Inhalt

[Cover]

Titel

1. Teil

Anfangs

Onkel Hans

Onkel Franz

Onkel Fritz

Hans-Peter

Wicki

Der Matrose

Billi und Michael

Vater

Kleofas

Die Beichte

Einmarsch

Bescherung

Der alte Mann aus dem Keller

Die Mitgliederversammlung

Kommunistische Weihnacht

Der Club der politisch interessierten Frau

Die Eskimorolle

2. Teil

Die Unterdrückung der Frau,
die Virilität der Männer,
der Katholizismus und der Dreck

Die Taube

Kuchenbacken

1990

Der Apotheker

Der alte Mann

Gina

Sophia

Anna

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

1. Teil

Anfangs

Ich bin durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Das Kind vor mir hat meine Mutter verloren, weil es eine Steißlage war und die Ärzte nicht operieren wollten. Aus irgendeinem Grund, wahrscheinlich aus Neugier oder aus Sportgeist, wollten sie das Kind unbedingt während der Geburt drehen. Was nicht gelang. Das Kind, das Marlies heißen sollte, blieb stecken. Nicht nur, daß es im Bauch meiner Mutter erstickte, es saß auch fest. Die Ärzte überlegten, es zu zerstückeln. Aber dann schafften sie es doch irgendwie, das tote Kind aus meiner Mutter zu ziehen. Sie wurde dabei so verletzt, daß sie nicht mehr auf natürliche Weise gebären konnte.

Ich kam zwei Tage vor Weihnachten zur Welt. Meine Mutter hat mir erzählt, daß sie dann am Abend des 24. Dezember plötzlich den Krankenhauschor »Uns ist ein Kind geboren« und »Stille Nacht, heilige Nacht« singen hörte und daß sie, vom Morphium noch ganz benommen, alles durcheinanderbrachte und gar nicht mehr richtig unterscheiden konnte zwischen dem holden Knaben im lockigen Haar und mir. So etwas kann zur Belastung werden.

Am Tage meiner Geburt erhielt Neruda den Stalinpreis, und am Dachstein ging eine Lawine nieder, die drei Menschen unter sich begrub.

Meine Tauffeier habe in kleinstem Kreise stattgefunden. Es sei im Januar 1954, im Jahrhundertwinter gewesen, und deshalb hätte ich eine weiße Wolljacke mit Silberfäden getragen und ebensolche Wollfäustlinge und auch so eine Haube, aber mit langen seidenen Schleifen, und hätte außerdem in einem Steckkissen gelegen, das mit langen seidenen Schleifen zugebunden gewesen sei.

Der Kachelofen im Wohnzimmer sei gut geheizt gewesen, und zwei volle Eimer mit Koks hätten neben dem Ofen gestanden. Auf der Fensterscheibe hätten sich Eisblumen gebildet. Es habe heiße Schokolade mit einem kleinen Schluck Rum zu trinken gegeben und verschiedene Torten zu essen.

Die Erde draußen habe warm unter einer dicken Schneeschicht gelegen. Die Vögel seien in dem Vogelhaus auf unserem Balkon gefüttert worden, und immer wieder hätten die fetten Tauben versucht, die Blaumeisen zu vertreiben. Und die Rotkehlchen, die mein Vater besonders gemocht habe. Er sei während der Tauffeier mehrmals ans Balkonfenster getreten und habe an die Scheibe geklopft, um die Tauben zu verjagen.

Gegen Abend habe es wieder stärker zu schneien begonnen. Im Licht der Laterne, das damals noch gelb gewesen sei, habe man die Schneeflocken dicht und schwer fallen gesehen. Um sechs Uhr habe es Ananasbowle gegeben und Wurstbrötchen, auf die mit bunten Plastikzahnstochern Sardellenringe gespießt worden seien. Die Plastikzahnstocher habe man auch benützen können, um die Ananasstückchen aus der Bowle zu fischen.

Mein Vater habe die Gitarre gestimmt und »Drei weiße Birken in meiner Heimat stehn« gesungen, und meine Mutter habe »Uns ist ein Ros entsprungen« gesungen. Und draußen habe es geschneit und geschneit, als ob es kein Ende gäbe mit dem Jahrhundertschnee. Die wenigen Autos, die es damals gegeben habe, habe man nicht gehört. Der Schnee habe fast alle Geräusche verschluckt; nur das Gurren der Tauben nicht.

