Cover

Andreas Gruber

Todesfrist

Thriller

Danksagung

Jede Danksagung steht am Ende einer langen Reise, bei der man sich zweifelsohne verirrt hätte, gäbe es nicht wunderbare Menschen, die einem die Schwächen des Romans aufzeigen. In meinem Fall sind das Günter Suda, Heidemarie Gruber, Veronika Grager, Jürgen Pichler, Robert Froihofer, Leo Schabauer, Peter Hiess, Gaby Willhalm, Michael Adam und Magdalena Adam. Danke, dass ihr das Manuskript so aufmerksam gelesen und schonungslose Kritik geübt habt.

Die Idee, eine Psychotherapie in diesem Thriller einzubauen und eine Therapeutin als Heldin zu wählen, kam mir durch das Theaterstück Equus von Paul Shaffer. Der größte Teil der Recherchen betraf daher den psychotherapeutischen Plot. Für kostenlose Einführungsgespräche, bei denen ich mich in Therapie begab, danke ich Monika Korber, Angela Kunz, Ulrike Haderer und Frau Dr. Barbara Greuer-Walenta. Vielen Dank für den Einblick in Ihre großartige Arbeit. Für Detailfragen zur Psychotherapie danke ich vor allem Frau Mag. Uta Weber-Grüner für ihre ausführlichen Erklärungen und Frau Mag. Eva Gruber für ihre zahlreichen Ideen und dafür, dass sie das Manuskript trotz ihres vollen Terminkalenders mehrmals Korrektur gelesen hat.

Für medizinische Antworten auf meine stets nervenden Fragen danke ich Dr. Bettina Dreier und Dr. Christian Wörgetter. Für Kirchenfragen stand mir Wolfgang Paset zur Verfügung, für technische Fragen Herr Wagner vom Verein Forum Mobilkommunikation und für kriminalpolizeiliche Fragen der Berliner Staatsanwalt Frank Heller, der Berndorfer Polizist Robert Froihofer und Jan Gögge vom Berliner Kriminaldauerdienst. Danke für die Zeit, die Sie sich genommen haben.

Den Jack-Russell-Terrier Dusty gibt es tatsächlich. Er hat lange darauf gewartet, endlich eine Rolle in einem Roman zu bekommen. Den Wiener Narrenturm sowie die Katakomben der Wiener Michaelerkirche, die als Vorlage für die fiktive Marienkirche dienten, gibt es ebenfalls. Beide Locations durfte ich im Rahmen einer Lesung kennenlernen.

Einige Zitate, die ich meiner Figur Maarten Sneijder – entschuldigen Sie bitte: Maarten S. Sneijder – in den Mund gelegt habe, stammen von Sibelius, Dettmar Cramer, Jean Paul, Mark Twain, Michael Marie Jung, Marie von Ebner-Eschenbach und dem genialen Harry Rowohlt. Es tut mir leid, ich habe diese Aphorismen schamlos stehlen müssen, da sie einfach zu schön sind, um nicht in einem Roman verwendet zu werden.

Wie schon zuvor bei Rachesommer gilt mein besonderer Dank Roman Hocke und Dr. Uwe Neumahr von der AVA-International Literatur-Agentur für ihr Vertrauen und die wunderbare Betreuung.

Ich bin davon überzeugt, dass es frei nach William Faulkner bei der Schriftstellerei nicht um Ruhm und schon gar nicht um Gewinn geht, sondern darum, aus dem Material des menschlichen Geistes etwas zu schaffen, das vorher nicht existiert hat. Deshalb danke ich Iris Grädler vom Club Bertelsmann, die mich sozusagen entdeckt und gemeinsam mit mir den Stoff dieses Thrillers entwickelt hat. Bei insgesamt sieben detaillierten Exposé-Entwürfen hat sie mir die Schwachpunkte aufgezeigt, bis wir schließlich diesen Plot fanden. Vielen Dank für Ihre unglaubliche Engelsgeduld. Ich hoffe, die Mühe hat sich gelohnt.

Andreas Gruber

geboren 1968 in Wien, studierte an der dortigen Wirtschaftsuniversität und arbeitet halbtags für einen Pharma-Konzern. Mit seiner Familie und vier Katzen lebt er in Grillenberg in Niederösterreich. Seine Bücher wurden unter anderem dreimal mit dem Vincent Preis und dreimal mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Zurzeit schreibt er an seinem neuen großen Thriller.

 

»An Andreas Gruber schätze ich vor allem, dass er eigene erzählerische Wege geht – und das atmosphärisch so glaubhaft, so greifbar, dass man ihm bereitwillig folgt.«

Andreas Eschbach

 

Mehr zum Autor und seinen Büchern finden Sie
unter www.agruber.com.

Epilog

Das Restaurant »Motto am Fluss« sah aus wie ein stromlinienförmiger Luxusliner und lag am Wiener Donaukanal. Ein Tisch musste zwei Wochen im Voraus reserviert werden. Dementsprechend nobel war die Atmosphäre bei Kerzenschein und leiser Pianomusik.

Helen hatte einen herrlichen Ausblick auf den Fluss und die Schwedenbrücke. Seit der Begegnung mit Carl war sie nicht mehr ausgegangen. Heute wagte sie sich zum ersten Mal wieder unter Leute. Sie trug ein blaues Cocktailkleid und eine Stola. Die linke Hand war nur noch leicht bandagiert, die rechte mit einer dicken Mullbinde über einer Schiene. In der Spiegelung des Fensters sah es aus, als trüge sie weiße Handschuhe. Die Chirurgen des Wiener AKH hatten nur ihren rechten Daumen retten können. Gestern waren die Nähte gezogen worden, doch sie durfte den Finger weitere sechs Wochen nicht belasten, bis der Knochen verheilt war. Sie wusste, die anschließende Bewegungstherapie würde qualvoll werden.

Ben Kohler saß ihr gegenüber, im schicken, eng anliegenden Smoking. Wie immer sah er fantastisch aus. Ben hatte die Tortelloni auf ihrem Teller halbiert. Ohne Daumen und mit dem Taubheitsgefühl in der Hand war sie nahezu hilflos.

Er nippte an seinem Cocktail und beugte sich zu ihr über den Tisch. »Im Magazin NEWS ist gestern ein Artikel über dich erschienen.«

Sie seufzte. »Ich weiß.«

»Alle Kollegen auf der Dienststelle haben ihn gelesen. Soviel ich weiß sogar dein alter Freund, der Polizeipräsident. Oliver hat ihm den Artikel in einem Hauspostkuvert geschickt.«

Sie lachte. »Im Ernst?« Dann dachte sie an die Beschuldigungen im Fall Winkler, und wie die Kripo damals versucht hatte, ihren Ruf zu ruinieren und ihr die Schuld an der misslungenen Verhaftung in die Schuhe zu schieben.

