Cover

Das grünschwarze Wasser leuchtet geheimnisvoll in der untergehenden Sommersonne. Der Abend könnte nicht schöner sein, als Greta, Alex und Tochter Smilla mit dem Boot zur kleinen Insel in der Mitte des Sees fahren. Greta bleibt am Ufer, während die anderen beiden neugierig auf Entdeckungstour gehen. Aber sie kommen nicht mehr zurück. Beunruhigt macht sich Greta auf die Suche – doch von Alex und Smilla fehlt jede Spur … In ihrer wachsenden Verzweiflung wendet sie sich an die Polizei. Schnell wird klar, dass Gretas eigene Geschichte ebenso große Rätsel aufwirft wie das Verschwinden ihrer Lieben. Und die Frage: Hat sie etwas damit zu tun?

Caroline Eriksson, 1976 geboren, hat Sozialpsychologie studiert und als Personalberaterin gearbeitet. Der Roman Die Vermissten hat ihr den internationalen Durchbruch eingebracht. Er erscheint weltweit in über 25 Ländern und wurde in Schweden zum Überraschungsbestseller des Jahres. Caroline Eriksson lebt mit ihrer Familie in Stockholm.

Caroline Eriksson

DIE VER
MISS
tEN

PSYCHOTHRILLER

Aus dem Schwedischen
von Wibke Kuhn

Die schwedische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel
De Försvunna bei Bokförlaget Forum in Stockholm.

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Copyright © der Originalausgabe 2015 Caroline Eriksson

By arrangement with Bonnier Rights, Stockholm.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016

Penguin Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München

Umschlagmotiv: © Insel / Gettyimages, shutterstock

Redaktion: Annika Krummacher

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-19946-3
V004

www.penguin-verlag.de

Für meine Großeltern
Für die Wochen im Sommerhäuschen
Für die Pfannkuchen und Köttbullar
Für die aufrichtige Unterstützung meiner Schriftstellerei
Und für alles andere

1

Das kleine Motorboot teilt das grünschwarze Wasser mit der Präzision eines Messers. Die Sonne steht tief, der Spätsommerabend neigt sich dem Ende zu. Ich sitze im Bug, schließe die Augen wegen der Wassertropfen, die mir ins Gesicht sprühen, und bekämpfe die Übelkeit, die im Rhythmus der Bootsbewegungen in meinem Körper mitwogt. Wenn er nur ein bisschen langsamer fahren würde, denke ich. Und als könnte er meine Gedanken lesen, drosselt Alex das Tempo. Langsam drehe ich mich zu ihm um. Er sitzt im Bootsheck und lässt die Hand auf der Ruderpinne des Außenbordmotors ruhen. Seine ganze Erscheinung strahlt Maskulinität und Kontrolle aus. Der rasierte Schädel, die markante Kieferpartie und die konzentrierte Falte über der Nasenwurzel. Normalerweise nennt man einen Mann nicht »schön«, aber Alex ist es einfach. Das fand ich schon immer. Und das finde ich heute noch.

Ohne Vorwarnung stellt er den Motor ganz aus. Das Boot sinkt in einer bogenförmigen Bewegung zurück ins Wasser. Smilla gerät auf der Ruderbank zwischen uns ins Schwanken, und ich beuge mich vor und fange sie auf, halte sie am Rücken fest, bis sie das Gleichgewicht wiedergefunden hat. Instinktiv ergreift sie mit ihren kleinen Fingern meine Hand, und mich durchflutet eine warme Welle. Jetzt, da die Luft nicht mehr vom knatternden Motorengeräusch erfüllt ist, bleibt nur noch die Stille. Smillas dünnes flachsblondes Haar kringelt sich im Nacken, keine Handbreit von meinem Gesicht entfernt. Gerade will ich mich vorbeugen und die Nase in den weichen Strähnen vergraben, da streckt Alex die Hände nach den Rudern aus.

»Willst du’s mal versuchen?«

Sofort lässt Smilla mich los und steht eifrig auf.

»Na, komm schon«, meint Alex lächelnd, »dann zeigt dir der Papa, wie man rudert.«

Er hält ihr die Hand hin und stützt sie auf dem kurzen Weg zum Heck des Bootes. Sie setzt sich auf seinen Schoß und streicht ihm zufrieden über die Knie. Alex erklärt ihr, wie sie die Ruder halten muss, dann legt er seine eigenen Hände über ihre und beginnt mit langsamen Bewegungen zu rudern. Smilla gluckst so vergnügt, wie nur sie es kann. Ich starre das kleine Lachgrübchen auf ihrer linken Wange an, bis mein Blick verschwimmt. Da drehe ich mich um zum See und verliere mich in seiner Weite.

Alex behauptet, dass er »sicher einen offiziellen Namen hat, irgendwo in einem Register«, dass ihn hier in der Gegend aber niemand anders nennt als Maran – den Nachtmahr. Doch bei dieser Auskunft belässt er es nicht. Er erzählt Geschichten über den See, eine schlimmer als die andere, und wozu dieses Gewässer angeblich fähig sein soll. Schauermärchen, dass das Wasser seit Langem verhext sei und dass seine Bösartigkeit in die Menschen sickere, ihre Sinne verwirre und sie schreckliche Taten begehen lasse. Erwachsene und Kinder sind in dieser Gegend schon spurlos verschwunden, Blut ist vergossen worden. Das behaupten zumindest die Sagen. Ein klagendes, unheimliches Echo hallt übers Wasser und reißt mich aus meinen Überlegungen. Ich wende mich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen ist, und ahne aus dem Augenwinkel, dass Alex und Smilla dasselbe tun. Da erklingt es wieder. Ein tiefer, knarrender Laut, der sich zu einem heiser heulenden Schrei steigert. Irgendetwas flattert, und ein Stückchen vor uns bewegt sich ein dunkler Schatten auf die Wasseroberfläche zu. Im nächsten Augenblick ist er verschwunden, offenbar vom See verschluckt. Ohne das geringste Platschen oder Wasserkräuseln. Alex legt einen Arm um Smilla und deutet mit dem anderen auf die Stelle.

