Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Mordsschnee« an empfehlungen@piper.de, und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
© 2020 Piper Verlag GmbH, München
»Mordsschnee« erschien bereits 2017 unter dem gleichen Titel bei der Emons Verlag GmbH, Köln
Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign traumstoff.at
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.
Marc Girardelli, Jahrgang 1963, ist einer der erfolgreichsten alpinen Skirennläufer aller Zeiten. Er gewann u. a. fünfmal den Gesamtweltcup. Seit seinem Rücktritt vom Spitzensport ist er als Unternehmer und Kolumnist für verschiedene Zeitungen tätig.
Michaela Grünig, geboren in Köln, war lange Jahre in der Entwicklungshilfe tätig. Seit 2010 arbeitet sie hauptberuflich als Autorin in der Schweiz, wo sie zusammen mit ihrer Familie lebt. Außer Krimis schreibt sie noch heitere, bisweilen tiefgründige Unterhaltungsromane.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
Dieses Buch ist der wunderschönen Schweiz gewidmet, in der beide Autoren schon seit langen Jahren leben dürfen … und allen anderen Skigebieten in Österreich, Südtirol und Deutschland, die derzeit mit den sehr realen Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen haben.
Die Schneekanonen hatten die ganze Nacht auf Hochtouren gearbeitet. Genau wie die Armada von Pistenhelfern und Freiwilligen aus dem Tiroler Unterland. Doch das Resultat war erbärmlich: weicher Sulzschnee. Marc konnte sich nicht vorstellen, dass man darauf einen Riesenslalom abhalten konnte. Doch bislang weigerte sich die Rennleitung, den Lauf komplett abzusagen. Stattdessen standen er und seine Kollegen wie bestellt und nicht abgeholt unterhalb des Starthäuschens – im gleißenden Sonnenschein, bei für diese Jahreszeit unnatürlich warmen Temperaturen. Dabei hatte man das Rennen auf dem Innsbrucker Hausberg, dem Patscherkofel, schon von Dezember, als es den kargen ersten Schnee weggeregnet hatte, auf Ende Januar verschoben.
In seinem hautengen Rennanzug wartete Marc, schwitzend wie alle anderen, auf einen Funkspruch, der endlich eine verbindliche Entscheidung brachte: Start oder Absage. Bislang war der Beginn des Rennens lediglich zweimal um jeweils eine halbe Stunde hinausgezögert worden. Was seiner Meinung nach bei den sich minütlich verschlechternden Bedingungen nicht gerade clever war. Doch seine Ansichten interessierten die Rennleitung nicht, da ging es allein um wirtschaftliche Belange. Schließlich sollten die Zuschauer für ihr teures Eintrittsgeld etwas geboten bekommen. Sonst würden sie dem nächsten Rennen vielleicht fernbleiben. Und natürlich wollte auch Marc niemanden enttäuschen. Er wunderte sich nur, dass die Meteorologen diesen extremen Wärmeeinbruch nicht vorhergesehen hatten. Dann hätte man das Rennen vorab annullieren können. Doch das Weltklima schien dieses Jahr verrücktzuspielen. Völlig unberechenbar. Auch das Rennen in Lake Louise, im kalten Kanada, war schon mangels Schnee abgesagt worden.
Marc nahm seinen dampfenden Rennhelm ab und überlegte, ob es nicht irgendwo in der Nähe eine Hütte gab, in der man dem steten Sonnenschein entkommen und sich ein wenig in den Schatten setzen konnte. Aber letztendlich war ihm dieser potenzielle Ausflug, so verlockend er auch klang, zu riskant. Falls er nicht rechtzeitig zu dem spontan angekündigten Start erschien, würde man ihn disqualifizieren, und er hatte viel zu hart trainiert, um die wertvollen Weltcup-Punkte leichtfertig zu verschenken.
Unschlüssig, wie er die Wartezeit am besten zur Rennvorbereitung nutzen sollte, dehnte Marc seine Beinmuskulatur. Bei einer kälteren Witterung hätte er zwischendurch kleine Sprints eingelegt, um die Muskeln warm und geschmeidig zu halten. Aber das war bei diesen Temperaturen auf fast zweitausend Metern Höhe unsinnig. Er würde nur unnötige Energie verschwenden, und in seinem fortgeschrittenen Alter, dreiunddreißig, musste er sorgfältig mit den knapper werdenden Ressourcen umgehen. Es grenzte sowieso an ein Wunder, dass er sich derart schnell von den Verletzungen erholt hatte, die er sich letztes Jahr auf dem Muottas Muragl bei der Verfolgung eines Verbrechers zugezogen hatte.
Bei der Erinnerung an diese dramatischen Ereignisse lief Marc ein Schauer über den Rücken. Sein Leben hatte sich seit jener Zeit tiefgehend verändert: Er hatte im Zuge der polizeilichen Ermittlungen seine Jugendliebe Andrea wiedergetroffen, und gemeinsam hatten sie ihre Gefühle füreinander wieder aufleben lassen. Der letzte Sommer, den er mit ihr in Wengen verbracht hatte, zählte ohne jeden Zweifel zu den schönsten seines Lebens. Da Andrea kurz zuvor ihren Job bei der Kantonspolizei Zürich aufgegeben hatte, hatten sie viel Zeit füreinander gehabt und waren tagsüber bergsteigen oder Rad fahren gegangen. Abends hatten sie sich dann sinnlicheren Aktivitäten gewidmet. Ihm wurde ganz anders zumute, wenn er an diese wundervollen Nächte dachte. Eins war sicher: Er liebte Andrea. Mehr denn je. Doch seit Beginn der neuen Weltcup-Saison gab es leider Sand im Getriebe ihrer noch jungen Beziehung. Andrea konnte einfach nicht verstehen, warum er mit Anfang dreißig immer noch die Berge in einem Höllentempo hinabsausen wollte. Wenn es nach ihrem Willen gegangen wäre, hätte er im Oktober seinen Abschied vom Spitzensport erklärt und …
In diesem Moment bemerkte Marc ein aufgeregtes Hin und Her am Start. Die Vorläufer schienen sich bereit zu machen. Offenbar ging das Rennen nun doch noch los. Fragend blickte Marc zu seinem Trainer, Hans Bischoff, der sich gerade mit einem der Funktionäre unterhielt. Hans nickte. Verdammt! Ausgerechnet jetzt, wo er mit seinen Gedanken und Gefühlen völlig woanders war. Seine Konzentration war zum Teufel, und er musste sich extrem zusammenreißen, um die dringend benötigte Motivation für den Lauf wiederzuerlangen. Der Riesenslalom auf dem Patscherkofel war zwar nicht der steilste, aber die vielen Übergänge und Richtungswechsel des Laufs hatten es in sich. Besonders bei diesen widrigen Verhältnissen. Da musste er mental und körperlich alles in die Waagschale werfen. Doch es fiel ihm schwerer als sonst, und trotz aller Bemühungen war er nicht voll bei der Sache.
