© Random House/Isabelle Grubert
DIE AUTORIN
Annabel Wahba, geboren 1972, studierte Politikwissenschaft in München und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Ihr Vater ist ägyptischer Herkunft, ihre Mutter Deutsche. Sie berichtete als freie Korrespondentin aus dem Mittleren Osten, war Redakteurin beim Jugendmagazin Jetzt der Süddeutschen Zeitung und ist seit 2007 Mitarbeiterin der ZEIT. In Reportagen beschäftigt sie sich mit der Politik im Mittleren Osten und den Themen Flucht und Integration. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Berlin.
Annabel Wahba
TAUSEND MEILEN
ÜBER DAS MEER
Die Flucht des Karim Deeb
Nach einer wahren Geschichte
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1. Auflage
Deutsche Erstausgabe Oktober 2016
© 2016 cbj, Kinder- und Jugendbuch Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik & Typografie, Christian Otto unter Verwendung mehrerer Motive von © Gettyimages/Sarah Leen, Plainpicture/NOI Pictures/Aaron Joel Santos und Shutterstock/Nejron Photo
kk · Herstellung: UK
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-19038-5
V001
www.cbj-verlag.de
Prolog
Ich sehe dem abfahrenden Kutter hinterher, das rote Licht am Mast wird immer kleiner, bis die Nacht es schließlich ganz verschluckt. Nun sind wir allein.
Der Kapitän hatte uns gesagt, wir müssten von dieser Sandbank aus nur ein kurzes Stück durch seichtes Wasser laufen, schon seien wir am Strand von Abu Kir, der ägyptischen Hafenstadt. Dann gab er Gas, hüllte uns in eine Dieselwolke ein und fuhr davon.
Ich wage mich als Erster ins Wasser, ich bin der Einzige der Gruppe, der schwimmen kann. Wir sind 20 Menschen, alle aus Syrien geflohen, Frauen mit ihren Kindern, das älteste zehn, das jüngste noch ein Baby, ein alter Mann ist auch darunter. Ich gehe weiter hinein ins Meer, der Stoff meiner Jeans saugt sich mit Wasser voll, es fühlt sich an, als hingen Gewichte an meinen Beinen.
Vor mir sehe ich die Lichter der Stadt Abu Kir, nur ein paar Kilometer entfernt, das Minarett einer Moschee leuchtet hellgrün. Das Wasser geht mir bis zur Taille. Ich schwimme ein Stück, taste mit meinen Füßen nach dem Boden, aber da ist nichts. Und auch wenn ich ein paar Meter weiter schwimme, kann ich den Boden nicht erreichen.
Der Kapitän hat uns belogen. Wir sitzen fest.
Es ist nicht das erste Mal auf dieser Reise, dass jemand meinen Tod in Kauf nimmt, ein syrisches Leben ist nicht viel wert in dieser Zeit.
Ich spüre Panik in mir aufsteigen. Ein flaues Gefühl, das vom Magen her wie eine Schlange nach oben in meinen Hals kriecht und mir den Atem raubt. Mir wird heiß, obwohl ich pitschnass und eiskalt bin.
Die Gedanken rasen in meinem Kopf. Wir haben kein Wasser. Wir haben seit zwei Tagen nichts gegessen. In ein paar Stunden wird die Sonne über dem Mittelmeer aufgehen, die Temperaturen steigen dann auf 40 Grad – und auf der Sandbank ist nirgendwo auch nur ein Strauch, unter dem wir uns vor der Sonne schützen könnten.
Ich spüre die Tränen in mir aufsteigen, aber ich reiße mich zusammen, ich will nicht, dass die andern sehen, wie sich die Panik in mir ausbreitet. So ruhig wie möglich steige ich aus dem Wasser.
»Es ist zu tief. Wir kommen von hier nicht weg«, sage ich.
»Gott möge uns beistehen!«, stößt eine alte Frau neben mir hervor.
»Wir werden alle sterben!«, schreit eine der Mütter und beginnt zu weinen.
»Halt den Mund!«, zischt eine andere sie an. »Denk an die Kinder!«
Ein Tumult bricht los, alle schreien durcheinander.
Ein Mädchen beginnt zu wimmern. Ihre Mutter spricht ein Gebet.
Ich lasse mich in den Sand fallen. Die alte Frau legt mir ihre Decke um, ich kauere mich auf den Boden und versuche, nicht zu zittern. Es gelingt mir nicht.