Im Laufe des Abends habe mein Vater eine Taufrede gehalten, die er sich zuvor auf einen Zettel notiert habe. Er habe gesagt, daß meiner Mutter und ihm zwei Tage vor Weihnachten ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gegangen sei, und meine Mutter habe geweint. Mein Vater habe sein Glas erhoben, und während draußen der Schnee so dicht gefallen sei, daß er wie ein weißer Vorhang im Fenster gehangen habe, hätten alle auf meine Geburt angestoßen.

Meine früheste Erinnerung ist die an den Beiwagen.

Ich weiß noch, er war feuerrot. Oder nein, er war grellgrün. Feuerrot war der Overall, den ich bei den Fahrten im Beiwagen trug, denn der Wind pfiff durch die Ritzen. Jetzt weiß ich es wieder ganz genau: Der Beiwagen war schwarz!

Meine Eltern haben mir oft erzählt, wie sie ihn in Wien gekauft und abgeholt hatten. Schon beim Abholen des Beiwagens hätten sie sich geschworen, ihn bald wieder zu verkaufen. Es habe an dem Tag nämlich fürchterlich geregnet und gestürmt. Während mein Vater auf dem Motorrad völlig durchnäßt worden sei und die ganze Fahrt gegen den Seitenwind habe lenken müssen, sei meine Mutter trocken im Beiwagen mit dem Verdeck gesessen und habe Angst gehabt, mein Vater könne sie vergessen. Meine Eltern haben das Motorrad mit Beiwagen dann leider wirklich bald wieder verkauft, weil meine Mutter diese Angst nie ganz überwinden konnte.

Wir sind bestimmt nicht oft mit dem Beiwagen gefahren. Ich erinnere mich nur an die Fahrt zum Sudetendeutschentreffen nach Passau. Von dieser Fahrt gibt es drei Fotos im Familienalbum, unter denen »Auf der Fahrt zum Sudetendeutschentreffen in Passau« steht.

Das erste Foto, wahrscheinlich mit Selbstauslöser geknipst, zeigt meinen Vater auf dem Motorrad und meine Mutter und mich neben dem Beiwagen. Im Hintergrund sind die VÖEST-Häuser. Da es damals noch keine Farbfotos gab, kann man nicht sehen, daß mein Overall feuerrot ist. Auch die Farbe des Beiwagens kann man natürlich nicht erkennen. Aber ich weiß, daß er schwarz war.

Das zweite Foto zeigt uns in Aschach. Auch auf diesem Foto sitzt mein Vater auf dem Motorrad, während meine Mutter und ich neben dem Beiwagen stehen. Nur daß hier statt dem VÖEST-Häuserblock die Donau im Hintergrund ist.

An die Fahrt von Linz nach Passau, an der Donau entlang, erinnere ich mich ganz genau. Ich erinnere mich, auf dem Schoß meiner Mutter direkt an der Beiwagenwindschutzscheibe gesessen und die Donau in der Sonne glitzern gesehen zu haben. Ich erinnere mich an das Geschaukel, an das Gebrumme und Gepfeife im Beiwagen. Und daß man das Verdeck öffnen konnte. Einmal sind wir mit offenem Verdeck gefahren, und der Wind hat an meinen Haaren gezerrt, und der Himmel war blau.

Auf dem dritten Foto sieht man nichts als einen langen, klobigen Tisch mit einem Schild »Matura 1922«. Mein Vater hatte 1922 im heutigen Tschechien sein Abitur gemacht. Wir haben also höchstwahrscheinlich in der Nibelungenhalle in Passau, wo die Sudetendeutschentreffen immer stattfanden, an diesem langen, klobigen Tisch mit anderen, die 1922 im heutigen Tschechien ihr Abitur gemacht hatten, zusammengesessen. Aber das kann ich natürlich nicht so genau sagen. Ich erinnere mich nur, daß ich ein kurzes grünes Sommerkleid trug und ziemlich fror in der düsteren Halle. Und daß ich unter dem Tisch saß und den ersten Marienkäfer meines Lebens sah. Er setzte sich auf eines meiner nackten Beine, spazierte es entlang und erklomm dann meine Zehen. Als er auf meinem großen Zeh angelangt war, flog er weg. Er war rot und hatte auf jedem Flügel einen schwarzen Punkt.

