Über das Buch

»Was für ein außergewöhnliches Paar!« Die ZEIT

Mit »Je t'aime moi non plus« wurden sie 1969 über Nacht zu Weltstars: Serge Gainsbourg und Jane Birkin, das legendäre und leidenschaftliche Glamourpaar! Er gilt als einer der kreativsten Musiker und Künstler seiner Epoche. In der Akademie von Fernand Léger lernte er malen, in Salvador Dalís Wohnung verbrachte er heimliche Liebesnächte und Boris Vian führte ihn zum Chanson. Sie wurde gefeiert als Stil-Ikone und international bekannt in Antonionis Meisterwerk »Blow up«. 1968 begegnen sich Serge und Jane bei Dreharbeiten zu einem französischen Liebesfilm – und finden die Liebe ihres Lebens. Die britische Schauspielerin und der französische Chansonnier leben ihre Leidenschaft für die Kunst so radikal und exzessiv, dass sie noch heute weltweit verehrt werden. Günter Krenn erzählt ihre legendäre Geschichte wie kein anderer, begleitet von zahlreichen Fotos und persönlichen Dokumenten.

»Eine öffentliche Glitzer-Liaison, wie es nie wieder eine zweite gegeben hat.« RollingStone

Über Günter Krenn

Günter Krenn, geboren 1961, Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Zahlreiche Publikationen zum Film u. a. über Billy Wilder, Louise Brooks und Walter Reisch. Er lebt in Wien und ist dort Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. 
Im Aufbau Verlag ist »Die Welt ist Bühne. Karl-Heinz Böhm. Die Biographie« lieferbar und im Aufbau Taschenbuch »Romy Schneider. Die Biographie« sowie »Romy & Alain. Eine Amour fou«.

ABONNIEREN SIE DEN
NEWSLETTER
DER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Günter Krenn

Serge & Jane

Biographie einer Leidenschaft

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Newsletter

Intro: Merci

Erster Satz: Lucien

Olia & Iossip

Lulu

Der gelbe Stern

Lise & Lulu

Madame Ginsburg

Zweiter Satz: Serge

Initials SG

Michèle A.

»Ihr seid verdammte Narren, wenn ihr Gainsbourgs Platte nicht kauft!«

Für die Dauer eines Liedes

Der erstaunliche Serge Gainsbourg

Béatrice & Serge

»France Gall hat mein Leben gerettet«

Initials BB

Dritter Satz: Jane

Judy & David

Jane & Andrew

John B.

Kate B.

Vierter Satz: Jane & Serge

Monsieur Bourguignon

Wäre der Zar eine Frau gewesen …

Ich liebe dich … auch nicht

Die Kommunistische Partei finanziert einen Rolls Royce

Pygmalion und Pygmalia

Rue de Verneuil 5

Melody Nelson

Baby Birkin

»Serge wollte nicht, dass jemand wächst«

»Buh!«

Mr. Birkin und das kurze Glück

Das Mädchen Johnny

Der Mann mit dem Kohlkopf

Jacques D.

Aux armes et cætera

Fünfter Satz: Gainsbarre

Der öffentliche Mann

»Ich möchte keine Puppe mehr sein«

Allein in der Festung der Einsamkeit

Bambou

Baby alone in Babylone

Reigentanz für eine tote Prinzessin

Ein neuer Lucien

Lost Song

»Pflanz’ ein paar Brennnesseln auf mein Grab«

Unsterblichkeit zu Lebzeiten?

»Der Tod ist immer präsent, wenn man kein Idiot ist«

Extro: Initials JB & SG

Bildteil

Anmerkungen

Dank

Bildnachweis

Impressum

Für Maria-Luise

Intro: Merci

Sage mir, Muse, die Taten des viel sich wendenden Mannes,

Welcher so viel geirrt …

Homer, Odyssee, 1. Buch, Vers 1–2

Entspannt und glücklich steht sie da, hat ihren Arm zärtlich auf seine Schulter gelegt. Sie trägt eine nach ihr benannte Korbtasche, seine Lippen balancieren die obligate Zigarette: Serge und Jane sind als Paar ebenso unaustauschbar wie John und Yoko oder Romy und Alain … Serge Gainsbourg und Jane Birkin lebten eine hochgradig öffentliche Beziehung, von der Medien und Öffentlichkeit gleichermaßen fasziniert waren und sind. Wie wenige andere wurden sie zu einem Paradebeispiel für ein Wunschpaar, einer Projektionsfläche für viele, trotz der erwiesenen Unmöglichkeit, im Leben länger als ein Dutzend Jahre beieinanderzubleiben. Ihre gemeinsame Geschichte mag unvollendet geblieben sein, aber sie lebt als Mythos fort. Jane und Serge waren im Leben ein Paar auf Zeit und wurden danach eines für die Ewigkeit.

Wo sie auftauchten, schrieben Beobachter, lockerte sich die Atmosphäre. »Man kann nicht anders, man befindet sich in der Gegenwart einer großen Liebe«,1 analysiert Roger Willemsen. Zwei Mal wechselte diese Liebesgeschichte par excellence ihre Form, einmal im Jahr 1980, als sie nicht mehr als Paar zusammenlebten, und zum zweiten Mal 1991, als Serge starb. Spätestens danach wurde daraus ein die Zeit überdauerndes Vermächtnis einer großen Liebe. Nach dem Tod von Serge erhob die französische Presse Jane 1991 in den Stand einer »Witwe Gainsbourg«, obwohl die beiden nie miteinander verheiratet waren und Jane längst mit einem anderen Mann zusammenlebte.

Vielleicht sollte man ihre Geschichte tatsächlich etliche Jahre nach Serges Tod beginnen lassen, mit der nun etwas älteren Frau, die sich physisch nicht mehr auf den Mann an ihrer Seite stützen kann und nun fast ein wenig ungelenk auf der Bühne vor einem Symphonieorchester steht. Ihre Arme hält sie hinter ihrem schmalen Körper versteckt oder lässt sie das Mikrophonstativ wie ein Araliengewächs umranken. Ihre Haare demonstrieren etwas ungeordnet die Idee einer Frisur. Obwohl sie Schauspielerin ist, wirken ihre Gesten impulsiv, unkontrolliert, haben nichts von Berechnung oder Inszenierung. Der Tonfall ihrer Stimme ist alltagstauglich, kann aber jederzeit auch verbalen Sonntagsstaat anlegen. Ihr Gesicht lächelt verbindlich und beinahe so, als wäre es erstaunt über die Freude, die es ausstrahlt. Wehrlos gegen die Gedanken, die sie leiten und ihr Handeln bestimmen, ihr Innerstes nach außen bringen. Ihre Miene wird zur Leinwand für die Fülle an Emotionen, über die Worte und Musik danach mehr erzählen werden. Worte und Musik eines anderen, zu dessen Sprachrohr sie bereits vor vielen Jahren wurde. Der Liederzyklus, den sie vor Publikum präsentiert, heißt Birkin/Gainsbourg: le symphonique und umfasst einundzwanzig Lieder von Serge Gainsbourg, die für ein Album erstmals für eine Stimme und ein Symphonieorchester arrangiert wurden. Erschienen ist es im Jahr 2017, ein Vierteljahrhundert nach Gainsbourgs Tod, interpretiert wird es von der zu jenem Zeitpunkt einundsiebzigjährigen Jane Birkin.

