Frühstück mit Vampir
Roman
Ins Deutsche übertragen
von Ralph Sander
Abigail Forsythe befindet sich auf einem Trip nach Südamerika, um ein neues Leben zu beginnen, als sie im Bauch ihres Flugzeugs eine unglaubliche Entdeckung macht. Sie stößt auf einen nackten – und wahnsinnig attraktiven – Mann, der dort gefangen gehalten wird. Der Vampir Tomasso Notte steckt in gewaltigen Schwierigkeiten: Seine Entführer sind mit ihm unterwegs zu einer einsamen Insel – direkt in die Fänge eines Arztes, der Experimente an Unsterblichen vornimmt. Abigail zögert nicht lange und befreit den Fremden aus seiner misslichen Lage. Doch mit dieser guten Tat bringt sie sich schlagartig in Gefahr. Denn Tomassos Entführer haben es jetzt auch auf sie abgesehen. Abigail und Tomasso befinden sich nun gemeinsam auf der Flucht, und eine wilde Jagd beginnt. Aber es ist nicht nur die Angst vor den Entführern, die Abigail die Sinne raubt …
»Abs!«
Abigail Forsythe hatte eben erst die Country-&-Western-Bar betreten, als sie hörte, wie ihr Name gerufen wurde. Zu wem der tiefe Bariton gehörte, war nicht schwer zu erraten. Mit seinen eins achtundneunzig war Jet schon barfuß ein Riese, aber wenn er dann noch seine Cowboystiefel trug, überragte er so gut wie jeden in dieser Bar um mehr als einen Kopf. Genau genommen überragte er einfach fast jeden um mehr als einen Kopf, überlegte sie.
Sie entdeckte ihren dunkelhaarigen Freund am Ende der Theke, wo er neben zwei freien Hockern stand, und verzog den Mund zu einem von Herzen kommenden Lächeln. Das war das erste Mal seit mindestens drei Monaten, und sofort ging sie zu Jet, weil sie die liebevolle Umarmung kaum erwarten konnte, von der sie wusste, dass sie auf sie wartete.
»Aaaah, mein kleines Mädchen«, brummte Jet zufrieden, als er sie umarmte, kaum dass sie bei ihm angekommen war.
Mehr brauchte er nicht zu sagen, und schon hatte Abigail mit einem Mal einen solchen Kloß im Hals, dass sie keinen Ton herausbekam. Also erwiderte sie einfach schweigend die Umarmung, die wie üblich länger anhielt als es unter guten Freunden vermutlich üblich war. Doch das störte Abigail nicht. Sie ließ den Kopf gegen seine Brust sinken und stieß einen lang gezogenen Seufzer aus.
»Lass dich ansehen«, sagte Jet auf einmal und fasste sie an den Oberarmen, um sie ein Stück weit von sich zu halten.
Abigail legte den Kopf in den Nacken, um ihn anzuschauen. Voller Zuneigung nahmen ihre Augen den vertrauten Anblick in sich auf. Er sah älter aus, aber das tat sie schließlich auch. Zwar hatten sie sich pflichtbewusst jede Woche geschrieben, doch gesehen hatte sie Jet seit drei Jahren nicht mehr. Er war im Ausland im Einsatz gewesen, um bei der Navy Kampfjets zu fliegen, während sie die ganze Zeit in Texas geblieben war, um ihre Mutter bis zu deren Tod zu pflegen.
»Es tat mir so leid, das von deiner Mom zu hören, Abs«, sagte er plötzlich, als wären ihm die gleichen Gedanken durch den Kopf gegangen. »Sie war immer sehr nett zu mir. Ich habe sie immer sehr gemocht, das weißt du.«
Abigail nickte.
»Wäre ich nicht in Übersee gewesen, dann wäre ich bei der Beerdigung an deiner Seite gewesen. Aber die Navy ließ mich erst in der Woche danach nach Hause«, erklärte er bedauernd.
»Ich weiß«, versicherte sie ihm und brachte dabei ein Lächeln zustande.
