Manfred Bomm

Machtkampf

Der 14. Fall für August Häberle

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © pip / photocase.com

ISBN 978-3-8392-4324-4

Widmung

Gewidmet allen, die an ihrem Schicksal zu verzweifeln drohen, weil sie auf die Schattenseite des Lebens gedrängt wurden.

Möge ihnen der Glaube an das Gute, Gerechte und Positive wieder die Augen für das Wunderbare und Schöne dieser Welt öffnen.

Lassen wir uns nicht in den Strudel der allgegenwärtigen Horror- und Skandalmeldungen hineinziehen, die im Zeitalter der unübersichtlichen Nachrichtenflut ständig auf uns niederprasseln.

Mögen deshalb auch die Medien ihrer Verantwortung bewusst sein und sorgfältig abwägen können, was zur seriösen Information der Menschen dient und was den Einzelnen, der von einem üblen Verdacht bedroht wird, in tiefstes Unglück stürzt.

Wer trotz allem Schatten, der über seiner Seele liegt, an eine Macht jenseits unserer Vorstellungswelt glaubt, wird schon bald das Morgen in einem neuen Lichte sehen. Denn die Schöpfung lehrt uns: Auf jede finstre Nacht folgt ein neuer heller Tag.

1

»Wenn das an die Öffentlichkeit dringt, kann ich mich gleich begraben lassen.« Die Stimme des Mannes war schwach geworden und wollte nicht so recht zu seinem hünenhaften Erscheinungsbild passen. Er saß zusammengesunken auf dem unbequemen Stuhl, den ihm der Kriminalist angeboten hatte. »Und Sie müssen wirklich dieser unglaubwürdigen Anzeige nachgehen – ohne Rücksicht auf die Folgen, die das für mich haben wird?« Seine Stirn war schweißnass geworden. Er zitterte. »Sind Sie sich der Tragweite dessen bewusst, was dies bedeutet?«

Der Beamte, der vor sich einige Akten ausgebreitet hatte, ließ ein paar Sekunden verstreichen. »Wir müssen«, sagte er schließlich ruhig. Es klang bedauernd und geradezu väterlich. In all den Jahren, seit er für Sexualdelikte zuständig war, hatte Kriminalhauptkommissar Martin Wissmut ein Gespür für den Umgang mit Beschuldigten entwickelt, die plötzlich mit einem schockierenden Sachverhalt konfrontiert wurden. Der Mann, dem die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand, war bestimmt kein brutaler Vergewaltiger, keiner, der Frauen auflauerte und sie misshandelte. Es war ein bislang unbescholtener Mann, 63 Jahre alt, Familienvater noch dazu. Und was weitaus schlimmer wog: Er war Pfarrer. Es würde nicht mehr lange dauern, bis in dem kleinen Dorf, das ihm als evangelischem Seelsorger anvertraut war, jeder mit den Fingern auf ihn zeigte.

In der Stille, die sich breitgemacht hatte, war nur sein schwerer Atem zu hören. »Und jetzt?«, fragte er mit belegter Stimme. Sie wussten beide um die Dramatik dieses Augenblicks.

Wissmut sah in wässrige Augen. »Wir machen ein Protokoll und dann wird die Staatsanwaltschaft entscheiden, wie’s weitergeht.«

Der Mann strich sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Die Staatsanwaltschaft«, flüsterte er fassungslos. »Und das Kind? Der Bub? Das wird alles einfach so hingenommen?« Er rang nach Worten und hatte Mühe, die Fassung zu bewahren.

