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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Einleitung
Ich blicke zurück und ziehe eine Zwischenbilanz
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, reflektiere ich Vieles. Manches konnte ich leisten, aber nicht alle Vorstellungen realisieren. Mitunter lag dies an äußeren Umständen, aber auch meine eigenen Schwächen haben hin und wieder eine Rolle gespielt. Wichtig für mich ist es, nach einem Resümee aus der mir noch vergönnten Lebenszeit das Beste zu machen. Niemand weiß – und in höherem Alter mit wachsendem Risiko – wie lange er geistig und körperlich gesund ist und sich engagieren kann bzw. wie viel Zeit zum Leben noch verbleibt. Deshalb habe ich eine kleine Liste mit persönlichen Zielen für mein restliches Leben zusammengestellt. Ich möchte weiterhin in Afrika tätig sein, um die Hilfe zur Selbsthilfe auszuweiten. Ferner möchte ich wieder häufiger nach Asien reisen, um herauszufinden, wie die Balance zwischen den Interessen des Individuums und der Gesellschaft gewährleistet werden kann. Und für mich möchte ich mehr unverplante Zeit schaffen und mehr Raum für die Erfüllung meiner eigenen Bedürfnisse.
 
Meinen Kindern vermittle ich immer wieder von Neuem den Satz »carpe diem« – nutze den Tag. Ich wünsche es keinem Menschen, dass er am Ende seines Lebens resignierend bedauern muss, viele seiner Träume nicht verwirklicht haben zu können. Natürlich kann nicht alles gelingen, natürlich können wir nicht all unsere Träume umsetzen. Von mir kann ich dann aber mit Gelassenheit das sagen, was ich meiner Tochter Liseron bereits als kleinem Kind vermittelte: »Nicht alles kann gelingen, aber mit Gottes Hilfe kann alles gut werden. Wir sind in Seiner Hand«.
Meinen Eltern bin ich dankbar dafür, dass sie mir zwar ihre Werte vermittelt haben, trotzdem aber akzeptierten, dass ich einen anderen Weg gehen wollte und musste, als sie für mich vorsahen. Sie trainierten mich in Disziplin und Selbstbeherrschung, erlebten jedoch, dass ich nicht bereit war, meine Gefühle zu unterdrücken. Ich lehnte es ab, in Wohlstand zu leben, und meine Eltern tolerierten dies. Sie sahen, wie ich im Laufe meines Lebens vielerlei materielle und finanzielle Zugeständnisse meiner Kinder wegen machte, aber sie akzeptierten, dass ich kein Vermögen ansammeln wollte, sondern es vorzog, eine Basis für Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen. Kultur, Bücher, Reisen und Kommunikation mit Politikern, Buchautoren, Künstlern haben einen großen Stellenwert, Konsum hat einen geringen. Häufig werde ich gefragt, wie ich die große Familie finanziere. Den Unterhalt sichere ich selbst, ich kann jedoch auch auf Gelder aus dem Vermögen meiner Eltern zurückgreifen.
 
Oft erinnere ich mich an Fantasien, die ich mit acht oder neun Jahren hatte: Mehrmals tauchte plötzlich ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Ich sah mich durch aufgewühlte Wogen schwimmen, ein etwa dreijähriges Kind lag auf meinem Rücken und klammerte sich an mir fest. Immer wieder wurde ich unter das salzige Wasser gedrückt, das in meinen Augen brannte. Ich kämpfte mich verzweifelt durch die Wellen, denn es ging um Hilfe für das Kind, um Leben oder Tod. Mit dem Mut der Verzweiflung hatte ich nur ein Ziel vor Augen: Trotz der eigenen Lebensgefahr wollte und musste ich das hilflose Kind retten. Nie im Leben hätte ich damals gedacht, dass Jahre später diese fantasierte Vorstellung Wirklichkeit werden könnte, dass ich tatsächlich in vergleichbare Situationen kommen würde! Ich habe viele Wege, übliche und unübliche, beschritten, um Kindern ein Überleben zu sichern und ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. In vielen Situationen habe ich dafür mein Leben und meine Existenz aufs Spiel gesetzt. Bereut habe ich es nie. Vieles von dem, was ich erzähle, mag unwahrscheinlich oder gar unglaubwürdig klingen, aber alles, was ich berichte, hat sich genau so abgespielt.
 
