Impressum


Covergestaltung unter Verwendung 'Königin Luise' nach einem Gemälde von Grassi.

ISBN: 9783955014865

2014 andersseitig



andersseitig Verlag

Dresden



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Gertrude Aretz


Königin Luise


Dennoch haben weder die Großmutter noch die französische Erzieherin irgendwie eingewirkt, daß Luise und Friederike ihren gemütlichen Darmstädter Dialekt ablegten, den die jungen Mecklenburgerinnen angenommen hatten. Die verwitwete Landgräfin selbst sprach unverfälscht Darmstädtisch, und obwohl die offizielle Sprache am Hofe Französisch war, so wurde doch in der Familie untereinander immer Deutsch gesprochen. Und so bewahrte Luise sich jene frische, reizende Ausdrucksweise, die Friedrich Wilhelm bei ihrer Bekanntschaft so sehr entzückte und als etwas ganz Neues, Bezauberndes empfand. Er, der Stille, Reservierte, Kalte, fühlte mehr als ein anderer den unerhörten Reiz, den das weichere, liebenswürdigere Temperament und die gemütlichere, biegsamere Sprache des Süddeutschen verbreitet.

Luise war auch in anderen Lehrfächern durchaus keine Musterschülerin, außer vielleicht im Religionsunterricht, weil er sie am meisten interessierte. Als Fünfzehnjährige schrieb sie in eins ihrer Religionshefte: »Gott wolle diesen Unterricht segnen und mir Kraft und Stärke geben das in Erfüllung zu bringen, was ich mir vorgenommen habe: stets als eine Christin zu leben.« Dabei fehlte es ihr trotz dieses Ernstes nicht an Übermut und übersprudelnder Laune. Sie war ein wildes Kind. Jungfer Husch oder die tolle Luise nannte man sie.

Zu ihrer großen Freude zog auch der Vater mit den beiden Brüdern Georg und Karl bald nach Darmstadt. Aber er war meist in Hildburghausen und überließ die Erziehung der Söhne ebenfalls der Landgräfin. Sie wußte nur zu gut, daß es für ihren jungen Schutzbefohlenen nichts Bildenderes gab als Reisen. Und so nahm sie die Prinzessinnen und auch die Prinzen öfter mit in die Welt zum Besuch fremder Höfe, oder sie schickte sie in Begleitung der Gélieu und unter dem männlichen Schutz des Onkels Georg nach Straßburg, nach dem Haag, nach Amsterdam, Rotterdam und auf eine Rheinreise, die besonders Luise unvergeßlich blieb. In den Jahren 1790 und 1792, während der beiden Kaiserkrönungen Leopolds II. und Franz' II. in Frankfurt, wurden die Prinzessinnen mit der großen Welt bekannt gemacht. Luise war vierzehn Jahre alt und noch ganz kindlich. Goethes Mutter, bei der sie im Hause am Hirschengraben wohnten, verlebte köstliche Stunden mit ihnen. Frau Rat verstand es bis ins hohe Alter, mit der Jugend umzugehen; sie wurde wieder jung mit den kleinen Prinzessinnen und tollte und tanzte wie ein Kind mit ihnen herum, besonders mit dem dreizehnjährigen Erbprinzen Georg, dem Lieblingsbruder Luises. Sechzehn Jahre später noch erinnerte sie sich an jene frohen Tage. Im August 1806, als ihr Sohn sich in Karlsbad befand und dort die Schwester der Königin Luise, die Prinzessin Friederike von Solms, getroffen hatte, schrieb Frau Goethe ihm: »Sie (Friederike), die Königin von Preußen – der Erbprinz werden die jugendlichen Freuden, die sie in meinem Hause genossen, nie vergessen – von einer steifen Hofetikette waren sie da in voller Freiheit – tanzten – sangen und sprangen den ganzen Tag – alle Mittag kamen sie mit drei Gabeln bewaffnet an meinen kleinen Tisch – gabelten alles, was ihnen vorkam – es schmeckte herrlich – nach Tisch spielte die jetzige Königin auf dem Pianoforte, und der Prinz und ich walzten – hernach mußte ich ihnen von den vorigen Krönungen erzählen, auch Märchen usw.«

Aber erst bei der zweiten Krönung, im Juli 1792, als Franz II. den Kaiserthron bestieg und Luise sechzehn Jahre alt war, wurde sie eigentlich gesellschaftsfähig und in die Welt eingeführt. Diesmal begleitete sie die alte Landgräfin selbst. Man wohnte jetzt nicht wieder bei Frau Rat, sondern im Hause des altangesehenen Kaufmanns Manskopf. Auch die Schwester Therese war nicht mit. Sie lebte seit 1789 als verheiratete Erbprinzessin von Thurn und Taxis in Regensburg.

Obwohl damals in Frankfurt alles versammelt war, was es an Eleganz, Schönheit und Vornehmheit gab, so war doch die Stimmung nicht so freudig wie zwei Jahre vorher bei der Krönung Leopolds II. Im Nachbarstaat Frankreich wütete die Schreckensherrschaft und bedrückte alle Gemüter. Im Juni zuvor war der Pöbel in die Tuilerien eingedrungen und hatte den König und seine Familie stundenlang bedrängt und beschimpft, und schon zwei Monate später, im August, saß Ludwig XVI. gefangen im Temple. Preußen und Österreicher standen als Verbündete in der Champagne. Jeden Augenblick konnte es geschehen, daß sie geschlagen wurden und die französischen Revolutionsheere über den Rhein drangen und Deutschland überfluteten. Das alles lastete schwer auf der Stimmung in Frankfurt. Fürst Metternich schrieb in seiner autobiographischen Denkschrift über die damaligen Krönungsfeierlichkeiten: »Zu schlagend war der Kontrast zwischen dem, was in Frankfurt, und dem, was im benachbarten Frankreich vor sich ging, um den Gemütern zu entgehen und sie nicht peinlich zu berühren ... Im Hinblick auf die Umstände waren die Feste und Feierlichkeiten der Krönung vielleicht noch imposanter als die der vorhergehenden Krönungen. Fürst Anton Esterhazy, der als erster Gesandter des Kaisers fungierte, beauftragte mich freundlichst mit der Leitung des Festes, das er nach der Krönung gab. Ich eröffnete den Ball mit der jungen Prinzessin Luise von Mecklenburg ...« – Diese junge Prinzessin mußte als nicht eben reichbegüterte Tochter eines kleinen Fürsten zu derartigen Bällen und Festlichkeiten sich die seidenen Schuhe selbst nähen und noch manches andere ihrer Kleidung eigenhändig verfertigen. Ihr Taschengeld war stets sehr kurz bemessen: Fünf Gulden, dreißig Kreuzer im Monat. Und da sie gern kleine Geschenke machte, sich auch öfter irgendeinen Putzgegenstand kaufte, so war es immer schnell alle.