Ben lehnte sich zurück. »Du hast das Rätsel des Entführers gelöst, Rose Harmann gerettet und Struwwelpeters wahre Identität aufgedeckt. Das alles unterstreicht deinen Erfolg als ehemalige Profilerin und Psychotherapeutin.«

Helen schwieg. Im Gegenzug hatte sie allerdings schmerzvoll die Wahrheit über ihren perfekten Ehemann Frank, den eloquenten Staatsanwalt, erfahren müssen. Ihre verstümmelte linke Hand und die Narben auf beiden Handrücken würden sie ein Leben lang an die Ereignisse vor zwei Wochen erinnern. Aber Rose Harmann war noch schlimmer dran. Die Ärzte mussten ihr eine Hand am Gelenk amputieren. An der anderen Hand blieb ihr nur ein Finger. Nach zwei Wochen auf der Intensivstation war sie nun in psychiatrischer Behandlung mit anschließender Reha. Helen wusste, sie würde Anne Lehner nie wiedersehen. Ob Frank seine Geliebte besuchte, würde sie wohl auch nie erfahren. Vermutlich sah er sich schon nach einem Ersatz um.

Als sie im Krankenhaus gelegen hatte, war Frank zu Besuch gekommen. Nur ein Mal! Er wollte sie umarmen, doch sie hatte seine Hand beiseitegeschlagen. Sie hatte ihm drei Tage gegeben, ihr Haus zu verlassen. Noch während ihres Aufenthalts im Krankenhaus hatte sie die Scheidung eingereicht – und Ben auf eine andere Sache angesetzt, die sie seit Tagen zermürbte.

Bei einem Gespräch zwischen Rose, Ben, einem Psychiater und einigen Kripobeamten war herausgekommen, dass Frank seine Geliebte während deren Schwangerschaft mit Limetten-Bio-Drinks versorgt hatte. Allerdings waren die Säfte präpariert gewesen. Frank hatte mit einer Spritze durch die Deckel gestochen und eine hochkonzentrierte Antibiotikum-Infusionslösung in die Flaschen injiziert. Mehr als fünf Drinks innerhalb von drei Tagen waren nicht nötig gewesen, um bei Rose Blutungen und Krämpfe im Unterleib auszulösen. Vielleicht hätte Helen ihrem Mann die Affäre verzeihen können – doch niemals die Tatsache, dass er ein ungeborenes Kind getötet hatte. Die rechtliche Konsequenz stand noch aus, aber es war ziemlich sicher, dass er seinen Job als Staatsanwalt verlieren würde.

»Helen?«, fragte Ben.

Sie blickte auf.

»Ich sagte, dein Mann fährt übrigens nicht mehr mit dem Lamborghini ins Büro.«

Exmann, korrigierte sie in Gedanken. »Ich weiß, ich lasse den Wagen versteigern. Der Erlös ist für ein Waisenhaus.«

Er schmunzelte. »Kein Scheiß?«

Sie schüttelte den Kopf. »Lass uns über etwas anderes reden, okay?«

»Okay.« Er griff nach einem Stück Rindfleisch von seinem Teller und ließ es unter dem Tisch verschwinden.

»Hör auf!«, zischte sie und schielte zu dem Kellner. War das zu fassen?

»Ich tu doch gar nichts.«

»Nur den Hund bestechen.« Sie hörte, wie Dusty unter dem Tisch nach dem Fleisch schnappte. Nachdem Helen im Ambulanzwagen abtransportiert worden war, hatte sich Ben sofort auf die Suche nach Dusty gemacht. Schließlich hatte er ihn im Tierheim gefunden. Kinder hatten ihn während des Gewitters völlig verängstigt, durchnässt und schmutzig von der Straße aufgelesen und dorthin gebracht.

Ben wischte sich die Hände mit der Serviette ab und zog ein Päckchen aus der Tasche. »Das habe ich übrigens aus Wiesbaden erhalten.« Er öffnete es und holte ein nagelneues iPhone mit Zusatzakku heraus. Die Schutzhülle war rot, weiß und blau gestreift – in den Farben der niederländischen Flagge. »Weißt du, Sneijder ist gar kein so mieser Kerl.«

»Wenigstens hat er eine nette Kollegin.«

»Sie ist nicht seine Kollegin.«

Helen schmunzelte. »Wer weiß?«

»Ja, wer weiß.« Plötzlich langte er über den Tisch und umfasste zärtlich ihr Handgelenk.

Oh Gott, was kommt jetzt?

»Bitte verzeih mir mein Verhalten von vor drei Jahren.«

»Du warst ein Arschloch!«

»Es tut mir leid.«

Sogleich bereute sie, was sie gesagt hatte. »Ich denke oft an Flo. Ich weiß, es ist die Hölle, einen Sohn zu verlieren, aber ich wäre mit dir gemeinsam durch diese Hölle gegangen.«

»Er fehlt mir so, und es ist immer noch die Hölle …« Er schluckte. »Aber wir können sie immer noch gemeinsam durchstehen.«

Ihre Augen weiteten sich. Dieses Angebot kam überraschend. Sie wohnte mit Dusty erst seit einer Woche allein in dem Haus in Grießkirchen. »Ich … ja, eigentlich …«

»Überleg es dir in Ruhe«, schlug er vor.

Das habe ich längst getan!

 

Monika machte zwei Tassen heißen Kakao und setzte sich zu Sabine auf die Wohnzimmercouch. »Du hast mir noch nicht erzählt, wie du Mutters Mörder finden konntest.«

Es war elf Uhr nachts. Kerstin, Connie und Fiona schliefen längst in ihrem großen Doppelbett. Vermutlich träumten sie von einem neuen Einsatz mit Helikoptern, Suchhunden und ihrer Spezialausrüstung.

Sabine zog die Beine hoch, rollte sich am Ende der Couch zusammen und nippte an der Schale. »Durch die Klassenfotos auf Mutters Dachboden.« Sie erzählte ihrer Schwester die ganze Geschichte.

»Mutters Klassenfotos also«, sinnierte Monika. »Vater hat mir übrigens bei der Räumung der Wohnung geholfen. Er hat Amtswege erledigt und sich um die Kinder gekümmert.«

Sabine wusste, dass Gabriel, Monikas Exmann, keine große Hilfe gewesen war. Darum war sie froh, als sich ihr Vater letzte Woche ein Hotelzimmer in München genommen hatte. Während er und Monika Mutters Beerdigung organisiert hatten, wäre Sabine fast vom Dienst suspendiert worden. Sie war noch drei Tage in Wien festgesessen, hatte zahlreiche Gespräche mit dem Beamten des Wiener BKA hinter sich gebracht und war anschließend von Staatsanwalt Fuhrmann und dem Münchner LKA vernommen worden. Im Grunde war die ganze Sache für sie noch glimpflich ausgegangen, da kein konkreter Tatverdacht gegen sie vorlag. Obwohl sie Carl Boni gefunden und zur Strecke gebracht hatte, durfte sie mit keiner Belobigung rechnen. Sie konnte von Glück sagen, dass sie ihren Job beim Kriminaldauerdienst behalten durfte.

»Ach ja.« Monika kramte aus dem Zeitschriftenfach des Couchtisches ein Paket mit gelber Schleife und blauem Geschenkpapier hervor. »Das haben wir in Mutters Wohnung gefunden. Ist von Mama, für dich. Morgen ist dein Geburtstag. Alles Gute.« Sie gab ihrer Schwester einen Kuss.

