„Es gibt Tage, da wünscht ich,

ich wär mein Hund, …

dann erschien mir die Welt vor

ganz neuem Hintergrund...!“

REINHARD MEY

© 2017 Olaf M.-Ahlers

Fotos: Olaf M-Ahlers

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7448-4239-6

Inhalt

Ein kleines Vorwort

Ich war gerade noch einmal an meinem Bücherregal – und es stimmt, die meisten Bücher haben ein Vorwort. Wenn man nun gar nicht weiß, ob überhaupt ein Buch zustande kommt, geschweige denn, ob es überhaupt jemand lesen möchte, dann macht es die Sache nicht einfacher, dieses zu formulieren. Doch ich denke, allemal Sinn – denn man kann sagen, was man mit diesem Werk vor hatte und den geneigten Lesern mitteilen, was sie auf den nächsten Seiten erwartet.

Und um es vorweg zu nehmen: wenn ich im Titel die „Alten“ schreibe, so ist das keinesfalls respektlos, sondern vielmehr liebevoll gemeint, wie man unschwer erkennen wird. Und ja,… es handelt sich hier um „noch“ ein Hundebuch.

Nun gibt es heutzutage eine Unmenge von Hundelehrbüchern und -ratgebern in den Regalen der Buchhandlungen und Bibliotheken, wo es nicht immer leicht ist, das Richtige für sich zu finden.

Nicht nur zwischen den Zeilen wird man auch in diesem Buch einige praktische und hilfreiche Tipps zum angemessenen sowie achtungsvollen Umgang mit seinem Vierbeiner finden. Vorrangig geht es aber um die wahre Geschichte meines Hundes und Freundes „Filou“ – und welche tragischen als auch lustigen Dinge um uns herum geschahen.

Dieses Buch erzählt, wie er zum echten Helfer für Menschen wurde und stellt vielleicht die damit verbundene einfache Frage: Braucht der Mensch eigentlich den Hund?

Ohne zu philosophisch werden zu wollen und wie auch immer man sich für eine Antwort entscheidet, beantwortet sich die Frage umgekehrt sehr leicht.

Auch wenn die Wahrheit für viele Hundeliebhaber/innen schmerzlich ist: der Hund braucht den Menschen nicht! Er würde über viele Generationen einfach wieder zu dem werden, was er einmal war, nämlich zu einem freien „Wolf“, der durch die Wälder zieht.

Deshalb obliegt es uns nur, sein Angebot zur Kooperation wertzuschätzen und, wer es will, dankend anzunehmen.

Wer sich einmal bewusst auf diese Reise gemacht hat bzw. macht, wird beim Herausschauen aus dem Fenster viele neue wunderbare Dinge über die Ursprünglichkeit der Natur und auch ein Stück mehr über sich selbst erfahren.

Die Begrüßung

„Mich kennen Sie ja bereits und wie heißt mein kleiner Freund hier an meiner Seite?“

Mit dem kleinen Freund ist im Übrigen ein mittlerweile ausgewachsener und durchaus muskulös stattlicher Hund gemeint, seines Zeichens und korrekt benannt ein ungarischer Jagd- und Vorstehhund.

Ein kurzer Moment der Stille trat ein sowie ein rätselratender Blick in den doch meist zufrieden scheinenden betagten Gesichtern der etwa fünfzehn Menschen, die in einem Stuhlkreis um uns herum saßen bzw. von ihren Pflegekräften, zwecks verordneter Beschäftigungszeit, um uns herum gesetzt wurden.

„Sie haben ihn alle schon mal hier gesehen“, versuche ich das jetzt fast kindlich wirkend gespannte Publikum bei der Namenssuche meines Vierbeiners zu motivieren.

Es sei hier erwähnt, dass ich bereits zum fünften Mal, im Abstand von etwa drei Monaten mit meinem Hund ein kleines Programm mache, welches zum einen der Beschäftigung und zum anderen zur Belebung der Sinne durch ein Wesen mit einer ganz anderen Art der Kommunikation dient.

