Anfangs
Ich bin durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Das Kind vor mir hat meine Mutter verloren, weil es eine Steißlage war und die Ärzte nicht operieren wollten. Aus irgendeinem Grund, wahrscheinlich aus Neugier oder aus Sportgeist, wollten sie das Kind unbedingt während der Geburt drehen. Was nicht gelang. Das Kind, das Marlies heißen sollte, blieb stecken. Nicht nur, daß es im Bauch meiner Mutter erstickte, es saß auch fest. Die Ärzte überlegten, es zu zerstückeln. Aber dann schafften sie es doch irgendwie, das tote Kind aus meiner Mutter zu ziehen. Sie wurde dabei so verletzt, daß sie nicht mehr auf natürliche Weise gebären konnte.
Ich kam zwei Tage vor Weihnachten zur Welt. Meine Mutter hat mir erzählt, daß sie dann am Abend des 24. Dezember plötzlich den Krankenhauschor »Uns ist ein Kind geboren« und »Stille Nacht, heilige Nacht« singen hörte und daß sie, vom Morphium noch ganz benommen, alles durcheinanderbrachte und gar nicht mehr richtig unterscheiden konnte zwischen dem holden Knaben im lockigen Haar und mir. So etwas kann zur Belastung werden.
Am Tage meiner Geburt erhielt Neruda den Stalinpreis, und am Dachstein ging eine Lawine nieder, die drei Menschen unter sich begrub.
Meine Tauffeier habe in kleinstem Kreise stattgefunden. Es sei im Januar 1954, im Jahrhundertwinter gewesen, und deshalb hätte ich eine weiße Wolljacke mit Silberfäden getragen und ebensolche Wollfäustlinge und auch so eine Haube, aber mit langen seidenen Schleifen, und hätte außerdem in einem Steckkissen gelegen, das mit langen seidenen Schleifen zugebunden gewesen sei.
Der Kachelofen im Wohnzimmer sei gut geheizt gewesen, und zwei volle Eimer mit Koks hätten neben dem Ofen gestanden. Auf der Fensterscheibe hätten sich Eisblumen gebildet. Es habe heiße Schokolade mit einem kleinen Schluck Rum zu trinken gegeben und verschiedene Torten zu essen.
Die Erde draußen habe warm unter einer dicken Schneeschicht gelegen. Die Vögel seien in dem Vogelhaus auf unserem Balkon gefüttert worden, und immer wieder hätten die fetten Tauben versucht, die Blaumeisen zu vertreiben. Und die Rotkehlchen, die mein Vater besonders gemocht habe. Er sei während der Tauffeier mehrmals ans Balkonfenster getreten und habe an die Scheibe geklopft, um die Tauben zu verjagen.
Gegen Abend habe es wieder stärker zu schneien begonnen. Im Licht der Laterne, das damals noch gelb gewesen sei, habe man die Schneeflocken dicht und schwer fallen gesehen. Um sechs Uhr habe es Ananasbowle gegeben und Wurstbrötchen, auf die mit bunten Plastikzahnstochern Sardellenringe gespießt worden seien. Die Plastikzahnstocher habe man auch benützen können, um die Ananasstückchen aus der Bowle zu fischen.
Mein Vater habe die Gitarre gestimmt und »Drei weiße Birken in meiner Heimat stehn« gesungen, und meine Mutter habe »Uns ist ein Ros entsprungen« gesungen. Und draußen habe es geschneit und geschneit, als ob es kein Ende gäbe mit dem Jahrhundertschnee. Die wenigen Autos, die es damals gegeben habe, habe man nicht gehört. Der Schnee habe fast alle Geräusche verschluckt; nur das Gurren der Tauben nicht.
Im Laufe des Abends habe mein Vater eine Taufrede gehalten, die er sich zuvor auf einen Zettel notiert habe. Er habe gesagt, daß meiner Mutter und ihm zwei Tage vor Weihnachten ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gegangen sei, und meine Mutter habe geweint. Mein Vater habe sein Glas erhoben, und während draußen der Schnee so dicht gefallen sei, daß er wie ein weißer Vorhang im Fenster gehangen habe, hätten alle auf meine Geburt angestoßen.
Meine früheste Erinnerung ist die an den Beiwagen.
