Inhaltsverzeichnis
Kommt – der himmlische Palast ruht auf Säulen aus Luft
Kommt und bringt mir Wein, unsere Tage verfliegen.
(Hafiz)
Vorwort
Dieses Buch ist kein Weinführer. Es handelt vom Denken, vom Nachdenken über Wein. Von einem Anhänger des Glücks den sinnlichen Genüssen gewidmet, stellt es eine Verteidigungsschrift dar, gerichtet gegen das Laster und votierend für die Tugend. Es wendet sich an Gläubige wie Atheisten, an Christen gleichermaßen wie an Juden, Hindus und Moslems, an alle denkenden Menschen, die ob der Freuden der Meditation den körperlichen Genüssen nicht abhold sind. Ich werde mit den Gesundheitsfanatikern ins Gericht gehen, mit den verrückten Mullahs und all jenen, deren Horizont ein engstirniger Standpunkt ist. Ich will versuchen, die Plato zugeschriebene Einsicht zu verteidigen, dass »die Götter den Menschen nie etwas Wertvolleres und Besseres zukommen ließen als den Wein«. Und ich bin der festen Überzeugung, dass jeder, der sich diesem unschuldigen Unternehmen entgegenstellt, damit den Beweis seiner eigenen Bedeutungslosigkeit erbringt.
Chris Morrissey, Bob Grant, Barry Smith und Fiona Ellis haben frühere Fassungen des Texts gelesen und ihre Kritik hat mir sehr geholfen. Aus einem Fass getrunken habe ich darüber hinaus mit Ewa Atanassow und Thomas Bartscherer, die, soweit ich mich erinnern kann, auch wichtige Anmerkungen gemacht haben. Zu besonderem Dank bin ich meiner Frau Sophie verpflichtet, die zwölf Jahre lang meine Forschungsarbeiten ertragen hat, deren Ergebnisse hier ihren Niederschlag gefunden haben. Einen Teil meiner Recherchen habe ich seinerzeit im Auftrag des New Statesman durchgeführt. Die Geduld der Redaktion war vorbildlich, wenn man bedenkt, dass ich mich in dieser angesehen linksliberalen Londoner Zeitschrift in meiner Kolumne mit Themen wie Tradition, Familie, Hierarchie, Jagd und Gott beschäftigt habe – immer bemüht um Anregungen, wie man sich dieser unerträglichen Themen am besten entledigt. Ich habe viel Spaß mit dieser Kolumne gehabt und darin viel von dem verarbeitet, was mir alltäglich widerfahren ist.
Auf den folgenden Seiten habe ich auf andere bereits veröffentlichte Texte zurückgegriffen, insbesondere auf ein Kapitel mit der Überschrift »Die Philosophie des Weins«, das ich für den von Barry Smith herausgegebenen Sammelband mit dem Titel Geschmacksfragen: Die Philosophie des Weins verfasst habe. Dieser Text bildet die Grundlage für das Kapitel »Der Sinn des Weins« des hier vorliegenden Buchs. Ferner habe ich mich zweier Texte aus Festschriften bedient, einen für meinen Lehrer Laurence Picken, verfasst für einen jüngst erschienen Band, der dem Jesus College in Cambridge gewidmet ist, und einen für ein Buch zu Ehren von David Watkin, herausgegeben anlässlich seiner Emeritierung. Teile des Kapitels »Sein und Bewusstsein« verwenden Texte, die ich in Technology Review einer online publizierten Zeitschrift des MIT veröffentlicht habe.
Vorspiel
Seit den ersten historischen Aufzeichnungen wissen wir, dass sich die Menschheit das Leben durch die Einnahme von Rauschmitteln erträglich gestaltet. Zwar gibt es deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen hinsichtlich der tolerierten, geförderten und verbotenen Substanzen, aber in einem Punkt scheinen sich alle einig zu sein: egal was man sich zuführt, es sollte die öffentliche Ordnung dadurch nicht gestört werden. Die Friedenspfeife der amerikanischen Ureinwohner steht wie die Wasserpfeife im Mittleren Osten für eine Form sozial akzeptierter Bedröhnung, bei der, unter Einhaltung gepflegter Umgangsformen, harmlose Empfindungen und heitere Gedanken aus den Schwaden des geteilten Tabakgenusses emporsteigen. Manche würden auch Cannabis hierunter einordnen, wiewohl neurologische Befunde hier eine etwas andere Interpretation nahelegen.
Der eigentlich problematische Fall ist jedoch nicht Cannabis, sondern Alkohol, der einen unmittelbaren Effekt auf die körperliche Koordinationsfähigkeit, das Verhalten, die Gefühle und die intellektuelle Leistung entwickelt. Ein Besucher von einem anderen Planeten, der vom Wodka berauschte Russen, Tschechen im Würgegriff des Slivowitz oder amerikanische Landeier abgefüllt mit Schwarzgebranntem erblickte, wäre sicherlich sofort ein Anhänger der Prohibition.Aber die funktioniert, wie man weiß, nicht. Es mag sein, dass Rauschmittel eine Gesellschaft gefährden können, aber ebenso gefährlich kann einer Gesellschaft ein Mangel an diesen Substanzen werden. Ohne sie sähen wir uns so wie wir wirklich sind und eine menschliche Gesellschaft auf dieser Grundlage wäre schwer vorstellbar. Die Welt ist voller zerstörerischer Illusionen und die jüngste Geschichte hat uns deren destruktives Potenzial vor Augen geführt. Aber deswegen sollten wir nicht vergessen, dass Illusionen manchmal auch etwas Positives sind. Wo wären wir ohne den Glauben, dass die Menschen alle Katastrophen vom Tisch wischen und sich gegenseitig ewige Liebe schwören können? Und wie sollte das gehen, wenn man sich die harte Realität nicht schöntrinken könnte? Der Wunsch nach Rausch sitzt tief und alle Versuche, ihn zu unterbinden, sind zum Scheitern verurteilt. Die eigentlich wichtige Frage lautet daher nicht: Nervengift ja oder nein, sondern:Welches?! Zwar vernebelt jedes Rauschmittel den Blick auf die Dinge, einige aber (und das gilt vor allen Dingen für den Wein) helfen uns, sich ihnen zu stellen. Wir sehen die Welt dann in einer neuen, gleichsam idealisierten Form.
Unsere Vorfahren hatten eine einfache Lösung für das Alkoholproblem. Sie banden den Genuss in religiöse Rituale ein, sahen den Rausch als Erscheinung der Gottheit, der man dann auch die Verantwortung für das schlechte Benehmen der berauschten Gläubigen zuschieben konnte. Das war eine kluge Lösung, denn es ist leichter eine Gottheit zu ändern als einen Menschen. Aus orgiastischen Anfängen wurde er zunächst zum festlichen Getränk der Götter des Olymps und übernahm später eine Rolle in der christlichen Eucharistie – wo er für den kurzen Augenblick die Versöhnung mit dem Heiligen symbolisiert.