»Danke.« Sabine drückte das Paket an die Brust. »Hasst du Vater immer noch?«

Monikas Augen wurden wässrig. »Weißt du eigentlich, wie es vor zehn Jahren zum Brand in der Kölner Grundschule gekommen ist?«

Verblüfft schüttelte Sabine den Kopf. Es war doch sonst nicht Monis Art, das Thema zu wechseln.

Monika zog die langen Beine auf die Couch. »Vater hat es mir erzählt. Eigentlich hatte er Mutter versprochen, nie darüber zu reden, doch nach ihrem Tod ist dieser Schwur hinfällig geworden.« Sie ließ den Kakao in der Tasse kreisen. »Eines Abends besuchte er Mutter in der Schule. Er wusste, dass sie Klassenarbeiten korrigierte. Tja, und da überraschte er sie im Direktorenzimmer mit einer anderen Lehrerin. Es kam zum Streit. Die Kerzen für die romantische Stimmung fielen bei dem Handgemenge um, und das Feuer brach aus. In jener Nacht kamen unsere Eltern rußgeschwärzt heim. Der Brand wurde als Unfall vertuscht. Den Rest kennst du ja.«

Sabine hatte schon immer etwas Ähnliches vermutet. Aber eine Lehrerin? »Und du dachtest, Vater hatte ein Verhältnis.«

»In Wahrheit war es umgekehrt«, seufzte Monika. »All die Jahre habe ich ihn ignoriert und ihm seine Enkeltöchter vorenthalten.« Sie wischte sich eine Träne aus den Augen. »Er wird mir das nie verzeihen.«

Sabine umarmte ihre Schwester. »Aber das hat er doch schon.«

Jetzt begann Monika hemmungslos zu weinen. »Ich habe ihn für nächstes Wochenende eingeladen«, schluchzte sie. »Er hat angedeutet, dass er vielleicht nach München zieht, um öfter bei uns zu sein.«

Sabine lächelte. »Siehst du.« Sie wusste das bereits. Gestern hatte sie mit ihrem Vater darüber gesprochen, und er hatte gemeint, dass er sein Hobby – alte Züge zu restaurieren – auch hier ausleben könne.

Sabines Handy summte. So spät noch eine SMS? Sie rief den Text ab.

»Was gibt’s?«

Sabine zeigte ihr die Nachricht.

Können Sie morgen nach Dresden kommen? Erwarte Sie um 10.45 Uhr beim Haupteingang des Städtischen Heidefriedhofs. Seien Sie pünktlich – M. S. S.

PS: Happy Birthday

Sneijder war verrückt! Sabine konnte sich noch lebhaft an Monikas letzte Reaktion erinnern, als Sneijder sie per SMS zum Münchner Flughafen beordert hatte, um mit ihr nach Wien zu fliegen. Du springst einfach so, wenn der Typ mit den Fingern schnippt? Ja, das hatte sie getan.

Doch diesmal sagte Moni nichts dergleichen. Stattdessen streichelte sie Sabines Wange. »Gehen wir ins Bett. Du musst morgen zeitig raus.«

 

Am nächsten Tag um kurz vor elf Uhr stellte Sabine ihren Wagen auf dem Besucherparkplatz vor dem Haupteingang des Dresdner Friedhofs ab. Ein Polizeiauto stand neben dem Tor. Schon von Weitem sah sie neben dem schmiedeeisernen Gatter Maarten Sneijders hagere Gestalt im dunklen Anzug. Er unterhielt sich mit einem jungen Polizisten, der ihn wohl hergebracht hatte. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf seiner Glatze. Als er Sabine erblickte, schob er die Sonnenbrille über die Augenbrauen.

»Sie kommen zu spät«, murrte er.

»Diesmal bin ich nicht so gerast wie an jenem Tag, als wir zusammen nach Dresden gefahren sind.«

Er musterte sie kurz und ließ einen missbilligenden Blick über Bluse, Schuhe und sommerliche Leinenhose gleiten.

»Außerdem war ich noch in der Dresdner Innenstadt. Habe mich dort in der Haital-Filiale umgesehen«, rechtfertigte sie sich. »Ich habe ein Geschenk für Sie.«

Sie wusste, dass Sneijder nichts so leicht aus der Fassung bringen konnte, doch damit hatte er garantiert nicht gerechnet. Sprachlos nahm er die Biografie von Viktor E. Frankl entgegen. Trotzdem ja zum Leben sagen lautete der Titel. Der Buchrücken des schmalen Bändchens war gebrochen, einige Seiten eingeknickt. Außerdem stand eine Widmung auf der ersten Seite. Für Maarten.

»Haben Sie das Buch etwa gestohlen?«

»Natürlich. Würden Sie es sonst annehmen?«

Er setzte sein Leichenhallenlächeln auf. »Danke.« Ein Wort, das sie bisher nur selten aus seinem Mund gehört hatte.

»Ich sehe, es geht Ihnen gut«, stellte sie fest. Er hatte etwas Farbe im Gesicht, und die beiden punktgroßen Tätowierungen auf seinen Handrücken waren von den Akupunkturnadeln nicht mehr wund.

»Kommen Sie mit.« Er ging durch das Tor. Sie folgte ihm durch die Allee. Zu beiden Seiten lagen Dutzende Grabreihen.

»Nachdem ich einen Mörder überführt habe, geht es mir immer ein bis zwei Wochen lang gut. Keine Cluster-Kopfschmerzen, kein Gefühl der Bedrängnis. Dann brauche ich einen neuen Fall.« Er blickte sie von der Seite her an. »Sorgen Sie sich etwa um mich?«

In seiner Gegenwart würde sie das nie zugeben. Da fiel ihr eine Geschichte ein, die sie zuvor bei Haital in einem Ratgeber gelesen hatte.

»Kennen Sie die Erzählung von den zwei Zen-Mönchen?«, fragte sie. Ohne eine Antwort abzuwarten, begann sie zu erzählen. »Eines Abends saßen zwei Mönche zusammen und sprachen über die beiden Geister, die im Inneren des Menschen leben und sich gegenseitig bekämpfen. Der eine ist arrogant, egoistisch, eifersüchtig und voll von Rachedurst und falschem Stolz. Der andere ist stark, großzügig und kann verzeihen.«

Sneijder dachte eine Weile nach. »Das war’s?«, fragte er schließlich.