Ich weiß noch, er war feuerrot. Oder nein, er war grellgrün. Feuerrot war der Overall, den ich bei den Fahrten im Beiwagen trug, denn der Wind pfiff durch die Ritzen. Jetzt weiß ich es wieder ganz genau: Der Beiwagen war schwarz!
Meine Eltern haben mir oft erzählt, wie sie ihn in Wien gekauft und abgeholt hatten. Schon beim Abholen des Beiwagens hätten sie sich geschworen, ihn bald wieder zu verkaufen. Es habe an dem Tag nämlich fürchterlich geregnet und gestürmt. Während mein Vater auf dem Motorrad völlig durchnäßt worden sei und die ganze Fahrt gegen den Seitenwind habe lenken müssen, sei meine Mutter trocken im Beiwagen mit dem Verdeck gesessen und habe Angst gehabt, mein Vater könne sie vergessen. Meine Eltern haben das Motorrad mit Beiwagen dann leider wirklich bald wieder verkauft, weil meine Mutter diese Angst nie ganz überwinden konnte.
Wir sind bestimmt nicht oft mit dem Beiwagen gefahren. Ich erinnere mich nur an die Fahrt zum Sudetendeutschentreffen nach Passau. Von dieser Fahrt gibt es drei Fotos im Familienalbum, unter denen »Auf der Fahrt zum Sudetendeutschentreffen in Passau« steht.
Das erste Foto, wahrscheinlich mit Selbstauslöser geknipst, zeigt meinen Vater auf dem Motorrad und meine Mutter und mich neben dem Beiwagen. Im Hintergrund sind die VÖEST-Häuser. Da es damals noch keine Farbfotos gab, kann man nicht sehen, daß mein Overall feuerrot ist. Auch die Farbe des Beiwagens kann man natürlich nicht erkennen. Aber ich weiß, daß er schwarz war.
Das zweite Foto zeigt uns in Aschach. Auch auf diesem Foto sitzt mein Vater auf dem Motorrad, während meine Mutter und ich neben dem Beiwagen stehen. Nur daß hier statt dem VÖEST-Häuserblock die Donau im Hintergrund ist.
An die Fahrt von Linz nach Passau, an der Donau entlang, erinnere ich mich ganz genau. Ich erinnere mich, auf dem Schoß meiner Mutter direkt an der Beiwagenwindschutzscheibe gesessen und die Donau in der Sonne glitzern gesehen zu haben. Ich erinnere mich an das Geschaukel, an das Gebrumme und Gepfeife im Beiwagen. Und daß man das Verdeck öffnen konnte. Einmal sind wir mit offenem Verdeck gefahren, und der Wind hat an meinen Haaren gezerrt, und der Himmel war blau.
Auf dem dritten Foto sieht man nichts als einen langen, klobigen Tisch mit einem Schild »Matura 1922«. Mein Vater hatte 1922 im heutigen Tschechien sein Abitur gemacht. Wir haben also höchstwahrscheinlich in der Nibelungenhalle in Passau, wo die Sudetendeutschentreffen immer stattfanden, an diesem langen, klobigen Tisch mit anderen, die 1922 im heutigen Tschechien ihr Abitur gemacht hatten, zusammengesessen. Aber das kann ich natürlich nicht so genau sagen. Ich erinnere mich nur, daß ich ein kurzes grünes Sommerkleid trug und ziemlich fror in der düsteren Halle. Und daß ich unter dem Tisch saß und den ersten Marienkäfer meines Lebens sah. Er setzte sich auf eines meiner nackten Beine, spazierte es entlang und erklomm dann meine Zehen. Als er auf meinem großen Zeh angelangt war, flog er weg. Er war rot und hatte auf jedem Flügel einen schwarzen Punkt.
Mit vier Jahren besuchte ich den Kindergarten. Er lag auf dem Spallerhof direkt neben der Spallerhofkirche. Wenn die Glocken der Spallerhofkirche zur Messe läuteten, verstanden wir im Kindergarten unsere Schwester Mathilda nicht mehr. Die Schwester Mathilda war Nonne. Einmal zeigte sie mir eine Glaskugel, da war ein Schlitten mit einem Pferd und dem Weihnachtsmann drin. Wenn man sie umdrehte, schneite es.
