Impressum
Dieses E-Book ist auch als Printausgabe erhältlich
(ISBN 978-3-407-72715-2)
www.beltz.de
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© 2014 Beltz Nikolo in der Verlagsgruppe Beltz • Weinheim und Basel
Lektorat: Tarek Münch
Gestaltungskonzept: Atelier Bea Klenk, Bea Klenk/Sabina Riedinger
Umschlagfoto und Innenteilfotos:© Marlen Mauermann
E-Book: Beltz Bad Langensalza GmbH, Bad Langensalza
ISBN 978-3-407-72725-1
Inhalt
Wie überlistet mein Kind seine Angst?
Schritt für Schritt zum Mut
Raus aus der Komfortzone!
Mut statt Übermut
Leben in der Kribbelzone – wie Mut entsteht
Alle Kinder sind mutig
Kinder können mehr
Sechs Formen von Mut
Mutig sein für andere
Der Mut, Nein zu sagen
»Mutig sein, das ist wenn ...« – Gespräche mit Kindern
Sophie, 3 Jahre
Lena, 4 Jahre
Sophia, 5 Jahre
Zahra, 4 Jahre
Sandra, 6 Jahre
Paul, 9 Jahre
Moritz, 7 Jahre
Mutige Eltern – mutige Kinder
Ich fühle, also bin ich – das Selbst
»Ich kann das!« – Selbstvertrauen
»Oh! Kaputt.« – Selbstwirksamkeit
Lasst sie in Ruhe – frei forschen
Lasst sie raus – artgerecht spielen
Mut als Muskel
Kinder fordern die Welt heraus
Mut machen – Scheitern lernen
Bücher, die Mut machen
Quellennachweis
Studien/Aufsätze
Internet
Danksagung
Wie überlistet mein Kind seine ANGST?
Mut und Angst sind zwei Seiten einer Medaille. Mut gibt Kindern die Kraft, Ängste zu überwinden und eigene Wege zu gehen.
Schritt für Schritt zum Mut
Die kleine Maus geht im Wald umher und trifft nacheinander auf den Fuchs, die Schlange und die Eule. Alle freuen sich, denn jedes der drei Tiere denkt, einen kleinen, leckeren Snack vor sich zu haben. Doch die Maus weiß sich zu helfen: Statt ängstlich wegzurennen, bleibt sie gelassen stehen, als hätte sie nichts zu befürchten. Schlau wie sie ist, denkt sie sich einen großen Freund aus, der sie beschützt: den Grüffelo, den sie gleich treffen wird. Und zwar hier. Und der isst gerne: Fuchsspieß, Schlangenpüree und gezuckerte Eule. Schwuppdiwupp ist sie die lästigen Fressfeinde los und alles scheint gut – bis plötzlich der Grüffelo wirklich vor ihr steht. Und der isst gerne: »Butterbrot mit kleiner Maus!«
Doch die kleine Maus hat nicht vor, sich heute auffressen zu lassen. Nach einem ersten Schreck überwindet sie ihre Furcht. An den Begegnungen mit Fuchs, Schlange und Eule ist sie gewachsen. Sie braucht keinen großen Freund mehr, der sie beschützt. »Kann gar nicht sein«, hält sie dem hungrigen Monster entgegen: »Alle Tiere im Wald haben Angst – vor mir!« Der Grüffelo lacht sie zuerst aus, willigt aber ein, sie den Beweis antreten zu lassen. Und wirklich: Jedes Mal, wenn die beiden auf ein Tier treffen, nimmt es Reißaus, wenn die Maus nur »Hallo« sagt. Der Grüffelo merkt nicht, dass es daran liegt, dass er hinter der Maus geht und alle nicht die Maus anstarren, sondern ihn.
Am Ende ist es der große, gefährliche, starke Grüffelo, der flüchtet. Und zwar in dem Moment, als die Maus verkündet, dass sie gerade riesigen Appetit hat: auf Grüffelogrütze.
»Im Wald, da hörte man niemand mehr. Die Maus knackte Nüsse und freute sich sehr.«
Mut erfordert Selbstvertrauen. Mut ermöglicht ungeahnte Wege und ganz neue Blickwinkel. Mut wächst mit Erfahrung.
Wenn Kinder ihrem Grüffelo begegnen, wenn sie einer gefühlten oder echten Gefahr gegenüberstehen, entscheidet ihr Mut darüber, ob sie es schaffen, sie zu überwinden.