Nach den Krönungsfeierlichkeiten verließen auch die Darmstädter Damen wieder Frankfurt. Luise und Friederike schwelgten in Erinnerungen an die schöne Zeit. Was man indes längst befürchtet hatte, traf ein. Die Verbündeten wurden im September 1792 bei Valmy zurückgedrängt, und die Franzosen fluteten unter General Custine über den Rhein. Sie besetzten Speier, Mainz und Frankfurt. Das nahe Darmstadt war keine sichere Zufluchtsstätte mehr. Im Oktober verbreitete sich auch dort das Gerücht, daß die Franzosen da wären, und der Schrecken war allgemein. Die alte Landgräfin aber war eine entschlossene Frau. Rasch ließ sie die Koffer packen, und in förmlicher Flucht ging es nach Hildburghausen zur Herzogin Charlotte, der ältesten Schwester Luises, wo auch der Vater zu Besuch weilte.

Der junge Hof von Hildburghausen galt als einer der lebendigsten und geistreichsten Fürstenhöfe seiner Zeit. Herzogin Charlotte lebte in wenig glücklicher Ehe und suchte Ablenkung in Kunst und Literatur. Ihre Gesellschaft bestand zum großen Teil aus geistig bedeutenden Männern und Frauen, meist Künstlern. Man musizierte viel und gut bei ihr. Sie selbst hieß wegen ihrer leidenschaftlichen Vorliebe für Gesang die »Singelotte«. Junge Dichter und Schriftsteller scharten sich um sie, und manchem hat Charlotte von Hildburghausen den Weg zum Erfolg geebnet. Ihr Salon war immer der Mittelpunkt geistigen Strebens, aber auch fröhlicher, ungezwungener Unterhaltung. Man tanzte, scherzte und lachte den ganzen Tag. Luise und Friederike haben viele frohe Stunden in Hildburghausen verbracht, trotzdem es an den Grenzen im Westen Deutschlands bedrohlich kriegerisch aussah.

Nach einem sehr angenehm verlebten Herbst und Winter traten die Prinzessinnen mit der Großmutter wieder die Heimreise nach Darmstadt an. Diesmal nahmen sie gemächlich ihren Weg über Frankfurt, wo inzwischen Onkel Georg mit seinen Grenadieren die Franzosen hinausgeworfen hatte. Die Verbündeten waren eingerückt, und König Friedrich Wilhelm II. hatte mit seinen beiden Söhnen, dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm und dem Prinzen Louis, hier sein Hauptquartier aufgeschlagen. Auch der schöne und galante Louis Ferdinand weilte in Frankfurt und entzückte die Gesellschaft durch seinen Geist und seine hervorragende musikalische Begabung. Alles, was es damals an hohen Persönlichkeiten, Fürsten, Feldherren, Staatsmännern, aber auch an Abenteurern und Scharlatanen in Deutschland und Österreich gab, war in Frankfurt anwesend. Dazu eine Unmenge Emigranten, die immer noch hofften, daß die französische Revolution bald zu Ende sei und die Bourbonen wieder ans Ruder kämen.

Die Darmstädter Damen wollten gleich am nächsten Tag weiterreisen, aber der König von Preußen schickte ihnen eine Einladung zur Tafel, und so mußten sie bleiben. Die Landgräfin war nicht ganz ohne Absicht nach Frankfurt gekommen, denn im geheimen, ohne Wissen der beiden Prinzessinnen von Mecklenburg, waren bereits zwischen dem Onkel Georg und Friedrich Wilhelm II. Unterhandlungen angeknüpft worden. Der König wollte seine beiden Söhne verheiraten, und der immer tätige Onkel Georg, der es durch die Frau Bürgermeister Olenschläger erfahren hatte, dachte sofort an seine Nichten Luise und Friederike. Man verständigte den Vater der Prinzessinnen, aber Prinz Karl verhielt sich zunächst ablehnend, obwohl er vorsichtshalber doch den Geheimrat Kümmelmann nach Frankfurt zur Sondierung des Terrains geschickt hatte. Am Abend sah der Kronprinz bereits die Prinzessinnen in der Komödie. Da aber die Logen vergittert waren, hatte er nur einen flüchtigen Eindruck von der Erscheinung seiner ihm zugedachten Braut. Am nächsten Tag hatte Frau Olenschläger die Prinzessinnen und den Kronprinzen mit dem Grafen Medem zum Frühstück eingeladen. Gleich als Luise und Friederike den Salon betraten – Friedrich Wilhelm war bereits anwesend –, wurde er von dem Liebreiz beider jungen Mädchen gefesselt. Genau so war es auch dem alten König ergangen, als er ihnen am Abend vorher am Eingang des Komödienhauses begegnete. Graf Medem stellte den Kronprinzen vor, aber Friedrich Wilhelm wußte noch nicht, welcher von beiden er sein Herz schenken sollte. Ihm gefiel sowohl Luise als Friederike, obwohl sie ganz verschieden voneinander waren. Schließlich entschloß er sich für die ältere, denn der erste Eindruck ihrer Schönheit wurde bei näherer Bekanntschaft mit ihr noch stärker. Da er jedoch ein etwas schwerfälliger Charakter und dazu äußerst schüchtern war, fiel ihm ein rascher Entschluß sehr schwer, besonders auch, weil sein Bruder Louis der ganzen Angelegenheit ziemlich gleichgültig gegenüberstand. Für Louis war es ohne Bedeutung, welche Prinzessin man ihm als Braut zugedachte, denn er liebte eine andere und interessierte sich infolgedessen weder für Luise noch für Friederike. Er ging eine vollkommene Konvenienzehe ein.