»Es wird ein Glaubwürdigkeitsgutachten geben«, erklärte Wissmut. »Und ich geh mal davon aus, dass auch die Mutter noch ausgiebig befragt wird.«

»Die Mutter«, wiederholte der Beschuldigte. »Warum kommt die denn nicht zu mir und redet mit mir? Warum geht sie gleich zur Polizei und erstattet Anzeige?«

Wissmut wollte nicht darauf eingehen. Er rückte seine Brille zurecht und wandte sich seinem Computerbildschirm zu. »Sie sagen also«, konstatierte er emotionslos, »dass Sie keine Erklärung dafür haben, wie es zu diesen Beschuldigungen kommen konnte.«

Sein Gegenüber nestelte am Kragen der Freizeitjacke und schlug die Beine mit den schmutzigen Schuhen übereinander. »So wahr mir Gott helfe – dafür gibt es keine Erklärung.« Er überlegte, während der Kriminalist auf der Tastatur zu tippen begann. »Ich bin fassungslos. Wie kann ein so kleiner, schwächlicher Bub so etwas erfinden? Das ist doch völlig irrational.«

Wissmut drehte sich um. »Sie haben ja gehört, was ich Ihnen vorgelesen habe. Die Mutter schildert es ziemlich detailliert. Nun kommt’s natürlich drauf an, was der Bub beim Kinderpsychologen sagt.«

Der Angeschuldigte schloss die Augen. Er versuchte, sich den kleinen Manuel vorzustellen. Schüchtern, verängstigt, kontaktarm. Kaum in der Lage, sich zu artikulieren. Ein Kind, das bisher wenig Zuneigung erfahren hatte und vermutlich vor dem Fernseher ruhiggestellt wurde. Wie konnte dieser Manuel etwas erfinden, das weit über die Vorstellungswelt so eines Kindes hinausging?

»Sie sagen also«, holte ihn die Stimme des Beamten wieder aus den Gedanken zurück, »dass Ihrer Ansicht nach die Behauptungen von Frau Kowick bezüglich der Vorkommnisse im Religionsunterricht frei erfunden sind.«

Pfarrer Dieter Kugler nickte und kämpfte mit aufkommender Übelkeit. Er spürte, dass er am Beginn eines langen Leidensweges stand. Wenn’s ganz schlimm kam, würde er ihn selbst beenden.

Es war ein warmer, aber gewittriger Herbsttag gewesen. Auf der Hochfläche der östlichen Schwäbischen Alb, irgendwo zwischen Heidenheim und Geislingen an der Steige, hatten die Felder bereits die bräunliche Farbe angenommen, die vom nahenden Herbst kündet. Der Landwirt, der nach einem kurzen Gewitterregen noch in der Abenddämmerung seinen abgeernteten Acker umpflügte, näherte sich mit seinem alten Traktor dem Waldrand. Zu dieser Stunde, wenn Anfang Oktober bereits kurz vor 19 Uhr die Sonne hinterm Horizont verschwand, konnte es vorkommen, dass er hier, weit abseits aller Ortschaften, äsendes Wild aufscheuchte.

Hans Melzinger, der sich trotz seiner 73 Jahre nicht von der kleinen Landwirtschaft trennen konnte, obwohl sie nur noch ein beschwerliches Hobby war, liebte diesen erdigen Duft, der sich beim Aufreißen des harten und steinigen Bodens mit der feuchten Abendluft vermischte. In Kombination mit dem Dieselruß des Traktors erinnerte ihn dies an jenen Geruch, der für ihn seit Kindheitstagen zum Herbst gehörte wie der anheimelnde Qualm eines Kartoffelfeuers.

Als das Waldeck näher rückte, schob sich ein olivgrüner Geländewagen in sein Blickfeld. Das Fahrzeug parkte neben dem Feldweg, der an dieser Stelle in eine Tannenschonung hineinführte. Melzinger kannte den Wagen und sah instinktiv zu dem mächtigen Hochsitz, der nur knapp 50 Meter davon entfernt in eine kräftige Eiche gezimmert war. Vermutlich saß der Eigentümer des Autos in der trutzigen Kanzel, die aus einer Holzkonstruktion samt Fenster bestand und gegen Wind und Wetter schützte. Dort oben, das wusste Melzinger, verbrachte Viehhändler Max Hartmann aus dem Nachbarort Böhmenkirch manchmal ganze Nächte. Und dies wohl nicht immer allein, munkelte man. Die Ausmaße des Hochsitzes, der eher an ein Baumhaus erinnerte, ließen jedenfalls vermuten, dass dies alles nicht nur dem Aufenthalt eines einsamen Jägers diente. Und weil Hartmann ein in Ehren ergrauter Junggeselle war, dazu noch ziemlich wohlhabend und naturverbunden, gab es Anlass für jede Menge Spekulationen.