»Sie war die Beste, Abs.«
»Ja, das war sie«, stimmte sie ihm zu. Ihre Stimme klang erstickt, und Tränen standen ihr in den Augen. Wenn sie nicht bald das Thema wechselten, würde sie noch anfangen zu heulen wie ein kleines Kind. Sie sah zur Theke und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich brauche jetzt einen Drink.«
Als sie ihren Blick wieder auf Jet richtete, betrachtete der sie mit einem so sorgenvollen Ausdruck in den Augen, dass sie sich voller Unbehagen abwenden musste. Sie wusste genau, was er sah. Ihre Haut war blass und fleckig, unter den geröteten Augen verliefen dunkle Ringe, und seit dem letzten Mal hatte sie einige Kilo zugenommen. Das alles war die Folge davon, dass sie das ganze letzte Jahr praktisch nicht aus dem Haus gekommen war, während sie kaum etwas anderes getan hatte, als sich um ihre Mutter zu kümmern, die vom Krebs langsam dahingerafft wurde. Abigail hatte schon immer zehn bis zwanzig Pfund zu viel auf die Waage gebracht, sie war stets rundlicher gewesen als das, was gesellschaftlich als Ideal angesehen wurde. Aber in den drei Jahren, seit bei ihrer Mutter Brustkrebs diagnostiziert worden war, hatte sich in Sachen Gewicht bei ihr nichts zum Besseren gewendet. Während andere unter der körperlichen und seelischen Belastung dünn wie ein Strich wurden, hatte Abigail noch einmal gut dreißig Pfund zugelegt und sich von rundlich zu kugelrund entwickelt. Nicht dass sie sich deswegen nicht ohnehin unbehaglich gefühlt hätte, was noch harmlos ausgedrückt war, aber wenn Jethro Lassiter sie jetzt so ansah, dann wurde ihr auf schmerzliche Weise bewusst, wie schlimm sie aussehen musste.
»Dann sollst du auch einen Drink bekommen«, sagte er plötzlich. »Komm, lass dir hochhelfen.«
Als der Mann sie unter den Armen packte und auf den Barhocker setzte, riss Abigail verdutzt die Augen auf und stieß vor Schreck einen spitzen Schrei aus. Er hatte sie hochgehoben, als wäre sie leicht wie eine Feder. Aber das war sie beileibe nicht, und daher zog sie die Nase kraus, als er auf dem Hocker neben ihr Platz nahm.
»Mach nur weiter so, dann handelst du dir bestimmt noch eine Muskelzerrung ein«, spottete sie und drehte sich so, dass sie die Ellbogen auf der Theke aufstützen konnte. »Dann musst du krankfeiern und verlierst gleich wieder diesen neuen Job, den du gerade erst angefangen hast.«
Jet schnaubte nur amüsiert und zog an ihrem Rucksack, den sie noch immer mit sich herumtrug. »Nimm den ab, den können wir zwischen uns stellen.«
Abigail schob die Gurte von den Schultern und ließ Jet den Rucksack an sich nehmen. Sie sah ihm zu, wie er ihn zwischen den beiden Hockern auf den Boden stellte. Im nächsten Moment hob sie den Kopf, als eine gut gelaunte Stimme fragte: »Was soll’s denn sein?«
Eine hübsche junge Blondine in einem eng anliegenden T-Shirt mit dem Logo der Bar darauf stand auf ihrer Höhe hinter der Theke und lächelte sie auffordernd an. Oder besser gesagt, sie lächelte Jet an, wie Abigail feststellen musste, denn die leuchtend blauen Augen waren ebenso auf ihn ausgerichtet wie ihr üppig ausgestatteter Busen.
Jet reagierte mit einem matten Lächeln, wandte sich dann aber Abigail zu. »Long Island Iced Tea?«
Abigail schnaubte leise. Das war vor drei Jahren der Drink gewesen, dem sie die Treue gehalten hatte, als Jet seine Abschiedsparty feierte, nach der er losgezogen war, um Pilot bei der Navy zu werden. Bis zum Sonnenaufgang hatten sie ein Glas nach dem anderen gekippt, selbst dann noch, als alle anderen Gäste längst gegangen waren. Am nächsten Morgen hatte sie dafür teuer bezahlt, da sie mit einem mörderischen Kater aufgewacht war. Die Nacht war ihr in guter Erinnerung geblieben, der Tag danach allerdings weniger, hatte sie ihn doch über die Kloschüssel gebeugt verbracht.
»Ach, komm schon«, redete er auf sie ein. »Ich glaube, du brauchst dringend etwas, um locker zu werden. Ein Long Island Iced Tea, und danach wechseln wir zu etwas nicht ganz so Heftigem.«
Sein bettelnder Tonfall rang Abigail ein Lächeln ab, doch dann zuckte sie mit den Schultern. »Ach, was soll’s.«
»Eben, was soll’s«, stimmte er ihr grinsend zu und wandte sich der Barkeeperin zu: »Einen Long Island Iced Tea für die Dame, ein Bier für mich bitte, Ma’am.«
»Hey!«, protestierte Abigail, aber er winkte ab.