Noch dreimal sahen sich Luise und Friedrich Wilhelm, ehe der König offiziell bei der Großmutter um die Hand der beiden Prinzessinnen für seine Söhne bat. Das eine Mal auf einem Ball beim Kammerherrn von Wrede, dann an der Tafel des Königs im Hauptquartier auf der Zeil im Roten Haus und ein drittes Mal im Hause des Patriziers Gontard. Eine Annäherung zwischen Luise und Friedrich Wilhelm fand erst am 19. März im »Weißen Schwan« in Frankfurt statt, wo die Landgräfin abgestiegen war. Beide Prinzen brachten an diesem Tage ihre persönlich« Werbung vor, und man ließ jedes Paar allein in einem Zimmer »ohne Etikette«. Lange wußte der von Natur aus unbeholfene und schüchterne Kronprinz nichts zu sagen. Schließlich aber faßte er Mut, denn Luise verhielt sich dabei so natürlich und herzlich, ohne alle Ziererei, daß er seine Schüchternheit überwand. »Ich fragte, ob ich dürfte, und ein Kuß besiegelte diesen herrlichen Augenblick.« So erzählte Friedrich Wilhelm selbst seine Verlobung mit Luise von Mecklenburg-Strelitz. Am 24. April fand dann in Darmstadt im Alten Schloß am Markt die offizielle Verlobungsfeier der beiden Prinzessinnen statt, wobei der König von Preußen den Ringwechsel persönlich vollzog.

Schön, überaus schön muß die Braut des Kronprinzen gewesen sein, denn die Zeitgenossen, ob Feind oder Freund, sind sich darüber einig. »Es war eine Schönheit des Ausdrucks, der stärker fesselt als die Formen. Ihr Auge war sprechend und verriet das lebhafteste Gefühl und die empfänglichste Einbildungskraft, was ihr einen ganz eigentümlichen Reiz verlieh. Sie gehörte zu den Frauen, durch die alle Männer und alle Frauen bezaubert werden.« Goethe war hingerissen von ihrer Anmut, und er verstand gewiß etwas von Frauenliebreiz und Frauenschönheit. Er sah beide Prinzessinnen im Gefolge des Großherzogs von Weimar, am 29. Mai 1793 im Lager vor Mainz. In seinem Tagebuch schildert er den Eindruck, den Luise und Friederike auf ihn machten. »In mein Zelt eingeheftelt, konnte ich sie vertraulich mit den Herrschaften auf und nieder und nahe vorübergehend auf das Genaueste beobachten, und wirklich muß man diese beiden jungen Damen für himmlische Erscheinungen halten, deren Eindruck auch mir niemals erlöschen wird.« ... Frau von Voß, Luises spätere Oberhofmeisterin, notierte in ihr Tagebuch, als sie die Kronprinzessin zum erstenmal sah: »Die Kronprinzessin hat einen wunderschönen Wuchs, ihre Erscheinung war zugleich edel und lieblich, jeder, der sie sah, fühlte sich unwiderstehlich angezogen und gefesselt.«

Auch ganz trockene und nüchterne Männer kamen bei ihrem Anblick in Ekstase. »Sie schwebte«, schrieb der sonst wenig galante und liebenswürdige Ritter von Lang, der sie einige Jahre später als Königin sah, »wie ein überirdische« Wesen vor einem ... Eine Zauberin, wenn ich jemals eine gesehen.« – Männer wie Frauen waren von ihr begeistert. Prinzessin Anton Radziwill, die Schwester des Prinzen Louis Ferdinand, sagte: »Zu jener Zeit (1793) machten der Kronprinz und sein Bruder die Bekanntschaft der Prinzessinnen von Strelitz ... Es war (in Frankfurt) nur noch die Rede von ihrer Schönheit. Der Kronprinz wurde besonders von der schönen Prinzessin Luise gefesselt ... Die zweite der Prinzessinnen, Friederike, war keine so regelmäßige Schönheit wie ihre Schwester, aber sie hatte eine entzückende Gestalt, war äußerst liebenswürdig und immer bemüht zu gefallen, wodurch sie oft der edlen Schönheit ihrer Schwester vorgezogen wurde.« Und später, beim Empfang der Prinzessinnen in Berlin ist sie von neuem entzückt: »Niemals habe ich ein herrlicheres Wesen gesehen als die Kronprinzessin. Ihr sanfter, bescheidener Gesichtsausdruck, vereint mit ihrer edlen Schönheit, gewann ihr alle Herzen.«

Vor allem aber war der alte Frauenkenner Friedrich Wilhelm II. von seinen zukünftigen Schwiegertöchtern begeistert. Er bewunderte sie beide und freute sich, zwei so reizende junge Damen bald an seinem Hofe zu haben. Drei Tage nachdem er sie in Frankfurt gesehen hatte, berichtete er überaus glücklich nach Berlin:

»Seit meinem letzten Brief habe gar kein« Zeit zum Schreiben gehabt, wir haben in lauter Fêten gelebt, die besonders durch die Anwesenheit hoher Fremden veranlaßt wurden, nämlich von der Prinzeß George von Darmstadt und ihren beiden herrlichen Kindeskindern, den Töchtern des Prinzen Karl von Mecklenburg und also der Königin von England ihren Nichten. Wie ich die beiden Engel zum erstenmal sah, es war am Eingang der Komödie, so war ich so frappiert von ihrer Schönheit, daß ich ganz außer mir war, als die Großmutter sie mir präsentierte. Ich wünschte sehr, daß sie meine Söhne sehen möchten und sich in sie verlieben. Den anderen Tag ließen sie sich auf einem Ball präsentieren und waren ganz von ihnen enchantiert. Ich machte mein möglichstes, daß sie sich oft sahen und sich recht kennenlernten. Die beiden Engel sind, so viel ich sehen kann, so gut als schön, nun war die Liebe da und wurde kurz und gut resolviert, sie zu heiraten.«

Der grundehrliche, aber phlegmatische Kronprinz äußerte sich weniger enthusiastisch über seine Braut. Aber sie gefiel ihm doch außerordentlich gut, und Luise konnte überzeugt sein, daß, wenn er sie hübsch fand und er es ihr in einfachen Worten sagte, es auch wirklich so gemeint war, denn schmeicheln konnte er nicht einmal als Bräutigam. Es war keine verliebte Sentimentalität. Auch keim hell auflodernde Leidenschaft, die sich in Sehnsucht verzehrt. Er liebte sie ruhig und aufrichtig, und sie fühlte es wohl. Gerade weil er ihr so einfach und schlicht entgegengetreten war, schien sie ihn zu schätzen. Er gefiel ihr trotz seines linkischen Wesens und trotz seiner äußeren Kälte. Vielleicht war die Sechzehnjährige auch in Liebesangelegenheiten noch zu unerfahren, daß sie für sich und ihre bezaubernde Schönheit keine glühende Leidenschaft, keine allesvergessende Liebesbegeisterung in Anspruch nahm. Ihrem eigenen Wesen lag Leidenschaftlichkeit in jeder Beziehung fern; der Grundzug ihres Charakters war Sanftmut und Weichheit. Jedenfalls schien sie mit ihrem Geschick zufrieden. Denn gleich nach der Werbung des Kronprinzen schrieb sie an ihre Schwester Therese in Regensburg: »Du kannst Dir nicht denken, liebe Therese, wie zufrieden ich bin. Der Prinz ist außerordentlich gut und offen. Kein unnötiger Wortschwall begleitet seine Rede, sondern er ist erstaunlich wahr. Kurz, es bleibt mir nichts zu wünschen übrig. Der Prinz gefällt mir, und wenn er mir zum Beispiel sagt, daß ich ihm gefalle, daß er mich hübsch findet, so kann ich es ihm glauben, denn er hat mir noch nie eine Schmeichelei gesagt.« Auch in Luises Worten über den Bräutigam liegt nichts Himmelhochjauchzendes, keine Begeisterung. Ja, es scheint – wenigstens für eine Sechzehnjährige – als wäre sie fast allzu vernünftig in ihrem Brautglück.

Im Juni begann die Belagerung von Mainz, die vier Wochen in Anspruch nahm. Der Kronprinz mußte ins Feld. Ihm war nicht gerade kriegerisch ums Herz, zumal er nicht im geringsten von der Notwendigkeit dieses Feldzugs überzeugt gewesen war. Er stand mit dieser Ansicht auf der Seite der Mehrheit des preußischen Volkes. Nur der alte König und einige seiner Ratgeber stimmten für den Krieg gegen die französische Revolution, der Friedrich Wilhelm II. hauptsächlich durch seine Freunde, die Emigranten und Rosenkreuzler suggeriert wurde. Im Volke selbst war man damals viel mehr für Frankreich und gegen Österreich. Im Widerwillen gegen diesen Krieg und im ersten Rausche seiner Liebe suchte der Kronprinz sich so viel wie möglich von seinen militärischen Verpflichtungen freizumachen. Entweder besuchte er seine Braut, oder sie machte ihm einen Besuch im Felde. Friederike war dann auch immer dabei. Anfangs kamen die jungen Prinzessinnen fast täglich nach Mainz ins Lager, wo sich auch der König befand. Vor allem führte der geniale Prinz Louis Ferdinand dort ein sehr geselliges Leben, ohne seine Rolle als Soldat zu vergessen. Denn er zeichnete sich besonders aus und wurde vor Mainz ziemlich schwer verwundet, worauf er äußerst stolz war. Seine Schwester, Prinzessin Radziwill, sagte: »Man begab sich ins Lager von Mainz wie zu einem Fest ... Die elegantesten Frauen waren dort versammelt.« Die meisten Offizier« hatten ihre Frauen bei sich. Der damalige Oberstleutnant und spätere General von Rüchel ließ außer seiner Frau sogar seine Töchter ins Feldlager kommen. Beinahe wäre damals der Verlobte Friederikes ums Leben gekommen. Prinz Louis hatte sich im Lager an einem Kaminfeuer seines Zeltes niedergelegt und war eingeschlafen. Ein paar überspringende Funken entfachten einen Brand, und bald stand die ganze Einrichtung in Flammen. Des Prinzen Kleider begannen bereits zu brennen. Aber er spürte weder die Glut noch den Rauch, so fest schlief er. Glücklicherweise wurde der vor dem Zelt wachehaltende Soldat auf den Brandgeruch aufmerksam. Er stürzte hinein und rettete Louis vom Flammentod.