Mit jeder Reihe, die der Landwirt in sein Feld pflügte, kam er näher an den Hochsitz heran. Obwohl die Dämmerung bereits hereingebrochen war, fiel ihm an der Fensterscheibe ein seltsamer Reflex auf. Bei der nächsten Vorbeifahrt hielt er deshalb an, um genauer hinsehen zu können. Eindeutig: Das Glas war zersprungen, ein Teil offenbar herausgebrochen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte im Dunkel des Hochsitzes niemanden sehen. Melzinger zögerte kurz, trat dann aufs Gaspedal, hob den Pflug hinter sich hydraulisch an und schwenkte von seiner Route entlang der Furchen ab, um direkt auf den Hochsitz zuzusteuern. Nach wenigen Sekunden hatte er den Waldrand erreicht, stellte den Motor ab und lauschte. Doch da war niemand. »Max!«, rief er deshalb, so laut er konnte. »Max, bist du da?«

Keine Antwort. Nur das Zwitschern eines Vogels erfüllte die friedliche Abendstille.

Melzinger stieg von seinem Traktor und ging auf die stabile Holzleiter zu, die steil zu der seitlich angebrachten Tür des Hochsitzes hinaufführte.

Der Landwirt sah über die dicken, naturbelassenen Sprossen hinweg nach oben. Frisches, regennasses Erdreich haftete an den Tritthölzern.

»Max!«, rief er noch einmal, während er gleichzeitig bemerkte, dass die Tür des Hochsitzes einen Spalt weit geöffnet war. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis ihm das Gesehene den Atem raubte. Denn was er dort oben, etwa vier Meter überm Boden, zu erkennen glaubte, schnürte ihm förmlich den Hals zu. Er wich instinktiv zurück. Obwohl das fahle Abendlicht alle Farben matt erscheinen ließ, bestand kaum ein Zweifel: Dort oben war eine rote Flüssigkeit auf die Leiter getropft. Blut?

Die Nachricht verbreitete sich in Rimmelbach und den umliegenden Ortschaften wie ein Lauffeuer. »Er hat sich erschossen – auf seinem Hochsitz«, stellte der alte Wirt des ›Löwen‹ betroffen fest. In den Herbstmonaten, wenn es frühzeitig dunkel wurde, galt der Stammtisch noch immer als beliebter Treffpunkt aller, die in dem 950-Seelen-Dorf etwas zu sagen hatten – oder dies zumindest glaubten. Der Wirt, ein knorriger Älbler, dessen von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht tiefe Falten aufwies, war für all seine Gäste nur der ›Schorsch‹ und in der ganzen Gemeinde beliebt. Was draußen zwischen Rimmelbach und Böhmenkirch am frühen Abend geschehen war, hatte er wenig später vom örtlichen Feuerwehrkommandanten erfahren. Einsatzkräfte waren gerufen worden, um die Leiche aus dem Hochsitz zu bergen. Schorsch brachte der Männerrunde ein Tablett mit Hochprozentigem. »Hier«, sagte er, »damit uns das nicht auch noch auf den Magen schlägt. Nehmt euch einen.«

Ein halbes Dutzend fester Männerhände griff nach den Gläsern.

»Und wir alle haben gedacht, er lebe in Saus und Braus«, meinte einer aus der Runde, während er sein Glas mit einem Schluck leerte und es aufs Tablett zurückstellte.

