrieben.
Behalte den Brief. Verlier ihn nicht.
Okay?
Darin steht alles.
Und sollte mir etwas passieren, dann wird es an dir sein, zu …
Tim unterbrach sich mitten im Satz.
Nein. Vergiss diesen letzten Teil. Das war bescheuert von mir.
Sorry. Ich bin ein bisschen mit den Nerven runter, aber …
Er unterbrach sich erneut, und als er weitersprach, hörte Nina die Entschlossenheit in seiner Stimme.
Ich kriege ihn dran.
Ich schwöre es dir, Nina. Dieses Mal kriege ich ihn dran.
Die Nachricht brach ohne Gruß einfach ab, und Nina legte das Telefon weg. Als sie sich erhob, um ans Fenster zu treten, fühlten sich ihre Beine taub an.
Oh, Tim. Selbstverständlich erinnere ich mich.
Sie blickte auf die Straße hinab und spürte, wie die innere Unruhe, die die Voicemail in ihr ausgelöst hatte, wuchs. Von welchem Brief redete Tim da? Nina hatte keinen Brief erhalten. Sie wandte sich um, ging in den Flur und warf einen Blick in das Körbchen, in das sie und Jessie stets die Post für die jeweils andere legten. Leer. Sie lief auf Socken die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, sah im Briefkasten nach. Nichts.
Vielleicht hat Tim sich wirklich einfach etwas zurechtfantasiert, dachte Nina.
Doch der Gedanke beruhigte sie nicht.
Etwas sagte ihr, dass es stimmte. Dass Tim tatsächlich gefunden hatte, wonach sie einst so verbissen gesucht hatten. Dass er es wirklich hatte.
Das letzte Puzzleteil.
Nina spürte, wie die alte Obsession nach ihr greifen wollte. Versuchte sie abzuschütteln. Das war nur der Schock, redete sie sich ein. Der Schock nach seinem Tod. Jahrelang hatte sie gemeinsam mit ihren Freunden nach der Lösung dieses Rätsels gesucht. Sie hatten immer wieder darüber gesprochen, immer wieder die spärlichen Fakten gewälzt. Nina war fast wahnsinnig geworden darüber. Bis sie endlich beschlossen hatte, dass sie nicht zulassen durfte, dass diese eine Sache ihr ganzes Leben überschattete. Sie hatte es aufgegeben, darüber nachzudenken. Sie hatte akzeptiert, dass sie das letzte Puzzleteil niemals finden würden. Sie hatte das Dorf nicht wieder betreten. Sie war erwachsen geworden. Sie hatte gelernt und Prüfungen abgelegt, sie hatte sich an der Uni eingeschrieben, sie hatte noch mehr gelernt und noch mehr Prüfungen abgelegt, sie war mit ein paar sehr netten, sehr harmlosen Männern zusammen gewesen, von denen keiner in der Lage gewesen war, sie im Kern zu berühren. Arbeit und Abende vor dem Fernseher. Normalität. Über so viele Jahre hinweg hatte sie nach Stabilität gestrebt. Und dann glaubte Tim, das mit einem einzigen Anruf davonfegen zu dürfen?
Nina stand auf und goss sich noch ein Glas Wasser ein, trank im Stehen. Ihre Gedanken irrlichterten. Wo sie wohl gewesen war, was sie wohl gerade getan hatte, als Tim gestorben war?
Wieder brach sie in Tränen aus. Sie griff nach ihrem Handy, gab den Namen ihres besten Freundes bei Google ein und klickte auf die Rubrik News. Das hatte sie in den letzten Jahren häufig so gemacht, wenn sie Tim nicht erreichen konnte, weil er in der Weltgeschichte herumreiste. Seit er so erfolgreich geworden war, war das Internet oft der schnellste Weg, um herauszufinden, was Tim gerade trieb. Als sich sein schönes, lächelndes Gesicht nun auf dem Display aufbaute, stockte ihr der Atem. Nicht nur, weil sie Stück für Stück zu begreifen begann, dass sie ihn niemals wiedersehen würde. Sondern auch wegen der Bildunterschrift: Tims voller Name, sein Alter – und daneben ein kleines Kreuz.
