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Das Buch

Luther ist nicht nur der meist porträtierte Mann der deutschen Geschichte, er ist auch der erste Bestsellerautor dieses Landes. Mit seiner Bibelübersetzung initiierte Luther eine Lesekultur, und an der Wittenberger Universität, wo er lehrte, startete er eine Bildungsoffensive. Zu seinen Zielen gehörte eine umfassende Alphabetisierung. Ohne ihn gäbe es in Deutschland nicht die Buchkultur, um die uns viele beneiden.

Unverkennbar sind auch die Nachwirkungen in der Politik. Luther geißelte die Selbstbedienungsmentalität der Renaissance-Päpste, den Ablasshandel, und die Protzerei der von mächtigen Kaufleuten unterstützten Landesherrn so einschneidend, dass die Auswirkungen noch heute sichtbar sind. Ein Berlusconi hätte in Deutschland nie eine Chance gehabt. Protestantische Politiker wie Merkel oder Katrin Göring-Eckardt wissen sehr genau, dass innerweltliche Askese demonstriert werden muss.

Auffällig ist, das die nordeuropäischen Länder, die evangelisch-lutherisch geprägt sind, nicht nur ein deutlicher wahrnehmbares Arbeitsethos als die katholisch geprägten im Süden haben – , sondern auch die am stärksten ausgebauten sozialen Netze. Sogar in unserer Musikkultur zehren wir noch stark von Luthers Erbe, zu dem freilich auch Schattenseiten wie sein Antisemitismus gehören.

Die Autorin

Christine Eichel, 1959 geboren, hat Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaft studiert und wurde mit einer Arbeit über Theodor W. Adorno promoviert. Sie war Fernsehregisseurin, Moderatorin, Gastprofessorin der Universität der Künste Berlin und leitete die Kulturressorts der Magazine Cicero und Focus. Sie hat zahlreiche Romane und Sachbücherveröffentlicht. Zuletzt erschienen »Das deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht« (2012) und »Deutschland, deine Lehrer« (2014). Christine Eichel lebt als Autorin und Publizistin in Berlin.

Christine Eichel

Deutschland, Lutherland

Warum uns die Reformation

bis heute prägt

Blessing

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2. Auflage

Copyright © Christine Eichel 2015 und Karl Blessing Verlag, München, 2015, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Geviert Grafik & Typografie, München, unter Verwendung von Motiven von akg-images und shutterstock/nation

Bildredaktion: Annette Mayer

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-15650-3
V002

www.blessing-verlag.de

Inhalt

Einleitung: Zweierlei vom Reh

KAPITEL I

GESELLSCHAFT

1.  Fleißig. Warum wir Arbeit und Menschwerdung zusammendenken

2.  Spendabel. Warum wir gerne geben

3.  Kinderlos. Warum wir auf Nachwuchs verzichten

4.  Engagiert. Warum Frauen so gern lehren und helfen

KAPITEL II

KULTUR

1.  Hymnisch. Warum wir die reichste Musikkultur der Welt haben

2.  Kunstaffin. Warum deutsche Museen Besucherrekorde verzeichnen

3.  Lesebegeistert. Warum wir den zweitgrößten Buchmarkt der Welt haben

KAPITEL III

POLITIK

1.  Volksnah. Warum unsere politische Kultur Demut verlangt

2.  Versorgt. Warum wir den Sozialstaat favorisieren

3.  Sparsam. Warum wir (noch) unser Geld zusammenhalten

4.  Schuldig. Warum wir schwer an unserer Geschichte tragen

Rechthaber, Sinnsucher, Engagierte

Anmerkungen

Personenverzeichnis

Einleitung: Zweierlei vom Reh

Der Herr am Telefon wurde sehr energisch. »Dieser Text darf nicht erscheinen!«, rief er aus. »Der Artikel hätte niemals geschrieben werden dürfen! Sie bringen mich in Teufels Küche!« Moment mal. Teufels Küche? Ich räusperte mich. »Es war doch alles mit Ihrem Koch abgesprochen, der Text wurde von ihm autorisiert.« Am anderen Ende der Leitung hörte ich hektisches Keuchen. Was war geschehen? Und wer war der Herr, der nahezu verzweifelt intervenierte?