»Ich muss noch fahren«, erklärte Jet, grinste wieder und fügte hinzu: »Außerdem ist Long Island Iced Tea was für kleine Mädchen.«
Abigail sah ihn finster an. »Soweit ich mich erinnern kann, hat dich der Kleine-Mädchen-Drink beim letzten Mal ganz schön aus den Latschen kippen lassen.«
»Das kann man wohl sagen«, bestätigte er lachend. »Mann, was habe ich das am nächsten Morgen bereut. Am ersten Tag der Grundausbildung sollte man besser keinen Kater haben.«
Wieder lächelte sie flüchtig. »Kann ich mir vorstellen.«
»Nein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du dir das nicht vorstellen kannst«, widersprach er und verzog das Gesicht.
»Na ja, in deinen Briefen hast du das jedenfalls anschaulich geschildert«, sagte sie schmunzelnd. »Es war hart, nicht wahr?«
»Hart trifft das nicht mal ansatzweise.« Mehr als das ließ Jet sich jedoch nicht entlocken, dann drehte er sich zu der Barkeeperin um und dankte ihr für die Drinks, die sie ihnen gerade hinstellte.
Abigail musterte ihn aufmerksam, während er bezahlte. Die Zeit in der Navy hatte ihn verändert. Er war immer schon groß gewesen, dabei aber eher schmal, und es hatte ihm an Muskeln gefehlt, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er war mehr ein Strich in der Landschaft gewesen, aber davon war ihm jetzt nichts mehr anzusehen. Er hatte seine Muskeln trainiert, und jetzt passte seine Statur wesentlich besser zu seiner Größe. Ihr bester Kumpel war ein muskulöser, gut aussehender Typ, der Selbstbewusstsein und sogar ein bisschen Überheblichkeit ausstrahlte. Die Navy hatte bei ihm Wunder gewirkt, worum sie ihn tatsächlich beneidete.
Die Erkrankung und der Tod ihrer Mutter hatten bei ihr das genaue Gegenteil bewirkt, da ihr dadurch jeder Rest von gutem Aussehen und von Selbstbewusstsein genommen worden war und sie sich nur noch wie ein unförmiges Etwas vorkam.
Ein deprimierter Seufzer kam ihr über die Lippen. Sie zog das Glas zu sich herüber und nippte daran, während sie sich fragte, was zum Teufel sie eigentlich hier machte. Als Jet ihr geschrieben hatte, dass seine Zeit bei der Navy zu Ende sei und er eine Anstellung in San Antonio annehmen werde, da hatte sich sein Vorschlag gut angehört, dass sie ihn besuchen sollte. In den letzten drei Jahren nach dem Collegeabschluss hatten sie sich zahlreiche Briefe geschrieben, während er in der Navy gewesen war, aber es hatte einfach nie klappen wollen, dass sie beide sich endlich wieder einmal trafen. Ihre Terminpläne hatten schlichtweg nie zusammengepasst. Zunächst war sie ans andere Ende des Landes umgezogen, um dort ihr Medizinstudium zu absolvieren, was ein Treffen unmöglich machte. Theoretisch hätten sie sich sehen können, wenn Jet Urlaub hatte, nachdem sie das Studium abgebrochen hatte, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Doch zu der Zeit hatte ihre Mutter bereits das Haus in ihrer Heimatstadt aufgegeben und war nach Austin gezogen, um dort zu sein, wo sie ihre Chemotherapie bekam. Jets Urlaube waren nie lange genug, um neben einem Besuch daheim auch noch nach Austin zu kommen. Ganz abgesehen davon wäre in dem winzigen Apartment ihrer Mutter ohnehin kein Platz für ihn gewesen. Ihre Mutter hatte ihr Bett gehabt, und Abigail war nur die Couch zum Schlafen geblieben. Jet hätte somit auf dem Fußboden übernachten müssen.