»Das war ein Seetaucher«, erklärt er. »Ein Vogel aus der Urzeit, sagen manche Leute. Wahrscheinlich wegen diesem Geräusch, das finden viele unheimlich.«

Er wendet sich zu mir, aber ich sehe Smilla an und weiche seinem Blick aus. Lange und konzentriert späht Smilla zu der Stelle, wo der Seetaucher verschwunden ist. Schließlich dreht sie sich zu Alex um und fragt besorgt, ob der Vogel nicht bald zum Atmen hochkommen muss. Er lacht, streicht ihr übers Haar und meint, dass der Seetaucher mehrere Minuten unter Wasser bleiben könne. Sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Außerdem, so fügt er hinzu, taucht er selten an derselben Stelle wieder auf, an der er verschwunden ist. Alex ergreift erneut die Ruder und rudert das letzte Stück allein. Smilla sitzt in der Mitte des Bootes und hat mir den Rücken zugewandt. Ich studiere ihr Profil schräg von hinten, die weiche Rundung ihrer Wange, während sie den Blick weiter suchend über die Wasseroberfläche schweifen lässt. Der Gedanke an den Vogel lässt sie nicht los, wo er jetzt sein mag und wie er so lange unter Wasser bleiben kann. Ich hebe die Hand, um ihr beruhigend über den schmalen Rücken zu streichen. Genau in diesem Moment rutscht Smilla ein Stück zur Seite und dreht den Kopf weg, sodass ich ihr Gesicht nicht mehr sehen kann. Alex lächelt sie an, und ich merke, dass sie zurücklächelt. Vertrauensvoll. Zuversichtlich. Wenn Papa sagt, dass der Vogel zurechtkommt, dann ist das auch so.

Jetzt sind es nur noch gut zehn Meter bis zur Insel. Der kleinen Insel mitten im Maransee. Dorthin sind wir unterwegs. Ich starre ins Wasser, versuche, es mit dem Blick zu durchdringen. Allmählich kann ich den Grund unter uns erahnen, er ist zugewuchert mit sachte wogenden Wasserpflanzen. Es wird immer flacher. Das Seegras steigt nach oben und greift nach dem Rumpf wie schleimig grüne Finger. Lange Schilfhalme erheben sich neben dem Boot und neigen sich über unsere Köpfe. Als wir im flachen Wasser angekommen sind, steht Alex auf und geht an Smilla und mir vorbei. Das Boot schwankt. Ich klammere mich an den Bootsrand und mache die Augen zu, bis es wieder still daliegt.

Alex schlingt ein Tau um den nächsten Baumstamm und macht das Boot sorgfältig fest. Dann streckt er die Hand aus, und Smilla knöpft sich in dem Moment die Schwimmweste auf, als sie sich an mir vorbeidrängelt. Dabei steigt sie mir auf den einen Fuß und rammt mir versehentlich den Ellenbogen in die rechte Brust. Ich stöhne laut auf, aber sie merkt es nicht. Oder sie merkt es, kümmert sich aber nicht darum. Sie ist so erpicht darauf, zu ihrem Papa zu kommen, dass alles andere unwichtig ist. Dass Alex Smillas große Liebe hier auf Erden ist, würde niemand anzweifeln, der die beiden zusammen sieht. Als wir vorhin vom Wochenendhäuschen zum Bootssteg gingen, lief beziehungsweise hüpfte sie natürlich an Alex’ Seite. Die Sonnenstrahlen fielen schräg durch das Blattwerk der Büsche am Rand des schmalen Waldwegs und mischten sich mit Smillas begeistertem Geplauder. Bald würden Papa und sie auf einer Insel an Land gehen. Wie richtige Piraten. Smilla war nämlich eine Piratenprinzessin, und Papa könnte doch vielleicht der Piratenkönig sein, oder? Smilla lachte und zog Alex an der Hand, sie konnte gar nicht schnell genug zum See kommen. Ich ging mit ein paar Schritten Abstand hinter den beiden her.

Jetzt blicke ich zu ihnen auf. Dort stehen sie nebeneinander, Smilla lehnt sich an Alex und hat ihre kleinen weichen Arme um seine Beine geschlungen. Eine unzertrennliche Einheit. Vater und Tochter. Die beiden an Land, ich noch im Boot. Jetzt streckt Alex mir die Hand hin und hebt auffordernd die Augenbrauen. Ich zögere, und das merkt er.

»Jetzt komm schon. Es war doch als Familienausflug gedacht, Schatz.«

Er grinst. Meine Augen wandern zu Smilla, unsere Blicke treffen sich. Ihr kleines Kinn ist irgendwie besonders, ihre Art, es entschlossen vorzuschieben.

»Geht ruhig ohne mich«, sage ich mit brüchiger Stimme. »Ich warte hier.«

Alex unternimmt noch einen halbherzigen Versuch, mich zum Mitkommen zu bewegen, aber als ich erneut nur den Kopf schüttle, zuckt er mit den Schultern und wendet sich Smilla zu. Er reißt die Augen auf und macht eine Grimasse, woraufhin ihre Augen vor lauter Erwartung zu leuchten beginnen.

»Nehmt euch in Acht, ihr Inselbewohner, hier kommen Piratenpapa und die Piratenprinzessin Smilla!«, ruft Alex. Dabei hebt er Smilla hoch, wirft sie sich über die Schulter, dass sie vor Vergnügen quiekt, und läuft dann mit ihr die Böschung hoch. Die Insel ist auf der einen Seite steiler als auf der anderen, und wir haben an der steilen Seite angelegt. Aber Alex lässt sich von der Steigung nicht ausbremsen. Ich kann die Milchsäure in seinen Beinmuskeln geradezu spüren. Und das schwindelerregende Gefühl in Smillas Bauch, während sie so über seiner Schulter hängt und mitwippt. Dann erreichen sie den höchsten Punkt und verschwinden aus meinem Blickfeld.

Ich bleibe sitzen und lausche dem Klang ihrer Stimmen, die sich allmählich in der Ferne verlieren. Nach einer Weile beuge ich mich vor und massiere mir vorsichtig das steife, schmerzende Kreuz. Aus irgendeinem Grund bücke ich mich noch ein Stück weiter, lehne mich über die Reling. Das Wasser unter dem Boot ist jetzt beinahe glatt, der See hat sich meinen Blicken verschlossen. Ich kann nicht mehr sehen, was sich unter seiner Oberfläche verbirgt. Das Einzige, was von unten zurückstarrt, sind die zersplitterten Konturen meines eigenen Spiegelbilds. Und dann lasse ich sie einfach kommen, die Erinnerungen an die Ereignisse von gestern Abend und heute Nacht. Jedes Wort, jede Bewegung lasse ich Revue passieren, und dabei fixiere ich die ganze Zeit die Reflexion meiner eigenen Augen, die dort unter mir auf dem Wasser schwimmt. Bei jedem Fragment, das ich dem Ablauf der Geschehnisse hinzufüge, sehe ich, wie sich der Blick im Wasser weiter verfinstert. Unwillkürlich fasse ich mir an den Hals. Das geht eine Weile so. Ein paar Minuten. Eine Ewigkeit.