Die Idee, dies zu tun, kam mir nach einem Aufruf in der örtlichen Tagespresse. Warum nicht, dachte ich, so hat mein Hund neben der physischen Beschäftigung beim Agility und Bällchenwerfen im Wald auch noch etwas Kopfarbeit und bringt nebenbei noch ein paar Leute zum Schmunzeln. Für mich war die Form des „Auftrittes“ ohnehin nichts Neues, da ich mit meiner Gitarre schon so ein paar Menschen mit eigenen und anderen bekannten Liedern bei Familienfeiern und Veranstaltungen unterhalten durfte.

Hund trifft Muse

In der Runde waren wie immer, bis auf zwei drei Neuzugängen, die gleichen älteren Herrschaften versammelt. Doch dieses Mal saßen an einem separaten Tisch, sozusagen in der zweiten Reihe, zusätzlich zwei noch relativ agil wirkende ältere Damen, die einer Basteltätigkeit nachgingen, mir aber einen Blick zuwarfen, der zu sagen schien: wir sind noch fit und brauchen keine „Delfintherapie“. Ich hörte aber die Eine hinter vorgehaltener Hand zur Anderen sagen: „Das ist aber ein Hübscher“. Ich fühlte mich kurz geschmeichelt, merkte aber dann an ihren wohlwollenden Blicken in Richtung Filou, dass ich hier eher nicht gemeint sein konnte.

Mir war die Konstellation gar nicht so recht, da gerade an diesem Tag die lokale Presse zugegen war, bestehend aus einem Zweierteam.

Da war eine sehr klug wirkende Reporterin, wohl wegen der fast übergroßen schwarz umrandeten Brille, und ein wie sich noch herausstellte sehr beweglicher, da in Folge aus allen nur denkbaren Körperstellungen heraus knipsender Fotograf. Die Zeitung war interessiert an dieser Tätigkeit und wollte in einer der nächsten Ausgaben einen illustrierten Bericht veröffentlichen. Darüber sollte aber nicht unbedingt die Überschrift „Störfeuer aus der zweiten Reihe“ stehen.

Da hob plötzlich eine mir vertraute sehr zierliche Frau aus der Runde zögerlich den Arm. Sie wirkte wie ein kleines, hinter ihrer Schulbank eingezwängtes schüchternes Mädchen, die sich einerseits ihrer Sache sicher schien, aber trotzdem die Folgen einer falschen Antwort, welche es ja hier gar nicht geben kann, befürchtete.

Und das ist auch eine besondere Erfahrung, die ich bei meinen Besuchen im Alters- und Pflegeheim gemacht habe: nämlich, dass die älteren Menschen fast wieder zu „verkindlichen“ scheinen. Meiner Meinung nach verzichten sie immer mehr darauf, ihren gerade in unserer heutigen Gesellschaft so wichtigen kommunikativen Schutzschirm aufzubauen bzw. sie investieren dafür nicht mehr ihre letzten Ressourcen. Und gerade das macht sie so authentisch und liebenswert.

Bekannt war mir die alte Dame schon deshalb, weil sie immer so stolz über den Neufundländer ihrer Tochter berichtete. Dieser würde sie bei den Besuchen im Hause der Tochter immer „liebevoll“ bewachen, indem er sich vor ihre Füße legt und sie dabei aber kaum die Couch verlassen darf.

Er schaut sie dann immer aus seinen großen fast tiefschwarzen Augen fordernd an, wenn sie mit dem Kraulen aufhört – so ihre Worte. Natürlich lasse ich sie in dem Glauben, dass das auch mit dem maßregelnden Blick einhergehende Geräusch aus den Tiefen dieses siebzig Kilogramm schweren, eher einem Grizzlybären als einem Hund ähnelnden Vierbeiner, natürlich nur ein wohl gemeintes Brummen sein kann. Auch wenn wir in diesem Fall noch lange nicht von einem „Problembären“ sprechen müssen, so hatte doch hier vermutlich das Tier die Streicheloma längst unter seine Kontrolle gebracht.