»Du siehst an die Menschen halt nur ran, aber nicht rein«, kommentierte ein anderer. Schorsch, dessen Körperumfang vermuten ließ, dass er gutes Essen und einige abendliche Bierchen nicht verschmähte, lehnte sich an seine Theke und sinnierte: »Der Max hat viel Geld gehabt – das dürfte klar sein. Aber richtig glücklich ist er nie gewesen.«

»Wer weiß, wo der überall seine Geschäfte gemacht hat«, unterbrach ihn der Jüngste aus der Runde, der erst vor Kurzem seinen landwirtschaftlichen Betrieb aufgegeben hatte und nun in Ulm als Kfz-Mechaniker arbeitete. »Viehhändler haben noch nie einen guten Ruf gehabt. Außerdem hat er sich viel im Ausland rumgetrieben. Im Osten.«

Schorsch strich sich durchs schüttere Haar. »Ich glaub, seine Probleme hatten weniger mit seinem Beruf zu tun als vielmehr mit seinem Lebenswandel.« Er zog die Stirn in noch tiefere Falten. »Wer weiß, vielleicht ist er heut Nachmittag gar nicht allein in seiner Liebeslaube gewesen.«

Ein Dritter in der Runde, der stets im blauen Arbeitskittel unterwegs war, brummte: »Aber du sagst doch, er hat sich selbst erschossen?«

»So heißt es bei der Feuerwehr«, erwiderte der Wirt. »Aber was die Kripo rauskriegt, muss man abwarten. Sie drehen gerade noch den Melzinger Hans durch die Mangel.«

»Wie? Den Hans?«, entfuhr es einem wortkargen Mittfünfziger. »Was hat der denn damit zu tun?«

Der Wirt trug die leeren Schnapsgläser wieder zur Theke. »Was soll er damit zu tun haben? Er hat schließlich als Erster die Leiche gesehn. Und vielleicht auch einige Spuren – falls es sie gibt.«

»Spuren?«, echote der Jüngste. »Was denn für Spuren? Mehr als die von Max selbst wird’s ja wohl nicht geben.«

»Mensch, Arnold, jetzt denk doch mal nach«, zeigte sich der Mann im Arbeitskittel gereizt. »Vielleicht hat eine seiner letzten Verehrerinnen Spuren hinterlassen.«

Dieter Kugler war nach der zweistündigen Vernehmung bei der Kriminalpolizei in Geislingen wie in Trance heimgefahren. Nur sein Unterbewusstsein hatte den silberfarbenen Mercedes die Steilstrecke zur Albhochfläche hinaufgesteuert und ihn in der herbstlichen Dunkelheit die paar Kilometer nach Rimmelbach gebracht. Dass hinter Böhmenkirch, kurz vor Rimmelbach, vor ihm ein Leichenwagen in einen Feldweg abgebogen war, registrierte Kugler nur am Rande. Er fühlte sich elend, hatte Kopfschmerzen und einen unruhigen Darm. Beim Erreichen des Ortsschildes, das ihm schon so vertraut geworden war, obwohl er die Pfarrerstelle erst ein knappes Jahr innehatte, pochte sein Herz noch schneller. Vielleicht hatte sich bereits herumgesprochen, wo er war. Womöglich wussten sie alle schon, dass die Staatsanwaltschaft wegen des ›Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen‹ ermittelte – so jedenfalls stand’s im besten Bürokratendeutsch im Protokoll.

Sie würden mit den Fingern auf ihn zeigen, die Kinder von der Straße holen und sie letztlich nicht mehr zum Religionsunterricht schicken. Sehr wahrscheinlich würde der Oberkirchenrat dem Druck der Bevölkerung nachgeben und ihn sogar beurlauben. Wie immer würde es heißen, dass ein Angeschuldigter stets als unschuldig zu gelten habe, solange es kein rechtskräftiges Urteil gebe.

Aber was half dies alles gegen des Volkes Zorn? Gegen Gerüchte und falsches Gerede?

