Buchinfo

Nicht auszuhalten! Kikis beste Freundin Franzi nervt total, seit sie sich in Joschka verknallt hat, dessen blaue Augen auch Kiki Herzklopfen verursachen. 

Das geht natürlich gar nicht, denn schließlich hat sie doch ganz andere Sorgen: Ihr Freund Benni scheint nämlich einen geheimen Kummer mit sich herumzuschleppen. 

Klar, dass dem Jungen geholfen werden muss. Fragt sich nur, ob Kiki den richtigen Weg findet? Das Risiko ist hoch, denn schließlich darf so eine Herzenssache auf keinen Fall in einer Katastrophe enden …

Eine Kiki-Geschichte

Freche Mädchen – freche Bücher!

Autorenvita

© privat

Bianka Minte-König, als Tochter eines Buchhändlers in Berlin geboren, promovierte in Literaturwissenschaft und lehrte als Professorin für Literatur-, Theater- und Medienpädagogik. Mit ihren Jugendbüchern der Reihe „Freche Mädchen – freche Bücher!" hat sie sich in die Bestsellerlisten und die Herzen ihrer Leserinnen geschrieben. Ihre Bücher wurden in über 20 Sprachen übersetzt, in zahlreichen Hörbüchern vertont und für das Kino verfilmt, wo sie zusätzlich ein Millionenpublikum erreichten.

Kurze Vorbemerkung –
doch, muss sein …

Moin, zusammen!

Wirklich, da sage noch einer, mein Leben wäre chaotisch!

Also, wer das behauptet, kennt die Wondrascheks nicht. Das sind unsere neuen Nachbarn, nicht mehr ganz, aber noch ziemlich neu.

Die meisten Leute in unserem Viertel haben sich nach ihrer tollen Einstandsparty ja inzwischen mit ihnen abgefunden. Nur einer nicht: mein Vater!

Zwar steht er nicht mehr megapeinlich auf der Leiter und spannert in den Nachbargarten rüber, weil dort die kleine Schwimmhalle, der Stein des Anstoßes, jetzt fertig ist, aber er nörgelt dennoch ständig an ihnen rum: »Zu laut, zu schräg, zu …«, alles eben … nur leider nicht planbar.

Was nicht planbar ist, macht meinen Vater grundsätzlich nervös.

Ich also auch, denn Katastrophen-Kiki ist für jeden Menschen, der sein Leben nach Regeln geordnet sehen möchte, eine echte Prüfung. Ein Wunder, dass meine Familie es mit mir so lange ausgehalten hat … und meine Lehrer … und meine Freundinnen von den Pepper Dollies … und … jahaaa … auch mein Freund Benni.

Der ist ja überhaupt der sanftmütigste Mensch unter der Sonne und verzeiht mir jede Katastrophe, sogar meinen peinlichen Antrittsbesuch mit geschmolzenem Eis als Gastgeschenk bei seinem Vater. Aber etwas habe ich dabei gelernt: Peinlich ist nur das, was andere Menschen peinlich finden. Du kannst dich noch so chaotisch danebenbenehmen, wenn dich jemand mit den Augen der Liebe ansieht, findet er es auch noch süß, wenn du ihn von oben bis unten mit Eiscreme bekleckerst oder ihm dein Hund ans Bein pinkelt. Benni tut das, mich mit den Augen der Liebe ansehen, und verzeiht darum alles.

Bei meinem Vater ist das in Bezug auf die Wondrascheks eher anders. Er guckt mit doppelt kritischen Augen. Aber jetzt, wo die unsere Nachbarn sind, scheint er immerhin zu begreifen, dass ich eigentlich ein eher harmloser Chaot bin.

Die wirklich Schlimmen, die Biestigen, die ganz und gar Unkontrollierbaren, die total Aus-dem-Ruder-Laufenden …, die wohnen nämlich nebenan. Was man ja schon an Opa Wondraschek sieht, der ständig in Pantoffeln und Morgenmantel auf der Suche nach seiner Renntaube in unserem Garten rumgurkt.

Dagegen ist unsere Familie ein Hort der Ruhe und Idylle. Erholung pur, heimelig und gemütlich … ein Ort der Entspannung, ja, geradezu eine Art permanenter Wellness-Urlaub. Selbst für einen gestressten Landtagsabgeordneten wie meinen Dad und eine ebenfalls gestresste Werbemanagerin wie meine Mutter.