Religion ist nicht die einzige seit alters her praktizierte Lösung des Alkoholproblems. Auch das weltliche Symposium gehört hierher. Statt das Trinken aus dem gesellschaftlichen Verkehr zu verbannen, bauten die Griechen eine neue Gesellschaft um den Genuss von Alkohol herum auf. Dabei handelte es sich nicht um harte Drinks wie Wodka oder Whiskey, sondern um Getränke, die gerade stark genug waren, um sich zu entspannen und Hemmungen abzubauen – man konnte der Welt entgegenlächeln und sie lächelte zurück. Die Griechen waren menschlich und nachsichtig, wie man an Odysseus’ Mannschaft im Palast der Circe sehen kann. Auch sie hatten eine Zeit der Prohibition, nachzulesen in den Bacchen des Euripides, wo sich die grässliche Geschichte von der Bestrafung des Pentheus findet, der gevierteilt wurde, weil er den Gott des Weines ausgetrieben hatte. Aber in der Praxis des Symposiums entdeckten die Griechen das Geheimnis, wie man das Beste im Wein und in jenen, die ihn trinken, zum Vorschein bringt und so gelang es ihnen selbst noch in den ängstlichsten Menschen ein Gefühl der Selbstgewissheit hervorzurufen. Um diesen inneren Zustand der Selbstbestimmung [im Original deutsch, Anm. d. Ü.], wie es die deutsche Philosophie der Romantik nannte, geht es in diesem Buch.
Beim Symposium lud man Dionysos, den Gott des Weines in einen zeremoniell abgegrenzten Bezirk ein. Dort saßen die blumengeschmückten Gäste zu zweit auf couchähnlichen Sitzgelegenheiten, stützten sich mit dem linken Arm auf. Auf niedrigen Tischen vor ihnen stand Essen für sie bereit. Wohlgeformte Sklaven füllten die Trinkbecher aus einem großen Gefäß, in dem der Wein mit Wasser verdünnt war, um den Moment der Trunkenheit möglichst lange hinauszuzögern. Umgangsformen, Redeweisen und Sprache bei diesen Anlässen unterlagen der strengsten Kontrolle, ähnlich wie bei einer japanischen Teezeremonie. Man hörte einander zu, sang oder rezitierte Texte, sodass die Gespräche immer um unverfängliche Themen kreisten. Plato berichtet in epischer Breite über ein solches Ereignis, das alle literarisch Interessierten kennen – die Szene, in der Sokrates auf Alkibiades trifft. Plato gestaltet sein Symposium als ein Loblied auf Eros. Genau genommen ist es ein Loblied auf Dionysos (oder Bacchus, wie ihn die Römer später nannten), welches vorführt, wie der Wein, richtig verwendet, den Raum schafft, in dem mit gebührender Distanz über Liebe und Begehren diskutiert werden kann.
Wein ist eine Bereicherung der menschlichen Gesellschaft, vorausgesetzt, er dient zur Anregung des Gesprächs, und dieses bleibt zivilisiert und im Allgemeinen.Wir finden die Betrunkenen auf der Straße abstoßend und manch einer möchte den Alkohol für jedweden öffentlichen Aufruhr verantwortlich machen. Aber jene öffentlich zur Schau gestellte Trunksucht, die zur Prohibition führte, rührt vom falschen Trinken falscher Getränke her. Der allgemeine Ginrausch, den London im achtzehnten Jahrhundert erlebte, war nicht die Folge von zu viel, sondern von zu wenig Wein und Jefferson, der sich auf Amerika bezog, hatte recht, wenn er meinte, dass »Wein das einzige Gegenmittel für Whiskey ist«.
Der Genuss von Wein in geselliger Runde, während oder nach dem Essen und im vollen Bewusstsein seines herrlichen Geschmacks und seiner zungenlösenden Wirkung, endet selten im Vollrausch und noch seltener in Gegröle. Das Alkoholproblem, wie es uns in den Städten begegnet, ist eine Folge mangelnder Ehrerbietung gegenüber Bacchus. Die Jugend verfügt nicht mehr über die Tradition gemeinsamer Lieder, sie kennt keine Gedichte mehr, die man sich gegenseitig rezitiert; es mangelt ihr an Themen und Ideen, über die man bei einem Glas Wein gepflegt diskutieren könnte. Hier wird getrunken, um das kulturell bedingte moralische Vakuum zu füllen. Man kennt die Folgen des Trinkens auf nüchternen Magen – was wir hier sehen sind die weit schlimmeren Folgen des Trinkens auf einen leeren Geist.
Aber es sind nicht nur die grölenden Betrunkenen, die abstoßend wirken. Auf vielen Dinnerpartys geht es nicht anders zu. Die Gäste belabern sich gegenseitig lauthals und rücksichtslos, es finden zehn Gespräche zur gleichen Zeit statt, die zudem alle im Nichts enden und an die Stelle des zeremoniellen Leerens der Gläser tritt ein allgemeines Gebrabbel und Grapschen. Ein guter Wein sollte immer in Verbindung mit einem guten Gesprächsthema genossen werden und die Tafelrunde sollte sich trinkend auf dieses Thema beschränken. Die Griechen wussten, dass man dabei die wirklich wichtigen Fragen ernsthaft diskutieren kann: zielt das sexuelle Begehren auf das Partikular-Individuelle oder das Universal-Allgemeine, handelt es sich beim Tristan-Akkord um eine halbverminderte Septime oder lässt sich die Goldbach’sche Vermutung wirklich beweisen?
Wir kennen die Meinung der Mediziner, dass ein oder zwei Gläser Wein am Tag der Gesundheit förderlich sind. Auch wissen wir, dass jedes Glas mehr uns angeblich in den Abgrund reißt. Derartige Ratschläge sind wichtig, aber nicht so bedeutend, wie man meint. Was immer die Wirkungen des Weins auf die körperliche Gesundheit sein mögen, die Folgen für die geistige Gesundheit sind weit bedeutender – im Positiven der Kultur des Symposiums wie im Negativen jenseits dieser Kultur. In den Vereinigten Staaten von Amerika (wo in vielen Bundesstaaten die Altersgrenze für Weingenuss fünf Jahre über jener für legitimen Sexualverkehr liegt) müssen Weinflaschen heute schon mit einer Gesundheitswarnung versehen werden. Nichts gegen volksbildnerische Maßnahmen der Gesundheitserziehung, wenn solche Warnungen zutreffen (was hier nicht der Fall ist). Genauso gut könnte man solche Warnungen auf Wasserflaschen anbringen, schließlich führt dessen Genuss auf Dauer zu innerlicher Leere.
