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Inhalt

  1. Titel
  2. Impressum
  3. Widmung
  4. Karte
  5. Teil eins
  6. Delilah
  7. Oliver
  8. Edgar
  9. Oliver
  10. Delilah
  11. Edgar
  12. Oliver
  13. Edgar
  14. Teil zwei
  15. Delilah
  16. Oliver
  17. Edgar
  18. Oliver
  19. Delilah
  20. Edgar
  21. Oliver
  22. Delilah
  23. Edgar
  24. Oliver
  25. Delilah
  26. Edgar
  27. Delilah
  28. Oliver
  29. Danksagung

Jodi Picoult
Samantha van Leer

Liebe ohne
Punkt und Komma

Aus dem amerikanischen Englisch
von Christa Prummer-Lehmair
und Katharina Förs

BASTEI ENTERTAINMENT

FÜR KYLE UND JAKE:

Mom sagt, ich bin ihr Liebling.

Ihr seid okay.

In Liebe,

Sammy

FÜR KYLE UND JAKE:

Sammy lügt.

Ihr seid alle meine Lieblinge.

In Liebe,

Mom

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Teil eins

Weißt du, nur weil du dieses Buch zur Hand genommen hast, ist es noch lange nicht deins.

Es ist schon eine Menge geschehen, bevor du ins Spiel gekommen bist. Eines Tages gab es einen zündenden Funken, der sich zu einem Feuer der Fantasie entfachte. Jede züngelnde Flamme brannte eine Textzeile ein, Kapitel für Kapitel.

Und wo warst du währenddessen? Wahrscheinlich in ein anderes Buch vertieft, ohne zu ahnen, dass all das irgendwo im Universum vor sich ging.

Die Feuersbrunst erzeugte Rauch, und der Rauch formte Schattenbilder, die über die Seiten wanderten, jedes mit einer Stimme, die sich Gehör verschaffte. Je mehr sie erzählten, desto schärfer und klarer wurden ihre Konturen. Ihre Gesichtszüge traten zutage. Und bald waren sie eigenständige Charaktere.

Sie sammelten die auf dem Papier eingebrannten Zeilen auf, warfen sie sich über die Schultern, schlangen sie um die Taille, zogen und zerrten daran, bis sie zu einer Geschichte wurden.

Von dir immer noch keine Spur.

Dann hast du eines Tages in ein Regal gegriffen und aus der ganzen Fülle der Bücher ausgerechnet dieses herausgepickt.

Jetzt versteh mich bitte nicht falsch. Es ist nicht so, dass du nicht wichtig wärst. In dem Augenblick, als du dieses Buch aufschlugst, hat deine Fantasie die Charaktere zum Leben erweckt. Wenn in einem Wald ein Baum umfällt und niemand da ist, der es hört, fällt er dann tatsächlich um? Wenn eine Figur in einem Buch vorkommt, das niemand liest, gibt es sie dann überhaupt? Während deine Augen über die Seiten glitten, während du die Geschichte in deinem Kopf hörtest, bewegten sich die Figuren für dich, sprachen für dich, fühlten für dich.

Du siehst also, wie schwierig es ist, zu bestimmen, wem eine Geschichte gehört. Dem Autor, der sie geschaffen hat? Den Figuren, die die Handlung vorangebracht haben? Oder dir, dem Leser, der ihnen Leben einhaucht?

Oder vielleicht kann keiner der drei ohne die anderen existieren.

Vielleicht wäre eine Geschichte ohne diese magische Verbindung nicht mehr als bloß Worte auf dem Papier.

001.tif

Delilah

Ich habe mein ganzes Leben lang auf Oliver gewartet, da könnte man meinen, dass eine zusätzliche Viertelstunde nichts ausmacht. Aber in dieser Viertelstunde sitzt Oliver allein im Bus, zum ersten Mal unbeaufsichtigt und den ruchlosesten, böswilligsten, grauenvollsten Kreaturen des Planeten ausgeliefert: Highschoolschülern.

