Maja von Vogel

Vorsicht, Strandhaie!

Kosmos

Umschlagillustration von Ina Biber, München

Umschlaggestaltung von Friedhelm Steinen-Broo, eSTUDIO CALAMAR

 

 

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© 2007, 2011 Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN 978-3-440-13001-8

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Reisefieber

»Noch drei endlos lange Schultage bis zu den Sommerferien!«, stöhnte Franzi und blinzelte in die Sonne. »Wie soll ich das bloß überstehen?«

Marie zupfte ihr Bikinioberteil zurecht, griff nach dem Glas mit Eistee, das neben ihr im Gras stand, und trank es in einem Zug leer. »Ja, ich frage mich auch, warum man die Ferien nicht einfach um eine Woche vorverlegen kann. An den letzten Schultagen läuft doch sowieso nichts mehr. Völlig vertane Zeit!«

Kim gähnte und betrachtete träge eine Wespe, die um den Kirschkuchen herumschwirrte, den Franzis Mutter ihnen vorhin nach draußen gebracht hatte. Frau Winkler backte eindeutig den besten Kuchen der ganzen Stadt, darum war auch nur noch ein einziges Stück übrig. Kim überlegte kurz, ob sie es essen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie hatte schließlich schon zwei Kuchenstücke verdrückt. Wenn sie so weiterfutterte, würde sie bald nicht mehr in ihren Badeanzug passen.

Es war ein ausgesprochen heißer Sommernachmittag. Die drei !!! hatten es sich in Franzis Garten auf der Wiese hinter dem alten Pferdeschuppen bequem gemacht, räkelten sich auf einer Decke und ließen sich von der Sonne braten.

»Ich weiß gar nicht, was ihr habt.« Kim richtete sich auf, suchte in ihrem Rucksack nach der Sonnencreme und schmierte sich sorgfältig ein. »Ist doch ganz nett, mal ein paar Tage völlig stressfrei in die Schule zu gehen. Morgen gucken wir in Deutsch einen Film, in Mathe spielen wir Vierecken-Raten, und in der Sportstunde fahren wir ins Freibad.«

»Du Glückliche«, seufzte Franzi. »Frau Pauli macht garantiert bis zur letzten Sekunde Unterricht.« Sie setzte ihre Sonnenbrille auf und goss ihren Freundinnen Eistee nach. »Ich schlage drei Kreuze, wenn es am Mittwoch nach der letzten Stunde endlich klingelt. Sechs Wochen Ferien – das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Und das Beste ist, dass wir die ersten vierzehn Tage gemeinsam verbringen. Ist euch eigentlich klar, dass wir heute in einer Woche schon an der Nordsee am Strand liegen? Wenn ich mich konzentriere, kann ich fast das Meer rauschen hören …« Franzi schloss für einen Moment die Augen und machte ein verzücktes Gesicht.

Marie warf ihr einen spöttischen Blick zu und prustete los. »Leidest du vielleicht unter akutem Ohrensausen? Ich höre nämlich absolut nichts!«

Auf Franzis Stirn erschien eine steile Falte. »Du hast eben keinen Sinn für so was. Ich finde das Meer toll. Wir haben echt Glück gehabt, noch drei Plätze für das Sommercamp ergattert zu haben. Gestern hab ich im Jugendzentrum am Schwarzen Brett gelesen, dass das Camp ausgebucht ist. Habt ihr euch mal das Sportangebot angeguckt? Steht alles im Internet auf der Sommercamp-Homepage. Total super! Ich mache auf jeden Fall beim Surfkurs mit. Vielleicht auch beim Segeln. Und schnorcheln wird ebenfalls angeboten …«

»Na toll.« Marie klang alles andere als begeistert. »Genauso hab ich mir meine Sommerferien vorgestellt. Zwei Wochen mit lauter verrückten Sportfreaks.«

»Keine Sorge, ich bin schließlich auch noch da.« Kim legte die Sonnencremeflasche weg und zwinkerte Marie zu. »Und ich belege garantiert keinen einzigen Sportkurs, darauf kannst du Gift nehmen!« Auch wenn Kim durch die regelmäßigen Joggingrunden mit Franzi und Marie schon wesentlich fitter geworden war, gehörte Sport immer noch nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. »Während Franzi surft, segelt und schnorchelt, werden wir uns von morgens bis abends am Strand aalen, ein bisschen baden, lesen und ganz viel faulenzen.«

»Das klingt schon besser.« Marie grinste, aber so richtig überzeugt sah sie immer noch nicht aus. »Hauptsache, es gibt vernünftige Duschen und die Betten sind halbwegs bequem. Von zu harten Matratzen kriege ich immer sofort Rückenschmerzen. Und das Essen ist in Jugendherbergen ja meistens auch nicht besonders gut …«