Meiner Erinnerung nach hatte Schwester Mathilda große, braune Augen, lange, dunkle Wimpern, eine gerade Nase und einen großen Mund. Sie war sanft und gütig. Ich mochte sie sehr gern, so daß es eigentlich merkwürdig ist, daß ich den Kindergarten haßte. Aber meine Mutter hat immer gesagt, daß ich mich jahrelang jeden Morgen, wenn wir uns auf den Weg machten, weinend an unser Treppengeländer geklammert hätte. Es kann nur an den anderen Kindern gelegen haben, daß ich den Kindergarten so haßte.
In dem Kindergarten auf dem Spallerhof waren, weil es ein katholischer Kindergarten war, alle katholischen Feste sehr wichtig. Die Schwester Mathilda konnte so sanft vom Jesukind sprechen, daß es mir heute noch vorkommt, als hätten wir es damals gesehen, blond und lockig, mit blauen Augen und kleinen, dicken Zehen.
Zu Ostern haben wir Eier bunt bemalt und gelernt, daß Gott auferstanden ist. Ich erinnere mich in dem Zusammenhang an ein Heiligenbildchen, das wir im Kindergarten von der Schwester Mathilda bekommen hatten und auf dem die Himmelfahrt abgebildet war. Es kann aber auch sein, daß wir das Heiligenbildchen später in der Volksschule von der Religionslehrerin bekamen, zur Belohnung für zehn besuchte Maiandachten. Jedenfalls sah man darauf einen bärtigen Mann zwischen zwanzig und dreißig Jahren steil in die Höhe fahren, unter ihm Wiesen, Felder und Bäume und über ihm eine Wolke, hinter der hielt Gottvater Ausschau nach seinem gerade aufsteigenden Sohn. Und obwohl es ja eindeutig nach oben ging, ist es mir als Kind immer so vorgekommen, als müßte sich das rotbraune Gewand Jesu eigentlich bauschen, statt still in vielen Falten um seinen Körper zu fallen.
Zu Fronleichnam führten die Mädchen aus dem Kindergarten die Prozession an. Direkt hinter dem Pfarrer und seinen Meßdienern. Wir hatten alle weiße Kleider an und Blütenkränze auf dem Kopf. Die Blütenkränze waren nicht echt, sondern aus Seide. Ich weiß noch genau, wie mein Kranz aussah: Er hatte weiße Seidenröschen und dazwischen grüne Seidenblätter. Es gibt ein Foto, da hat mein Onkel Fritz plötzlich meinen Blütenkranz auf. Wahrscheinlich war gerade Fasching, denn er trägt dazu eine Hitlertolle und ein entsprechendes Bärtchen.
Aber damals bei der Fronleichnamsprozession hatte ich meinen Blütenkranz selber auf, und ich ging hinter dem Pfarrer und seinen Meßdienern her mit meinem weißen Kleid und dem mit der Brennschere gewellten Haar und streute Blumen aus einem Korb, den ich am Arm trug. Echte Blumen. In meinem Korb waren Pfingstrosen, weiße und rote, Maiglöckchen und Margeriten, und ich griff hinein, fühlte die kühlfeuchten, glatten Blätter in der Hand, nahm eine Blume heraus und warf sie auf die Straße. Hinter uns war der Boden bedeckt mit Blüten wie mit Schnee.
Auch Muttertag war bei uns im Kindergarten wie ein katholisches Fest. Es existiert heute noch ein Faltbild, da ist vorne ein Foto von mir drauf, wie ich eine Puppe trage. Drinnen steht: »Du hast mich durch den Morgen getragen, ich werde dich durch den Abend tragen.« Das war wie ein Gelübde. Noch heute ist mir ganz komisch, wenn ich daran denke, wie die Mütter mit uns im Kindergarten gesessen und wir zusammen das Lied von den Händen der Mutter gesungen haben, die strafen und trösten, und ich weiß nicht, was noch.
Die Nikolausfeier mochte ich am wenigsten. Wenn unser Pfarrer, mit einem Wattebart notdürftig verkleidet, von der Spallerhofkirche zu uns herüber in den Kindergarten kam, um in einem großen roten Buch unsere Sünden nachzulesen, war mir ganz schlecht vor Angst. Wenn ich am Ende doch noch ein rotes Säckchen bekam, in dem Nüsse und Mandarinen waren, erschien es mir wie ein Wunder, aber richtig versöhnen konnte mich das auch nicht mehr.