Zur Highschool zu gehen ist ein bisschen so, als würde man jeden Morgen aufstehen, um dann immer wieder mit hundert Sachen gegen dieselbe Ziegelmauer zu krachen. Tag für Tag bekommt man von Darwins Theorie, dass nur die Stärkeren überleben, eine praktische Kostprobe: Ein Evolutionsvorteil wie perfekte weiße Zähne und wohlgeformte Brüste oder eine Jacke der Schul-Footballmannschaft verhindert, dass du zur Beute jener Monster wirst, die ihr Ego pimpen, indem sie sich an der Angst eines unglücklichen Neulings weiden und ihn nach Strich und Faden tyrannisieren. Nach Jahren an einer staatlichen Schule bin ich ziemlich gut darin geworden, unsichtbar zu sein. So wird man nicht so leicht zum Opfer.

Oliver hingegen kennt sich mit diesen Dingen nicht aus. Er stand immer im Mittelpunkt. Seine Sozialkompetenz ist noch weniger entwickelt als die des Jungen, der letztes Jahr an unsere Schule gekommen ist, nachdem er neun Jahre lang Hausunterricht in einem Tipi bekommen hatte. Und deshalb habe ich Schweißausbrüche, wenn ich mir vorstelle, was Oliver alles falsch machen könnte.

Jetzt erzählt er wahrscheinlich gerade davon, wie er seinem ersten Drachen begegnet ist, was er vielleicht für einen großartigen Gesprächseinstieg hält. Alle anderen im Bus hingegen werden ihn entweder als den neuen Junkie der Stadt abstempeln, der sein Frühstücksomelette mit Magic Mushrooms aufpeppt, oder als einen dieser Typen, die Elbisch sprechen, selbst geschneiderte Umhänge tragen und sich Plastikschwerter umschnallen. Jedenfalls, der erste Eindruck bleibt ein Leben lang haften.

Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede.

Ich war mein gesamtes Schulleben lang das seltsame Mädchen. Diejenige, die ihr Federmäppchen mit Einhörnern verzierte und einmal buchstäblich gegen eine Wand lief, weil sie so in ihr Buch vertieft war. Diejenige, die erst kürzlich ihren Status auf der gesellschaftlichen Rangskala als unterirdisch gefestigt hat, indem sie das beliebteste Mädchen der Schule während des Schwimmunterrichts versehentlich k. o. schlug.

Oliver und ich geben ein fabelhaftes Paar ab.

Dabei fällt mir ein – ich kann immer noch nicht so recht glauben, dass wir tatsächlich ein Paar sind. Es ist schon mal das eine, überhaupt einen Freund zu haben, und dann auch noch einen, der aussieht, als wäre er einem Hollywoodstreifen entsprungen – tja, das passiert Leuten wie mir schlichtweg nicht. Mädchen träumen ihr Leben lang von ihrem »Prinzen«, finden sich dann aber irgendwann damit ab, dass er nicht existiert. Ich habe meinen gefunden – aber er war in einem Märchenbuch gefangen. Das ist die einzige Welt, die er kennt, und deshalb war es ein bisschen schwierig für ihn, sich in unserer Welt einzugewöhnen. Wie es dazu kam, dass er real wurde – und mein Freund –, ist eine lange Geschichte … und das größte Abenteuer meines Lebens.

Bis jetzt jedenfalls.

»Delilah!«, höre ich jemanden rufen, und als ich mich umdrehe, läuft meine beste Freundin Jules auf mich zu. Wir umarmen uns, als zögen uns Magnete aneinander. Wir haben uns den ganzen Sommer nicht gesehen – sie wurde zu ihrer Tante in den Mittleren Westen verbannt, und ich war voll und ganz mit Olivers Ankunft beschäftigt. Aus ihrem Irokesenschnitt ist ein Bob à la Kleopatra geworden, mitternachtsblau gefärbt, sie hat wie üblich einen dicken schwarzen Lidstrich aufgepinselt und trägt derbe Springerstiefel und ein T-Shirt, auf dem der Name ihrer derzeitigen Lieblingsband steht, Khaleesi and the Dragons. »Und, wo ist er?«, fragt sie und sieht sich um.