Sie hob den Kopf, sah sich im Spiegel hinter der Theke und verzog den Mund. In Wahrheit hätte Jet sie auch unter diesen Umständen besucht und sich damit begnügt, die Nacht in einem Schlafsack auf dem Fußboden zu verbringen. Sie war diejenige gewesen, die immer wieder neue Ausreden gefunden hatte, warum er nicht nach Austin kommen sollte. Sie hatte ihn nicht sehen wollen, oder besser gesagt: Sie hatte nicht gewollt, dass er zu sehen bekam, wie sehr sie sich verändert hatte. Der einzige Grund, wieso sie sich jetzt mit ihm traf … na ja, sie hatte nichts anderes zu tun gehabt. Ihre Mutter war ihre einzige Verwandte gewesen, und die war nun tot und begraben, und den letzten Monat hatte Abigail damit verbracht, den Nachlass zu regeln. Das hieß in erster Linie, dass sie damit beschäftigt war, die Arztrechnungen zu bezahlen, die die gesamte Lebensversicherung ihrer Mutter und fast das gesamte College-Geld verschlungen hatten, das ihre Mutter über die Jahre hinweg mit eisernem Willen zusammengespart hatte, bevor sie dann erkrankt war.
Abigail stand da mit einem Apartment voller Erinnerungsstücke und Möbel und sehr wenig Geld in der Tasche. Sie wollte diese Woche dazu nutzen, sich Gedanken darüber zu machen, was sie mit dem Rest ihres Lebens anstellen sollte. Ihr Studium konnte sie vergessen, das kostete zu viel Geld. Aber sie hatte keine Ahnung, welchen Job man mit einem abgebrochenen Medizinstudium bekommen konnte. Und sie wusste auch nicht, wo sie leben sollte. Im Moment war ihr Leben ein einziger Trümmerhaufen.
»Also«, sagte Jet, nachdem die Barkeeperin weggegangen war, um sich anderen Gästen zu widmen.
Abigail riss sich vom Anblick ihres alles andere als attraktiven Spiegelbilds los und sah zerknirscht ihren Freund an.
»Wie schlimm ist es?«, fragte er mit ernster Miene.
Sie kniff die Lippen zusammen und konzentrierte sich wieder auf ihr Glas. »Ich werde es überleben.«
»In deinem letzten Brief warst du in Sorge wegen der Behandlungskosten. Hat die Versicherung deiner Mom gereicht, um das alles bezahlen zu können?«
»Größtenteils«, murmelte sie.
»Und der Rest?«, hakte er nach. »Wie viel ist noch offen?«
»Nichts mehr«, versicherte sie ihm und streckte ihren Rücken. Das war immerhin etwas: Sie steckte nicht bis zum Hals in Schulden.
»Hmm«, machte Jet, woraufhin sie ihm einen Seitenblick zuwarf und feststellte, dass er die Augen skeptisch zusammengekniffen hatte. Es überraschte sie nicht, dass er nachhakte: »Wovon hast du das bezahlt?«
Sie wandte den Blick ab, räumte aber schließlich ein: »Von meinem Collegegeld.«
»Oh verdammt, Abs«, knurrte er. »Deine Mutter wäre am Boden zerstört, wenn sie wüsste, dass das Geld draufgegangen ist, das sie sich jahrelang vom Mund abgespart hat.«
»Ja, dann ist es doch gut, dass sie das nicht mehr miterleben muss, oder?«, versuchte sie zu scherzen, wunderte sich aber nicht, dass sie keinen Lacher damit erntete. Es war auch wirklich kein gelungener Witz, denn sie hätte alles dafür gegeben, ihre Mutter wieder bei sich zu haben, ob die nun stinksauer auf sie war oder nicht. Sie würde buchstäblich alles dafür geben, Leib und Seele eingeschlossen. Ihre Mutter fehlte ihr so unglaublich. Es war einfach nicht fair.
»Wie viel ist noch übrig?«, fragte Jet und riss sie aus ihren Überlegungen, bevor sie an der Theke in Tränen ausbrechen konnte.
Sie zögerte, dann aber griff sie in die Hosentasche und zog ein paar Scheine heraus. Elf Zwanziger, ein Zehner, ein bisschen Kleingeld. Sie wusste es auswendig. Immer wieder hatte sie nachgezählt und darauf gehofft, dass sich das Geld klammheimlich wie ein Haufen rammelnder Kaninchen vermehrte, wenn sie es nur lange genug in der Tasche ließ.
»Das ist alles?« Besorgt nahm Jet das Geld und zählte es.
»Hey, wenigstens habe ich keine Schulden, die ich an diese nutzlosen Dreckskerle abbezahlen muss, die meine Mutter umgebracht haben«, konterte sie und gab sich unbeschwert.