Rückblende. Als Redakteurin eines politischen Monatsmagazins hatte ich einen Koch interviewt. Nicht irgendeinen, nein, einen besternten, der sich als Küchenchef eines gleichfalls reich besternten Berliner Hotels ein Privileg erkocht hatte: dann und wann im Kanzleramt aufzutischen. Diese Ehre teilte er sich mit gerade mal einer Handvoll Berliner Kollegen. Was nur wenige wissen: Immer dann, wenn die Kanzlerin zum Dinner im kleinen Kreis einlädt, werden die besten Köche der Stadt beauftragt, ein Menü zu kreieren. Am Profiherd vorbereitet, erhalten die ausgewählten Köstlichkeiten dann in der kleinen Küche der Kanzleretage den letzten Schliff und werden erlauchten Gästen im quasi intimen Rahmen serviert.

Schönes Thema, dachte ich. Der Mensch ist, was er isst, und auch Bewirtungen im Zentrum der Macht erzählen etwas über unsere politische Kultur. Wäre doch interessant zu wissen, welche kulinarischen Genüsse die Kanzlerin schätzt, die öffentlich gern beteuert, auf Eintöpfe zu stehen.

Wie vermutet, ging es hinter geschlossenen Türen wesentlich feiner zu: Haute Cuisine, deutsch interpretiert, begleitet von erlesenen Weinen. Alles ganz harmlos? Weit gefehlt. Der Hoteldirektor, dessen Starkoch ich befragt hatte, hyperventilierte, als er von meiner Geschichte erfuhr. Nie wieder werde das Kanzleramt anrufen, wenn der Text erscheine. Diskretion sei oberstes Gebot, das habe sein Koch leider nicht gewusst. Mit Engelszungen beschwor mich der Mann, die Geschichte zu vergessen. Er tat mir leid, deshalb tat ich ihm den Gefallen. Allerdings begann ich darüber nachzudenken, warum Menüs im Kanzleramt eigentlich Staatsgeheimnisse sind. Kann Genuss denn Sünde sein?

O ja. Denn wir leben nicht in Frankreich oder Italien, wo gutes Essen als nationales Kulturgut betrachtet wird, sondern in Deutschland. Und da existieren ungeschriebene Spielregeln für Politiker, wie es sie nur in einer protestantisch geprägten Gesellschaft geben kann: Wer unter Luxusverdacht steht, riskiert seine politische Bonität. Das Stichwort heißt Image. In Zeiten, in denen kaum noch jemand die Geheimnisse der Rentenreform oder der Finanzmärkte versteht, werden Politiker weniger nach Sachkompetenz denn als Person beurteilt. Pflegen sie einen bodenständigen Lebensstil, der sie als glaubwürdig ausweist? Oder genehmigen sie sich die Extras einer misstrauisch beäugten Elite?

Politiker, die durch diesen Test fallen, müssen mit empfindlichen Imageeinbußen rechnen. Diese Erfahrung machte unter anderem Peer Steinbrück, als er während des Wahlkampfs 2013 öffentlich bekannte, ein Pinot Grigio unter fünf Euro komme ihm nicht ins Glas. Die Nation schrie auf. Geht gar nicht! Und der will Volksvertreter sein? Schon mal was von Hartz IV gehört? Auch Steinbrücks Einlassung, das Kanzlergehalt sei zu niedrig, sorgte für Empörung. Mussten sich die Kassiererin im Supermarkt und der Niedriglohn-Friseur nicht verhöhnt fühlen? Man sprach dem Kanzlerkandidaten nicht nur die soziale Sensibilität ab, man hielt ihn für einen verantwortungslosen Snob. Und der passte in etwa so gut in unsere real existierende Demokratie wie ein Kannibale in den Veganerclub. Auf dem Meinungsmarkt verlor Steinbrück rapide Punkte, weil er unterschätzt hatte, wie stark die politische Reputation hierzulande mit Habitus und Lebensstil verknüpft ist.

Verlangt wird die Tugend der Bescheidenheit, ein Erfolgsrezept der politischen Sphäre. Das hatte Angela Merkel längst begriffen, als sie die Abendessen im Kanzleramt unter höchste Geheimhaltungsstufe stellte. Nichts darf das Bild der genügsamen Arbeitsbiene beschädigen, für die Pflichterfüllung und Genussverzicht Synonyme sind. Wasser predigen und Wein trinken weckt Argwohn, so steht es schon in der Bibel. Wohlgemerkt: Wir reden hier weder über Korruption, Mauschelei noch Missbrauch von Amtsprivilegien, sondern über Glaubwürdigkeit. Und die muss gefühlsecht inszeniert werden, im Falle von Angela Merkel mit Hausmannskost, betont schlichter Kleidung, bodenständigem Wanderurlaub und der unspektakulären Datsche in der Uckermark.