»Blockier die Piste ja nicht zu lange, Gassmann, ich hab die Startnummer direkt nach dir«, frotzelte Peter Winkler, sein größter Konkurrent im Weltcup, und klopfte ihm im Vorbeigehen auf den Rücken.
»Du mich auch«, knurrte Marc. Wie zu erwarten, hatte der traurige Unfall in der letzten Saison kein juristisches Nachspiel für den Österreicher gehabt, und er stand schon wieder an der ersten Stelle der Wertung. Marc hatte ihn vorhin den Trainingslauf runterfahren sehen, und sein Puls war bei dem Anblick in die Höhe geschnellt. Peter war fünf Jahre jünger und fuhr so locker und federnd wie eine Raubkatze. Marc selbst hatte nach dem Training ein eher bescheidenes Gefühl. Riesenslalom war noch nie seine beste Disziplin gewesen, doch er brauchte unbedingt die zusätzlichen Weltcup-Punkte, um mit Peter mithalten zu können. Außerdem war ein Riesenslalom wenigstens nicht so eine Zick-Zack-Fahrerei wie der normale Slalom, bei dem man praktisch durch die Kippstangen hindurchfahren musste, um eine möglichst direkte Falllinie zu halten.
Beim Riesenslalom standen die Tore weiter auseinander, wodurch man intensiver, bis auf über achtzig Stundenkilometer, beschleunigen konnte. Dadurch lastete ein enormer Druck auf den Körpern der Läufer, vergleichbar mit den Fliehkräften, mit denen Formel-1-Fahrer zu kämpfen hatten. Nur dass man auf der Piste nicht in einem Cockpit aus Karbonfasern saß, sondern lediglich einen hautdünnen Rennanzug trug. Die Strecke war auch wesentlich länger als bei einem Slalom-Rennen und die Höhendifferenz betrug an die vierhundert Meter. Diese extreme Körperbelastung hatte in der Vergangenheit zu vielen schweren Stürzen und Verletzungen geführt, weshalb die FIS vor fünf Jahren das Reglement geändert und den Radius der Taillierung der Ski von siebenundzwanzig auf fünfunddreißig Meter erhöht hatte. Doch leider hatte auch dies das Risiko nicht bedeutend reduziert, weshalb die Neuerung zu Beginn der nächsten Saison wieder rückgängig gemacht werden würde.
Marc stapfte zu seinem Trainer, der ihm hoffentlich ein paar aktualisierte Infos über die Schlüsselstellen der Piste geben konnte.
»Ich habe gerade mit dem Rennchef gesprochen«, flüsterte Hans konspirativ. »Sie haben alles Mögliche mit der Piste versucht, aber der Schnee ist einfach zu grobkörnig und trocken, um noch große Veränderungen zu bewirken. Nur wenn der Schnee feucht genug ist, bekommt er die Kompaktheit, um anständige Rennen durchführen zu können. Deshalb hat seine Crew die Piste seit heute früh über die Wasserrohre der Kunstschneeanlage bewässert und vor Kurzem mithilfe von Salz ausgehärtet. Wie du weißt, wird das den Schnee aber nur kurzfristig befestigen und deshalb …«, er zwinkerte seinem Schützling zu, »… haben die vorderen Nummern sicherlich Vorteile.«
»Dein Wort in Gottes Gehörgang«, antwortete Marc, als er sich auf den Weg zum Rennen machte. Doch innerlich freute er sich. Ausnahmsweise hatte er bei der Startplatzverlosung Glück gehabt und die Sieben, seine Lieblingsnummer gezogen. Vielleicht würde sich ja doch noch alles zum Guten wenden – vorausgesetzt, dass er noch schnell genug in seinen Rennmodus umschalten konnte, denn es lagen nur noch wenige Läufer vor ihm …
In diesem Augenblick rief der Startrichter ihn zu sich, und Marc erklomm den zwanzig Meter hohen Hügel, der notwendig war, um bei Rennbeginn für genug Tempo zwischen den ersten, noch im Flachen gelegenen Toren zu sorgen. Erst danach wurde es steiler. Und das Ganze auf dem heutigen Schnee, der sich irgendwie mürbe anfühlte. Normalerweise waren die Rennpisten so hart und eisig, dass man selbst bei der Besichtigung messerscharf geschliffene Rennskier benötigte. Doch heute würden schon die Vorläufer Spuren auf der Piste hinterlassen, was sonst erst bei viel höheren Nummern der Fall war.
Marc bahnte sich durch das Chaos aus Skiern und Kollegen einen Weg zu seinem Servicemann und stieg in seine Rennskier, die schon vorbereitet auf ihn warteten. Dann glitt er zum Start. Die Uhr zeigte die letzten fünfzehn Sekunden an. Er setzte die Skibrille auf und stellte seine Stöcke vor den Startstab in den Schnee. Noch zehn Sekunden. Das Warten glich der emotionalen Liftfahrt zum obersten Stockwerk eines Hochhauses, von dem man sich anschließend runterstürzen würde …
»Drei, zwei, eins – und los!«
Marc katapultierte sich mit voller Kraft aus dem Starthäuschen und ging sofort in die Hocke. Fünf Tore waren zum Gleiten gedacht, dann kam der erste Steilhang. Er setzte zum Rechtsschwung an und spürte, wie er durchgerüttelt wurde. Diese Vertiefung hatte er noch nicht einmal gesehen, trotzdem ging sie ihm durch Mark und Bein. Instinktiv versuchte er, die Kurven höher anzusetzen, um den verdammten Rinnen zu entgehen, die jeweils unter den Toren am schlimmsten waren.
Etwa fünf Tore lang schien seine Strategie aufzugehen und er fühlte, wie seine Fahrt runder wurde, wie sich endlich der notwendige Rhythmus einstellte. Doch das Herzstück des Rennens hatte er noch vor sich. Rasend schnell glitt er über die Kante und stach in das steil abfallende Stück der Piste …
Schon als er in unvermindert hohem Tempo auf das Tor zuraste, bemerkte er die nächste Vertiefung, ein richtiggehendes Loch. An Ausweichen war nicht zu denken und so versuchte Marc frenetisch beide Skier zu entlasten, um darüber hinwegzugleiten, und sich erst danach wieder auf die Kanten zu stellen. Wie ein menschlicher Stoßdämpfer schluckte er den Schlag. Aber es kostete ihn seine hochangesetzte Ideallinie. Jetzt blieben nur zwei Möglichkeiten: mit Vollgas weiter und die destabilisierenden Schläge in Kauf nehmen, oder durch ein Bremsmanöver auf die schonendere Linie zurückzukehren.
Marc entschied sich für volles Risiko und vertraute auf seine kampferprobte Reaktionsschnelligkeit. Umgehend wurde das Tempo rasanter und die Belastung in den Kurven war kaum noch auszuhalten. Der Druck am Scheitelpunkt der Tore war dermaßen mörderisch, dass seine schmerzenden Muskeln ihm die Tränen in die Augen trieben. Aber er biss die Zähne zusammen, konzentrierte sich eisern auf jeden einzelnen Richtungswechsel.