Kugler fuhr so unauffällig wie möglich zum Pfarrhaus, ließ das elektrische Garagentor ferngesteuert nach oben rollen und stellte den Mercedes ab. Mit zitternden Knien stieg er aus, nahm das braune Kuvert mit den Akten und wäre am liebsten in den Boden versunken. Glücklicherweise war es schon dunkel, sodass die neugierigen Blicke, die er aus den nachtschwarzen Fenstern der alten Häuser ringsherum auf sich gerichtet fühlte, weniger schmerzten.

Er ließ das Garagentor nach unten gleiten und stapfte, schwer atmend und auf die Pflastersteine starrend, zur Haustür. Seine Finger zitterten so sehr, dass er Mühe hatte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken.

Als die Tür hinter ihm wieder zufiel, fühlte er sich erleichtert. Es war ihm, als habe er die Welt draußen gelassen – als sei er ihr entwichen. Doch so einfach würde dies nicht sein. Denn die Last, die ihn zentnerschwer drückte, war amtlich festgeschrieben – auf ein paar Seiten Papier, die in ein einziges Kuvert passten. Diese Worte würde er nie mehr vergessen und nie mehr richtig loswerden, hämmerte eine innere Stimme. Du bist gebrandmarkt. Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war. Nichts. Er erschrak, dass es ihm ausgerechnet in dieser Situation schwerfiel, Gott um Hilfe zu bitten. Ausgerechnet ihm, der als Theologe allen Grund hätte, zu beten und an das Gute zu glauben, an die Wahrheit und an den Schöpfer. Und an Gerechtigkeit. Stattdessen drohten die Zweifel ihn jetzt zu übermannen. Mein Gott, was hast du mir angetan?, dachte er plötzlich.

Als er die Schuhe gegen Filzpantoffeln getauscht und seine Jacke an die Garderobe gehängt hatte, war plötzlich Franziska, seine Frau, an seine Seite getreten. Seit am Vormittag dieser Kriminalist angerufen und ihren Mann zu einer Vernehmung gebeten hatte, wusste auch sie, welche Anschuldigungen gegen ihn im Raum standen. Stundenlang waren sie anschließend noch zusammengesessen. Ihr Mann hatte von einer Sekunde auf die andere die Lebensfreude verloren, war zwischen Zorn und tiefer Traurigkeit geschwankt und von einer panischen Angst vor einer Gefängnisstrafe gepackt worden. Sie verzog ihr Gesicht zu einem krampfhaften Lächeln, um die triste Stimmung etwas zu lockern. Kugler strich ihr schweigend übers Haar, sah ihr für einen Moment in die Augen und ging dann ins Wohnzimmer, um sich in einen der Ledersessel fallen zu lassen.

»Soll ich uns einen Kaffee machen?«, hörte er hinter sich Franziskas Stimme.

»Bitte nicht«, erwiderte er und wischte sich Schweiß von der Stirn. »Mein Magen rebelliert. Ein Glas Wasser und eine Aspirin wären mir lieber.«

Wenig später erschien Franziska mit beidem. Sie sah, wie seine Hand zitterte, als er zu der Tablette griff, sie in den Mund nahm und mit Mineralwasser schluckte. Dann versuchte er, so gut es in seinem Zustand ging, das Gespräch mit dem Kriminalisten wiederzugeben. »Die Kowick hat angegeben, ihr sechsjähriger Manuel habe behauptet, ich hätte ihn vor vier Wochen nach der zweiten Religionsstunde auf meinen Schoß gehoben und ihn unter der kurzen Hose an den Schenkeln gestreichelt«, sagte Kugler heiser. Seine Augen waren glasig geworden. Aber jetzt war es wenigstens raus. Jetzt hatte er es in aller Deutlichkeit gesagt. »Das kannst du alles nachlesen. Hier«, er deutete auf das Kuvert, das vor ihnen auf dem Couchtisch lag. Franziska wagte nicht, es anzurühren, so als sei es mit bösen Viren behaftet.

»Und was sagt das Kind bei der Polizei?«, fragte sie.