Das alles sind nur Details, allerdings sprechende. Und jene, die geradezu eifersüchtig darüber wachen, dass Volksvertreter möglichst volksnah auftreten, ahnen vermutlich nicht, in wessen Namen sie Demut einklagen. Die Rede ist von einem ehemaligen Mönch, der sich mit Papst und Kaiser anlegte, zeitweise buchstäblich zum Abschuss freigegeben war und schließlich einen Erdrutsch des Denkens und Glaubens auslöste: Martin Luther.

Knapp fünfhundert Jahre nach Luthers Thesenanschlag in Wittenberg – über dessen historische Authentizität freilich gestritten wird – sind wir immer noch Kinder der Reformation. Luthers innerweltliche Askese und seine Aversion gegen jede Art äußerlicher Prachtentfaltung, sei es im kirchlichen oder privaten Kontext, bestimmen nach wie vor das Leitbild politischer Selbstdarstellung. Ästhetik und Ethik werden zusammengedacht, eine sehr reformatorische Auffassung. Doch wie kann es sein, dass die Auswirkungen der Reformation noch immer spürbar sind? Warum sind viele Ideen Luthers präsent, unabhängig von konfessionellen Unterschieden, trotz Globalisierung, Multikulti, Pluralisierung der Lebensstile?

Wenn man kollektiven Mentalitäten nachspürt, reichen die Wurzeln tief. Im Falle des Protestantismus bis ins 16. Jahrhundert. Das Jahr 1517 markiert eine historische Zäsur, die für Deutschland identitätsstiftende Bedeutung hat. Denn Luthers Plädoyer für eine neue Form gelebten Glaubens kündigte mehr als eine religiöse Erneuerungsbewegung an: Es leitete einen Mentalitätswandel ein. Mit Luther entstand neben einem neuen Gottesbild und einer neuen Kirche auch ein neues Weltbild. Die Reformation war, wie wir heute sagen würden, ein ganzheitliches Konzept. Sie beantwortete neben theologischen viele weitere Fragen neu, etwa nach dem Verhältnis von Obrigkeit und Gehorsam, Arbeitsethos und Gemeinwohl, Bildung und Sprache, Vernunft und Spiritualität, Gesellschaft und Familie.

Die Bibelübersetzung Luthers stand für ein emanzipatorisches Programm. Zum einen sollten Gläubige die Heilige Schrift selbst lesen und selbst auslegen können, unabhängig von der Deutungsmacht päpstlicher Theologen. Zum anderen ging es um eine grundsätzliche Neudefinition des Christseins: Ohne kirchlich-institutionellen Segen könne jeder der Gnade Gottes teilhaftig werden. Weder milde Gaben noch gute Taten seien nötig, um sich den Gnadenstand zu verdienen. Gleichwohl müsse sich der Mensch dereinst beim Jüngsten Gericht vor Gott verantworten. Allein, ohne priesterliche Vermittlung.

Das war ein Frontalangriff auf die Papstkirche. Luther sprach ihr sowohl die theologische Interpretationshoheit als auch das Erlösungsmonopol ab. Sein Menschenbild schloss Freiheit und Mündigkeit ein; zugleich forderte er, verantwortungsbewusst mit dieser Freiheit umzugehen. Religiöse Autonomie war für ihn keineswegs gleichbedeutend mit moralischer Indifferenz. Das eigene Handeln müsse reflektiert, das Gewissen permanent überprüft werden. So formte sich ein protestantisches Selbstverständnis, dessen Ideal die verantwortungsvolle, pflichtbewusste Lebensführung war – als Ergebnis einer freien, individuellen Entscheidung. Statt autoritär verordneten Dogmen sollte der evangelische Christ seinem Gewissen folgen, statt Regelkatalogen einer subjektiv entwickelten Ethik.

Zugleich veränderte sich der Blick auf die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Im Kontext der evangelischen Gemeinden hieß das: kein römischer Zentralismus mehr. Gehorsam wurde durch Gestaltung ersetzt. Die Selbstverwaltungsstrukturen der evangelischen Kirchen sind daher bis heute sichtbar, von der EKD-Synode bis zu den regionalen Kirchenvorständen mit gewählten Gemeindevertretern.