Als ich fünf Jahre alt war, mußte ich für drei Wochen ins Kinderheim. Meine Mutter war mit Ischias im Krankenhaus, und mein Vater mußte beruflich nach Köln. Meine Tante Juli wollte mich nicht beaufsichtigen, weil ich nie stillsaß und sie mir daher keine Zöpfe in meine dünnen Haare flechten konnte, und meine Tante Hetti war sowieso zu nichts zu gebrauchen. Also blieb nur das Kinderheim Sankt Josef. Im Kinderheim Sankt Josef waren außer mir nur Internatskinder, und die waren immer dort.
Abends, wenn wir ins Bett gingen, mußten wir uns gleich auf den Rücken legen, die Augen schließen und die Arme auf der Bettdecke ausstrecken. Eine Nonne ging mit einem Teppichklopfer durch den Schlafsaal und schlug damit jedem, der die Arme unter der Bettdecke oder die Augen auf hatte oder nicht auf dem Rücken lag, auf die Decke. Da ich daheim immer auf der rechten Seite einschlief, konnte ich im Kinderheim Sankt Josef nicht gleich einschlafen. Ich lag lange wach und versuchte, das Blinzeln der Augen zu unterdrücken.
Als mein Vater mich aus dem Kinderheim abholte, hat er angeblich geweint, weil ich ihm zur Begrüßung nur die Hand gab. Als wir meine Mutter im Krankenhaus besuchten, soll ich sogar einen Knicks gemacht haben. Und gewünscht hätte ich mir gar nichts, als man mich danach fragte. Aber mein Vater hat mir trotzdem etwas geschenkt. Er hatte aus Köln eine Glaskugel mitgebracht, da war der Kölner Dom drin. Wenn man den Dom umdrehte, schneite es.
Bald darauf kam ich dann in die Volksschule.
An die Volksschulzeit erinnere ich mich kaum. Ich weiß nur noch, daß wir eine Lehrerin hatten, die Hirsch hieß, und daß wir deshalb immer »Hirsch heißt meine Lehrerin« sagten. Die Hirsch war eine für mich sehr alte Frau mit einer dicken Nase. Die Haare hatte sie straff zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten geflochten. Die Röcke waren immer dunkelbraun oder -grau oder -blau und reichten weit übers Knie. Dazu trug die Hirsch Blusen. Sie war böse.
Vor jeder Stunde mußten wir zehn Kniebeugen machen, wozu die Hirsch die Kommandos gab. Zwischendurch zielte sie mit kleinen Kreidestückchen nach uns. Sie traktierte uns überhaupt, wo sie nur konnte. Ich haßte und fürchtete sie so, daß ich mich, wenn es ein Diktat zur Schularbeit gab, dauernd verschrieb. Noch daheim war mir schlecht davon, und ich konnte zu Mittag fast gar nichts essen. Erst gegen Abend erholte ich mich.
Im nachhinein habe ich oft gedacht, daß die Hirsch ein alter Nazi gewesen ist. Sie zog eindeutig blonde Schülerinnen vor. Wir hatten eine in der Volksschule, ich weiß noch, daß sie mit Nachnamen Hoffmann hieß, und ich weiß auch noch genau, wie sie aussah (sie hatte halblange dichte, glatte, wahrscheinlich goldblonde Haare), zu der sagte die Hirsch immer, die schönen Haare habe sie bestimmt nur, weil sie sie täglich mit hundert Bürstenstrichen bürstete. Die Hoffmann war so eingeschüchtert, daß sie »Ja« sagte. In Wahrheit bürstete die Hoffmann ihre Haare überhaupt nicht. Zumindest behauptete sie das uns gegenüber.
»Die Hirsch«, sagte mein Vater, als ich bei meinem letzten Besuch bei meinen Eltern in Linz nach dem Mittagessen die Sprache auf meine Volkschullehrerin brachte, »die konnte ja nicht einmal rechtschreiben.«
Das sei eine Folge des Krieges gewesen, sagte meine Mutter. Die Männer seien ja alle tot gewesen.
»Eis laufen« habe die Hirsch in meinem (oder sagte mein Vater: unserem?) Aufsatz aus »eislaufen« gemacht. »Wegzehrung« habe sie in »Wegzerrung« verbessert, »infolgedessen« in »in Folge dessen«; und wenn sie schon den Kindern so einen Unsinn erklärt habe wie: »Man schreibt alles groß, was man anfassen kann«, dann hätte sie meinen kleingeschriebenen »himmel« nicht als Fehler berechnen dürfen.