In meiner Familie wachsen hochintelligente Kinder neben Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen partnerschaftlich auf. Sicher ist eines: Jedes meiner Kinder verdient Hochachtung, Respekt, Anerkennung und Bewunderung für die Entwicklung seiner individuellen Persönlichkeit. Ich bin dankbar für sein Vertrauen, sich auf mich als Mutter und auf einen unbekannten Kulturkreis mit neuen Werten eingelassen zu haben. Ich selbst sehe mich als Begleiterin, als Unterstützerin, als Werkzeug. Werkzeuge werden hin und wieder beiseitegelegt; das ist in Ordnung. Wer liebt, muss mitunter warten und abwarten können. Jedes Kind wird von mir als Partner gesehen, dem ich etwas geben darf und von dem ich etwas lernen kann. Unter dieser Prämisse konnte sich die Liebe zu meinen Kindern entfalten, konnte die Familiengemeinschaft gelingen. Auf dieser Basis habe ich mich zu einer Frau entwickelt, die handelt und aktiv etwas tut gegen Benachteiligung, Armut, Not und Elend. Jedes neu angenommene Kind habe ich stets verstärkt und bestätigt, sofern es ein sozial adäquates Verhalten zeigte. Hätte ich dies nicht gemacht, wären die Kinder, auf alle Fälle die größeren, für Schule und Gemeinschaft zumeist nicht tragbar. So aber erkennen sie die Normen und Werte unserer Gesellschaft an, versuchen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten sozial zu engagieren, und sind gut integriert.
 
Mir ist es sehr wichtig, meinen Kindern zu vermitteln, dass ich sie unabhängig von ihrem Leistungsvermögen anerkenne und liebe. Da ich auch Kinder mit Beeinträchtigungen adoptiert habe, konnte ich feststellen, wie unbeschwert und selbstsicher sie sich in einer Atmosphäre der Partnerschaft entwickelten. Sie blühten auf, und ich selbst stellte mit Erstaunen und Dankbarkeit fest, welche Fähigkeiten auch in die familiäre Gemeinschaft eingebracht werden konnten. Daher ermutigte ich auch manche schwangere Mutter dazu, ihrem möglicherweise beeinträchtigten Baby eine Chance auf Leben zu geben, wobei einige Kinder entgegen der Prognose sogar gesund zur Welt kamen.
 
Für mich ist jedes Kind ein bereicherndes Geschenk Gottes, das in seiner Individualität einzigartig und kostbar ist.

Stationen meines Lebens
Von der Fantasie zur Wirklichkeit
Warum ich mein Leben schon mit 12 Jahren radikal
änderte, wie ich meine Umgebung schockierte.
Wie bestimmte Gegebenheiten mich geprägt und
welche entscheidenden Erlebnisse zu meiner Berufung
und den späteren Adoptionen geführt haben.
Als Sechsjährige schwärmte ich für unseren Klassenlehrer. Mittags ging er den Schulweg mit mir zusammen, weil er ganz in unserer Nähe wohnte. Diese Begleitung machte mich ganz glücklich, denn ich war von ihm begeistert. Für mich war er einfach vollkommen. Er wusste alles, konnte alles, für ihn wollte ich lernen und die Klassenbeste sein. Immer wieder gab es Situationen, in denen die Schwärmerei für meinen Klassenlehrer neue Nahrung bekam. Dass ich deshalb bereits als Sechsjährige den Entschluss gefasst hatte, später einmal Lehrerin zu werden, lag auf der Hand und ebenso, dass ich schon damals jede Arbeit mit Kindern für wertvoll hielt.
Als ich sieben war, wurden Mutter und Vater meine Vorbilder. Immer wieder wollte ich hören, wie sich meine Mutter im Krieg verhalten hat. Andächtig lauschte ich den bekannten Erzählungen. Sie hatte vor ihrem Englischstudium in jungen Jahren ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht. Dies war für sie nicht einfach gewesen, aber sie hatte sich stets gesagt, dass sie mit ihrem Durchhaltevermögen alles schaffen würde. Ihr Leitsatz war: »Ich will! Dies Wort ist mächtig, spricht’s einer ernst und still. Die Sterne reißt vom Himmel das eine Wort: Ich will!« Dieser Einstellung gemäß hatte sie die verwahrlosten Kinder einer stadtbekannten Familie nacheinander in den Luftschutzkeller getragen. Andere hatten sich geweigert, das zu tun. Sie erzählte mir von den Kleidern, die sie den bedürftigen Kindern gegeben hat, damit daraus etwas zum Anziehen für sie geschneidert werden konnte. Sie berichtete, dass sie auf die Kinder ihrer Schwester aufgepasst hatte, auch wenn sie lieber gespielt hätte. Sie stellte ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um anderen zu helfen. Ich bewunderte meine Mutter dafür, denn mir waren meine eigenen Wünsche noch wichtig. Hilfsbereit und willensstark wie meine Mutter wollte ich später einmal sein! Auch die Geschichten meines Vaters beeindruckten mich tief, dass er nicht schießen wollte, weggelaufen ist vor dem Krieg. Ich bewunderte ihn, weil er sich anders verhielt als die vielen Mitläufer. Mir war es noch wichtig, mich einzuordnen und nicht aufzufallen. So klug wie mein Vater wollte ich später auch einmal werden. Vor allem wollte ich mutig sein!
 