„Das ist doch der Filou?“ fährt es nun, wenn auch etwas zögerlich, aus ihr heraus.

„Genau, das ist der Filou“, sage ich im vollen Brustton und bestätige damit noch einmal den Mut meiner „Schülerin“. „Und der Name „Filou“ kommt ja aus dem Französischen und heißt frei übersetzt ein ausgekochter schlitzohriger Typ“, sage ich und „Der Filou trägt seinen Namen nicht umsonst, denn er war von seinen elf Geschwistern der Größte und der Dickste, also er hat genau und am besten gewusst, wie er an die Milch seiner Mama herankam“… und tatsächlich war es so, doch dazu später mehr.

Nachdem ich dann wieder einmal erfahren habe, dass viele der Leute um uns herum ja auch schon Hunde kennen, wie zum Beispiel den kleinen Spitz Max der ehemaligen Nachbarin, der ja so hinterhältig war, weil er den Hausmeister immer in die Waden kniff. Oder der Dackelrüde einer Cousine, der keinen Besuch auf die Couch und wenn er es dann doch geschafft hat nicht mehr herunter ließ, stellte ich in den Raum: „Ich glaube Sie kennen nicht nur Hunde, nein in jedem von Ihnen steckt auch ein „kleiner“ Hundetrainer!“

Da Selbstvertrauen nicht nur einem, in diesem Fall älteren Menschen gut tut, ist diese Aussage gleichzeitig Ansporn bei der folgenden Übung, nämlich den Hund zu sich zu rufen, „Sitz“ machen und „Pfötchen“ geben zu lassen sowie dann in der Folge als Belobigung ihm ein Leckerli zuzustecken. Natürlich ist Filou vorab in diese „Nummer“ eingeweiht und er sagt sich immer, für etwas „Taschengeld“ in Form eines Wurststückchens mache ich das Theater doch gern mit.

Doch nicht immer ist er mit dem Übungsablauf, an dessen Ende ja die leicht verdiente Beute wartet, einverstanden. Mithin kam es nämlich vor, dass ein Stück dieser frisch geräuchert geradezu duftenden Belobigung im Mund des bzw. der angehenden Hundetrainers bzw. -trainerin verschwindet, noch bevor Filou sich überhaupt in Szene setzen konnte. Ich pflege mich dann, natürlich mehr im Spaß, an die Pflegekräfte zu wenden mit der Frage, wann es denn das letzte Essen gab.

Aber natürlich hat es dann bei einigen Versuchen geklappt und ich sah stolze Newcomer der Hundetrainerszene und einen vorerst zufriedenen Vierbeiner, wenngleich sein Blick auch sagte: „Lass uns mal weiter machen im Programm, das Ende der Wurst ist ja noch lange nicht erreicht!“

Und dieser eindringliche Blick … wer ihn kennt, weiß wovon ich rede. Den haben ja auch schon die kleinen Hundewelpen drauf, nur ist es hier der „Bitte-nimm-mich-mit-Blick“. Nur merken einige der Neuhundehalter später ganz überrascht, dass sich hinter diesem schmachtenden Augenaufschlag in der Folge nicht immer nur ein romantischer gemeinsamer Mensch-Hund-Alltag verbirgt.

Bei meinem Hund Filou tritt, wenn ich seinem Ansinnen nicht sofort nachkomme, eine anatomische Besonderheit ein. So bleibt nämlich sein rechtes Auge weiterhin starr auf mich gerichtet und die Pupille des linken Auges bewegt sich nach rechts, so als ob dieses Auge kontrolliert, dass das andere Auge der Forderung auch entsprechend Nachdruck verleiht. Nicht selten fragen in diesem Fall die Leute: „Ihr Hund schielt wohl?“. In ihrer Wahrnehmung haben sie dann wohl recht.

Um nun die Teilnehmer auf meine nächste Übung im Programm überzuleiten, stelle ich die Frage: „Mit welchem Sinnesorgan arbeitet ein Hund wohl am meisten, wenn wir von den normal gebräuchlichen Nase, Augen und Ohren ausgehen?“. Zur Sicherheit frage ich meistens noch, ob sie noch ein anderes Sinnesorgan kennen, natürlich ist dies meistens nicht der Fall.