Auch außerhalb des Lagers von Mainz trafen sich Luise und ihr Bräutigam: in Großgerau, auf Schloß Kranichstein und bei Onkel Georg in Braunshardt. Als Friedrich Wilhelm dann, nachdem Mainz sich ergeben hatte, in die Pfalz als Befehlshaber des Belagerungskorps von Landau geschickt wurde, entspann sich selbstverständlich ein sehr lebhafter Briefwechsel zwischen den beiden Verlobten. Wie wenig Luise von der Etikette hielt und wie einfach und ganz natürlich sie in ihrem Empfinden war, geht aus einem Zettel hervor, den sie einem der ersten »offiziellen Briefe« an ihren Bräutigam beilegte. Sie mußte nämlich alle Briefe an Friedrich Wilhelm, ehe sie sie abschickte, ihrer Großmutter vorlegen, damit diese sich überzeugte, daß sie nicht gegen den guten Ton verstießen und nicht allzu zärtlich ausfielen. Der jungen Luise waren alle gesellschaftlichen Phrasen und Heucheleien im Innersten zuwider. Sie wollte ihrem Verlobten alles schreiben, was und wie sie für ihn fühlte, besonders ihm aber sagen, wie einfach menschlich sie im Grunde ihres Wesens sei. Und so legt sie, nachdem die Großmama den vorschriftsmäßigen Brautbrief zu ihrer Zufriedenheit gelesen hat, heimlich einen Zettel bei, der aus ihrem guten, liebenden Herzen kommt. »Sie werden vielleicht bemerkt haben, liebster Freund,« schreibt sie ihm, »daß ich viele Dinge in Ihrem Brief mit Schweigen übergehe. Wundern Sie sich nicht darüber. Papa und Großmama haben gewünscht, daß ich ihnen meinen Brief an Sie zeige, und Großmutter vor allem hat mir eindringlich empfohlen, Ihnen nicht zu zärtlich zu schreiben. Gut, daß Gedanken und Empfindungen zollfrei sind und man darüber keim Vorschriften machen kann. Hören Sie, lieber Prinz! Die Namen ›Freundin‹, ›liebe Luise‹ und alles andere hat mich unendlich erfreut. Nennen Sie mich immer wie Sie wollen. In meinem Leben wird es mir nicht in den Sinn kommen, das böse zu finden. Im Gegenteil, es macht mich froh. Da wir vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft an ganz natürlich und ohne Zwang beisammen waren, hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen den Grund zu sagen, warum in meinen Briefen ein gewisser gezierter Stil herrscht, der nicht meinem Charakter entspricht. Sie könnten sonst glauben, daß ich gegen Sie verändert wäre. Aber ich schwöre Ihnen, es ist nicht der Fall. Im Gegenteil, Sie sind mir nicht gleichgültig. Sie wissen, was ich für Sie empfinde, und so habe ich nicht nötig, Ihnen zu wiederholen, daß ich Sie recht von Herzen liebe. Seien Sie immer der gleiche gegen mich. Ich gestehe Ihnen: mein Herz ist unfähig, sich zu verändern ... Bitte, lieber Prinz, zeigen Sie diesen kleinen Zettel keinem Menschen, und wenn Sie darauf antworten, so tun Sie es nicht in Ihrem Briefe, sondern auf einem kleinen Blatt für sich, damit Großmutter es nicht merkt, sonst habe ich Unannehmlichkeiten ... Noch eins: Großmutter wünschte, ich sollte vorerst einen Entwurf für meinen Brief an Sie machen, weil ich so unorthographisch schreibe. Ich gestehe, er ist nicht schön, aber Sie sollen auch meine Fehler kennenlernen. Wenn ich als Kind fleißiger gewesen wäre, könnte ich Ihnen jetzt vielleicht ohne Fehler die Empfindungen meines Herzens sagen, so kann ich es immer nur fehlerhaft ...« Später wurden Luises Briefe bedeutend vertraulicher und herzlicher, besonders wenn sie sie in köstlichem Kauderwelsch französisch und deutsch durcheinander schrieb, oder gar, wenn sie pfälzische Sätze mit einflocht wie den: »Die ollen Scharteken, die Wägen fahren vor, die alten metallenen Klocken läuten, und ich, ich habe keine Lust in die Kirche zu gehen. Gott verzeihe mir's. Adieu altesse royale de mon coeur ... Ich muß fort in Kirch gehn, sonst schlägt mich mey alte Großmäme«. Oder: » Je mange depuis sieben weniger un quart des cerises délicieuses noires comme un Hut et je souhaiterais, pour qu'elles me paraissent tout à fait délicieuses, la présence d'un certain Monsieur de votre connaissance.« Mit dem » certain Monsieur« meinte die Schelmin natürlich den Kronprinzen selbst.

Sie sah ihn noch einmal in Mannheim bei der Prinzessin Auguste von der Pfalz wieder. Ende August aber mußten sie sich endgültig trennen, und erst im November sahen sie sich zum letztenmal vor ihrer Hochzeit, in Frankfurt. Nach diesem letzten Beisammensein schrieb sie ihm: »Ich verspreche mir ein vollkommenes Glück, nicht ein romanhaftes Glück, aber sicher werden wir so glücklich sein wie zwei Gatten, die sich lieben können.« Für eine so junge Braut fast allzu vernünftige Worte. Aber ihr gerader Sinn wollte sich nicht etwas einreden, was sie nicht unbedingt glaubte. Das Himmelhochjauchzende wie auch das Zutode-Betrübte waren ihr unbekannt, aller Schein war ihr fremd.

Aber das rein Menschliche und Herzliche war in ihr wunderbar mit Vornehmheit vereint. Sie konnte, im Gegensatz, zu dem nüchternen, trockenen Wesen Friedrich Wilhelms, schelmisch, lustig und ausgelassen wie ein Kind und zu allen bösen und guten Streichen aufgelegt sein. So hatte sie es zum Beispiel ersonnen, die Aufmerksamkeit der guten Großmama während der Besuche des Kronprinzen dadurch von sich abzulenken, daß sie ihr den Adjutanten Schack auf den Hals schickte. Der mußte die alte, sehr redselige Dame unterhalten, während Luise und Friedrich Wilhelm allein im Garten saßen und ihre Herzen sprechen ließen. Wenn die Großmama beschäftigt war, waren sie vor »ihren Geschichten und geistvollen Bemerkungen« sicher, »denn«, schreibt Luise später einmal an ihren Mann in humorvoller Laune: »Ich glaube, sie hätte lieber gesehen, daß Du ihr den Hof machest als mir.«