Endlich tauchte das Flachstück kurz vor dem Ziel auf und Marc ging noch tiefer in die Hocke, um das maximale Tempo in die Ebene zu retten. Nur so hatte er eine Chance, das Rennen zu gewinnen. Doch die letzten Tore hatten es in sich: Immer knapper wurde seine Distanz zu den Stangen. Die Fliehkräfte brachten ihn mehr und mehr vom Kurs ab. Ein paarmal verpasste er das Tor nur um Haaresbreite nicht. Spitz auf Knopf. Jetzt zählte all seine Erfahrung, all seine Willenskraft.
Geschmeidig duckte Marc seinen Kopf tiefer zwischen die Knie. Dann war es geschafft. Mit letzter Kraft fuhr er ins Ziel und schwang ab. Seine angereisten Fans jubelten ihm zu, Schweizer Fahnen wehten im Wind. Doch sein erster Blick galt der Anzeigetafel. Eine Minute und zwanzig Sekunden neunzehn. Keine schlechte Leistung unter diesen schwierigen Bedingungen. Momentan die drittbeste Zeit im ersten Durchgang, er lag direkt hinter Ted Mahre aus den USA und Odd Haker aus Norwegen. Noch bestand Hoffnung auf einen Platz auf dem Podest.
Gegen die Sonne anblinzelnd, starrte Marc zur Piste hoch. Wie würde es Peter Winkler ergehen?
Knapp anderthalb Minuten später kannte er die bittere Wahrheit. Peter war erneut Bestzeit gefahren. Doch die Fahrer hinter ihm konnten nicht mehr punkten. Vor dem zweiten Durchgang, bei dem die ersten fünfzehn Läufer in der umgekehrten Reihenfolge ihrer bisherigen Platzierung starten würden, lag Marc auf dem vierten Platz und würde damit als viertletzter Läufer an den Start gehen.
Die Zeit zwischen beiden Durchgängen nutzte er, um sich ein bisschen zu entspannen. Gleich neben dem Ziel befand sich die »Bomber-Lounge«, die ein alter Rennkollege von ihm betrieb. Berni hatte ihm bereits einen ruhigen Platz reserviert, wo er sich erholen und mit seinem Trainer einen Happen essen konnte. Von hier aus überblickte er sogar Teile des Zielraums und konnte dem Halbzeit-Führenden Peter Winkler zusehen, der in gewohnt arroganter Manier Autogramme gab.
Der zweite Durchgang begann genau drei Stunden nach dem ersten. Mit jedem Läufer, der vor Marc startete, steigerte sich seine Nervosität. Die Piste schien noch schlechter geworden zu sein, denn bereits drei Fahrer waren nach Fehlern ausgeschieden, und die von den anderen abgelieferten Zeiten lagen weit hinter denen des ersten Laufs.
Schließlich war er an der Reihe. Hochkonzentriert stand Marc am Start. Die Uhr tickte. Los! Voller Energie ging er den neuen Durchgang an. Jetzt kam es darauf an. Alles oder nichts. Sekt oder Selters. Der Steilhang war in einem katastrophalen Zustand, vollkommen zerfurcht, aber es gelang ihm, taktisch klug allen Unebenheiten auszuweichen. Wie ein Motocross-Fahrer. Irgendwie schaffte er es, die größten Schwierigkeiten zu umschiffen, und kam einigermaßen sicher bis ins Flachstück vor dem Ziel. Geschmeidig glitt er durch die letzten Tore. Und seine gute Leistung wurde belohnt. Nach dem Blick auf die Anzeigetafel wusste er, dass er die bisherige Gesamtbestzeit eingefahren hatte. Jetzt konnte er nichts mehr tun, als zu warten, wie sich Mahre, Haker und Winkler schlugen …
Mit angespannten Nerven sah Marc Ted Mahre in den Steilhang stechen. Der Amerikaner kämpfte tapfer, doch er riskierte zu viel und kassierte einen schweren Schlag auf der aufgeriebenen Piste, wodurch er am nächsten Tor einfädelte. Er überstand den folgenden Sturz unverletzt, ausgeschieden war er trotzdem. Was bedeutete, dass sich Marc zumindest über einen dritten Platz freuen konnte.
Hakers Lauf begann gut, aber seine Zwischenzeiten waren ohne erkennbaren Fehler schlechter als die von Marc. Momentan lag er bereits um acht Zehntelsekunden zurück. Offenbar lehnte er sich zu weit hinten auf die Skier und konnte deshalb seine Linie nur mit mäßigem Druck verfolgen. Nach der ersten Hälfte der Rennstrecke schienen den Norweger zudem seine Kräfte zu verlassen und schließlich war es amtlich: Marc würde auf jeden Fall Zweiter sein. Plötzlich wagte er von etwas zu träumen, an das er schon gar nicht mehr zu glauben gewagt hatte: die Spitze des Weltcup-Klassements! Falls auch Peter patzte, würde Marc mit den zusätzlichen Punkten nicht nur das Riesenslalom-Rennen in Innsbruck gewinnen, sondern auch zum ersten Mal seit verdammt langer Zeit die Weltcupführung für sich beanspruchen … und das mit über dreiunddreißig Jahren!
Nun folgte die Entscheidung: Peter Winkler stand oben am Start und die Uhr fing an zu laufen. Im Zielraum war es geradezu gespenstisch ruhig … bis seine erste Zwischenzeit aufleuchtete. Eine sensationelle Zeit, vier Zehntelsekunden besser als Marcs! Die vorwiegend aus Österreichern bestehende Zuschauermenge feuerte ihren Nationalhelden lautstark an. Kurz darauf hatte Peter den schwersten Teil der Strecke in blendender Form zurückgelegt.
Resigniert schaute Marc zu Boden. Er wusste, dass sein ewiger Konkurrent im Flachen besser war als er. Er drehte sich um und wollte gerade zu seinem Trainer gehen, als ein wilder Aufschrei durch die Menge ging und die heisere Stimme des Sprechers sich fast überschlug …
»AUSGESCHIEDEN! Peter Winkler ist am drittletzten Tor ausgeschieden, unfassbar!«
Im nächsten Moment war Marc von aufgeregten Journalisten und Fans umringt. Eine alte Bekannte gratulierte ihm besonders innig: Die hübsche SRF-Reporterin Lara Frey fiel ihm jubelnd um den Hals und schrie völlig aus dem Häuschen: »Mensch, Marc! Weltspitze!«
Lachend befreite er sich aus ihrer Umarmung und staunte über die vielen Mikrofone, die ihm entgegengestreckt wurden. Erst ganz langsam begriff er, dass er tatsächlich gewonnen hatte.