Die musikalische Metapher im Albumtitel ist gut gewählt, denn vom Wortstamm her bezeichnet Sinfonie den harmonischen Zusammenklang in einem mehrsätzigen Werk, in das man Leben und Werk von Serge und Jane metaphorisch gliedern kann. Jane Birkins symphonische Tournee ist weltweit ein großer Erfolg, von den USA über Europa bis nach Japan empfangen die Menschen sie mit stehenden Ovationen. Sie gelangt damit auch in Länder, in denen Serge zeit seines Lebens nie aufgetreten ist: »Es freut mich so sehr, solche Orte zu besuchen und somit Serge ein bisschen das Leben zu verlängern – es ist wie eine Nachspielzeit im Fußball.«2 Die CD entstand mit dem Sinfonieorchester Montreal, als Klangteppich wünschte sich Birkin eine Mischung aus »Mendelssohn und Jazz«, arrangiert von dem Pianisten Nobuyuki Nakajima, den sie 2011 in Japan kennenlernte, als sie dort bei »Together for Japan«, dem Benefizkonzert für die Opfer der Atomkatastrophe von Fukushima, auftrat.

Mit diesem Programm, Serges Liedern in ihrer Interpretation, geht Jane Birkin auf Welttournee und klingt dabei genauso, wie ihr Publikum sie in Erinnerung hat. »Ihre Stimme«, schreibt Roger Willemsen, »wird vom Windhauch ihres Atems betrieben. Zu viel Luft, zu viel Hauch. Die Silben kommen in einer Hülle aus Atemluft. Erst ist die Luft da, dann wird ein Laut in sie hineinmoduliert, ein Klang, eine Silbe.«3 Diesem Gesangsstil, den Serge Gainsbourg geprägt, ihr aufoktroyiert hat, bleibt Jane seit Jahrzehnten treu. Die tieferen Töne hält sie sicher, die für ihr pastellartiges Timbre oft zu hohen, zu denen er sie provoziert hat, wirken gepresst und stets ein wenig unsicher. »Ich bin die berühmteste Anti-Sängerin der Welt«, hat sie einmal über sich selbst gesagt, »Haben Sie mich je singen gehört? Da glaubt man doch, ich hätte gerade den Ärmelkanal durchschwommen und sei völlig außer Puste. Wenn ich mit Serge nicht einen hervorragenden Komponisten gehabt hätte, würde kein Mensch auch nur eine Platte von mir gekauft haben.«4

Jane und Serge gelten vielen immer noch als »Ideal eines Paares, eines Kraftzentrums mit eigener Gravitation«5. In le symphonique sind die beiden für die Öffentlichkeit wieder vereint, wie sie es von 1969 bis 1980, fast zwölf Jahre lang, im Leben waren und seither für die Ewigkeit zu bleiben scheinen.

Wie Serge auf das postume musikalische Projekt reagiert hätte, ist sich Jane nicht sicher. Er hatte eine klassische Musikausbildung genossen und immer wieder Melodien aus dem Fundus der Klassik mit eigenen Texten versehen, so auch bei den in Janes Auswahl enthaltenen Lost Song und Baby Alone In Babylone, nach Kompositionen von Edvard Grieg und Johannes Brahms. »Er hat klassische Musik wirklich geliebt«, erzählt Jane dem Radiosender France Info am 24. März 2017, räumt aber ein: »Ich war mir nur selten sicher darüber, was Serge dachte, doch gerade das Unvorhersehbare machte ihn so wundervoll. Aber ich kannte ihn als jemanden, der witzig und traurig zugleich war. Ich denke, er wäre bestürzt über diese Platte gewesen.« Das französische Adjektiv, das sie im Originalzitat verwendet, lautet »bouleversé«, das »erschüttert, tief betroffen, vor den Kopf gestoßen«, aber auch »völlig verändert« bedeuten kann. Eine verbale Mehrdeutigkeit, ganz im Sinne von Gainsbourgs sprachverspielten Texten.

Jane erinnert sich daran, wie sie manche der Songs ein paar Jahre nach ihrer Trennung von ihm unter seiner Leitung aufgenommen hat. Als ihr der Sinn seiner Worte bei der Interpretation bewusst wurde, weinte sie ebenso wie Serge, der sich im Tonstudio auf der anderen Seite der Glasscheibe befand. Auf eines der Lieder, Une chose entre autres/Eine Sache unter anderen, nimmt sie in Interviews Bezug, im Speziellen auf die Zeile, die übersetzt lautet: »Eines der Dinge, die du nicht weißt, ist, dass du das Beste von mir bekommen hast« und führt dazu aus: »Wenn ich bedenke, was Serge für mich empfunden hat, stimmt das. Ich hatte das Beste von ihm. Ich hatte ihn von der Zeit, als ich 21 war, bis zu seinem Tod mit 63. Wie alt war ich damals – 44? Nachdem ich ihn verlassen hatte, schrieb er für mich drei wunderschöne Alben über Menschen, die verlassen wurden. Über sich selbst. Sie sind schmerzhaft und schön und traurig.«6 Im Grunde, schließt Jane daraus zu Recht, habe die Beziehung nie ganz geendet. Was könne sie also nun, da er tot sei, anderes für ihn tun, als ihn bei sich zu tragen, wohin auch immer sie gehe, indem sie seine Worte rezitiere, sie und ihn damit am Leben erhalte, ihnen beiden eine »Nachspielzeit« gewähre?

»Es scheint, als sänge Serge Gainsbourg durch sie hindurch«, wird eine Kritik über Janes Konzert festhalten, »auch nach seinem Tode benutzt er sie noch, er inszeniert sie noch immer, wie ein Marionettenspieler aus dem Jenseits, wie damals, als er die junge Jane mit den Bambi-Augen und der berühmten Ponyfrisur für das skandalöse Foto nackt an eine Heizung kettete. Und sie lässt es zu. Noch immer. Nur mittlerweile lässt sie es bewusst zu und nicht aus Angst, ihn zu verlieren. Wie auch, er wird für immer mit ihr verbunden sein, dieser Schatten des Serges. Und Jane Birkin, das Medium, lässt es zu.«7

Ein schöneres Beispiel, bei dem ein Komponist und eine Sängerin nach deren Trennung wieder zusammenkommen, weil sie immer noch zusammengehören, sei ihr nicht bekannt, erklärt Juliette Gréco, eine andere wichtige Interpretin von Serges Œuvre. »Merci« wird die Frau auf der Bühne dazu sagen und es mehrfach wiederholen. Sich bedanken für vieles und bei vielen, vor allem aber bei dem Mann, dessentwegen sie heute noch vor einem Orchester steht und das Publikum gekommen ist. Mit seinen Worten und seinen Melodien hat sie einen Abend lang gesprochen und gesungen und wird dies weiter tun, solange sie kann.