»Betten?«, fragte Kim verwirrt. »Was für Betten? Ich dachte, wir zelten.«

»Wie bitte?« Marie riss entsetzt die Augen auf. »Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Ich soll zelten

»Ups!« Franzi machte ein schuldbewusstes Gesicht. »Das hab ich wohl glatt vergessen, dir zu sagen. Das Sommercamp findet zwar auf dem Gelände einer Jugendherberge statt, aber alle Campteilnehmer schlafen in Zelten. Der Zeltplatz ist mitten in den Dünen, gleich hinter dem Strand. Im Internet stehen ein paar Fotos, sieht echt schön aus. Wenn du erst mal da bist, willst du bestimmt gar nicht wieder weg …«

»Du Biest!« Marie wurde rot vor Zorn und stürzte sich auf Franzi. »Das hast du mit Absicht gemacht! Du wusstest ganz genau, dass ich nie im Leben freiwillig an einem Zeltlager teilnehmen würde! Na warte, das wirst du mir büßen!« Sie versuchte, mit einer Hand Franzis Arme festzuhalten, während sie mit der anderen Hand begann, ihre Freundin durchzukitzeln.

Franzi quiekte in den höchsten Tönen und strampelte wild mit den Beinen. »Hör sofort auf!«, keuchte sie. »Ich krieg keine Luft mehr … Ich hab’s doch nur gut gemeint …«

»Gut gemeint? Dass ich nicht lache!« Marie kitzelte Franzi unbarmherzig weiter. »Deinetwegen muss ich jetzt zwei Wochen meiner kostbaren Sommerferien in einem sandigen Zelt verbringen. Wahrscheinlich gibt’s da haufenweise Flöhe und anderes Ungeziefer. Und jeden Abend Erbsensuppe aus der Dose – igitt! Dabei hätte ich mit meinem Vater nach Ibiza fliegen können. In ein Fünfsternehotel mit riesigem Pool. Ich darf gar nicht daran denken!«

Franzi war inzwischen knallrot angelaufen und schnappte nach Luft. Kim beschloss einzugreifen, ehe es Tote gab.

»Franzi hat dir das mit dem Zelten sicher nicht aus böser Absicht verschwiegen«, sagte sie diplomatisch. »Und jetzt tut es ihr bestimmt furchtbar leid. Oder, Franzi?«

»Ja … und wie …«, keuchte Franzi.

Marie stellte ihre Kitzelattacke ein und ließ sich zurück auf die Decke fallen. Sie sah immer noch ziemlich beleidigt aus.

Franzi setzte sich auf und atmete ein paarmal tief durch. Dann warf sie Marie einen unsicheren Blick zu. »He, bist du jetzt etwa richtig sauer auf mich?«

Marie zuckte mit den Schultern und antwortete nicht.

Franzi seufzte. »Tut mir echt leid! Ich wollte dich nicht ärgern. Aber als du letztens von dem Traumurlaub auf Ibiza erzählt hast, den dein Vater plant, dachte ich, es wäre vielleicht besser, die Sache mit dem Zelten nicht zu erwähnen … Sonst wärst du garantiert nicht mitgekommen, oder? Und ich wollte doch nur … na ja …« Franzi zögerte.

»Was wolltest du?« Marie sah ihre Freundin aus kühlen blauen Augen an.

»Ich wollte, dass wir zusammen ins Sommercamp fahren«, fuhr Franzi fort und wurde rot. »Alle drei. Ohne dich macht es doch gar keinen Spaß. Aber jetzt bläst du die ganze Aktion bestimmt ab und düst mit deinem Vater doch noch nach Ibiza. Na ja, ich kann’s dir nicht verdenken. Wenn ich die Wahl hätte zwischen Luxus auf Ibiza und Zelten an der Nordsee, würde ich mich wahrscheinlich genauso entscheiden …« Franzis Stimme wurde immer leiser, und sie ließ den Kopf hängen.

Marie schwieg einen Moment, dann seufzte sie. »Weißt du was? Du bist echt eine dumme Nuss, Franziska Winkler! Manchmal könnte ich dich glatt erwürgen.«

»Ich weiß«, murmelte Franzi kleinlaut.