Dann blinzle ich, und es fühlt sich an, als würde ich aus einem Dämmerschlaf erwachen, als hätte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Wie lange habe ich hier gesessen? Ich schaudere und schlinge meine Arme um den Körper, um mich ein bisschen zu wärmen. Die Sonne versinkt hinter den Baumwipfeln, blutrote Streifen ziehen über den Himmel. Als sich eine kühle abendliche Brise erhebt, fange ich endgültig an zu frieren. Ich recke mich und horche nach Geräuschen, aber ich kann weder Alex’ vergnügtes Rufen noch Smillas helles Gekicher hören. Das Einzige, was ich noch vernehme, sind die trostlosen Laute des Seetauchers, jetzt aber nur noch aus der Ferne. Ich zittere. Sollten sie nicht langsam fertig sein mit ihrem Piratenspiel und der Erforschung der Insel? Aber dann denke ich an Smillas Fröhlichkeit. Und weiß, dass sie bestimmt nicht bereit sein wird, so schnell von ihrem Abenteuer zu lassen. Wahrscheinlich haben sie die Insel einmal ganz umrundet. Vielleicht spielen sie in diesem Moment gerade Verstecken auf der anderen Seite. Vielleicht kann ich sie deswegen nicht mehr hören.

Ich schließe die Augen und denke daran, wie sie heute Morgen in der Küche herumgetobt haben. Alex’ Energie und die engelsgleiche Geduld, die er beim stundenlangen Spielen aufbringt. Da wären alle anderen Väter längst ausgestiegen. Komm, mein Schatz, wir gehen zurück zum Boot, Mama wartet auf uns. So etwas würde Alex nie sagen. Er ist ein guter Vater. Ich schlage die Augen auf. Noch einmal beuge ich mich über den Bootsrand und fühle, wie mein Blick von der immer dunkler werdenden Wasseroberfläche angezogen wird.

Guter Vater.

Guter Vater.

Guter Vater.

Auch als ich mich aufrichte, ist nicht das geringste Geräusch zu hören. Keine Stimmen, kein Gelächter. Nicht einmal mehr der Seetaucher. Ich bleibe eine Weile so sitzen, völlig regungslos, und lausche einfach nur. Und dann, ganz plötzlich, weiß ich es. Für diese Erkenntnis muss ich keine nervöse Runde über die Insel drehen, sie suchen und verzweifelt ihre Namen rufen. Nein, ich brauche nicht mal aufzustehen und aus dem Boot zu steigen, um es mit Sicherheit zu wissen.

Alex und Smilla werden nicht zurückkommen. Sie sind verschwunden.

2

Natürlich gehe ich trotzdem an Land, um sie zu suchen. Trotz meiner instinktiven Überzeugung, dass es vergeblich ist. Alex’ dunkelblauer Pullover liegt zusammengefaltet im Heck. Ich nehme es und stehe auf, um das Boot an Land zu ziehen. Der Widerwille kriecht mir das Rückgrat empor. Mit einer ungeschickten Mischung aus Schritt und Sprung gehe ich an Land. Ich rufe Alex’ Namen, dann Smillas. Keine Antwort. Meine Arme sind ganz steif, als ich mir den Pullover über den Kopf ziehe. Der Männergeruch hängt immer noch im Stoff, er umfängt mich. Der Geruch von Alex.

Ich spüre einen kräftigen Stich in der Magengegend, ignoriere den Schmerz jedoch und klettere stattdessen die Uferböschung hoch. Ich habe erst ein paar Schritte gemacht, da schnürt sich mir schon der Brustkorb zusammen, und ich keuche beim Atmen. Es ist steiler, als ich dachte. Mein Körper ist bleiern und schwerfällig, meine Glieder wollen mir nicht recht gehorchen, aber ich beiße die Zähne zusammen und zwinge mich weiter vorwärts, weiter nach oben. Auf einem matschigen Stück gleitet mir der Fuß weg, und ich muss mich mit den Händen festhalten, damit ich nicht stürze und rückwärts den Abhang hinunterrutsche.

Schließlich stehe ich doch oben auf der Kuppe. Ich versuche, noch einmal zu rufen, bekomme aber nur ein heiseres Krächzen heraus. Es kratzt ganz furchtbar in der Kehle, sie protestiert gegen die Anstrengung, und mein Brustkorb fühlt sich an wie zwei Nummern zu klein. Obwohl ich alle Kräfte zusammennehme, will es meinen Lungen nicht gelingen, die erforderliche Luft herauszupressen. Es kommt mir so vor, als befände ich mich mitten in einem Albtraum und versuchte vergeblich zu schreien. Mein Magen zieht sich krampfhaft zusammen. Ich mache noch einen Anlauf, doch mein Körper bringt keinen Laut hervor, sondern sackt in sich zusammen. Ich beuge mich vor, und mir entfährt ein lautes Rülpsen, gefolgt von einem Schwall braungelber Brühe. Meine Beine wackeln, und ich taumle seitwärts, bevor ich auf die Knie falle.

Ich trockne mir mit dem Ärmel meines Pullovers den Mund ab. Dann bleibe ich eine Weile sitzen, als hätte mich ein übermächtiger Feind niedergerungen. Kaum hat sich der Gedanke in meinem Kopf gebildet, da stoße ich ihn weit von mir. Feind? Übermächtig? Nein! Ich rapple mich wieder hoch. Mein Körper ist noch schwach, aber zumindest gehorcht er mir jetzt. Statt erneut nach den beiden zu rufen, suche ich mit den Augen den Teil der Insel ab, den ich im Blick habe. Hier gibt es nicht besonders viele offene Flächen. Zwischen vereinzelten Laubbäumen und Wacholderbüschen stehen hüfthohes Gras und Gestrüpp. Das ist kein Ort, an dem man sich problemlos vorwärtsbewegen kann. Insbesondere nicht als vierjähriges Mädchen. Nirgends kann ich Alex und Smilla erkennen.