Was mich betrifft, ist es natürlich großartig, dass mein Vater neuerdings seine Aufmerksamkeit auf andere »Störenfriede« richtet. Statt ständig in der eigenen Familie und besonders an mir herumzumäkeln, hat er nun die Wondrascheks im Visier.

Mein Bruder, der Scherzkeks, hat dafür schon einen neuen Begriff geprägt: »Papa wondrascheckt mal wieder!« Was so viel heißt wie, er hat die Nachbarn auf dem Kieker. Im Grunde genommen wondrascheckt mein Dad ständig. Besonders heftig wird es aber, wenn er gerade eine Rede schreiben oder eine Beschlussvorlage für den Landtag formulieren muss. Denn jede Lebensäußerung, die von jenseits der Gartenmauer zu uns dringt, ist meistens geprägt von lauter Fröhlichkeit, und so was macht ihn in Situationen, in denen er »denken muss«, wahnsinnig.

Ich kann das nicht wirklich nachempfinden, da ich a) eher weniger denke und b) von Natur aus ebenfalls ein spontaner, fröhlicher Mensch bin.

Wenn die Wondrascheks im Garten eine Palme pflanzen würden, wer säße zuerst drauf? Klar, garantiert mein Vater! Den treibt eben alles, was die tun, auf die Palme. LOL

Die Wondrascheks selber nehmen das ja gelassen, also cool eben, was heißt, dass sie auf meinen Vater gar nicht mehr reagieren, oder nur mit ausgesuchter Freundlichkeit.

Dieses Verhalten habe ich mir jetzt einfach mal abgeguckt, und ich finde es wirklich eine super Methode, um mit Vätern wie meinem klarzukommen. Ich wette, so was von Friede-Freude-Eierkuchen in der Familie hat es bei uns seit meiner Geburt noch nicht gegeben.

Und darum ist Kiki, die Katastrophengranate, zurzeit voll entschärft und kann sich ganz ihren Freundinnen und Freunden widmen und natürlich besonders ihrem Superschatz Benni!

Hm, ehrlich gesagt, ein komisches Gefühl ist es schon, wenn so gar keine Katastrophen in Sicht sind … Na, hoffentlich bleibt es so, fühlt sich eigentlich ganz gechilled an.

Was hat mein innerer Coach schon wieder dazwischenzublubbern? Ja, ja, mit den Schicksalsmächten ist kein ewiger Bund zu flechten … Aber warum auch? Da flechte ich mir doch lieber einen Zopf in meine langen blonden Haare … mal sehen, ob Benni den gut findet! Das ist es schließlich, was wirklich zählt im Leben. Sich gegenseitig zu mögen.

Schicksal?! Püh! Da pelle ich mir doch ein Ei drauf – aber selbstverständlich nur aus Freilandhaltung!

Eure Kiki

Nie wieder Katastrophen?
Nun ja …

»Und? Wie war es?« Ich hatte meine Lieblingsfreundin Franzi am Handy und wusste, dass sie nur auf diese Frage gewartet hatte, um meinen Gehörgang mit einem endlosen Wortschwall durchzuspülen. Dabei hatte ich lediglich ganz schlicht wissen wollen, ob die erste Nachhilfestunde, die sie unserem neuen Mitschüler Joschka gegeben hatte, erfolgreich verlaufen war. Zwei Sätze hätten genügt, aber sie schien die ganze Stunde für mich noch mal wiederholen zu wollen. Da hatte ich ja nun voll Bock drauf!

»Er ist ja sooooo klug. Du glaubst gar nicht, was der für ein mathematisches Verständnis hat … Als ich ihm die Aufgabe erklären wollte, da hat er … schon von sich aus … sofort den Lösungsweg erkannt … Es ist wirklich zu dumm, dass er wegen dem blöden Unfall so weit zurückgeworfen wurde. Der könnte bei deinem Benni in der Klasse sein. Er ist ja soooo genial. Und dann haben wir auch noch schnell Deutsch gemacht … das kann man gar nicht glauben … so eine Sensibilität für Texte bei einem Jungen … Der Sägebrecht wird Bauklötze staunen über seine Interpretation und …«