In seinem Essay über die Poesie Persiens empfiehlt Emerson den großen Weinfreund Hafiz mit folgenden Worten:
Hafiz preist den Wein, die Rose, Jungfrauen und Knaben, Vögel, den Morgen und die Musik, um seiner überbordenden Freude zu jeder Form der Schönheit Ausdruck zu verleihen; er stellt diese Dinge heraus, um damit seinen Zorn gegen jede Art von Scheinheiligkeit und amoralischer Schläue zu unterstreichen.
Auch meine Ausführungen richten sich gegen Scheinheiligkeit und amoralische Schläue. Ich will damit keine Lanze für das Laster brechen, vielmehr soll gezeigt werden, dass Wein und Tugend zusammengehen können. Das richtige Leben besteht im Genuss der eigenen Fähigkeiten, in der wohlwollenden Zuneigung zu anderen und kulminiert in der Einsicht, dass der Tod sowohl unvermeidlich als auch eine Entlastung für all jene ist, denen man zu Lebzeiten zur Last fällt. Meiner Meinung nach sollte man die Gesundheitsapostel, die uns die natürliche Freude an allen guten Dingen vergiftet haben, irgendwo zusammen einsperren. Dort können sie sich dann gegenseitig zu Tode langweilen und ihre wirkungslosen Patentlösungen fürs ewige Leben anpreisen. Für uns dagegen sollte das Leben aus einem Symposium nach dem anderen bestehen, der Wein sollte uns dabei anregen, die Zeit mit guten Gesprächen vergehen und am Ende fügen wir uns heiter in unser Schicksal und wissen, wann wir abzutreten haben.
In diesem Buch werde ich den Wein als Begleiter der Philosophie erörtern und die Philosophie als ein Nebenprodukt des Weins. Aus meiner Sicht passt Wein vorzüglich zu gutem Essen; noch besser macht er sich als Begleiter des Gedankens. Wer Wein beim Denken genießt, lernt nicht nur das gefasste Denken, sondern auch das Denken in Fässern. Wer Prämisse, These und Schlussfolgerung auf einen vollen, befriedigenden Zug erfasst, erfasst damit nicht nur den Gehalt einer Idee, sondern kann sie zugleich mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen. Dieses Verstehen beschränkt sich nicht auf Fragen von Wahrheit und Kohärenz, es umfasst zugleich den Wert und die Bedeutung einer Sache. Man kann vom Wein leben, wie man von Ideen lebt. Und was das Leben angeht, so ist der Wein der Prüfstein jeder Idee. Wein, zur rechten Zeit, am rechten Ort und in passender Gesellschaft genossen, weist den Weg zur Meditation − ein Vorbote des Friedens.
ICH TRINKE...
Mein Fall
Für mich als Kind waren Weintrauben eine Rarität, von Wein ganz zu schweigen. Was man bei uns zu Hause Wein nannte, war etwas anderes. Im Herbst stellte meine Mutter riesige Gläser mit gezuckertem Holundersaft vor unseren braunen Emailofen. Dann wartete man, bis sich das Blubbern in den Gläsern legte und die dunkelrote Flüssigkeit über einen Filter in Flaschen umgefüllt werden konnte. Drei Wochen lang hing der Geruch von Gärung und Hefe in unserer Küche. Über den Gläsern schwirrten die Fruchtfliegen und die eine oder andere Wespe labte sich an dem Saft, der beim Abfüllen auf dem Küchenboden verschüttet worden war.
Holunder wächst bei uns als Hecke und treibt im Sommer jene duftenden Blüten hervor, die in den warmen Nächten die Sinne betören – der Duft spielt eine Rolle im zweiten Akt von Wagners Meistersingern,wo Hans Sachs vor seiner Hütte sitzt und über ein Problem räsoniert: wie lässt sich Eros in Agape verwandeln, wie stellt man das eigene Begehren hintan für das Glück der Begehrten. Die Holunderbeere hingegen, eingelegt in Wasser mit Zitronensäure und Zucker, beschert uns einen brauchbaren Kräuterlikör für den Sommer. Die dunklen, roten Beeren enthalten selbst kaum Zucker, dafür jede Menge Tannin und Pectin. Wenn man sie kocht, den Saft abgießt, Zucker hinzufügt und das Ganze reduziert, erhält man ein rotes Gelee, das über Jahre hinweg haltbar ist und einen Lammbraten farblich wie geschmacklich aufwertet.
Engländer schätzen den Holunder in erster Linie wegen des Weins, den sie daraus keltern. Pflaumen, Äpfel, Johannis- und Stachelbeeren eignen sich ebenfalls, und die entsprechenden Obstweine kann man heute noch in Österreich kaufen. Aber gegen den Holunderwein kommen sie alle nicht an. Dank seines hohen Tanninanteils kann man ihn über mehrere Jahre in der Flasche reifen lassen, bis er seinen typisch englischen Geschmack entwickelt. Da die Frucht selbst keinen Zucker enthält, muss er beigefügt werden; man nehme also Wasser, zerstoßene Beeren und etwa drei Pfund Zucker auf vier Liter und schon hat man einen schönen trockenen Holunderwein. Zwar enthält die Schale der Beeren etwas Hefe, aber das reicht nicht für eine schnelle Fermentation. Unsere Mutter rührte deswegen immer eine ordentliche Menge Bierhefe unter, was zur Folge hatte, dass ganze Klumpen zerdrückter Beeren an die Oberfläche stiegen und dort immerfort gegen den Rand des Gefäßes stießen.
Hatten die Beeren genügend Farbe abgegeben, goss meine Mutter den noch brodelnden Saft um in Marmeladengläser, die mit Druckverschlüssen versehen wurden, sodass zwar das Kohlenstoffgärgas austreten, aber kein Sauerstoff in das Glas gelangen konnte. Das Blubbern der gärenden Flüssigkeit begleitete uns durch den Herbst bis es Zeit war, das Ganze zu Beginn des Winters in Flaschen abzufüllen. Der Wein hielt sich bei uns im Keller unter der Küche bis zu zwei Jahre lang und manchmal gingen wir hinunter, nahmen eine Flasche, hielten sie gegen das Licht, und bewunderten die schwarzen Ablagerungen am Boden.Wurde sie bei passender Gelegenheit geöffnet, so genoss man ein Glas nach dem Abendessen, wie unsere Vorfahren ihren Bordeaux. Sogleich verbreitete sich eine Mischung aus grunzenden Wohllauten und eher wortkargen Lobpreisungen, für mich nach wie vor die bemerkenswertesten Weingespräche, die ich je erlebt habe.