Mit vier Jahren besuchte ich den Kindergarten. Er lag auf dem Spallerhof direkt neben der Spallerhofkirche. Wenn die Glocken der Spallerhofkirche zur Messe läuteten, verstanden wir im Kindergarten unsere Schwester Mathilda nicht mehr. Die Schwester Mathilda war Nonne. Einmal zeigte sie mir eine Glaskugel, da war ein Schlitten mit einem Pferd und dem Weihnachtsmann drin. Wenn man sie umdrehte, schneite es.

Meiner Erinnerung nach hatte Schwester Mathilda große, braune Augen, lange, dunkle Wimpern, eine gerade Nase und einen großen Mund. Sie war sanft und gütig. Ich mochte sie sehr gern, so daß es eigentlich merkwürdig ist, daß ich den Kindergarten haßte. Aber meine Mutter hat immer gesagt, daß ich mich jahrelang jeden Morgen, wenn wir uns auf den Weg machten, weinend an unser Treppengeländer geklammert hätte. Es kann nur an den anderen Kindern gelegen haben, daß ich den Kindergarten so haßte.

In dem Kindergarten auf dem Spallerhof waren, weil es ein katholischer Kindergarten war, alle katholischen Feste sehr wichtig. Die Schwester Mathilda konnte so sanft vom Jesukind sprechen, daß es mir heute noch vorkommt, als hätten wir es damals gesehen, blond und lockig, mit blauen Augen und kleinen, dicken Zehen.

Zu Ostern haben wir Eier bunt bemalt und gelernt, daß Gott auferstanden ist. Ich erinnere mich in dem Zusammenhang an ein Heiligenbildchen, das wir im Kindergarten von der Schwester Mathilda bekommen hatten und auf dem die Himmelfahrt abgebildet war. Es kann aber auch sein, daß wir das Heiligenbildchen später in der Volksschule von der Religionslehrerin bekamen, zur Belohnung für zehn besuchte Maiandachten. Jedenfalls sah man darauf einen bärtigen Mann zwischen zwanzig und dreißig Jahren steil in die Höhe fahren, unter ihm Wiesen, Felder und Bäume und über ihm eine Wolke, hinter der hielt Gottvater Ausschau nach seinem gerade aufsteigenden Sohn. Und obwohl es ja eindeutig nach oben ging, ist es mir als Kind immer so vorgekommen, als müßte sich das rotbraune Gewand Jesu eigentlich bauschen, statt still in vielen Falten um seinen Körper zu fallen.

Zu Fronleichnam führten die Mädchen aus dem Kindergarten die Prozession an. Direkt hinter dem Pfarrer und seinen Meßdienern. Wir hatten alle weiße Kleider an und Blütenkränze auf dem Kopf. Die Blütenkränze waren nicht echt, sondern aus Seide. Ich weiß noch genau, wie mein Kranz aussah: Er hatte weiße Seidenröschen und dazwischen grüne Seidenblätter. Es gibt ein Foto, da hat mein Onkel Fritz plötzlich meinen Blütenkranz auf. Wahrscheinlich war gerade Fasching, denn er trägt dazu eine Hitlertolle und ein entsprechendes Bärtchen.

Aber damals bei der Fronleichnamsprozession hatte ich meinen Blütenkranz selber auf, und ich ging hinter dem Pfarrer und seinen Meßdienern her mit meinem weißen Kleid und dem mit der Brennschere gewellten Haar und streute Blumen aus einem Korb, den ich am Arm trug. Echte Blumen. In meinem Korb waren Pfingstrosen, weiße und rote, Maiglöckchen und Margeriten, und ich griff hinein, fühlte die kühlfeuchten, glatten Blätter in der Hand, nahm eine Blume heraus und warf sie auf die Straße. Hinter uns war der Boden bedeckt mit Blüten wie mit Schnee.

Auch Muttertag war bei uns im Kindergarten wie ein katholisches Fest. Es existiert heute noch ein Faltbild, da ist vorne ein Foto von mir drauf, wie ich eine Puppe trage. Drinnen steht: »Du hast mich durch den Morgen getragen, ich werde dich durch den Abend tragen.« Das war wie ein Gelübde. Noch heute ist mir ganz komisch, wenn ich daran denke, wie die Mütter mit uns im Kindergarten gesessen und wir zusammen das Lied von den Händen der Mutter gesungen haben, die strafen und trösten, und ich weiß nicht, was noch.

