Die einfache
Erkenntnis
Über die Abwesenheit der Gegensätze
Übersetzt von Ernst Schönwiese
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Minister: „Aber ich bin ein Mann der Weltlichkeit und habe ein Amt zu versehen. Wie kann ich mich lernend bemühen, um auf den Weg des DAO zu gelangen?"
Shen Hui: „Exzellenz, Ihr habt Euch nur um das echte Verstehen zu bemühen. Ohne sonstige Übungen sollt Ihr nur ein vollkommenes Begreifen erreichen, denn wenn Ihr tief durchdrungen seid von Eurem richtigen Begreifen, werden all die Irrtümer und trügerischen Gedanken nach und nach schwinden … Wir weisen immer sofort darauf hin, daß das Begreifen entscheidet und daß es nicht nötig ist, eine Vielzahl von Texten zu Hilfe zu rufen."
Shen Hui
Ja, aber Shen Hui war da, um dieses Begreifen hervorzurufen: Wir haben ihn nur als einen aus einer „Vielzahl von Texten".
Ja, er sagt es - Begreifen kann genügen. Aber wir müssen dieses Begreifen „leben" - noumenal natürlich!
Es scheint niemals eine Zeit gegeben zu haben, zu der die Menschen nicht versucht hätten, dem Kerker der individuellen Vereinzelung zu entrinnen. Im Osten war die Befreiung zu einer Art schönen Kunst entwickelt worden. Ob aber nicht trotzdem mehr Menschen außerhalb der organisierten Religion als mit deren Hilfen sich aus ihrer Einzelhaft befreit haben?
Im Westen ist die Reintegration sehr sporadisch erfolgt. Aber in den letzten Jahren haben immer größere Kreise sich mit deren Problemen befaßt. Dabei hat sich die Heranziehung der östlichen Literatur - die manchmal von Gelehrten übersetzt wurde, deren Sprachkenntnisse größer waren als ihr Verständnis des Gegenstandes selbst - oft unglücklicherweise als ein Hindernis erwiesen, das ein volles Verständnis mühsam und langwierig machte. Es scheint daher von wesentlicher Bedeutung zu sein, daß eine solche Lehre, soweit sie übermittelbar ist, in einer modernen Ausdrucksweise und gemäß unseren eigenen Denkgewohnheiten weitergegeben wird.
Aber eine solche Darstellung kann mittels einer rein denkerisch erörternden Methode, wie wir sie etwa beim Erwerben von rein rationalen Kenntnissen zu benützen gewohnt sind, niemals angemessen gegeben werden, denn das geforderte Verständnis ist nicht ausschließlich rationaler Art und daher kein bloßes Wissen.
Das mag die außerordentliche Popularität von Werken wie dem Daodejing und in bescheidenem Ausmaß des Diamant- und Herz-Sutra sowie etwa von Padma Sambhavas Erkennen des Geistes erklären. Denn all den gewaltigen Mengen überflüssiger Worte zum Trotz, in denen die Ur-Lehre in neuerer Zeit dargestellt wurde, trifft der direkte Hinweis auf die Wahrheit statt einer Erklärung unmittelbar das Herz der Sache und ermöglicht es dem Geist, seine eigene lebendige Vision zu entfalten. Eine noch so ausgearbeitete, rein rational entwickelte These muß hier immer ihr Ziel verfehlen, denn nur durch Andeutungen, die eine Fähigkeit der Intuition voraussetzen, kann dieses Verständnis erweckt und gefördert, niemals aber zur Gänze von außen erlangt werden.
Ob aber eine moderne Präsentation östlicher oder ewiger Metaphysik als zuverlässig akzeptiert werden wird? Wahrscheinlich ist eine Zwischenstufe zweckmäßig, während der die Methode der Präsentation in moderner Sprache von der Autorität der großen Meister gestützt wird, soweit die Interessierten mit deren Gedanken und technischen Begriffen wenigstens allgemein vertraut sind. Noch schwieriger wird die Angelegenheit durch den zur Konvention gewordenen Gebrauch der meist aus dem Sanskrit stammenden Begriffe, deren von den frühen Übersetzern akzeptierter Sinn weiter verwendet wird. Dieser Sinn ist oft nicht bloß beträchtlich verschieden von der Bedeutung, die diese Begriffe in den chinesischen Werken haben, sondern gelegentlich fast genau ins Gegenteil verkehrt worden! Diese irreführenden Begriffe werden weiter gebraucht, was ohne Bedeutung für die wenigen ist, die wissen, worauf diese sich wirklich beziehen und für die ein andeutendes Wort oft genügt, es ist aber eine ernste Behinderung für jemanden, der um deren Verständnis ringt.
Die Unangemessenheit der kleinen Absätze, die folgen, entspricht dem Ungenügenden der Ausdrucksmöglichkeit. Sie werden in der Hoffnung dargeboten, daß die ihnen zugrundeliegende Wahrheit durch das Nebelhafte ihrer Darbietung hindurchdringt und einen Funken auslöst, der sich zur Flamme der Erfüllung zu entfalten vermag.