Dann aber lag auch wieder in Luises Bewegungen, in ihrer Art, sich zu geben, trotz aller Anmut und herzgewinnender Liebenswürdigkeit kühle, vornehme Zurückhaltung, die ihr manche Leute, die sie nicht genau kannten, als Herzenskälte und Hochmut auslegten. Solche Zurückhaltung war jedoch ganz geeignet für eine zukünftige Königin von Preußen an einem Hof, der sich infolge des leichtfertigen Lebens des alten Königs und des wenig vornehmen Regiments der Gräfin Lichtenau eines sehr schlechten Rufs erfreute. Ja, der Ruf war so schlecht, daß die alte Landgräfin und der Vater Luises nicht sofort geneigt waren, ihre Kinder in diesen »Sündenpfuhl« zu verheiraten. Besonders war die Tante, die regierende Landgräfin Luise, ganz gegen diese Verbindung. Und nur der gute Ruf des biederen Charakters des Kronprinzen hatte entschieden. Als die Tante ihn dann persönlich kennenlernte, war sie sogar so entzückt von ihm, daß sie öfter bemerkte: »Ach, es is e gar zu ehrlicher Mann, der gut Kronprinz, ich hab' en gar zu lieb«.

Zu dem oben erwähnten Grafen Hoym hatte sie seinerzeit gesagt, als er ihr auf die Frage, was er von der Lage halte, antwortete: »Majestät, ich wünschte, daß sich alles Ihren Wünschen gemäß arrangiere, aber der König ist in größter Sorge darüber«: »Wieso in Sorge! Hören Sie, mein lieber Hoym; es ist nur eins nötig zu tun. Man muß das Ungeheuer niederschlagen, man muß es erschlagen, und dann erst sprechen Sie mir von Sorge.« Tieferschüttert traf sie besonders die Entlassung Hardenbergs. Sie wußte, daß ohne ihn alles verloren war. Deshalb versuchte sie, den Minister zu gewinnen, wenigstens noch im geheimen die wichtigsten politischen Angelegenheiten zu führen und dem König als Berater beizustehen. Hardenberg übernahm es dann auch bereitwilligst, die Unterhandlungen mit Rußland im geheimen zu leiten. Luise nahm den regsten Anteil an diesen Unterhandlungen und knüpfte auf diese Weise immer enger das Band mit dem Zaren.

Nicht nur die Königin fand die Ungeschicklichkeit des Ministers Haugwitz tadelnswert. Besonders Louis Ferdinand war darüber empört. Der Prinz hielt Preußen von diesem Augenblick an ebenfalls für verloren. An seine Schwester Radziwill schrieb er darüber bereits im Dezember 1805: »Liebe Schwester, soeben erhalte ich Deinen Brief mit den Nachrichten über Österreich und die russische Armee. Der Abfall Österreichs und der unwürdige Frieden, den es geschlossen hat oder wenigstens drauf und dran ist zu schließen, erstaunt mich um so weniger, als ich die unglaubliche Schwäche kenne, die überall herrscht. Sie müßte natürlicherweise gegenseitiges Mißtrauen erregen und zu einer solchen Katastrophe führen. Ich habe ein derartiges Ereignis schon lange vorausgesehen, ja es sogar dem König und Hardenberg gesagt. Ich stütze mich darauf, daß man unbedingt jemand nach Wien schicken müsse, der die Gemüter beruhigen könne, der ihnen Vertrauen einflöße und der weniger zweideutige Grundsätze besitze als Herr von Haugwitz und sein Genosse Lombard. Als ich diesen Sommer den Brief von Gentz erhielt, zeigte ich ihn Hardenberg und Zastrow. Ich sagte ihnen, es sei zu fürchten, wenn alle Versuche zu einer Annäherung der beiden Höfe und zu positiven Maßnahmen gegen Bonaparte unserseits abgelehnt würden –, daß das Wiener Kabinett eines Tages die Partei Frankreichs ergreife. Anstatt vorzurücken, anstatt eine energische Erklärung abzugeben, einen Entschluß zu fassen, tasten wir zaghaft überall herum und wagen nicht das Wort Krieg auszusprechen. Es scheint alle Leute in Berlin in Schrecken zu jagen. Muß man sich daher wundern, was geschehen wird? Wir werden Krieg bekommen. Aber anstatt ihn glänzend zu führen, wie wir es gekonnt hätten, wird die ganze Last auf uns allein ruhen. Wenn hingegen die Russen uns nicht im Stich lassen und wir die Angreifenden sind, können wir uns der Oberpfalz und der Länder zwischen Main und Donau bemächtigen. Die russischen, preußischen, englischen, hessischen, sächsischen Heere umfassen ungefähr 400 000 Mann, und es ist gewiß, daß er (Napoleon) es nicht so leicht haben wird wie mit diesem Mack und den ungeschickten Generalen, die die Schlacht bei Austerlitz befehligten. Überbringe der Königin meine ergebensten Empfehlungen und die Versicherung meiner aufrichtigsten Zuneigung. Und sage ihr, sie solle den Mut nicht verlieren.«

Immer stärker wurde die Partei der Königin. Außer dem Prinzen Louis Ferdinand standen auf ihrer Seite der Minister vom Stein, die Generale Phull und Rüchel, der Prinz August von Preußen, der Prinz von Oranien, die Brüder des Königs, viel hohe Offiziere und Diplomaten. Immer wieder versuchten sie den König zum Kriege zu überreden. Louis Ferdinand ließ von Johannes von Müller eine Denkschrift verfassen, worin er den König beinahe anflehte, Haugwitz, Beyme und Lombard zu entlassen. Sie brachte ihm und dem General Rüchel, der sie mit unterzeichnete, die Ungnade Friedrich Wilhelms ein. Der Prinz mußte sich zum Heere begeben, ohne daß ihn der König zum Abschied empfing. Auch von Luise durfte Louis Ferdinand sich nicht verabschieden. Und sie hatte nicht den Mut für ihn einzutreten. Aber einen Brief schrieb er ihr, worin er die Befürchtung aussprach, daß er »sein Blut wohl lassen müsse, ohne Preußens Heil herbeiführen zu können.« Er wußte nicht, wie wahr er sprach. Wenige Monate später fiel er im Kampfe bei Saalfeld.