Ich stolpere voran, ich weiß jetzt, was ich tun muss, bin mir aber nicht sicher, welchen Weg ich einschlagen soll. An einer Stelle ist das Gras zur Seite gebogen, und der Boden sieht zertrampelt aus. Ich beginne in diese Richtung zu gehen, folge dem, was ich für die Spuren eines Mannes und eines kleinen Mädchens in Spielstimmung halte. Hie und da bleibe ich stehen und rufe ihre Namen. Im Grunde, ohne eine Antwort zu erwarten. Ein mechanisches Gefühl überkommt mich, das Gefühl, nach einem vorbestimmten Muster vorzugehen. Ich benehme mich ganz einfach so, wie ich es sollte, tue, was ich tun muss. Als würde ich eine Rolle spielen.

Die Stille hängt schwer und unheilverkündend zwischen den Bäumen. Bis ich auf einmal ein Rascheln im Gras höre, nur wenige Meter von mir entfernt. Ich fahre zusammen und balle instinktiv die Fäuste. Da entdecke ich einen Igel, der so schnell davontrappelt, wie ihn seine kleinen Beine tragen. Als ich den Blick nach vorne wende, zeigt das Gras nicht mehr die geringsten Anzeichen, irgendwo beiseitegeschoben oder niedergetreten worden zu sein. Nichts deutet darauf hin, dass vor Kurzem ein Mann und ein kleines Mädchen vor mir hier entlanggegangen sind. Rasch drehe ich mich um, schaue in die andere Richtung. Und dann wieder nach vorne. Zur Seite. Aber nirgends ist eine Spur zu entdecken, weder von anderen Menschen noch von meinem eigenen Weg hierher. Ich stehe inmitten eines Meeres aus hohen Grashalmen. Still, aber unbarmherzig umzingeln sie mich von allen Seiten.

Mich befällt ein so heftiger Schwindel, dass ich mir die Augen zuhalten und einen Arm seitlich ausstrecken muss, um das Gleichgewicht zu halten. Gerade als ich die Hand vom Gesicht nehme und die Augen erneut aufschlage, verschwindet der letzte scharlachrote Sonnenstrahl hinter den Baumwipfeln auf der anderen Seite des Sees. Ich bin allein an einem unbekannten Ort, allein mit der Stille und der Dunkelheit, die jetzt immer rascher vorrückt. Ich schlage aufs Geratewohl eine andere Richtung ein und bahne mir einen Weg durch das unwirtliche Gelände.

Ein Mann und ein Mädchen gehen auf einer kleinen Insel an Land. Sie kommen nicht zurück. Was kann da passiert sein? Es gibt Unmengen an denkbaren Erklärungen, rede ich mir ein. Sie können völlig in ein Spiel versunken sein, die Zeit vergessen haben oder ganz einfach … Fieberhaft versuche ich mir weitere Möglichkeiten auszudenken. Logische. Beruhigende und harmlose. Das Problem ist nur, dass keine davon erklärt, warum Alex und Smilla noch immer verschwunden sind, warum sie nicht antworten, wenn ich sie rufe. Ich öffne den Mund, um sie erneut zu rufen, aber diesmal gerät mein Schrei so hysterisch, dass ich beim Klang meiner eigenen Stimme zusammenzucke.

Während ich weitertaumle, suche ich mit den Augen den Boden und die Zwischenräume zwischen den Bäumen ab. Meine Beine bewegen sich immer schneller, meine Bewegungen werden immer abgehackter. Planlos laufe ich vorwärts, weiß nicht mehr, in welche Richtung ich eigentlich unterwegs bin oder woher ich komme. Ich bin so verstört, dass ich jegliche Orientierung verloren habe. Nirgendwo kann ich auch nur die geringste Spur von menschlichem Leben entdecken. Ein Schluchzen steigt in meiner Brust auf. Smilla!

Genau in diesem Moment sticht mir etwas ins Auge. Ich erstarre und spüre, wie ein Beben durch meinen Körper läuft. Ein paar Meter vor mir liegt ein Stein. Und ein Stück daneben befindet sich etwas anderes. Ein dunkler Gegenstand. Obwohl ich nicht sofort begreife, was es ist, weiß ich mit jeder Zelle meines Körpers, dass es nicht zur natürlichen Vegetation der Insel gehört. Dieser Gegenstand gehört zu einem Menschen. Langsam, voller Grauen vor dem, was ich womöglich finden werde, nähere ich mich. Erst als ich ganz nah dran bin, lässt der Druck auf meiner Brust nach, und ich gehe im Gras vor dem Gegenstand in die Hocke. Es ist ein schwarzer Stiefel, zerschlissen und ausgetreten. Die kleinen Löcher, in denen sich einmal Schnürsenkel befunden haben, sind leer. Ich habe diesen Schuh noch nie gesehen. Er gehört weder Alex noch Smilla, so viel steht fest. Ohne den Grund zu begreifen, strecke ich die Hand aus und spüre, wie sie langsam, aber sicher von dem Stiefel angezogen wird. Es kommt mir vor, als würden meine Finger von einer fremden Kraft gelenkt, einer Kraft, die aus der Erde unter meinen Füßen aufsteigt.

Mit einem Keuchen ziehe ich die Hand zurück und richte mich hastig auf. Was schleichen sich hier eigentlich für komische Gedanken und Wahrnehmungen in meinen Kopf? Das müssen die Reste von Alex’ Gruselgeschichten sein, die noch in meinem Bewusstsein herumspuken. Die Geschichten vom Maransee und seinen bösen Kräften. Rasch gehe ich weiter, rufe mir selbst in Erinnerung, dass diese Erzählungen übernatürlicher Quatsch sind, vermischt mit alten Schauermärchen, mehr nicht. Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, mir beim Gehen mehrfach über die Schulter zu blicken. Meine Beine pflügen schneller und schneller durchs Gras, bis ich beinahe renne.

Ich laufe zwischen Baumstämmen hindurch, deren Schatten immer länger werden und deren knotige Zweige sich wie lange, bösartige Arme nach mir ausstrecken. Irgendetwas scheint mich zu packen, Zweige kratzen wie Klauen über meine Kopfhaut, und ich kann einen lauten Aufschrei nicht unterdrücken. Als ich den Ausdruck meiner eigenen Angst höre, wird es endgültig zu viel für mich. Meine Gedanken reißen sich los und gehen mit mir durch, sie entziehen sich jeder Kontrolle und peitschen Wogen der Panik in mir auf. Ich werde sie niemals finden. Ich werde sie niemals finden.