Nachdem sich die Mehrheit für die Nase entschieden hat, was ich lobend bestätige, frage ich in die Runde, wievielmal mehr wohl ein Hund besser riechen würde als der Mensch. Laut wissenschaftlicher Untersuchungen ist dies ca. über eine Million Mal, bei einigen Hunderassen, an der Spitze die Bloodhounds, sogar noch um ein Vielfaches mehr.

Natürlich habe ich die Frage schon oft gestellt und viele haben auch schon einmal die Antwort gehört, trotzdem beginnt von neuem wieder großes Rätselraten auf meine Schätzfrage. Eine Frau meint zehnmal und ein mutiger älterer Herr sagt tausendmal mehr. Als ich daraufhin sage, dass es viel mehr ist, berichtigt sich derselbe Herr und sagt jetzt: „…dann fünfhundertmal mehr“. Um keine Verwirrung aufkommen zu lassen, löse ich auf. Alle sind erstaunt über das „unfassbare Ergebnis“.

„Nun kommen wir zum praktischen Test“, sage ich „…wir wollen doch mal schauen, ob bei unserem Filou die Nase richtig funktioniert“. Alsdann lasse ich die Herrschaften in der Runde ihre Hände im Schoß übereinander legen – mit der Aufforderung, jeder solle so tun, als ob er einen Ball in den darüber geschlossenen Händen hält. Natürlich sind die beiden jetzt tuschelnden Bastlerinnen, die gerade geschäftig mit Scherenschnittarbeiten beschäftigt sind, nicht mit von der Partie.

Ich gehe nun alle Personen in der Runde ab, tue so, als ob ich jedem einen Ball gebe. Nur eine Person bekommt ihn dann aber tatsächlich, was Filou natürlich nicht sieht, weil er vorbildlich in Erwartung seiner Lieblingsübung, zur Vorführung seiner Spürnase, hinter mir auf der Decke sitzt.

Filou in Erwartung der Belohnung

Nun schicke ich ihn los mit dem Kommando „Such den Ball“. Nach ein paar Runden im Kreis mit einem hörbaren Schnaufgeräusch (zur besseren Filterung der Geruchsstoffe) entschließt er sich für einen engeren und richtigen Publikumsbereich, legt aber dann sofort seine Schnauze auf den Schoß der involvierten Person und zeigt damit auf den Ball. Darauf folgen für ihn in strikter Reihenfolge Ball, Leckerli und Applaus sowie ein Blitzlicht des Presse-Fotografen, der gerade auf dem Boden zu liegen schien, um unter einem Stuhl heraus wahrscheinlich den Schnappschuss seines Lebens zu machen, während Filous aufgestellter Schwanz samt Hinterteil kräftig hin und her schwingt. Stolz und Freude pur!

Wie Man(n) auf den Hund kommen kann

Es war ein eher trüber und feuchter Novembertag vor etwa acht Jahren. Meine Lebensgefährtin und ich fuhren zu einem uns empfohlenen Architekten, welcher gerade dabei war, ein größeres Areal am Stadtrand von Chemnitz „urbar“ zu machen, um darauf Häuser zu errichten und an Interessierte bzw. Kaufwillige zu veräußern. Wir hatten uns vorher schon ein paar Eigentumswohnungen angeschaut, was aber nie zu einer endgültigen Kaufentscheidung unsererseits führte.

Nach einer freundlichen Begrüßung saßen wir nun zum vereinbarten Termin im angenehm geheizten Büro, während der Architekt – ein etwa fünfzigjähriger mittelgroßer und sportlicher Mann – begann, in seinem Wirrwarr aus losen Blattsammlungen, welches sich über zwei große Schreibtische, ein reichhaltig bestücktes Reißbrett und große Teile des Bodens zu erstrecken schien, ein für unser Gespräch wohl sehr wichtiges Dokument zu suchen.