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Louis Ferdinand auch einmal zum König, als der ihm seine unmäßige Kriegslust vorwarf: »Aus Liebe zum Frieden nimmt Preußen gegen alle Mächte eine feindliche Stellung an und wird noch einmal von der Macht schonungslos überstürzt werden, wenn ihr der Krieg gerade recht ist. Dann fallen wir ohne Hilfe, vielleicht auch gar ohne Ehre.« Und das war auch die Meinung Luises. In des Prinzen näherer Umgebung befanden sich immer die bedeutendsten Männer der Zeit, die alle für den Krieg stimmten. Seine Gesellschaft war anregend und geistig vielseitig. Gelehrte, Künstler, Offiziere und Diplomaten, alles war vertreten. Friedrich von Gentz, Johannes von Müller, Wilhelm von Humboldt, der Komponist Dussek, manche militärische Größe, wie Blücher, Kleist, Phull, waren seine Freunde. Auch viele kluge Frauen teilten seine Gesellschaft, wie die von ihm zärtlich geliebte Pauline Wiesel, die Freundin der Rahel, und diese selbst. Allerdings umgab er sich auch wieder mit Abenteurern der gefährlichsten Sorte, ebenso mit sehr vielen jungen Offizieren, die höchst unbedeutend waren und nur zur Staffage seiner äußerst lebhaften Abendgesellschaften nötig waren. Er wußte es, behauptete jedoch, er brauche alle diese Leute, wie er auch bisweilen einen schönen Luxushund zur Zierde seines Salons nötig habe. Sein Adjutant und Freund, Karl Freiherr von Nostitz, beschreibt sehr interessant die Gesellschaften des Prinzen in Berlin und auf seinen Gütern. Wenn man von der Jagd kam, die Louis Ferdinand sehr liebte, »ging man um sechs Uhr zur Tafel. Hier erwarteten uns Frauen und die Gesellschaft munterer Männer, die, während wir auf der Jagd waren, sich versammelt hatten. Ausgewählte Speisen und guter Wein, besonders Champagner, den der Prinz besonders liebte, stillten Hunger und Durst. Doch das Mahl, in antikem Stil gefeiert, wurde durch Musik und den Wechsel heiterer Erholung weit über das gewöhnliche Maß verlängert. Neben dem Prinzen stand ein Piano. Eine Wendung, und er fiel in die Unterhaltung mit Tonakkorden ein, die dann Dussek auf einem anderen Instrument weiter fortführte. So entstand oft zwischen beiden ein musikalischer Wettkampf, ein musikalisches Gespräch konnte man es nennen, das alle durch Worte angeregte Empfindungen der Seele in bezaubernden Tönen lebhafter fortklingen ließ. Unterdessen wechselten Getränke und Aufsätze, auf der Tafel zur freien Wahl hingestellt ... Die Frauen auf dem Sofa, in antiker Freiheit gelagert, scherzten, entzückten, rissen hin und verliehen dem Symposion jene Zartheit und Weichheit, die einer Gesellschaft von Männern unter sich durch ihre Härte und Einseitigkeit abgeht.

Die Stunden verflogen uns an solchen Abenden und die Nächte hindurch ungemessen, und es geschah wohl, daß wir uns erst des Morgens um fünf, sechs, sieben, auch wohl um acht Uhr trennten, viele von demselben Stuhle aufstehend, auf dem sie sich den Abend vorher niedergesetzt hatten.«

In dieser Gesellschaft Louis Ferdinands dachte man es sich so einfach, Napoleon aus dem Wege zu räumen, obwohl er gerade genug bewiesen hatte, daß mit ihm nicht gut Kirschen essen war. Besonders war ein Krieg in diesem Augenblick für Preußen ein sehr gewagtes Unternehmen, da es keiner Koalition hatte beitreten wollen und ganz allein ohne Verbündete dastand, denn der gute Freund Alexander ließ es schmählich im Stich. Allerdings hatte die Kriegspartei damit nicht gerechnet. Aber Napoleon hatte eben wieder, wie wir gesehen haben, einen großen Sieg bei Austerlitz davongetragen und dadurch die russisch-österreichische Koalition gesprengt. Er hatte Haugwitz sofort überrumpelt, daß er den Allianzvertrag unterschrieb. Alle erkannten noch die Stärke Napoleons gegen das kleine Preußen, nur Luise und ihre Anhänger nicht. Sie schürten zum Krieg in einem Augenblick, da er am wenigsten aktuell war.

In den Offizierskreisen herrschte bald die größte Erbitterung gegen Frankreich. Bei Theateraufführungen wurde durch sie für den Krieg Propaganda gemacht. Alle Plätze waren von Soldaten und Unteroffizieren besetzt, die vom Offizierkorps Freikarten erhielten. Bei militärischen Stücken, wie Wallensteins Lager usw., kam es zu öffentlichen vaterländischen Kundgebungen. So sehr man früher für Frankreich gewesen war, so sehr war man jetzt dagegen. Auch aus den Briefen der Rahel von Varnhagen geht deutlich hervor, wie sehr man in gewissen Kreisen für den Krieg stimmte. Sie hörte wiederholt in der Gesellschaft des Prinzen Louis Ferdinand von den jungen Berliner und Potsdamer Offizieren den leichtsinnigen Ausspruch: »Mit den Österreichern kann Napoleon schon fertig werden. Aber mit uns Preußen soll er nur anbinden. Da wird er schön ankommen.« Napoleon war hingegen der Ansicht, daß die Preußen noch dümmer seien als die Österreicher, denn beim Ausbruch des Kriegs soll er gesagt haben: » Les Prussiens sont encore plus stupides que les Autrichiens.«