»Ja.«

»Und welcher Geist gewinnt?«

»Der, den Sie füttern.«

Sneijder zog einen Schmollmund. »Okay, raffiniert, Eichkätzchen. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Rose Harmann wollte Helen Berger ausspionieren, um sich an der Ehefrau ihres Geliebten zu rächen. Aber diese Rache führte zur Selbstzerstörung.« Er blätterte gedankenverloren durch das Buch. »Meine Rache an Haital könnte ebenso zur Selbstzerstörung führen. Darauf wollen Sie doch hinaus?«

»Vielleicht.«

»War das der Grund, weshalb Sie auf dem Dach nicht abgedrückt haben, als ich Ihnen die Möglichkeit dazu gab?«

Mit dieser Frage hatte sie sich in den letzten Wochen ausführlich beschäftigt. Schließlich war sie zu einer Antwort gekommen. »Wissen Sie, ich bin nicht so wie Sie. Rache wird mein Herz nicht vergiften.«

Er bog lächelnd in einen Seitenweg ein. »Das ist schön.«

»Schön?«, wiederholte sie. »Das sagen ausgerechnet Sie, nachdem Sie mich gedrängt haben, Carl abzuknallen?«

»Jetzt erzähle ich Ihnen eine Geschichte. Es wäre mir in jener Nacht scheißegal gewesen, ob Sie Carl erschießen oder nicht.«

Was? Er wollte sie doch auf den Arm nehmen! »Und warum haben Sie mir Ihre Waffe gegeben?«

»Ich wusste, Sie würden nicht abdrücken, aber ich musste mich dessen vergewissern.«

Ihr Puls schnellte hoch. »Sie wollten mich testen?«, fuhr sie ihn an. »Warum zum Teufel? Bin ich eines Ihrer Psycho-Studienobjekte?«

»Beruhigen Sie sich.« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich hatte meine Gründe, denn auch ich habe ein Geschenk für Sie.«

In diesem Moment musste sie ihn ziemlich dämlich und verdutzt angesehen haben, denn er schmunzelte. »Ich habe Ihre letzten Bewerbungsunterlagen beim BKA ausgraben lassen.«

Sabines Magen zog sich zusammen.

»Ich habe mit dem BKA-Präsidenten gesprochen. Er ist ein mieser Sesselpupser und kann mich nicht besonders gut leiden, aber er ist mir noch einen Gefallen schuldig. Wir haben eine Akademie für hoch begabten Nachwuchs. Ich habe Sie vorgeschlagen.«

»Ist nicht wahr«, entfuhr es ihr. »Aber warum …?«

»Warum? Aber kapieren Sie denn nicht?«, rief er. »Ohne Sie hätte ich den Fall nicht in dieser Zeit lösen und drei Menschen das Leben retten können!«

Möglicherweise wären Rose Harmann, Helen Berger und Carls Kindergärtnerin Ursula Zehetner gestorben. »Deshalb haben Sie mich für das BKA empfohlen?«

»Und aus einer Menge anderer guter Gründe. Die wollen Sie doch jetzt nicht alle hören?«

Sie hob kommentarlos drei Finger.

»Verdomme!« Er lächelte. »Weil Sie Carl Boni nicht kaltblütig abgeknallt haben und verhindern wollten, dass er vom Dach springt. Sie werden nicht von Rachegefühlen geleitet. Sie machen kompromisslos Ihren Job und sind noch nicht von Ihrem Beruf zerstört worden, so wie andere.« Er machte eine Pause. »Das BKA braucht junge Leute wie Sie.«

Puh! Das musste sie erst einmal verdauen.

»Wohin gehen wir eigentlich?«, fragte sie nach einer Weile.

»Zum Grab von Carl Bonis Vater.« Er bog in einen Seitenweg ein. »Dort drüben.« Nach einigen Schritten blieb er stehen. »Hier sind wir also, um das letzte Rätsel zu lösen.«

Ein relativ neuer Grabstein ragte aus der Erde. Josef Boni stand auf dem Marmor. Er war vor drei Jahren gestorben. Das Foto zeigte den Dom-Organisten während einer Messe an der Klaviatur einer Orgel. Sabine versuchte, den ernsten und verbitterten Gesichtsausdruck des Mannes zu deuten, dessen Erziehungsmethoden seinen Sohn zum Mörder werden ließen.

Sneijder deutete zu der Grablaterne. »Fällt Ihnen etwas auf?«

Hinter dem roten Becher einer niedergebrannten Kerze steckte ein Blatt Papier in einer zusammengefalteten Klarsichtfolie. Sabine öffnete die Laterne und zog die Hülle hervor. Das Blatt enthielt eine kurze handschriftliche Notiz:

Lieber Vater, wenn du errätst, wen ich entführt habe, bleibt die Person am Leben – wenn nicht, stirbt sie.

Sie faltete die Folie zusammen. »Ein unlösbares Rätsel.«

»Zumindest für jemanden, der seit drei Jahren tot ist.« Sneijder setzte einen Fuß auf die Steinumfassung des Grabes. »Wenn die Wiener Gerichtsmedizin mit den Autopsien von Carl und seiner Mutter fertig ist, werden ihre Leichen nach Dresden überstellt. Dann sind sie im Familiengrab vereint.«

»Wie haben Sie den Brief entdeckt?«, fragte Sabine.

»Ich wäre ein schlechter Ermittler, wenn ich nicht jeder Spur nachgehen würde.«

»Es gibt keine schlechten Ermittler, nur unerfahrene«, zitierte sie ihn. »Im Grunde sind Sie gar kein so mieser Kerl, wissen Sie das?«

»Weiß ich, aber wenn Sie das jemandem erzählen, werfe ich Sie eigenhändig aus der Akademie.« Er lächelte für einen Augenblick. »Übrigens haben wir in Carls Wohnung Hinweise auf die vorletzte Geschichte aus dem Struwwelpeter-Buch gefunden: Hans-Guck-in-die-Luft. Carls Aufzeichnungen zufolge hat er geplant, die Frau seines ehemaligen Dresdner Lehrmeisters zu entführen. Sie ist eine Furie, die immer noch alle Lehrlinge der Autowerkstatt traktiert. Carl wollte sie in einem Seitenarm der Elbe ertränken. Die Bleigewichte und Broschüren der Fischbecken lagen bereits in seinem Wagen. Aber er konnte nur noch die letzte Erzählung vollenden: seinen Selbstmord.«

»In Wahrheit haben wir also vier Menschen das Leben gerettet.«

Sneijder nickte. »Gute Arbeit.« Er reichte ihr die Hand. »Ich muss zum Flughafen und zurück nach Wiesbaden. Danke für Ihr Kommen und das Buch, Eichkätzchen.«

»Gern geschehen, Somerset.«

Grinsend ging er zum Ausgang. Sabine legte den Brief zurück in die Laterne und sah Sneijder nach. Dann schlenderte auch sie langsam zum Ausgang. Nach einigen Metern kramte sie die Rechnung der Dresdner Haital-Filiale aus der Hosentasche und warf sie in den Papierkorb.

 

Vor dem Eingang stand immer noch der Polizeiwagen. Sabine sah von Weitem, wie Sneijder mit dem Beamten sprach und danach in einen BMW stieg. Auf der Fahrerseite! Sekunden später fuhr er weg.

Sabine ging auf den Polizisten zu. »Entschuldigen Sie bitte«, sprach sie ihn an. »Ist der Mann soeben selbst gefahren?«

»Ja, er sagte, er muss zum Flughafen.«

»Haben Sie ihn hergebracht?«

Der Polizist schüttelte den Kopf. »Ich warte hier auf die Kollegen von der Spurensicherung. Muss sie zu einem Grab führen. Warum fragen Sie?«

Sabine sah dem BMW verblüfft hinterher, wie er im Mittagsverkehr zwischen den anderen Autos verschwand. War das zu fassen? »Angeblich hat er keinen Führerschein.«

»Merkwürdiger Typ, nicht wahr?«, stellte der Kollege fest.