Es ist verdammt anstrengend, überdurchschnittlich intelligent zu sein. Und ich meine das keineswegs ironisch. Oder arrogant. Hochmut ist eine der sieben Todsünden. Aber hochmütig ist man eben nur dann, wenn man seine eigenen Fähigkeiten nominal überschätzt. Ich bin jedoch nachweislich smarter: Mein IQ liegt bei hundertvierundfünfzig. Damit gehöre ich zu der nur null Komma vier Prozent starken Gruppe von Erdenbürgern, die man als »hochbegabt« bezeichnet. Doch die Nebenwirkungen dieser eigentlich positiven Eigenschaft, mit der man übrigens genauso geboren wird wie mit roten Haaren oder blauen Augen, sind nicht ohne: Manchmal denke ich so intensiv über die Probleme unserer Gesellschaft nach, dass mein Kopf oder besser gesagt mein Hirn überhitzt. Eine Art Kolbenfresser im Denkapparat. Ausgelöst durch zu wenig Schmiermittel in der Form von Nahrung oder Schlaf. Letzteres vergesse ich oft, vor allem, wenn mich mehrere Themen gleichzeitig beschäftigen. Dann muss ich mich quasi selbst rebooten.
Außerdem gilt Intelligenz unter Jugendlichen als extrem uncool. Nach zehn harten Schuljahren weiß das niemand besser als ich. Dabei ist es noch nicht mal so, dass ich meine Klassenkameraden ablehne oder unsympathisch finde. Es gibt einfach keine Schnittmenge zwischen ihren und meinen Interessen. Zum Leidwesen meiner Familie und Lehrer bin ich weder sportlich noch übermäßig an den anderen, »normalen« Freizeitbeschäftigungen meiner Altersgenossen interessiert. Stattdessen stecke ich meine ganze Energie in den Schutz unserer Umwelt. Die Berge bedeuten mir persönlich sehr viel, weil ich hier geboren wurde. Aber darüber hinaus sind die Alpen auch quasi die europäische Klima-Frühwarnanlage. Die hiesigen Ökosysteme reagieren besonders sensibel auf die Erderwärmung und andere schädliche Einflüsse. Deshalb kämpfe ich für den Erhalt meiner Heimat – und bin ein Alpen-Rebell.
Andrea schaute sich die offizielle Preisverleihung auf dem Monitor im VIP-Zelt an. Hier herrschte nach dem Rennen eine wohltuende Leere, während es hinter der Bühne im Zieleinlauf nur so von Leuten wimmelte. Außerdem würde sie Marc für die nächsten Stunden sowieso nicht zu Gesicht bekommen. Er gab bestimmt wie üblich ein Interview nach dem anderen. Fernsehen, Radio, Presse. Heute, als neuer Anführer des Weltcup-Rankings, würde es garantiert doppelt so anstrengend wie sonst. Alle würden sich um ihn und seine coolen Statements reißen.
Bei den ersten Rennveranstaltungen hatte sie noch den Fehler gemacht, während dieses PR-Wirbels an seiner Seite zu bleiben. Aber das war für sie schnell zu einer Lektion in Demut mutiert: Niemand beachtete sie, stattdessen wurde sie von ungeduldigen Fotografen gebeten, zur Seite zu treten oder kurzerhand aus dem Bild geschubst. Auch für die drahtigen Sportjournalisten schien ihre Anwesenheit eher ein lästiges Übel zu sein, weshalb sie Marc, der sie anfangs noch allen als seine Freundin vorgestellt hatte, flüsternd erklärt hatte, dass sie lieber im Hotel auf ihn warten würde.
In Augenblicken wie diesen kam sich Andrea völlig fehl am Platz und verloren vor. Sie hasste dieses Gefühl. Denn sie war keineswegs neidisch. Ganz im Gegenteil, sie gönnte Marc diese Erfolge von ganzem Herzen und freute sich über die wohlverdiente Aufmerksamkeit, die ihm dadurch zuteilwurde. Trotzdem fragte sie sich, welchen Einfluss ein solches Ungleichgewicht – Marc als umschwärmte Lichtgestalt und sie als verschmähte Schattenfrau – auf ihre Beziehung hatte. Fakt war, sie brauchte ihn mehr als er sie. In jeder Hinsicht, emotional wie leider auch finanziell. Seit sie ihren Job als Polizistin an den Nagel gehängt hatte, versuchte sie sich als freiberufliche Privatdetektivin zu bewähren. Doch bis auf einige Hintergrundrecherchen für russische Geschäftsleute hatte sie bislang keine Aufträge zu verzeichnen. Und das lag eindeutig an der Tatsache, dass sie zu viel mit Marc zusammen war.
Den Sommer hatten sie quasi im – unbestritten wundervollen – Dauerurlaub verbracht, und seit Oktober begleitete sie ihn auf seinen Reisen zu den weit verstreuten Weltcup-Austragungsorten. Da war es schwierig, einer regulären Arbeit nachzugehen. Deshalb hatte es sich nach und nach so ergeben, dass Marc die meisten ihrer Rechnungen übernahm. Sie konnte sich die vielen Flugtickets, Hotelaufenthalte und Restaurantbesuche schlichtweg nicht leisten. Aber es fiel ihr trotzdem nicht leicht, sich von Marc aushalten zu lassen.
Heute hatte Andrea mehr oder weniger den ganzen Tag im schneeweiß dekorierten VIP-Zelt zwischen der Weinbar und dem permanent frisch aufgefüllten Buffet verbracht – und die zuständige Servicekraft, die gerade den Tisch abräumte, nickte ihr freundlich, wie einer alten Bekannten, zu.
»Wir schließen jetzt gleich, aber falls Sie noch etwas möchten, bringe ich es Ihnen gern.« Gemäß dem Namensschild an ihrem üppigen Ausschnitt hieß die hilfsbereite Kellnerin Claudia.
»Nein, danke. Ich schaue mir nur noch die Preisverleihung zu Ende an«, antwortete Andrea. Irgendwie fühlte sie sich unter Menschen besser als allein im Hotelzimmer.
»Natürlich. Kein Problem.« Sorgfältig wischte Claudia mit einem nassen Schwamm um ihr halb leeres Wasserglas herum und trollte sich dann zu einem anderen Tisch.
Während Andrea auch weiterhin die stummen Bilder auf dem übergroßen Bildschirm verfolgte – Marc wurde gerade von der bekannten SRF-Moderatorin Lara Frey interviewt –, musste sie sich eingestehen, dass sie sich die Beziehung mit ihrer großen Liebe irgendwie anders vorgestellt hatte. Immerhin waren sie beide inzwischen dreiunddreißig Jahre alt. Wie lange wollte Marc denn noch diesem gemeingefährlichen Profisport nachgehen? Diesmal war es »nur« ein Riesenslalom gewesen, aber schon nächste Woche würde er wieder mit hundertfünfzig Sachen über die total vereiste Piste beim Abfahrtsrennen in St. Moritz fegen. Dabei wurde ihr jedes Mal, wenn er dort oben am Start stand, ganz flau im Magen. Denn egal wie oft er ihr versicherte, dass die Sicherheitsstandards der Rennen noch niemals zuvor so ausgefeilt gewesen wären wie jetzt, in ihren Augen riskierte er damit sein Leben.