Die Nikolausfeier mochte ich am wenigsten. Wenn unser Pfarrer, mit einem Wattebart notdürftig verkleidet, von der Spallerhofkirche zu uns herüber in den Kindergarten kam, um in einem großen roten Buch unsere Sünden nachzulesen, war mir ganz schlecht vor Angst. Wenn ich am Ende doch noch ein rotes Säckchen bekam, in dem Nüsse und Mandarinen waren, erschien es mir wie ein Wunder, aber richtig versöhnen konnte mich das auch nicht mehr.

Als ich fünf Jahre alt war, mußte ich für drei Wochen ins Kinderheim. Meine Mutter war mit Ischias im Krankenhaus, und mein Vater mußte beruflich nach Köln. Meine Tante Juli wollte mich nicht beaufsichtigen, weil ich nie stillsaß und sie mir daher keine Zöpfe in meine dünnen Haare flechten konnte, und meine Tante Hetti war sowieso zu nichts zu gebrauchen. Also blieb nur das Kinderheim Sankt Josef. Im Kinderheim Sankt Josef waren außer mir nur Internatskinder, und die waren immer dort.

Abends, wenn wir ins Bett gingen, mußten wir uns gleich auf den Rücken legen, die Augen schließen und die Arme auf der Bettdecke ausstrecken. Eine Nonne ging mit einem Teppichklopfer durch den Schlafsaal und schlug damit jedem, der die Arme unter der Bettdecke oder die Augen auf hatte oder nicht auf dem Rücken lag, auf die Decke. Da ich daheim immer auf der rechten Seite einschlief, konnte ich im Kinderheim Sankt Josef nicht gleich einschlafen. Ich lag lange wach und versuchte, das Blinzeln der Augen zu unterdrücken.

Als mein Vater mich aus dem Kinderheim abholte, hat er angeblich geweint, weil ich ihm zur Begrüßung nur die Hand gab. Als wir meine Mutter im Krankenhaus besuchten, soll ich sogar einen Knicks gemacht haben. Und gewünscht hätte ich mir gar nichts, als man mich danach fragte. Aber mein Vater hat mir trotzdem etwas geschenkt. Er hatte aus Köln eine Glaskugel mitgebracht, da war der Kölner Dom drin. Wenn man den Dom umdrehte, schneite es.

Bald darauf kam ich dann in die Volksschule.

An die Volksschulzeit erinnere ich mich kaum. Ich weiß nur noch, daß wir eine Lehrerin hatten, die Hirsch hieß, und daß wir deshalb immer »Hirsch heißt meine Lehrerin« sagten. Die Hirsch war eine für mich sehr alte Frau mit einer dicken Nase. Die Haare hatte sie straff zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten geflochten. Die Röcke waren immer dunkelbraun oder -grau oder -blau und reichten weit übers Knie. Dazu trug die Hirsch Blusen. Sie war böse.

Vor jeder Stunde mußten wir zehn Kniebeugen machen, wozu die Hirsch die Kommandos gab. Zwischendurch zielte sie mit kleinen Kreidestückchen nach uns. Sie traktierte uns überhaupt, wo sie nur konnte. Ich haßte und fürchtete sie so, daß ich mich, wenn es ein Diktat zur Schularbeit gab, dauernd verschrieb. Noch daheim war mir schlecht davon, und ich konnte zu Mittag fast gar nichts essen. Erst gegen Abend erholte ich mich.

Im nachhinein habe ich oft gedacht, daß die Hirsch ein alter Nazi gewesen ist. Sie zog eindeutig blonde Schülerinnen vor. Wir hatten eine in der Volksschule, ich weiß noch, daß sie mit Nachnamen Hoffmann hieß, und ich weiß auch noch genau, wie sie aussah (sie hatte halblange dichte, glatte, wahrscheinlich goldblonde Haare), zu der sagte die Hirsch immer, die schönen Haare habe sie bestimmt nur, weil sie sie täglich mit hundert Bürstenstrichen bürstete. Die Hoffmann war so eingeschüchtert, daß sie »Ja« sagte. In Wahrheit bürstete die Hoffmann ihre Haare überhaupt nicht. Zumindest behauptete sie das uns gegenüber.

»Die Hirsch«, sagte mein Vater, als ich bei meinem letzten Besuch bei meinen Eltern in Linz nach dem Mittagessen die Sprache auf meine Volkschullehrerin brachte, »die konnte ja nicht einmal rechtschreiben.«

Das sei eine Folge des Krieges gewesen, sagte meine Mutter. Die Männer seien ja alle tot gewesen.