Um uns herum ist nichts als Sand und Wasser. Ein paar silbern schimmernde Felsen zeichnen sich im Mondlicht schemenhaft ab. Ich erkenne Grasbüschel, die sich alle paar Meter durch den Sand bohren. Dahinter das Meer, wie ein schwarzes Loch.
Das Meer, das eigentlich meine Rettung sein sollte. Der Weg nach Europa.
Zwei Jahre war ich auf der Flucht vor dem Krieg in meiner Heimatstadt Homs. Ich bin mit meiner Familie quer durch Syrien geflohen, aber egal wo wir hinzogen, die Bomben holten uns immer ein. Schließlich gingen wir nach Kairo, in Ägypten, und blieben ein Jahr. Aber die Leute dort wollen uns Syrer nicht, es gibt ja für die Ägypter selbst kaum genug Arbeit. Deshalb machte ich mich auf den Weg nach Europa, mit meinem Onkel Amir. Ohne meine Eltern und meine Schwester, die später nachkommen sollen.
Ist meine Reise jetzt zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat? Wird das Meer mein Grab sein? Die ägyptische Küste ist so nah, dort war ich vor zwei Tagen zusammen mit meinem Onkel Amir aufgebrochen.
Amir ist jetzt vielleicht schon auf dem Weg nach Europa, auf dem großen Boot, auf das sie mich und die andern hier nicht mehr lassen wollten, weil es zu voll war.
Das große Boot wartete weit draußen auf dem Meer auf uns, es waren schon ein paar hundert Leute an Bord. Jetzt sollten wir von unserem Boot auch noch dazu, um die 60 Leute. Die ägyptischen Schlepper banden die Schiffe mit einem Seil zusammen, dann begannen die Ersten von unserem kleinen Boot auf das größere zu steigen. Die Ägypter von unserem Boot schubsten die Leute hinüber auf das große Boot, als seien sie Vieh. Die Kinder nahmen jeweils zwei Männer an Armen und Beinen und warfen sie der Crew auf dem großen Boot hinüber. Die Kleinen schrien, ihre Eltern schrien, das Boot schaukelte, die Wellen schwappten immer wieder herein. Ich hatte Angst, zwischen die Boote zu fallen, deshalb wich ich zurück. Ich war von diesem Chaos wie gelähmt. Meinen Onkel Amir konnte ich nirgendwo mehr sehen. »Amir! Amir!«, rief ich. Er antwortete nicht. Er musste schon drüben sein.
Auf einmal schrie der Kapitän des großen Bootes: »Keiner darf mehr an Bord! Zu voll!«
»Amir! Amir!«, rief ich wieder.
Er antwortete nicht. Ich konnte ihn nirgendwo sehen. Ich rannte zur Reling und versuchte noch auf das große Boot zu kommen, aber einer der Schlepper schubste mich zurück, sodass ich zu Boden stürzte. Ich sah, wie die Männer das Seil lösten, das die beiden Boote zusammenband, alles ging sehr schnell, und ich begriff erst gar nicht, was das bedeutete. Dann fuhr das große Boot unwiederbringlich davon.
Ich rief nach Amir, ich weinte, ich schrie, auch wenn es zwecklos war. Ich schrie an gegen die Angst, die mir den Sinn raubte. Amir, mein Onkel, hatte mich im Stich gelassen. Dabei hatte er meiner Mutter versprochen, mich heil nach Europa zu bringen. Ich weiß nicht, wie viele Male ich noch nach ihm gerufen habe.
Wir müssen ein paar Stunden auf dem Meer unterwegs gewesen sein, bis wir hier ankamen. Mir ist nichts geblieben außer den Kleidern, die nass an meinem Leib kleben. Amir trägt mein Geld bei sich, meine Papiere, meine Tasche. Ich spüre, wie die Angst wieder in mir hochkriecht. Ich versuche tief Luft zu holen und auszuatmen. Es gelingt mir kaum, mein Hals ist wie zugeschnürt.
»Wo haben sie uns nur abgesetzt?«, fragt die alte Frau neben mir, ihre Stimme klingt schrill und hoch.
Ich antworte nicht. Was sollte ich sagen? Auf einer Sandbank, die bald von der Flut überschwemmt wird? Auf einer Insel, von der wir nicht mehr wegkommen?