Und während er in seinem vergleichsweise hohen Alter noch immer den Supermann im Rennanzug spielte, fragte sie sich, wie es mit ihnen als Paar weitergehen sollte. Was war mit Kindern? Oder mit ihrer eigenen Karriere? Wann würde er dieses unstete Leben für eine gemeinsame Zukunft mit ihr aufgeben? Doch auf entsprechende Fragen reagierte Marc unwirsch. Fast genervt. Offenbar bedeutete ihm der Skizirkus und das damit einhergehende Rampenlicht mehr als ein bodenständiges, alltägliches Leben mit ihr.
»Hier sind noch ein paar Erdnüsse. Die müsste ich sonst eh wegschmeißen«, unterbrach Claudia ihre tristen Grübeleien. Sie stellte das gut gefüllte Schälchen direkt neben ihr ab, und mechanisch griff sich Andrea eine Handvoll dieser Nervennahrung.
Das Karussell ihrer Gedanken drehte sich weiter. Ehrlich gesagt verstand sie nicht, wie Marc so problemlos zwischen diesen beiden doch eigentlich unvereinbar scheinenden Welten hin- und herwechseln konnte: Auf der einen Seite war er ein heimatverbundener typischer Wengener, der sich nicht zu schade war, bei Umzügen die Möbel von Freunden und Bekannten zu schleppen, auf einem Polterabend die Braut zu entführen oder seinen diversen Patenkindern das Rollschuhlaufen beizubringen. Auf der anderen Seite fühlte er sich – ganz im Gegensatz zu ihr – auch auf den exklusivsten Events wohl und unterhielt sich dort angeregt mit internationalen Filmgrößen, milliardenschweren Geschäftsleuten oder Politikern, die alle – wenn er, so wie heute, gewann – seine Nähe suchten.
Ihr selbst ging die Leichtigkeit im Umgang mit diesen wildfremden Menschen leider vollkommen ab. Das Showbiz lag jenseits ihrer Wohlfühlzone. Außerdem ertappte sie sich immer wieder dabei, auf die vielen hübschen Frauen in seiner Umgebung eifersüchtig zu sein. Egal, wo Marc und sie auch hinkamen, ewig wurde er von diesen wahrscheinlich überwiegend promigeilen Ludern aller Altersklassen umschwärmt. Und obwohl sie ihm eigentlich nicht vorwerfen konnte, auf diese flirtenden Hyänen näher einzugehen, nervte sie das blöde Getue gewaltig. Von Zeit zu Zeit konnte sie auch einfach nicht aus ihrer Haut: Bei manchen Frauen war sie völlig grundlos misstrauisch. Wie zum Beispiel bei dieser Lara Frey, die ihren Marc beim Interview gerade so inniglich anhimmelte …
»Ist doch schön, dass sich die zwei noch so gut verstehen«, sagte die Servicekraft in diesem Augenblick. Sie war nach dem Reinemachen hinter Andrea stehen geblieben und betrachtete andächtig den Bildschirm.
Irritiert blickte Andrea zu ihr auf. »Wie bitte?«
»Der Gassmann und seine Sportreporterin.« Claudia zeigte auf den Monitor.
»Ähm … warum sollten sie sich denn nicht gut verstehen?«
»Na, vorletztes Jahr ist doch mächtig was zwischen den beiden gelaufen! Himmel, das war vielleicht eine Show, die die hier vor unser aller Augen abgezogen haben. Wie die Teenager haben die rumgeknutscht. Die hätten sich besser mal ein Zimmer besorgt … Aber das haben sie ja dann auch bestimmt!« Claudia kicherte amüsiert.
»Verwechseln Sie da nicht jemanden? Meinen Sie wirklich Marc Gassmann oder einen der jüngeren Skifahrer?«
»Nee, ganz bestimmt nicht. Für den Gassmann habe ich schon vor fünfzehn Jahren geschwärmt … dufter Typ … dem hätte ich selbst gern mal schöne Augen gemacht. Aber der steht eben nicht auf so Ottonormalverbraucher wie uns. Da muss es schon eine Schönheit wie diese TV-Tante sein!«
»Das hättest du mir sagen müssen!«, schrie Andrea aufgebracht. Sie hatte den ganzen Abend versucht, sich zusammenzureißen und dem blöden Geplapper der Kellnerin keine übermäßige Bedeutung beizumessen. Aber dann, nach dem Dessert, hatte Marc die Reporterin, die mit ihrer Crew ein paar Meter weiter im hoteleigenen Restaurant saß, an ihren Tisch geholt und sie als »meine alte Freundin Lara« vorgestellt. Das hatte Andrea den Rest gegeben. Und als sie endlich mit Marc allein in ihrem Zimmer war, konnte sie sich nicht mehr beherrschen.
»Was hätte das denn geändert?«, fragte Marc. »Lara und ich hatten eine kurze, unbedeutende Affäre, die lange, bevor ich dich wiedergesehen habe, beendet war. Soll ich dir jetzt über alle One-Night-Stands der letzten zehn Jahren Auskunft geben? Das ist doch vollkommen irrsinnig.«
»So wie diese Lara dich angestrahlt hat, macht sie sich ganz offensichtlich Hoffnungen auf einen Neuanfang mit dir. Da will ich euch beiden Turteltauben nicht im Weg stehen!« Andrea öffnete ihren Koffer und fing an, ihre durchs Zimmer verstreuten Klamotten aufzusammeln und einzupacken.
Marc stoppte sie, indem er liebevoll seinen Arm um ihre Taille legte. »Mensch, Andrea, jetzt mach doch mal halblang. Lara bedeutet mir nichts. Wir sind inzwischen einfach gute Freunde, aber –«
Sie befreite sich aus seinem Griff. »Tolle Freunde hast du da! Also ich für meinen Teil springe jedenfalls nicht mit meinen ›guten‹ Freunden ins Bett!«
»… aber dich liebe ich«, sprach Marc ruhig zu Ende. »Du bist die Frau meines Lebens.«
»Das würde ich jetzt an deiner Stelle auch sagen. Gib es zu, du willst einfach nur deine Ruhe!«
Marc lächelte vielsagend. »Nein, eigentlich hatte ich ganz andere Pläne für den restlichen Abend. Aber momentan sieht es leider nicht danach aus, dass meine durchaus fantasievollen Wünsche in Erfüllung gehen.«
Andrea drehte sich um und schmiss ihm einen Pullover an den Kopf. »Da kannst du Gift drauf nehmen. So schnell kehren wir diese Sache nicht unter den Teppich. Was für eine Garantie kannst du mir geben, dass eure ›freundschaftliche‹ Affäre nicht doch noch einmal aufflackert? Gelegenheit macht Sex. Und ich kann dir schließlich nicht die ganze Zeit lang hinterherfahren. Irgendwann muss ich auch wieder arbeiten.«
»Bitte fang nicht schon wieder mit diesem verdammten Thema an.« Marcs Gesichtsausdruck war auf einmal finster. »Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass es mir nichts ausmacht, diese Ausgaben zu übernehmen. Du brauchst keinen neuen Job. Es ist viel wichtiger für mich, dich bei mir zu haben.«
»Weil du mich sonst mit dieser Lara betrügst? Die ist ja schon von Berufs wegen an jeder Rennstrecke zu Hause!«
»Natürlich nicht! Ich möchte dich einfach –«
»Nein, Marc. Dieser Vorfall heute hat mir unmissverständlich klargemacht, wie wichtig es ist, dass ich selbstständig bleibe. Morgen fahre ich nach Zürich und suche mir endlich wieder einen richtigen Arbeitsplatz.«
Sie stritten noch eine ganze Weile. Dann versöhnten sie sich. Im Bett – wie immer. An ihren unterschiedlichen Standpunkten änderte sich trotzdem nichts: Marc wollte sie partout nicht ziehen lassen, obwohl sie ihm hoch und heilig versprochen hatte, am Wochenende – beim nächsten Rennen – dabei zu sein. Doch Andreas Entschluss stand fest. Sie würde sich nicht an seine Rockzipfel beziehungsweise an seinen Rennanzug klammern, nicht in diese gefährliche Abhängigkeitsfalle tapsen. Denn dass so etwas nie gut ging, hatte sie schon recht früh gelernt – am traurigen Beispiel ihrer eigenen Mutter.