Wohlweislich, so mein Verdacht, bietet er seinen Kunden deshalb immer erst einmal einen Kaffee an, welchen auch wir gern und dankend annahmen, um die Zeit der offenbar obligatorischen Suche den angehenden Kunden mit Kaffeegeschmack und in der Hoffnung auf Nachsicht zu versüßen. Vielleicht machte das die Situation auch etwas entspannter, denn ein „wohlstrukturiert-süßliches“ Verkaufsgespräch mit einem Herrn im Nadelstreifen und einem bunten Hochglanz-Exposé in den Händen, hatten wir ja erst bei einer Besichtigung einer Eigentumswohnung hinter uns. Nur fragte man sich beim Betreten der Wohnung, ob der Werbefotograf sich hier mal nicht im Hauseingang geirrt hat.

„Da ist es!“ hörten wir nun den Ruf eines überglücklichen, dann auch gleich wieder sachlich und geschäftig dreinschauenden Haus- und Grundstücksplaners und zeigte in meine Richtung. Er kam auf mich zu, griff über meinen Kopf in das hinter mir befindliche Regal und breitete im Anschluss auf dem runden Besuchertisch vor uns das heilige Papier aus, eine für uns erst einmal nichts sagende schon etwas abgegriffene und vergilbte Strichzeichnung.

Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Bebauungsplan, auf dem die späteren Grundstücke entstehen sollten. Die kryptischen Linien wurden für uns langsam zu klaren Strukturen. Die Möglichkeit, frei bauen zu können, ohne Auflage einer bestimmten Hausbaunorm, so die Ausführungen des Architekten, und das eingebettet in einer schönen Landschaft am Rande des Erzgebirges, umgeben von Wäldern und Feldern, mit schneller Anbindung an die Stadt … dieses Bild begann in unserer Vorstellung Raum zu greifen und ein gewisses Interesse zu erzeugen.

Hinzu kam die eher sachliche Art des Verkaufsgesprächs, also nicht unter dem Motto „Kaufst du zwei, kriegst du drei!“, wie man das aus dem Verkaufsfernsehen kennt, wo es zur Universal-Küchenmaschine noch das zwölfte Gratis-Zubehörteil obendrauf gibt. Nein, hier hieß es: wer zuerst kommt baut zuerst, das auf einem beliebigen Grundstück im dargestellten Gelände des vor uns auf dem Tisch liegenden Grundrisses des Bebauungsplanes.

Da man dies nicht in zwanzig Minuten entscheidet und um uns etwas Zeit für weitere Fragen zu verschaffen, warf ich eine für mich anfangs unbedeutende Frage in die Runde, wie man es denn mit der Abgrenzung der Grundstücke im späteren Verlauf halten wolle. Er sehe eine grenzlose Bebauung vor, um einen „offenen Landschaftscharakter“ zu erhalten, erwiderte der Architekt.

Ich kann heute nicht mehr sagen, aus welchen Tiefen meines Unterbewusstseins nun folgender Spruch aus mir herausbrach: „Das geht bei uns leider nicht, wir würden mit Zaun bauen wollen, da wir uns einen Hund zulegen möchten!“.

Entstammte der „Zaunwunsch“ einem übermäßigen Schutzbedürfnis, was noch aus meinen Kindertagen stammte? Ich wusste es nicht, wie auch meine Lebensgefährtin nichts von dem anstehenden Hundekauf ahnte. Wie sollte sie auch, ich wusste es ja selbst vor diesem Termin nicht, noch hatten wir uns jemals über solch eine Thematik unterhalten.

Da wir beide es nie zum Kampf auf offener Szene kommen lassen würden, erhielt ich nur einen entsprechenden Seitenblick, zwar nicht unter dem Motto: “Komm du mir nur nach Hause“, sondern eher: „Wir sollten mal reden!“

Bei unserem Gegenüber muss es aber als die Meinungsäußerung einer geschlossenen Einheit angekommen sein, so dass er meinte: wenn dem so ist, sollte das kein Hinderungsgrund darstellen. Somit stand fortan neben dem vordergründigen Hausbaugedanke auch die jetzt nun einmal ausgesprochene, jedoch immer noch nicht wahrhaftige Idee eines Hundekaufs, welche sich aber bald manifestieren sollte, im Vordergrund meiner bzw. dann unserer Überlegungen.