»In jeder Hinsicht«, antwortete sie. »Hat er Sie nach einer Haital-Filiale gefragt?«

»Wie?« Der Beamte runzelte die Stirn. »Nee, hat mich bloß um Streichhölzer gebeten. Das war doch Maarten Sneijder aus Rotterdam, nicht wahr?«

Sabine schüttelte den Kopf. »Maarten S. Sneijder«, korrigierte sie ihn.

 

Während sie über den Parkplatz zu ihrem Auto schlenderte, dachte sie über Sneijders Angebot nach. Sie konnte unmöglich für zwei Jahre oder länger nach Wiesbaden ziehen. Wie sollte Monika mit den drei Mädchen allein zurechtkommen? Doch dann fiel ihr ein, dass ihr Vater nach München kam, um Monika zu unterstützen. Vielleicht sollte ja alles so sein. Sie dachte an Kriminalkommissaranwärter Erik Dorfer, ihren Jugendfreund, den sie in Wiesbaden wiedertreffen würde. Weil er ihr seinen Zugangscode zu Daedalos gegeben hatte, stand sie tief in seiner Schuld.

In ihrem Wagen klappte sie die Sonnenblende herunter. Es war kurz vor Mittag. Keine einzige Wolke trübte den Himmel. Die Dresdner Altstadt war ein wunderschönes Fleckchen. Vielleicht sollte sie noch ein paar Stunden hier bleiben, bevor sie nach München zurückfuhr. An diesem freien Tag hatte sie Zeit im Überfluss. Außerdem war es ihr Geburtstag.

Sie griff nach dem Geschenk ihrer Mutter, das auf dem Beifahrersitz lag. Jetzt war es endlich an der Zeit, es zu öffnen. Sie zog die Schleife herunter und riss das Papier auf. In ihrem Schoß lag ein Bildband über Methoden zur Täterprofilerstellung des BKA. Auf der ersten Seite befand sich eine Widmung ihrer Mutter.

Alles Gute zum Geburtstag, ich hoffe, dein Wunsch geht in Erfüllung.

Ach, dachte sie, hättest du mir das doch selbst noch sagen können …

1

Kerstin, Connie und Fiona richteten sich gleichzeitig im Bett auf. Die Kopfkissen und Teddybären flogen zur Seite.

»Was erzählst du uns morgen für eine Geschichte, Tante Bine?«, rief Kerstin aufgeregt.

Sabine hasste es, »Tante« genannt zu werden. Das machte sie alt, und mit sechsundzwanzig Jahren war sie das bei Gott nicht. »Morgen habe ich keinen Nachtdienst. Da bin ich zu Hause und erhole mich von euch Gören«, antwortete sie.

»Übermorgen!«, riefen die drei wie aus einem Mund.

Die Töchter ihrer Schwester – vier, fünf und sieben Jahre – sahen mit den blonden Mähnen nicht nur wie drei Orgelpfeifen aus, sondern konnten auch richtige Nervensägen sein.

»Übermorgen, Tante Bine, was erzählst du uns da?«, ließen sie nicht locker.

Sabine ging zum Fenster. Der Horizont lag bereits im orange-blauen Dämmerlicht. Bald würde ihr Dienst beginnen. Die Münchner Frauenkirche war beleuchtet. Die Hauben der beiden kraftvollen Türme ragten in weiter Ferne über die Hausdächer. Plötzlich erfasste sie ein dumpfes Gefühl im Magen, als stürbe ein Teil von ihr ab. Sabine schluckte den bitteren Geschmack runter. Sie wusste nicht, warum, aber der Anblick der Kirche erinnerte sie an den Tod. Rasch zog sie den gelben Spongebob-Vorhang zu. »Nächstes Mal bekommen wir einen Auftrag vom Vatikan.«

»Vom Papst?«, rief Fiona, die Älteste. »Warum?«

Sabine wusste nicht, was mit ihr los war. Sie versuchte sich selbst aufzuheitern. »Bald ist Pfingsten. Der Papst reist viel herum und braucht unser Team für einen besonders schwierigen Security-Auftrag.«

»Wo fahren wir hin?«

»Fahren?« Sabine hob die Augenbrauen. »Wir fliegen! Und zwar mit den schnellsten Helikoptern, die wir haben. Neu entwickelt, in unserem Geheimlabor.«

»Ist ja krass! Warum hat der Papst gerade uns gefragt?«

Fiona stieß ihrer Schwester den Ellenbogen in die Seite. »Weil wir die beste Ausrüstung haben!«

»Genau«, bestätigte Sabine. »Nachtsichtgeräte, Schutzwesten, Mikro-Funkgeräte.«

»Wow!«, rief Fiona. Kerstin machte große Augen. Connies Mund stand offen.

Es klopfte an der Tür, und Sabines Schwester lugte ins Kinderzimmer. »Schlafenszeit. Sagt gute Nacht zu Sabine.«

»Übermorgen arbeiten wir für den Sabst!«, rief Connie, die Kleinste, aufgeregt.

»Psst!« Sabine schüttelte unmerklich den Kopf. »Ein Geheimauftrag«, flüsterte sie. »Kein Wort zu eurer Mutter, sonst ist sie in Gefahr.«

»Oh, krass!«, riefen die Mädchen.

Sabine umarmte ihre Nichten und gab jeder einen Kuss. Dann schaltete sie das Licht aus, ließ die Tür einen Spaltbreit offen und ging zu ihrer Schwester in den Vorraum.

Monika schüttelte mit gespielter Empörung den Kopf. »Was erzählst du denen nur immer für Geschichten?«

»Sie lieben solche Storys.«

»Ich weiß«, seufzte Monika. »Mit meinen Feen-, Elfen- und Prinzessinnen-Geschichten kann ich einpacken. Aber übertreib es nicht!«

Obwohl Sabines um drei Jahre ältere Schwester schief am Türstock lehnte, war sie immer noch einen halben Kopf größer als sie. Kaum zu glauben, dass sie Schwestern waren. Sabine war zwar nur einen Meter sechzig groß, aber zum Glück hatte Gott sie mit einem trainierten, drahtigen Körper gesegnet. Sie nannte es ausgleichende Gerechtigkeit. Während ihre Schwester die Lehre als Verkäuferin abgebrochen hatte und nun halbtags Audioguide-Kopfhörer an die Besucher des Stadtmuseums verteilte, war Sabine in ein Sportgymnasium gegangen und hatte bis heute nicht aufgehört zu trainieren. Joggen, Pilates und Mountainbiken. Einige Kollegen neckten sie – ob sie damit ihre Größe kompensieren wolle. Pfeif drauf! Sie musste in ihrem Job fit bleiben.

Monika strich Sabine über die dunkelbraunen Haare und ließ eine gefärbte Strähne durch die Finger fließen. »Der silberne Streifen steht dir gut.«

»Ich weiß, danke. Aus Marokko, von unserem letzten Einsatz mit dem Security-Team. Kerstin will auch eine.«

»Oh Gott.« Als Monikas Blick auf das goldene Herz-Medaillon an Sabines Hals fiel, wurde sie ernst.