Geistesgeschichtlich entwickelte das lutherische Freiheitsparadigma eine ungeheure Sogkraft. Kant beispielsweise formulierte sein aufklärerisches Emanzipationsideal ganz im Sinne der Reformation: Die äußeren Autoritäten verlieren ihren Orientierungsanspruch, die inneren Instanzen gewinnen an Bedeutung; eine individuelle Gesinnungsethik löst die normative Ethik ab. Hegel bezog sich ebenfalls auf das protestantische Freiheitsideal, aus dem er das »Prinzip des freien Geistes« und die Autonomie des Individuums ableitete. Im Protestantismus sah Hegel die zeitgemäße Erscheinung des Weltgeistes – eine fortgeschrittene Religiosität, die Glaube und Verstand in ein produktives Verhältnis zueinander setze, auf das Subjekt bezogen, nicht auf institutionelle Vorgaben.

Jenseits philosophischer Höhenflüge entstand nach Luther ein höchst irdisches konfessionelles Milieu, eine protestantische Kultur. Und ein Menschentypus, den wir heute als typisch deutsch empfinden: fleißig, sparsam, rational. Barocke Üppigkeit und heiteres Dolcefarniente sind da weniger angesagt, das überlässt man lieber den katholischen Südländern. Und holt sich im Urlaub ein Stück Lebenslust zurück, das im Alltag wenig Raum hat.

Simples Klischee oder nachprüfbare Realität? Auf die Frage nach dem deutschen Nationalcharakter sind überraschende Antworten zu finden, wenn man den Spuren Luthers folgt. Warum sind wir Weltmeister, wenn es ums Spenden und Sparen geht? Warum haben wir die meisten Orchester und eine einzigartige Lesekultur, die Deutschland zum zweitgrößten Buchmarkt der Welt aufsteigen ließ? Woher rührt unser Übereifer, andere zu erziehen? Warum stilisieren wir das Thema Ernährung zuweilen zu einem Glaubenskampf? Aus welchem Grund haben wir im EU-Vergleich die meisten Krankenhausbetten und das dichteste medizinische Versorgungsnetz? Warum studieren so wenige deutsche Studentinnen naturwissenschaftliche Fächer? Warum ist Deutschland ein Museenparadies?

Hinter dem Verhältnis zu Arbeit, Familie, Kunst oder Geld stehen Haltungen, die ohne die Hintergrundmusik des Protestantismus schwerlich zu verstehen wären. 1973 ermittelte der Sozialpsychologe Gerhard Schmidtchen Verhaltensweisen und Handlungstendenzen, die jeweils typisch für Katholiken und Protestanten waren.1 Dabei stützte er sich auf Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach. Akribisch nahm er die Statistiken in den Blick und sortierte sie nach konfessioneller Zugehörigkeit. Unter anderem fand Schmidtchen heraus, dass Protestanten häufiger Selbstmord begingen, ihr Geld strukturierter einteilten, besonders gern fotografierten, die Körperhygiene ernster nahmen und ordnungsliebender waren als ihre katholischen Nachbarn. Sie lasen und reisten mehr, verfügten häufiger über höhere Bildungsabschlüsse und hatten weniger Kinder, weil sie systematisch Familienplanung betrieben. Protestanten investierten besonders gern in Lebensversicherungen und lehnten Aktien ab, protestantische Frauen führten Haushaltsbücher, benutzten aber keinen Lippenstift.

Seitdem sind vierzig Jahre vergangen, und die konfessionellen Unterschiede haben sich im Alltagsleben verwischt. Selbst langjährige Kollegen wissen oft nicht, ob sie mit einem Katholiken oder Protestanten zusammenarbeiten, interkonfessionelle Ehen sind eine Normalität geworden. Was bleibt, sind Eigentümlichkeiten der Deutschen, die zum mentalen Erbe der Reformation gehören. Schmidtchens Zusammenstellung protestantischer Verhaltensweisen ist zwar eine historisch überholte Bestandsaufnahme, jedoch mit einer ziemlich guten Pointe: Vieles, was damals typisch protestantisch war, empfinden wir heute als typisch deutsch.