Während sie schlaflos in Marcs Armen lag, musste Andrea plötzlich an Daniel denken. Ihr Ex-Mann war auch so rasend eifersüchtig gewesen. Doch erst jetzt konnte sie sein Verhalten nachvollziehen: Offenbar gab es in jeder Beziehung einen Partner, der stärker liebte als der andere und das schlug sich dann in diesen irrationalen Verhaltensweisen nieder. Aber solche negativen Gedanken waren nicht gut für sie. Sie brauchte eine richtige Aufgabe. Ein eigenständiges Leben. Sie wollte nicht darüber nachgrübeln, warum Marc ausgerechnet sie liebte und nicht eine andere. Eine schönere, wahrscheinlich wohlhabendere und begabtere Frau – so eine wie Lara Frey. Diese selbstquälerischen Gedankenspiele führten doch zu nichts. Man konnte einen Partner, der ausbrechen wollte, nicht festhalten. Auch Daniel und sie hatten sich getrennt. Und jetzt schien er mit seiner neuen Freundin Petra glücklich zu sein. Dass hatten ihr zumindest Bekannte erzählt, denn zu Daniel selbst hatte sie seit der Scheidung keinen Kontakt mehr.
Marc drehte sich im Schlaf auf die Seite und presste sie noch etwas enger gegen seinen warmen, athletischen Körper. Andrea unterdrückte ein Seufzen. Ja, sie würde ihn vermissen, wenn sie morgen allein nach Zürich fuhr. Keine Frage. Aber es war trotzdem die einzig richtige Entscheidung. Selbst wenn sie anfangs dort in seinem Haus in Kilchberg leben musste. Doch sobald sie einen neuen Job hatte, würde sie sich ein eigenes kleines Apartment leisten, einen Rückzugsort für alle Fälle, den sie hoffentlich nie brauchen würde. Aber Vorsicht war eben tausendmal besser als ein viel schlimmeres Gefühl: Reue.
»Versprich mir, dass du bei dieser Rennveranstaltung nichts anstellst!«, sagt mein Vater mit ernster Stimme.
»Was meinst du damit?«, frage ich, weil ich es generell nicht mag, wenn sich jemand unklar ausdrückt.
»Das weißt du ganz genau«, antwortet er. Da er mich jedoch inzwischen auch ein wenig kennt, spezifiziert er seine Sorgen. »Du wirst dich weder an Bäume anketten noch versuchen, durch Sitzblockaden oder einen ähnlichen Blödsinn das Training oder den Ablauf des verdammten Weltcup-Rennens zu behindern. Außerdem wirst du keine Sachbeschädigung und keinen Hausfriedensbruch begehen.«
Ich nicke anerkennend. Meine Eltern lernen dazu. Die Aufzählung ist schon eine ziemlich vollständige Verbotsliste. Doch glücklicherweise sind die zwei Dinge, die ich tatsächlich geplant habe, nicht inkludiert. Denn ich verstoße nur ungern gegen ausdrückliche Verbote meiner biologischen Erzeuger. In der Bibel steht, dass man seine Eltern ehren soll, und soweit es mir möglich ist, versuche ich mich an diesen jahrhundertealten, allgemein gültigen Kodex des menschlichen Zusammenlebens zu halten. Auch wenn das für einen selbst erklärten militanten Umweltschützer wie mich manchmal echt schwierig ist.
»Also, haben wir uns verstanden?« Mein Vater sucht den Augenkontakt mit mir. Eine soziale Konvention, die mir unangenehm ist.
Ich nicke erneut, obwohl er sich schon wieder recht beliebig ausdrückt: Das Verständnis zweier Menschen von ein und derselben Kommunikation wird aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungshorizonte und Wahrnehmungsfilter niemals das gleiche sein. Aber heute fühle ich mich gut und entscheide, ihn nicht darauf hinzuweisen.
Erleichtert atmet mein Vater aus. »Danke, Jonas.«
Ich grinse. »Keine Ursache.«
Mein Vater schüttelt amüsiert den Kopf und geht mit einem erleichterten Lächeln aus meinem Zimmer. Obwohl es Mittwoch und bereits elf Uhr abends ist, weist er mich nicht daraufhin, dass ich morgen früh in die Schule gehen muss. Das rechne ich ihm hoch an. Denn erstens werde ich sowieso ab der zweiten Stunde schwänzen, und zweitens möchte ich unbedingt noch weiter an dem Flyer arbeiten, den ich morgen verteilen will.
Nachdem ich das Passwort eingegeben habe, hebt sich mein Bildschirmschoner – eine eigenhändig aufgenommene Fotografie der Aussicht vom Corvatsch-Gletscher – und die Überschrift meines Flugblatts wird sichtbar: »Kämpfe für die ökologischen Alternativen zu Streusalz!« Ich weiß, manchmal bin ich in den Worten meiner Mutter »ein unerträglicher Geheimniskrämer«, aber bei manchen Unternehmungen muss man eben Vorsicht walten lassen. Dazu gehört übrigens auch das geplante Treffen mit der blonden Sportmoderatorin, mit der ich mich schon letztes Jahr so ausführlich unterhalten habe.
Während ich weitere Vorteile von biologisch abbaubarem Bimsstein und Kalzium-Magnesium-Acetat im Kampf gegen vereiste Straßen und Gehwege ausführe, überlege ich gleichzeitig, mit welchen Taktiken ich Frau Frey noch mehr von meiner Sichtweise der Dinge überzeugen könnte.