»Eis laufen« habe die Hirsch in meinem (oder sagte mein Vater: unserem?) Aufsatz aus »eislaufen« gemacht. »Wegzehrung« habe sie in »Wegzerrung« verbessert, »infolgedessen« in »in Folge dessen«; und wenn sie schon den Kindern so einen Unsinn erklärt habe wie: »Man schreibt alles groß, was man anfassen kann«, dann hätte sie meinen kleingeschriebenen »himmel« nicht als Fehler berechnen dürfen.

Ich erinnerte mich in der Hinsicht an nichts.

Die Hirsch sei eigentlich längst pensioniert gewesen, sagte meine Mutter. Sie sei bloß wegen dem Lehrermangel wieder eingestellt worden. Zur Überbrückung.

Alle drei, vier Wochen, sagte mein Vater, habe er in die Sprechstunde zur Hirsch gehen müssen, um mit ihr über Rechtschreibungsfragen zu streiten. »Totgeburt« mit »d«, »Zähre« mit »e«, »Status quo« mit »k«, das sei die Rechtschreibung der Hirsch gewesen. Zwar frage ich mich, ob es überhaupt angehen kann, daß wir in der Volksschule Texte mit Totgeburt, Zähre beziehungsweise Status quo schreiben mußten, aber wenn mein Vater es sagt, wird schon etwas dran sein.

»Und überm Direktorinnenzimmer«, sagte meine Mutter, »ist ›Konfernzzimmer‹ gestanden.«

»›Konfenzzimmer‹ ist auf dem Schild gestanden«, sagte mein Vater.

»Nein, ›Konfernzzimmer‹«, sagte meine Mutter.

Die Religionsstunden waren immer das Schlimmste. Sie fingen mit einem Gebet an. Meistens war es ein langes Gebet. Ich hatte schon in der Pause aufs Klo gemußt, war aber nicht dazu gekommen. Plötzlich war die Pause vorbei, und die Religionslehrerin war schon in der Klasse, und das Gebet hatte schon begonnen. Da mußte ich dringend. Aber es war mir unmöglich, mitten im Gebet aufzuzeigen und die Religionslehrerin zu fragen, ob ich aufs Klo dürfe. Genauso unmöglich war es mir, einfach während des Gebets aus der Klasse zu laufen. Also blieb ich still stehen und versuchte durchzuhalten. Kurz vor dem »Amen« spürte ich es heiß meine Beine hinunterrinnen. Es hörte überhaupt nicht mehr auf. Die Religionslehrerin sah nichts oder sah es und sagte nichts. Ich setzte mich hin, und 45 Minuten lang kühlte die warme Flüssigkeit auf meiner Haut. Am Ende war sie eiskalt. Wahrscheinlich konnte man auf der weißen Strumpfhose genau die Bahn sehen, die sie genommen hatte. Als mich die Mitschülerinnen in der Pause auf die Lache unter meiner Bank aufmerksam machten, stritt ich alles ab. Ich sagte, die Lache sei vorher schon dagewesen.

Bei meinem letzten Besuch bei meinen Eltern besuchte ich, statt mich wie sie zum Mittagsschlaf hinzulegen, meine alte Volksschule.

Der Himmel war dicht bewölkt, als ich die Muldenstraße überquerte und die Stufen zum Spallerhof hochging. Ich ging wie früher die Thungassingerstraße an der Rückseite der Häuser entlang, kürzte ab durch den Hinterhof, durch den ich auch früher meinen Schulweg abgekürzt hatte, überquerte die Glimpfingerstraße und war schon da.

Die Schule war genauso groß, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich betrat das Gebäude, das seltsamerweise offenstand, ging am Pförtnerhäuschen vorbei, das leer war – »Schulwart« stand auf einem Schild – und schlenderte die Korridore entlang. In den leeren Fluchten war es kühl. Es roch nach saurer Milch. Die Türen zu den Klassenzimmern standen offen. Durch die offenen Türen sah ich die blankgeputzten Parkettböden, abgeschabte, kleine Schulbänke, frisch gewischte Schultafeln. In kleinen, blitzenden Kästchen unter den Tafeln lagen die Kreiden. In jeder Klasse hing ein Foto des Bundespräsidenten, jeweils unter Glas, und gegenüber je ein Kreuz aus dem – wie mir schien – gleichen Holz wie die Schulbänke. Ich ging in die Klasse 2b. Als ich ganz hinten im Klassenzimmer stand und mich niederbeugte, um mein Schuhband zuzubinden, sah ich, daß unter sämtlichen Tischen Kaugummi klebte. In einer Tischlade lag ein angebissener Apfel.