»Merci, Serge!«

Erster Satz: Lucien

In der vergänglichen Hülle,

die man Mensch nennt,

strömt Gesang wie die Wasser

der Ewigkeit, die alles vernichten

und alles erschaffen.

Isaak Babel

Olia & Iossip

Einer Familienlegende zufolge besiegelte ein gestohlenes Ölbild die Entscheidung eines jungen, kunstsinnigen Ukrainers, sich zu Beginn der 1910er Jahre anstelle der Malerei lieber der Musik zuzuwenden. So erzählt es zumindest eine innerfamiliär tradierte Geschichte, und viele Protagonistinnen und Protagonisten der folgenden Seiten verstehen sich gut auf das Fabulieren beim Erfinden oder Umdeuten von Ereignissen. Möglicherweise begründete sich der Spartenwechsel auch auf einen gewissen Talentmangel, den sich der Jüngling bis dahin nicht eingestehen wollte und nunmehr nicht mehr musste. Er ist aschkenasischer Jude, heißt Sergej Iossip Ginzburg – der Nachname wird aus dem Kyrillischen später als Ginsburg transkribiert – und wurde am 27. März 1896 in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, geboren.8 Er hat vier Brüder und eine Schwester und sein Leben wird lange Zeit eine beinahe unendliche Odyssee werden, die fast 3000 Kilometer weit entfernt in Europa endet.

Mit fünf Jahren lebt Iossip in Mariupol am Asowschen Meer. Nachdem sein Vater Hérich im Jahre 1904 den zaristischen Einberufungsbefehl in den Japanisch-Russischen Krieg verweigert, flieht die Familie von dort nach Weißrussland und kehrt nach der russischen Niederlage im darauffolgenden Jahr wieder in die Ukraine zurück.9 Ohne Hérich allerdings, erzählt die Familiensaga, der verließ die Familie, um sich nach Westen abzusetzen, und soll dabei bis nach England gelangt sein. Es gibt neben martialischen auch andere Motive für die verbliebenen Ginsburgs, über eine Ausreise aus der Ukraine nachzudenken. Erste Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung dort werden bereits im 19. Jahrhundert verzeichnet, 1905 folgen weitere, die eine Auswanderungswelle Richtung Mittel- und Westeuropa zur Folge haben. Um Krieg und Gewalt zu entgehen, werden die Ginsburgs noch einige Reisen in ihrem Leben unternehmen müssen.

Iossip plant seine Zukunft dennoch zunächst in seinem Geburtsland, und er hat dafür sehr konkrete Pläne. Während sich die Zerrissenheit der seit Jahrhunderten immer wieder unter diversen Imperien aufgeteilten Ukraine in einer mitunter gewaltvollen Suche nach eigener Identität manifestiert, hat der junge Ginsburg seine eigentliche Heimat anderswo definiert. Das Wort Kunst, so betont er, hätte er zeitlebens stets in Großbuchstaben geschrieben. Mit neunzehn Jahren ist der begabte Pianist Absolvent eines Konservatoriums und hat es bei Musikwettbewerben bereits zu Auszeichnungen gebracht. Neben der Musik fasziniert ihn auch die Malerei. Interessiert verfolgt er zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Konflikt zwischen der traditionellen naturalistischen Darstellungsweise und dem radikalen Bruch durch die Avantgarde. Auch in dieser Kunstform versucht er sich, liefert Talentproben, ist noch unsicher, womit er sich lieber beschäftigen möchte, bis das Schicksal für ihn entscheidet. Auf einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn führt Iossip das selbst gefertigte Porträt einer von ihm verehrten Frau mit sich, eine Liebe, mindestens so ewig wie eine solche Zugfahrt, das ihm während der Reise abhandenkommt, woraufhin er schwört, nie wieder einen Pinsel in die Hand zu nehmen. Wenn die Geschichte nicht von Dostojewski, Turgeniew oder Gogol erfunden wurde, dann stammt sie wohl von Ginsburg. Fest steht, dass Iossip fortan nur mehr als Musiker tätig sein wird. Die Liebe zur Malerei wird er später an seinen Sohn vererben, und sie wird auch für diesen lebenslang eine unerfüllte bleiben.

1916 ist Iossip wieder in der Ukraine ansässig, diesmal in Jekaterinoslaw, dem späteren Dnipropetrowsk und heutigem Dnipro. Sein Ziel ist nun, dass sich sein Konterfei bald in St. Petersburg oder Moskau in einem Kupferschild an der Haustür widerspiegelt, auf dem der Titel eines Konservatoriumsprofessors zu lesen ist. Es sollte anders kommen. Seit 1914 tobt der Erste Weltkrieg, ein Teil der Ukraine steht unter der Verwaltung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, der andere gehört zum Russischen Reich. Ukrainer kämpfen also in manchen Schlachten gegen ihre eigenen Landsleute, sogenannte »Kleinrussen« auf zaristischer Seite gegen die »Ukrainische Legion« in der k.-u-k.-Armee.

Iossip entgeht einem Einberufungsbefehl vonseiten Russlands und lässt sich 1917 in Feodossija nieder, einer Hafenstadt auf der Krim, wohnt dort bei der Familie Besman in der St. Katherinenstraße, um den acht Kindern Musikunterricht zu geben. In eines davon verliebt er sich: Olia, der Name ist ein Diminuitiv von Olga, eigentlich heißt die Dame Brucha Goda Besman. Geboren am 15. Januar 1894 in Feodossija, ist sie zwei Jahre älter als er und verfügt über einen ausdrucksstarken Mezzosopran. Iossip begleitet sie am Klavier und sie ihn bald durchs Leben. Er ist geprägt von Sentimentalität und Melancholie, sie gesegnet mit Humor und Selbstironie. Das scheint eine gute Mischung zu ergeben, denn die Beziehung hält ein Leben lang. Auf frühen Fotografien posieren sie nebeneinander im Atelier. Das ordentlich gescheitelte, damals noch volle dunkle Haar Iossips wellt sich mit elegantem Schwung, sein freundliches Wesen findet seine Entsprechung in einem sanft gerundeten Gesicht, aus dem zwei Augen erst durch einen Kneifer, später durch eine Brille mit fast eulenartiger Dignität auf die Welt blicken. Am liebsten hat er Notenblätter vor Augen oder lässt, ohne etwas damit fixieren zu müssen, Musik, deren Ablauf in seinem Kopf gespeichert ist, von dort aus in die Finger strömen, deren Bewegungen sein Instrument zum Klingen bringen. Olia steht auf dem Foto hinter ihm, wie sie das symbolisch und faktisch ihr Leben lang tun wird. In ihrem hübschen Gesicht beeindrucken zwei wache Augen, die Lebenssituationen meist schneller erkennen, als ihr Mann dazu in der Lage ist. Später wird Iossip dies die glücklichste Zeit in seinem Leben nennen: 21 Jahre alt, verliebt, sein finanzielles Auskommen durch Studenten gesichert, endlich in einer freundlichen Stadt angekommen und in der Lage, sich zwei Leidenschaften hinzugeben: Olia und der Musik. Auch den Namen seiner Frau hat er wohl zeitlebens in Großbuchstaben geschrieben. Ihre gemeinsame unbeschwerte Zeit in der vertrauten Stadt hat allerdings nur als Erinnerung in Erzählungen und ein paar Fotografien die Zeit überdauert, wie sich Olias älteste Tochter fast hundert Jahre später überzeugen konnte: »Ich war im Jahr 2005 einmal in Feodossija und habe versucht, Spuren meiner Eltern wiederzufinden, aber das war ein Ding der Unmöglichkeit, da die Stadt mehrere Kriege durchlebt hatte.«10