Marcs Herz schien zu fliegen. Das Gefühl der Schwerelosigkeit nach der letzten Steilkurve hielt noch immer an. Wie im Rausch schoss er – jeden Muskel zum Bersten gespannt – aus dem schwierigen Hang und duckte sich tiefer in die Abfahrtshocke. Jetzt bloß keinen Luftwiderstand bieten, sonst fehlte der Speed ins Flache; dann war das Rennen gelaufen. Und bei diesem Höllentempo bremste schon ein unachtsam ausgestreckter Daumen. Aber das würde ihm nicht passieren. Wild entschlossen, umklammerte er beide Skistöcke. Seine tränenden Augen erkannten bereits den letzten Sprung, auf den er unerbittlich schnell zuraste. Das war eine lösbare Aufgabe: Gerade mal fünfzig Meter vom Absprung bis zur Landung – wenn man alles richtig machte. Da war er Schlimmeres gewohnt. Im Weltcup sprang man meistens achtzig Meter oder mehr …
Da! Es war so weit. Wie auf Schienen preschte er über die Kante … und fühlte im gleichen Moment, dass etwas Entscheidendes nicht stimmte, geradezu katastrophal schieflief! Er hatte den Absprung falsch erwischt! Plötzlich geschah alles wie in Zeitlupe: Um seine Flugposition zu korrigieren, streckte Marc reflexartig die linke Hand aus … als ob er sich – mitten in der Luft – an einem imaginären Balken festzukrallen vermochte, der sein Gleichgewicht auf magische Weise wieder stabilisieren würde … Doch statt neuer Balance spürte er, wie die Aerodynamik ihn immer weiter in die falsche Richtung drängte! Er stieg höher, und die einsetzenden Fliehkräfte zwangen ihn, seine geduckte Haltung aufzugeben, sich zu öffnen.
»Bleib klein, sonst landest du quer«, schrillte eine warnende Stimme durch seinen Kopf.
Mit irren Verrenkungen versuchte er krampfhaft, die Skier parallel zur Fahrtrichtung zu drehen, aber er flog immer noch mit hundertdreißig Stundenkilometern durch die Luft und die vereiste Piste kam beängstigend schnell näher …
Irgendwie gelang es ihm, den rechten Ski gerade zu halten. Dadurch konnte er den allerhärtesten Aufschlag bei der Landung zumindest auf einem Bein abfedern. Verzweifelt bemühte er sich, sein anderes Bein mit dem zweihundertvierundzwanzig Zentimeter langen Ski ebenfalls unter seinen Körper zu ziehen, um wieder mit beiden Skiern parallel zur Fahrtrichtung den Berg herunterzurasen. Doch einen Wimpernschlag später spürte Marc, wie er die Kontrolle verlor.
Im nächsten Moment stürzte er und sein dramatisch beschleunigter Körper schlug ein ums andere Mal brutal auf dem betonharten Eis der Piste auf. Immer und immer wieder. Wie im Schleudergang einer Waschmaschine.
Er hörte ein entsetzliches Knacken, spürte aber nichts. Lediglich ein weißes Flimmern und die unablässigen Schläge auf Schultern, Rücken und Kopf nahm er wahr, als er ungebremst und mit vernichtender Gewalt den steilen Berg hinunterschoss. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sich sein unkontrollierter Fall verlangsamte. Doch endlich verfing sich sein geschundener Körper im Sicherheitsnetz. Stillstand. Ausatmen. In der unbequemen Bauchlage versuchte Marc, sich zu orientieren und den erlittenen Schaden an seinem Körper abzuschätzen. Was tat alles weh?
Doch merkwürdigerweise hatte er keine Schmerzen. Er blickte an sich herab. Offenbar war alles heil. Nur sein linkes Knie stand so komisch ab. Um es nicht bewegen zu müssen, versuchte er, seinen Körper vorsichtig um das lädierte Bein zu drehen, als er sich auf den Rücken wälzte. Marc richtete seinen Oberkörper auf. Es tat ihm immer noch nichts weh, und er winkte den heraneilenden Pistenhelfern beruhigend zu. Dann drückte er sich mit beiden Händen vom Boden ab und versuchte aufzustehen. Doch zu seinem Entsetzen sah er, wie sich sein linker Unterschenkel verselbstständigte und – als ob er nicht zu seinem restlichen Körper gehörte – seitlich wegklappte!
Im nächsten Moment setzte seine Wahrnehmung wieder ein, und es kam ihm vor, als ob jemand sein Knie mit einem Vorschlaghammer bearbeitete: Unerträgliche Schmerzwellen jagten durch ihn hindurch, und er musste sich übergeben.
Vage bekam er mit, dass ihn jemand mit einer Decke vor den gaffenden Zuschauern abschirmte, danach wurde er von mehreren Händen auf eine Trage gehoben. Durch den Schleier der immer noch übermächtigen Schmerzen hindurch spürte Marc, dass er am ganzen Körper zitterte. Schüttelfrost. War das der Schock? Er machte den Mund auf, um zu sprechen, aber seine Zähne klapperten zu sehr. Ein Helfer deckte ihn mit einer wärmenden Rettungsdecke aus Folie zu, dann schwanden ihm die Sinne …
Als Marc nach diesem Filmriss wieder zu sich kam, befand er sich offenbar in einem Spital. Nackt bis auf seine Boxershorts lag er unter einem weißen Laken auf einer Krankenliege und fühlte sich grauenhaft. Vollkommen hilflos und ausgeliefert. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte er auf den weiß gekleideten Arzt neben ihm, der gerade nachdenklich ein Röntgenbild betrachtete.
»Dr. Steadman«, stellte der Arzt sich vor und reichte ihm die Hand.
»Und?«, fragte Marc durch zusammengepresste Zähne. Die Schmerzen waren kaum auszuhalten. Warum gab man ihm kein Mittel dagegen?
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Es sieht leider nicht gut aus, Herr Gassmann. Aber sehen Sie selbst …«
Mit einer theatralischen Geste hob er das Laken an und ließ ihn einen Blick auf sein eigenes Knie werfen. Der Schreck fuhr Marc durch alle Glieder. Das Gelenk zwischen seinem Ober- und Unterschenkel war nicht mehr als solches zu erkennen: Ein grotesk angeschwollener, unförmiger Klumpen, dick wie ein Basketball. Rechts und links waren dunkelblaue, an manchen Stellen rötlich schimmernde Streifen zu erkennen.
»Das sind die gerissenen Seitenbänder«, erklärte Dr. Steadman. Er umfasste ganz vorsichtig das lädierte Gelenk und versuchte es anzuheben.
»Argh!« Marc musste sich auf die Lippe beißen, um nicht laut loszuschreien. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass diese Höllenqualen noch schlimmer werden konnten, aber in diesem Moment schienen tatsächlich alle seine Nervenenden in Flammen zu stehen.
