Das Buch
Wir schreiben das zweiundzwanzigste Jahrhundert, und auf der Erde ist nichts mehr wie zuvor. Es ist eine Welt, in der die Toten Grußbotschaften aus dem Jenseits schicken können; in der Gläubige naturwissenschaftliche Durchbrüche erringen, indem sie in religiöse Ekstase geraten; in der genetisch modifizierte Untote in Krisensituationen eingesetzt werden; kurz gesagt: Es ist eine Welt, in der es »normale« Menschen eigentlich nicht mehr gibt. Bis auf einen: Daniel Brüks – ein Biologe, der sich strikt an veraltete analoge Forschungsmethoden hält, während die neuzeitliche Biologie nur mehr ein Baukasten für Bioterroristen ist. Brüks führt ein zurückgezogenes Leben in der Wüstengegend von Oregon – bis zu dem Tag, an dem er sich in einem Raumschiff wiederfindet, das ins Zentrum des Sonnensystems fliegen soll. Zusammen mit seiner Crew, die aus höchst unterschiedlichen und einander nicht immer wohlgesonnenen Eigenbrötlern besteht, ist Brüks unterwegs zu einer Begegnung mit einer nichtmenschlichen Entität: den »Engeln der Asteroiden«. Eine Begegnung, die zum bedeutendsten Moment der menschlichen Evolution werden soll …
Der Autor
Peter Watts wurde 1958 in Kanada geboren und studierte Naturwissenschaften und Zoologie an der University of Guelph, Ontario, und der University of British Columbia, Vancouver. Er arbeitete für die Film- und Game-Industrie und verfasste zahlreiche Science-Fiction-Romane. Mit seinem Roman Blindflug, der in derselben Zukunftswelt wie Echopraxia spielt, war er für den Hugo Award nominiert. Peter Watts ist mit der kanadischen Schriftstellerin Caitlin Sweet verheiratet.
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PETER WATTS
ECHOPRAXIA
Roman
Deutsche Erstausgabe
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Titel der amerikanischen Originalausgabe
ECHOPRAXIA
Deutsche Übersetzung von Birgit Herden
Bei der Übersetzung von Echopraxia wurde bei zwei kurzen Lyrik-Zitaten auf neuere Übersetzungen zurückgegriffen:
Das Zweite Kommen, in William Butler Yeats: Die Gedichte, Luchterhand 2005, S. 212, dt. von Mirko Bonné: »Alles zerfällt.«
Gesang meiner selbst, in Walt Whitman: Grasblätter, Carl Hanser Verlag 2009, S. 121: »Ich bin groß, ich enthalte Vielheiten.«
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Deutsche Erstausgabe 08/2015
Redaktion: Karin Will
Copyright © 2014 by Peter Watts
Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München
Satz: Schaber Datentechnik, Wels
ISBN: 978-3-641-15753-1
V003
www.diezukunft.de
Dem BAZILLUS gewidmet,
der mir das Leben gerettet hat
INHALT
VORSPIEL
PRIMITIV
PARASIT
BEUTE
RAUBTIER
PROPHET
POSTSKRIPTUM
DANKSAGUNG
VERWEISE UND ANMERKUNGEN
FREILICH: INDEM MAN DEN ABERGLAUBEN AUSROTTET, ROTTET MAN KEINESWEGS AUCH DIE RELIGIONSAUSÜBUNG AUS.
– CICERO
SICH AUF DEN HIMMEL ZU FIXIEREN HEISST DIE HÖLLE ERSCHAFFEN.
– TOM ROBBINS
Wir haben diesen Hügel erklommen. Mit jedem Schritt konnten wir weiter sehen, also blieben wir nicht stehen, und nun sind wir ganz oben. Seit ein paar Jahrhunderten ist die Wissenschaft schon dort. Jetzt blicken wir hinaus auf die Ebene und entdecken diesen anderen Volksstamm, der über den Wolken tanzt, sogar noch weiter oben als wir selbst. Es mag eine Illusion sein, eine Sinnestäuschung. Vielleicht sind die anderen aber auch einen höheren Gipfel emporgestiegen, den wir nicht sehen können, weil er von Wolken verdeckt wird. Wir machen uns also auf, um Gewissheit zu erlangen – aber jeder Schritt führt uns nach unten. In welcher Richtung auch immer wir es versuchen, wir können die Anhöhe nicht verlassen, ohne unseren Aussichtspunkt einzubüßen. Also kehren wir um und steigen wieder bergauf. Wir sind auf einem lokalen Maximum gefangen.