Onkel Hans

Was war eigentlich los mit dem schwermütigen Onkel Hans aus Sierning, der gar nicht mein Onkel war, sondern ein Jugendfreund meines Vaters aus dem Böhmerwald? Wieso war er schwermütig, wenn er in einem so schönen Haus wohnte? Noch heute denke ich daran, wenn ich mir ein Haus auf dem Land vorstelle, in dem ich wohnen möchte. Von der Hauptstraße Siernings, die damals kaum befahren war, führte eine Steintreppe zum Hauseingang hinauf. Mit alten, unregelmäßigen Steinstufen, zwischen denen Gras wuchs. Links neben der Treppe war eine Wiese mit Obstbäumen und einer Kastanie. An dem Zaun entlang, der den Garten begrenzte, wuchsen Ribisel und Stachelbeere. Sonst nichts. Das Haus selbst war gelb. Es hatte einen Steinboden im Vorraum und Parkettböden in den Zimmern. Im Wohnzimmer stand ein großer, dunkelbrauner Schreibtisch. Der Onkel Hans war unser einziger Bekannter, der einen Schreibtisch hatte. Und einen Bücherschrank mit Glastür. Da waren ein Totenkopf und ein paar Bücher drinnen. Auf dem Parkettboden lagen verschlissene dunkle Teppiche. Bei uns zu Hause war alles hell und neu. Meine Mutter sagte oft, wenn wir in Sierning zu Besuch gewesen waren, daß es kein Wunder sei, wenn der Hans schwermütig werde mit all dem alten Zeug um ihn herum. Aber ich glaubte nicht, daß es davon kam.

»Wahrscheinlich kommt es von der Leber«, sagte mein Vater. Zu meiner Mutter sagte er einmal bei uns zu Hause im Wohnzimmer, als er nicht wußte, daß ich im Nebenzimmer saß, zu dem die Tür offenstand, er habe gehört, daß der Hans im Krieg Lagerarzt gewesen sei. Dann war es lange still. »Blödsinn«, hörte ich meine Mutter nach einer Weile sagen, »er ist doch Tierarzt.« Aber mein Vater sagte, im Krieg habe man da keinen Unterschied gemacht. Da ich nicht wußte, was »Lagerarzt« bedeutete, stellte ich mir ein Lebensmittellager vor, wie das vom Kolczak in der Eisenwerkstraße. Ich stellte mir vor, der Onkel Hans hätte im Krieg die Lebensmittel untersucht, und wenn der Kolczak versucht hätte, die alten Kartoffelchips zu verkaufen, die er mir einmal verkauft hatte, dann hätte der Onkel Hans es verboten.

Wenn wir zu Besuch in Sierning waren und mein Onkel Hans zu einem Bauern gerufen wurde, was oft der Fall war, fuhr ich mit. Wir saßen dann schweigend in seinem VW-Käfer und fuhren auf holprigen Wegen durch Rübenfelder. Ich hatte immer gehofft, einmal die Geburt eines Kalbes zu sehen oder wenigstens die eines Ferkels. Aber ich war nie bei einer Geburt dabeigewesen. Der Onkel Hans hat eigentlich immer nur, wie es hieß, Kühe besamt, wenn wir zu einem Bauern gefahren sind. Er hat ihnen den Schwanz hochgehalten und ist mit einer großen Spritze in der Hand mit dem Arm bis zu den Achseln im Inneren der Kuh verschwunden. Jedenfalls habe ich es so in Erinnerung. Ich habe mich immer gewundert, daß die Kühe ihn nicht getreten haben.

Der Onkel Hans war sehr schweigsam. Ich kann mich, genaugenommen, überhaupt nicht an Worte aus seinem Mund erinnern. Wenn er gerade eine Kuh besamt hatte, stand er immer schweigend da, und ich wurde das Gefühl nicht los, es wollte etwas aus ihm herausbrechen. Aber es kam nichts. Auch zu den Bauern sagte er meistens nichts, aber das fiel nicht auf, weil die auch nichts sagten. Manchmal durfte ich bei den Bauern Hühner füttern oder den Hofhund streicheln. Alle schauten mir dann schweigend zu. Einmal habe ich im Stall frisch gemolkene Milch zu trinken bekommen, die noch warm war. Während ich trank, schaute mich auch die Kuh die ganze Zeit an.