Ninas bester Freund war tot. Sie hatte die Nachricht noch nicht annähernd verdaut, und das Internet wusste es schon. Hastig klickte sie die Nachrichtenseite weg.
Wann genau war Tim überhaupt gestorben? Das wusste das Internet ebenso wenig wie sie, doch urplötzlich kam ihr diese Frage unfassbar wichtig vor.
Sie musste noch einmal mit Tims Mutter sprechen. Die Küchenuhr zeigte kurz vor halb sieben. Es war gerade mal anderthalb Stunden her, dass Nina die Todesnachricht erhalten hatte, und doch fühlte es sich so an, als wären seitdem ganze Tage vergangen. Sie stellte das leere Glas weg, nahm ihr Handy und tippte eine SMS.
Rita, sind Sie wach?
Die Antwort kam fast augenblicklich.
Bin ich.
Nina atmete tief durch, dann wählte sie Ritas Nummer.
Tims Mutter hob sofort ab.
»Nina.«
Dieses Mal klang sie anders als zuvor. Klarer. Stabiler.
»Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe«, sagte Nina.
»Ach, du störst mich doch nicht, Liebes. Was möchtest du denn?«
Nina runzelte die Stirn. Damit, dass Rita so aufgeräumt klingen würde, hatte sie nicht gerechnet. Sie suchte nach den richtigen Worten. Hatte sie Tims Mutter, als die ihr vorhin die Todesnachricht überbracht hatte, eigentlich schon ihr Beileid ausgesprochen?
»Möchtest du Tim sprechen?«, fragte Rita.
Nina blinzelte.
»Wie bitte?«
»Ob du Tim sprechen willst«, wiederholte Rita, plötzlich heiter. »Der ist nämlich gerade nicht da.«
»Ich verstehe nicht.«
»Seid ihr verabredet oder so was?«
Nina hielt sich an der Tischkante fest.
»Rita«, sagte sie langsam. »Ich…«
Sie brach ab, denn sie hatte keine Ahnung, wie dieser Satz enden sollte. Schon oft in ihrem Leben hatte sie von Menschen gehört, die über den Kummer, den der Verlust eines Kindes auslöste, wahnsinnig geworden waren. Aber nie hatte sie angenommen, dass das wortwörtlich gemeint war.
»Rita«, sagte sie sanft. »Tim ist tot. Sie selbst haben mich vorhin angerufen, um mir das zu sagen, erinnern Sie sich?«
Kurz kroch nur Stille durch den Hörer, dann atmete Rita mit einem Geräusch, das schmerzhafter klang als jedes Schluchzen, laut ein.
»Natürlich«, sagte sie. »Natürlich.«
Plötzlich klang sie fahrig, und Nina sah vor ihrem inneren Auge, wie die Mutter ihres besten Freundes in ihrem Wohnzimmer auf und ab ging, wie sie sich, das Telefon am Ohr, mit der freien Hand zittrig über das tränennasse Gesicht wischte.
»Mein herzliches Beileid«, sagte Nina. »Es tut mir so unendlich leid. Ich weiß gar nicht, ob ich das vorhin schon gesagt habe. Ich stand völlig neben mir. Ich stehe immer noch völlig neben mir.«
Rita schluchzte.
»Da bist du nicht die Einzige«, sagte sie und ließ ein kleines, trauriges Lachen vernehmen, das auch Nina wieder die Tränen in die Augen trieb.
»Danke, dass Sie sich vorhin extra die Mühe gemacht haben, mich anzurufen«, sagte sie leise.
»Natürlich«, antwortete Rita. »Das ist doch selbstverständlich. Du bist seine beste Freundin.« Sie korrigierte sich. »Du warst seine beste Freundin.«
Schweigen trat ein, und Nina atmete tief durch.
»Ich habe eine Frage«, sagte sie. »Ich hoffe, es ist okay, dass ich das frage.«
Sie zögerte.