Doch was, wenn es da draußen, weit entfernt von der Ebene, wirklich einen höheren Gipfel gibt? Dort können wir nur hinkommen, wenn wir in den sauren Apfel beißen, unseren Hügel hinuntersteigen und uns am Flussbett entlangschleppen, bis der Pfad wieder ansteigt. Und erst dann wird klar: He, dieser Berg reicht so viel höher als die kleine Erhebung, auf der wir zuvor waren, und von hier oben können wir so viel weiter sehen.
Aber um dorthin zu gelangen, muss man das Rüstzeug zurücklassen, das einen überhaupt erst so weit gebracht hat. Man muss jenen ersten Schritt tun, der ins Tal führt.
– Dr. Lianna Lutterodt: »Glaube und die Landschaft des Fortschritts«, Konversationen, 2091
VORSPIEL
ES IST NAHEZU UNMÖGLICH, AUS DER NATUR EIN MORALGESETZ HERZULEITEN. DIE NATUR KENNT KEINE PRINZIPIEN. SIE LIEFERT UNS KEINERLEI GRUND ZUR ANNAHME, DAS MENSCHLICHE LEBEN WÜRDE BESONDEREN RESPEKT VERDIENEN. DIE NATUR MACHT IN IHRER GLEICHGÜLTIGKEIT KEINEN UNTERSCHIED ZWISCHEN GUT UND BÖSE.
– ANATOLE FRANCE
EIN WEISSER RAUM, unbefleckt von Schatten und bar jeder Topografie. Ganz wichtig: keine rechten Winkel. Keine Ecken, kein zudringliches Mobiliar, keine direkten Strahler. Keine Geometrie von Licht und Schatten, die aus irgendeinem Blickwinkel das Zeichen des Kreuzes heraufbeschwören könnte. Die Wände – genauer gesagt die Wand – eine einzige geschwungene Oberfläche, von sanfter Biolumineszenz erhellt; eine sphäroide Hohlkammer, die sich nur unten, in einem widerwilligen Zugeständnis an die Konventionen der Zweibeiner, zu einer Ebene verflachte. Es war eine überdimensionierte Gebärmutter von drei Metern Durchmesser, bis hinunter zu dem wimmernden Etwas, das sich am Boden krümmte.
Eine Gebärmutter, bei der sich alles Blut draußen befand.
Ihr Name war Sachita Bhar, und sie sah das Blut selbst mit geschlossenen Augen. Die Kameras waren inzwischen so tot wie alles andere, doch die Bilder jener ersten Augenblicke ließen sich nicht mehr auslöschen: der Eingangsbereich, die Histo-Labore, und um Himmels willen, sogar die Besenkammer, ein winziger, schäbiger Raum auf dem dritten Stock, in den Gregor geflüchtet war. Sachie hatte nicht mitbekommen, wie Gregor entdeckt worden war. Hektisch hatte sie die Kanäle gewechselt, hatte fieberhaft nach Leben gesucht, aber nur die zerfleischten Toten gefunden. Als sie zu der Übertragung aus der Kammer kam, waren die Monster bereits weitergezogen.
Gregor, der in sein bescheuertes zahmes Frettchen verliebt gewesen war. Am Morgen war sie ihm im Lift begegnet. Sie erinnerte sich noch an sein gestreiftes T-Shirt. Andernfalls hätte sie auch niemals erkannt, um wen es sich bei dem blutigen Etwas in der Kammer handelte.
Überhaupt hatte sie nur einen Bruchteil des Gemetzels mitbekommen, bevor die Kameras ausgefallen waren: Freunde, Kollegen und Rivalen ohne Unterschied erbarmungslos gemordet, die ausgeweideten Überreste über Laborbänke, Arbeitsplätze und Toiletten verstreut. Aber trotz der vielen Kanäle, die sie über die Implantate in ihrem Kopf empfing, trotz der allgegenwärtigen Überwachungskameras, in die sie sich einklinken konnte, hatte Sachita zu keinem Augenblick auch nur eine der Kreaturen zu sehen bekommen, die das alles angerichtet hatten. Allenfalls war da ein Schatten gewesen, den einer der Jäger von einem blinden Fleck der Kamera aus geworfen hatte. Wie unsichtbar hatten sie ihr Werk vollbracht, ohne auch nur einander zu sehen.