»Noch nicht da«, antworte ich. »Und was ist, wenn er den Bus wieder ›mein treues Ross‹ genannt hat?«

Jules lacht. »Delilah, du hast den ganzen Sommer mit ihm geübt. Da wird er wohl eine Viertelstunde Busfahrt ohne dich überstehen.« Dann schneidet sie eine Grimasse. »Oh Mann, erzähl mir bloß nicht, ihr klebt so affenartig aneinander wie BrAngelo«, sagt Jules und nickt zu Brianna und Angelo, dem Vorzeigepärchen der Schule. Verblüffenderweise knutschen die beiden immer genau dann bei meinem Spind herum, wenn ich etwas rausholen will. »Ich finde es toll, dass du einen scharfen neuen Freund hast, aber lass mich deswegen bloß nicht im Stich.«

»Machst du Witze?«, sage ich. »Ich werde deine Hilfe brauchen. Mit Oliver zusammen zu sein ist wie ein Kleinkind zu beaufsichtigen. Man stellt fest, dass das ganze Haus eine potenzielle Gefahrenzone ist.«

»Perfektes Timing«, murmelt Jules, als Olivers Bus vor der Schule hält.

Kennst du diese Momente, in denen man den Eindruck hat, dass alles in Zeitlupe abläuft? In denen sich jede Einzelheit einprägt: wie sich der Wind auf deinem Gesicht anfühlt, wie der frisch gemähte Rasen riecht, wie die Gesprächsfetzen zu einem dumpfen Hintergrundgeräusch werden und wie es auf einmal nur noch dein pochendes Herz, deinen Atem und die Person gibt, der du gerade in die Augen schaust?

Oliver steigt als Letzter aus. Der Wind fährt durch sein schwarzes Haar. Er trägt das weiße T-Shirt und die Jeans, die ich für ihn ausgesucht habe, dazu eine offene Kapuzenjacke. Seine lederne Schultasche hat er quer über die Brust gehängt, und seine grünen Augen durchsuchen die Menge.

Schließlich entdeckt er mich, und sein Gesicht verzieht sich zu einem breiten Lächeln.

Er kommt auf mich zu, als würden ihn nicht dreihundert Leute anstarren, ihn, den Neuen, als würde es ihn nicht im Geringsten kümmern, dass die angesagten Mädchen die Haare zurückwerfen und mit den Augenlidern klimpern wie bei einem Fotoshooting oder dass die Sport-Cracks ihn wie einen Konkurrenten abchecken. Er kommt auf mich zu, als hätte er nur Augen für mich.

Oliver legt die Arme um mich und schwingt mich im Kreis herum, als wäre ich federleicht. Dann setzt er mich ab, nimmt behutsam mein Gesicht in seine Hände und sieht mich an wie einen kostbaren Schatz. »Hallo«, sagt er und küsst mich.

Ich spüre, wie mich alle mit offenem Mund angaffen.

Ungelogen: Daran könnte ich mich gewöhnen.

* * *

Ich kenne Oliver aus einem Buch. Letztes Jahr war ich total versessen auf ein Märchenbuch, das ich in der Schulbücherei aufgestöbert hatte, und ganz besonders hatte es mir der Prinz angetan, der auf vielen Illustrationen zu sehen war. Natürlich kommt es öfter vor, dass sich ein Leser in eine fiktive Figur verknallt, doch meine erwies sich als ziemlich real. Oliver wollte seinem Buch entfliehen, wo ein Tag wie der andere war, und ein Leben ohne vorgegebenes Drehbuch führen.

Eine ganze Reihe von Versuchen schlug fehl – darunter einer mit einer magischen Leinwand, mit deren Hilfe er in die reale Welt hineingezeichnet wurde, allerdings flach wie ein Pfannkuchen, und eine kurze Episode, in der ich in das Buch gezogen wurde, mit Meerjungfrauen schwamm und mich mit einer verwirrten Prinzessin herumschlug, die sich einbildete, in Oliver verliebt zu sein. Bei unserem allerletzten Versuch wollten wir ihn aus der Geschichte herausschreiben lassen und fuhren deshalb heimlich nach Cape Cod zur Autorin des Buches, Jessamyn Jacobs. Sie hatte das Märchen für ihren Sohn Edgar geschrieben, nachdem dessen Vater gestorben war. Es stellte sich heraus, dass Edgar Oliver bis aufs Haar glich und sich perfekt dafür eignete, Olivers Platz im Buch einzunehmen. Seit drei Monaten lebt Edgar nun in dem Märchen, und Oliver hat sich in Cape Cod als Edgar ausgegeben – amerikanischer Akzent, Teenagerlaunen, moderne Klamotten und so weiter. Nach wochenlanger Überzeugungsarbeit konnte Oliver Jessamyn endlich dazu bewegen, hierher nach New Hampshire zu ziehen, damit er mit mir zusammen sein konnte.