Nichts Mysteriöses oder irgendwie Geheimnisvolles ist an der ganzen Sache. Wenn sie leicht wäre, würden wir dann nicht alle Buddhas sein? Zweifellos. Aber die scheinbare Schwierigkeit rührt von unserer Unfähigkeit her, das Offenbare wahrzunehmen, und zwar aufgrund eines Reflexes, der uns veranlaßt, beharrlich in die falsche Richtung zu schauen.
W.W.W.
Alle Phänomene sind nur das Ergebnis einer Objektivierung. Sie sind notwendigerweise bedingt und dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterworfen.
Diese Kausalität unterliegt dem, was wir als Zeit und Raum begreifen, schließt also Raum-Zeit ein, und vice versa, so daß Verursachung und Willentlichkeit als Ausdruck eines einzigen Prozesses betrachtet werden können.
Daher muß jede Art von Aktivität in der Zeit bedingt und dem Kausalzusammenhang unterworfen sein.
Per contra: Was immer außerhalb der Zeit oder was immer Zeitlosigkeit ist, kann nicht durch den Kausalzusammenhang gebunden sein, da es nicht Raum-Zeit unterworfen sein kann.
Aber was immer wir sind, was immer alle Lebewesen sein mögen, liegt außerhalb der Zeit, alles, was in Raum-Zeit erscheint, ist nur phänomenal.
Folglich ist das Wollen in seinem phänomenalen Aspekt eine Manifestation einer Ich-Vorstellung und muß ein Element in der Kausalitätskette sein, während Wollen in seinem noumenalen Aspekt so etwas überhaupt nicht ist, es ist nie als solches manifest und funktioniert als ein unidentifizierbarer Drang, als Spontanität, unabhängig von jeder Überlegung, jedem Denkvorgang und aller phänomenalen Aktivität.
Dieses noumenale Wollen ist weder Wollen noch Nicht-Wollen: Es ist Wollen, das Nicht-Wollen ist, so wie Wei das reine Tun ist, das Wu-wei ist, denn alle Einmischung von Seiten einer Ich-Vorstellung bleibt ausgeschlossen, und das Tun (Wei) ist Ausdruck des Wollens.
Letztlich ist es, was wir in der Zeitlosigkeit sind, denn es ist frei von jeder Objekthaftigkeit. Es ist, was alle Lebewesen sind, die Natur, die sich manifestiert und in die Nicht-Manifestation zurückkehrt, die geboren wird, wächst, reift, sich fortpflanzt und stirbt. Das ist das nicht-willentliche Leben eines Menschen des Dao.
Wen gäbe es, der Willen besitzen und ausüben könnte? Wen gäbe es, der die Auswirkungen des Willens erfahren könnte?
Wen gäbe es, der Ursachen schaffen könnte? Wen gäbe es, der eine Wirkung erleiden könnte?
Es gibt keine Entität, die einen Willen ausüben könnte, es gibt keine Entität, die die Auswirkungen des Wollens erleiden könnte.
Es gibt weder eine verursachende noch eine Wirkung erleidende Entität.
Die Subjekt-Objekte der phänomenalen Welt sind selbst Resultate der Zeithaftigkeit.
Die Ursachen und Wirkungen der phänomenalen Welt sind selbst abhängig vom scheinbaren Ablauf der Zeit.
Die Subjekt-Objekte sind in der phänomenalen Welt niemals getrennt, sie sind keine unabhängigen Entitäten: Sie sind eine ganzheitliche Denkvorstellung, die den Mechanismus der Manifestation enthüllt.
Die Ursachen und die Wirkungen der phänomenalen Welt sind niemals getrennt, sie sind jedes beide, abhängig von der Zeit, und beschreiben den zeithaften Wirkungsverlauf des manifestierten Universums.
Die Subjekt-Objekte sowie Ursache und Wirkung der phänomenalen Welt sind nicht nur jedes eine einzige Denkvorstellung, gespalten durch die Illusion der Zeit, sondern sind beide Aspekte einer einzigen Denkvorstellung und sind identisch.
Daher können sie „verursachendes Subjekt - Wirkung erleidendes Objekt" genannt werden. Verursachung ist ein Name für den Prozeß der Objektivierung, durch den das sinnenhafte Universum entsteht.
Ich wiederhole: Nur ein Objekt kann leiden, denn es bedarf eines Objektes, um Leiden zu erfahren, und nur ein Objekt kann die Wirkung einer Ursache erleiden.
Daher können nur Objekte in Verursachung und Bedingtheit verwickelt werden, denn das phänomenale Subjekt wird im Augenblick eines solchen Geschehens zum Objekt.
Die noumenale Subjekthaftigkeit muß ewig von Verursachung unbeeinflußt sein. Die noumenale Subjekthaftigkeit ist ewig unbedingt und frei.
Wenn wir die Ich-Vorstellung beiseite lassen, ist dies gleichbedeutend mit der Aufgabe des Begehrens nach „persönlicher Erleuchtung".
Sie nicht mehr zu begehren heißt, „es" zu haben, denn „es zu haben" bedeutet in jedem Fall nichts anderes, als daß wir uns dessen entledigt haben, was verhüllt hat, was für immer das ist, was wir einzig und allein sind.