Vaters Geschenk. Sabine trug es seit der Trennung ihrer Eltern vor zehn Jahren, als sie mit Mutter von Köln zurück nach München gezogen waren. Sie wusste, was in ihrer Schwester vorging. Seit der Scheidung ihrer Eltern hatte Monika kein gutes Haar an Vater gelassen und alles aus ihrem Leben verbannt, was sie an ihn erinnerte. Sie wollte einfach nicht verstehen, dass Sabine noch an ihrem Vater hing. Dabei war es so einfach: An einer Trennung trug nie einer allein die Schuld. Gerade Monika hätte das am besten begreifen müssen.

»Hast du den Unterhalt für diesen Monat schon bekommen?«, fragte Sabine.

Monika ließ ihr Haar los. »Er ist drei Monate im Rückstand.«

»Kuhscheiße!«, fluchte Sabine. Ihr Exschwager war ein Arschloch.

»Leise!« Monika schmunzelte und deutete zur angelehnten Kinderzimmertür. »Die Gören sagen das auch schon.«

»Uh …« Sabine verzog das Gesicht. Dann wurde sie wieder ernst. »Soll ich was unternehmen?«

»Nein, Gabriel wird schon zahlen.«

Sabine nickte. Sie nahm ihre Dienstwaffe von der Kommode und steckte sie ins Holster. Am liebsten würde sie Gabriel einen Besuch abstatten. Ihre Schwester kämpfte sich als alleinerziehende Mutter mit den drei Mädchen gerade mal so durchs Leben – mit einem Teilzeitjob im Museum und einer fünfzig Quadratmeter großen Wohnung. Sie schlief auf der Wohnzimmercouch, während sich die Mädchen das Schlafzimmer teilten. Aber der Herr Anwalt rückte keinen Cent raus.

Sabine stopfte ihren Geldbeutel in die Jackentasche und schnürte die Schuhe zu. »Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an – ich habe Nachtdienst und bin auf dem Revier zu erreichen.« Sie steckte die Dienstmarke an den Hosenbund und zog die Jacke zu. Der Saum verbarg die Walther und das Reservemagazin am Hosengürtel.

»Ich weiß, Kleine.« Monika umarmte sie und drückte sie länger als sonst. »Danke. Ohne dich würde ich wahnsinnig werden.«

»Es wird schon. Morgen kommt Mutter zu Besuch und passt auf die Mädchen auf, nicht wahr?«

Monika nickte. »Wie geht’s Mutter übrigens? Du warst doch Freitagabend mit ihr wieder bei diesem komischen Kurs?«

Der Pilateskurs war nicht komisch, bloß die Vortragende. Eine fünfzigjährige Bohnenstange. Da spürte Sabine erneut dieses merkwürdige Gefühl im Magen. »Ich musste absagen. Hatte viel um die Ohren und fühlte mich nicht besonders.«

»Ups.« Monika hob die Augenbrauen. »Wie hat der alte Drachen reagiert? Ist er allein hingegangen?«

»Du weißt doch, wie Mutter ist. Wahrscheinlich nicht. Ich habe ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen, dass ich eine Parkemedtablette nehme und mich im Bett verkrieche. Seither habe ich nichts von ihr gehört.«

»Sie hat dich nicht mal zurückgerufen? Untypisch für Mutter.«

Wie wahr! Seit Tagen plagte Sabine das schlechte Gewissen, weil sie im Pyjama auf der Couch eine Doppelfolge der Tricks der großen Magier gesehen hatte und eingepennt war, statt zum Turnen zu gehen. Andererseits war ihre Mutter eine selbstständige Frau, um die sie sich nicht kümmern musste. »Wenn sie morgen kommt, gib ihr einen Kuss von mir. Wir holen Pilates diesen Freitag nach.«

»Okay, mach ich – und jetzt Abmarsch!« Monika gab ihr einen Klaps auf den Po. »Nimm die Schurken fest … im Polizeigriff!« Monika schnitt eine böse Grimasse und krümmte die Finger zu Krallen.

 

Sabine fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter und verließ das Mietshaus, in dem ihre Schwester wohnte. Abends war die Gegend um den Ostbahnhof nicht so prickelnd. Ihr Wagen stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter einer flackernden Straßenlaterne. Als sie die Autotür öffnen wollte, stürzte aus dem Schatten der Bäume ein Mann auf sie zu.

»Eichhörnchen!«

Sabine nahm die Hand von der Dienstwaffe. »Vater?« Was machte er in München?

Ihr Vater sah schrecklich aus. Der Schatten eines Dreitagebarts verdunkelte sein Gesicht. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

»Ich bin zu deiner Wohnung gefahren, aber du warst nicht da. Auf dem Revier haben sie gesagt, dass dein Dienst bald beginnt – ich dachte mir, dass du bei Monika bist.«

Sabine blickte auf die Uhr. Es war kurz nach acht. Sie musste auf ihre Dienststelle. »Warum bist du nicht in mein Büro gekommen?«

Tränen liefen ihm über die Wangen.

»Vater, um Himmels willen, was ist passiert?«

Er schloss sie in die Arme und drückte sie an sich. »Es tut mir leid, Eichhörnchen!«

Seit ihrem dritten Lebensjahr nannte er sie wegen ihrer vollen braunen Haare und großen braunen Augen »Eichhörnchen«. Als Teenager war ihr das peinlich gewesen, heute, als einer erwachsenen Frau, noch viel mehr.

»Die Silbersträhne steht dir gut«, krächzte er, dann liefen ihm wieder Tränen übers Gesicht.

»Danke.« Sie strich ihm über die Schulter. »Beruhige dich, was kann so schlimm sein, dass du …?«

»Deine Mutter wurde vor zwei Tagen entführt.«

»Was?« Sie befreite sich aus seiner Umarmung. »Woher weißt du das?«

Er wischte sich über die Bartstoppeln. Seine Hände zitterten. Er hatte nichts mehr mit dem rüstigen Sechzigjährigen zu tun, der in seiner Freizeit immer noch an alten Zügen herumschraubte, sondern wirkte um Jahre gealtert.

Entführt? Wer zum Teufel sollte Mutter entführen?

Die Situation kam ihr bizarr vor. Vor zwei Tagen hatte sie mit ihrer Mutter zum Pilateskurs gehen wollen und ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen. Und plötzlich stand ihr Vater, der fünfhundert Kilometer entfernt in Köln wohnte, vor ihr.

Sabine zog das Diensthandy aus der Tasche und wählte die Nummer ihrer Mutter. Die Mobilbox sprang an. Sie wählte die nächste Nummer. Auf dem Festnetzanschluss aktivierte sich nach dem achten Klingelton der Anrufbeantworter.

»Seit wann weißt du, dass Mutter entführt worden ist?«

»Er hat mich vor achtundvierzig Stunden angerufen.«

Er? Ungläubig sah sie ihren Vater an. »Du hattest Kontakt zu dem Entführer?« Sie steckte das Handy weg. »Hast du die Kölner Kripo informiert?«

»Ich habe mit niemandem darüber gesprochen.«

»Bist du wahnsinnig?«, entfuhr es Sabine. Sie durfte jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Von ihrem Job beim Kriminaldauerdienst wusste sie, dass Zeugen die einfachsten Fakten durcheinanderbrachten, sobald eine Flut von Fragen auf sie einprasselte. Trotzdem musste sie sich zusammenreißen, um nicht wild draufloszufragen.