Oliver und ich gehen durch die Eingangshalle, wo die Mädchen in kleinen Grüppchen beieinanderstehen und für Selfies posieren, die sie dann verschicken; Typen versuchen einen ganzen Schiffscontainer voller Sportsachen in einen Spind von der Größe eines Rollkoffers zu quetschen; Cheerleaderinnen betrachten sich im Spiegel ihres Spindes und legen in Zeitlupe Lipgloss auf, als würden sie die Hauptrolle in einer Kosmetikwerbung spielen. Plötzlich flitzen zwei Nerds den Flur entlang, Bücherstapel an die Brust gedrückt, und schlingern um die Umstehenden herum wie menschliche Flipperkugeln. Dabei wird Oliver beinahe umgerannt. »Brennt es irgendwo?«, fragt er mich.

»Nein, aber in weniger als fünfzehn Minuten geht der Unterricht los. Für einen Nerd bedeutet das, dass er eine halbe Stunde zu spät dran ist.« Ich werfe einen Blick den Flur hinunter. »Sie rennen immer. Überallhin

Ich spüre, wie sich die Blicke in meinen Rücken bohren, als Oliver und ich vorbeigehen. Während wir uns durch das Gewühl schieben, stoße ich ihn absichtlich immer wieder an. Das mache ich, um mich zu vergewissern, dass er tatsächlich da ist. Eigentlich bin ich sonst kein Glückspilz. Bei Tombolas gewinne ich nie etwas; wenn ich mal einen Penny finde, dann liegt die Zahl oben, und das bedeutet Unglück; in meinem letzten Glückskeks stand Na dann, viel Glück. Mit Oliver erfüllt sich ein Traum für mich.

Auf dem Weg zu den Naturwissenschaftsräumen fällt mir plötzlich auf, dass Oliver majestätisch winkt. Ich packe seine Hand und ziehe sie nach unten. »Das sind nicht deine Untertanen«, flüstere ich ihm zu, aber als er meine Hand ergreift, ist mein Ärger schon wieder verflogen.

Unversehens zieht er mich um die Ecke in einen schmalen Flur, der zum Fotolabor führt. In einer anmutigen Choreografie wirbelt er mich herum, bis ich mit dem Rücken an der Wand lehne und seine Hände mich wie eine Klammer umfassen. Das Haar fällt ihm über die Augen, als er sich vorbeugt, mein Kinn anhebt und mich küsst.

»Wofür war das denn?«, frage ich benommen.

Er grinst. »Nur weil ich es kann.«

Ich muss unwillkürlich zurücklächeln. Vor drei Monaten hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich nur die Hand auszustrecken brauche, um Oliver zu berühren, und schon gar nicht, dass wir uns in der Schule heimlich küssen.

Das Schlimme am Verliebtsein ist, dass einem das echte Leben ständig in die Quere kommt. Ich seufze und nehme seine Hand. »So gern ich hierbleiben würde, ich muss dich zum Unterricht bringen.«

»Also«, sagt Oliver. »Was steht als Erstes an?«

»Nun«, entgegne ich und nehme ihm seinen Stundenplan aus der Hand. EDGAR JACOBS steht darauf, worüber ich erschrecke. Ich vergesse immer wieder, dass Oliver sich als jemand anderes ausgibt; wie schwer muss das erst für ihn sein? »Du hast in der ersten Stunde Chemie.«

»Alchemie?«

»Ähm, nicht so ganz. Eher wie Zaubertranklehre.«

Oliver wirkt beeindruckt. »Wow. Wollen alle hier Zauberer werden?«

»Nur diejenigen mit Selbstmordabsichten«, murmle ich. Ich bleibe vor einer Reihe Spinde stehen und vergleiche die Nummern mit der auf seinem Stundenplan. »Das hier ist deiner.«

Er zieht an dem Schloss und beäugt stirnrunzelnd die Zahlen darauf. Dann hellt sich seine Miene auf, und er zieht wie aus dem Nichts einen Dolch und sticht damit auf das Metall ein.