»Glaubst du im Ernst, ich langweile mich lieber mit meinem Vater auf Ibiza zu Tode, als mit euch in die Ferien zu fahren?« Marie schnaubte verächtlich. »Dann bist du wirklich noch verrückter, als ich dachte.«

Franzi hob mit einem Ruck den Kopf. »Heißt das, du kommst mit ins Sommercamp?«

Marie nickte. »Und ob! Ohne mich seid ihr doch total aufgeschmissen.« Sie strich sich zufrieden über ihren flachen, sanft gebräunten Bauch. »Und meinen Luxuskörper kann ich an der Nordsee genauso gut bräunen wie auf Ibiza. Strand ist schließlich Strand, stimmt’s?«

»Stimmt!« Franzi fiel ihrer Freundin erleichtert um den Hals. »Mann, du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt!«

Marie grinste. »Strafe muss sein.«

Kim sprang auf. »Damit ist unser erster gemeinsamer Urlaub beschlossene Sache. Das sollten wir unbedingt mit unserem Powerspruch besiegeln.«

Marie und Franzi erhoben sich. Die drei Freundinnen stellten sich im Kreis auf, streckten die Arme aus und legten die Hände übereinander. Dann riefen sie im Chor: »Die drei !!!«

»Eins«, flüsterte Kim, »Zwei!«, murmelte Franzi, »Drei!«, sagte Marie. Zum Schluss hoben sie gleichzeitig die Hände in die Luft und riefen: »Power!!!«

 

Detektivtagebuch von Kim Jülich

Mittwoch, 21:08 Uhr

Endlich ist es so weit, der letzte Schultag ist überstanden. Wir haben Sommerferien!!! Mein Zeugnis ist zum Glück ganz gut ausgefallen, sodass Mama nicht meckern konnte. Ganz im Gegensatz zu den Zeugnissen von Ben und Lukas. Die beiden sind stinkfaul und haben außer Fußball höchstens noch dumme Flausen im Kopf. Immerhin haben sie mit Ach und Krach die Versetzung aufs Gymnasium geschafft. Mama war trotzdem alles andere als zufrieden und hat ihnen heute Mittag erst mal eine lange Standpauke gehalten. Geschieht den beiden Nervensägen recht!

Aber im Grunde ist es mir völlig egal, wie die Zeugnisse meiner Zwillingsbrüder aussehen. Das Einzige, woran ich im Moment denken kann, ist unsere bevorstehende Reise an die Nordsee. Morgen früh um 08:01 Uhr fährt unser Zug. Ich freu mich schon riesig! Franzi, Marie und ich werden bestimmt eine super Zeit haben.

Tja, und darum wird das auch vorerst der letzte Eintrag in mein Computertagebuch sein. In der Jugendherberge gibt es keinen Computerraum, und Mama hat mir nicht erlaubt, ihren Laptop mitzunehmen. Sie hat Angst, dass Sand hineinkommt und er kaputtgeht. Aber eigentlich benötigen wir auch keinen Computer, denn wir haben beschlossen, die Detektivarbeit in den Sommerferien ausnahmsweise mal ruhen zu lassen. Auch die fleißigsten Detektivinnen brauchen hin und wieder eine Pause. Und fleißig waren wir in letzter Zeit wirklich! Ich kann’s immer noch kaum glauben, dass wir schon sieben Fälle erfolgreich gelöst haben, seit wir unseren Detektivclub gegründet haben. Nicht schlecht, oder?! Das hat zwar superviel Spaß gemacht, war aber auch ganz schön stressig.

Inzwischen ist der Detektivclub leider nicht mehr ganz so geheim wie am Anfang. Vor allem unser letzter Fall hat für ganz schönes Aufsehen gesorgt. Danach sind wir in der Schule andauernd von irgendwelchen Leuten darauf angesprochen worden. Das war vielleicht ein Rummel! Eine Weile ist es ja ganz nett, von seinen Mitschülern bewundert zu werden, aber auf Dauer nervt das echt. Ich hoffe, dass sich die Lage während der Sommerferien etwas beruhigt und wir im neuen Schuljahr wieder in Ruhe ermitteln können.

Beim letzten Fall hatten wir außerdem ziemliche Probleme mit einem nervigen Fan. Diese Sabrina war so begeistert von unserem Detektivclub, dass sie uns ständig nachgelaufen ist, um in unserer Nähe sein zu können. Ist das nicht total verrückt? Zum Glück hat sie inzwischen eingesehen, dass das eine total dämliche Aktion war, und lässt uns seitdem in Ruhe. Manchmal kann Erfolg ganz schön anstrengend sein!

Darum freue ich mich umso mehr auf das Sommercamp. In den nächsten zwei Wochen ist nichts als Erholung angesagt. Juchhu!

Hiermit erkläre ich das Detektivbüro für vorübergehend geschlossen. Die drei !!! machen Ferien!