Es war die Zeit, als das fragile Selbstbewusstsein meiner Mutter der ungebremsten Wut meines Vaters noch Widerstand leisten konnte. Der bittersüße Geschmack von Holunderbeeren ist untrennbar mit ihrem sanften Gesichtsausdruck verbunden, mit der scheuen Sorge um ihre Kinder, und immer noch steigt in mir das Schuldgefühl auf, das uns Kinder befällt, wenn wir unter Tränen ihr Leiden und die unerschütterliche Liebe, die sie für uns aufbrachte, erinnern. Holunderwein gehört zu meiner Mutter, zu einer Zeit sonderbarster Entbehrungen, zu selbst erfundenen Rezepten und aufopferungsvoller Freundlichkeit – es war die Zeit, als der Rebensaft die Vorstädte noch nicht erobert hatte. Meine zwei Schwestern und ich wuchsen in einer behüteten Welt auf. Bei uns herrschte mancher Mangel und ein strenges puritanisches Regime. Möglicherweise hätten wir die Schrullen aus unseren Kindertagen beibehalten, hätte da nicht in unserer Generation jene große Umwälzung stattgefunden, die mit dem Auftauchen des portugiesischen Mateus Rosé einherging. Damals, so um 1963, ging jede Menge englischer Sittsamkeit zu Bruch, »zwischen dem Ende des Verbots von Lady Chatterley und der ersten LP der Beatles«, so Philip Larkins berühmte Formulierung in einem anderen Zusammenhang.
Und dann ging’s los:
Das ernste Horn erklang, dann Silberschellen
Küssender Zimbeln, die man heiter schlug -
’s war Bacchus und sein Zug!
Ganz wie Winzerschwarm kam er gerannt,
Bekränzt mit Laub, die Stirnen hell entbrannt -
Irr tanzend durch das linde Tal getragen,
Dich Schwermut zu verjagen.
Auch wenn Keats um die Wirkungen des Weins wusste, diese Reime holpern ein wenig. Nichtsahnend sprangen wir in den tosenden Strom, der sich durch unsere Straßen ergoss; wir suhlten uns in dem frischen Aroma und verschlangen gierig die Träume, die auf seinen Wellen daherschwammen. Ich hatte das Glück, ein Stipendium zu erhalten, und ging nach Cambridge.Aber trotz dieser finanziellen Unterstützung stürzte der Wein mich in Armut.
Damals trank ich noch gedankenlos, wusste nichts von den Priestern des Bacchus, die diese Welt bevölkern und an Orten wirken, auf die man eher zufällig stößt. Meine Sommerferien verbrachte ich oft bei Desmond, einem gewitzten Iren, der alles gelesen hatte, mit allen ins Bett ging und hemmungslos alles ausgab. Davon erholte er sich dann in einem kleinen Dorf in der Nähe von Fontainebleau. Ich brauchte einige Zeit, bis ich bemerkte, dass es sich bei Desmond um einen geweihten Priester des Bacchus handelte, da sein Doktor ihm Alkohol strikt verboten hatte. Desmond interpretierte das auf seine Weise und hielt sich bei Premier Cru Bordeaux beim Abendessen und weniger edlen Weinen zu Mittag zurück. Gegen einen 1945er Château Trotanoy konnte sein Doktor aber nun wirklich nichts einwenden. Dieser Wein stammte von den letzten Trauben vor dem Reblausbefall und nach dem Essen getrunken, wirkte er bei fragiler körperlicher Konstitution Wunder. Desmond war der Meinung, diese Gewächse könnten der Gesundheit seines jungen Gasts nicht zugemutet werden, dessen unterentwickelte Geschmacksempfindung und allgemein anämische Konstitution eher nach einem Beaujolais verlangten. Ich trank dankbar, was man mir vorsetzte, und hatte Mitleid mit Desmond, dass er sein Leben derart drögen medizinischen Beschränkungen unterwerfen musste.
Dennoch war ich neugierig, was es mit dieser Flasche auf sich hatte, die Desmond nach dem Essen in der Bibliothek streichelte. Der rätselhafte Name, das verblichene Etikett, die dürren Hände, die diese Flasche fest umschlossen, all das barg ein Geheimnis. Als ich Desmond eines Tages schlafend in seinem Lehnstuhl fand, erleichterte ich ihn um seinen Schatz und verspürte zum ersten Mal das unbeschreibliche Gefühl, das sich einstellt, wenn das Aroma eines großen Jahrgangs über das Glas schwappt und die Lippen zu zittern beginnen wie in Erwartung des ersten Kusses. Ich war dabei, mich zu verlieben – nicht in einen Duft, ein Gewächs oder gar eine Droge, sondern in ein geheiligtes Stück Frankreich. Die Flasche, die ich aus den Händen des Schlafenden entwendet hatte, enthielt eine mahagonifarbene Flüssigkeit, die ein betörendes Aroma verbreitete.Aber es war noch mehr als das, etwas Wertvolles und so rätselhaft wie der altertümliche Name Trotanoy, das Château und Pomerol, der Ort. Die von diesem Wein ausgelöste Empfindung war überwältigend, in ihr verband sich der Ort, die Zeit, die Kultur.
Von da an lernte ich französische Weine zu lieben, Dorf für Dorf und Lage für Lage. Dabei hatte ich nur eine vage Vorstellung von den Trauben, aus denen sie hergestellt wurden; mir fehlte jeder Vergleich und ich wusste nicht, ob diese Gewächse, wüchsen sie auf anderem Grund in einer anderen Gegend, ebenfalls derart sensationelle Empfindungen hervorbringen könnten. Von diesem ersten Tag meines Sündenfalls an war ich ein Terroiriste, für den der Boden, auf dem die Trauben wuchsen, für den Inhalt der Flasche das Wichtigste war.