Die Russische Revolution, die 1917, im selben Jahr, als Olia und Iossip noch von einer gemeinsamen Zukunft in der Ukraine träumen, in Petrograd ausbricht, passt gar nicht in das Zukunftsbild des jungen Liebespaares. Die sozialpolitischen Ziele der Revolutionäre in dem von zaristischem Absolutismus unterdrückten Land sind ihnen vermutlich nicht egal, sie erleben jedoch in erster Linie die Gewalt und Brutalität bei deren Umsetzung – und das auf beiden Seiten. Olia wird als Krankenschwester in ein Armeespital nach St. Petersburg beordert, an die 2000 km in Richtung Norden ans andere Ende des Reiches, wie ihre Tochter schildert: »Sie kam dort inmitten der Oktoberrevolution an und fand für meinen Vater eine Stelle als Sekretär im Krankenhaus. Er bestieg also in Feodossija mit einem großen Laib Brot als Proviant einen Zug, doch es herrschte ja bereits Krieg. Immer wieder hielten deshalb sowohl Menschewiken als auch Bolschewiken Züge an und töteten alle, die eine Uniform anhatten, darunter auch Studenten.«11 Dieser Umstand bringt Iossip in Lebensgefahr, denn ihn kleidet die für Musikstudenten übliche schwarze Uniform mit Goldknöpfen. Dass er sich bei einem solchen militärischen Überfall vor den marodierenden Soldaten einmal unter dem ausladenden Rock einer Bäuerin versteckt hat, stammt in diesem Falle nicht von Günter Grass aus dessen Blechtrommel, sondern – wiederum – von Ginsburg. Iossip trifft wohlbehalten in St. Petersburg ein und heiratet Olia dort am 18. Juni 1918. Im selben Jahr wird die Zarenfamilie als Symbol der alten Ordnung ermordet, der Entschluss der Ginsburgs, der Ukraine den Rücken zu kehren, steht zu jener Zeit bereits fest, denn Iossip möchte, ganz im Sinne der Familientradition, der Einberufung in die Armee, egal für welche Seite, entgehen. Die Machtkämpfe und das anarchische Durcheinander nach der Ermordung des Zaren nützen die Ukrainer zur Ausrufung der »Ukrainischen Volksrepublik« und erklären 1918 ihre Unabhängigkeit von Russland. Die Bolschewiken versuchen postwendend, das Land zurückzuerobern. Auf Bitten der Ukraine unterstützen deutsche und österreichisch-ungarische Truppen den neuen Staat. Die Hoffnung der Ukrainer, ihre Unabhängigkeit durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk zu gewährleisten, zerschlägt sich bald. Nach der Niederlage der Mittelmächte im Oktober 1918 stellen sowohl Polen als auch die neu gegründete Sowjetunion Ansprüche auf die Ukraine und teilen das Land 1920 unter sich auf. Bis 1991 lebt die Idee eines unabhängigen Staates nur im Namen »Ukrainische Sowjetrepublik« weiter, in diesem Jahr erlangt die Ukraine nach der Auflösung der Sowjetunion ihre Souveränität zurück, doch wie die Geschichte gezeigt hat, auch dieses Mal nicht für immer.

Ihre gemeinsame kurze Zeit in der Ukraine werden Olia und Jossip nie vergessen, die Krim ihnen ein Leben lang als verlorene Heimat verklärt im Gedächtnis bleiben. »Odessa ist fest in der Hand von Verliebten. Friedliche Leute, sanft, aber offenherzig. Die Mädchen und ihre Liebhaber zieren sich nicht. Die öffentlichen Plätze quellen über von jungen Menschen, die Händchen halten oder sich küssen«12, schreibt der französische Comic-Künstler Joann Sfar, dessen Vorfahren ebenfalls aus der Ukraine stammen und der sich eingehend mit dem Sohn der beiden Ginsburgs beschäftigen wird.

Im Jahr 1919 landen Olia und Jossip auf ihrer Flucht im georgischen Batumi, wo sie fast ein Jahr verbringen; ein Schiff, das Soldaten in den Kaukasus bringt, nimmt sie dorthin mit. Als Iossip feststellt, dass General Wrangel auch hier Männer für die »Weiße Garde« rekrutiert, geht die Reise in Richtung Westen weiter; wieder per Schiff, diesmal über das Schwarze Meer entlang der türkischen Küste. Diese Route ist gefährlich wegen der Piraten, die in diesen Gewässern regelmäßig Schiffe kapern. Die Ginsburgs kommen unversehrt davon, Olias 15-jähriger Bruder Michail, der ihnen nachreist, fällt den Freibeutern in die Hände, bleibt aber ungeschoren, sieht man davon ab, dass die Seeräuber sein Schiff plündern und ihn nackt in einem Fass im Meer treiben lassen. Er überlebt das Abenteuer, seine Geschichte wird von der Familie über viele Jahre hindurch mit phantastischen Ausschmückungen weitererzählt.