»Oh mein Gott!«, rufe ich, schnappe mir das Messer und stopfe es in meinen Rucksack, bevor es noch jemand sieht. »Willst du etwa in den Knast?«

»Nein, danke, ich brauche keine Rast«, sagt Oliver.

Ich seufze. »Keine Messer. Niemals. Verstanden?«

In seinen Augen flackert Reue. »Hier gibt es so vieles, das … anders ist«, sagt er.

»Ich weiß«, sage ich mitfühlend. »Deshalb hast du ja mich.« Ich nehme das Zahlenschloss ab, indem ich den Code auf Olivers Stundenplan eingebe, und ersetze es durch ein Buchstabenschloss. »Pass auf«, sage ich und drehe die Räder mit dem Daumen, bis sie die Buchstaben J-V-E-H-E zeigen. »Jeder verdient ein Happy End.«

»Das ist wohl nicht schwer zu merken.« Er grinst und schiebt mich mit dem Rücken an die Spinde. »Weißt du, woran ich mich dabei erinnere?«

Seine Augen sind so grün wie eine Sommerwiese, und man kann sich ebenso leicht darin verlieren.

»Daran, wie ich dich zum ersten Mal gesehen habe«, sagt Oliver. »Du hast dasselbe Oberteil getragen wie heute.«

Wenn er mich so ansieht, weiß ich nicht einmal mehr meinen Namen, geschweige denn, was ich heute anhabe. »Ach ja?«

»Und ich erinnere mich daran, wie ich das zum ersten Mal gemacht habe«, fügt er hinzu, beugt sich vor und küsst mich.

Plötzlich höre ich hinter mir eine Stimme. »Ähm«, sagt ein Junge. »Kann ich mal kurz an meinen Spind?«

Oh Gott. Ich bin zu BrAngelo mutiert.

Augenblicklich schiebe ich Oliver von mir und streiche mir eine Haarsträhne hinters Ohr. »Tut mir leid«, murmle ich. »Wird nicht wieder vorkommen.« Ich räuspere mich. »Übrigens, ich bin Delilah.«

Der Typ reißt die Metalltür auf und sieht mich an. »Chris«, sagt er.

Oliver streckt ihm die Hand entgegen. »Ich bin Oli…«

»Edgar«, unterbreche ich. »Er heißt Edgar.«

»Ja. Genau«, sagt Oliver. »So heiße ich.«

»Ich glaube, ich habe dich hier noch nie gesehen«, sage ich zu Chris.

»Ich bin neu. Gerade aus Detroit hergezogen.«

»Ich bin auch gerade hergezogen«, entgegnet Oliver.

»Ach ja? Woher kommst du?«

»Aus dem Königreich …«

»Cape Cod«, platze ich heraus.

Chris schnaubt. »Sie lässt dich ja kaum zu Wort kommen, Mann. Wo müsst ihr jetzt hin?«

»Edgar hat Chemie bei Mr Zhang«, erkläre ich.

»Cool, ich auch. Dann sehen wir uns dort.« Chris schließt seinen Spind ab, winkt kurz und geht davon.

Oliver sieht ihm nach. »Und wieso bitte schön darf er winken?«

Ich verdrehe die Augen. Es ist erst Viertel nach acht, und ich bin jetzt schon fix und fertig. »Das erkläre ich dir später«, sage ich.

Ich habe noch genug Zeit, um Oliver am Chemiesaal abzusetzen, bevor ich zu Französisch muss. Als wir um die Ecke biegen, schleicht sich Jules von hinten an und hakt sich bei mir unter. »Rate mal, wer sich getrennt hat«, sagt sie.