Solche Nebenwirkungen der Lutherrezeption sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. In jeder Epoche wurde ein neues Kapitel des Protestantismus geschrieben, das weniger über ein authentisches Lutherbild, jedoch viel über den jeweiligen Zeitgeist verrät. Dass aber der Protestantismus als Lebens- und Denkungsart überhaupt eine enorme Wirkmacht entfalten konnte, hat gleich zwei Gründe. Zum einen Luthers »Verweltlichung« des Glaubens, die eine spezifische Alltagsethik und Alltagsgestaltung mit sich brachte, zum anderen die weltzugewandten Schriften von Luthers eigener Hand. Ehe, Familie, Erziehung waren darin kardinale Themen, ebenso die Haltung zu Arbeit, Geld und Macht. Vor allem die Tischreden Luthers, in denen es buchstäblich um Gott und die Welt ging, erfreuten sich in den nachfolgenden Jahrhunderten großer Popularität. Als erster Gast an Luthers Tafel soll der Pfarrer Konrad Cordatus die Reden des Reformators protokolliert haben. Andere Gäste folgten seinem Beispiel, ja, Luther selbst ermunterte seine Tischgenossen schließlich dazu.

Wesentlich ist dabei weniger die Frage, wie authentisch die Notate das Gesprochene wiedergeben. Auch ob Luthers autobiografische Anmerkungen möglicherweise der Selbstverklärung oder der Durchsetzung seiner reformatorischen Sache dienen sollten, ist in diesem Zusammenhang unerheblich. Entscheidend ist die weite Verbreitung, die das Konvolut der Tischreden genoss. Für die Rezeptionsgeschichte Luthers spielen sie eine große Rolle, da sie leichter verständlich und lebensnaher formuliert waren als theologische Abhandlungen.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für die Verbreitung der protestantischen Wesensart war die Vielzahl der Pfarrhäuser. In evangelischen Regionen waren sie gleichsam flächendeckend präsent, bis ins kleinste Dorf. Gerade auf dem Land, wo es an Bildungsangeboten mangelte, stiegen Pfarrer zu Kulturträgern und Welterklärern auf. Der im Vergleich zum Katholizismus ungleich höhere Stellenwert der Predigt erweiterte das Spektrum von Liturgie, Gebet und Bibellesung um die Verkündigung genuin protestantischer Überzeugungen. Diese reichten im Einklang mit Luthers Verweltlichung des Glaubens tief in den Alltag hinein.

Durch ausgedehnte Predigten – manche Pfarrer sollen sie in der Vergangenheit bis auf zwei Stunden ausgeweitet haben – verankerte sich der lebensweltlich transformierte Glaube nachhaltig. Über die zehn Gebote und die Vergebungsbotschaft des Neuen Testaments hinaus wurden Pfarrer gewissermaßen zu Life Coaches. Sie hatten auf fast alles eine Antwort, da Luther in seinen Schriften zu den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung bezogen hatte. Soll man sparsam sein, oder darf man das Verdiente verprassen? Wie sieht es aus mit Selbstkontrolle, Pünktlichkeit, Kinderzahl? Darf man Bier trinken? Zu Tanzvergnügungen gehen? Welchen Stellenwert hat die Bildung? Frag nach beim Pfarrer, hieß die Devise.

Auch die Familienkultur des Pfarrhauses trug zur protestantischen Missionierung bei. Da evangelische Pfarrer nach der Abschaffung des Zölibats heiraten durften und Familien gründeten, wurden ihre Frauen und Kinder ebenfalls zu protestantischen Kulturträgern. Schließlich sollte im Pfarrhaus modellhaft vorgeführt werden, wie das Ideal der christlichen Familie zu leben sei. Aufmerksam beobachtet von der Gemeinde, mussten Pfarrer Vorbild sein. Dazu gehörte die Gastfreundschaft, das »offene Pfarrhaus«. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert verwandelten sich viele Pastorenwohnzimmer in Debattierzirkel und Salons, in denen man Hausmusik pflegte und aktuelle Themen diskutierte. Ganz nebenbei erhielten die Besucher einen Eindruck von der Sprachkultur und der musischen Bildung des Pfarrhauses.

Diese gleichsam subkutane Missionierung ließ den protestantischen Geist tief in die kollektive Mentalität sickern. Und nicht zuletzt waren es die vielen Pfarrerssöhne von Lessing bis Nietzsche, deren Denken aus der kritischen und höchst produktiven Auseinandersetzung mit dem frommen Elternhaus entstand.