Die nächste Station der Ginsburgs ist Istanbul, das zu jener Zeit noch Konstantinopel heißt, auch dieser Aufenthalt dauert ein Jahr. Sie geben sich mit gefälschten Papieren als Türken aus und Iossip finanziert den Unterhalt der Familie als Pianist in Bars und Kaschemmen für Seeleute und anderes gewöhnliches Publikum.13 Das schmucke Türschild mit dem Professorentitel darauf existiert nur mehr in seinen Träumen, erhalten wird er es nie. Wie viele andere Ukrainer warten Olia und Iossip im Exil vergeblich auf das Scheitern der Revolution, oder zumindest die verbriefte Unabhängigkeit der Ukraine. Als sich das kommunistische Regime festigt, machen sie sich mit ihren gefälschten Dokumenten auf die Weiterreise über das Mittelmeer und landen schließlich im französischen Marseille. Viele Ukrainer wählen, dort angekommen, die Côte d’Azur als Exilort. Nicht des noblen Ambientes wegen, von dem zu jener Zeit noch keine Rede sein kann, sondern weil sie das mediterrane Klima dort an das auf der Krim erinnert. Die Ginsburgs aber reisen weiter nach Paris, wo Olias Bruder mittlerweile für das Bankhaus Louis Dreyfus arbeitet. Hier findet ihre Odyssee 1921 ihr Ende, obwohl ihr ursprünglicher Plan lautete, in der französischen Hauptstadt auf ein Visum für die USA zu warten. Doch die Stadt an der Seine fasziniert Iossip von Beginn an, er kennt sie bislang nur aus Romanen und von den Leinwänden zahlreicher Gemälde. Er liebt die farbträumerischen Bilder der Impressionisten, aber auch die des Fauvismus von Henri Matisse oder Maurice de Vlaminck, besucht Versteigerungen ihrer Bilder im Auktionshaus Hôtel Drouot. Das freilich nur als interessierter Beobachter, in den Wohnungen von Olia und Iossip werden viele Jahre hindurch nur Kunstdrucke hängen. Erst ihr damals noch ungeborener Sohn wird sein Zuhause später mit kostbaren Originalwerken schmücken können.

Das Paris jener Tage hat wenig mit der modernen Metropole von heute zu tun. Drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zählt die Stadt noch etwas weniger als drei Millionen Menschen, das rege Bauwesen der Jahrhundertwende ist abgeflaut, zahlreiche Neuankömmlinge siedeln sich eher in den Vororten, der sogenannten Banlieue an. Durch die Einwanderungswelle an Osteuropäern bilden sich Viertel, die man als »Klein-Russland« und »Klein-Polen« bezeichnet. Die soziale Durchmischung reicht dabei von Adeligen über Zivilisten (wie die Ginsburgs) bis hin zu Offizieren und Kosaken der Weißen Armee, die nun in der »Weißen Stadt« in Handwerksberufen, als Taxifahrer, aber auch als Tänzer und Musiker, etwa im »Kaukasischen Kabarett«, arbeiten.

Die Ginsburgs wohnen zunächst in der Rue de Montreuil Nr. 110 im 11. Arrondissement. Olia ist siebenundzwanzig Jahre alt, Joseph, wie sich der frankophile Iossip nun nennt, fünfundzwanzig. Ihre Angehörigen in der Ukraine haben sie zurückgelassen, von vielen Verwandten werden sie nie wieder hören oder lesen. Sie wollen endlich ihre eigene Familie gründen, in Frankreich ein neues Leben beginnen. Der liberale Freigeist Joseph siedelt sich dabei nicht wie andere russische Juden im mondänen Stadtteil Marais an, rund um die Rue de Rosiers und dem Place Saint-Paul, der im Volksmund daher »Das Platzel« genannt wurde, sondern bewusst unter Franzosen, deren Lebensart die Ginsburgs rasch annehmen. 1932 erlangt die Familie die französische Staatsbürgerschaft.

Um Geld zu verdienen, geht Joseph in seiner neuen Heimat wieder seiner Profession als Pianist nach, allerdings auch hier nicht mehr in Konzertsälen oder Konservatorien. Wie schon in Konstantinopel und anderen Städten auf ihrer Flucht sind es Restaurants, Bars und Nachtclubs in den Künstlervierteln Montparnasse, dem »Berg Parnass«, und Montmartre, dem »Berg der Märtyrer«, in denen er nun seine Fähigkeiten einsetzt. Weltbekannt werden die Lokalitäten vor allem dadurch, dass Ende des 19. Jahrhunderts Maler wie Henri Rousseau sowie im 20. Jahrhundert Amedeo Modigliani, Marc Chagall, Pablo Picasso, Ferdinand Léger oder Salvador Dalí, der von seinen Freunden seines exaltierten Wesens wegen zum »Kaiser des Montmartre« ernannt wird, hier leben und arbeiten. Die Legende von Montmartre entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als die Gegend um den Boulevard de Clichy und den Boulevard Rochechouart sich am »Anti-Keuschheitsgürtel« das Parfüm der Anrüchigkeit anlegt, mit Etablissements wie dem Élysée Montmartre, dem La Boule Noire, dem Chat Noir, vor allem aber dem Moulin Rouge, in dem der Can-Can entsteht, den Henri de Toulouse-Lautrec in Lithographien festhält und Jacques Offenbach in die Musikgeschichte einschreibt.

Mit seinen aristokratisch wirkenden Manieren und dem noblen Aussehen sticht Joseph Ginsburg deutlich aus der illustren Musikerschar Montmartres heraus, die in Etablissements vor Kleinbürgern, Spielern, Kriminellen und Prostituierten ihrer Kunst nachgehen. In der französischen Sprache kann er sich bald fast ebenso gewählt ausdrücken, wie es in seiner Muttersprache seine Art war. Freunde und Kollegen beschreiben ihn als freundlichen, stets gut gekleideten Mann. Auch Olia, oder wie sie nun in Paris genannt wird: Olga, trägt in jener Zeit zum Familieneinkommen bei, sie singt in einem Konservatorium in der Rue de Rochechouart im 9. Arrondissement. Die Ginsburgs haben sich in der französischen Umgebung gut assimiliert. Nur untereinander sprechen die beiden Eheleute Russisch und die traditionelle Küche ihrer alten Heimat spielt bei der Ernährung nach wie vor eine wichtige Rolle. Wie ihre Kinder berichten, bewahrten sich die Eltern zeitlebens die Zärtlichkeit füreinander. Joseph erträgt es nie lange, Olga traurig zu sehen, muntert sie stets auf. Bis ins hohe Alter halten sie einander beim Spazierengehen an der Hand.

Lulu

Im Jahr 1928 beziehen Olga und Joseph eine Wohnung in der Rue de la Chine Nr. 35 im 20. Arrondissement. Bis heute kein Nobelviertel, hatte es zu jener Zeit noch gänzlich vorstädtischen Charakter. Die Anzahl der vorbeifahrenden Autos war gering, die Kinder konnten gefahrlos auf der Straße spielen, darunter auch die der Ginsburgs. Nicht ihr erster Sohn Marcel, denn der erliegt 1923 mit sechzehn Monaten einer schweren Bronchitis. Nur ein paar vergilbte Fotos bleiben von ihm als Erinnerung, sein Name und die Hoffnungen, die man in sein kurzes Leben setzte. Am 1. Mai 1926 wird, die Familie wohnt noch in der Rue de Montreuil, ihre Tochter Jacqueline geboren, 23 Monate später, am 2. April 1928, kommen in der Maternité de l’Hôtel-Dieu, dem ältesten Pariser Hospital auf der Île de la Cité, unweit der Kathedrale von Notre Dame, Zwillinge zur Welt. Zuerst ein weiteres Mädchen, wie es sich Joseph wünscht, sie werden es Liliane nennen. Ein wenig später, Spitalsaufzeichnungen zufolge morgens um 4 Uhr und 55 Minuten, folgt ihr der von Olga ersehnte Knabe, den sie Lucien taufen und als Kind mit dem Kosenamen »Lulu« rufen. »Mein Bruder war natürlich das Lieblingskind meiner Mutter«, befindet seine Schwester Jacqueline mit resignativem Humor, »denn er war der einzige Sohn, und wie so manche jüdische Mutter mochte sie Knaben lieber als Mädchen. Selbst als meine Tochter und ich uns später um meine Mutter kümmerten, beteuerte sie: Ich mag nur Jungen!«14