Meine Mutter staunte immer wieder neu über ihre Achtjährige, die stets einen Pulk von Schulfreunden um sich hatte. Für mich hingegen war es selbstverständlich, dass ich meine Kindergruppe zu begeistern verstand. Ich hatte viele kreative Ideen, die von den anderen aufgegriffen wurden. Am liebsten suchte ich mit den Kindern innerhalb unseres Betriebsgeländes jene Orte auf, wo es Abfälle vom Sägen, Fräsen, Schweißen, Drehen gab. Daraus bauten wir dann Kunstobjekte, utopische Gerätschaften, Maschinen, Fahrzeuge und vieles mehr. Dass wir oft verjagt wurden, weil die Spielorte für Kinder zu gefährlich waren, störte mich nicht. Ich wartete stets auf eine günstige Gelegenheit, um zurückzukehren, und gab nie auf. Stets war ich beharrlich und erreichte mein Ziel – trotz mancher Strafen und Blessuren. Ich hatte viel Fantasie und war voller Lebensfreude. Wir kletterten auch viel herum und suchten Eisenstangen, Holzbretter, leere Behältnisse und Folien, aus denen wir Spielhütten bauten und mit Kisten als Sitze ausstatteten. Wir bekamen von der Mutter Obst, Kuchen und Getränke und genossen es, in unserer Hütte zu essen. Abends begaben sich meine Schwester und ich in unser blitzsauberes weißes Mädchenzimmer, legten uns in die weichen duftenden Kissen, und unsere Mutter las uns eine Gutenachtgeschichte vor. Wir fühlten uns geborgen. Zu jenem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass mir später in Afrika einmal Kinder begegnen würden, die nicht behütet aufwuchsen. Ich wusste nichts von Kindern, die gezwungen waren, sich mit einer großen Familie eine so primitiv gebaute Hütte zu teilen, die derjenigen meiner Kinderzeit ähnelte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie dort ohne Wasser, ohne Toilette, ohne Herd, ohne Strom hausen mussten, und dass dies für die Kinder absolut kein Spiel war, sondern trauriger Ernst. Es überstieg mein Vorstellungsvermögen, dass es auf der Welt Kinder geben könnte, die als Esstisch nur einfache Kisten haben und als Bett den gestampften Boden, dass sie häufig verfaulte Abfälle essen und diese auch noch oft mit Gewalt erkämpfen oder erbetteln müssen.
 
Mit neun Jahren hatte ich erstmals Gelegenheit, mich für andere Kinder einzusetzen. Sie wohnten in unserer Nähe und waren die jüngeren Brüder der Freundin meiner Schwester, die für uns eine Gastschwester war. Sie kam aus einer Flüchtlingsfamilie. Jeden Morgen in der Früh holte sie meine Schwester Waltraud und mich ab, um mit uns zur Schule zu gehen. Nach dem Unterricht aßen wir alle zusammen, und danach half uns meine Mutter bei den Hausaufgaben. Dann spielten wir auf unserem Betriebsgelände, auf dem unser Wohnhaus stand; mein Vater hatte eine kleinere Fabrik. Erst später erfuhr ich, dass unsere Gastschwester in ärmlichen Verhältnissen in einem Dachgeschoss lebte und auf ihre kleinen Brüder aufpassen musste, was sie sehr belastete. Manchmal nahm ich ihr diese Aufgabe ab und hatte Freude daran, denn ich liebte die kleinen Buben, trocknete häufig ihre Tränen und brachte sie zum Lachen. Dabei gewann ich die Gewissheit, mit Kindern gut umgehen zu können. Etwas später hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Ich durfte unsere Gastschwester in ihre Wohnung begleiten, weil sie etwas vergessen hatte. Da ihre Eltern nicht da waren, konnte ich mich ganz ungeniert umsehen und entdeckte an exponierter Stelle einen Haken mit einem Gürtel. Ich fragte danach, und sie erzählte mir, dass sie vom Vater damit geschlagen und bestraft würde. Das erschreckte mich sehr, und ich nahm mir vor, eine gewaltfreie Erziehung von Kindern anzustreben und mich für das Wohl von Kindern einzusetzen.
 