Auch politisch ist der protestantische Einfluss manifest. In den Jahrhunderten nach der Reformation geriet Luther zur willkommenen Projektionsfläche unterschiedlichster politischer Strömungen. Vereinnahmt haben ihn viele, mal als deutschnationalen Heros wie im Lutherjahr 1917, mal als Vorbild mutiger politischer Positionierung in der Bürgerrechtsbewegung der DDR, in der evangelische Pfarrer einer tragende Rolle spielten. Heute diskutieren wir vor allem über Luthers aggressiven Antisemitismus, der zusammen mit seinem Obrigkeitsgehorsam eine fatale Orientierungsfunktion im Dritten Reich übernahm. Deutsche Schuld und deutscher Protestantismus, das ist ein brisantes Thema. Im Vorfeld des großen Lutherjubiläums 2017 rollt eine neue Aufarbeitungswelle an. Wurde der Reformator von der nationalsozialistischen Propaganda lediglich instrumentalisiert? Oder lässt sich die plakative Formel »von Luther zu Hitler« bereits durch seine Schriften begründen? Auch die evangelische Kirche muss sich solchen Fragen stellen, da ihre Geschichte seit dem 19. Jahrhundert von massiv antisemitischen Tendenzen durchzogen wurde. Rassistische Hassprediger wie der Berliner Dompfarrer und Hofprediger Adolph Stoecker, der zwischen 1879 und 1908 auch als Abgeordneter der Deutschkonservativen Partei im Preußischen Landtag saß, waren kein Einzelfall. Vor allem die »Deutschen Christen«, die 1932 in Thüringen als eigene Kirchenpartei gegründet worden waren, vertraten offensiv völkisches und antisemitisches Gedankengut und stiegen schließlich zum politischen Faktor in Hitlers Terrorstaat auf.

Die Auswirkungen der Reformation sind also derart vielfältig – und durchaus zwiespältig –, dass man sie nicht als einfache Erfolgsbilanz erzählen kann. Außerdem muss man eines vorwegschicken, wenn man sich dem Phänomen nähert: Einen konturenscharfen Protestantismus gibt es nicht. Der Begriff entstand zwar bereits 1529 während des Reichstags zu Speyer, anlässlich der »Protestation« der evangelischen Stände gegen die Verhängung der Reichsacht über Martin Luther, und setzte sich im 18. Jahrhundert allgemein durch. Selbsterklärend war und ist das Protestantische jedoch keineswegs. Allein die Vielzahl der Reformatoren der ersten Stunde zeichnet ein komplexes Bild. Namen wie Luther, Spalatin, Calvin, Hus oder Zwingli stehen für jeweils deutlich abgegrenzte Positionen mit eigenen Schwerpunkten. Anschließend verzweigte sich, was wir heute unter Protestantismus verstehen, in verschiedenste geistige, politische und soziale Milieus sowie in diverse religiöse Erneuerungsbewegungen, die fortlaufend Reformulierungen protestantischer Haltungen vornahmen.

In Deutschland blieb jedoch vor allem Luther prägend. Besonders in der Auseinandersetzung mit Aufklärung, Französischer Revolution und nationaler Identität war lutherisches Gedankengut präsent. Zunehmend formte es die kulturelle Matrix. Im 19. und im frühen 20. Jahrhundert bedeutete das Protestantische nicht mehr nur eine kirchliche Konfession, sondern fungierte als Orientierung für das erstarkende, zunehmend emanzipierte Bürgertum. Die konfessionellen Konturen gingen weit über theologische Richtungsstreitigkeiten hinaus, sie markierten Mentalitätsunterschiede, auch im Sinne konkurrierender Systeme. Die vermeintliche Überlegenheit des Protestantismus als aufgeklärte, diskursive, rationale Religion ließ ihn zunehmend als leitkulturtauglich für die Moderne erscheinen. So drang er tief in kollektive Befindlichkeiten ein, beeinflusste politische Debatten, philosophische Überlegungen, Bildungsideale. Und zwar auch – und gerade dort –, wo das Religiöse scheinbar keine Rolle spielte. Man könnte auch sagen: Das Protestantische wurde zur intellektuellen Instanz gesellschaftlich relevanter Diskurse. So ist es bis heute subkutan präsent, unabhängig von der Frage, ob sich jemand als gläubig bezeichnet oder gar konfessionell an die evangelische Kirche gebunden ist.