Sie hatten die Kreaturen immer getrennt voneinander gehalten, schon zu ihrem eigenen Schutz: Steckt man zwei Vampire in einen Raum, gehen sie einander augenblicklich an die Kehle, wie es ihnen ihr fest verdrahtetes Territorialverhalten diktiert. Und doch hatten sie irgendwie kooperiert. Wenigstens ein halbes Dutzend von ihnen, eingesperrt, abgeschottet, hatte urplötzlich in vollkommener Übereinstimmung agiert, und das, ohne einander je begegnet zu sein. Selbst auf dem Höhepunkt des Blutbads, in den letzten Augenblicken vor dem Ausfall der Kameras, waren sie unsichtbar geblieben. Das ganze Massaker hatte sich am Rand von Sachies Wahrnehmung ereignet.
Wie haben sie das nur fertiggebracht? Wie haben sie die Winkel überlebt?
Sachitas Lage entbehrte nicht einer gewissen Ironie; sie hatte sich in einer Zuflucht für Monster versteckt, einem der wenigen Orte in dem ganzen beschissenen Gebäude, wo die Ungeheuer die Augen öffnen konnten, ohne die Todesstrafe zu riskieren. Rechte Winkel waren hier absolut tabu. In diesem Raum hatte man ihre Achillesferse getestet, die neurologische Leine optimiert. Überall sonst drohte von allen Seiten die Geometrie der Zivilisation: Tischplatten, Fensterrahmen, ein Konvolut aus Gerätschaften und Architektur, das aus dem richtigen Blickwinkel jeden Vampir in Krämpfe versetzen würde. Ohne die anti-euklidischen Medikamente gegen die Kruzifixstörung würden …
… sollten …
… die Monster da draußen keine Stunde überleben. Nur hier, in dem weißen Mutterleib, in den die arme, dumme Sachita Bhar geflohen war, als die Lichter erloschen, durften sie es wagen, die Augen zu öffnen.
Und eines der Monster befand sich nun mit ihr im Raum.
Sehen konnte sie es nicht. Sie kniff die Augen fest zu, wie um die Schlächterei auszusperren, die sich ihr ins Hirn eingebrannt hatte. Kein Geräusch war zu hören, bis auf ihr eigenes, lang gezogenes Wimmern. Doch irgendetwas verschluckte ein wenig von dem Licht, das auf ihr Gesicht fiel. Die rot flimmernde Düsternis hinter ihren Augenlidern verdunkelte sich kaum merklich, und sie wusste es.
»Hallo«, sagte das Monster.
Sie öffnete die Augen. Es war eines der weiblichen: Valerie, so hatten sie sie genannt, nach einer Abteilungsleiterin, die voriges Jahr in Rente gegangen war. Valerie, die Vampirin.
Valeries reflektierende Augen verschoben das Licht ins Rote, orangefarbene Sterne in einem noch von der Jagd erhitzten Gesicht. Regungslos wie die Statue eines Insekts ragte sie über Sachie auf; nicht einmal ihr Atem war wahrnehmbar. Wenige Augenblicke vor ihrem Tod begann ein unbeschäftigtes Unterprogramm in Sachies Verstand, die morphometrischen Eigenheiten der Kreatur aufzulisten. Unmenschlich lange Gliedmaße, die Proportionen darauf ausgelegt, Körperwärme rasch abzuleiten und den Motor eines heiß laufenden Stoffwechsels zu kühlen. Ein etwas vorspringender Unterkiefer, so wolfsähnlich, wie es bei einer Hominiden nur möglich war – um all die Zähne unterzubringen. Ein alberner türkisfarbener Kittel aus mit Messtechnik verwobenem, intelligentem Papier – anscheinend hatte Valerie heute physiologische Tests absolvieren sollen. Das Gesicht gerötet, alle Schleusen geöffnet, die Gefäße von heißem Blut durchströmt – ein Raubtier im Jagdmodus. Und die Augen, diese grauenerregenden leuchtenden Nadelspitzen …
Endlich fiel der Groschen: verengte Pupillen.