Als er sie verdutzt ansah, zuckte sie mit den Schultern und fügte verbittert hinzu: »Es war weniger der Krebs, der sie getötet hat, sondern in erster Linie diese unverschämt teure Chemo. Bei jeder Behandlung sammelte sich im Rippenfell rund um ihre Lungen Wasser an, das die Lungen zusammengepresst hat. Genau genommen ist sie nach der letzten Chemo erstickt.«
»Oh, Schätzchen.« Jet zog sie an sich, um einen Arm um sie zu legen. Dabei wäre sie fast von ihrem Hocker gerutscht und auf seinem Schoß gelandet. »Das tut mir so leid.«
Abigail musste die Tränen zurückhalten, die ihr in die Augen steigen wollten. Erst als sie sich sicher war, ihre Gefühlsregungen unter Kontrolle zu haben, lehnte sie sich zurück und lächelte ihn schief an. »Aber wie gesagt: wenigstens bin ich schuldenfrei.«
»Ja, wenigstens das bist du.« Er hörte sich kein bisschen beruhigter an. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und widmeten sich ihren Getränken. Dann stellte Jet sein Bier zurück auf die Theke und fragte: »Wie willst du das Studium abschließen? Verkaufst du die Wohnung deiner Mutter und …«
»Mom hat das Apartment nicht gekauft, sondern nur gemietet, nachdem sie das Haus verkauft hatte«, fiel Abigail ihm ins Wort. »Das Geld vom Hausverkauf hat sie genommen, um damit alle Ausgaben zu begleichen. Nur deshalb bin ich schuldenfrei.«
Jet kam ein Fluch über die Lippen, den er sich in der Navy angeeignet hatte. So übel hatte er früher nie geflucht, denn daran hätte sie sich erinnert. Seine Mutter hätte ihm sofort den Mund mit Seife ausgewaschen, und ihre Mutter hätte es nicht anders gemacht. Marge Forsythe hatte Jet immer als den Sohn angesehen, den sie nie hatte.
Abigail beobachtete, wie er das Glas ansetzte und einen großen Schluck trank. Nachdem er sein Bier wieder auf die Theke gestellt hatte, fragte er: »Okay, und was passiert jetzt mit dem Apartment und all ihren Sachen?«
»Alles schon erledigt«, versicherte sie ihm. »Ich habe all ihre Sachen in Kartons verpackt und eingelagert. Die Miete für den Lagerraum habe ich für ein halbes Jahr im Voraus bezahlt.«
»Hältst du das für eine gute Idee? Du hättest auch monatlich zahlen und das Geld erst mal für dich gebrauchen können.«
»So viel war es nicht. Damit hätte ich nicht mal die Miete für einen Monat in irgendeiner Absteige bezahlen können«, beteuerte sie und zuckte beiläufig mit den Schultern. »Außerdem wollte ich nicht das Risiko eingehen, all diese Sachen zu verlieren, wenn ich mit einer Monatsmiete in Rückstand gerate. Ich hoffe, dass ich mir in einem halben Jahr diese zusätzliche Ausgabe leisten kann. Oder dass ich dann weiß, wohin mit den Sachen.«
»Schon klar«, sagte er leise und trank noch einen Schluck. Als er das Glas wieder hinstellte, erklärte er: »Gut, du kannst bei mir bleiben, bis du dein Leben wieder im Griff hast.«
Es war ein so großzügiges und so liebes Angebot, dass sie mitten in der Bewegung erstarrte, aber sie hatte nicht die Absicht, sich bei ihrem Freund einzuquartieren und ihn auszunutzen. Sie konnte das vielleicht für eine Woche machen, aber dann würde sie auch wieder gehen, ob sie nun wusste, was sie als Nächstes tun sollte, oder nicht. Bevor sie ihm das jedoch sagen konnte, redete Jet schon weiter: »Wir müssen uns überlegen, wie wir dich wieder ans Studieren kriegen. Du musst deinen Abschluss machen und die Ärztin werden, die du werden wolltest.«
Abigail setzte eine finstere Miene auf. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch Ärztin werden will.«
»Was?«, rief er ungläubig. »Du wolltest schon Ärztin werden, als wir noch zur Grundschule gingen. Du hast von nichts anderem geredet.«
»Ja, aber da wusste ich auch nicht, wie nutzlos Ärzte eigentlich sind«, gab sie wütend zurück.
Ein betrübtes »Abs« war alles, was er erwiderte.