Wenn ich »Boden« sage, meine ich damit nicht die Kombination aus Kalkstein, Unterboden und Humus. Den Boden, den ich meine, muss man in den Worten von Jean Giono, Giovanni Verga oder D.H. Lawrence beschreiben: als Quell des Sehnsüchte, Bühne der Dramen und Heimat der örtlichen Gottheiten. Die Götter der französischen Weinorte – seien sie heidnisch wie in Mercury und Juliénas oder christlich wie in St. Amour und St. Joseph – sind die Hüter der Weinstöcke, die ihren individuellen Charakter nicht nur den Mineralstoffen verdanken, die sie aus dem felsigen Boden ziehen, sondern ebenso den Opferriten altehrwürdiger Gemeinschaften. Zum ersten Mal kam mir dieser Gedanke, als ich an dem Château Trotanoy nippte, und er hat mich bis in die Gegenwart begleitet. Aber der Begriff des Terroir ist heute umstritten, da immer mehr Menschen vom Pfad der Tugend abkommen, den ich vor fünfundvierzig Jahren betreten habe. Poesie, Geschichte, der Kalender der Heiligen, die Leiden der Märtyrer – das sind Dinge, für die sich die neue Generation der Weingenießer weniger interessiert als wir Pioniere des Genusses aus den niederen Schichten. Die heutigen heidnischen Hedonisten des Weins suchen das Gleichförmige, das Zuverlässige, das, was man leicht erinnert und wiedererkennt. Was macht es für einen Unterschied, wo der Wein herkommt, solange er schmeckt? Das befördert die Neigung, den Wein nach Rebsorte und Hersteller zu klassifizieren, wobei man die Bodenbeschaffenheit entweder völlig ignoriert oder sie auf geologische Kategorien wie Kalk, Lehm, Mergel oder Schotter reduziert. Kurz gesagt, heute trinkt man im Wein den fermentierten Saft einer Traube. Meine Erfahrung an jenem Schicksalstag in Fontainebleau hingegen war eine völlig andere: als ich meine Nase in den Trotanoy tauchte, sah ich einen Weinberg. Dort in dem Glas steckte die Erde eines ganz bestimmten Ortes und in der wohnte eine Seele.
Die Weinkunde und -beschreibung, wie wir sie heute kennen, geht auf einen Literaturwissenschaftler zurück, Professor George Saintsbury, der sein bahnbrechendes Werk Notes on a Cellar Book 1920 veröffentlichte. In diesem Buch, das sich über Orte, Lagen und Jahrgänge auslässt, die sich im Keller des Professors im Lauf eines trunkenen Lebens angesammelt haben, findet sich kein Wort über Rebsorten. Saintsbury belästigt seine Leser nicht mit »Geschmacksbeschreibungen«, die er als »Wein-Slang« abtut. Für ihn ist jeder Wein ein Individuum, das sich nicht über eine Marke oder einen Typus erschließt. »Am rosigsten erscheint die Zukunft, wenn man sie durch ein Glas Chambertin betrachtet«, meinte Napoleon. Man kann diesen Gedanken sofort nachvollziehen. Was aber, wenn er gesagt hätte: »Am rosigsten erscheint die Zukunft, wenn man sie durch ein Glas Pinot Noir betrachtet«? Der Charme des Gedankens wäre dahin, kappte man die Verbindung dieses größten aller Draufgänger mit jenem stillen Fleckchen Erde im Burgund, in dem so viel Pathos und spirituelle Wahrheit liegt.
Desmond besaß eine Wohnung in einem Hinterhof in der Nähe der Rue Molière, in den nie die Sonne schien, und die Fenster seiner Behausung gingen auf düstere Gassen, in denen zur Mittagszeit der Geruch von Knoblauch aufstieg und die Stimmen der Männer widerhallten, die von der Arbeit zum Essen nach Hause kamen. Wenn ich Desmond in Paris besuchte, wohnte ich in einem Zimmer, das zur Innenseite hin gelegen war. Es hatte kein Fenster und ich verbrachte die Tage lesend in einem Bett, das fast den ganzen Raum einnahm. Die Wände waren voll mit Büchern. Hier versank ich in der Literatur Frankreichs, so wie ich seinerzeit dem französischen Wein in der düsteren Bibliothek in Fontainebleau verfallen war. Literatur und Wein waren für mich Variationen ein und desselben Themas. Der arme Poet, der in seiner Dachkammer sein paradis artificiel sponn, war auf unsichtbare Weise mit den sonnenprallen Trauben hinter steinernen Wällen verbunden – mit jenem Naturparadies, dem er entflohen war.
Aber warum war er geflohen? Was fand er hier in der Stadt, was ihm das Leben auf dem Land nicht bieten konnte – jenes Landleben, das Balzac und Zola so eindringlich geschildert hatten? Ich blätterte in den in Leder gebundenen Werken von Baudelaire,Verlaine, Nerval und Rimbaud, schmökerte dann in Apollinaire, Leiris, Èluard und Ponge, deren für die Ausgaben von Gallimard typischer glatt weißer Einband den Leser schon von außen mit dem zu erwartenden Inhalt schmeichelnd lockt, und gewann so allmählich eine Vorstellung von Paris. Diese war aufs Engste mit Desmond verbunden und ich vermutete, dass diese Vorstellung ihn vor langen Jahren nach Paris geführt hatte, auf der Suche nach jenem Etwas, das nur dort zu finden ist, wo Einsamkeit und Trubel Seite an Seite existieren, wo erotische Träume mit ermatteter Ernüchterung konkurrieren und wo das mit Augen und Ohren beobachtende Bewusstsein im Angesicht des normalen bürgerlichen Lebens immer wieder irritiert wird – und dieses Etwas war nichts anderes als das eigene Selbst. Desmond war nach dem Krieg mit den Resten eines vergeudeten Vermögens und einem hemmungslosen sexuellen Begehren nach Paris gekommen, um sein Erbe zu verschleudern und sich dem eigenen Leben zu stellen. Aber weil er bei aller Lasterhaftigkeit ein goldenes Herz hatte, wurde er von einer Frau gerettet, die es gut mit ihm meinte, die ihn nach Fontainebleau brachte und dort eine Bleibe für ihn und die Kinder aus seinen gescheiterten Ehen einrichtete – und auch für mich, der ich mich in eines dieser Kinder verliebt hatte, nur um dann von ihr fallen gelassen zu werden.
Vielleicht war auch ich in Paris auf der Suche nach jenem Etwas – diesem flüchtigen Ding, meinem Selbst, das Rimbaud in seinem bateau ivre auf einen imaginären Ozean hinausschickte, der eigentlich nichts anderes als das Häusermeer von Paris war, und wo er in den Armen von Verlaine landete.Auch Desmond war sich hier in jener stillen fensterlosen Kammer im Herzen der Stadt selbst gegenübergetreten, und jetzt hoffte ich auf diese Begegnung, während ich dort Baudelaire las oder an der Bar mit dem zinkbeschlagenen Tresen unten am Toreingang auf andere traf.
Und dann kam eines Tages ein echter Dichter in Desmonds Wohnung. Sein Name war Yves de Bayser: Er war die Inkarnation von Erotik und Aristokratie, die jedem literarischen Zirkel zur Ehre gereicht hätte. Er war noch jung, hochgewachsen und gut aussehend. Er war mit René Char und Albert Camus befreundet gewesen. Aber seine Èlogues du Tyran waren von der Kritik ignoriert worden, sein Liebesleben war durcheinander und er saß bewegungslos in der Ecke, trug eine Brille mit dunklen Gläsern, unter denen in dünnen Fäden die Tränen über seine rosigen Wangen herunterflossen.