Puh! Wie stoppte ich sie denn nur, ohne sie bei so viel Begeisterung für dieses Genie zu verprellen? Schließlich wusste ich ja, dass ihr objektiver Blick seit Kurzem etwas getrübt war und ihre kleine runde Brille in Joschis Gegenwart ganz automatisch rosa Gläser bekam, sobald ein Strahl seines Lächelns oder der Blick seiner Augen sie traf. Wie diese Dinger, die bei Sonnenbestrahlung dunkel wurden. Bei Joschka wurde erst Franzi rot und dann ihre Brille pink! Ein Wunder der Natur oder der Technik? Keine Ahnung, aber nur so konnte ich ihr seltsames Verhalten erklären. Sie war irgendwie nicht mehr ganz klar. Typischer Fall von Verliebtheit.

Natürlich hatte ich dafür vollstes Verständnis,

a) weil ich selber verliebt war und

b) weil Joschka schon ein echt cooler Typ war.

Dennoch musste ich sie abwürgen, schließlich gab es noch anderes zu tun, als sich auf rosa Wolken zu suhlen. Ich war mit Benni verabredet und eh schon in Zeitverzug.

»Du, alles toll, wirklich, ich freue mich ja so für dich. Habt ihr auch noch Schachspielen können?« Das war nur so dahingesagt, aber echt unvorsichtig, denn sofort sprang sie darauf an und schilderte mir nun auch noch jeden Zug der Partie bis zum bitteren Ende.

»Noch nie hat mich jemand so elegant schachmatt gesetzt«, seufzte sie schließlich.

Ich machte es dann in der Tat etwas uneleganter, aber effektiv, indem ich sie mit der Bemerkung abhängte: »Oh, Franzi, entschuldige, ich muss Schluss machen, es klingelt an der Tür, das ist Benni … Alles andere später mal, ciao!«

Puh! Ich mochte sie unheimlich gerne, aber manchmal sind verliebte Freundinnen einfach nervend, besonders weil sie keinen Knopf zum Abstellen ihres schwärmerischen Liebesgesäusels haben. Wie gut, dass am Handy wenigstens einer dran ist: Ich tippte auf den roten Hörer und atmete erleichtert auf.

Okay, jetzt also erst mal Benni. Was zog ich an?

Ich wirbelte in mein Zimmer, riss den Kleiderschrank auf und checkte meine Garderobe. Hm, wir sollten mal wieder mit den Pepper Dollies einen Ausflug ins Designer-Outlet machen. Nein, das ist gar nicht so was Exklusives für Modetussis, die haben oft echt schicke Sachen zu Schnäppchenpreisen, muss ja nicht immer Onlineshopping sein. So ein toller Outletstore hat auch was und ganz viel Glamour-Atmo!

Ich zog die fetzige Jeans raus, die ich da im letzten Sommer erstanden hatte. Ob die noch passte? Ich wuchs ja leider immer noch und so hielten die meisten Teile nie länger als eine Saison, was Papa im Hinblick auf seine Brieftasche nicht so toll fand.

Hm, die Jeans ging gar nicht mehr. Mist, da würde ich ihn wohl wirklich mal wieder um Klamottengeld anbetteln müssen. Traurig für ihn, aber für mich natürlich super, denn so ein richtiges Powershopping mit meinen Mädels war echt Fun.

Ich rieb mir bei dieser Aussicht schon im Geiste erfreut die Hände, als mein innerer Coach, diese nervige innere Stimme, die unbedingt einen besseren Menschen aus mir machen wollte, schon wieder dazwischennölen musste: Konsumterror, nichts als Konsumterror, du solltest dich von so was nicht mehr hinreißen lassen!

Okay, sollte ich nicht, wollte ich aber. Was war so schlimm daran, ab und zu mal ein paar Klamotten, aus denen man rausgewachsen war, durch neue Teile zu ersetzen? Wenn die dann auch noch schicker waren, umso besser. Ich konnte ja schließlich nicht im Sack in die Schule gehen.

Das verlangt ja auch niemand, deswegen kann man doch trotzdem ein bisschen Distanz zu diesen Dingen haben.

Nö, hatte ich nicht und wollte ich auch nicht, jedenfalls nicht, wenn das hieß, dass man sich nicht mehr an einem schönen Top oder einer coolen Jeans oder ein paar krassen Sneakers erfreuen durfte. Es hatte ja schließlich niemand was davon, wenn ich lustlos hässliche Klamotten trug, die dasselbe kosteten!