Mutige Kinder werden aktiv, während ängstliche Kinder flüchten oder erstarren. Mut hilft Kindern, einen klaren Kopf zu behalten, frech und erfinderisch zu reagieren, und nicht selten finden sie dann Lösungen, an die vorher niemand gedacht hätte.
Mut ist nicht angeboren, Mut entwickelt sich und Eltern können ihre Kinder dabei unterstützen.
Der Mut eines Kindes wächst wie bei der kleinen Maus von Tier zu Tier, mit jeder bewältigten Aufgabe. Wenn Kinder immer wieder aufs Neue erleben, was sie alles schaffen können, werden sie immer größere Herausforderungen bewältigen. Denn ihr Mut wächst mit.
Er wächst bis zu dem Punkt, an dem kein Grüffelo unser Kind mehr einschüchtern kann.
Raus aus der Komfortzone!
»Mama, ich hab Hunger!«, »Du kannst Brennnesseln essen. Und es ist noch Wildschweinfett mit Karotten da. Obst gibt es erst morgen wieder!« – vorigen Sommer verbrachte ich mit meinen Kindern vier Wochen in einem Wildniscamp in Schweden. Eine besondere Lektion in Sachen Mut erwartete uns.
Wir packten Wollklamotten, Taschenmesser und Schlafsäcke ein und zogen für einen Monat auf die Insel Runnön mitten im See Yngern. Dort lebten wir mit zwanzig anderen Erwachsenen und Kindern in und mit der Natur. Wir ließen in der Zivilisation alles zurück: Strom, Toilette, Telefon, Spielzeug und Nagelschere. Unser Licht war für vier Wochen nur die Sonne, unser Telefon der Wolfsruf des Clans, unser Spielzeug der Wald und unser Badezimmer See und moosbewachsener Waldboden. Wir wachten morgens mit den Vögeln auf und fielen abends todmüde in unsere Schlafsäcke auf Hirschhäute und Fichtenzweige.
Für die Kinder war es eine ganz neue Erfahrung. Unser Camp lag auf einer kleinen Anhöhe inmitten einer kleinen Insel. Der Wald drum herum war für die Kinder groß, dunkel und lebendig. Schon nach wenigen Tagen fürchtete sich meine zweieinhalbjährige Tochter vor Wölfen, von denen nie jemand gesprochen hatte. Geschweige denn, dass wir auch nur eine Fährte zu Gesicht bekommen hätten. Doch auch mein fünfjähriger Sohn blieb lieber im nahen Umkreis der Erwachsenen – am liebsten von Mama. Entgegen meiner Erwartung klebten sie die ersten Tage an mir und gingen keinen Schritt ohne mich, nicht mal zum Pipimachen in den Wald.
Nach zwei Wochen hatte meine Tochter dann auch noch die Wildschweinfett-Gemüse-Diät satt. Sie wollte keine am Feuer gekochten Eier mehr und keine noch so knackig gerösteten Nüsse. Sie wollte, wenn es schon keine Bananen gab, wenigstens ihr zweitliebstes Essen: Fisch. »Mama, ich hab Hunger!«, lag sie mir in den Ohren. Meine Träume von alleine in der Wildnis spielenden Kindern schienen weit weg. Umso erstaunter war ich, als mein Sohn plötzlich hinunter auf den See schaute und verkündete:
»Ich geh jetzt fischen.«
»Wie bitte?«
»Sophie hat Hunger. Und sie isst gerne Fisch. Also geh ich jetzt fischen.«
»Alleine?«
Er zögerte.
»Nö … also … ich nehm jemanden mit!«
Gesagt, getan. Mein Kind, das sich im Wald fürchtete und vorher noch nie gefischt hatte, schnappte sich unser ältestes Clan-Mitglied, verkündete seinen Plan und zog mit ihm los. Keine Stunde später lief er freudestrahlend und atemlos den Berg zum Camp hinauf, mit einem etwa 10 Zentimeter großen Fisch in der Hand:
»Schau mal, Sophie! Ich hab einen Fisch für dich!«
Sofort kam Bewegung in die vorher jammernden, lethargischen Kinder. Sie sammelten kleines Holz, legten es auf die vom Morgen noch heiße Glut (wie sie es seit zwei Wochen jeden Tag bei den Erwachsenen gesehen hatten) und brieten den kleinen Barsch. Ich durfte probieren und fand, dass er bitter und schauerlich schmeckte, aber sowohl der stolze Angler als auch die überglückliche Beschenkte verzehrten ihn mit großem Vergnügen.