Aber dann – genau in diesem Augenblick – fällt der Groschen. Anrufen. Wenn ich sie nicht finde, muss ich sie natürlich anrufen. Das ist doch das Erste, was man tut, wenn man jemanden verliert. Warum hab ich nicht schon früher daran gedacht? Ich verlangsame meine Schritte und schiebe die Hand keuchend in die eine Tasche meiner Caprihose. Sie ist leer. Ich taste mit den Fingern über den Stoff auf der anderen Seite, aber dort ist mein Handy auch nicht. Wo ist es bloß? Habe ich es am Ende hier auf der Insel verloren? Oder habe ich es im Boot liegen lassen? Meine Erinnerung hellt sich Stück für Stück auf, bis ich das ganze Bild klar vor mir habe.

Ich habe das Handy gar nicht mitgenommen, als wir das Häuschen verließen. Dieser Ausflug war eine spontane Idee gewesen, und ich hatte eigentlich gar nicht vorgehabt mitzukommen. Trotzdem bin ich ins Boot gestiegen. Meine Brust fühlt sich wieder ganz schwer an, aber diesmal liegt es nicht an meinen angestrengten Atemzügen. Erneut sehe ich mich um, halte verzweifelt Ausschau nach einem noch so kleinen Eckchen hellrosa Stoff, dem Flattern einer blonden Haarsträhne. Aber sie ist nicht mehr hier, das weiß ich, das spüre ich. Mein Handy ist im Wochenendhäuschen, in meiner Handtasche wahrscheinlich. Mir bleibt nur eines übrig.

Trotzdem fühlt es sich nicht richtig an. Wie könnte ich von der Insel gehen, ohne Alex und Smilla gefunden zu haben? Wie kann ich sie einfach ihrem Schicksal überlassen? Ihrem Schicksal … irgendetwas an diesem Wort, an diesem Gedanken stört mich. Hier stimmt was nicht. Hier ist irgendwas faul, mächtig faul. Nein! Ich wische die bösartigen Einflüsterungen in meinem Inneren energisch beiseite und beschleunige meine Schritte. Sobald ich mein Handy zurückhabe, werden sich alle Probleme lösen lassen. Dann kann ich Alex anrufen und er mich. Wer weiß, vielleicht hat er ja sogar schon versucht, mich zu erreichen? Ich muss so schnell wie möglich an mein Telefon gelangen. Fragt sich nur, wie es mir gelingen soll, den Platz wiederzufinden, an dem unser Boot vertäut liegt.

Ich mache noch einen Vorwärtsschritt, doch auf einmal geht es jäh hinunter in die Dunkelheit. Der Boden verschwindet vor meinen Füßen. In letzter Sekunde gelingt es mir, stehen zu bleiben und nicht wegzurutschen, aber ein flaues Gefühl macht sich in mir breit. Als ich die Fassung zurückerlangt habe, bleibe ich eine ganze Weile stehen und starre auf den Anblick, der sich mir bietet. Die Böschung, die ich vorhin hochgeklettert bin, ist von hier aus ein tückischer, steil abfallender Abgrund. Wie ist es möglich, dass ich schon an den Ausgangspunkt zurückgelangt bin? Dabei wusste ich in meinem verwirrten Zustand doch kaum, in welche Himmelsrichtung ich überhaupt unterwegs war. Aber es stimmt schon. Dort unten sieht man die Umrisse des Bootes, das im Schilf schaukelt, als wäre nichts geschehen. Ich starre es mit gemischten Gefühlen an. Alex und Smilla sitzen zwar nicht dort unten und warten, aber zumindest ist das Boot noch hier. Im nächsten Moment kommt mir der Gedanke ziemlich seltsam vor. Warum hätte das Boot denn nicht mehr da sein sollen?

In mir regt sich ein unangenehmes Gefühl. Es könnte Widerwillen sein. Oder ist es Reue? Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, es anders machen, es ungeschehen machen könnte … Ich schüttle dieses Gefühl ab und werfe noch einen letzten Blick über die Schulter. Ich stelle mir zwei Silhouetten vor, eine größer und eine kleiner, wie sie sich aus der Finsternis herauslösen und unter lautem Rufen und Lachen auf mich zurennen. Aber dort ist niemand, es kommt niemand.

Ein Vogel flattert so nah an mir vorbei, dass ich meine, den Luftzug seiner Flügel zu spüren. Ich ahne die Umrisse eines länglichen Körpers und eines dolchförmigen Schnabels. Der Seetaucher stößt im steilen Winkel nach unten zur Wasseroberfläche. Ich starre ihm einen Augenblick nach. Dann beginne ich den Abhang hinunterzugehen.

3

Irgendwie schaffe ich es zurück ins Wochenendhäuschen. Ich bringe das Boot in Gang und fahre, so schnell ich kann, von der Insel fort, quer über den See, bis zu dem kleinen, windschiefen Anlegesteg. Mehrere träge schaukelnde Kähne und kleinere Kunststoffboote liegen bereits dort festgemacht, aber sie sind alle leer. Meine Hände zittern, und meine Finger wollen mir kaum gehorchen, als ich das Boot vertäue. Mein Körper ist verspannt, als ich atemlos über den kleinen Pfad renne, der vom Seeufer wegführt. Ich stolpere über eine Baumwurzel und verliere das Gleichgewicht. Der alte Schmerz im Oberschenkel macht sich wieder bemerkbar, aber ich beiße die Zähne zusammen und laufe weiter. Das Häuschen liegt still da und wartet, das letzte in der Häuserreihe. Der Schlüssel liegt immer noch dort, wo wir ihn versteckt haben, unter der Vortreppe, die zur Haustür führt.

Meine Finger sind eiskalt und ungeschickt. Ich muss ein paarmal tief durchatmen, bevor es mir zu guter Letzt gelingt, die Tür aufzusperren. Als ich sie gerade hinter mir ins Schloss ziehen will, wischt ein pelziger Streifen an meinen Füßen vorbei und ins Häuschen hinein. Man hört empörtes Maunzen, als hätte Tirith lange darauf gewartet, ins Haus gelassen zu werden, und als wollte er demonstrieren, wie ungerecht behandelt er sich fühlt. Ohne mich um den Kater zu kümmern oder die Schuhe abzustreifen, renne ich ins Haus, schalte die Lampen ein, reiße Türen auf und rufe nach Alex und Smilla. Mehrmals rufe ich ihre Namen. Aber ich bekomme keine Antwort. Das Häuschen sieht genauso aus wie bei unserem Aufbruch. Als wäre hier die Zeit stehen geblieben, während wir weg waren. Auf dem Küchentisch steht ein tiefer Teller mit eingetrockneten Sauermilchresten, daneben stapeln sich die Zeitungen. Auf dem Boden liegen Smillas Barbiepuppen verstreut. Als ich daran denke, wie sie heute an genau dieser Stelle gesessen und gespielt hat, nimmt der Druck auf meiner Brust zu.