Sie ist nicht auf Anti-Eus …
Rasch zog Sachie ihr Kreuz heraus, jenen Todesschalter für die äußerste Verzweiflung, einen Talisman, den alle Mitarbeiter zusammen mit ihrem Ausweis am ersten Tag erhielten – empirisch erprobt und in Extremsituationen bewährt, nach dem jahrhundertelangen Niedergang als religiöser Fetisch von der Wissenschaft rehabilitiert. Mit dem Mut der Todgeweihten streckte Sachie dem Ungeheuer das Kruzifix entgegen und drückte auf den Federmechanismus. Aus den Enden des Kreuzes schossen die Verlängerungen heraus, und ihr kleines Hosentaschen-Totem war plötzlich einen Meter lang.
Dreißig Grad des Gesichtsfelds, Sachie. Vierzig vielleicht, für die ganz Harten. Pass auf, dass du es senkrecht zur Blickachse ausrichtest, es funktioniert nur, wenn die Winkel annähernd neunzig Grad betragen. Aber sobald dein kleines Spielzeug hier genug vom Gesichtsfeld abdeckt, wird ihr visueller Cortex gegrillt wie im Kreuzfeuer …
So hatte es Greg ihr erklärt.
Valerie neigte den Kopf und betrachtete eingehend das Kreuz. Jede Sekunde, so wusste Sachie, musste die Albtraumkreatur nun zusammenbrechen und mit kurzgeschlossenen Synapsen als zuckende, krampfende Masse enden. Mit Sicherheit. Das war keine Frage des Glaubens, sondern einfach eine neurologische Tatsache.
Das Monster beugte sich weiter vor. Es zitterte nicht einmal. Sachita Bhar machte sich in die Hose.
»Bitte«, wimmerte sie. Die Vampirin gab keinen Laut von sich.
Es brach aus ihr heraus: »Es tut mir so leid, aber bitte glaub mir, ich habe nie wirklich zu denen gehört, ich war nur eine Hilfswissenschaftlerin, ich mach das nur für meinen Abschluss, mehr nicht, ich weiß, dass es falsch ist, ich weiß, es ist wie … beinahe wie Sklaverei, das weiß ich, und es ist ein beschissenes System, es war wirklich beschissen, was wir mit dir gemacht haben, aber ich war es nicht, nicht wirklich, verstehst du? Ich hab überhaupt nichts selbst entschieden, ich bin erst später dazugekommen, ich hab eigentlich kaum was gemacht, es war doch nur für meinen Abschluss. Und ich … ich kann verstehen, wie du dich fühlen musst, ich verstehe, dass du uns hasst, das würde ich wahrscheinlich auch tun, aber bitte, ach bitte … ich bin doch nur eine Studentin …«
Als sie nach einer Weile noch immer am Leben war, wagte sie, wieder aufzusehen. Valerie starrte links an ihr vorbei auf einen Punkt, der tausend Lichtjahre entfernt war. Sie wirkte geistesabwesend. Diesen Eindruck hatte man allerdings häufiger bei diesen Wesen, die ein Dutzend Gedankengänge gleichzeitig verfolgen und ein Dutzend Realitäten zugleich wahrnehmen konnten, jede einzelne so real wie die eine Wirklichkeit, die das menschliche Hirn in Beschlag nahm.
Valerie neigte den Kopf, so als lauschte sie einer leisen Musik. Sie lächelte beinahe.
»Bitte …«, flüsterte Sachie.
»Nicht böse«, sagte Valerie. »Will keine Rache. Du bist nicht wichtig.«
»Du willst keine … aber …« Leichen. Blut. Ein ganzes Gebäude voller Toter. Ein Gebäude voller Monster, die diese Toten zurückließen. »Aber was willst du dann? Du kannst alles haben, bitte, ich werde …«
»Will, dass du dir etwas vorstellst: Christus am Kreuz.«
Und als die Worte heraus waren, ließ sich das Bild natürlich nicht mehr bannen. Unmöglich, sich den Heiland nicht vorzustellen. Einige wenige Augenblicke blieben Sachita Bhar noch, sich über die spastischen Zuckungen in ihren Gliedern zu wundern, über die krampfartigen Verrenkungen ihres Unterkiefers, über das Gefühl, als ob tausend blutheiße Nadelstiche auf der Rückseite ihres Schädels explodierten. Sie versuchte, die Augen zu schließen, doch es spielt keine Rolle, welche Art Licht auf die Netzhaut fällt – das ist es nicht, was Sehen ausmacht. Der Geist erzeugt seine eigenen Bilder, viel weiter stromaufwärts, und sie lassen sich nicht aussperren.