»Du steigst jetzt in den Wagen und erzählst mir alles der Reihe nach. Wir fahren auf meine Dienststelle.«

»Nein! Er hat gesagt, er tötet sie, falls ich die Polizei einschalte.«

Töten? Sabine sah sich auf der Straße um. Einige Autos fuhren an ihnen vorbei, nur wenige Passanten gingen auf dem Bürgersteig. Sie senkte die Stimme. »Glaubst du, dass er uns beobachtet?«

»Ich weiß nicht … wahrscheinlich nicht mehr.«

Nicht mehr!

»Vater, bitte! Steig jetzt in den Wagen. Auf der Fahrt zum Revier erzählst du mir alles.«

Widerwillig stieg er ein. Als sie losfuhr, schaltete sich automatisch der CD-Player ein. Eine sonore Erzählstimme drang aus den Boxen. Ein Hörbuch von David Safier, Jesus liebt mich. Sabine knipste das Gerät aus.

Sie befanden sich schon auf der Rosenheimer Straße Richtung Isar, als sie kurz zu ihrem Vater rüberblickte. »Schnall dich bitte an.«

Mit zittrigen Fingern zog er den Gurt aus der Rolle. »Der Mann hat mich vor zwei Tagen zu Hause angerufen. Er hat seine Stimme irgendwie elektronisch verstellt und gesagt: Herr Nemez, wenn Sie innerhalb von achtundvierzig Stunden herausfinden, warum Ihre Exfrau entführt wurde, bleibt sie am Leben. Wenn nicht, stirbt sie.«

»Das waren seine Worte?« Es musste sich um ein Missverständnis handeln.

Vater nickte. »Als einzigen Hinweis habe ich eine Schachtel vor meiner Wohnungstür gefunden. Darin lag ein kleines, schwarzes Tintenfässchen.«

»Du hast es doch nicht angefasst?«

»Natürlich schon. Ich habe es geöffnet. Es ist schwarze Tinte drin.«

»Du hättest nichts berühren dürfen und mich sofort anrufen müssen. Wir hätten eine umfangreiche Suche eingeleitet.«

Hätte, hätte, hätte …

»Er hat gesagt, er tötet sie!«

»Vielleicht stimmt das gar nicht, und jemand …«

»Sabine!«, unterbrach er sie. »Ich habe ihre Stimme am Telefon gehört. Sie hat um Hilfe gefleht. Dann hat er sie weggezerrt.«

Sabine schnürte es die Kehle zusammen. Das sah nicht gut aus. Mutter hätte Vater nie um Hilfe gebeten. »Versuch, dich zu erinnern. Wann genau laufen die achtundvierzig Stunden ab?«

»Sie sind schon abgelaufen«, antwortete er leise.

Sabine sah, dass er die Digitaluhr im Armaturenbrett suchte. »Er hat mich vor knapp fünfzig Minuten wieder angerufen und mir noch mal dieselbe Frage gestellt. Dann sagte er, die Frist wäre abgelaufen, und hat aufgelegt.«

Sabine fuhr auf der Ludwigsbrücke über die Isar. Der Sonntagabendverkehr war nicht so zäh wie sonst, trotzdem nervten sie die langsam dahinzuckelnden Autos. Sie griff zum Walkie-Talkie und funkte ihr Revier an. Kolonowicz, der Nachtschichtleiter vom Kriminaldauerdienst, meldete sich mit sonorer Stimme.

»Hallo Walter, Sabine Nemez hier«, unterbrach sie ihn. »Vor knapp neunundvierzig Stunden wurde eine Frau entführt. Hanna Nemez, sechsundfünfzig Jahre alt, wohnte bis vor zehn Jahren in Köln, seither wohnhaft in der Winzererstraße, Schwabing-West, ehemalige Grundschuldirektorin, jetzt im Ruhestand. Wir müssen sofort nach ihr fahnden.«

Der Mann am anderen Ende sagte einen Moment lang nichts. Offensichtlich notierte er die Daten. Dann räusperte er sich. »Bine, sprichst du von deiner Mutter?«

»Ja. Ich bin auf dem Weg ins Dezernat.«

Er räusperte sich wieder, als überlegte er. »Ich will dich nicht beunruhigen, aber vor einigen Minuten kam eine Meldung herein. Der Priester des Doms und sein Mesner haben die Leiche einer älteren Frau im Hauptschiff gefunden.«

»Oh nein!« Ihr Vater presste die Hände auf den Mund. Wieder liefen ihm Tränen übers Gesicht.

Der erzbischöfliche Dom war Münchens Wahrzeichen. Das Polizeipräsidium, die Dezernate und Sabines Dienststelle lagen in der Ettstraße, gerade mal ein paar Gehminuten von der Frauenkirche entfernt. Sie kannte eine Abkürzung dorthin. Abrupt trat sie auf die Bremse und fuhr quer über den Ring in die nächste Seitengasse Richtung Altstadt. Reifen quietschten, und hinter ihr hupten Autos. Ihr Vater klammerte sich an den Haltegriff. Zwischen den Dächern der Häuserschlucht lugten bereits die beleuchteten Türme des Doms mit ihren gewaltigen Hauben hervor.

»Wir wissen noch nicht, wer sie ist«, fügte Kolonowicz rasch hinzu.

Aber Sabine ahnte es.

2

Jung blieb man dann, wenn man an der Zukunft zumindest genauso viel Freude hatte wie an der Vergangenheit – dieser Spruch traf auf Sabines Vater mehr zu als auf jeden anderen Menschen, den sie kannte. Doch nun sah sie in seinen verquollenen Augen die Schmerzen der letzten Tage. Ihre Eltern hatten sich nach einem hitzigen Geld- und Sorgerechtsstreit scheiden lassen. Seither hatte Sabine gedacht, ihr Vater wäre über die Trennung hinweggekommen, hätte seine Exfrau vergessen können – doch in diesen Minuten merkte sie, dass er sie maßlos vermisste.

Sabine parkte in zweiter Reihe am Beginn der Fußgängerzone und legte die grüne Plastikhülle mit dem Ausweis des Kriminaldauerdienstes auf die Armaturenablage.

»Warte hier«, sagte sie und stieg aus.

»Darfst du da überhaupt rein, Eichhörnchen?«, rief er ihr nach.

»Papa, ich bin Kommissarin.« Mit sechsundzwanzig Jahren war sie die jüngste Kommissarin vom Münchner Kriminaldauerdienst. Als Bindeglied zur Kripo wurden sie oft »die Feuerwehr der Polizei« genannt. Noch bevor ein Kripobeamter zum Tatort kam, hatten sie bereits sämtliche Spuren gesichert, die Todesursache festgestellt und die Zeugen befragt.

Sie lief über den Platz zum Hauptportal der Frauenkirche. Die von Scheinwerfern beleuchtete Vorderfront aus Backsteinen strahlte in einem düsteren Orangeton. Die beiden massiven Türme waren so mächtig, dass Sabine auf dem Platz vor dem Hauptportal nicht einmal die Zeiger der beiden Uhren sehen konnte. Weiter oben leuchteten die zwei Hauben in einem merkwürdigen blaugrünen Farbton in der Dämmerung.