Kugler zuckte mit den breiten Schultern. »Sie wollen erst noch einen Kinderpsychologen einschalten.«

»Aber der Bub ist doch gerade erst im September eingeschult worden und viel zu schüchtern, um über so etwas zu reden.« Franziska kannte die meisten Kinder im Ort.

»Was soll ich dazu sagen?« Er befüllte sein Glas noch einmal und trank es sofort leer. »Kinder neigen manchmal dazu, Fantasie und Wirklichkeit zu vermischen – vor allem, wenn sie den ganzen Tag über nur vor der Glotze sitzen.«

»Ich bin mir sicher, dass sich dies alles sehr schnell aufklärt«, versuchte Franziska zu trösten. Wieder huschte ein Lächeln über ihr gepflegtes Gesicht, in dem die 57 Jahre kaum Spuren hinterlassen hatten.

Gemeinsam hatten sie viele Höhen und Tiefen überstanden. Und seit Sohn und Tochter außer Haus waren, versuchten sie, sich das Leben geruhsamer zu gestalten. Deshalb hatte sich Dieter Kugler auch voriges Jahr für die vakant gewordene Pfarrstelle in diesem kleinen Dorf beworben. Zwar hätte diese aufgrund der Sparmaßnahmen gar nicht mehr besetzt werden sollen, doch nachdem sich Kugler mit einer 50-Prozent-Stelle zufrieden gegeben hatte, war ihm das Amt anvertraut worden.

Anfänglich allerdings gegen den erbitterten Widerstand eines Großteils des örtlichen Kirchengemeinderats. Obwohl das Gremium nur aus sechs Personen bestand, hatte es hitzige Diskussionen gegeben, denen Kugler nur teilweise selbst beiwohnen konnte. Er sei zu alt, hatte es geheißen, lieber wolle man einen jungen Theologen haben, der auch die Jugend wieder für die Kirche begeistern könne. Außerdem war einem der Gremiumsmitglieder sein Vorstellungsgespräch viel zu konservativ erschienen. Und ein anderer hatte gar herauszuhören geglaubt, er würde einen autoritären Erziehungsstil vertreten und die Kinder im Religionsunterricht eher verängstigen als mit den Botschaften des christlichen Glaubens vertraut machen. Schließlich entschied sich das Gremium mit vier zu zwei Stimmen trotzdem für ihn. Zum Leidwesen des Vorsitzenden, der bis zuletzt versucht hatte, die Abstimmung zu Kuglers Ungunsten zu beeinflussen.

»Das hier stand doch von Anfang an unter keinem guten Stern«, resümierte er nach einigen Sekunden des Schweigens.

»Du hast dafür gekämpft und du solltest weiter dafür kämpfen«, erwiderte Franziska und zündete eine Kerze an. »Du sagst doch selbst immer, dass alles einen Sinn macht und wir mit unserer begrenzten Sichtweise Gottes Pläne nicht ergründen können.« Wieder ein kurzes Lächeln. »Denk doch an deine Stickerei.« Es war der Hinweis auf ein winziges Stück Stoff, das er immer hervorholte, wenn er versinnbildlichen wollte, dass Gott eine andere Betrachtungsweise hatte als der Mensch. Die Stickerei zeigte auf der Vorderseite einen Baum – doch drehte man den Stoff um, sah man nur ein Gewirr von Fäden, das keinen Sinn zu machen schien.

Kugler nickte. Er wusste, worauf Franziska anspielte. »Und jetzt schau ich also gerade auf so eine Rückseite – in der Hoffnung, dass die Vorderseite ein schönes Bild ergibt.«

»Nicht in der Hoffnung«, mahnte Franziska, »sondern in der Gewissheit.«

Er atmete schwer. »Die mögen uns nicht«, sagte er schließlich. »Dabei wollte ich doch gerade hierher, um den Menschen in so einem kleinen Dorf beizustehen.«

Nacheinander kamen ihm viele junge Familien in den Sinn, die von ihren Eltern eine Landwirtschaft geerbt hatten und heutzutage nicht mehr von ihren kläglichen Einnahmen leben konnten. Kugler war hierher gekommen, um ihnen zur Seite zu stehen. Doch nun spürte er eine grenzenlose Enttäuschung und Leere. Das Wenige, was er sich in diesem dreiviertel Jahr mühsam aufgebaut hatte, war heute wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Jetzt würden alle sagen, dass seine Kritiker recht gehabt hätten.