Reformatorische Einflüsse lassen sich deshalb fast überall finden, in Politik und Gesellschaft, Kultur und Ökonomie. Nach wie vor hat Luthers Denken starken Einfluss auf unsere Ideen von Staat, Rechtswesen, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Familie. Warum? Weil sich Mentalitäten, sind sie erst einmal verinnerlicht, hartnäckig forterben. Und zwar auch dann, wenn die theologische Basis längst nicht mehr im Bewusstsein präsent ist. Man könnte dies mit den Gesinnungen von Einwanderern in Amerika vergleichen. Deren Herkunftskulturen bestimmen noch erstaunlich lange über den gesellschaftlichen Erfolg der Nachkommen. Chinesischer Ehrgeiz, französisches Savoir-vivre oder italienischer Familiensinn bleiben über viele Generationen hinweg charakteristisch für das Verhalten. Ähnlich verhält es sich mit dem Protestantismus in Deutschland. Er hat mentalitätsbildend überdauert, oft unerkannt, aber höchst wirksam. Obwohl wir in einem zunehmend säkularen, entkirchlichten Klima leben, haben sich vitale reformatorische Impulse erhalten: Noch immer ist Deutschland Lutherland.

Die gleichsam archäologische Grabung nach den Wurzeln der deutschen Identität ist aufschlussreich, manchmal irritierend, oft sogar vergnüglich. Dabei drängt sich natürlich die Frage auf, wie weit der reformatorische Einfluss überhaupt reichen kann in einem Land, das heute etwa zu einem Drittel evangelisch, zu einem Drittel katholisch und zu einem weiteren Drittel konfessionslos ist oder anderen Religionen angehört. Kann man Deutschland als protestantische Nation bezeichnen?

Dafür spricht neben dem kulturhistorischen Einfluss, dass evangelische Christen besonders aktiv und besonders sichtbar sind. Eine aktuelle Mitgliederbefragung der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) untersuchte vor Kurzem die »Potenziale des Protestantismus«. Mit dem Ergebnis, dass sich evangelische Kirchenmitglieder häufiger als Konfessionslose in nicht-kirchlichen Gruppen und Vereinen engagierten. »Weite Kreise des ehrenamtlichen Engagements in Politik und Kultur, in Gesundheit und Parteien sind sozusagen protestantisch geprägt«, so die Quintessenz.2

Das Stichwort heißt Partizipation. Protestanten, so ist häufig zu hören, seien die Säulen der aktiven Zivilgesellschaft, weil Luther Engagement und Einmischung forderte. Dies klingt nach, wenn Dietrich Bonhoeffer schrieb: »Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.« Sie müsse »an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend.«3

Luther entwickelte den Gedanken noch im Rahmen seiner strikten Trennung von weltlichem und göttlichem Reich, als Unterscheidung von »Heil und Wohl, von geistlicher und weltlicher Macht«.4 Was praktisch Obrigkeitstreue und das Verbot politischer Aktivität bedeutete. Im theologischen Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortung mündete diese Haltung zunächst im Subsidiaritätsprinzip, also der Vorstellung, wichtige soziale und gesellschaftliche Aufgaben sollten in Eigeninitiative übernommen werden. Konsequenterweise waren Protestanten in der nachreformatorischen Zeit besonders in den Bereichen Bildung, Erziehung und soziale Aufgaben aktiv – und drängten schließlich darauf, dass die politisch Verantwortlichen diese Bereiche übernahmen. Politisch blieb also Gehorsam Christenpflicht, da Luther die weltlichen Machtverhältnisse als gottgewollt betrachtete. Deshalb favorisierte er die Kooperation statt der Rebellion und übertrug den politischen Entscheidern, den Landesfürsten, reformatorische Aufgaben wie eine breite Volksbildung.

Im 19. Jahrhundert betraten dann zunehmend bekennend protestantische Politiker die politische Bühne. Heute dominieren sie stärker denn je. Ein Indiz dafür ist die auffallend starke Präsenz evangelischer Minister im aktuellen Kabinett. Es sind neun, denen nur fünf katholische Minister gegenüberstehen. Und bekanntlich befinden sich die beiden höchsten Ämter des Staates, die des Bundespräsidenten und der Kanzlerin, in den Händen eines ehemaligen evangelischen Pfarrers und einer evangelischen Pfarrerstochter.

Mindestens so spannend ist der subtile Einfluss zahlloser namenloser Protestanten auf ihr nicht evangelisches Umfeld. Aus Gründen, die eine nähere Betrachtung verdienen, setzte sich das Protestantische offenbar weithin durch. Solche Bewusstseinsprozesse über Epochen hinweg unterliegen natürlich einer gewissen Unschärfe, lassen sich aber durch die Auswertung demoskopischer Studien überprüfen. Aktuelle Befragungen zu Themen wie Arbeit, Beruf, Ehe, Erziehung erlauben Rückschlüsse auf verinnerlichte Wertorientierungen. Dabei kristallisiert sich häufig heraus, dass die Folgen der Reformation immer noch spürbar sind, auch in kirchenfernen Milieus.