Mit zehn Jahren bekam ich von meiner Mutter häufig Stubenarrest. Das war für mich hart, weil ich die Freiheit und das Toben im Gelände liebte. Als ich wieder einmal »arretiert« war, dachte ich über den Grund dafür nach und wieso es wieder einmal dazu gekommen war. Nichts anderes hatte ich gemacht, als bei einem Spiel meiner Schwester mit unserer Gastschwester einzugreifen, weil sie, wenn auch einvernehmlich, ständig gepfuscht hatten. Deshalb hatte ich ihre Spielzüge einfach rückgängig gemacht, worüber sich wiederum die beiden lautstark ärgerten. Daraufhin erschien meine Mutter und warf mir vor, wieder einmal die Ursache für einen Streit zu sein, über den ich während eines Stubenarrestes nachdenken solle. Ich steigerte mich jedoch in immer größeren Trotz: Die Welt war ungerecht, keiner verstand mich. Statt mich für meinen Kampf um Gerechtigkeit zu loben, wurde ich von meiner Mutter dafür bestraft!
Während mir bei diesem Erlebnis die Ungerechtigkeit bewusst war, erkannte ich sie in einem anderen Zusammenhang auch als Elfjährige noch nicht. Wenn ich morgens in die Bahn stieg, waren die Wagen meist so voll, dass Berufstätige und Schüler nicht genügend Sitzplätze fanden und eng aneinander gepresst stehen mussten. Es entstand zwischendurch Streit unter den Kindern, und mit aufmerksamem Blick hätte man sehen können, dass sie häufig müde und die Zustände für einen guten Start in den Tag nicht geeignet waren. Ich hingegen fühlte mich entspannt, denn mir machte der volle Zug nichts aus: Freundlich bat ich die Stehenden, etwas zur Seite zu gehen, öffnete die Schiebetür und trat in das Abteil der ersten Klasse ein. Hier herrschte kein Gedränge. Hier war es leer und ruhig. Ich ließ mich in die weichen Samtpolster fallen, holte mein Vokabelheft heraus, las die englischen Wörter für den anstehenden Test noch einmal durch und machte mir keine Gedanken über meinen privilegierten Tagesbeginn.

Was mein Leben änderte

Erst mit zwölf Jahren änderte sich das durch ein gravierendes Erlebnis. Mein Vater als Unternehmer konnte seine Familie häufig auf Reisen mitnehmen. Wir hatten die Vorbereitungen für eine anstehende Kreuzfahrt gerade abgeschlossen. Meine Schwester und ich hatten unsere persönlichen Sachen eingepackt, und es konnte losgehen – zunächst mit dem Auto zum Hafen. Als wir ankamen, empfanden wir das Schiff als beeindruckend, durch nichts zu vergleichen mit den mir bis dahin bekannten Dampfern. Über lange Gänge wurden wir in unsere Kabine geführt. Meine Schwester Waltraud und ich waren begeistert von allem, was wir sahen: Den komfortabel eingerichteten Salons, dem Swimmingpool auf Deck, dem Fitnessraum, den Clubs, dem Bordkino, der Musikhalle und vielem mehr. In den folgenden Tagen genossen wir ausgedehnte Mahlzeiten bei angenehmer Musik, wechselnde Darbietungen von Unterhaltungskünstlern und Vorträge über die Kultur der Länder, deren Häfen wir anlaufen würden.
 
Die Tage flogen mit angenehmem Bordleben und Ausflügen dahin – bis zu jenem Ereignis, das plötzlich alles veränderte. Bei einigen der bei Kreuzfahrten üblichen und immer geplanten Landgänge durfte ich mich manchmal ganz allein ein wenig umsehen, während meine Eltern und meine Schwester sich in Rufnähe aufhielten. In einem Ort an der Küste Afrikas sah ich beispielsweise Hütten, die denen meiner Kindheitsspiele ähnelten, so dass ich erfreut darauf zugehen wollte. Doch erschrocken blieb ich stehen: Hier war die Umgebung nicht grün, hier spielten keine wohlgenährten Kinder! Zerlumpte Mütter traten aus den Hütten, die Babys mit aufgequollenen Hungerbäuchen auf dem Arm hielten und bettelten. Einige Männer saßen apathisch auf dem Boden, benebelt von Alkohol und Kat, den Rausch erzeugenden Blättern. Mädchen trugen Wasserbehälter auf dem Kopf und dazu noch ihre jüngeren Geschwister auf dem Rücken. Jungen prügelten sich um einen Fußball, den sie sich aus Plastik, Stoff und Kordel gebastelt hatten. Immer wieder fielen sie auf dem mit Exkrementen übersäten lehmigen Platz hin, waren umschwirrt von Unmengen Fliegen. Bei einigen sah ich vereiterte Augen. Ich war entsetzt, aber auch tief betroffen! Meine Kehle schien wie zugeschnürt, wie betäubt ging ich weiter. Obwohl es überhaupt nicht kalt war, zitterte ich. Rechts und links lagen riesigen Mengen von Unrat und Abfall. Große Kinderaugen blickten mich an, die von Entbehrung und Not sprachen. Die Kinder liefen barfuß durch den von Urin und Kot aufgeweichten Boden. Zahlreiche Wunden zeugten davon, dass sie sich die Haut an ihren Füßen durch Steine oder Splitter aufgerissen hatten, und manchen Kindern konnte ich ansehen, dass sie krank waren, und ich vermutete, dass einige von ihnen sterben würden. Es war offensichtlich, dass sie keinerlei medizinische Betreuung hatten. Es schien mir, als würden Klappen von meinen Augen gerissen. Das konnte doch alles nicht wahr sein: Diese Kinder lebten in Behausungen, die nicht einmal an den Standard meiner Spielhütten heranreichten! Meine Seele krampfte sich zusammen, Tränen stiegen mir in die Augen, und ganz benommen kehrte ich mit meiner Familie zum Schiff zurück. Später stand ich an der Reling, blickte auf zu den Wolken, zur Sonne, spürte Gottes Nähe und seinen Anruf! Eine Beschreibung dafür ist nicht möglich. Ich kann nur sagen, dass ab sofort für mich nichts mehr so war wie zuvor. Fortan wollte ich mein Leben ausrichten nach den Bibelworten »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« und »Was du dem geringsten deiner Brüder getan hast, das hast du mir getan«. Ich wollte umkehren, mein Leben ändern, fühlte mich wie neugeboren. Ich hatte meinen Weg, meine Zukunft, meine Berufung erkannt.
 