Dass die Leben der beiden Neugeborenen ein paar Monate zuvor beinahe mit einer illegalen Schwangerschaftsunterbrechung geendet hätten, könnte selbst ein Ginsburg nicht besser erfinden, doch es entspricht den Tatsachen. In der Sommerhitze des Jahres 1927 suchte Olga im verrufenen Viertel Pigalle ein einschlägig bekanntes Etablissement auf. Sie hat bereits eine Tochter, ist wieder schwanger, möchte dieses Kind (von Zwillingen ahnt sie nichts) jedoch nicht bekommen, nicht jetzt zumindest, obwohl sie sich sehnlichst einen Sohn wünscht. Vielleicht ist sie deshalb von Zweifeln geplagt, denn bei einer gründlichen Musterung des Raumes, in dem sie auf den damals gesetzlich verbotenen Eingriff wartet, bleibt ihr Blick am Inhalt einer noch nicht gesäuberten Nierenschale haften, der sie repräsentativ für den restlichen Unrat dort nachhaltig anekelt, und sie verlässt den Ort fluchtartig.

Josephs Arbeit ernährt die Familie, oder wie sein Sohn es später formuliert: »Er hat seine Kinder mit seinen zehn Fingern in Nachtklubs großgezogen.«15 Im Vergnügungsviertel Pigalle gibt es zu jener Zeit eine Art Musikermarkt, auf dem Arbeitsmöglichkeiten in Bars, Restaurants und Bistros vermittelt werden, die Engagements dauern von einer Nacht bis zu einer Woche und werden mit bis zu 100 Francs gut entlohnt. Josephs profunde Ausbildung kommt ihm hier zugute, der in klassischer Musik versierte Ukrainer lernt die populären französischen Schlager jener Zeit schnell, kann sie auf Zuruf aus dem Publikum reproduzieren. Joseph Ginsburg wird nie zu den Größen in seiner Branche gehören, aber er ist gefragt, denn er gilt als zuverlässig, und begleitet jeweils an die sechs Stunden unterschiedliche Sängerinnen und Sänger am Klavier, spielt populäre Lieder in kleinen Bands von drei bis acht Musikern, bei Bedarf auch Jazz-Nummern, Tanzmusik, Opern- und Operettenmelodien. In den Sommermonaten, wenn viele Pariser Musiketablissements geschlossen haben, tingelt er in den Casinos von Städten wie Sète, Bordeaux, Deauville oder Biarritz. Er wird nicht reich mit seiner Profession, doch die Familie erwirbt sich einen bescheidenen bürgerlichen Wohlstand, kann sich sogar ein kleines Appartement in der Rue Caulaincourt Nr. 59 leisten, das man bis ins Jahr 1946 vermietet, um die Einkünfte dadurch aufzubessern. 1934 nimmt Joseph ein fünfmonatiges Engagement in Algier an, die gesamte Familie begleitet ihn nach Algerien, zu jener Zeit noch eine französische Kolonie, in der es in der arabischen Bevölkerung bereits fühlbar gegen das französische Protektorat gärt. Danach geht es zurück nach Paris, wo Joseph ein dreijähriges Arbeitsverhältnis im Nachtlokal Aux Enfants de la Chance (Die Kinder des Glücks) erwartet. Sein Sohn wird diesen Namen fünfzig Jahre später zum Titel eines seiner Lieder machen.

1932 ziehen die Ginsburgs in die Rue Chaptal Nr. 11 im 9. Arrondissement, wohnen dort im dritten Stock mit vier straßenseitig gelegenen Fenstern. Ganz in der Nähe befindet sich das berüchtigte Grand-Guignol-Theater, das mit grotesken Horrorstücken Theatergeschichte schreibt und dessen Sujets zum Vorbild für den Splatter-Horrorfilm werden. Vor den terriblen Abbildungen zu den Vorstellungen am Eingang gruseln sich alle drei Ginsburg-Kinder regelmäßig. Da die neue Wohnung in Pigalle situiert ist, kann Joseph zu den meisten seiner Engagements zu Fuß gehen. Er musiziert nun auch in Jazz-Bands wie den Les Blue Star Boys und den The Tortorella’s Jazz, mit denen er in Etablissements wie dem La Cabane Cubaine erfolgreich ist. Lucien Ginsburg erinnert sich, dass die Familie den Jahreswechsel immer erst im Laufe des ersten Januars feiern konnte, denn Joseph spielte zu Silvester in einem Club und kam erst in den frühen Morgenstunden nach Hause, das allerdings »in ausgelassener Laune, denn die Leute gaben ihm enorme Trinkgelder. Mit Papierhüten, Konfetti und Tröten, so dass die Kinder davon aufwachten.«16 Schräg gegenüber der neuen Wohnung logiert zu jener Zeit eine Institution, in die sich Lucien auf Anraten von Joseph einige Jahre später eintragen lassen und davon ein Leben lang profitieren wird: SACEM, die Société des auteurs, compositeurs et éditeurs de musique (Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger).

Doch bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Ihrem Wohnhaus gegenüber liegt die École Maternelle, ein Kindergarten, den der Ginsburg-Nachwuchs besucht. Ein Foto aus der Zeit Anfang der 1930er Jahre zeigt die Zwillinge an der Hand ihrer Mutter. Liliane unter einer weißen Haube, der kleine Lucien mit verschämtem Lächeln ohne Kopfbedeckung auf dem dichten schwarzen Haarschopf, beide tragen Strickkleidung. Von 1934 bis 1939 besucht Lucien die Grundschule in der nur ein paar Gassen von ihrer Wohnung entfernten Rue Blanche. In einem Roman beschreibt er fünfzig Jahre später die »Stehlatrinen meiner Schule – die alle nur einfache Schwingtüren hatten, mit Ausnahme einer einzigen, zu der jedoch nur der Lehrer einen Schlüssel besaß, man könnte glauben, dass das, was er an diesem Ort deponierte, von höherem Wert sei.«17 Dass in diesem Viertel einmal Gedenktafeln für ihn angebracht werden, kann Lucien zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Er ist kein ambitionierter, aber auch kein schlechter Grundschüler, und ihm fällt auf, dass ihn einer seiner Lehrer ständig als »der kleine Jude« apostrophiert und dies sichtlich ablehnend meint. Es ist das erste Mal, dass er mit dem Antisemitismus seiner Landsleute Bekanntschaft macht, und es wird nicht das letzte Mal sein. Lucien ist schwach in Mathematik, seine Begabungen liegen eindeutig im musischen Bereich, der Musik und der Literatur. Bis zu seinem Tod wird er ein Schulbuch mit den Gedichten des römischen Dichters Catull in seiner Bibliothek in Ehren halten. Seine ältere Schwester Jacqueline reüssiert als gute Schülerin, worunter das weniger strebsame Zwillingspaar mitunter leidet. Immerhin erhält Lucien dank erhöhtem Lerneifer mit zehn Jahren das Ehrenkreuz seiner Schule, trägt es stolz und gut sichtbar auf seinem dunklen Hemd.