»Ist doch wahr!«, fuhr sie ihn an. »Die konnten für Mom nichts tun. Sie konnten ja nicht mal verhindern, dass sie leidet. Diese verdammten Medikamente haben vielleicht ein kleines bisschen gewirkt, aber sie hatte ständig Schmerzen.«
»Das heißt doch nicht, dass du als Ärztin nicht trotzdem helfen kannst«, protestierte er. »Entscheide dich nur nicht für Onkologie oder wie das Fach heißt.« Als sie nur weiter mürrisch auf ihren Drink starrte, fügte er hinzu: »Abs, du hast nur noch ein Jahr Studium vor …«
»Zwei«, berichtigte sie ihn. »Ich habe abgebrochen, als das dritte Jahr noch nicht mal halb rum war. Ich muss das Jahr komplett wiederholen … vorausgesetzt, sie lassen mich überhaupt weiterstudieren. Also hätte ich noch zwei Jahre Studium vor mir.«
»Okay, dann sind es eben noch zwei Jahre Studium, und dann wärst du Ärztin.«
»Nicht ganz«, stellte sie klar. »Nach den zwei Jahren muss ich erst noch mindestens drei Jahre lang als Assistenzärztin arbeiten, bevor ich meine Zulassung erhalte und mich als approbierte Ärztin bezeichnen kann.«
»Abs«, sagte er mit ernster Miene. »Du kannst sechs Jahre College nicht einfach über den Haufen werfen. Du musst das zum Abschluss bringen und Ärztin werden. Deine Mom hätte es so gewollt.«
Abigail zuckte zusammen und trank noch einen Schluck. »Du bringst meine Mom ins Spiel? Das ist nicht fair.«
»Das Leben ist nun mal nicht fair, Schätzchen«, gab er zurück. »Wäre es fair, dann würde deine Mom jetzt hier bei uns sitzen und dir gehörig den Kopf waschen, weil du deinen Abschluss nicht machen willst.«
Sie ließ den Kopf hängen und starrte in ihr Glas. Natürlich hatte er recht. Ihre Mutter war immer stolz darauf gewesen, wie entschlossen sie war, Ärztin zu werden. Deshalb hatte sie sich auch furchtbar aufgeregt, dass Abigail unbedingt eine »Auszeit« vom Studium nehmen wollte, um sich um sie zu kümmern. Einzig das Versprechen, später das Studium fortzusetzen, hatte ihre Mom ein wenig beruhigen können.
»Okay«, sagte Jet plötzlich. »Genug davon. Du hast ein paar harte Jahre hinter dir, und ich sollte es dir nicht noch schwerer machen. Ich möchte dir einen Vorschlag machen.«
Abigail sah ihn fragend an.
»Die ganze nächste Woche wirst du einfach nur mit mir abhängen. Danach überlegen wir uns, wie wir dich an dein Medizinstudium zurückkriegen, aber bis dahin gönnst du dir ein bisschen Ruhe und Spaß. Abgemacht?«
»Abgemacht«, stimmte sie ihm erleichtert zu.
»Gut.« Er hob sein Bierglas und stieß mit ihr an.
»Und wie sieht der Plan für diese Woche aus?«, fragte sie, nachdem sie getrunken hatte. »Übrigens, wie hast du deinen neuen Boss dazu überreden können, dir eine Woche freizugeben, wenn du gerade erst angefangen hast?«
»Gar nicht«, sagte er und begann zu lachen, als er ihren erschrockenen Blick bemerkte. »Ich habe mir gedacht, du begleitest mich bei meiner Arbeit.«
»Du bist Frachtpilot«, betonte sie. »Wie soll ich dich da begleiten?«
»Frachtmaschinen haben Sitzplätze im Cockpit. Du kannst mitfliegen, wenn ich von einem fernen Ziel zum nächsten fliege.«
Das klang gar nicht mal so übel, überlegte sie. »Und dein Boss hätte nichts dagegen?«
»Ich habe keine Ahnung, ob er was dagegen hat oder nicht. Er fliegt ja nicht persönlich mit, woher soll er also wissen, ob du mitkommst.«
»Hmm«, machte Abigail. Sie wollte nicht, dass er Ärger bekam. Andererseits hatte sie auch keine Lust, eine ganze Woche lang allein in seiner Wohnung zu hocken und sich Sorgen über ihre Zukunft zu machen.
»Und zu welchen fernen Zielen wirst du fliegen?«, fragte sie interessiert.