Da entdecke ich eine einsame Fußspur auf dem Boden. Dunkel und matschig, der Abdruck einer Schuhsohle. Ich reiße die Augen auf und weiche zurück. Meine Gedanken überschlagen sich. Ist ein Einbrecher im Wochenendhäuschen gewesen, während wir weg waren? War hier jemand? Ist … Ich hebe den Blick und spüre, wie sich die Haare in meinem Nacken und auf den Unterarmen aufstellen. Ist jetzt jemand hier? Jemand, der sich unter einem Bett oder in einem Schrank versteckt und nur darauf wartet, sich auf mich zu stürzen? Ein Ziehen läuft durch meinen Körper. Dann erblicke ich eine weitere Fußspur und dann noch eine. Sie führen alle in dieselbe Richtung. Zu mir.

Ich schaue nach unten, und mein Blick fällt auf meine rosafarbenen Turnschuhe. Die ich beim Hereinkommen in der Eile ganz vergessen habe auszuziehen. Der eine Schuh ist immer noch halbwegs sauber, der andere ist voller brauner Spritzer. Ich hebe ihn an und stelle fest, dass die Sohle dreckverschmiert ist. Als ich daran schnuppere, steigt mir ein modriger Geruch in die Nase. Schlamm. Ich muss irgendwo hineingetreten sein. Auf einmal fällt mir die Uferböschung am See wieder ein, wo ich beinahe ausgerutscht bin. Kann es der Dreck von der Insel sein, den ich jetzt über den gesamten Wohnzimmerboden verteilt habe? Dreck von der Insel, auf der Alex und Smilla … Mein Blick folgt erneut der Spur, während mich das schlechte Gewissen quält. Wie konnte ich die Insel nur ohne die beiden verlassen?

Eine Bewegung im Zimmer zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Tirith steht vor mir. Sein Fell über dem schmalen rosafarbenen Katzenhalsband sträubt sich. Sein Schwanz schlägt langsam von der einen Seite zur anderen, während er mich aus halb geschlossenen Augen mustert. Als würde er sich wundern, was ich hier tue, allein, mit einem Pullover, der seinem Herrchen gehört. Wir starren uns an. Die gelben Augen des Katers wandern weiter zu den Fußspuren am Boden und dann zurück zu mir. Ich bilde mir ein, dass er eine Erklärung von mir verlangt. Verschwunden? Wie können sie denn bitte einfach so verschwinden? Ich schlage die Hände vors Gesicht und ersticke einen Schrei. Meine Gedanken kreisen wild, schneller und schneller. Sie ziehen mich hinab, saugen mich in einen bedrohlichen Strudel.

Irgendwie gelingt es mir, die Fassung wiederzugewinnen. Ich sehe mich selbst wie von außen, tatenlos und niedergeschmettert, in jeder Hinsicht eine jämmerliche Gestalt. Reiß dich zusammen, und zwar sofort!

»Ich muss Alex anrufen«, sage ich laut und nehme die Hände vom Gesicht. »Das war ja auch der Grund, warum ich zurückgefahren bin.«

Als würde ich gleichzeitig mir und dem Kater eine Erklärung liefern. Die Worte – entschlossen und klar – bilden meine Verteidigung gegen die stillen, tückischen Gedanken. Ich darf meinen Gedanken nicht trauen. Wenn ich ihnen das Feld überlasse, befördere ich mich selbst in die Finsternis. Sobald ich den Blick hebe und versuche, die Dinge in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen, wird mich die Angst lähmen. Eins nach dem anderen, so muss ich jetzt vorgehen, ich darf mich immer nur auf eine Sache konzentrieren. Nur so kann ich verhindern, dass ich den Verstand verliere.

Im Häuschen gibt es keinen Festnetzanschluss, also muss ich zuallererst mein Handy finden. Ich ziehe die Schuhe aus und bringe sie in den Flur. Den Boden kann ich später sauber machen. Entschlossen gehe ich ins Schlafzimmer, das am Ende des Flurs liegt.

Der Raum wird von einem großen Doppelbett dominiert, und als ich an den letzten Moment denke, den wir dort zwischen den Decken geteilt haben, spüre ich ein Ziehen in meinem Magen. Ich muss mich anstrengen, um die Schwindelgefühle zu unterdrücken und die panischen Wirbel in meinem Bauch zu beruhigen.

Auf Alex’ Seite des Zimmers ist alles schön ordentlich. Seine Kleidung hängt im Schrank oder liegt zusammengefaltet in der Kommode. Auf seiner Seite hat er sogar das Bett gemacht. Auf der Seite, auf der er immer schläft. Auf der er gestern Nacht geschlafen hat. Aber wo steckt er jetzt? Die Matratze auf meiner Seite ist fast vollständig mit meinen Sommerkleidern, Jeans und Oberteilen bedeckt. Auf dem Stuhl neben dem Bett liegen meine Handtasche, ein Stapel Taschenbücher und zwei Lippenstifte. Über der Stuhllehne hängt mein roter Spitzen-BH, den ich gekauft habe, als wir beschlossen, diese Reise zu unternehmen. Es war der Tag, an dem ich die schwarze Seidenkrawatte für Alex kaufte. Ich schlucke, eine unwillkürliche, fast reflexartige Bewegung. Denk jetzt nicht an so was, denk am besten an überhaupt nichts. Konzentrier dich einfach nur auf das, was jetzt zu tun ist.

Rasch durchsuche ich die Handtasche, jedes Fach mache ich auf, und am Ende stelle ich die Tasche komplett auf den Kopf. Kein Handy fällt heraus. Komisch. Wo kann es denn nur sein? Ich haste zurück in die Küche. Tirith huscht hoffnungsvoll an mir vorbei und steuert auf seinen Futternapf zu. Auffordernd dreht er ein paar Runden um den Napf, bevor er sich hinsetzt und sich enttäuscht das Mäulchen schleckt.