Darauf fiel ihm nun nichts mehr ein und so schwieg meine besserwisserische innere Stimme und ich konnte mich in Ruhe für Benni schick machen.

Es gab heute nämlich einen besonderen Anlass, weswegen ich besonders hübsch aussehen wollte. Benni und ich waren eingeladen worden, unseren Tierschutzfilm im Tierheim vorzustellen und dabei einer Gruppe von Hortkindern den Tierschutzgedanken näherzubringen.

Hm, die Jeans vom letzten Sommer war ja schon sehr cool und ich hatte sie unheimlich gerne getragen. Also war sie einen Versuch wert und ich zwängte mich probehalber doch noch mal rein. Mist … ging ja verdammt schwer zu … auch die Beine waren viel zu kurz. Und am Po … Nein!!! Ich hatte doch nicht wirklich so einen fetten Hintern bekommen!

Ich raste mit der halb offenen Jeans zum Zimmer meines Bruder rüber, der war zwar erst in der Fünften, aber hatte ein unbestechliches Auge.

»Bin ich zu fett?!!!!«, konfrontierte ich ihn, ohne anzuklopfen in sein Zimmer stolpernd, mit der schicksalhaften Frage.

Uups! Er stand unerwartet direkt vor mir, starrte mich an und hielt sich die Nase. Zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor. Heavens, was ging denn mit dem?

Statt auf meine Frage zu antworten, nuschelte er nur: »Bist du irre?«

Ich stoppte abrupt im Türrahmen. »Was hast du? Nasenbluten?« Okay, das hätte selbst Opa Wondraschek ohne Sehhilfe erkannt. »Wieso?«

»Wieso?«, kam in anklagendem Tonfall die Antwort. »Weil du mir voll die Tür ins Gesicht gedonnert hast! Kannst du nicht anklopfen?«

Äh, ja, konnte ich … also, eigentlich konnte ich das schon … Aber ich war halt etwas in Eile … OMG! Der arme Kleine!

»Oh, Kekschen, das … das wollte ich nicht … echt … Das tut mir total leid … Komm, leg dich hin!«

Ich stürzte zu meinem beklagenswerten Opfer und zerrte es auf das Bett, wo ich es, so sanft es in der Aufregung ging, niederdrückte.

»Schön liegen bleiben, ich hole was zum Kühlen und … Papiertücher … und …« Ich blickte mich suchend um, fand aber nichts, was ich ihm bis zu meiner Rückkehr unter den tropfenden Rüssel stopfen konnte. Kein Fitzelchen Kleenex weit und breit. Ich sprang auf und zog aus seinem Schrank eine weiße Baumwollunterhose. Sie duftete noch aprilfrisch und schien mir daher für den Notfall geeignet.

»Hier, halt die so lange unter die Nase.«

»Aber … es … es ist eine UNTERHOSE!«, protestierte mein Bruder.

»Ja und? Ist ja wohl egal, was es ist. Hauptsache, hygienisch einwandfrei.« Ich faltete die Buxe etwas zusammen und packte sie ihm unter die Nase, wobei ich die nun etwas genauer betrachtete. Himmel, da war doch hoffentlich nix gebrochen?

»Was kriechst du auch hinter der Tür rum«, meckerte ich mit ihm, um mein eigenes schlechtes Gewissen zu betäuben.

»Ich wollte grade zu dir kommen, wegen Mathe …« Er stockte und ein feines Tränenrinnsal floss aus dem linken Auge über seine blasse Wange, denn ihn bewegte die gleiche Frage wie mich: »Ist … äh … ist die … äh … Nase noch heile?«

»Klar«, machte ich auf Optimismus, »alles paletti, nur ein bisschen angestupst … Das wird wieder. Ich hol mal schnell was zum Kühlen …«

Ich preschte schuldbeladen aus dem Zimmer. Was machte ich denn nun nur? Benni konnte jeden Augenblick kommen und niemand außer mir war im Haus, der sich um den Keks kümmern konnte.

Ich tränkte im Bad einen Waschlappen mit eiskaltem Wasser und holte dann aus dem Eisschrank eine kalte Gelpackung. Die hatten wir da immer liegen, falls sich mal jemand etwas prellte … äh … ja … Sehr vorausschauend von meiner Mam. Kam also gerade recht.