Am Abend saß ich mit den Eltern und Waltraud beim Captain’s Dinner. Es erwartete uns ein Sechs-Gänge-Menü, eingeleitet durch den Aufmarsch weiß-gold gekleideter Stewards, die mit einem Tusch brennende Wunderkerzen, Eisgebilde und Blumen hereintrugen. Während die Augen der übrigen Kreuzfahrtgäste voller Erwartung strahlten und sie sich auf die zu erwartenden Genüsse freuten, eröffnete ich meinen Eltern, dass für mich ab heute Schluss sei mit einem solch angenehmen Leben. Ohne mir eine Vorstellung von der Bedeutung machen zu können, hatte ich einmal in irgendeinem Missionsheftchen gelesen, dass in Afrika oder Asien mit nur 30 oder 40 DM ein Kind einen Monat lang ernährt und medizinisch versorgt werden könne. Also erklärte ich meinen Eltern, dass ich ab sofort alles verweigern würde, was über die existenziellen Notwendigkeiten hinausgehen würde; dass ich jeden Pfennig sparen wollte, um Not leidenden Kindern zu helfen. Meiner erstaunten Familie kündigte ich an, dass ich in einigen Jahren nach Afrika, Asien und Südamerika gehen würde, um dort soziale Projekte ins Leben zu rufen und Armut zu lindern. Ich eröffnete den erschrockenen Eltern, dass ich später einmal kranke und behinderte Kinder aufnehmen würde. Ich begründete genau, warum ich an diesem Sechs-Gänge-Menü nicht teilnehmen könnte. In der darauf folgenden Diskussion erreichte meine wortgewandte und psychologisch geschickte Mutter zunächst einmal einen Kompromiss: Wenn ich jetzt der Familie das Dinner und den Abend nicht verderben und wenigstens etwas essen würde,
dann wäre meine Mutter bereit, mir das monatliche Unterhaltsgeld für ein Kind in Afrika zur Verfügung zu stellen bzw. mir dabei zu helfen, es weiterzuleiten.

Endlich ein Ziel vor Augen

Nach Rückkehr von der Kreuzfahrt reagierte mein Umfeld schockiert auf die Änderung meiner Lebensgewohnheiten: Ich lehnte nicht nur die üblichen Erste-Klasse-Fahrten ab, sondern ging nach Möglichkeit zu Fuß, um jeden Pfennig sparen und spenden zu können. Ich ließ mir das Friseurgeld geben, schnitt mir die Haare mit einer kleinen Heckenschere selbst und sparte für den Unterhalt eines Kindes in Afrika. Ich lehnte neue Kleidung ab und räumte mein Zimmer um. Ich besorgte Bilder Not leidender Kinder und heftete sie an die Wände. Hinzu kamen Sprüche aus der Bibel. Zum Leben ausreichend schien mir eine Matratze. Natürlich gab es viele Diskussionen mit den Eltern, besonders mit der Mutter. Natürlich konnte ich nicht alles durchsetzen, was ich wollte, aber ich erreichte viel. Ich gab alles weg, was ich geben konnte. Ich spendete Taschengeld und Erspartes. Ich lebte radikal. Nun hatte ich ein Lebensziel. Ich strebte danach, meine Berufung zu verwirklichen, mich »mit Haut und Haaren« unter Einsatz meiner Existenz für Not leidende Kinder einzusetzen!
 