Ein kleiner Junge weint, er hat Hunger. Seine Mutter nimmt ihn in den Arm und streichelt ihn. Neben mir sitzt eine Frau mit ihrem Baby, sie hat ihren Schleier über das Kind gelegt. Das Baby schmatzt, es trinkt bei seiner Mutter.
Ich beneide diesen kleinen Säugling. Die Kinder haben ihre Mütter, die Mütter haben ihre Kinder. Ich fühle mich so einsam wie noch nie zuvor.
Mutter, sag mir, warum nur habe ich mich auf diese Reise eingelassen? Du hattest bei unserem Abschied versucht, mich davon abzuhalten. Als der Minibus vor dem Haus stand, der uns abholte, sagtest du: »Karim, du hast doch noch Zeit. Du musst nicht jetzt gehen.« Dann begannst du zu weinen. Aber ich sagte: »Ich gehe, es ist besser für uns.«
Ich wünsche mir in diesem Moment nichts mehr, als eines dieser kleinen, sorglosen Kinder zu sein, die im Arm ihrer Mutter liegen. Gerade kann ich mir nichts Besseres vorstellen.
Ich wäre jetzt lieber in Homs, in Syrien, wo der Krieg tobt, wo in manchen Vierteln kein Haus mehr steht und wo ich nicht mehr zur Schule gehen konnte. Aber zumindest waren wir dort alle zusammen, du, Vater, Dina, Sarah und ich. Wenn ich jetzt bei euch wäre, müsste ich zumindest nicht alleine sterben.
Meine Beine fühlen sich schwer an, Mutter, ich muss mich ausstrecken. Vielleicht schlafe ich einfach ein hier im Sand und wache nicht mehr auf.
Ich sehe auf die Wellen, die von einer leichten Brise angetrieben auf das Ufer zuschwappen. Das Rauschen wird lauter, die Brandung heftiger. Das Meer schäumt. Täusche ich mich oder steigt das Wasser? Eben war es doch noch dort hinten bei dem silbernen Felsen, jetzt ist es einen halben Meter näher. Kommt jetzt die Flut?
Ich darf nicht schlafen, sonst ertrinke ich. Aber ich bin so unendlich müde.
Das Rauschen wird immer lauter, es dröhnt in meinem Ohr.
1
Das Rauschen hört sich an wie ein Krächzen. Als würde jemand mit einer Nadel über ein feines Metallgitter schrammen. Ich schrecke auf, mein Stuhl wackelt und droht zu kippen. Schnell setze ich mich aufrecht hin. Matija am Tisch neben mir dreht ihre blonden Locken um ihren Zeigefinger und lacht über mich. Frau Helm blickt mich tadelnd an.
»Schon wieder eingeschlafen!«, schimpft sie.
Dabei habe ich nicht geschlafen, das kann ich beschwören. Ich war einfach nur abwesend, mit offenen Augen. Das passiert mir oft, nicht nur im Unterricht, sogar mit Freunden. Ich kann nichts dagegen tun. Ich schweife in Gedanken einfach ab. Und wenn mich dann jemand anspricht, erschrecke ich und weiß erst mal gar nicht mehr, wo ich bin. Totaler Blackout.
»Achtung«, krächzt die Sekretärin aus dem Lautsprecher.
»Karim Deeb, bitte umgehend ins Direktorat.«
Ich habe keine Ahnung, was der Direktor von mir will.
»Na, was ausgefressen, Deeb?«, raunzt Moritz mir über ein paar Tische hinweg zu und setzt sein übelstes Grinsen auf.
Ich erhebe mich langsam von meinem Stuhl und gebe mir Mühe, so lässig wie möglich auszusehen. Ich will Moritz keinen Vorwand bieten, sich überlegen zu fühlen.
Seit meinem ersten Tag in dieser Klasse hat er eine Art Wettstreit mit mir begonnen. Er erträgt es einfach nicht, dass ich ihm Konkurrenz mache. Bis ich vor vier Monaten in die Klasse kam, war Moritz hier so was wie der Anführer unter den Jungs und der Schwarm der Mädchen. Er ist der beste Fußballer im ganzen Jahrgang, groß und athletisch, an seinen Unterarmen treten die Adern hervor. Es passt Moritz gar nicht, dass ich auch ziemlich gut spiele. Gleich in der ersten Sportstunde waren wir im Fußball gegnerischen Mannschaften zugeteilt. Nach zehn Minuten auf dem Platz nahm ich ihm an der Mittellinie den Ball ab, rannte los und schoss ein Tor. Moritz hat geflucht und geschrien, ging in die Knie und schlug mit den Handflächen auf den Rasen ein. Die Jungs aus meinem Team kamen aus dem Staunen nicht mehr raus und klopften mir auf die Schultern.