Ich war bereits wieder auf dem Rückweg zu dem Verletzten, als es an der Haustür klingelte. Benni! Oh nein! Wenn der mich so sah, unfrisiert und mit der halb offenen und viel zu knappen Jeans … das war ja megapeinlich! Ich zögerte, aber eigentlich hatte ich keine Wahl, wir durften keine Zeit mehr verlieren, wenn wir nicht zu spät zu der Veranstaltung im Tierheim kommen wollten. Eitelkeit war hier also fehl am Platze. Es gab Wichtigeres und was machte es schon aus, ob Kiki sich einmal mehr blamierte. Benni war doch eh einiges von mir gewöhnt.

Also rannte ich schnell zum Eingang und öffnete. Benni starrte mich einen Moment sprachlos an, folgte dann aber meiner Aufforderung und trat ein.

»Komm mit«, sagte ich, froh, dass er da war, »ich habe den Keks ausgeknocked … Du bist hiermit zum Sanitätsdienst abgestellt!«

Er grinste. »Wo ist denn das Opfer deiner Temperamentsexplosion?«

Wir traten in sein Zimmer und Benni hockte sich gleich bei meinem Bruder auf die Bettkante.

»Hallo, Keks«, sagte er locker, »lass mal sehen.«

Er beugte sich über das bedauernswerte Kerlchen und bekam sogleich einen bedenklichen Gesichtsausdruck, was mir signalisierte: gar nicht gut! Benni sagte aber erst mal nichts, sondern betastete ganz vorsichtig das Nasenbein, wobei der Keks sofort wehleidig aufschrie. Jungs sterben ja immer sofort, wenn ihnen mal was wehtut. Es ist also total das Vorurteil, wenn behauptet wird, nur Mädchen wären zimperlich.

Okay, nach Bennis Inspektion stand jedenfalls fest, dass alles halb so schlimm war, zumindest war nichts gebrochen.

»Ist aber eine ziemlich üble Prellung«, meinte er und nahm mir die Gelpackung aus der Hand, um sie vorsichtig dem Keks um den lädierten Rüssel zu kneten.

»Immer schön kühlen, das ist das Wichtigste, damit es gar nicht erst so doll anschwillt.«

Er schob dem Keks die Hand weg, mit der er krampfhaft die Unterhose unter seine Nase presste und grinste, als er erkannte, um was es sich bei dem Stoffteil handelte.

»Blutet es noch?«, fragte er.

Das sah man doch wohl, schließlich schaute das Ding aus, als wenn’s jemand ohne Tampon oder Binde während seiner Periode getragen hätte. Ich merkte, wie mich der Gedanke rot werden ließ.

Benni gab dem Keks den kalten Waschlappen und das Handtuch und hielt mir den durchgesuppten Schlüpper hin.

»Kannste den mal entsorgen?« Igitt!

Aber Benni sollte nicht denken, dass ich pingelig bin, und so nahm ich das Ekelteil mit spitzen Fingern und trug es heroisch zur Waschmaschine.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte ich danach verstört. »Wir müssen doch zum Tierheim, da warten zwanzig Kinder auf uns … Aber wir können ja auch den Keks nicht alleine lassen.«

Benni sah auf die Uhr. »Ja, es wird nun höchste Zeit. Ist wirklich niemand da, der auf ihn aufpassen kann?«

»Lasst mich bitte nicht alleine!«, stöhnte im selben Moment der Keks und ich strich ihm beruhigend über die Stirn. »Nein, das machen wir natürlich nicht«, sagte ich traurig, aber fest entschlossen, mich zu opfern. Schließlich hatte ich es vermasselt und hatte die Konsequenzen zu tragen. Also musste ich wohl auf die Veranstaltung im Tierheim verzichten. »Dann musst du eben alleine fahren, Benni.«

»Kommt gar nicht infrage«, lehnte Benni sofort ab, schaute mich dabei aber ziemlich ratlos an. »Auch keine Nachbarin, die mal eine Weile nach ihm schauen könnte?«

Aber natürlich, das war es! Wieso war ich nicht gleich darauf gekommen. Die Wondrascheks, Joschkas Mutter war doch immer zu Hause.