Der Onkel Hans war ziemlich dick. Das sah man nicht auf den ersten Blick, weil er weite Trachtenanzüge trug. Und weil er ein verhältnismäßig schmales Gesicht hatte. Wenn er ausging, trug er einen Hut mit einem Gamsbart und klobige Haferlschuhe. Das war nötig, weil auf den Bauernhöfen viel Dreck lag. Oft bin ich in irgendeinen Mist getreten, und meine Schuhe haben dann tagelang gestunken. Wahrscheinlich wollte meine Mutter deshalb nie, daß ich mit dem Onkel Hans zu den Bauern fuhr. Oder sie wollte nicht, daß ich sah, wie er die Kühe besamte.

Irgendwann später soll der Onkel Hans einen Schlaganfall gehabt haben. Ich stellte mir immer vor, daß er ihn gehabt hatte, während sein Arm in einer Kuh verschwunden war.

Von da an hat er bis zu seinem Tod viel geweint. Wenn wir zu Besuch gekommen sind, standen ihm schon bei der Begrüßung die Tränen in den Augen. Einmal ist er an seinem Schreibtisch gesessen, den Kopf in beide Hände gestützt, und hat geschluchzt.

Onkel Franz

Der Onkel Franz aus Nürnberg war ebenfalls ein Jugendfreund meines Vaters aus dem Böhmerwald. Er lebte mit seiner Frau und seinem Schäferhund in einer Villa mit Garten, den aber niemand außer ihm selbst betreten durfte, weil er so sorgfältig gepflegt war. Auch der Hund durfte nicht rein. Aber der wollte eh nicht. Denn er saß den ganzen Tag vor der Garage und paßte auf, daß sein Herr nicht ohne ihn mit dem Auto wegfuhr. Wenn der Onkel Franz die Garage aufsperrte und die Autotür öffnete, sprang der Hund sofort hinein und wartete dort auf die Abfahrt.

Nach Nürnberg fuhr ich nicht gerne zu Besuch. Ich durfte ja nicht in den Garten, und mit dem Hund war auch nichts anzufangen. Er war mit dem Beobachten seines Herrchens so beschäftigt, daß er nicht einmal die Schnauze vom Boden hob, wenn ich ihn ansprach.

So saßen meine Mutter, mein Vater, der Onkel, die Tante, der Schäferhund und ich meist stundenlang in einem düsteren Wohnzimmer mit altrosa Samtvorhängen und hörten dem Onkel zu, der viel redete, während der Hund ab und zu mit dem Schwanz wedelte.

Mein Vater sagte, der Franz sei in seiner Jugend ein toller Hecht gewesen. Ich wußte nicht, was er damit meinte. Der Onkel Franz hatte einen fast quadratischen Kopf und trug, wie der Onkel Hans aus Sierning, immer Trachtenanzüge, wenn auch weniger weite. Sie wirkten insgesamt schnittiger. Wenn er redete, fuchtelte er mit den Armen, und ich hatte immer das Gefühl, er probierte an uns die Wirkung einer Rede aus, die er eigentlich anderen halten wollte.

Der einzige Lichtblick bei den Besuchen in Nürnberg war das Essen. Ich habe nie vorher und nie nachher Menschen gekannt, die so viel und, ich glaube, so gut aßen wie der Onkel Franz und seine Frau Anni. Sie aßen zu Mittag und zu Abend jeweils mehrere Gänge, und als Hauptgang waren immer riesige Geflügelkeulen auf dem Teller oder große Braten, die außen knusprig und innen saftig waren.

Die Tante Anni konnte alle Arten Knödel kochen. Serviettenknödel und Grießknödel und Topfenknödel und Knödel aus rohen Kartoffeln und solche aus gekochten und solche, die halb aus rohen und halb aus gekochten Kartoffeln waren. Aber sie konnte auch Kartoffelkroketten und Reisaufläufe und Gemüsegratins kochen. Nicht zu reden von den Torten der Tante. Ich erinnere mich an die Ribiseltorte mit überbackenem Eischaum, an die Schwarzwälder Kirschtorte mit enorm viel Kirschen und viel Schlagobers, an die Erdbeerschaumtorte mit Himbeersirup, und ich weiß nicht, was sonst noch. Es hieß, der Onkel Franz sei im Krieg an der Westfront gewesen und da habe es ihm so geschmeckt, daß die Tante Anni sich nach dem Krieg immer sehr anstrengen mußte mit dem Kochen.