Es war klar, dass Yves hier bleiben würde, und immer wenn ich aus Fontainebleau zu Besuch kam, tat ich mein Bestes, ihn in eine aufmunternde Unterhaltung zu verwickeln. Als ich irgendwann einmal auf seine Probleme zu sprechen kam, erzählte er von seiner Kindheit im Valois und ließ dabei eine klaustrophobische Atmosphäre wie aus Châteaubriands Mémoires d’outre-tombe anklingen. Er kam bis zur Schilderung des Streits zwischen seinem Vater und seiner Mutter und sagte dann »mais tout ca c’est bien loin«, seufzte und verschwand. Jedes Mal, wenn ich auf das Thema zu sprechen kam, reagierte er so: er begann mit einer sehr genauen Erzählung und brach an diesem für ihn unüberwindlichen Punkt ab, immer mit den Worten »mais tout ca c’est bien loin«. Nach einiger Zeit erschien er mir wie die Seele von Desmonds Wohnung. Er schrieb nicht und las nicht, saß zwischen den Büchern wie deren personifizierte Bedeutung.
Ich hatte Yves beobachtet, wie er sich ein Sandwich oder eine Tasse Kaffee machte. Aber nie hatte ich ihn gesehen, wie er ein Glas Wein trank. Ich erzählte Desmond davon, der mir sagte, dass Yves ein trockengelegter Alkoholiker sei, der sich von dem Dämon des Trinkens in jeder Form fernhielt. Seine Melancholie hatte in der Folge dieses Verhaltens etwas Statisches angenommen, war eingekapselt, ein unbewegliches Gewicht am Grunde seines Geistes, das alle Sehnsüchte und Ideen unter sich begrub.
Ich hatte inzwischen meine Lehrjahre so weit hinter mir, dass ich jeden Tag in Paris mit einem Glas Weißwein beschloss. Dabei hatte ich Gefallen am Muscadet gefunden. Ich hatte immer eine Flasche im Kühlschrank in der Rue Moliére und als Desmond eines Tages in die Wohnung kam, war er entsetzt, als er sah, wie ich mir diese nacktschneckenfarbene Flüssigkeit in mein Glas goss. Er ging in den nächsten Weinladen und kam mit einer Flasche Puligny-Montrachet zurück. Er hatte Eiswürfel mitgebracht, um die Flasche zu kühlen. Dieser Wein war eine ebenso große Offenbarung wie der seinerzeit entwendete Trotanoy. Er stieg aus dem Glas und meine Nase traf auf seine Blume mit fettem Bouquet, aus dem ein klarer Hauch von Apfel hervorstach. Und wieder verband sich für mich die vielfältige und klare Empfindung des Dufts mit der Idee einer Seele des Bodens, auf dem dieser Wein wuchs. Auch der Name dieses Weins hatte seinen Charme, obwohl es noch lange dauerte, bis ich die Bedeutung dieser Bindestrichkombination wirklich verstand. Alle Weine, denen ich bisher begegnet war, verblassten im Vergleich mit diesem einfachen Puligny aus Nicolas’ Weinladen und die Begegnung meiner Nase mit dem Weinort Puligny-Montrachet war bei Weitem nachhaltiger, als mein Kontakt mit dem Trotanoy. Als ich nach Cambridge zurückkehrte, war ich zum Fan des weißen Burgunder geworden und war von seinen Eigenschaften völlig überzeugt, ohne die geringste Ahnung von den Trauben, der Lebensart und der Herstellung zu haben. Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste alles über das Objekt meiner Begierde und brauchte keine weitere Information von niemandem, alles lief über meine verzauberten Sinne. Ich habe bei späteren Aufenthalten in Frankreich das Burgund nie besucht, und diese Affäre ist vermutlich der Grund dafür. Ich kenne diese Gegend einfach zu gut, um mir anzusehen, was die Touristen ihr angetan haben.
Desmond war ein liebenswerter Wildfang, der mich aus den Fesseln meiner puritanischen Erziehung befreite. Doch lernte ich während der ersten Jahre meines Studiums einen weiteren Priester des Bacchus kennen, der im Gegensatz zu ihm so zugeknöpft war, wie man es sich bei einem Priester nur vorstellen kann. Als Neuling von einer unbedeutenden Schule mit einem Stipendium für ein Fach, das mir zuwider war, fand ich mich unter lauter selbstbewussten Jungen aus Eton und Harrow wieder, mit denen ich in kühlen viktorianischen Räumen einen Winter mit Rekordtemperaturen verbringen musste – meine erste Reaktion war wegzulaufen. Es war eine instinktive Reaktion, der ich nur deswegen nicht nachgeben konnte, weil es keinen Ort gab, an den ich hätte flüchten können.Von zu Hause war ich mit der typisch jugendlichen Hybris bereits vor neun Monaten geflohen. Irgendwann wollte ich das wieder rückgängig machen, dazu kam es aber nie. Also blieb mir nichts anderes übrig, als zu dem alten Kauz zu gehen, der hier an Stelle der Eltern als Erziehungsberechtigter fungierte, um ihm mitzuteilen, dass ich nicht beabsichtigte, Naturwissenschaften zu belegen, dass der Gedanke an Kristallografie, Biochemie und Mikrobiologie mich mit Abscheu erfüllte und dass es doch irgendein anderes Fach geben müsste – vielleicht Chinesisch -, das mir als Bohemien mehr entgegenkam, und dass ich, falls er keine bessere Idee hätte, sofort das College verlassen würde – und damit basta.
Auf mein erregtes Klopfen an seiner Tür kam keine Reaktion. Ich lauschte und hörte ein Kratzen wie von einer Maus hinter der Türe. Nach einer Weile merkte ich, dass es sich um Musik handelte – obwohl der Klang so zart war, als wäre es eher die Erinnerung an ein Musikstück. Ich klopfte wieder und nach einer kurzen Pause war ein ruhiges »Herein« zu hören. Ich polterte durch die Türe wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen und fand mich in der Tat zwischen wertvollen chinesischen Vasen, filigranen Musikinstrumenten und hunderten zarter, glänzender Objekte, unter denen mein Erziehungsberechtiger das allerzarteste war – mit einem großen Porzellankopf, aus dem mich blassblaue Augen anschauten. Er saß hinter einem Klavichord und seine wunderbaren Elfenbeinhände lagen ruhig auf den Tasten.
»Sie sind mein Tutor«, brach es aus mir in meiner Verwirrung heraus.
Dr. Picken sah mich schweigend an.
