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Tapf Eins, der schwarze Mops, war auf seinen kurzen Beinen schon seit einer guten Stunde unterwegs. Er wollte zum Picknickplatz im Wald. Den langen Weg nahm er nur auf sich, wenn er besonders hungrig war. Normalerweise entfernte er sich nicht weit von seinem Schlafplatz am Fluss und suchte sich nur in der näheren Umgebung seine Mahlzeiten zusammen. Aber in den letzten Tagen hatte es geregnet, deshalb waren nur wenige Menschen spazieren gegangen. Kaum einer hatte beim Spazierengehen etwas Essbares verloren.

Am großen Picknickplatz im Wald dagegen fand sich immer etwas. Die Menschen konnten mit ihren Autos bis direkt zu den Tischen und Bänken fahren, deshalb war der Platz gut besucht.

Der kleine Hund hob witternd die Nase, als er sich dem ersten Picknicktisch näherte. Es roch so berauschend nach Wurst und Brötchen und Mandelkeksen!

„Wie dumm die Menschen sind“, knurrte der Mops vor sich hin, als er am Mülleimer ankam. „Sie verstecken ihre Essensvorräte so nachlässig, dass jeder sie finden kann.“ Er zerrte mit den Zähnen ein halbes Brötchen aus dem Mülleimer. „Ich tue das nur, um die Menschen zu ärgern“, erklärte er einem Buchfinken, der ihm erstaunt zusah.

Tapf Eins zog weiter zur nächsten Bank. Er senkte die platte Nase und schnupperte.

Und dann erstarrte er.

Er roch etwas.

Aber das war nicht möglich.

Das war … ein Traum. Ein Wunder.

Ein Wundertraum.

Besser, als wenn es Würstchen vom Himmel regnen würde.

Besser als die Momente, wenn er mit seinen besten Freunden P.F.O.T.E. und Katze gemütlich am Fluss herumlag.

Es war, als käme die Sonne nach einer langen Schlechtwetterzeit hinter einer dunklen Wolke hervor, warm und golden strahlend.

Sein Herz schlug wild. Aber er hatte keine Angst. Vielleicht war er das einzige Tier im weiten Umkreis, das sich nicht fürchtete, wenn ihm dieser Geruch in die Nase stieg.

Warum hätte er sich fürchten sollen?

Tapf Eins war ja nur die Abkürzung für seinen eigentlichen Namen: „Tapferer Einsamer Wolf“. Diesen Namen hatte er sich selbst gegeben. Denn Tapf Eins hatte kein Herrchen und kein Frauchen. Er lebte allein im Wald und fand das gut so, denn auf keinen Fall wollte er ein Menschendiener sein.

Tapf Eins sah nur so aus wie ein Mops. In seinem Inneren jedoch schlummerte ein echter Wolf.

Und nun hatte er gerade die Spur eines richtigen, echten, wilden Wolfs aufgenommen. Ein Wolf mit langen Beinen, einer kräftigen Schnauze, einer buschigen Rute, spitzen Ohren, mit allem, was schön und richtig war.

Ein Wolf, der Tapf Eins in sein Rudel aufnehmen würde. Ein richtiges Wolfsrudel.

Tapf Eins galoppierte los, die Nase immer am Boden. Die Spur war noch frisch. Sie führte zwischen den Holzbänken hindurch ins Unterholz, dann an den leuchtend grünen Hainbuchen vorbei hinein in den dunklen Tannenwald.

Ein panisches Reh kam ihm in hohen Sätzen entgegengesprungen. Es beachtete den Mops gar nicht, sondern setzte einfach über ihn hinweg und verbarg sich im Dickicht. Den Wolf fürchteten alle Tiere im Wald.

Der Geruch wurde deutlicher. Tapf Eins hechelte.

Er strauchelte, stand wieder auf und hoppelte weiter. Und dann sah er ihn.

Der Wolf stand am Bach, hatte die sehnigen grauen Pfoten auf einen glatt geschliffenen Stein gestellt, und blickte aus gelben Augen in die Ferne.

Tapf Eins erstarrte. Er konnte sich nicht mehr rühren.

Und so erstarrt stand er da, bis der Wolf sich nach einer Weile umwandte, federnd und elegant über den breiten, reißenden Bach setzte und auf der anderen Seite zwischen den Bäumen verschwand.