In diesem Buch geht es daher nicht um eine Kulturgeschichte evangelischer Frömmigkeit, sondern um protestantische Haltungen als gesunkenes Kulturgut. Es geht um Weltbilder, Wertvorstellungen, Haltungen, die seit der Reformation fortwirken bis zum heutigen Tag. Oder, wie es der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann formuliert: um die »gesinnungs- und verhaltensprägende Kraft der Religion«.5 Deren Deutungsmacht übersteigt innerkirchliche Normen und religiöse Riten bei Weitem. Frömmigkeitskulturen entwickeln eine Eigendynamik und beeinflussen, mit einem anschaulichen Begriff des Historikers Lucian Hölscher, die »seelische Innenausstattung«.6 Salopp gesagt, hat diese Innenausstattung etwas vom Ikea-Stil: schlicht, praktisch, bezahlbar. Bloß keine überflüssigen Ornamente, bloß keine weltliche Pracht. Verschwenderische Opulenz zeichnet weder deutsche Wohnzimmer noch die deutsche Esskultur aus. Auch einstige protestantische Eigentümlichkeiten wie der Hang zur Selbstkontrolle und die Wertschätzung kultureller Einrichtungen gehören heute zur deutschen Identität. Was einst theologisch begründete Lebenspraxis war, hat sich in kollektive Wesenszüge verwandelt.

Deutschland, Lutherland, das ist eine steile These. Nicht jeder mag sich damit anfreunden. Aber es ist allemal erhellend, dieser Spur nachzugehen. Sei es, um das eine oder andere Aha-Erlebnis zu haben, sei es, um sich kräftig an dieser These zu reiben. Selbstverständlich gibt es zahllose weitere Einflüsse, die auf die deutsche Identität einwirkten. Monokausale Zusammenhänge zu behaupten wäre eine unzulässige Verkürzung. Doch wenn man an den protestantischen Traditionslinien entlangwandert, kann man Verschüttetes, Verkanntes, Vergessenes ans Tageslicht befördern. Dann zeigen sich in vielen Einstellungen und Haltungen heutiger Tage Reflexe reformatorischer Ideen.

Lassen Sie sich verblüffen. Auch Widerspruch ist willkommen. Denn gut lutherisch ist der meinungsfreudige Diskurs wichtiger als letzte Wahrheiten. Insofern ist dieses Buch auch eine Einladung, die eigenen Überzeugungen zu überprüfen. Wie viel Luther steckt in uns? Wie viel Luther tut uns gut? Wann ist es angebracht, der Lutherei eine klare Absage zu erteilen?

Ach ja, falls Sie neugierig geworden sind, was der eingangs erwähnte Sternekoch über die Speisen beim Dinner im Kanzleramt ausplauderte: Er servierte zum Beispiel geräucherten Saibling, provenzalische Lammkeule, Ente in Holundersauce oder Zweierlei vom Reh, begleitet von Kartoffelknödeln und Quittenmousse. Zum Dessert gab’s schon mal eine Birnentarte mit Schokoladeneis – nur für die Gäste, denn Angela Merkel knabbert lieber an Rohmilchkäse und Nüssen, statt Süßes zu löffeln. Die Weine sucht die erste Frau im Staate persönlich aus, ihre Vorliebe gilt der roten Shiraz-Traube.

Von bedenklicher Dekadenz also keine Spur. Aber schon die leicht gehobene Tischkultur wirkt offenbar brandgefährlich, wenn man ein Land mit protestantischen Wurzeln regiert. Wer klug ist, schwört öffentlich auf Bodenständigkeit. Das wusste bereits Gerhard Schröder, der auf die Kritik an Brioni-Anzügen und teuren Zigarren mit dem demonstrativen Besuch von Currywurstbuden reagierte. Das wusste auch Sahra Wagenknecht, die vor einigen Jahren in Straßburg bei einem Hummeressen fotografiert wurde. Assez bourgeois für eine Linke, völlig unmöglich für eine Politikerin, die in einem protestantisch gefärbten Land um Wählerstimmen wirbt. Sahra Wagenknecht zögerte nicht lange. Flugs ließ sie sich die Kamera geben und löschte die kompromittierenden Fotos.

KAPITEL I   GESELLSCHAFT

KAPITEL I

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