Oliver lächelt. »Das muss die berühmte Jules sein.«

»Die Lobeshymnen auf mich sind in der Regel schwer untertrieben«, sagt Jules. Sie taxiert Oliver mit einem kurzen Blick, dann wendet sie sich mit einem Nicken zu mir. »Gut gemacht.«

»Ich hab’s ein bisschen eilig – ich möchte ihn noch bei Mr Zhang abliefern, bevor es klingelt«, erkläre ich.

»Glaub mir, das musst du dir anhören … Allie McAndrews und Ryan Douglas?«

Oliver sieht mich fragend an.

»Die Ballkönigin und der Ballkönig«, erkläre ich schnell.

Er wirkt beeindruckt. »Von königlichem Geblüt.«

»Dafür halten sie sich zumindest«, stimmt Jules zu. »Jedenfalls haben sie sich getrennt. Offenbar hat Ryan mit Treue genauso große Schwierigkeiten wie mit Shakespeare.«

Ich war letztes Jahr mit Ryan im Englischkurs und weiß, wovon sie redet.

»Wenn man vom Teufel spricht«, sagt Jules.

Wie in einer Seifenoper biegt Allie um die Ecke, flankiert von ihrem Gefolge. Aus der gegenüberliegenden Richtung stolziert gleichzeitig Ryan heran. Wir Umstehenden erstarren, halten den Atem an, während wir uns auf die unvermeidliche Kollision einstellen.

»Oh, schaut mal! Was für ein seltener Anblick«, sagt Allie laut. »Eine männliche Schlampe auf freier Wildbahn!« Ihre Freundinnen kichern.

Ryan beäugt sie von oben bis unten. »Hast du dich jetzt ausgeheult, Allie?«

Daraufhin stürzt Allie sich auf ihn und will ihm die Augen auskratzen. Gerade noch rechtzeitig geht ein Typ dazwischen – James, Präsident des Regenbogenclubs, einer AG, die sich für homosexuelle Mitschüler einsetzt, außerdem gibt er Streitschlichterworkshops für Tutoren und betreibt bereits eine eigene Krawattenfirma. »Verzieh dich, Freundchen«, sagt James zu Ryan, der ihn gegen die Wand stößt.

»Hau ab, Prinzessin«, droht Ryan.

Ehe ich es mich versehe, steht Oliver nicht mehr neben mir. Er steuert direkt auf Ryan zu.

»Oh, verdammt«, sagt Jules. »Musstest du dir unbedingt einen Helden anlachen?«

Aber Oliver geht an Ryan vorbei zu James, der inzwischen flach auf dem Boden liegt. Er streckt ihm die Hand entgegen und hilft ihm auf die Beine. »Alles in Ordnung?«

»Ja, danke«, entgegnet James und klopft sich die Kleider ab.

Das ist super, echt super. Oliver hat sich hiermit den allerbesten Ruf verschafft. Alle sehen jetzt einen Helden in ihm.

Einschließlich Allie McAndrews.

Oliver legt James eine Hand auf die Schulter. »Ich wusste gar nicht, dass hier auch Jungs Prinzessinnen sein können«, sagt er entzückt.

Einen Moment lang bleibt die Zeit stehen. Etwas flackert über James’ Gesicht – Enttäuschung. Resignation. Schmerz.

Was dann passiert, geht so schnell, dass ich es kaum mitbekomme: James holt aus und verpasst Oliver einen solchen Schlag, dass er zu Boden geht.

Puh. Schöne Aussichten für das Jahr.

Ich eile an Olivers Seite und kauere mich neben ihn. Inzwischen haben sich die Zuschauer zerstreut, aus Angst, selbst hineingezogen zu werden. Ich helfe ihm, sich aufzusetzen; er stöhnt, als er sich gegen die Wand lehnt.

»Lass mich raten«, murmelt Oliver. »Prinzessin ist hier eine Beleidigung?«

Aber ich kann nicht antworten, denn beim Blick in sein Gesicht sehe ich es: das schwarze Rinnsal aus seiner Nase, die Flecken auf seinem weißen T-Shirt.

»Oliver«, flüstere ich. »Du verlierst Tinte.«