»Ich rufe Sandra an, vielleicht weiß die einen Rat.«

Sie wusste.

»Wenn dein Bruder ein paar Schritte gehen kann, bringt ihn doch ruhig zu uns rüber. Da kann er sich im Wohnzimmer auf eins der Sofas legen und ich habe ihn im Blick und er hat etwas Ablenkung.«

»Willst du?«, fragte ich den Keks und berichtete ihm von Sandras Vorschlag.

Sofort hievte er sich von seinem Sterbelager hoch, weil ihn diese Aussicht schlagartig wiederbelebt hatte.

Mir wurde nun erneut bewusst, dass ich immer noch unfrisiert und in der spackigen Jeans herumlief. Benni fiel das nun auch auf.

»Hast du zugenommen?«, fragte er reichlich ungalant. »Deine Jeans sitzt etwas knapp.«

Mein Kopf fühlte sich auf einmal an wie ein Feuermelder und ich stotterte total verlegen: »Die … äh … ist vom letzten Sommer … ich … hab nur mal probiert … und wollte sie grade ausziehen …«

Benni grinste frech. »Solltest du vielleicht jetzt wirklich machen. Ich kann deinen Bruder ja zu den Wondrascheks rüberbringen.«

»Das würdest du tun?«

Er zuckte die Schultern. »Klar, warum nicht, die kennen mich doch auch.« Er stopfte dem Keks in jedes Nasenloch einen Kleenexstöpsel, half ihm in die Jacke und schob mit ihm ab.

»Gute Besserung!«, rief ich den beiden noch an der Haustür nach, dann fegte ich in Windeseile in mein Zimmer, um mich für unseren Auftritt im Tierheim fertig zu machen.

Als Benni zurückkam, war ich wieder top, was er mit einem süßen Kompliment belohnte. Wir sprangen auf die Räder und rasten los.

Zwar trafen wir mit zehn Minuten Verspätung ein, aber das war nicht schlimm, denn Svenja und Björn von der Tierrettung hatten den Kindern inzwischen das neue Katzenhaus gezeigt.

Wir führten also nun unseren Film vor, erzählten etwas zu seiner Entstehung und warum wir uns für den Tierschutz engagierten. Dann gab es für die Kids eine Führung durch das Tierheim und danach konnten sie den Wagen der Tiernotrettung anschauen und darin eine Runde mit Blaulicht um das Tierheim fahren. »Hoffentlich entscheiden sich viele Eltern dafür, ihren Kindern eine Tierpatenschaft zu erlauben«, sagte ich zu Benni, »und Futterspenden könnten sicher auch noch reichlicher fließen.«

Der Film kam jedenfalls prima an und als die Kids mit ihren begleitenden Sozialpädagogen zu den Hundezwingern rüberpilgerten, machten Benni und ich zufrieden den Abflug. Eine wirklich gelungene Aktion.

Es war ein herrlich warmer Tag und so beschlossen wir, da der Keks ja in guten Händen war, noch mit den Rädern zur Eisdiele am Stadtweiher zu fahren und uns mit einem Früchtebecher ein wenig selbst zu belohnen. Der war da unvergleichlich gut. The best ice-cream in town!

Wir hatten einen Platz direkt am Steg, das Wasser plätscherte zu unseren Füßen leise ans Ufer und die Stimmung war nach getaner Arbeit einfach toll. Seit ich mit Benni zusammen war, gab es oft so schöne Momente, weil ich durch ihn gelernt hatte, meine Energie in sinnvolle Projekte zu stecken. Äh ja, im Prinzip … und immer öfter … Der Nasenstüber für den Keks war einfach ein blöder Zufall … unglückliche Umstände … Konnte doch jedem passieren … Kein Grund, in Panik zu verfallen. Kiki konnte auch ohne Chaos durchs Leben wandeln … nun ja …

Gerade sprühte ich mal wieder vor überschäumender Lebenslust. Okay, so dicht an der Wasserkante sollte man vielleicht nicht mit dem Stuhl kippeln, besonders nicht, wenn das Sicherheitsgelände nur die Höhe einer Beeteinfassung hatte … Uups! Konnte man so schnell das Gleichgewicht verlieren? Kiki konnte – aber volle Kanne!

»Benniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!« Mein Schrei musste im Umkreis einer Meile jedem lebenden Wesen das Trommelfell zum Platzen gebracht haben, so markerschütternd fiel er aus, als ich in hohem Bogen rückwärts in den Teich klatschte.

Noch während ich abwärts in die grünlichen Tiefen sank, machte ich mir schwerste Vorwürfe über diesen Rückfall in meine härteste Katastrophenzeit. Und mein innerer Coach hatte auch nichts anderes zu tun, als besserwisserisch zu tröten: Ich wusste doch, dass du das Chaos immer noch anziehst wie die Marmelade die Fliegen. Bis in deiner Nähe katastrophenfreie Zone herrscht, wird noch viel Wasser die Spree runterfließen …

Apropos Wasser, das war wie gesagt grün und voller Algen und nach dem ersten Schock wollte ich eigentlich nicht unbedingt länger als nötig darin verweilen. Also auf keinen Fall so lange, bis ich ersoffen war. Obwohl ich sicher eine bezaubernde Wasserleiche wäre und die Lokalpresse mein Ableben bestimmt mit einer Schlagzeile würdigen würde.

Aber ist es das wert?, gab mein innerer Coach zu bedenken. Nein! Ein dreifaches, energisches Nein, Nein, Nein!

Ich versuchte also mit einem kräftigen Schwimmzug so schnell wie möglich wieder die Oberfläche zu erreichen. So gemütlich war es hier nun auch nicht und die Wassertemperatur recht frisch.

Eigentlich hielt ich mich ja für eine gute Schwimmerin und mochte Wasser, aber irgendwie fand ich es hier unten ziemlich düster, als ich tapfer die Augen öffnete und versuchte die Oberfläche zu erspähen. Ich sah lediglich eine unheimliche dunkelgrüne Fläche über mir, wo eigentlich das Licht der Hoffnung hätte glänzen sollen. OMG!

Jetzt wurde es zudem allmählich kritisch … Luft! Ich brauche dringend Luft, dachte ich panisch. Und weil ich wirklich keinen Bock hatte, ausgerechnet im Stadtweiher mein Leben auszuhauchen, stieß ich noch mal kräftig mit den Beinen und durchbrach die dunkelgrüne Decke über mir.

Hurra! Die helle Sonne begrüßte mich zurück unter den Lebenden und Benni stand keinen Meter von mir entfernt am Ufer und drückte auf den Auslöser seiner Handykamera.

Na, der machte mir ja Spaß! Hätte der mich nicht mal retten können? Ich wollte ihn gerade anschnauzen, als ich merkte, dass ich stehen konnte und mir das Wasser nicht mal bis zum Kinn reichte. Da hätte ich mich beim Ersaufen aber echt anstrengen müssen. Außerdem half Benni mir sofort an Land und legte mir liebevoll seine Sweatjacke um die Schultern, sodass ich sie schützend über meiner Brust zusammenziehen konnte, die sich megapeinlich unter dem klatschnassen Shirt abzeichnete.

Ich verschwand auf die Toilette und Benni bezahlte inzwischen. Das Eis aßen wir dann nicht mehr auf, denn ich war – trotz des Trockenlegungsversuchs im Waschraum – so durchgeweicht, dass ich wirklich nur noch schnellstens nach Hause wollte. Mit den Rädern hatten wir es auch rasch geschafft, dennoch klapperten mir bei der Ankunft vor unserem Haus die Zähne schneller, als ich zittern konnte.

Und dann stand da auch noch Opa Wondraschek und suchte mal wieder seine Renntaube, die schwatte Else.

»Hast du sie gesehen?«, fragte er mich.

Worauf ich diesmal nur etwas genervt den Kopf schütteln konnte und sagte: »Gehen Sie mal lieber schnell nach Hause, Opa Wondraschek, ich kann allenfalls mit ein paar Fischen dienen.« Und wie ich das so sagte, fiel mir doch tatsächlich ein winziger Goldfisch aus dem Hosenbein meiner nassen Jeans und der schien auch noch auf wundersame Weise überlebt zu haben.

»Den setze ich dann ma besser in dat Schwimmbecken, woll?«, sagte der Opa, hob ihn auf und machte sich mit schlurfendem Schritt tatsächlich in Richtung Villa davon. Ob der Fisch das allerdings auch noch überstehen würde? Na gut, da musste er nun durch. Nur die Harten kommen in den Garten … oder in den Pool – bei den Wondrascheks.