 

Geheimes Tagebuch von Kim Jülich

Mittwoch, 21:31 Uhr

Warnung: Lesen für Unbefugte (alle außer Kim Jülich) streng verboten! Vor allem für Ben und Lukas – wehe, ihr fummelt an meinem Computer herum, während ich weg bin! Dann könnt ihr was erleben, ihr neugierigen, kleinen Nerv-Kröten!!!

Obwohl ich mich total auf die Ferien freue, gibt es eine Sache, die mich ziemlich fertigmacht: Ich werde Michi zwei Wochen lang nicht sehen! Das ist mir erst heute Nachmittag so richtig klar geworden, als ich mit Franzi und Marie im Café Lomo saß, um auf den letzten Schultag anzustoßen. Plötzlich tauchte Michi auf, und sein Lächeln hat mich mal wieder fast vom Sessel gehauen. Der Typ ist einfach zu süß für diese Welt!

Wir haben ein bisschen gequatscht und über die Ferien geredet – es war supernett. Hinterher hat mich Michi sogar noch auf seinem Mofa nach Hause gebracht. Ich habe es natürlich total genossen, eng an ihn geschmiegt durch die Straßen zu brausen. Na ja, wenn man das überhaupt »brausen« nennen kann, Michis Mofa ist nämlich nicht gerade das schnellste. Eigentlich tuckert es eher durch die Gegend. Trotzdem war ich wunschlos glücklich – bis wir vor unserem Haus anhielten und uns verabschieden mussten. Da hätte ich mich am liebsten in Michis Arme geworfen und ihn nie wieder losgelassen. Zum Glück konnte ich mich im letzten Moment beherrschen.

Ich glaube, Michi ging unser Abschied auch ziemlich nahe. Er hat mich gefragt, ob ich ihm eine Postkarte schreibe, und ich hab es ihm versprochen. Dann hat er seinen Helm abgenommen und mir einen Kuss auf die Wange gegeben. Das hat er noch nie gemacht! Seine Lippen waren total weich, und ich bin beinahe dahingeschmolzen. Am liebsten hätte ich die Zeit angehalten und diesen Moment ewig in die Länge gezogen.

Leider tauchten die nervigen Zwillinge genau im falschen Augenblick auf. Sie haben ein untrügliches Gespür dafür, wann sie am meisten stören. Ben streckte mir die Zunge heraus, und Lukas wollte wissen, wie schnell Michis Mofa fährt – da war die romantische Stimmung natürlich dahin. Aber wenn ich die Augen schließe, kann ich immer noch Michis Lippen auf meiner Wange spüren …

Michi – wie soll ich es nur zwei Wochen ohne dich aushalten?

Auf ans Meer!

»Willst du dir nicht ein paar belegte Brote für die Fahrt machen?«, fragte Frau Jülich und köpfte ihr Frühstücksei. »Ihr sitzt schließlich ganz schön lange im Zug.«

Kim schüttelte den Kopf. »Marie bringt Brötchen mit und Franzi einen Kuchen von ihrer Mutter. Ich bin für die Getränke zuständig.«

»Und für die Süßigkeiten, stimmt’s?«, sagte Lukas und schnappte sich das Nutellaglas. »Kims ganzer Koffer ist nämlich voller Schokolade und Gummibärchen.«

Frau Jülich runzelte die Stirn. »Tatsächlich? Du solltest wirklich nicht so viel Süßes essen, Schatz, das ist gar nicht gesund. Warum nimmst du nicht lieber ein paar Äpfel mit?«

Ben grinste. »Genau! Die alte Planschkuh ist schließlich schon fett genug.«

Kim wurde rot vor Wut: »Halt die Klappe, du Zwerg! Ich bin überhaupt nicht fett!« Sie warf den Zwillingen einen ärgerlichen Blick zu. »Habt ihr etwa in meinem Koffer gewühlt? Ihr spinnt wohl! Das geht echt zu weit.«

Lukas leckte genüsslich die Schokocreme von seinem Messer. »Reg dich ab. Wir wollten nur sichergehen, dass du nichts vergessen hast.«

»Leg sofort das Messer weg, Lukas«, befahl Frau Jülich streng. »Was sind denn das für Manieren? Außerdem wisst ihr doch, dass ihr in Kims Zimmer nichts zu suchen habt.« Dann wandte sie sich an ihre Tochter. »Soll ich dir etwas Obst einpacken? Oder ein paar Müsliriegel?«

»Ich hasse Müsliriegel, das weißt du ganz genau«, murmelte Kim genervt. Warum musste sich ihre Mutter eigentlich ständig in ihre Ernährungsgewohnheiten einmischen?