Nur eine Handvoll Jugendliche stand auf dem Platz. Ein paar Straßenmusikanten spielten unter einer Laterne. Sie umringten einen großen Werbeständer, der eine Papstmesse in der Kathedralkirche eine Woche vor Pfingsten ankündigte. Der »Sabst«, wie Connie ihn bezeichnet hatte, kam also tatsächlich nach Bayern. Sabine dachte an die Geschichte des Security-Auftrags, von dem sie ihren Nichten das nächste Mal erzählen wollte.

Sabine lief am Wagen der Kripo vorbei, der mitten auf dem Platz stand, und schob die schwere Pforte mit dem Ellenbogen auf, um keine Spuren zu verwischen. Ihre Kollegen hatten sie nicht mit dem Dietrich öffnen müssen. Das Schloss war mit einem großen Stemmeisen aufgebrochen worden. Späne lagen auf dem Boden. Die etwa drei Zentimeter breiten Abdrücke im Holzrahmen waren nicht zu übersehen. Hoffentlich ist die tote Frau nicht Mutter … Der Gedanke war so irreal. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Tote und die Entführung ihrer Mutter in einem Zusammenhang standen, war extrem gering. Es durfte einfach nicht sein. Aber gerade deswegen, weil es nicht sein sollte, spürte sie diese dumpfe Gewissheit im Magen.

Das Hauptschiff war menschenleer und lag im Dunkel. Die Kronleuchter schwebten wie finstere Kugeln über den Bänken. Lediglich ein paar Kerzen brannten. Das Dämmerlicht von den Straßen fiel durch die schmal geschlitzten bunten Fenster. Es roch nach Weihrauch, Wachs und dem Holz der alten Bänke. Zu ihrer Schande musste Sabine sich eingestehen, dass sie die Kirche das letzte Mal vor drei Jahren betreten hatte, aber selbst da nur, um Spuren von Vandalismus und Sachbeschädigung zu sichern.

Durch die zahlreichen weißen Pfeiler wirkte das Innere des Doms wie ein zu hoch geratenes Labyrinth. Sabine lief den breiten Mittelgang entlang zum Altar. Ihre Schritte hallten über den Marmorboden. Wie sollte sie in den zahlreichen Kapellen, dem Chorraum, der Sakristei und der Krypta ihre Kollegen finden? Da flackerte ein Blitzlicht hinter ihr auf, und sie fuhr herum. Über dem Rundbogen des Hauptportals lag die Westempore wie ein breiter Balkon. Darauf befanden sich die hoch aufragenden Silberpfeifen der Hauptorgel. Ein weiteres Blitzlicht flammte auf. Ihre Kollegen standen um die Orgel herum. Sabine suchte nach der Treppe, die zur Empore führte.

Simon und Wallner hatten Dienst. Etwas abseits warteten ein Priester in einer schwarzen Soutane und ein alter, glatzköpfiger Mann mit Strickweste und grauer Bundfaltenhose. Aufgeregt rang der Greis, der wohl der Mesner sein musste, die gichtkranken Hände. Obwohl sich sonst niemand hier oben befand, war der Bereich abgesperrt. Zwei Scheinwerfer erhellten das Podium. In einer Wölbung unter den Orgelpfeifen standen die Stühle für den Chor auf den Stufen. Dort hatte Wallner den Inhalt seines Koffers ausgebreitet. Schon damals, als Sabine beim Dauerdienst begonnen hatte, war er ein Urgestein der Münchner Kripo gewesen. Auf einem Sessel lag seine Checkliste. An der Anzahl der Häkchen erkannte Sabine, dass er gerade erst mit der Arbeit begonnen hatte. Wie immer hatte er seine grauen Haare quer über den Kopf gekämmt, um die Halbglatze zu verdecken. Es war vergebliche Liebesmüh. In ein paar Jahren würden sie so dünn wie Seidenpapier sein, und dann sähe es lächerlich aus. Allerdings war er ein pfundiger Kerl und netter Kollege.

»Hallo, Bine.« Wallner blickte kurz hoch und strich mit dem Pinsel weißes Pulver auf die Sessellehnen. Aussichtslos. Er würde Dutzende verschiedene Fingerabdrücke und doppelt so viele Fragmente finden.

Simon, der Jüngere der beiden, sah ebenfalls kurz auf. »Hat Kolonowicz dich hergeschickt?«

Sie gab keine Antwort. Simon war Mitte dreißig, etwa zehn Jahre beim Dauerdienst und Wallners Partner, so lange sie zurückdenken konnte. Er sah als Einziger von ihren Kollegen wirklich gut aus. Früher waren sie öfter nach Dienstschluss in das Irish Pub am Beethovenplatz gegangen und zweimal danach zu ihr in die Wohnung. Sie wusste, es war nicht die große Liebe, trotzdem hatte sie sich anbaggern lassen. Doch dann hatte er plötzlich eine andere geheiratet. Natürlich hatte sie mit ihm Schluss gemacht. Sie hatte nicht gewusst, was in seinem Kopf vorgegangen war, und auch nie gefragt.

Simon beugte sich über eine Leiche, die unter dem Spieltisch der Orgel lag. Nur die Beine ragten hervor. Die Frau trug einen cremefarbenen Rock, aber weder Schuhe noch Strümpfe. Ihre nackten Füße waren an die metallenen Beine des Spieltisches gekettet.

»Wer ist die Tote?«, fragte Sabine.

Simon schaltete das Diktiergerät aus. »Sie hat keinen Ausweis bei sich. Bisher wissen wir nur, dass sie nicht in der Kirche gearbeitet hat.«

»Soll ich in Überzieher schlüpfen?«

»Nicht nötig.« Simon blickte kurz hoch. »Aber wenn du näher kommst, pass auf, dass du nicht in die Tinte trittst.«

Tinte! Erst jetzt sah sie die schwarzen Spritzer auf dem Boden. Sie dachte an das Tintenfass, das ihr Vater erwähnt hatte. Ihre Brust zog sich zusammen, und plötzlich hatte sie das Gefühl, ihr Herz würde zerspringen.

»Was ist passiert?«, krächzte sie.

»Ich habe gerade die Bänke im Seitentrakt gereinigt«, brummte der Hausmeister hinter ihr. »Plötzlich hörte ich Orgelspiel. Ich holte den Pfarrer, und als wir nach oben liefen, verstummte das Spiel. Niemand war da. Nur die tote Frau.«

Steh auf!

Der Priester stand überraschend neben ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Was ist mit Ihnen? Kennen Sie diese Frau?«

Wallner und Simon kamen näher.

»Bine!«

Die Pupillen ihrer Mutter! So glasklar und noch nicht getrübt. Irgendetwas stimmte mit dem Gesicht nicht – etwas war anders. Ungewöhnlich. Aber sie kam nicht darauf. Sie wusste nur, dass sie achtundvierzig Stunden Zeit gehabt hätte, sie lebend zu finden.

Jemand wollte sie von ihrer Mutter wegziehen.

Plötzlich schrie sie. »Nein, nein, nein …«