Für den Hausbau hatten wir uns nach einigen Abwägungen entschieden. Neben den nun zwangsläufigen Planungen sowie Recherchen beispielsweise zum Thema Innenausbau, Fliesen, Badausstattung etc. kreisten meine Gedanken – und diesen folgend meine Finger auf der Computertastatur – bei der Suche entsprechender Internetseiten immer mehr auch um das Thema Hund sowie die Hunderten von Hunderassen und was man eben beim jeweiligen Erwerb und im Fortgang beachten sollte.

Vielleicht hat ja auch das schon alte germanische Zahlwort „Hund-ert" nicht nur namentlich etwas mit Hund zu tun, was natürlich nicht wirklich ernst gemeint ist. Aber immerhin gab es schon eine Vielzahl von Hunderassen im Altertum, wie kleine Schoßhündchen bei den frühen Ägyptern oder Rottweiler bei den alten Römern, die, dank ihrer nicht nur kräftigen Statur, als Kampfgefährten mit in den Krieg ziehen durften.

Wie neue Forschungen besagen, ist der Hund, anfangs noch als Abkömmling des Wolfes, schon mit Beginn der Menschwerdung soziale Bündnisse mit dem Homo sapiens eingegangen, also nicht erst seit 30.000 Jahren, wie oft behauptet wird. Damit bekam er dann auch genügend Zeit, sich in den unterschiedlichsten Größen, Formen und Farben züchten zu lassen – und das leider nicht immer nur zu seinem Nutzen. Wenn er nicht so ein feines Geruchsorgan hätte, würde er in manch einem hündischen Gegenüber gar keinen Artgenossen mehr erkennen, von den daraus resultierenden körpersprachlichen Kommunikationsproblemen mal ganz abgesehen.

Jedenfalls war ich über mich selbst verwundert, dass ich vom Hund nicht mehr ablassen konnte, zumal ich nach einem Ereignis etwa zwölf Jahre vorher schon einen Deckel auf das Thema hätte draufmachen können. Auf Wunsch begleitete ich damals einen ehemaligen Schulfreund ins nahegelegene Tierheim, da er mit dem Gedanken spielte, sich einen Vierbeiner zuzulegen. Wir standen vor dem Tor des Heimes, kein Mensch war zu sehen und auch keine Klingel, um sich akustisch bemerkbar zu machen. So öffneten wir das schmiedeeiserne Tor und traten auf den Vorplatz, umrahmt von den Rückfronten einiger Zwinger und einem Verwaltungsgebäude in Form eines langgezogenen Flachbaues.

Ohne weiter auf uns aufmerksam gemacht zu haben, öffnete sich die Tür des Gebäudes und was sich jetzt innerhalb von einer Minute abspielte, sollte mir danach wie eine Ewigkeit vorgekommen sein und eine unvergessliche Situation in meinem Leben bleiben.

Im Türrahmen zeigte sich der Kopf eines Mannes und noch bevor der Rest des Körpers dem folgen konnte, schossen zwei Hunde durch die Tür, zum einen ein Riesenschnauzer, der seinem Namen alle Ehre machte und hinterher ein oben erwähnter „römischer Kampfhund“, seines Zeichens ein Rottweiler. Mein Freund hatte derweil die Zeichen richtig erkannt und landete mit einem mehr als artistischen Sprung über das Gartentor wieder auf der Straße, während sich die zwei „Ungetümer“ zwecks nun mangelnder Alternativen allein mir zuwandten. Dabei schwang der Riesenschnauzer seine Vorderpranken auf meine Schultern und der Rottweiler packte mich am rechten Arm.