Don Bosco, Elisabeth von Thüringen, Damian de Veuster, Maximilian Kolbe, Mutter Theresa, die Ärztin und Nonne Dr. Ruth Pfau aus Pakistan und viele andere wurden meine Vorbilder für Lebensweisen im Dienste des Nächsten. Ich bin dankbar, dass ich mich in diesen radikalen Jahren trainiert und gestählt habe für den Verzicht im weiteren Leben: Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse auf ein Minimum zu reduzieren, und das war notwendig, um Kindern aus ärmsten Lebensverhältnissen helfen zu können. Es war erforderlich, um die Vor-Adoptionszeit mit den Kindern erfolgreich zu überstehen, für die Hilfe vor Ort nicht möglich war. Ich war froh, dass ich gelernt hatte, meine Bedürfnisse zu reduzieren. Wie hätte ich sonst bei 40 Grad Hitze morgens mit nur einer halben Tasse Flüssigkeit für die nächsten 10 Stunden auskommen können. Wie hätte ich – in Ermangelung einer Gelegenheit – bis zu 10 Stunden am Tag auf Toilettengänge verzichten können. Wie wäre es mir möglich gewesen, Schmutz, Läuse, Flöhe, Krätze, Fieber und totale Erschöpfung auszuhalten und zwei bis drei Wochen auf Nahrung zu verzichten. Ich war froh, dass ich gelernt hatte, mich mit eiserner Disziplin zurückzunehmen! Ansonsten wäre ich auch heute nicht in der Lage, mein tägliches Arbeitspensum zu erfüllen und die umfassende Arbeit für die Kinder zu leisten, um ihnen zu dienen.

Ich gelte als Außenseiterin

Dass ich mit meinem Äußeren in der Schule aneckte, versteht sich von selbst. Normalerweise trugen fünfzehn- und sechzehnjährige Mädchen damals Röcke, Seidenstrümpfe und Pumps. Ich wollte bewusst mehr an meinem Inneren statt an meinem Äußeren arbeiten. Meist besuchte ich vor der Schule den Gottesdienst. Außerdem meditierte ich gerne und las während der Pause das Stundengebet statt zu rauchen oder mit anderen Mädels oder Burschen in der Ecke zu stehen. Ich hielt Hosen, die in den 60er Jahren selbst in einer öffentlichen Schule als anstößig galten und strengstens verboten waren, für weitaus zweckmäßiger als Röcke oder Kleider. Ich war eine Außenseiterin, die in ständiger Kampfbereitschaft war – auch wenn der Kampf zwischen mir und den Lehrern mitunter sehr ungleich war, wie der einer Maus mit einem Löwen. Aber dadurch trainierte ich über Jahre hinweg Fähigkeiten, die ich für die spätere Annahme meiner Kinder unbedingt brauchen würde. Unter anderem zählten dazu Standhaftigkeit, Durchhaltevermögen, innere Sicherheit, Zielstrebigkeit und der eiserne Willen, nie aufzugeben. Ich war voller Gerechtigkeitsstreben, aber ich war rigoros. Trotz meiner Religiosität sah ich nicht ein, warum es in der katholischen Kirche keine Priesterinnen geben sollte. Ich forderte Diskussionen mit anderen jungen Leuten heraus, mit Lehrern, Ordensleuten, schrieb und verteilte Flugblätter und schockierte damit auch die Menschen, die mich als in ihrer Gemeinschaft integriert empfunden hatten. Es war nicht leicht mit mir, aber ich ließ mich von niemandem vereinnahmen. Ich zeigte den Eigensinn manch junger Menschen, die noch nicht über die nötige Lebenserfahrung verfügen, um sinnvolle Kompromisse eingehen zu können. Aber ich entwickelte auch die ungeheuren Kräfte junger Menschen. Ich hatte Ideen, setzte mich ein, ging mit offenen Augen durch die Welt, pflegte zu etlichen Sozialstationen Kontakte. Alles diente der Vorbereitung auf meine Lebensaufgabe, später einmal Kinder aufnehmen zu können, entweder als Nonne oder als Mutter. Für die endgültige Wahl wollte ich mir Zeit lassen.