Seit diesem Tag veränderte sich alles. Wenn die Kinder etwas wollten, gingen sie zu einem Erwachsenen und erklärten ihr Problem. Sie zogen los und erkundeten den Wald, ob sich nicht eine Lösung finden ließe. Mein Sohn fetzte schon wenige Tage später durchs Unterholz, als hätte er nie etwas anderes getan. Was war passiert?
Die Kinder hatten Mut gefasst. Aus freien Stücken hatte mein Sohn entschieden, dass er seine Komfortzone verlassen und etwas für seine kleine Schwester tun würde. Er hatte erkannt, was das sein müsste. Er fürchtete sich, alleine loszuziehen, aber er überwand diese Furcht und traute sich zu, die Aufgabe zu erfüllen. Er holte sich vertrauensvoll Hilfe für das, was ihn überforderte (er brauchte einen Erwachsenen, um das Kanu ins Wasser zu lassen). Und als er es geschafft hatte, war er stolz und innerlich gewachsen. »Den hab ich ganz alleine gefangen!«
Von diesem Tag an wuchs sein Mut mit jedem Schritt, den er alleine ging. Bis er in den letzten Tagen allein ein Kanu steuerte, nur mit Schwimmweste am Körper und einem vertrauten Freund am Ufer. Und wann immer unsere Kleine quengelte, hörte man des Bruders Schlachtruf:
»Ich hol dir einen Fisch!«
Mut statt Übermut
Wenn wir an Mut denken, sehen wir vor unserem inneren Auge gefährliche Tiere oder kämpfende Helden. Wer mit Mut in Berührung kommen will, muss sich aber weder in die Wildnis noch auf ein Schlachtfeld begeben. Wer weiß, worauf er achten muss, sieht ihn überall um uns herum, in den allergewöhnlichsten Momenten.
Wenn wir mit den Kindern unterwegs sind, ist oft gerade das mutig, was wir für ängstlich halten: Auf dem Waldspielplatz steigt Max auf ein Klettergerüst – und zögert nach den ersten Metern. Sein Vater steht daneben und feuert ihn an: »Da kommst du noch höher! Hab keine Angst! Sei doch mal mutig!«
Der Vater will, dass sein Sohn sich traut. Er sieht nicht ein, warum sein Fünfjähriger noch nicht so weit sein sollte. Er hat Sorge, einen Angsthasen, ein verweichlichtes Kind großzuziehen, er will sein Kind bestärken. Der Junge soll vor so einer kleinen Kletterei keine Angst haben. Er soll mutig sein!
Doch Mut und Angst schließen sich nicht aus. Die meisten mutigen Menschen berichten, dass sie erst ihre Furcht überwinden mussten, um dann eine mutige Tat vollbringen zu können. Angst gehört dazu, wenn man mutig sein will.
Wenn Max Angst vor dem hohen Gerüst hat, dann ist das eine gesunde Reaktion: Er weiß, dass es wehtut, da herunterzufallen, er weiß nicht, ob er sich bis ganz nach oben traut. Er erinnert sich vielleicht daran, dass er beim letzten Mal schon nach den ersten Metern zittrige Knie und feuchte Hände bekam. Er kann selbst am besten einschätzen, ob er das schaffen kann oder nicht. Wenn er jetzt hochklettert, obwohl er weiß, dass es zu schwer ist, dann verhält er sich nicht mutig, sondern leichtsinnig.
Der griechische Philosoph Aristoteles unterschied ganz klar zwischen Mut und Wagemut und schätzte den blinden Leichtsinn gar nicht. Ein Mann, der sich blindlings in eine gefährliche Situation begab, galt nicht als mutig, sondern als tollkühner Hitzkopf, dem die Klugheit des Mutes fehlte.
Wenn Max also zögert, wägt er klug ab. Aristoteles hätte ihm auf die Schulter geklopft!
Wenn das Kind jetzt noch sagt: »Papa, das ist noch zu hoch für mich«, geraten auch heutige Mut-Forscher endgültig aus dem Häuschen vor Begeisterung.
Mut heißt nämlich auch, ehrlich zu sein, bei sich zu bleiben, schreibt Andreas Dick in seinem Buch »Mut«: »Echtheit angesichts sozialer Missbilligung oder Zurückweisung.« Wenn Max es wagt, dem Vater zu sagen: »Ich kann das nicht, es ist zu hoch«, riskiert er dessen enttäuschtes Gesicht, bleibt aber echt und authentisch – wahrlich echter Mut.
Diesen Mut wird Max noch brauchen.