»Du möchtest wissen, wie Tim gestorben ist«, sagte Rita.
Nina schwieg. Von Wollen konnte keine Rede sein.
»Es war ein Unfall«, sagte Tims Mutter.
»Ein … Autounfall?«
»Nein«, antwortete Rita. »Es …«
Sie sprach nicht weiter, und Nina beschloss, sie keinesfalls zu drängen.
»Wann ist er denn passiert?«, fragte Nina sanft. »Der Unfall?«
»Ach, Nina«, sagte Rita. »Welche Rolle spielt das jetzt noch?«
»Wahrscheinlich keine«, sagte Nina. »Ich weiß auch nicht, warum das so wichtig für mich ist, aber irgendwie muss ich es wissen. Ich muss wissen, wo ich in diesem Moment war. Was ich in diesem Moment getan habe.«
Und ich muss wissen, wie viel Zeit zwischen Tims vergeblichem Anruf bei mir und seinem Tod lag.
Kurz wurde es still in der Leitung.
»Vorgestern. Vorgestern Abend. Auf dem Totenschein steht zweiundzwanzig Uhr elf.«
»Es tut mir so furchtbar leid«, wiederholte Nina. »Ehrlich gesagt fehlen mir die Worte.«
»Ich weiß schon, Liebes. Weißt du, es …«
Die ältere Frau stockte, und einen Augenblick lang sagte keiner etwas. Nina hörte einfach stumm zu, wie Tims Mutter leise weinte. Schließlich sammelte sie sich.
»Weißt du, es ist einfach gerade ein bisschen viel.«
»Ja. Das ist es.«
Erneut trat Schweigen ein.
»Konnten Sie denn heute Nacht wenigstens ein bisschen schlafen?«, fragte Nina schließlich.
»Ich werde erst wieder ein Auge zutun können, wenn wir sie gefunden haben.«
Kurz war Nina verwirrt.
»Wen meinen Sie?«
»Oh, Nina«, sagte Rita. »Du weißt es gar nicht?«
»Ich weiß was nicht?«, fragte Nina alarmiert.
»Gloria«, sagte die ältere Frau. »Sie ist weg.«
Nina, die die Luft angehalten hatte, atmete aus.
»Ach so. Doch. Natürlich weiß ich das«, sagte sie sanft. »Ich stand gerade auf dem Schlauch. Entschuldigung.«
Jeder, der irgendeine Verbindung zum Dorf hatte, wusste, dass Gloria, Tims siebzehnjährige Schwester, verschwunden war. Niemand konnte so recht sagen, ob sie einfach nur abgehauen oder ob ihr etwas zugestoßen war.
»Weißt du«, sagte Rita. »Zwischen mir und Gloria hat es nie besonders gut gestanden. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das wieder geradebiegen zu können.«
Nina wusste nicht, was sie sagen sollte.
»Tim hat Gloria gesucht«, fuhr Rita fort. »Er hat gesagt, er würde sie finden.«
Deswegen ist er also ins Dorf zurückgekehrt.
Das Gespräch mit Rita war kurz gewesen, doch es hatte etwas ausgelöst in Nina. Ein ungutes Gefühl, das über die Katastrophe von Tims Tod hinausging. Alles vermischt sich, dachte sie. Das Dorf und mein jetziges Leben, Gegenwart und Vergangenheit.
Tim war tot, Gloria war verschwunden, und draußen auf den Straßen tobten die letzten Dämonen der Nacht.
Nina betrat ihr spartanisch eingerichtetes Zimmer und hielt inne, als sie sah, wie der schlafende Billy im Traum mit den Pfoten zuckte. Kurz musste sie lächeln, trotz allem. Nina hatte die kleine, zottelige Mischung, in der angeblich ein Anteil Jagdhund enthalten war, was Bill Murrays freundliches, durch und durch harmloses Gemüt bisher allerdings ganz gut kaschiert hatte, vor einigen Jahren aus dem Tierheim geholt, und er hatte ihr nicht nur durch einige Trennungen, sondern auch durch die stressigsten Phasen des Studiums geholfen.