Ich erinnerte mich in der Hinsicht an nichts.
Die Hirsch sei eigentlich längst pensioniert gewesen, sagte meine Mutter. Sie sei bloß wegen dem Lehrermangel wieder eingestellt worden. Zur Überbrückung.
Alle drei, vier Wochen, sagte mein Vater, habe er in die Sprechstunde zur Hirsch gehen müssen, um mit ihr über Rechtschreibungsfragen zu streiten. »Totgeburt« mit »d«, »Zähre« mit »e«, »Status quo« mit »k«, das sei die Rechtschreibung der Hirsch gewesen. Zwar frage ich mich, ob es überhaupt angehen kann, daß wir in der Volksschule Texte mit Totgeburt, Zähre beziehungsweise Status quo schreiben mußten, aber wenn mein Vater es sagt, wird schon etwas dran sein.
»Und überm Direktorinnenzimmer«, sagte meine Mutter, »ist ›Konfernzzimmer‹ gestanden.«
»›Konfenzzimmer‹ ist auf dem Schild gestanden«, sagte mein Vater.
»Nein, ›Konfernzzimmer‹«, sagte meine Mutter.
Die Religionsstunden waren immer das Schlimmste. Sie fingen mit einem Gebet an. Meistens war es ein langes Gebet. Ich hatte schon in der Pause aufs Klo gemußt, war aber nicht dazu gekommen. Plötzlich war die Pause vorbei, und die Religionslehrerin war schon in der Klasse, und das Gebet hatte schon begonnen. Da mußte ich dringend. Aber es war mir unmöglich, mitten im Gebet aufzuzeigen und die Religionslehrerin zu fragen, ob ich aufs Klo dürfe. Genauso unmöglich war es mir, einfach während des Gebets aus der Klasse zu laufen. Also blieb ich still stehen und versuchte durchzuhalten. Kurz vor dem »Amen« spürte ich es heiß meine Beine hinunterrinnen. Es hörte überhaupt nicht mehr auf. Die Religionslehrerin sah nichts oder sah es und sagte nichts. Ich setzte mich hin, und 45 Minuten lang kühlte die warme Flüssigkeit auf meiner Haut. Am Ende war sie eiskalt. Wahrscheinlich konnte man auf der weißen Strumpfhose genau die Bahn sehen, die sie genommen hatte. Als mich die Mitschülerinnen in der Pause auf die Lache unter meiner Bank aufmerksam machten, stritt ich alles ab. Ich sagte, die Lache sei vorher schon dagewesen.
Bei meinem letzten Besuch bei meinen Eltern besuchte ich, statt mich wie sie zum Mittagsschlaf hinzulegen, meine alte Volksschule.
Der Himmel war dicht bewölkt, als ich die Muldenstraße überquerte und die Stufen zum Spallerhof hochging. Ich ging wie früher die Thungassingerstraße an der Rückseite der Häuser entlang, kürzte ab durch den Hinterhof, durch den ich auch früher meinen Schulweg abgekürzt hatte, überquerte die Glimpfingerstraße und war schon da.
Die Schule war genauso groß, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich betrat das Gebäude, das seltsamerweise offenstand, ging am Pförtnerhäuschen vorbei, das leer war – »Schulwart« stand auf einem Schild – und schlenderte die Korridore entlang. In den leeren Fluchten war es kühl. Es roch nach saurer Milch. Die Türen zu den Klassenzimmern standen offen. Durch die offenen Türen sah ich die blankgeputzten Parkettböden, abgeschabte, kleine Schulbänke, frisch gewischte Schultafeln. In kleinen, blitzenden Kästchen unter den Tafeln lagen die Kreiden. In jeder Klasse hing ein Foto des Bundespräsidenten, jeweils unter Glas, und gegenüber je ein Kreuz aus dem – wie mir schien – gleichen Holz wie die Schulbänke. Ich ging in die Klasse 2b. Als ich ganz hinten im Klassenzimmer stand und mich niederbeugte, um mein Schuhband zuzubinden, sah ich, daß unter sämtlichen Tischen Kaugummi klebte. In einer Tischlade lag ein angebissener Apfel.