»Ich muss mit Ihnen reden.«
Er stand von seinem Klavichord auf und schloss langsam den Deckel über den Tasten. Mit ruhigen, überlegten Gesten, die an die Bewegungen eines Bombenexperten beim Entschärfen eine Sprengkörpers erinnerten, ging er bedächtig zu seinem Schreibtisch und wies mich an, in einem Lehnsessel Platz zu nehmen. Ich blieb neben dem Sessel stehen und begann mit meiner vorbereiteten Rede. Immer wenn ich eine etwas grobe Formulierung verwendete, zuckte er zusammen, blieb aber ansonsten bewegungslos hinter seinem Schreibtisch sitzen, auf dem Stifte und Papiere ordentlich zwischen grünen Jadedrachen angeordnet lagen.Als ich mit meiner Rede fertig war, blieb er einen Moment still und betrachtete mich aufmerksam. Dann wandte er sich ruhig meinem Problem zu. Er sprach so leise, dass ich mich anstrengen musste, ihn zu verstehen.
»Chinesisch kann ich nicht empfehlen«, sagte er. »Zufällig bin ich mit dieser Sprache vertraut, genauer gesagt mit dieser Sprachfamilie. Sie erfordert viel Arbeit und man muss sich sehr anstrengen. Englisch kann man ebenfalls ausschließen, da Sie diese Bücher ohnehin lesen müssen, und damit bleibt eigentlich nichts anderes als Geschichte oder Moralwissenschaften. Nicht dass ich eines dieser Fächer besonders schätzen würde.«
»Was«, fragte ich, »sind denn bitte Moralwissenschaften?«
»Das ist hier in Cambridge der traditionelle Name für Philosophie.«
»Gut, dann Moralwissenschaften«, beschloss ich auf der Stelle.
»Wir nehmen euch junge Menschen hier auf, damit ihr euch mit den Naturwissenschaften beschäftigt, die, wie Sie wissen, an dieser Universität eine ehrwürdige Tradition haben, aber ihr haltet es nie bis zum Ende durch.«
»Würden Sie es denn durchhalten?«, fragte ich, während ich all die Bücher und Musikinstrumente um mich herum betrachtete – ich glaubte es hier mit einem gebildeten Orientalisten zu tun zu haben.
»Ich habe es durchgehalten«, antwortete er.
»Sie sind Naturwissenschaftler?«, fragte ich ungläubig. Er nickte.
»Ich habe mich etwas verzettelt«, fügte er hinzu. »Aber ich habe es bis zum Ende durchgehalten.«
Mit Freude nahm ich das Glas Sherry, das er mir aus einer Dekantierkaraffe einschenkte. Er erzählte mir von seinen Forschungen über Zytologie, über die er ein dickes Buch geschrieben hatte. Ich bat ihn, es anschauen zu dürfen, und während ich darin blätterte, sah ich die Überschrift des letzten Kapitels »Envoi«. Ich kannte dieses Wort aus der Cavalcanti-Übersetzung von Ezra Pound und wandte mich Dr. Picken mit neu erwachtem Interesse zu. Dieser alte Kauz war sicher kein Spinner; und so alt war er auch nicht. Ich fragte ihn, was er von Ezra Pound hielte. Er antwortete mit einer sehr zurückhaltend vorgetragenen, aber hoch kompetenten Vorlesung über die Konfuzianischen Oden. Er meinte Pounds Ungenauigkeiten in der Übersetzung würden durch einige gelungene Übertragungen der dahinterstehenden Empfindungen wettgemacht. Dann fuhr er fort mit Ausführungen über das japanische Theater in der Noh-Tradition, aus denen hervorging, dass er – ohne es explizit zu erwähnen – auch des Japanischen mächtig war. Als mir dann klar geworden war, dass hier vor mir ein Mensch von unglaublicher Bildung stand, dessen Ratschlag ich in jedem Fall folgen sollte, erhob er sich langsam aus seinem Stuhl und sagte:
»Also Moralwissenschaften. Dann schicke ich Sie zu Dr. Ewing.«
Er wirkte irgendwie zerbrechlich und mir wurde klar, dass ich hier der aufdringliche Eindringling gewesen war und die Unterhaltung mit mir nur seiner außergewöhnlichen Freundlichkeit zu verdanken hatte. Möglicherweise war er in Gedanken die ganze Zeit über bei dem Musikstück gewesen, bei dem ich ihn unterbrochen hatte. Ich verließ den Raum mit einer Mitteilung an Dr. Ewing und so begann meine Karriere als Philosoph.
Dr. Picken war ein sehr gewissenhafter Tutor, der sich kategorisch weigerte, seine Schüler in irgendeiner Weise zu bevorzugen, und der uns reihum, immer zu fünft, einmal im Jahr zum Essen einlud. Manchmal, wenn ich abends an seinem Zimmer vorbei ging und ihn an seinem Klavichord oder an der kleinen Orgel sitzen sah, auf der er Choralpräludien von Bach spielte, hatte ich das Gefühl, dieses Wesen sei derart fragil, dass es bei der geringsten Berührung in Stücke zerbrechen würde.
Ich kann mich noch an das Gespräch erinnern, in dem mich Dr. Picken auf die nächste Stufe meiner Karriere als Weinliebhaber hinführte. Er hatte mir zur Aufmunterung einen Schluck des Burgunders eingeschenkt, der von einem seiner Essen übrig geblieben war, und während er sorgfältig das Geschirr spülte, standen wir in der kleinen Küche, die so sauber und ordentlich wie alle anderen Räume seines kleinen Museums wirkte. Es wäre für ihn undenkbar gewesen, dass ein gebrauchtes Glas den Couchtisch verunstaltete. Er sah mich direkt an – was er selten tat – und plötzlich strahlte sein rundes Gesicht in einem nachgerade göttlichen Glanz.
»Ich sollte Ihnen vielleicht sagen«, fing er an, »dass der Burgunder, den Sie gerade getrunken haben, nicht besonders gut ist. Die Kommerzialisierung hat die Region mehr oder weniger kaputt gemacht. In Ihrer Generation wird man möglicherweise keinen Burgunder mehr kriegen, wie wir Alten ihn noch kennen. Mit einer Ausnahme. Es gibt da eine kleine Domaine in Vosne-Romanée namens Domaine de la Romanée-Conti. Wenn Ihnen der mal über den Weg läuft, sollten Sie ihn trinken. Er hat eine perfekte Balance von Stängel und Frucht und man schmeckt den Boden durch. Heute weiß keiner mehr, wie man so einen Wein macht.« Nachdem er mein Erstaunen einen Moment lang betrachtet hatte, wendete er sich plötzlich ab. Offensichtlich waren ihm Zweifel gekommen, ob er sich mir gegenüber so offen als Anhänger der Bruderschaft Bacchus ’ hätte zu erkennen geben sollen.
Dieses Gespräch fand im Jahr 1964 statt, damals war der Romanée-Conti etwa doppelt so teuer wie andere Grands Crus. Auch hier kannte Dr. Picken sich also sehr gut aus.