Dann fiel ihr Blick auf den schweren Bildband neben ihrem Bett, der den Titel Travels in Search of Home trug und in dem einige von Tims schönsten Arbeiten versammelt waren. Sie widerstand dem Drang, ihn aufzuschlagen, wischte eine einzelne Träne fort, die sich nun doch wieder auf ihr Gesicht verirrt hatte.
Legte sich hin. Konnte nicht einschlafen. Es war einfach alles zu viel. Und kaum, dass sie das gedacht hatte, schlief sie doch noch ein.
Als sie erwachte, zeigte der Radiowecker neben ihrem Bett 14:08 Uhr an. Sie hatte fast sieben Stunden lang tief geschlafen und fühlte sich erholt. Dann kam die Erkenntnis zurück. Eine Welt ohne Tim, dachte Nina, und alle ihre Glieder wurden schwer wie Blei. Sie stand auf und trat ans Fenster. Allerheiligen. Über der Welt lag ein Filter, der sie aller Farben beraubte und ihre Konturen verschwimmen ließ. Die grauen Fassaden gegenüber wuchsen aus dem Boden in den ebenso grauen Himmel, sodass man gar nicht mehr sagen konnte, was was war. Die Straßen waren leer gefegt.
Die Kaffeemaschine, die Nina angeworfen hatte, gab gurgelnde Laute von sich, und der Duft, der sogleich die Küche erfüllte, hatte etwas Tröstliches. Jessie hatte sich noch nicht wieder blicken lassen, musste aber immerhin schon wach sein, denn auf dem Küchentisch lagen die Tageszeitung und ein paar Werbeprospekte. Kurz überlegte Nina, ob sie bei ihrer Mitbewohnerin klopfen sollte, sie musste dringend mit ihr reden. Denn nun würde sie, nach all den Jahren, doch noch ins Dorf zurückkehren. Um Tims Beerdigung zu besuchen. Vielleicht würde sie David wiedersehen. Rita. Womöglich sogar Henri. Vielleicht würde das, was Tim sich so gewünscht und seit Jahren eingefordert hatte, dass die alte Bande endlich mal wieder zusammenkam, so wie früher, tatsächlich passieren. Wie eng sie damals gewesen waren, Tim, David und sie. Bevor sich alles verändert hatte. Nina schob den Gedanken beiseite und schlug die Zeitung auf. Sie überblätterte Politik und Wirtschaft, Sport, Kultur und Panorama, unfähig, etwas zu finden, das ihr Interesse weckte, und sich ein wenig abzulenken. Ihre Gedanken schweiften permanent ab. Ob in der Tageszeitung, die die alten Leute im Dorf lasen, bereits eine Todesanzeige für Tim erschienen war? Wie sie wohl lautete? Und was hatte Tim eigentlich im Dorf gemacht? War er wirklich auf der Suche nach Gloria? Und überhaupt, warum hatte er Nina nicht gefragt, ob sie ihn begleiten wollte? Das hatte er doch sonst jedes Mal getan, und zwar äußerst penetrant.
Es wäre gut für dich, als Erwachsene zurückzukehren. Dem Trauma ins Gesicht zu sehen.
Wie auch immer. Egal. Es spielte keine Rolle. Tim hatte fantasiert. Es gab keinen Brief. Es gab kein letztes Puzzleteil. Das war Nina jetzt, wo sie den ersten Schock über Tims Tod verwunden hatte, vollkommen klar. Sie würde trauern um diese Supernova, die ihr Leben einige viel zu kurze Jahre lang berührt hatte. Aber irgendwann würde die Wunde heilen. Irgendwie würde Nina klarkommen, weitermachen. Das tat sie immer. Stabilität und Ordnung. Sie würde jeden Tag hart daran arbeiten, so vielen Menschen wie möglich zu helfen, und abends erledigt auf die Couch sinken. Hin und wieder wäre da eine Leere, aber vielleicht würde sie einen weiteren netten, harmlosen Mann finden, der ihr ein Gefühl von Gemeinschaft und Geborgenheit vermitteln konnte. Irgendwann würde der Schmerz an Schärfe verlieren, das musste er einfach.