Es ist gut, wenn Max als kleines Kind lernt, seine eigene Meinung zu haben, seine Wahrheit zu sagen, auf seinen Bauch zu hören und für seine Ziele einzustehen.
All das wird Max später auf dem Schulhof zugutekommen, wenn er starkem sozialem Druck ausgesetzt ist. Wenn zum Beispiel alle rauchen – raucht er entgegen seiner Überzeugung mit? Oder ist er ehrlich und sagt: »Das schmeckt mir nicht« oder »Ich will das nicht«? Der mutige Max steckt dann in einem »Dilemma zwischen sozialer Ablehnung, wenn Mut gezeigt wird, und dem Verlust der ethischen Integrität oder Authentizität, wenn Mut nicht gezeigt wird«, wie Dick es beschreibt.
Die Frage nach Mut begleitet Max noch weiter: Wird Max den Mut haben, seiner ersten großen Liebe zu gestehen, dass er Tag und Nacht an sie denkt? Wenn er gelernt hat, dass sein Vater ihn nach einem »Ich traue mich nicht« genauso lieb hat wie vorher, stehen die Chancen dafür gut. Max wird auch bei Mutproben entscheiden müssen, ob er mitmacht oder nicht. Seine Erfahrung mit Mut wird darüber entscheiden, ob er den Mut hat, einzugreifen, wenn Mitschüler einen Schwächeren ausgrenzen, oder als Erwachsener, wenn Neonazis Parolen grölen. Max braucht auch Mut, um Nein zu sagen, wenn ein Mensch ihm gegenüber übergriffig wird oder eine Nähe fordert, die er nicht geben will.
Mut gehört zu den Eigenschaften, die unser Leben entscheidend beeinflussen. Niederlage oder Erfolg, Verzweiflung oder Hoffnung, Einsamkeit oder Glück – Mut hat einen entscheidenden Anteil daran, wie unser Leben verläuft. Wer weiß, wie Mut entsteht und wie man ihn stärken kann, hält ein wichtiges Puzzle-Teil für ein gelingendes Menschenleben in der Hand.
Leben in der Kribbelzone – wie MUT entsteht
Kinder wollen sich an Widerständen bewähren, denn hier können sie wachsen. Es zieht sie dorthin, wo sie das Leben als kribbelnd und spannend empfinden.
Alle Kinder sind mutig
Als ich den Autor und Kinderarzt Herbert Renz-Polster frage, wie Mut eigentlich entsteht, bekomme ich eine klare Ansage: »Mut entsteht nicht. Kinder sind von sich aus mutig! Sie brauchen nur den richtigen Rahmen in ihrer Entwicklung, um den eigenen Mut zu entfalten.«
Kinder treibt es dazu, sich an Widerständen zu bewähren, weil sie genau dort wachsen können. »Sie wollen in der Zone leben, die sie als kribbelnd und spannend empfinden – sozial und im Umgang mit den Elementen.« Kinder suchen sich die Zone, in der sie alles üben, was sie können, und immer einen kleinen Schritt weitergehen – den Schritt, der Mut erfordert. Auf der einen Seite spüren sie so ihre Kompetenzen und auf der anderen Seite begegnen sie ihren Ängsten und überwinden sie. Und sie selbst bestimmen, wann sie so weit sind, wann sie im Dunkeln durch den Flur rennen, bis nach oben auf das Klettergerüst klettern oder über den Bach springen.
Diese Zone der »proximalen Entwicklung« ist nach Wygotzki der Moment, in dem Kinder am besten lernen. Sie stehen dabei sicher auf dem Boden dessen, was sie kennen. Von diesem sicheren Ort aus gehen sie kleine Schritte ins Unbekannte, entweder alleine oder mit Hilfe von Erwachsenen oder auch kompetenteren Kindern. Wenn wir Kinder beobachten, sehen wir besonders bei den Kleinen in jedem Moment, wie sie die Zone der proximalen Entwicklung optimal nutzen:
Ein Kind kann schon auf Baumstümpfe klettern oder Laufrad fahren. Als Nächstes klettert es auf einen liegenden Baum und nimmt beim Laufradfahren, wenn es richtig gut rollt, mal probeweise die Beine hoch. Schließlich probiert es, mal auf den Apfelbaum zu klettern, und lässt sich mit dem Laufrad mutig den kleinen Hügel herunterrollen. Jeder dieser kleinen Schritte erfordert eine sichere Basis und Mut. Ohne ihn trauen sich die Kinder nicht, den nächsten Schritt zu gehen.