»Alles wird gut, ich muss nur mein Handy …«

Ich rede weiter – hauptsächlich, um mich selbst zu beruhigen –, während ich in der Küche auf und ab laufe, Zeitungen beiseiteschiebe und den benutzten Teller, der noch auf dem Tisch steht. Ich hebe Smillas Barbiepuppen hoch, schaue unter der Kaffeemaschine nach und auf dem Regal über dem Herd. Aber kein Handy weit und breit. Ich öffne sogar den Kühlschrank und durchsuche die einzelnen Fächer, bevor ich mir den nächsten Raum vornehme.

Während ich im Wohnzimmer suche, stelle ich mir vor, wie sich mein Gespräch mit Alex anhören wird. Wie es sich anhören könnte. Wie er laut lachen wird, wenn ich ihn anrufe.

»Du ahnst ja nicht, was passiert ist!«

Ich kann förmlich hören, wie er sein und Smillas Verschwinden erklärt. Eine absurde, aber trotzdem völlig logische Erklärung. Denn so eine gibt es natürlich, es muss sie geben. Nur im Moment kann ich mir ums Verderben nicht vorstellen, was das für eine Erklärung sein könnte. Diese ganze Geschichte ist doch völlig bescheuert, schießt es mir durch den Kopf, während ich mit den Händen durch die Ritzen zwischen den Sofapolstern fahre. Weg. Man kann doch nicht einfach so verschwinden. Doch nicht von einer Insel.

Ich reiße die Gardinen zur Seite, suche auf den Fensterbrettern und werfe in meinem Eifer eine kleine Glasfigur um. Wie in Zeitlupe sehe ich, wie sie in einer kreiselnden Bewegung durch die Luft segelt, auf den Boden schlägt und in tausend Stücke zerspringt. Langsam merke ich, wie meine mühsam erkämpfte Vernunft und meine Konzentration mich verlassen wollen. Die Verzweiflung schnappt nach mir. Mit einem grellen Ton in den Ohren eile ich zurück ins Schlafzimmer. Noch einmal durchwühle ich meine Handtasche. Wieder ohne Ergebnis. Fieberhaft werfe ich Kleiderstapel beiseite und stöbere zwischen den Büchern und den Schminksachen. Hier irgendwo muss mein Handy liegen.

Ich gehe in Smillas Zimmer und stelle auch bei ihr alles auf den Kopf. Puppen und Teddybären, Malbücher und Aufkleber. Meine Bewegungen sind schnell, fast manisch. Ich weiß, dass ich etwas suche, aber mittlerweile habe ich schon vergessen, was es ist. Ich kann nur noch an Smilla denken. Die süße kleine Smilla. Meine Gedanken verselbstständigen sich, laufen Amok. Ich verliere die Kontrolle und werde in den Strudel hinabgezogen, gegen den ich so lange angekämpft habe. Verschwunden. Sie sind verschwunden. Aber das ist doch unmöglich. Ein erwachsener Mann und ein vierjähriges Mädchen können nicht einfach so vom Erdboden verschluckt werden. Nein, nicht vom Erdboden, sondern vom See, von diesem Wasser, das durch und durch vom Bösen durchdrungen ist. Menschen sind verschwunden, Blut ist vergossen worden. Alex’ Worte hallen in meinem Kopf nach, die Panik kriecht mir das Rückgrat empor.

Auf eine Bewegung, die ich nur aus dem Augenwinkel wahrnehme, folgt ein lauter Knall. Ich wirble herum und schreie auf. Das Geräusch von Hunderten kleiner Perlen, die über den Boden rollen, dringt an meine Ohren, und im nächsten Moment entdecke ich Tirith. Bei meinem Aufschrei ist er mitten in der Bewegung erstarrt, und jetzt sieht er ebenso erschrocken wie schuldbewusst drein. Sobald es still ist, wandert sein Blick zwischen mir und der umgeworfenen Dose mit den Perlen hin und her. Er muss mir auf seinen lautlosen Pfoten hinterhergeschlichen sein. Vielleicht hat er meine Suche für eine Art Spiel gehalten und wollte mitmachen, vielleicht hat er Smillas Perlen versehentlich aus dem Regal gestoßen.

Ich lege mir die eine Hand mit gespreizten Fingern auf die Brust und atme ein paarmal tief durch. Die andere Hand strecke ich nach dem Kater aus. Nach kurzem Zögern kommt er näher, und ich streichle ihm den Rücken, in langen, gleichmäßigen Strichen. Er schmiegt sich an mich, und ich nehme ihn automatisch auf den Arm, um seinen warmen Körper an mich zu drücken. Unter meinen Lidern wird es ganz heiß, mein Blick verschwimmt. In meiner Kehle steigt ein Schluchzen auf, das sich durch meine halb geöffneten Lippen seinen Weg bahnt.

»Sie kommt wieder zurück«, flüstere ich. »Du wirst schon sehen, bald kommt sie zurück.«

Bin ich die Einzige, die merkt, wie falsch diese Worte klingen, wie offensichtlich es ist, dass ich nicht mal selbst glaube, was ich da sage? Oder merkt der Kater es auch? Ich vergrabe mein Gesicht in Tiriths Fell und höre, wie er anfängt zu schnurren. Als ich den Kopf hebe, blinzelt er und streckt mir seine Nase entgegen. Er leckt mir die Wangen ab, lässt seine raue Zunge über mein Gesicht gleiten. Als wollte er mich trösten und aufmuntern. Wir bleiben eine Weile so sitzen, dann entwindet er sich meiner Umarmung und springt auf den Boden, wo er sich seiner eigenen Körperpflege widmet. Ich stehe auf und gehe ins Wohnzimmer. Unwillkürlich habe ich die Hände zu Fäusten geballt. Wo ist das verfluchte Handy? Ich muss es finden, jetzt sofort! Sobald ich Alex sprechen kann, wird alles in Ordnung kommen. Nicht falls ich ihn spreche, sondern sobald ich ihn spreche, denke ich. Sobald ich ihn spreche.

Wieder suche ich das ganze Wohnzimmer ab, jede erdenkliche Stelle, jeden Winkel und jede Ecke, zwischen den Möbeln und darunter. Doch mein Handy ist wie vom Erdboden verschluckt. Der Puls pocht mir in den Ohren, am liebsten würde ich hysterisch schreien. Da höre ich ein Geräusch und erstarre. Eine Sekunde vergeht, dann höre ich es erneut. Das gedämpfte und entfernte, aber unverkennbare Geräusch eines klingelnden Handys. Mein Handy. Es klingt, als käme es aus einem unserer Zimmer. Ich renne, nein, stolpere durch den Flur. Bleibe vor den Schlafzimmern stehen, stehe still, während mein Herz wie wild klopft, und lausche. Hoffentlich geht nicht die Mailbox an, hoffentlich schaffe ich es rechtzeitig!