Nina legte die Zeitung beiseite, griff sich die Werbeblättchen. Und dabei fiel er vor ihr auf den Küchentisch. Der Brief, der zwischen den Prospekten auf sie gewartet hatte.
Buchstaben wie schiefe Zähne.
Sie erkannte Tims Handschrift sofort.
In der folgenden Nacht träumte Nina zum ersten Mal nach langer Zeit wieder von den Wäldern. Sie war umhergeirrt im Dunkel, eine formlose Bedrohung im Nacken, hatte sich vorangetastet, während es um sie herum knarrte und wisperte. Sie hatte versucht, die Körper, die in den Bäumen hingen, nicht anzusehen. Hatte versucht, den Ausgang zu finden, und war doch immer nur tiefer und tiefer hineingeraten in die Fänge des Waldes.
Nachdem sie mitten in der Nacht hochgeschreckt war, hatte sie nicht wieder einschlafen können. Noch nicht einmal, nachdem sie sicher eine halbe Stunde lang auf die gleichmäßigen Atemzüge von Billy gelauscht hatte.
Nina war aufgestanden, hatte sich angezogen und war in den Keller des Mietshauses hinuntergestiegen. Sofort war ihr ein feuchter, leicht modriger Geruch entgegengeschlagen. Es roch, als habe das Haus Karies. Nina öffnete das Schloss, das an dem Verschlag, der zur Wohnung gehörte, angebracht war. Überall Umzugskartons. Wahrscheinlich vollgestopft mit Kram, der nie wieder verwendet werden würde. Die meisten Kartons gingen auf Jessies Konto, aber auch Nina hatte hier nach ihrem Einzug vor knapp einem Jahr einiges eingelagert. In einer Ecke stand ihr BMX-Rad, das sie in der Stadt sowieso nicht fuhr, daneben, wie eine dicke, stoische Frau, das Cello in seiner Kunststoffhülle, das sie, seit ihre Eltern ihr nicht mehr sagen konnten, was sie zu tun oder zu lassen hatte, nicht mehr angerührt hatte. Und daneben ein paar Kisten, alle bis auf eine – die in der dunkelsten, hintersten Ecke des Kellers lagerte – säuberlich beschriftet. Nina bahnte sich einen Weg, indem sie einige von Jessies Kartons beiseiteräumte, und griff nach der unbeschrifteten Kiste. Sie war schwerer, als sie es in Erinnerung hatte. Als ihr Blick auf einen Umzugskarton mit der Aufschrift SENTIMENTALES fiel, der neben ihrem Werkzeugkasten stand, hielt sie inne. Sie stellte die Kiste ab und öffnete stattdessen den Karton. Obenauf lag der Plüschhase, den sie als Kind von ihrer Patentante geschenkt bekommen hatte. Darunter fanden sich Liebesbriefe, Plunder, den sie von Urlaubsreisen mitgebracht hatte, Kinokarten und Fotoalben. Und irgendwo dazwischen fand sie die Postkarte, die sie gesucht hatte. Sie zeigte einen kleinen Jungen, der in einem altmodischen Batman-Kostüm steckte. Über seinem Foto ein Schriftzug.
The most important thing in life is to be yourself.
Und darunter:
Unless you can be Batman. Always be Batman.
Auf der Rückseite standen nur wenige Worte in Tims krummer und schiefer Handschrift.
Fröhliche Weihnachten, Superheldin.
Unvermittelt musste Nina lächeln. Tims Vorstellung von einer Weihnachtskarte. Sie schob sie in die hintere Tasche ihrer Jeans, griff sich erneut die Kiste und machte sich auf den Weg zurück in die Wohnung.
Dort hatte sie gerade ihren ersten Kaffee getrunken, als ihr Handy klingelte. Nina erstarrte. Auf dem Display stand Tims Name.
Was zum Teufel?