Tapf Eins ließ sich auf sein breites Hinterteil plumpsen. Er rang nach Luft. Mit seinen kurzen Beinchen konnte er den Bach unmöglich überwinden. Der Wolf war für ihn unerreichbar.

Er legte den Kopf in den Nacken und versuchte zu heulen. Aber aus seiner Kehle drang nur ein dünnes Fiepen, das in ein heiseres Krächzen mündete.

Tapf Eins musste husten. Tränen traten ihm in die Augen.

Es sah aus, als würde er weinen. Aber tapfere einsame Wölfe weinen natürlich nicht.

P.F.O.T.E. lag im Gras vor dem kleinen Haus seiner Familie in der Sonne und seufzte wohlig. Er mochte den Regen, weil er so schöne Pfützen zum Hineinspringen hinterließ, aber gegen sonniges Wetter war auch nichts einzuwenden. Bei Sonnenschein kamen die Menschen viel öfter aus ihren Häusern, sie gingen länger spazieren und waren besser gelaunt.

Janne und Flip spielten Federball. P.F.O.T.E. durfte nicht mitmachen, weil er den Federball immer so gern zerkaute, aber das war nicht weiter schlimm.

Gerade hatte Flip den Ball aus Versehen mitten ins Gestrüpp geschmettert. Er legte den Schläger aufs Gras, ging in die Hocke und tastete. „Au“, schrie er. „Brennnesseln!“

„Findest du ihn nicht?“, rief Janne ungeduldig.

„Hier ist alles voller Unkraut“, jammerte Flip. „Und Dornen. Und Stacheln.“

Janne kam zu ihm. „Mama hat dieses Jahr noch gar nichts im Garten gearbeitet“, stellte sie fest. „Es wächst alles zu.“

Sie deutete auf die Beete. Die Tulpen streckten ihre Köpfe mühsam durch einen Dschungel aus Löwenzahn, Giersch und Taubnesseln. Hohes Gras wuchs zwischen den Beerensträuchern und eine dicke, stachelige Brombeerranke zog sich bis hinauf in den Fliederbusch.

„Ich finde ihn nicht“, sagte Flip. „Ich hole schnell einen neuen.“ Er rannte zum Haus.

Die Mutter kam ihm entgegen.

„Du musst das Unkraut wegmachen“, sagte Janne zu ihr.

„Keine Lust“, knurrte die Mutter nur.

P.F.O.T.E. hob erstaunt den Kopf. Er trug sein Halsband, das Menschensprache in Hundesprache übersetzte und umgekehrt, konnte deswegen alles verstehen und sich auch mit seinen Menschen unterhalten.

„Warum hast du keine Lust?“, fragte er. „Die Sonne scheint. Menschen gehen doch gerne ins Freie, wenn die Sonne scheint.“

Doch die Mutter gab keine Antwort. Sie drehte sich um und verschwand wieder im Haus.

„Sie ist komisch“, sagte Janne.

„Vielleicht hat sie Hunger“, sagte P.F.O.T.E. „Mein Freund Tapf Eins wird auch komisch, wenn er Hunger hat.“

„Tapf Eins ist immer komisch“, wandte Janne ein.

„Tapf Eins hat immer Hunger“, gab P.F.O.T.E. zurück. Er trottete ins Haus, um nach dem Rechten zu sehen.

Die Mutter hatte sich an den Küchentisch gesetzt. Der Vater saß schon da. Er starrte auf ein paar bedruckte Zettel, die vor ihm auf der Tischplatte lagen. Bedruckte Zettel machten ihm oft schlechte Laune, aber diesmal schien es besonders schlimm zu sein.

„Der Einspruch ist abgelehnt“, sagte er gerade. „Jetzt müssen wir uns damit abfinden.“

„Sie können doch nicht einfach unser Haus abreißen!“, rief die Mutter.

„Was?“, bellte P.F.O.T.E.

Die beiden zuckten zusammen und wandten sich zu ihm um.

„Was hast du gehört?“, fragte der Vater streng.

„Jemand will unser Haus abreißen?“, knurrte P.F.O.T.E.