»Keiner von ihnen hat begriffen, worum’s geht«, seufzte er schließlich. »Sie lassen sich alle blenden, verkaufen ihre Ländereien und rennen zum Arbeiten in die Stadt, wo sie der Kapitalismus zu Sklaven macht.«

»Genau dies hört man vielleicht hier nicht so gern.«

»Mag sein, Franziska. Aber ich verstehe meinen Beruf nicht nur so, dass ich sonntags einen braven Gottesdienst abhalte und dabei ein paar alte Leute um mich schare. Das weißt du. Ich habe ein Leben lang versucht, den Menschen die Augen zu öffnen.«

»Und dies mit bemerkenswertem Mut«, warf seine Frau aufmunternd ein.

»Wenn wir als Kirche diesen Mut nicht haben – wer denn dann?« Beinahe wäre er jetzt ins Politisieren geraten, doch als sein Blick das Kuvert streifte, traf ihn die Erinnerung an die Vernehmung wieder wie ein schwerer Hammer.

Franziska überlegte während der entstandenen Pause, ob sie etwas ansprechen sollte, das nicht gerade dazu angetan war, seine Gemütslage zu verbessern. Aber sie konnte ihm die Nachricht nicht verheimlichen. »Da ist noch was anderes«, begann sie vorsichtig. »Der Bürgermeister hat angerufen.«

»Der Bürgermeister?« Kuglers Stimme wurde schwach. Hatte sich alles schon bis zum Rathaus herumgesprochen?

»Nein, nicht wegen dieser Sache«, beruhigte ihn Franziska. »Er wollte dir nur sagen, dass der Max Hartmann tot ist.«

Kugler musste das Gehörte einen Augenblick lang verarbeiten. »Hartmann? Der Viehhändler?«

»Ja.« Sie zögerte. »Es sieht nach einem Selbstmord aus. Erschossen. Mit seiner eigenen Waffe. Auf dem Jägersitz.«

Blitzartig entsann sich Kugler des Leichenwagens, den er bei der Heimfahrt gesehen hatte. »Auf dem großen Jägersitz?«, fragte er zurück. »Am Wald da drüben Richtung Böhmenkirch?«

Franziska nickte. »Genaues weiß man aber noch nicht. Soll wohl irgendwann im Laufe des Nachmittags passiert sein.«

»Schon wieder einer.« Kugler sank in sich zusammen. »Der zweite Selbstmord innerhalb kurzer Zeit.«

Sie wusste, wer noch gemeint war: Harald Marquart, ein 35-jähriger Landwirt. Der Junggeselle hatte sich am Karfreitag in seiner Scheune erhängt. Wie es hieß, war der elterliche Hof hoffnungslos überschuldet gewesen, sodass die Zwangsversteigerung anstand.

Kugler hatte in dieser Verzweiflungstat damals den Beweis gesehen, wie wichtig die seelisch-moralische Unterstützung dieser Generation war, die sich abmühte, das Erbe der Väter zu erhalten, und dabei in eine Schuldenfalle getrieben wurde. Nur die ganz Großen hatten in der Landwirtschaft noch eine Chance. Wem es gelang, möglichst viel Land aufzukaufen, zumindest aber auf lange Zeit hinaus zu pachten, der konnte mit den EU-Vorgaben Schritt halten. Es war halt wie überall im Geschäftsleben: Die Kleinen wurden ausgesaugt, die Großen zockten ab. Und wer sich dem System in den Weg stellte, wurde gnadenlos beseitigt. Bin ich jetzt der Nächste, der nicht ins System passt?, durchzuckte es Kugler.