Meine Probleme mit rigiden Vorschriften

Mit siebzehn Jahren wurde ich Mitglied der Dominikanischen Frauengemeinschaft. Ich war von jener Gruppierung innerhalb der Kirche begeistert, weil dort ein weltoffenes Christentum gelebt wurde, die Frauen ihre Gelübde der Armut, Ehelosigkeit und Bindung/Gehorsam gegenüber Kirche/Evangelium ablegten, jedoch keine Tracht trugen. Sie lebten nicht im Kloster, trafen sich aber regelmäßig in ihrem Stammhaus und konnten sich beruflich intensiv für ihre Mitmenschen engagieren. In dieser Gemeinschaft gab es zwei Frauen, die sich in Puquio (Peru) für Mütter und deren Kinder einsetzten, die in bitterer Armut lebten. Zu ihnen pflegte ich Briefkontakt und erlernte bereits eifrig die spanische Sprache. Ich knüpfte auch Kontakte zu kirchlichen Heimen, die in Armutsländern Waisenkinder oder verlassene Kinder aufnahmen. Es gefiel mir jedoch nicht, dass die Bezugspersonen, sofern sie Ordensleute waren, mit Versetzung rechnen mussten. Ich wollte für den Fall, dass ich versetzt werden sollte, nicht an diesen Gehorsam gebunden sein. Ich wollte nicht dauernd an einen anderen Ort versetzt werden. Ich wollte nicht vorgeschrieben bekommen, wie viel Geld monatlich für den Unterhalt eines Kindes auszugeben sei. Ein hierarchisches Reglement lehnte ich ab. Ich wollte offen sein, um in der mir eigenen Weise flexibel reagieren, geben und für immer lieben zu können. In der mir eigenen Weise lieben – das bedeutete für mich auch, etwa eine weinende Mitschwester in die Arme zu nehmen und zu trösten. Die Frau war wohl um zwanzig Jahre älter und hatte auf mich sehr verzweifelt gewirkt. Aber meine menschliche Geste war verboten. Ich wurde zur Oberin gerufen und darüber belehrt, dass man in der Dominikanischen Gemeinschaft körperliche Nähe jeder Art ausschließen wolle. Damit war mein Entschluss gefallen. Trotz meiner Hochachtung vor der Gemeinschaft verließ ich sie. Ich blieb unangepasst und seitdem auch latent einsam, weil ich auf die Geborgenheit einer Ordensgemeinschaft verzichten musste, trotzdem aber ständig aus dem normalen gesellschaftlichen Rahmen fiel und auf Skepsis oder Unverständnis stieß. Als Ordensschwester wäre mein Tun akzeptiert worden und mir spätere Unbill erspart geblieben.

Lehrstunden für mein späteres Leben

Als Achtzehn-, Neunzehnjährige hatte ich vorübergehend ein winziges Zimmer im Seniorenhaus des Kölner Pantaleon Klosters bezogen. Eigentlich fühlte ich mich wohl dort. Ich genoss es, jederzeit in die Kapelle gehen zu können und ich mochte die alten Damen. Trotzdem eckte ich aber auch hier wieder an: Eine der Ordensschwestern hatte mich getadelt, weil ich mich vor der Klosterpforte zu einem obdachlosen Mann gesetzt und mit ihm geredet hatte. Diesem Mann waren von der Klostertüre aus wiederholt Brote in die Hand gedrückt und die Tür dann gleich wieder geschlossen worden. Dies fand ich – gelinde gesagt – erniedrigend für den Mann! Daher hatte ich mich beim nächsten Mal zu ihm gesetzt, als er seine Brote im Park des Klosters verzehrte. Ich fragte ihn nach seinem Namen und ließ mir aus seinem Leben berichten. Wie einzelne andere Obdachlose vor ihm, war auch dieser hocherfreut über die ihm entgegengebrachte Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Er reagierte gerührt auf die mitmenschlich-christliche Liebe. Für mich war dies jedoch eine Selbstverständlichkeit.
Besonders am Herzen lag mir auch eine alte Frau, deren Zimmerchen genau neben dem meinen lag. Sie hatte früher in der Küche des Klosters gearbeitet und bekam nun zum Dank für ihre Tätigkeit freie Kost und Logis. Dieses Fräulein Ahrend wurde von den meisten der feinen zahlenden Damen geschnitten und aß in der Küche statt wie die anderen im Speiseraum. Während die zahlenden Bewohnerinnen des Seniorenheimes miteinander spazieren gingen und sich über dies und das austauschten, blieb Fräulein Ahrend, eine kleine, zarte, dürre, blasse und leise Frau, stets allein. Sie mochte etwa um das Jahr 1893 in Ostpreußen geboren sein und hatte bis zur Vertreibung dort als Magd gedient. Sie war eine alte Jungfer, deren Zimmerchen stets muffig roch, die Luft vermischt mit dem penetranten Duft von Mottenkugeln. Angehörige und Freunde hatte sie nicht. Umso glücklicher war sie, wenn sie von ihrer jungen Nachbarin Besuch bekam. Ich setzte mich zu ihr aufs Sofa und hörte zu, wenn sie von ihrem harten Leben erzählte. Dabei lernte ich Geduld und aktives Zuhören – beides Eigenschaften, die ich später für meine angenommenen Kinder im Höchstmaß benötigte. Dass ich während der Erzählungen das Fräulein in den Arm nahm, seine Wange streichelte und seine Hand hielt, bedeutete für mich das Überschreiten einer gewissen anerzogenen Hemmschwelle. Später erwies es sich als sinnvoll, solche Hemmschwellen zu überschreiten, nämlich in den Ländern meiner angenommenen Kinder. Weil ich keinerlei Berührungsängste hatte, fiel es mir dann leicht, auf deren Kontaktpersonen oder Verwandte zuzugehen. Mein altes Fräulein jedenfalls freute sich offensichtlich über die Gespräche und genoss die Zuwendung, die es ihr Leben lang entbehren musste. Unsere liebevolle Beziehung überstand auch meinen unumgänglichen Auszug in eine eigene Kleinstwohnung. Sobald es meine Zeit erlaubte, besuchte ich das alte Fräulein. Dabei war ich bestrebt, die alte Frau auch an meinem Leben teilhaben zu lassen, achtete jedoch darauf, sie nicht zu erschrecken und zu schockieren. Auch dieses Training kam mir in Ländern zugute, in denen völlig unterschiedliche Wertvorstellungen und Normen herrschen. Ohne mich zu verleugnen, lernte ich, auf Menschen der unterschiedlichsten Lebensbedingungen und -traditionen angemessen einzugehen und sie mit meinen Vorstellungen nicht zu überfordern. Deshalb blieb gegenüber dem alten Fräulein auch eine Episode unerwähnt, die es verstört hätte. Ich war eines Abends ganz bewusst mit der Absicht in eine Diskothek gegangen, um dort mit jungen Leuten über Gott, den Sinn des Lebens sowie tätige Nächstenliebe zu reden. Wie naiv und dumm ich doch war! Ich fiel auf das vorgegebene Interesse eines Mannes herein, der mit mir die Diskothek verließ, um in meiner kleinen Wohnung angeblich in Ruhe von mir zu hören, wie er durch eine Beziehung zu Gott Kraft bekommen könne. Ich reagierte mit panischer Angst, als ich seine wahren Absichten erkennen musste – und bin bis heute dafür dankbar, dass dieser Mann – nachdem ich auf sein wirkliches Ansinnen nicht eingegangen war – letztendlich, wenn auch schimpfend, aber ohne mir Gewalt anzutun, verschwand. Solche Lehrstunden hatte ich als behütetes Töchterlein dringend nötig, denn sonst hätte ich später in den kriminalisierten Slums Afrikas, Asiens oder Südamerikas nicht überleben können!
Ich war voller Ideale, aber ich kannte die Welt nicht und musste mich umgucken und lernen. Ich hatte eine Ahnung von dem, was verbesserungswürdig wäre, und war gewillt, mich für positive Veränderungen mit allen Kräften einzusetzen. Als zweite Schulsprecherin wurde ich einmal für eine Familienzeitschrift interviewt und sagte mit jugendlich überzogenem Selbstbewusstsein: »Ich will einmal Gesellschaft prägen.«