Die Eltern sahen einander an. Dann zuckte die Mutter mit den Schultern. „Wir können es ihnen nicht länger verheimlichen.“ Sie wischte sich die Haare aus der Stirn und setzte sich gerade hin. „Wir müssen ausziehen“, sagte sie dann.

„Aber warum denn das?“, fragte P.F.O.T.E. verdattert. „Ihr seid doch hier zu Hause.“

„Aber das Haus gehört uns nicht. Wir wohnen nur zur Miete“, sagte der Vater. „Das verstehst du nicht“, setze er schnell hinzu. „Wir müssen dafür bezahlen, dass wir hier wohnen dürfen. Das Haus gehört jemand anderem.“

„Hier soll aber jetzt ein großes Mietshaus gebaut werden“, ergänzte die Mutter.

„Das ist doch gut“, sagte P.F.O.T.E. „Dann wohnen wir in einem großen Mietshaus.“

„Ein Haus für viele Leute“, sagte der Vater. „Eins mit kleinen, teuren Wohnungen.“

„Das ist nicht gut“, sagte P.F.O.T.E. „Wir sagen ihnen, dass das nicht geht.“

„Wir haben kein Recht, das Haus zu behalten“, sagte der Vater. „Aber das verstehst du nicht.“

„Nein“, bestätigte P.F.O.T.E. „Aber das geht sowieso nicht. Das müsst ihr denen einfach sagen, dann lassen sie uns vielleicht in Ruhe.“

„Haben wir denen gesagt“, seufzte der Vater. In diesem Moment sah er, dass Flip mit einem neuen Federball in der Hand in der Tür stand. Janne spähte durch die Terrassentür. Die beiden hatten alles gehört.

Wieder wechselten die Eltern einen Blick.

„Jetzt wisst ihr es also“, sagte der Vater gespielt fröhlich. „Wir kriegen ein tolles neues Haus.“

„Was für eins denn?“, flüsterte Flip.

„Wissen wir noch nicht“, gab die Mutter zu. „Aber bestimmt wird es schön.“

„Mit einem großen Garten?“, fragte P.F.O.T.E.

„Klar.“

„Mit einer Wiese zum Bällchenwerfen in der Nachbarschaft?“

„Klar.“

„Dann ist es doch gar nicht schlimm“, sagte P.F.O.T.E. Er sprang an Flip hoch. „Freust du dich nicht?“

Aber Flip biss sich auf die Unterlippe. „Ich will hier bleiben“, murmelte er.

„Wir auch“, gab die Mutter zu. „Aber es geht nicht. Das Haus gehört uns nun mal nicht.“

„Ganz bestimmt bekommen wir wieder ein genauso schönes Haus“, sagte P.F.O.T.E. „Gehen wir jetzt endlich zurück in den Garten?“

Aber Flip feuerte den Federball in die Ecke und rannte in sein Zimmer.

Janne folgte ihm.

Dann wandte sie sich noch einmal um. „Du weißt es schon lang“, sagte sie wütend zu ihrer Mutter. „Deswegen lässt du nämlich den Garten verwildern und kümmerst dich gar nicht mehr darum.“

„Nein!“, protestierte die Mutter.

Aber Janne hatte sich wieder umgedreht und war in ihrem Zimmer verschwunden.

„Wenigstens bist du vernünftig“, sagte der Vater zu P.F.O.T.E. und seufzte.

„Danke“, sagte P.F.O.T.E. „Wann gehen wir denn in das neue Haus? Morgen?“

„Wir müssen es erst finden“, sagte die Mutter.

„Ich kann suchen helfen, wenn ihr es verloren habt“, bot P.F.O.T.E. an. „Ich habe eine gute Nase.“

„Das ist lieb“, sagte die Mutter. „Wir sagen dann Bescheid, wenn wir dich brauchen.“ Ihre Miene verdüsterte sich.

„Du solltest mal was essen“, riet P.F.O.T.E. „Das hilft gegen schlechte Laune. Ich habe auch ein kleines bisschen schlechte Laune.“ Er schielte nach dem Kühlschrank.

„Du musst bis zum Abendessen warten“, sagte der Vater streng.

„Na gut“, sagte P.F.O.T.E. Er ging wieder in den Garten, suchte den verlorenen Federball im Dornendickicht, legte sich damit wieder in die Sonne und kaute zufrieden ein bisschen darauf herum.