Oberflächlich betrachtet war der Onkel Franz ganz das Gegenteil vom Onkel Hans aus Sierning. Obwohl er so viel aß, war er schlank, sehr gesprächig, wie gesagt, und immer in Bewegung. Wenn er nicht gerade im Garten arbeitete, richtete er den Hund ab, indem er ihm ein Stück Fleisch oder einen Knochen vor das Maul legte. Der Hund mußte stundenlang ohne zu fressen davor sitzen bleiben. Der Onkel Franz wusch unterdessen sein Auto oder sägte Äste von den Bäumen. Hin und wieder schaute er zu dem Hund hin, dem der Speichel in zwei dünnen Rinnsalen aus dem Maul floß.

Dieser Onkel war einmal Berufsschuldirektor gewesen und, obwohl er gar nicht so alt war, dann irgendwann in Pension gegangen. Aber darüber wurde nie näher gesprochen.

Einmal war, so erinnere ich mich, das Gespräch auf wohlhabende Witwen gekommen. Da hatte sich das Gesicht vom Onkel Franz verfinstert. Er fuchtelte besonders wild mit den Armen um sich und gab Laute von sich, die ich nicht verstand.

Onkel Fritz

Der Onkel Fritz war mein richtiger Onkel. Er stammte nicht aus dem Böhmerwald, sondern aus Viehofen in Oberösterreich.

Er kam aus einer Bauernfamilie, wie ich sie immer mit dem Onkel Hans besucht hatte. Da soll es Kühe, Schweine, Hühner, einen Hofhund und eine Menge Leute gegeben haben. Der Onkel Fritz war der Älteste gewesen. Aber er kam als Erbe des Hofes nicht in Frage, und zwar wegen dem Buckel und dem Klumpfuß, wie es hieß. Ob es wirklich ein Buckel war oder vielleicht nur eine Rückenverkrümmung, kann ich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Aber für den Klumpfuß würde ich mich verbürgen. Deshalb wurde er ja Beamter bei der oberösterreichischen Landesregierung.

Mein Vater und er haben sich nicht besonders verstanden. Warum, weiß ich nicht. Wahrscheinlich lag es an ihren politischen Einstellungen. Der Onkel Fritz war der Ansicht, die VÖEST, in der mein Vater arbeitete, verschwende Steuergelder, und mein Vater sagte, der Onkel Fritz habe als Beamter keine Ahnung von der Wirtschaft. Außerdem stellte der Onkel Fritz die Weinflasche immer in den Einbauschrank im Wohnzimmer, nachdem er eingeschenkt hatte, und holte sie erst wieder heraus, wenn er nachschenkte. Mein Vater fand das unhöflich. Sie hatten aber beide denselben Lieblingsdichter: Stifter. Der Onkel Fritz schätzte außerdem noch Alois Brandstetter. Und er rauchte den ganzen Tag Pfeife.

Bei sich zu Hause hatte er einen bestimmten Platz neben dem Kachelofen. Da saß er auch noch in seinem Sessel, als sie längst Zentralheizung hatten und der Kachelofen nicht mehr benutzt wurde. Weil ihm der Fuß mit der Zeit immer mehr weh tat, stand er am Ende kaum noch von seinem angestammten Platz auf. Nur wenn er die Weinflasche aus dem Einbauschrank holte oder sie zurückstellte.

In dem Einbauschrank stand auch eine besonders prächtige Kristallschale. Nur die Tante selbst durfte sie auf den Tisch tragen und wieder wegräumen. Bei einer Feier – alle hatten schon ziemlich viel Ananasbowle getrunken – rutschte sie ihr aus der Hand und zerschellte auf dem Fußboden in viele winzige Splitter. Während meine Mutter ihr half, die Splitter aufzukehren, wobei meine Tante vor sich hin schimpfte und jammerte, sah ich, wie mein Onkel Fritz, der auf seinem Platz neben dem damals schon nicht mehr benutzten Kachelofen gesessen hatte, sich mühsam hochrappelte. Er war ganz bleich im Gesicht und humpelte ins Badezimmer. Von dort hörte ich würgende Geräusche. Dann die Klospülung.

Auf der Nachhausefahrt im Auto sagte meine Mutter zu meinem Vater, die Kristallschale habe der Fritz zur Geburt seines Sohnes 1944 von der Partei geschenkt bekommen. »Blödsinn«, sagte mein Vater, »die hat er bekommen wegen dem Buckel und dem Fuß.«