Ein wenig somnambul sieht der kleine Lulu auf den Fotografien jener Zeit aus, blickt unter schweren Lidern unsicher auf eine Welt, die sich ihm erst langsam erschließen wird. In der langen Belichtungszeit der Kamera scheinen seine Ängste und Zweifel für immer eingefroren. Als Kind ist Lucien ein Einzelgänger. Während seine Schwestern ihren festen Freundeskreis haben, spielt er meistens allein. Um sein Außenseitertum zu kaschieren, gibt er in seiner Familie gern den Alleinunterhalter und perfektioniert sich dabei in einer frühen Form des Entertainments. So imitiert er mit dem Auge eines Parodisten für sein heimisches Publikum Passanten auf der Straße, manchmal bläst er dazu mit dem Mund wie auf einer Fanfare und ordnet dabei den Menschen motivische Melodien zu. »Er war wirklich unglaublich witzig«, bestätigt Jacqueline, »ein richtiger Clown. Er konnte alle zum Lachen bringen, Kinder und Erwachsene.«18 Sein Leben lang wird er sich diesen Sinn für Humor, aber auch Spott gegenüber anderen und auch gegen sich selbst bewahren.

Dass er Menschen mit Melodien verbinden kann, wie er es später erfolgreich in seinem Beruf tun wird, ist kein Zufall, denn Luciens früheste Kindheitserinnerungen sind mit Musik verbunden: »Mein Vater spielte zum eigenen Vergnügen Scarlatti, Bach, Vivaldi, Chopin oder Cole Porter. Er interpretierte Manuel de Fallas La Danse du feu oder südamerikanische Melodien. Er war ein vollkommener Pianist. Es war ein Prélude zu meiner musikalischen Erziehung: Von null bis zwanzig hörte ich das Piano meines Vaters jeden Tag meines Lebens. Das war sehr wichtig.«19 Zu seinen Kindern kann Joseph durchaus streng sein, Lucien erinnert sich später daran, dass er gelegentlich das Hinterteil mit dem Gürtel des Vaters versohlt bekam – wonach dieser sich allerdings stets dafür bei ihm entschuldigte. Manchmal ist es auch ein abgekartetes Spiel zwischen den Eltern, und die Mutter eilt rechtzeitig zu seiner Rettung herbei. Schlimmer findet es der Junge, wenn er zur Strafe im Kleiderkasten eingesperrt wird, denn er hat panische Angst vor der Dunkelheit. Wenn er weinend wieder herauskommt, lachen ihn seine Schwestern aus und bringen ihn damit ebenfalls zum Lachen.

Lucien ist ein ängstliches Kind. Wenn er sich auf seinem Feldbett in der Küche zum Schlafen legt, denn natürlich haben die beiden Mädchen das Kinderzimmer für sich, muss jemand zuerst nachsehen, ob sich etwas hinter den Vorhängen oder an anderen unheimlichen Plätzen verbirgt. Meistens erbarmt sich Jacqueline seiner, wenn er sich fürchtet, kommt dann in die Küche, wo sich die beiden so lange kichernd unterhalten, bis ein Machtwort der Eltern Ruhe einfordert. 1932 jagt Lucien ein Film aus der Fantômas-Serie mit der unheimlichen maskierten Verbrechergestalt im Zentrum solche Angst ein, dass er kurze Zeit zum Bettnässer wird. Seine ihn oftmals quälende, überbordende Phantasie wird er erst Jahre später erfolgreich für seine Karriere nutzen können.

Den Musikunterricht für seine Kinder beginnt Joseph, sobald diese vier Jahre alt sind. »Er hat mir das Klavierspiel beigebracht, mit einem Taschentuch auf der Tastatur, während er mich anschrie. Ich habe alles ihm zu verdanken«20, schildert Lucien später in einem TV-Porträt über sich. Am Anfang macht es Lucien wenig Spaß, denn der sonst so ausgeglichene, ruhige Vater ist ein gnadenloser Lehrer, herrscht die Kinder bei Fehlern an, worauf diese regelmäßig in Tränen ausbrechen. Jacqueline erinnert sich an den Unterricht: »Wir hatten oft wunde Finger. Wenn wir von der Schule nach Hause kamen, mussten wir alle der Reihe nach eine Stunde Klavier üben: Bach, Mozart, Chopin, Ravel, Debussy. Unsere armen Nachbarn hörten erst unseren Vater, der sein Repertoire durchspielte, darunter Gershwins Rhapsody in Blue und andere Klassiker. Danach übten wir drei Kinder reihum Klavier und spielten alle dasselbe, aber die armen Nachbarn sagten nichts, denn damals spielten alle Klavier, auch die Töchter des Hausmeisters auf ihren verstimmten Pianinos. Aber sobald es nach zehn Uhr abends war, wurde an die Decke geklopft, wenn es zu laut war!«21

Populäre Musik darf Lucien im Radio vorerst nicht hören, der Vater verbietet es. Joseph selbst muss die modernen Standards wiederum üben, da sie vom Publikum verlangt werden, und so vernehmen die Kinder sie dennoch regelmäßig in seiner Interpretation. Zwei Lieder aus jener Zeit wird Lucien 1987 selbst für ein Album aufnehmen: Sombre Dimanche, das bei ihm Gloomy Sunday heißt, und Mon légionnaire, das in der Öffentlichkeit vor allem in der Interpretation von Édith Piaf bekannt wird.