Seitdem kann Moritz mich nicht leiden. Er ignoriert mich in den Pausen oder reißt laut Witze über mich. Meist irgendwas darüber, dass ich so dünn bin.
Es stimmt ja auch, ich bin ein Leichtgewicht im Vergleich zu den meisten andern Jungs. Wenn ich in den Spiegel sehe, kann ich an meinem Oberkörper die Rippen unter der Haut sehen. Und meinen Bizeps kann ich mit einer Hand umfassen. Seit ein paar Wochen trinke ich morgens und abends deshalb Proteindrinks, eine dickflüssige braune Masse, die aussieht wie Schokopudding. Zwei Kilo habe ich schon zugenommen.
Aber ich verstehe die Ausdrücke ohnehin nicht, die Moritz zu mir sagt. Irgendwas mit »Spargel« zum Beispiel. Ich habe mir angewöhnt, nicht hinzuhören.
Mit Worten bin ich ihm nicht gewachsen. Dafür zeige ich ihm auf dem Spielfeld, wo’s langgeht. In Syrien haben ich und die Jungs aus meinem Viertel jeden Tag in den Gassen zwischen den Häusern gespielt, auf staubigem Asphalt und Schotter. Straßenfußballer sind hart und flink. Die deutschen Jungs wie Moritz lernen Fußball im Verein. Er sieht gut aus dabei, er spielt taktisch klug, ist aber auch ein bisschen lahm. Ich bin einfach schneller. Das passt Moritz gar nicht.
Genauso wenig passt ihm, dass die Mädchen in der Klasse sich von Anfang an für mich interessierten. Ich war neu und kam aus einem anderen Land. Matija und Clara, die beiden blonden Freundinnen, auf die alle Jungs in der Klasse stehen, wollten in der Pause alles Mögliche von mir wissen: wie ich es geschafft hatte, über das Meer zu kommen, wo meine Eltern sind, bei wem ich wohne. Ich glaube, sie hatten Mitleid mit mir, weil ich von meiner Familie getrennt bin und alleine bei meinem kauzigen Onkel wohne, der froh wäre, wenn er sich nicht um mich kümmern müsste. Mein Onkel ist zwar erst 33, er ist der jüngste Bruder meiner Mutter, aber er verhält sich, als wäre er über 50. Er ist schrecklich konservativ und meistens schlecht gelaunt. Das liegt daran, dass auch er alleine hier ist, seine Frau und sein kleiner Sohn sind noch in Ägypten. Ich glaube, er würde sich lieber um seinen eigenen Sohn kümmern als um mich.
Eigentlich mag ich es nicht, bemitleidet zu werden, aber wenn das bedeutet, dass die Mädchen nett sind zu mir, warum nicht?
Matija sagte mir in der Hofpause einmal, sie fände meinen Akzent »niedlich« und wolle mir helfen, besser Deutsch zu lernen. Sie bot an, mir nach der Schule Nachhilfe zu geben.
Mein Onkel hätte das sicher nicht gut gefunden, in Syrien geben die Mädchen den Jungs keine Nachhilfe. Aber das wollte ich ihr nicht sagen, ich will schließlich nicht wie ein Hinterwäldler rüberkommen. Also habe ich ihr gesagt, dass die Deutsch-Nachhilfe vielleicht keine so gute Idee sei, denn wenn ich erst mal perfekt Deutsch könnte, wäre ja auch der niedliche Akzent dahin. Ich glaube, sie mochte meine Antwort.
Die meisten der deutschen Jungs beachten mich gar nicht. In meiner Klasse habe ich nur einen richtigen Freund, Petrit. Er ist aus dem Kosovo und kam genau wie ich erst vor zehn Monaten nach Deutschland. Petrit trägt sein Haar an den Seiten immer sehr akkurat geschnitten und duftet wie ein Parfumladen, wenn er morgens in die Schule kommt. Aber er hat mir eine Sache voraus: Er ist ein ziemlich guter Schüler, vor allem in Mathe. Und er ist mit Clara zusammen, alle Jungs in der Klasse beneiden ihn darum. Nach der Schule gehen wir oft zusammen in die Stadt oder an den See, Petrit, Clara, Matija und ich. Manchmal ist auch noch Petrits Cousin dabei. Wir sind so etwas wie eine Clique geworden.