»He, hört euch das an!« Herr Jülich, der bisher ganz in die Morgenzeitung vertieft gewesen war, begann einen Artikel laut vorzulesen: »Juwelenraub in Hamburg immer noch nicht aufgeklärt. Auch drei Monate nach dem dreisten Überfall auf ein bekanntes Juweliergeschäft in der Hamburger Innenstadt gibt es von den Tätern keine Spur. Uhren, Schmuck und Edelsteine im Wert von mehreren hunderttausend Euro blieben bisher ebenfalls wie vom Erdboden verschluckt. Die Polizei erklärte gestern auf einer Pressekonferenz …«

Der Rest ging in lautem Gebrüll unter. Ben hatte Lukas das Nutellaglas aus der Hand gerissen, woraufhin Lukas seinem Bruder einen Becher heißen Kakao über die Hose gegossen hatte. Frau Jülich sprang auf, um die beiden Streithähne zu trennen. Kim seufzte. Sie war froh, dass sie sich in den nächsten vierzehn Tagen ausnahmsweise einmal nicht mit den beiden Nervensägen herumärgern musste.

Ihr Vater ließ sich von dem allgemeinen Chaos um ihn herum nicht aus dem Konzept bringen. Er las in aller Ruhe den Artikel zu Ende und verkündete zufrieden: »Wenn ich so was höre, bin ich wirklich froh, dass ich in einem kleinen Familienbetrieb angestellt bin und nicht in einem von diesen noblen Großstadt-Juwelierläden. Da wird alle naselang eingebrochen – das ist doch schrecklich!«

Herr Jülich war Uhrmacher und interessierte sich für alles, was mit Uhren und Schmuck zu tun hatte. Sein absolutes Steckenpferd waren Kuckucksuhren. In seiner Freizeit verbrachte er Stunden in seiner Hobbywerkstatt und bastelte die ausgefallensten Modelle.

Kim warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stopfte sich schnell den Rest ihres Marmeladenbrotes in den Mund. »Mist, schon Viertel vor acht!«, nuschelte sie. »Wir müssen los, sonst verpasse ich noch den Zug.«

»Tschüss, Planschkuh!«, rief Ben, während Lukas wie ein Verrückter auf und ab hüpfte und heftig winkte. Dabei war der Zug noch gar nicht losgefahren.

Kim stand neben Franzi und Marie vor dem letzten Wagen und ließ die Ermahnungen ihrer Mutter über sich ergehen.

»Ruf sofort an, wenn ihr da seid, okay? Und iss nicht nur Süßigkeiten, sondern auch mal was Vernünftiges. Hast du deinen Schlafsack dabei? Und die langen Unterhosen?«

Marie und Franzi kicherten.

»Mama!«, zischte Kim vorwurfsvoll und lief knallrot an. »Wir haben Hochsommer, und es ist total heiß, was soll ich denn da mit langen Unterhosen?«

»Am Meer weht auch im Sommer ein ganz schön frischer Wind«, verteidigte sich Frau Jülich. »Aber wenn du dir unbedingt eine Blasenentzündung holen willst – bitte!«

Kim verdrehte die Augen. Zum Glück wurde in diesem Moment die Abfahrt des Zuges angekündigt.

»Wir müssen jetzt einsteigen«, sagte Kim erleichtert und umarmte ihre Mutter zum Abschied. Ben und Lukas schnitten wilde Grimassen, und Kim streckte ihnen die Zunge heraus.

Auch Franzi verabschiedete sich von ihren Eltern, die sich im Gegensatz zu Kims Mutter dezent im Hintergrund hielten. Maries Vater war schon wieder losgedüst, weil in zwei Stunden sein Flug nach Ibiza ging. Kaum waren die drei !!! in den Wagen geklettert, schlossen sich auch schon die Türen, und der Zug fuhr los.

»Das wurde aber auch Zeit«, seufzte Kim und winkte ihrer Mutter zu, die immer noch auf dem Bahnsteig stand und ein weißes Taschentuch schwenkte. »Dieses Theater hätte ich keine Sekunde länger ausgehalten.«

»Reg dich nicht auf.« Franzi grinste. »Ab sofort hast du zwei Wochen Ruhe vor deiner Familie.«

»Genau.« Kim machte ein zufriedenes Gesicht und griff nach ihrer Reisetasche. »Und das muss gefeiert werden, Leute. Jetzt suchen wir uns erst mal Plätze, und dann gebe ich eine Runde Gummibärchen aus. Na, wie klingt das?«

»Hört sich gut an. Nordsee, wir kommen!« Marie schnappte sich ihren riesengroßen, knallroten Rollkoffer und das dazu passende Beautycase und steuerte zielsicher das nächste Abteil an.