Es klingelt weiter, und jetzt kann man das Geräusch ganz deutlich erkennen. Es kommt aus dem Schlafzimmer. Ich stürze hinein. Seltsamerweise scheint das Klingeln von Alex’ Seite des Bettes zu kommen. Mit einem kräftigen Ruck reiße ich die Decke beiseite, die er so sorgfältig geglättet und an den Kanten festgestopft hat, und starre auf die Matratze. Auf den Gegenstand, der ungefähr in der Mitte des Bettes liegt, auf dem säuberlich straff gezogenen weißen Laken. Mein Handy. Unter Alex’ Bettdecke.

Mir will nicht in den Kopf, wie es dort hingekommen sein kann, aber darüber kann ich jetzt nicht weiter nachdenken. Das Telefon leuchtet und vibriert, erneut klingelt es. Meine schweißfeuchten Hände zittern vor Hektik, als ich es ergreife und aufs Display schaue. Die Ziffern bilden eine Nummer. Eine Nummer, die mir nur zu vertraut ist. Bitte, nicht jetzt! Ich weiß gar nicht, warum ich das Gespräch überhaupt annehme. Ich weiß nur, dass ich die Augen zukneife, als ich es tue.

4

Am anderen Ende der Leitung höre ich Mama schwer atmen, und mein Magen verkrampft sich, in dieser ständig nagenden Sorge, die ich seit meiner Kindheit kenne. Ist irgendetwas Schlimmes passiert? Wenig später ist es vorbei. Die Katastrophe ist bereits passiert, sie liegt schon lange hinter uns. Mamas Atemlosigkeit kann alle möglichen Gründe haben. Vielleicht ist sie gerade von ihrem Abendspaziergang zurückgekommen. Ich weiß gar nicht, ob sie Spaziergänge überhaupt noch mag. Ist mir auch egal. Ich denke an Alex. Dass er in diesem Moment eine Mitteilung auf meiner Mailbox hinterlassen könnte. Dass er vielleicht gerade in diesem Moment versucht, mich anzurufen.

»Mama, ich muss …«

Aber sie scheint mich gar nicht zu hören. Unbekümmert plaudert sie drauflos, erzählt mir, wie müde sie ist. Sie hatte ein paar anstrengende Tage, eine Kollegin ist von einem Klienten bedroht worden.

»Das übliche Lied: ›Ich weiß, wo Sie wohnen und wo Ihre Kinder in die Schule gehen.‹« Nur dass er diesmal auch noch ihren Schreibtisch umgeschmissen hat.

Ich würde am liebsten in den Hörer schreien, dass ich mittlerweile erwachsen bin und meine eigenen Sorgen habe, dass in meinem Leben Dinge geschehen, die wesentlich schlimmer sind als das, wovon sie mir gerade erzählt. Aber das mache ich natürlich nicht.

Mama murmelt irgendetwas Unbestimmtes, bevor sie sich auf das nächste Thema stürzt, das schöne Spätsommerwetter. In meinem Körper steigt Übelkeit auf. Warum macht sie das? Warum tut sie hartnäckig so, als hätten wir ein ganz normales Mutter-Tochter-Verhältnis? Als wäre es nach all den Jahren möglich, dass wir an früher anknüpfen und das überwinden, was zwischen uns steht, um zueinanderzukommen. Das, was passiert ist. Dass Papa verschwunden ist.

Ich lasse mich aufs Bett sinken, lege mir die freie Hand auf die Stirn. Mama verstummt, und mir wird klar, dass sie mich etwas gefragt hat. Ich räuspere mich, muss sie bitten, ihre Frage zu wiederholen.

»Bist du allein?«

Die Frage löst eine Welle widersprüchlicher Gefühle in mir aus. Das gehört nicht hierher, das gehört in die Zeit vor Alex. Die ganzen Abende, an denen ich abends in eine leere Wohnung kam und nur in Gesellschaft einer Kerze am Küchentisch saß, während die Stille zwischen den Wänden widerhallte. Diese starke Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Nähe. Und die ebenso starke Angst davor, jemanden hinter die schützenden Mauern zu lassen, mit denen ich mich umgab. Bist du allein?

Erneut brennen die Tränen hinter meinen Lidern, und ich schüttle den Kopf, um sie zurückzudrängen. Diese Empfindlichkeit sieht mir nicht ähnlich, überhaupt nicht. Aber seit meinem Arztbesuch vor ein paar Wochen bin ich nicht mehr ich selbst. Und nach dem, was heute Abend passiert ist, wie sollte da auch nur irgendetwas sein können wie immer? Vor meinem inneren Auge sehe ich den Maransee, still und verhext. Die Insel in seiner Mitte, die steile Uferböschung auf der einen Seite und die dunklen Baumwipfel, die sich vorm Himmel abzeichnen. Alex. Smilla.

»Ja, ich bin allein.«

Mama seufzt. Du bist so eine Enttäuschung, Greta. Das sagt sie nicht. Aber ich ahne, dass sie das denkt. Ich schlucke den Kloß hinunter, der mir im Hals steckt, und reiße mich zusammen.

»Mama, ich habe gerade keine Zeit … ich muss wirklich …«

»Du klingst so anders. Ist was passiert?«

Und wenn ich ihr jetzt einfach sagen würde, was passiert ist? Wenn ich ihr alles erzählen würde? Was dann? Würde sie sich dann sofort ins Auto werfen, herfahren und mich in die Arme schließen? Würde sie das Kommando übernehmen, wie sie es während meiner ganzen Kindheit und Jugend getan hat? Würde sie mich auf einen Stuhl drücken und mir erzählen, wie man ab jetzt mit der Situation umzugehen habe? Was zu tun sei, was ich sagen, denken und fühlen solle? Wahrscheinlich.

»Es ist so still im Hintergrund«, fährt Mama fort, und jetzt klingt sie auf einmal alarmiert. »Wo bist du eigentlich?«

Ich hole tief Luft. Dann drücke ich sie einfach weg. Als das Telefon wieder klingelt und dieselbe Nummer auf dem Display erscheint, stelle ich das Handy auf lautlos.