»Warum muss mir nur immer so was Blödes passieren«, stöhnte ich frustriert, als ich mein Rad in den Vorgarten schob. »Jetzt habe ich dir den ganzen schönen Tag verdorben.«

»Ach, da mach dir keinen Kopf«, meinte Benni jedoch nur und gab mir einen Abschiedskuss. »Jede Minute mit dir ist aufregender als der coolste Kinofilm. Langeweile kommt jedenfalls nie auf. Und jetzt ab unter die Dusche, damit du morgen keinen Schnupfen hast. Ich hole dann mal deinen Bruder wieder rüber.«

Hach, was war der Junge süß!

Dem Keks ging es so leidlich, aber natürlich schob meine Mam, als sie nach Hause kam, gleich wieder Panik und wollte ihn unbedingt noch zum Notarzt schleifen. Man einigte sich aber dann darauf, dass Mam den Keks am nächsten Tag in der Schule krankmelden und mit ihm zu unserem Hausarzt gehen würde. Jetzt tat ihm Ruhe sicher gut. Ich fand, dass er schon wieder ganz passabel aussah, wenn auch die Nasenspitze noch ziemlich geschwollen und blau war.

»Wie war es bei den Wondrascheks?«, musste ich aber noch neugierig fragen, ehe er im Bett verschwand.

»Cool«, meinte er wortkarg, »die sind echt coole Nachbarn.«

Als Abendgruß bekam ich diesmal von Benni keine Songzeile, wie es seit einiger Zeit zur schönen Gewohnheit geworden war, sondern das Handyfoto vom Stadtweiher und das war echt zum Schreien! Ich war mitten in einem riesigen Seerosenteppich aufgetaucht und auf meinem Kopf thronte eine wunderbare weiße Blüte.

Bennis einziger Kommentar dazu war: Verstehst du nun, warum ich dich so liebe, meine Wassernixe?

Nein, verstand ich nicht, aber musste ich ja auch nicht, ich war auch so glücklich.

Am nächsten Morgen stand Joschka erneut mit der Vespa vor unserer Tür und fragte, ob ich mitfahren wollte.

»Klar, immer!« Er reichte mir den Beifahrerhelm und ich kletterte hinter ihm auf den Sitz. Als ich meine Arme um ihn schlang, legte ich meinen Kopf zum Schutz gegen den Fahrtwind an seinen Rücken und spürte die angenehm glatte Fallschirmseide seines Blousons. Er trug das Teil immer noch, obwohl wir ihm mit Hilfe seiner Schwester Rosa inzwischen zu einem etwas schickeren Outfit verholfen hatten. Jeans und Shirt und neue Boots standen ihm ganz toll und in dieser Kombination konnte man den Blouson sogar akzeptieren. Praktisch war er beim Vespafahren ja sicherlich.

Du machst dir mal wieder völlig überflüssige Gedanken, nölte mein innerer Coach. Willst du das nicht lieber Franzi überlassen? Ich denke, dass Benni es nicht gut findet, wenn du dich so intensiv mit einem anderen Jungen beschäftigst.

Dann denkst du eben falsch, ließ ich mich aber von ihm nicht verunsichern. Joschka ist schließlich nicht nur ein Nachbar und Mitschüler, sondern auch ein Freund, und Benni ist überhaupt nicht eifersüchtig, weil er nämlich weiß, dass er dazu gar keinen Grund hat. Punkt!

Als wir auf den Schulhof knatterten, standen die Schleimschnecken Gracia und Daphne dort wieder herum und begafften Joschka und mich. Natürlich gab es auch den üblichen Kommentar: »Dass Benni das so hinnimmt!«, tuschelten sie so laut, dass ich es auch auf jeden Fall mitkriegen musste.

Aber diesmal hatten sie ihre Rechnung ohne Joschka gemacht.

»Was nimmt Benni hin?«, machte er ganz auf naiv.

Gracia lief rot an vor Schreck, weil sie mit einer Reaktion von ihm offenbar überhaupt nicht gerechnet hatte.

»Äh, nichts … äh … hat mit dir gar nichts zu tun …«, stotterte sie überrumpelt.

»Na, dann ist es ja gut«, meinte Joschka gelassen. »Ihr wisst schon, dass Benni und ich befreundet sind?«