Die Domaine, deren knapp zwei Hektar mit alten Weinstöcken jahrhundertelang von den Mönchen aus St.Vivant in ihre Gebete eingeschlossen wurde, gilt heute, nach siebenhundert Jahren menschlicher Anstrengung und göttlicher Fügung als das beste Gebiet der Côte d’Or. Immer wenn ich in einer Runde saß, in der Kenntnisreichtum in Angelegenheiten guten Weins mit einem Glas desselben belohnt wurde, musste ich an Dr. Pickens kleine Rede denken. Aber es vergingen noch vierzig Jahre, bevor ich selbst einen Romanée-Conti probieren konnte, und er kostete inzwischen fünfzig Mal so viel wie andere seriöse Burgunder.
Es war anlässlich einer professionellen Verkostung bei Corney and Barrow, den Londoner Weinhändlern, die den exklusiven Vertrieb dieser Domaine in Großbritannien haben. Ich stand zwischen schweigenden Großmeistern des Weins mit düsteren Gesichtern, in einem klinisch sauberen Raum mit weißen Regalen, Dekantierkaraffen und Gläsern. An den Wänden ringsherum waren Becken und Wasserhähne, und ich beobachtete, wie die Adamsäpfel an den Hälsen der Experten hüpften, während sie kleine Schlucke gurgelten. Ehrfürchtig lauschte ich dem Geräusch, wenn sie den Wein über ihre gelehrten Zungen laufen ließen, um ihn dann plötzlich und mit entschiedener Geste in das Becken zu spucken – jedes Mal gingen dabei hundert Pfund durch den Abfluss!
Hier begegnete mir zum ersten Mal das große Leiden des Weinautors. Wie kann man mit verzücktem Gesichtsausdruck etwas im Mund probieren wenn man weiß, dass die Flasche 1.500 Pfund kostet um dann auf den Notizblock kritzeln »verdammt gut«? Ich sah die Sorgenfalten beim verzweifelten Versuch, noch einen Absatz zu formulieren, da in die Lyrik von Parker zu verfallen, dort etwas zu kürzen und dabei irgendwie das schlechte Gewissen zu beruhigen, dass man gerade den Gegenwert der monatlichen Hypothekenrate für das Reihenhaus in den Abfluss gegossen hatte. Ich habe lange an einer Beschreibung des Grands Echézeaux gebastelt und landete dann bei folgender Formulierung: »Saint-Saëns zweites Cello-Konzert, tiefe Tenortöne hinter einem luftigen Schleier.« Ich las den Text und strich ihn durch, er war zu affektiert und schrieb stattdessen »verdammt gut«. Ob die verblasene Weinlyrik mit ihren Metaphern und weit hergeholten Analogien mehr aussagen kann, ist eine ebenso große wie schwer zu beantwortende Frage, der ich mich im Kapitel sechs zuwenden möchte.
Wer kann sich einen solchen Wein überhaupt leisten? »Ganz einfach«, sagte mir Adam Brett-Smith von Corney and Barrows. »Der Romanée-Conti ist der einzige Wein, den man ziemlich zuverlässig umsonst genießen kann: Schauen Sie sich den Preis en primeur und den Preis heute an.« Es stimmte. Im Jahr 2003 kostete die Kiste mit sechs Flaschen 3.500 Pfund und ein Jahr später, als ich ihn trank, zahlte man dafür 8.400 Pfund. Hätte man sich also ein Dutzend Flaschen im Jahr 2003 gekauft und im darauffolgenden Jahr sechs davon wieder verkauft, so hätte man sechs Flaschen übrig und dazu noch einen zusätzlichen Profit von 1.400 Pfund. Und das mit dem guten Gefühl, dass man es hier von den Reichen nimmt. Das einzige Problem sind die 7.000 Pfund, die man für die Investition braucht.
Ich bin mir sicher, Dr. Picken hätte nie das Geld, das er für den Erwerb des letzten Exemplars einer Rohrflöte brauchte, für Wein ausgegeben; aber zu seiner Zeit war der Romanée-Conti auch preisgünstiger (na ja, relativ gesehen). Dr. Picken führte ein sehr bescheidenes Leben. Er war die typische Figur des akademischen Betreuers, der sich vom weltlichen Leben zurückgezogen hatte, um sich seinen Studien zu widmen.Wein war eines seiner Studienobjekte und die Freude, die er daraus zog, war untrennbar mit dem Wissen verknüpft, das er daraus zog. All jenen, die ihr Leben der Wissenschaft gewidmet haben und ihren Eros auf dieses Gebiet konzentrieren, ist der Wein ein Trost, der die harte Arbeit des Forschers ein wenig versüßt.
Dr. Picken repräsentierte die intellektuelle und kulturelle Osmose, durch die hinter den Wänden eines altehrwürdigen College Traditionen von einer Generation auf die nächste vermittelt werden. Wenn man ihn mit der zurückhaltenden Höflichkeit ansprach, die er selbst an den Tag legte, konnte man sich bei ihm über so ziemlich jedes Thema kundig machen – angefangen bei der Wellenstruktur des Benzenrings oder den Übersetzungen von Dante, von Frazers Theorie des Hexenglaubens bis zur Chronologie der Upanischaden. Die völlige praktische Bedeutungslosigkeit all dessen, worüber er Bescheid wusste, machte den Erwerb dieser Art von Wissen umso lohnender. Sein zurückgezogenes Dasein rechtfertigte in meinen Augen jenes klösterliche Leben, das die Colleges in Cambridge seit Langem kultivieren. Seine Einstellung zum Lernen stand der heute an den Schulen und Universitäten üblichen Haltung diametral entgegen. Er glaubte nicht daran, dass Wissen den Zweck hat, den Studierenden zu helfen. Ganz im Gegenteil. Für Dr. Picken dienten die Studierenden dem Wissen und nicht umgekehrt.
So lernte ich von Dr. Pickens, dass Wein nicht nur ein Objekt der Sinne, sondern auch der Erkenntnis sein kann und dass sinnliches Vergnügen von der Erkenntnis abhängt. Im Gegensatz zu allen anderen Dingen, die heute auf den Tisch kommen, gibt es vom Wein so viele Varianten wie Menschen, die ihn produzieren. Variationen der Technik, des Klimas, der Trauben, des Bodens und der Kultur sorgen dafür, dass Wein für den gewöhnlichen Konsumenten das am wenigsten berechenbare Getränk ist. Dem genießenden Kenner bietet er ein kompliziertes und vielschichtiges Arrangement, das sich wie ein Schachspiel nach dem ersten Eröffnungszug entfaltet. Es war die völlige Nutzlosigkeit – zumindest im Hinblick auf die unmittelbare Verwendung – dieses Wissens über den Wein, die es für Dr. Picken attraktiv machte.