Zum Glück, muss ich heute sagen, war es gerade Winter und ich hatte dicke Kleidung an, so dass ich weniger die Zähne, sondern eher den schraubstockartigen sich verstärkenden Druck des Rottweilergebisses verspürte, das nun samt Hund an mir zu zerren begann, während sein Kumpel mir auf Augenhöhe in die meinigen starrte.

In diesem Moment nimmt man die Umwelt nicht mehr wahr, auch ich handelte nur noch aus dem Instinkt heraus, wurde auf diese Art aber zum Spielverderber der ja sowieso ungleichen und von mir auch nicht unbedingt gewünschten Rauferei. Auch wenn mein Adrenalin alle zulässigen Pegelstände zu sprengen schien, versuchte ich erst einmal festen Stand zu bekommen, auf alle Fälle den Kopf oben zu behalten, dabei meinem gerade kennengelernten Visasvis nicht den Gefallen zu tun, seinen starren Blick auch nur im Ansatz zu erwidern und meinen rüttelnden Freund in der unteren Etage soweit es ging einfach zu ignorieren. Binnen weiterer etwa dreißig Sekunden war, wie aus heiterem Himmel, der Spuk vorbei.

Als wenn ich sowieso schon immer zum „Team“ gehören würde, ließen die beiden ganz plötzlich von mir ab, begannen jetzt eher gelangweilt auf dem Boden des Vorhofplatzes zu schnüffeln, so unter dem Motto, hier draußen muss es doch auch noch etwas Interessantes geben.

Ich hatte damals zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen getroffen. Aber auch mein Wissen, dass die Hunde eigentlich nur, wenn auch sehr ehrgeizig, ihrer Aufgabe – dem Beschützen ihres Territoriums – nachgingen, hatte mich erst einmal nicht weiter zur Beschäftigung mit der Hundethematik veranlasst.

Wie sich dann aber herausstellte, konnte das meinem ganz tief in mir verwurzelten ursprünglichen Wunsch nichts anhaben. Als kleiner Junge wollte ich immer einen Schäferhund, als Ersatz flatterte aber stattdessen ein gelber Wellensittich mit dem sehr gebräuchlichen Namen Bubi durch unser Kinderzimmer. Aber ich war damals immer wieder gern bei meinem Onkel auf dem Land, der viele Tiere wie Kühe, Schweine, Tauben, mal ein verletztes Reh und eben auch einen Schäferhund hielt.

Seine Tierliebe wurde jedoch schon in Kindertagen auf eine harte Probe gestellt. Als er eines Tages stolz einen streunenden Hund mit nach Hause brachte, nahm sein Vater, mein Opa, diesen und ertränkte ihn in der Regentonne hinterm Haus. Nun geht es hier aber nicht darum, einen Mann, also meinen Großvater, der gerade traumatisiert aus der fünfjährigen russischen Gefangenschaft heimkehrte und dafür zu sorgen hatte, dass in der sehr kargen Nachkriegszeit für eine sechsköpfige Familie etwas auf den Tisch kam, zu verurteilen. Teilweise kochte man sich ja selbst Kartoffelschalen auf, was bleibt dann noch für einen vierbeinigen Mitesser.

Bei meinem Onkel hat es aber vielmehr die Liebe zum Tier und speziell zum Hund wohl eher nur verstärkt und heute, 75-jährig, hat er bestimmt seinen geschätzt zehnten Hund. Allerdings würde ich mich im Gegensatz zu ihm immer für die Variante „Haushund“ entscheiden – also für eine direkte Sozialpartnerschaft, und nicht, wie er, für die auf dem Land so oft praktizierte Zwingerhaltung.

Doch vom Grundsatz her steckt wohl eine gewisse Sehnsucht in jedem Kind, nämlich der Wunsch nach einer unerschütterlichen und verlässlichen Freundschaft – zu sehen ja auch oft in den mitunter sehr inszenierten und zu Tränen rührenden Filmen wie „Krambambuli“, „Lassie“, „Wolfsblut“, „Hachiko“, um hier nur einige zu nennen.