Lernen für die Zukunft

Wenn ich häufiger auf meine Eltern gehört hätte, wäre mir manch Unbill erspart geblieben. Andererseits lernte ich aus meinen Fehleinschätzungen und Fehlern, wurde vorsichtiger und kritischer, vor allem demütiger und barmherziger gegenüber den Fehlern anderer Menschen. Diese Eigenschaften waren auch für meine zukünftige Großfamilie erforderlich. Als Grundlage für meine spätere Arbeit hatte ich unter anderem vor, allein nach Istanbul zu fliegen und in den dortigen Slums Erfahrungen zu sammeln sowie Mehr-Generationen-Familien, vor allem auch kinderreiche Familien, kennenzulernen. Die Ratschläge meiner Eltern hatte ich wiederum in den Wind geschlagen, denn ich lief mit nackten Beinen durch die engen Gassen Istanbuls, weswegen eine Horde wild gestikulierender Männer hinter mir her war. Wenn sich mir ein Mann näherte, hob ich abwehrend die Hände, doch der jeweils Herankommende verstand mich nicht, wollte meinen Preis wissen, so dass aufgrund meiner abwehrenden Hände immer neue Preise genannt wurden. In der Nähe der Universität traf ich auf zwei Englisch sprechende Studenten, die mir Hilfe anboten und meine Schutzlosigkeit in keiner Weise ausnutzten. Abgesehen davon, dass die Freundschaft zu einem der Studenten – Cihat – bis zu dessen Tod 38 Jahre lang Bestand hatte und er später auch meinen Mann und etliche Kinder kennenlernte, hatte ich eingesehen, wie wichtig es ist, eine andere Kultur nicht nur zu respektieren, sondern sich auch auf sie einzulassen und sie ein Stück zu verinnerlichen. Ich erfuhr, dass meine unangebrachte Kleidung Ursache für dieses fatale Missverständnis gewesen war, und lernte daraus, in späteren Jahren – etwa im Jemen und anderen traditionalistisch geprägten muslimischen Ländern – mich der Kultur dieser Länder anzupassen und gegebenenfalls auch voll verschleiert auf die Straße zu gehen. Diese Einstellung beziehungsweise ein den Ländern entsprechendes Verhalten und Auftreten erwies sich bei den Kindesannahmen als sehr nützlich.

Ich eigne mir das notwendige Wissen an