»Also, morgen habe ich einen freien Tag, danach muss ich eine Lieferung nach Quebec bringen.«
»Nach Kanada?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Das nennst du fern?«
»Es ist Ausland«, machte er ihr klar.
»Aber nur so gerade eben«, gab sie zurück.
»Die Leute da reden Französisch«, hielt er dagegen.
»Aber nur so gerade eben«, wiederholte sie. »Außerdem haben wir Winter, und da oben wird es saukalt sein.«
»Komm schon, das wird bestimmt Spaß machen«, versicherte er ihr. »Wir waren beide noch nie da, und irgendetwas Interessantes muss es da schließlich auch geben. Außerdem brauchen wir nur einen Tag da zu verbringen, danach muss ich die nächste Fracht nach Chicago bringen.«
»Das wird ja immer besser«, stöhnte sie.
Jet musste über ihre Reaktion lachen und neigte sich zur Seite, um sie mit der Schulter anzustupsen. »Wir werden jede Menge Spaß haben. Wir beide zusammen im Cockpit – wir werden die ganze Zeit nur lachen, so wie früher.«
»Ja«, stimmte sie ihm zu und musste lächeln. Es fehlte ihr, mit Jet zusammen zu lachen. Auf der Highschool und in den ersten vier Jahren auf dem College war er für sie so etwas wie ein männlicher Beste-Freundin-Ersatz oder ein Adoptivbruder gewesen. Was ziemlich schwer zu glauben war, wenn man ihn sich heute so ansah. Niemand würde ihn jetzt noch als Ersatz für eine beste Freundin ansehen. Jet war ein ganzer Mann. Wäre er für sie nicht so sehr wie ein Bruder, hätte sie es vielleicht sogar gewagt, sich in ihn zu verlieben. Der Gedanke allein ließ sie schon lächeln. »Und welche exotischen Ziele erwarten mich nach Chicago?«
»Nach Chicago geht es nach …« Er unterbrach sich, da auf einmal laute Gitarrenklänge ertönten, und holte sein Handy aus der Tasche. Nach einem Blick auf das Display zog er die Augenbrauen hoch. »Mein Boss. Da muss ich rangehen.«
Abigail nickte verständnisvoll; er nahm das Gespräch an und hielt das Handy ans Ohr. Dann stand er auf und entfernte sich ein paar Schritte. »Hey, Bob, was gibt’s?«
»Kann ich Ihnen noch was bringen?«, fragte die blonde Barkeeperin, die wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Abigail entging nicht, dass die Frau den Blick unverwandt auf Jet gerichtet hielt, während sie mit ihr redete. Angesichts dessen verwunderte es sie überhaupt nicht, dass die Frau gar nicht erst ihre Antwort abwartete, sondern sofort die Frage nachlegte, die sie eigentlich hatte stellen wollen. »Und? Ist Ihr Freund schon vergeben?«
Eigentlich war es eine Beleidigung, dass diese Kellnerin gar nicht erst die Möglichkeit in Betracht zog, Abigail könnte Jets Freundin sein. Aber sie ließ es auf sich beruhen und erwiderte nur: »Soweit ich weiß, trifft er sich momentan mit niemandem.«
»Echt?« Die Blondine lächelte sie strahlend an. »Meinen Sie, ich …«
»Abs, wir müssen los.«
Die Barkeeperin und sie drehten sich verwundert zu ihm um, als er mit diesen Worten zurück an die Theke kam.
»Tatsächlich?«, fragte sie, während er sich bückte und ihren Rucksack vom Boden hochnahm.
»Ja.« Er zog sie halb von ihrem Hocker, eilte mit ihr zur Tür und hielt dabei ihren Oberarm fest.
»Warum denn?«, fragte sie verwirrt und musste sich beeilen, um mit seinen ausladenden Schritten mithalten zu können. So war es eigentlich schon immer gewesen. Seine Beine waren schon damals fast doppelt so lang gewesen wie ihre kurzen Stummel, und für jeden seiner Schritte hatte sie zwei machen müssen.
»Ich habe einen Auftrag«, verkündete er grinsend.
»Jetzt sofort? Aber ich bin doch gerade erst angekommen. Ich habe ja noch nicht mal deine Wohnung gesehen.«
»Ich weiß, und deswegen hätte ich auch fast abgelehnt. Aber dann hat Bob mir gesagt, wohin die Lieferung geht, und daraufhin habe ich beschlossen, den Job anzunehmen.«
»Und wohin?«, fragte sie neugierig. So wie er strahlte, wusste sie, dass es etwas Gutes sein musste, zumindest etwas Besseres als das eisige Kanada oder Chicago.