»Hallo?«
»Hallo«, entgegnete eine weibliche Stimme. »Spreche ich mit Nina?«
Sie klang jung. Hell. Nina kannte sie nicht, da war sie sich ziemlich sicher.
»Ja«, sagte sie. »Wer ist denn da?«
»Tims Geist«, sagte die Stimme.
Kurz war Nina sprachlos. Dann legte sie auf. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie kaum noch Luft bekam. Bald darauf klingelte ihr Telefon erneut, doch sie ging nicht dran. Wer auch immer da Tims Handy in die Finger bekommen hatte, hatte einen unfassbar widerlichen Sinn für Humor.
Einen Augenblick lang stand Nina da und versuchte sich zu sammeln.
Es gibt jede Menge kranke Leute da draußen. Leute, die das Leid anderer unterhaltsam finden. Das weißt du doch.
Sie würde der Anruferin nicht den Gefallen tun, ihr mehr Aufmerksamkeit zu schenken als nötig. Nina blockierte die Nummer, von der aus der Anruf getätigt worden war, dann entschied sie, sich abzulenken. Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht, die ihr sofort wieder gekommen waren, fütterte Bill Murray, dann begann sie, den Tisch zu decken und Frühstück zu machen. Ignorierte das Zittern ihrer Finger. Es war gerade mal kurz nach acht, sicher würde bald eine verschlafene Jessie die Küche betreten. Nina, die sich den ganzen vergangenen Tag über in ihrem Zimmer verkrochen hatte, wollte ihr zeigen, dass sie sich keine Sorgen um sie machen musste. Sie bereitete gerade Rührei zu – mit Tomate und Koriander für Jessie, die kein Fleisch aß, und mit Speck für sich selbst –, als ihre Mitbewohnerin auch schon in die Küche kam. Billy sprang sofort auf und wuselte Jessie um die Beine.
»Hey«, sagte sie, wuschelte dem Hund durchs Fell und schenkte sich ein Glas Wasser ein.
»Hey.«
»Wie geht’s dir heute Morgen?«
»Ganz okay.«
»Du siehst schlimm aus.«
»Ich weiß.«
Nina hatte sich erschreckt, als sie vorhin in den Spiegel gesehen hatte. Natürlich waren ihre Augen vom Weinen völlig verquollen. Doch die Veränderung in ihrem Gesicht ging viel weiter. Fast kam es ihr so vor, als hätte sie über Nacht massiv an Gewicht verloren – und wäre zudem um ein paar Jahre gealtert.
»Ich muss irgendwie immer wieder an deinen Freund denken«, sagte Jessie.
Nina nahm die Pfanne vom Herd und begann konzentriert, eine Tomate in Stücke zu schneiden.
»Weißt du, was mir geholfen hat, als mein Vater gestorben ist?«, fuhr Jessie fort.
Nina legte das Messer weg und sah ihre Freundin an.
»Was?«
»Die Zeit.«
Nina unterdrückte ein Seufzen. Die Zeit heilt alle Wunden, jaja.
»Nein, so meine ich das nicht«, sagte Jessie, als hätte sie ihr in den Kopf geschaut. »Ich meine, ich habe damals viel gelesen. Viel wissenschaftlichen Kram. Wusstest du, dass die moderne Physik Zeit für eine Illusion hält?«
Nina hob die Schultern.
»Das heißt, dass alles gleichzeitig geschieht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren gleichzeitig. Verstehst du, was das bedeutet?«
»Nicht wirklich.«
»Wenn das stimmt«, sagte Jessie, »dann ist dein Freund zwar tot. Aber gleichzeitig lebt er auch noch. Und wurde noch gar nicht geboren. Alles genau jetzt, in diesem Moment.«
Jessie lächelte und steckte sich ein Stück Tomate in den Mund, während Nina sich nicht entscheiden konnte, ob sie das gerade hilfreich fand oder nicht.
Ich brauche keine tröstenden Worte und auch keine Physikreferate, dachte sie schließlich. Ich brauche etwas zu tun.