»Läuft!«, ruft er mir jetzt zu, während ich zur Tür gehe.
Ein Tuscheln geht los in der Klasse.
»Ruhe!«, ruft Frau Helm. »Wir machen weiter im Stoff.«
Sie wirft mir noch einen sorgenvollen Blick zu. Sie scheint auch nicht zu wissen, was der Direktor von mir will.
Frau Helm ist nicht nur meine Lehrerin, sie kümmert sich auch außerhalb der Schule um mich. Sie ist jung, Ende 20, und hat noch keine eigenen Kinder. Sie hat mir viel geholfen, hat einen Fußballverein gefunden, in dem ich trainieren kann. Manchmal steht sie am Wochenende bei den Spielen sogar am Rasen und feuert mich an.
Am ersten Tag in meiner neuen Klasse hier in Deutschland war ich allerdings ziemlich sauer auf sie. Ich hatte mich gerade vorgestellt, da sah sie mich ungläubig an.
»Deinen Nachnamen spricht man ›Dieb‹ aus?«, fragte sie.
»Ja, warum?«
Die ganze Klasse lachte jetzt.
Es war mir sowieso schon unangenehm, dass sie so viel Aufhebens um meinen Namen machte. Wenn man fremd ist, möchte man nicht auch noch darüber reden müssen. Und nun das.
Da merkte Frau Helm, dass sie offenbar einen Fehler gemacht hatte. Sie wurde ganz rot im Gesicht.
»Hört auf zu lachen!«, ermahnte sie die Klasse. »Karim kannte eben die Bedeutung seines Namens auf Deutsch nicht.«
In der Tat, so direkt hatte mir noch niemand gesagt, dass mein Nachname für die Deutschen wie das Wort »Dieb« klingt.
An diesem Tag kam Frau Helm nach der letzten Stunde zu mir und entschuldigte sich. Das fand ich ziemlich gut von ihr.
Frau Helm gibt mir einmal die Woche nachmittags Förderunterricht in Mathe. Neulich hat sie mir angeboten, ich könne sie außerhalb des Unterrichts gerne beim Vornamen nennen. Aber das kommt mir nicht über die Lippen, es hört sich falsch an.
In Syrien würde niemand seine Lehrer mit Vornamen ansprechen. Andererseits würden 16-jährige Jungs wie ich dort auch nicht von einer Frau unterrichtet werden. Und es säßen auch keine Mädchen neben mir. Deutschland ist noch ziemlich verwirrend für mich. Aber ich mag es hier.
2
Draußen vor der Klassentür empfängt mich dieser Geruch, der mir in Deutschland gleich aufgefallen ist. Es riecht nach Linoleum, nach alten Socken und Essigreiniger. Auf der Polizeistation, in die wir nach unserer Ankunft in Deutschland mussten, roch es auch so. Und im Jugendamt, wo ich anfangs öfter hinmusste, weil ich ohne Eltern hier bin.
Egal, wo man in Syrien hingeht, es riecht immer irgendwie nach Gewürzen, nach einem Hauch von Kaffee, manchmal auch nach Rasierwasser oder billigem Parfum. Das war in meiner Schule nicht viel anders.
Heute gibt es das Gebäude nicht mehr. Nur ein riesiger grauer Haufen Schutt und ein paar einsam in die Luft ragende Betonmauern sind von meiner Schule übrig geblieben. Neulich habe ich im Internet ein Video aus Homs gesehen. Darin ist die Straße zu sehen, in der sie stand. Jemand hat das Video vor ein paar Wochen aufgenommen. Man sieht, wie er mit dem Auto dort entlangfährt und aus dem Fenster filmt. In der ganzen Straße ist kein Haus mehr vollständig geblieben. Gerippe und Schuttberge wechseln sich ab.
Neulich hat uns Frau Helm im Geschichtsunterricht Fotos von zerstörten deutschen Städten nach dem Krieg gezeigt. Von Berlin, Köln, München. Die Fotos haben mich sehr an Homs erinnert.