»Was hältst du von ein paar Tagen am Strand von Caracas?«
»In Venezuela?«, rief sie erschrocken.
An der Tür blieb er stehen und sah sie verunsichert an. »Was stimmt denn nicht mit Venezuela?«
»Erst letzte Woche habe ich gelesen, dass Venezuela die Kidnapper-Hochburg der Welt oder so was in der Art sein soll.«
»Pah«, machte er, zog die Tür auf und schob Abigail vor sich her nach draußen. »Ich bin ja bei dir. Ich werde schon gut auf dich aufpassen. Außerdem brauchte Bob so dringend einen Pilot für diesen Flug, dass er mich die Quebec-Tour dafür hat eintauschen lassen. Wir bleiben ein paar Tage da unten, dann können wir am Strand rumhängen und uns die Sehenswürdigkeiten ansehen.« Plötzlich blieb er stehen und drehte sich so, dass er ihr mit dem Rucksack helfen konnte. »Auf jeden Fall ist das ferner als Quebec, nicht wahr?«
»Das schon«, musste sie zugeben. Sehenswürdigkeiten zu besichtigen würde ihr gefallen, aber für die Sache mit dem Strand konnte sie sich nicht begeistern. Jedenfalls nicht, solange sie so aussah wie momentan. Trotzdem konnte das Ganze Spaß machen.
»Du hast einen Reisepass, nicht wahr?«, erkundigte er sich in der nächsten Sekunde. »Sag bitte, dass du einen Reisepass hast.«
»Ja, und ich habe ihn sogar dabei«, versicherte sie ihm. Sie war zwar nicht davon ausgegangen, dass sich irgendeine Situation ergeben würde, in der sie ihn tatsächlich gebrauchen konnte. Auf jeden Fall hatte sie den Pass lieber eingesteckt, anstatt ihn im Lagerraum zurückzulassen.
»Gut, sehr gut. Dann sind wir ja bereit«, sagte er erfreut und zurrte einen der Gurte fest, damit ihr Rucksack richtig saß. »Hier, setz den auf.«
Abigail drehte sich zu ihm um und starrte den Helm an, den er ihr hinhielt. Dann wanderte ihr Blick zu dem Motorrad, vor dem er stand, und riss ungläubig die Augen auf. »Du willst, dass ich auf dem Ding da mitfahre?«
Sie hatte einen Personenwagen erwartet, vielleicht noch einen Pick-up. Aber ein Motorrad? Was war aus dem guten, alten, etwas tollpatschigen Freund Jethro geworden? Offenbar war er erwachsen geworden und hatte sich in Jet den Abenteurer verwandelt.
»Es wird dir gefallen«, versicherte Jet ihr und setzte ihr den Helm auf. Dann griff er nach seinem eigenen Helm und nahm auf der Maschine Platz. Über die Schulter sah er Abigail an. »Komm schon. Das ist ein Notfall. Wir müssen so schnell wie möglich zum Hangar.«
»Was denn für ein Notfall?«, fragte sie, während sie zögerlich hinter ihm auf den Sitz kletterte. Er flog Frachtmaschinen! Was für ein Notfall sollte denn von einer Frachtmaschine erledigt werden?
»Keine Ahnung«, räumte er ein und ließ den Motor an. Um das Geräusch zu übertönen, redete er lauter weiter: »Ich vermute, die Lieferung muss zu einer bestimmten Zeit ankommen. Der Kunde hat eigentlich seine eigene Maschine, aber die hat einen Defekt, und die Fracht muss umgehend nach Caracas. Also haben sie sich an uns gewandt. Den Auftrag habe ich auch nur deshalb bekommen, weil es so eilig ist. Normalerweise dürfen nur Kollegen, die schon länger dabei sind, solche Touren übernehmen. Aber keiner von denen war so kurzfristig verfügbar.«
»Oh«, murmelte Abigail und wiederholte die Bemerkung noch einmal etwas lauter, als ihr klar wurde, dass er sie bei diesem Motorenlärm gar nicht hören konnte.
»Leg die Arme um mich und halt dich gut fest«, forderte er sie auf und sah sie dabei über die Schulter an. »Entspann dich, Abs«, redete er grinsend weiter. »Das wird ein richtiges Abenteuer werden.«