Anscheinend entging das auch Dr. Steadman nicht, denn er ließ Marcs Knie ganz sachte zurück auf die Liege sinken. »Ich habe den Sturz im Fernsehen gesehen«, sagte er ernst. »Und ich vermute, dass sich das Kniegelenk während des Sturzes dreihundertsechzig Grad um seine eigene Achse gedreht hat. Es ist praktisch alles in Ihrem Knie gerissen, das nur reißen kann.«
Marc blinzelte gegen die Tränen an. »Wie lange? Wann kann ich wieder trainieren?«
Doch der Arzt ignorierte seine Frage. »Die linke Kniescheibe steckt zum Beispiel hinter Ihrer Kniebeuge fest.«
»Das interessiert mich alles nicht! Ich will nur wissen, wann ich wieder auf die Piste kann, Doktor!« Marc riss sich mit aller Macht zusammen, um sein Gegenüber nicht anzuschreien. Er wusste, dass seine Geduld sehr begrenzt war.
Mitleidig blickte Dr. Steadman auf ihn herab. »Das versuche ich Ihnen ja gerade so schonend wie möglich beizubringen. Sie können von Glück reden, wenn Sie in ein paar Jahren wieder einigermaßen schmerzfrei zu Fuß eine Straße überqueren können. Aber Sie werden nie wieder Ski fahren.«
»Neeeeeeeeeeein!« Marc schrie wie von Sinnen …
… und wachte schweißgebadet und mit klopfendem Herzen aus diesem ewig wiederkehrenden Albtraum auf.
Schwer atmend griff er nach der Wasserflasche auf seinem Nachttisch, setzte sie an seinen vollkommen ausgetrockneten Mund und trank mit gierigen Schlucken. So intensiv und plastisch hatte er schon lange nicht mehr von seinem schweren Unfall in Sestriere geträumt. Damals hatten ihm die Ärzte tatsächlich eine Zukunft als Invalide prophezeit. Aber er hatte sich wie ein Samurai durch die harte Reha und zurück in den Profisport gekämpft. Vier Weltcup-Gesamtsiege hatte er seit dieser Zeit eingefahren, und ein fünfter Titel war nun in unmittelbarer Reichweite: Erst gestern Abend hatte er im piekfeinen »Hotel Engadin« in St. Moritz eingecheckt, und morgen würde er das erste Training für sein siebtes Abfahrts-Weltcup-Rennen der laufenden Saison bestreiten. Auch bei diesem Wettbewerb musste er seinen ewigen Konkurrenten Peter Winkler bezwingen, sonst würde er seinen aktuellen Spitzenplatz in der Wertung gleich wieder abgeben müssen. Ob er deshalb so wild geträumt hatte? Vielleicht. Es konnte aber auch an etwas ganz anderem liegen. Nachdenklich betrachtete er die leere Betthälfte neben sich …
Die Abfahrtsstrecke der Herren auf der Corviglia, wo das Training stattfand, fing ganz spektakulär mit einem sogenannten »freien Fall« an, einem Hang mit hundertprozentigem Gefälle. In sechs Sekunden beschleunigte man dort auf über hundertvierzig Stundenkilometer. Damit die Rennläufer zum Startgelände gelangten, musste die Piz-Nair-Gondel einen Zwischenstopp in luftiger Höhe an einer nachträglich gebauten Metallrampe einlegen. Von dort aus kletterte man dann auf einer nahezu senkrechten Stiege nach oben. Theoretisch. Denn praktisch stand Marc gerade auf der Rampe und kämpfte mit seinen inneren Dämonen, von denen er angenommen hatte, dass sie längst besiegt wären.
Weshalb setzte ihm dieser verdammte Albtraum nur ausgerechnet heute dermaßen zu? Normalerweise steckte er dieses alte Schreckgespenst, das er unter anderem mit autogenem Training bezwungen hatte, locker weg. Doch am heutigen Morgen brach ihm allein bei der Erinnerung an die fürchterliche sechsmonatige Reha-Zeit der kalte Schweiß aus. Seine Knie zitterten. Wie damals auf der Himmelsstiege – von ihm »Höllentreppe« getauft –, auf die ihn sein Physiotherapeut Toni jeden Tag gescheucht hatte. Das war der ultimative »Mann oder Memme«-Test gewesen. Wenn er die hundertachtzig steilen Stufen mit seinen von der Operation geschwächten Muskeln besteigen musste, begann ab etwa der Hälfte seine ganz persönliche »Todeszone«. Dort wurden die Schmerzen so schlimm, dass er nur mit reiner Willenskraft weiter nach oben gelangte. Kriechend. Keuchend. Innerlich Gott und die Welt verfluchend. Oben angekommen, hatte es jeweils eine halbe Ewigkeit gedauert, bis sich sein Puls auch nur annähernd wieder auf eine normale Frequenz beruhigt hatte. Nein, diesen Mist wollte er nie wieder in seinem Leben durchmachen, diese Erfahrung wünschte er nicht einmal seinem ärgsten Feind an den Hals.
Doch warum wurde er ausgerechnet heute von diesen grauenhaften Flashbacks heimgesucht? Er hatte sich doch noch nie dem Druck des Weltcup-Ranking-Erhalts gebeugt. Da alle anderen Trainingsumstände, inklusive der perfekt aufbereiteten, knallharten Piste, unverändert waren, musste er sich schweren Herzens eingestehen, dass es leider nur eine logische Erklärung gab: Andreas plötzliche Abwesenheit warf ihn so aus der Bahn. Nur deshalb schlug er sich wieder mit diesen alten Ängsten herum. Wegen des dämlichen Streits um die für ihn längst abgehakten Affäre mit Lara. Plötzlich ärgerte er sich maßlos darüber, dass er jemals eingewilligt hatte, der Reporterin dieses Interview zu geben. Hätte er sich die fünfminütige Selbstbeweihräucherung mit ihr erspart, wäre Andrea bestimmt immer noch an seiner Seite! Diese Unabhängigkeitsdebatte war doch nur vorgeschoben. Schließlich kam es doch nicht darauf an, ob ihr Lebensunterhalt von »ihrem« oder »seinem« Geld bestritten wurde. In seinen Augen bildeten sie eine unzertrennliche Einheit, da würde über kurz oder lang sowieso alles als gemeinsames Vermögen veranschlagt werden.
»Marc?« Sein Trainer, der bereits oben am Start auf ihn gewartet hatte, trat mit einem überraschten Blick an seine Seite. »Alles okay? Eigentlich wärst du schon längst an der Reihe …«
Marc atmete tief durch und stieß sich entschlossen von dem Geländer ab, an das er sich gelehnt hatte. Dann machte er probeweise einen Schritt nach vorne. Seine Knie waren immer noch weich wie Butter. Aber da musste er jetzt durch. Das hier war schließlich sein Job. »Alles okay, Hans. Ich komme.«
Wie ein alter Mann kletterte er behäbig die Stiege zum Startareal rauf und stieg in die Bindung seiner Ski. Mit einem hohlen Gefühl in der Magengegend rutschte er zur Startlinie vor und blickte auf die von zwei blauen Linien flankierte Piste. Der »freie Fall« erwartete ihn. Und er war alles andere als bereit dafür.
»Drei, zwo, eins«, rief der Startrichter. Dann ertönte das Signal.