Der letzte Tag, an dem ich meine Schule in Homs besuchte, war der 13. September 2011, ich war damals 13 Jahre alt. An den Schulen und auch an den Universitäten hatte es zuvor schon Demonstrationen gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad gegeben. Die Außenmauer unserer Schule, eines mehrstöckigen Betonbaus, war voll mit Graffiti der FSA, der Freien Syrischen Armee. Sie sind die Gegner Assads. Fast jeder, den ich kenne in Homs, war damals gegen Assad und für die FSA.
Mein Vater wollte mich an diesem Tag gar nicht in die Schule lassen. Er wusste, dass es dort immer wieder Demonstrationen gab, und die waren natürlich verboten. Das syrische Militär, Assads Truppen, griffen dann ein. In den ersten Tagen des Aufstands mit Tränengas. Später mit scharfer Munition.
Es war etwa elf Uhr, vor dem Gebäude fand eine Großdemonstration statt, ich saß noch mit meinem besten Freund Hischam in unserem Klassenraum beim Unterricht. Hischam kenne ich, solange ich denken kann, wir wohnten in der gleichen Straße. Plötzlich hörten wir Schüsse. Das Gewehrfeuer hörte nicht mehr auf. Dann gab es einen lauten Knall. Ein Panzergeschoss hatte in der Schule eingeschlagen, wir sprangen von unseren Stühlen auf und rannten nach draußen in den Innenhof. Wir sahen überall weißen Staub, wir husteten, ein Teil der Schule stand in Flammen. Aus der Ferne hörten wir Explosionen und Maschinengewehrfeuer.
Menschen schrien, ich sah einen Jungen reglos am Boden liegen, er war von oben bis unten in weißen Staub getaucht. Ob er tot war? Ich stand wie angewurzelt da und starrte auf diesen Körper.
Dann spürte ich einen Ruck. Hischam riss mich am Arm. Wir rannten auf die Straße hinaus und versuchten durch eine Gasse zu entkommen. Aber dort gerieten wir genau zwischen die Fronten. Vorne sahen wir hinter einem Nebel aus Tränengas das Militär in seinen olivgrünen Uniformen, ihre Mannschaftswagen blockierten die Straße, und hundert Meter hinter uns stand die FSA mit ihren Kalaschnikows.
Um uns herum fielen Schüsse. Wir sahen, wie die Soldaten begannen, in unsere Richtung zu rennen. Für einen Moment dachte ich, wir kämen hier nicht mehr raus.
Dann sahen wir eine zwei Meter hohe Betonmauer, ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben, aber wir kletterten hinüber. Dahinter rannte ich einfach weiter, ohne Sinn und Verstand. Hischam verlor ich aus den Augen. Ich rannte und rannte, bis ich plötzlich in die Straße kam, in der mein Cousin wohnte. Ich schlüpfte schnell in den Hausflur und klingelte oben bei ihm. Zum Glück war seine Familie zu Hause. Sie zogen mich in die Wohnung hinein, verschlossen die Tür, und ich sackte zu Boden.
Die Nachricht vom Angriff hatte sich wie ein Lauffeuer im ganzen Viertel verbreitet. Die Eltern rannten aus ihren Häusern und Läden, um nach ihren Kindern zu suchen. Auch mein Vater setzte sich in sein Auto und fuhr zu meiner Schule, um mich zu suchen. Sein Auto wurde angeschossen, aber er fuhr weiter. Vor der Schule, in der es noch immer brannte, schrie er meinen Namen, er hielt andere Eltern und Schüler auf und fragte, ob sie mich gesehen hätten. Keiner konnte ihm helfen. Als er mich nicht fand, geriet er in Panik, weinend rief er meine Mutter an, meine Schwester, aber keiner hatte mich gesehen.
Schließlich konnte ich von meinem Cousin aus zu Hause anrufen. Meine Mutter gab meinem Vater Bescheid, er weinte vor Glück.
Bis zum nächsten Tag musste ich bei meinen Verwandten bleiben. Dann ebbten die Kämpfe langsam wieder ab und ich konnte nach Hause. In meine Schule ging ich von da an nie wieder.
Ich habe noch ein paar Mal versucht, zur Schule zu gehen, wenn wir mal wieder an einen anderen Ort geflohen waren, aber der Krieg holte uns immer ein.
Diese Schule hier in Konstanz ist einer der Gründe, warum ich geflohen bin. Für die meisten meiner Freunde hier klingt das bescheuert, aber ich habe mein Leben auch deshalb aufs Spiel gesetzt und bin übers Meer geflohen, um wieder lernen zu können.