Eine andere berühmte Soubrette jener Tage trifft Lucien mit zehn Jahren auf seinem Schulweg: Fréhel, die eigentlich Marguerite Boulc’h heißt und auf eine pittoreske Karriere als Sängerin und Schauspielerin zurückblicken kann. Wesentlich älter aussehend als sie es mit Ende vierzig tatsächlich ist, gezeichnet von Alkohol, Drogen und einem auch sonst eher ungesunden Lebenswandel, wirkt sie auf den Schüler durch ihre massige Gestalt mit ihren ausladend theatralischen Gesten, je einem Pekinesen unter dem Arm und einem Gigolo, der ihr in einem Sicherheitsabstand folgt, wie eine obskure, faszinierende Erscheinung. Sie wird durch das Ehrenkreuz seiner Schule, das Lucien an seiner Jacke trägt, auf ihn aufmerksam, streichelt ihm durchs Haar, nennt ihn einen guten Jungen und lädt ihn auf ein Getränk ein. In der Bar L’Annexe in der Rue Chaptal Nr. 15 bekommt er von ihr einen Shirley Temple, ein alkoholfreies Mixgetränk aus Ginger Ale und Grenadine, das mit einer Kirsche garniert wird, während sie selbst ein Glas Rotwein genießt, das wohl nicht das letzte an diesem Tag war. Es amüsiert sie, dass er ihr Chanson La Coco rezitieren kann, obwohl er die Anspielung auf Kokain darin natürlich noch nicht versteht. Lucien wird diese Szene stets als seinen ersten prägenden Kontakt mit dem Showgeschäft in Erinnerung behalten. Zeitlebens zieht er, vielleicht auch deshalb, Fréhels erdiges Timbre dem kommerziell tauglicheren von Édith Piaf vor. Sein Lieblingssänger zu jener Zeit ist der Chansonier Charles Trenet, dem zu Ehren er 1981 die Hommage À Charles Trenet komponieren wird. Trenets Markenzeichen, Lieder mit einfachen, jedoch gut gewählten Worten zu singen, wird sich Lucien ein paar Jahre später zum Vorbild für seine eigene Karriere nehmen.

Mitte der 1930er Jahre liest Lucien Comics, liebt Abenteuergeschichten mit Science-Fiction-Helden und die französischen Adaptionen amerikanischer Serien, vor allem Le Journal de Mickey, eine Anthologie mit den Abenteuern von Disneyfiguren. In bunten Farben und faszinierenden Zeichnungen ersteht vor seinen Kinderaugen ein faszinierendes Universum, in das er sich eskapistisch hineinträumt. Das Stilmittel der Sprachspiele in manchen Figurennamen wie Madame Bellecour (Frau Buchhandlung) oder Monsieur Dusabot (Herr von Huf) wird er später selbst in seinen Arbeiten verwenden und dem geliebten Medium 1967 ein eigenes Chanson widmen: Comic Strip. »Komm, kleines Mädchen, in meinen Comic Strip«, heißt es darin und mit der ihm eigenen Ironie beneidet er die textlichen Möglichkeiten von Soundworten in Sprechblasen wie »WIP! CLIP! […] VLOPZIP! SHEBAM! POW! BLOP! WIZZZZZ!« Dreißig Jahre zuvor beginnt er als Kind selbst, Comics zu zeichnen, entwirft die Abenteuer von »Professeur Filippus«, wie sich Jacqueline erinnert: »Er hatte ein sehr kritisches Auge, das Auge eines Karikaturisten. Er füllte die Seiten seiner Notizbücher mit Zeichnungen, die vor allem von amerikanischen Cartoonisten und Walt Disney beeinflusst waren.«22 Dass er später in den Interpretationen von renommierten Grafikkünstlern wie Alexis Chabert, Moebius, Joann Sfar und anderen selbst zu einem Comic-Helden mutieren wird, hätte dem kleinen Lucien Ginsburg bestimmt gefallen.

Wie eine bezeichnende Metapher auf einen Mann, der sich später als Künstler mehrmals selbst erfindet und letztlich auch dekonstruiert, liest sich die Beschreibung einer Episode aus seinen Kindertagen: »Als Kind projizierte ich mich in mein Mecanno Spielzeug – ich konnte mich nach Belieben selbst zerstören und wieder zusammenbauen. Ich hatte die Anleitung dafür […] und all die Stifte dazu in der Hand.«23 Weniger, um sich selbst zu belohnen, als vielmehr, um Aufmerksamkeit zu erhalten, beginnt Lucien als Grundschüler zu stehlen, bezeichnet sich selbst später sogar als Kleptomanen. Es geht um den Reiz des Verbotenen, um das Überschreiten von Grenzen, eine Versuchung, der er zeitlebens nachgeben wird. Er entwendet Soldatenfiguren, Autos, Spielzeugpistolen aus Geschäften und verstaut sie in seinem Schulranzen. Nach Hause kann er sie nicht mitnehmen, daher verschenkt er sie großzügig an Freunde. Eines Tages wird er beim Stehlen erwischt, und der Verkäufer versohlt ihm den Hintern. Danach möchte der erzürnte Mann mit Luciens Vater sprechen, doch der Junge gibt geistesgegenwärtig eine falsche Adresse an. Letztlich hat die Sache auch ihr Gutes, denn der erwischte Dieb fühlt sich durch den Zwischenfall erniedrigt, aber auch geläutert und beendet nach dem Erlebnis frühzeitig seine Kleinkriminellen-Karriere.

Der gelbe Stern

Von 1929 bis 1936 spielt Joseph Ginsburg viele Sommer über in den Casinos von Städten wie Arcachon, Cabourg, Trouville oder Fouras. Seine Familie begleitet ihn, und Lucien beeindrucken während der Aufenthalte die eleganten Automobile reicher Sommergäste und deren mondäne Kleidung. Es ist anzunehmen, dass er die fremden Menschen beneidet und beschließt, sich später ebenfalls solche Luxusgüter zu leisten, sobald er dazu in der Lage ist. Das wird er sich erfüllen können.

Am Strand eines dieser Ferienorte, so erzählt er später, hat sich ihm die Schönheit des weiblichen Wesens zum ersten Mal eröffnet. Beim Spielen im Sand fällt ihm plötzlich ein junges Mädchen auf, das, unüblich für ein Kind, mit ruhigen, gemessenen Schritten über den Strand geht und diesen dadurch zur Szenerie einer gelungenen Selbstinszenierung werden lässt. Solch eine Selbstpräsentation buhlt um Publikum, und zumindest in Lucien hat sich ein Bewunderer gefunden. Seiner Erinnerung nach war es eine sommersprossige Blondine mit geflochtenem Haar namens Béatrice. Vielleicht hat er sich bei ihrem Namen auch von Vorbildern wie Dante inspirieren lassen, jedenfalls ist es, wie ihm sofort bewusst ist, auch wenn er es erst mit dem Abstand von Jahren so formulieren kann, ein »perfekter Moment«, wie er ihn im Leben oft vergeblich suchen wird. Etwas, das er festhalten, sich bewahren möchte, das ihn inspiriert. An diesen ersten perfekten Moment wird er sich stets erinnern. An die Sandburg vor ihm, das Rauschen des Meeres, das sich mit Klängen von Musik aus Lautsprechern vermischt, aus denen die samtige Stimme von Charles Trenet zu hören ist, die Sonne auf seiner Haut und die fremde Gestalt, die langsam vor ihm dahinschwebt. Ob er sich dabei korrekt oder metaphernhaft erinnert, sei dahingestellt, solchen besonderen Augenblicken, in denen sich viele Sinnesreize, Phantasien und Inspirationen rund um einen weiblichen Körper einstellen, wird er sein Leben lang nachjagen. Schon bald wird er derartige Impressionen in Worte und Musik transponieren können. Dass er später eine Frau namens Béatrice gleich zwei Mal heiraten wird, steht auf einem anderen Blatt der Geschichte.

Am 1.