»Ja.« Gedankenverloren schnalzte Valerie mit der Zunge. »Ich lerne.«
Sachie gelang es zu sprechen. Es war das Schwierigste, was sie in ihrem Leben je getan hatte, aber sie wusste, das war nur angemessen; schließlich war es auch das Letzte, was sie je tun würde. Mit äußerster Willensanstrengung kratzte sie ihre letzten Reserven zusammen, alle ihr noch verbliebenen Synapsen, die nicht zur Selbstzerstörung abkommandiert worden waren, und sprach. Denn nichts sonst war mehr von Bedeutung, und sie wollte es wirklich wissen:
»Was … geler…«
Ihre Stimme versagte. Doch bevor Sachita Bhars Gehirn durchbrannte, brachte es mitten in dem zunehmenden Rauschen noch einen letzten Gedanken, eine letzte Erkenntnis zustande: »So fühlt sich die Kruzifix-Störung an. Das ist es, was wir mit ihnen machen. Das ist …«
»Judo«, zischte Valerie leise.
PRIMITIV
Alle Wissenschaft ist im Grunde nur Korrelation. Egal wie eindrucksvoll man die eine Variable mit Hilfe einer anderen beschreibt, alle Gleichungen basieren letztlich auf einer Blackbox. (Beweise beruhen immer auf Annahmen, für die es keinen Beweis gibt, wie schon Sankt Herbert so treffend bemerkte.) Wissenschaft und Glaube unterscheiden sich daher nur in ihrem Vermögen, Dinge vorhersagen zu können – nicht mehr und nicht weniger. Die Wissenschaft ermöglicht bessere Vorhersagen als spirituelle Erkenntnisse, jedenfalls soweit es um weltliche Belange geht. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben sich nicht durchgesetzt, weil sie wahr sind, sondern schlicht und einfach, weil sie funktionieren.
In dieser in sich konsistenten Landschaft stellt der Bikamerale Orden eine ganz außerordentliche Anomalie dar. Mit seiner eindeutig glaubensbasierten Methodik dringt er in metaphysische Bereiche vor, die sich einer empirischen Analyse entziehen – und liefert dennoch zuverlässig Ergebnisse, die bessere Vorhersagen ermöglichen als die konventionelle Wissenschaft. (Wie das möglich ist, darüber weiß man so gut wie nichts; es existieren allenfalls Hinweise auf eine Art Neuverdrahtung des Temporallappens, mit der die Ordensangehörigen ihre Verbindung zum Göttlichen verstärken.)
Darin einen Sieg der traditionellen Religion zu sehen wäre eine gefährlich naive Sichtweise, denn darum handelt es sich keineswegs. Vielmehr erleben wir den Triumph einer radikalen Sekte, die seit kaum einem halben Jahrhundert existiert und in dieser Zeit die Mauer zwischen Wissenschaft und Glauben niedergerissen hat.
Als die Kirche die Gesetzmäßigkeiten der physischen Welt anerkannte, führte das zu dem historischen Waffenstillstand, durch den Glaube und Verstand bis heute koexistieren konnten. Dass für Menschen auf der ganzen Welt nun wieder der Glaube die Oberhand gewinnt, mögen manche ermutigend finden, doch geht es dabei nicht um unseren Glauben. Auch der neue Glaube nimmt ja die Menschen bei der Hand und führt die verlorenen Schafe fort vom seelenlosen Empirismus der profanen Wissenschaft; doch die Tage, in denen die Schafe in die liebenden Arme unseres Erlösers finden, sind gezählt.
– Der innere Feind: Die Bedrohung der institutionellen Religion durch die Bikameralen im 21. Jahrhundert
(Interner Bericht der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften an den Heiligen Stuhl, 2093)