Solche Aussprüche waren nicht unberechtigt in Anbetracht der schlechten Diplomatie Preußens und des für das Land äußerst verhängnisvollen Einflusses der drei Personen: Haugwitz, Lombard und des preußischen Gesandten in Paris, Marchese Lucchesini. Die Unfähigkeit dieser drei preußischen Staatsmänner sah besonders Friedrich von Gentz gleich im ersten Augenblick seiner Berufung ins Hauptquartier. In seinem »Beitrag zur geheimen Geschichte des Anfangs des Kriegs von 1806« spricht er sich unverhohlen über die Fehler der preußischen Diplomatie aus, besonders über die Unsinnigkeit, daß Preußen den Krieg ohne jeden Bundesgenossen begann, weil es sich alle Freunde verscherzt hatte. Mit England und Schweden stand es auf Kriegsfuß, auf Österreich und Rußland war zu jener Zeit nicht mehr zu rechnen; die Unterhandlungen mit Österreich wenigstens waren zu spät gekommen. Auch die preußischen Oberbefehlshaber unterzieht er einer scharfen Kritik, besonders kommt der Oberstkommandierende, Herzog Karl von Braunschweig sehr schlecht weg. Gentz behauptete, der Herzog habe gar keine genaue Kenntnis von der ganzen Lage der Dinge besessen, besonders sei sein Defensivplan vollkommen falsch gewesen. Aber der König und die Königin durften dem General in nichts dreinreden, sie mußten alles tun, was er wollte, und ließen ihn gewähren. Gentz behauptete, der Herzog von Braunschweig habe immer gehofft, einmal das Herzogtum Cleve von Napoleon zu erhalten, das der Kaiser aber schon längst für seinen Schwager Murat aufgespart hatte. »Dieser Umstand«, fügt Gentz hinzu, »hatte wohl keinen geringen Einfluß auf das Benehmen des Herzogs.«

Den einzigen, den Gentz im preußischen Hauptquartier gelten ließ, war der General Graf Kalckreuth. Es wäre für Preußen ein Glück gewesen, wenn dieser die militärische Führung übernommen hätte. Aber es lag nicht in seiner Macht. Äußerst verhängnisvoll war auch die Ansicht Lucchesinis, der dem Herzog von Braunschweig immer wieder versicherte, Napoleon werde gewiß den bösen Schein des Angriffs vermeiden und den Krieg gar nicht eröffnen. So verharrte man in der Defensive und glaubte, wenn Napoleon käme, würde er aus der Richtung von Erfurt kommen, während er von Franken her marschierte und da war, ehe es sich das preußische Hauptquartier träumen ließ. Denn sie besaßen nicht, wie Napoleon, der alles wußte, was bei seinen Feinden vorging, so ausgezeichnete und geschickte Spione.

Als klügste und energischste Person des ganzen Hauptquartiers bezeichnet Gentz die Königin Luise, während Friedrich Wilhelm III. überhaupt keine Erwähnung findet. Er zählte nicht. »Die Königin«, schreibt Gentz, »beratschlagte mit Präzision, Selbständigkeit und Energie, zu gleicher Zeit eine Klugheit offenbarend, die ich selbst bei einem Manne bewunderungswürdig gefunden hätte. Und doch zeigte sie sich bei allem, was sie sagte, so voll tiefen Gefühls, daß man keinen Augenblick vergessen konnte, es sei ein weibliches Gemüt, dem man hier Bewunderung zolle. Eine Kombination von Würde, Wohlwollen und Eleganz, wie ich mich etwas Ähnliches nie zuvor entsinne.«

Ehe indes die Ereignisse wirklich eintraten, die Luise so sehnlichst herbeiwünschte, mußte sie sich zur Kur nach Pyrmont begeben. Die politischen Sorgen und Aufregungen, der Tod ihres kleinen Sohnes Ferdinand, im April 18O6, hatten ihre Nerven angegriffen und ihre an sich zarte Gesundheit geschwächt. Bereits ein Jahr zuvor, gerade als der Zar in Berlin anwesend war, hatte sie bei einem Feste in Bellevue einen Nervenzusammenbruch erlitten, der mit heftigen Weinkrämpfen endete. So reiste sie, allerdings schweren Herzens, gerade in der kritischsten Zeit, wo der König ihrer mehr denn je bedurfte, im Juni 1806, ins Bad. Zu ihrer großen Freude waren in Pyrmont auch ihr Vater und ihr Bruder Georg, dessen heiterer Charakter sehr wohltätig auf ihre gedrückte Stimmung wirkte. Aber der Schmerz über die Enttäuschung, die sie wegen der Wandlung Alexanders empfand, nagte in ihr, denn ihr allein war bereits die Ahnung inne, daß er, den sie so sehr verehrt und so hoch über alle Menschen gestellt hatte, sie bald ganz fallen lassen und sich mit ihrem ärgsten Feind, Napoleon, verbünden würde. Noch wollte sie es weder sich noch den anderen zugestehen. Tief in ihrem Innern aber fühlte sie, daß es so kommen mußte.

Trotz aller Liebe und Sorgfalt bedeutete indes der Petersburger Aufenthalt für Luise keine Erholung. Sie war fast immer krank und elend, erkältet, sie fieberte, hustete und hatte oft die fürchterlichsten Brustschmerzen. Die große Kälte in Rußland bekam ihr schlecht. Am 23. fuhr sie bei 30 Grad Kälte im offenen Schlitten zu einem prachtvollen Feuerwerk. Die Folge davon war, daß sie am nächsten Tage Fieber hatte. Trotzdem konnte sie sich nicht pflegen, sondern mußte am Abend auf dem Maskenfest des Zaren erscheinen.