Könnten wir es schöner haben als jetzt?

Unbedingt! Und gesünder.

Wir leben besser und länger als jede Generation vor uns. Und doch sind wir verletzlicher als gedacht: Ein Virus hält uns in Atem und ungebremst schlittern wir in die Klimakrise. Langsam dämmert uns: Gesundheit ist mehr als Pillen und Apparate. Wir Menschen brauchen, um gesund zu sein, als Allererstes etwas zu essen, zu trinken, zu atmen.

Und erträgliche Außentemperaturen.

Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.

Eckart von Hirschhausen zeigt, was die globalen Krisen unserer Zeit für die Gesundheit von jedem Einzelnen bedeuten. Er trifft Vordenker und Vorbilder und macht sich auf die Suche nach guten Ideen für eine bessere Welt. Warum kann man gegen Viren immun werden, aber nie gegen Wassermangel und Hitze? Wieso haben wir für nichts Zeit, aber so viel Zeug? Verbrauchen wir so viel, weil wir nicht wissen, was wir wirklich brauchen? Und wie viel CO2 stößt man eigentlich aus, wenn man über die eigenen Widersprüche lacht?

Dieses Buch ist eine Fundgrube von überraschenden Fakten, Reportagen, Essays und Querverbindungen.

Ein subjektives Sachbuch: Persönlich, pointiert, gesund.

Für meine Familie,
alle zukünftigen Generationen
und eine enkeltaugliche Erde

Je größer die Insel unserer Erkenntnis, desto größer ist unvermeidlich das Ufer zum Ozean unserer Ignoranz.

AUFWACHEN KANN DAUERN

Seit Kindertagen liebe ich Sommerurlaub in Österreich, die Berge, die Natur, die Seen und den Kaiserschmarrn. Alles sehr erholsam. Eigentlich. Aber diese Idylle bekommt zunehmend einen Knacks. Letztes Jahr erzählte mir ein befreundeter Bergführer, dass sein Kumpel abgestürzt sei: »Er war einer der erfahrensten Bergsteiger überhaupt. Aber der Fels, über den er schon viele Male sicher gegangen war, brach einfach so unter ihm weg. Das hat mit dem Klimawandel zu tun.« Wie bitte? Kein Einzelschicksal? Warum bröckelt es in den Alpen? Was ich nicht wusste: Hoch oben werden Berge im Inneren oft durch Kälte zusammengehalten. In den vielen kleinen Spalten und Rissen im Stein wirkt das Wasser wie ein Kitt. Wenn es wärmer wird, schmilzt es, dehnt sich aus, und der Verbund, der Jahrmillionen gehalten hat, geht verloren. Die Einschläge kommen näher.

Was gerade auch massiv verloren geht, ist der Wald. Das fiel mir schon in Deutschland beim Wandern auf, aber noch krasser in unserem Feriendomizil auf Zeit. Dort ist der Wald an einzelnen Hängen nicht mehr grün, sondern braun vor Hitze und Trockenheit. Wo man hinschaut: kahle Bäume, die mitten im Sommer ihren Geist aufgegeben haben. Es ist gespenstisch zu spüren, wie sie, die dreimal höher gewachsen sind als ich, von mir Hänfling einfach mit der Hand umgeworfen werden können, weil sie nichts mehr richtig im Boden hält.

Auch das Wetter ändert sich. Statt dem einen regelmäßigen Sommergewitter, das am Nachmittag abregnet, staut und sammelt sich die Energie in den Wolken jetzt über mehrere Tage und entlädt sich dann in geballten Extremwettern. Ein Stück hinter unserem Hotel waren ein komplettes Tal nicht mehr passierbar, Dämme gebrochen, Häuser überflutet. Schlamm- und Gerölllawinen zerstörten ganze Dörfer. Jetzt werden die Mauern erhöht, es soll wieder schön werden. Aber der Knacks ist da.

Einen Sommer vorher in Italien. Weil ich das Salzwasser nicht so gerne in den Augen habe, schwamm ich im Mittelmeer mit Schwimmbrille. Ich hatte den Eindruck, dass sie beschlagen war, daher nahm ich sie im Wasser ab, spülte sie von innen, spuckte im Vertrauen auf den selbstproduzierten Anti-Fog-Special-Speichel einmal rein und setzte sie wieder auf. Wieder trübe Sicht unter Wasser. Ich verstand die Welt nicht mehr. Waren die Plastikgläser stumpf geworden, weil ich die Schwimmbrille nie vorschriftsmäßig im Etui verstaue? Bekomme ich grauen Star? Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Nicht die Brille war das Trübe – das Wasser selbst war es. Und das, was ich für ein lokales Sichthindernis im Inneren der Plastikbrille gehalten hatte, war außen, rund um mich herum. Das Meer war voller kleiner Plastikschwebeteile, die das Licht brachen. Hier und da erkannte man auch noch eine von Sand, Gesteinen und Gezeiten zermahlene Plastiktüte, die gerade von ihrer Makro- in die Mikroexistenz überging und uns noch Jahrzehnte nicht den Gefallen tun wird zu verrotten.

Mir wurde schlecht. Ich ekelte mich und hätte heulen können über diese trüben Aussichten. Über den Grad an Verschmutzung, über die Erkenntnis, Teil dieser Missachtung der Natur zu sein und gleichzeitig »Opfer«, weil mir die Freude am Schwimmen, am Meer, an der Weite über und unter Wasser genommen war. Und weil mir in dem Moment auch klar wurde, wie viel leichter es ist, Wasser zu verdrecken als diese ganze diffuse Menge an Zeug, was da nicht hingehört, wieder zu entfernen.

Es war Sommer, der Hitzesommer 2018, wir besuchten Freunde in Frankreich. In ihrer Dachgeschosswohnung war es einfach unerträglich heiß. Am schlimmsten waren die Nächte, ich konnte nicht schlafen. Die Sonne war zwar weg, aber es kühlte schlichtweg nicht mehr ab. Wir hängten feuchte Handtücher auf, verhängten tagsüber auch die Fenster, duschten dauernd, um uns herunterzukühlen. Aber die Hitze blieb unerbittlich. Mit viel Glück ergatterte ich eins der rar gewordenen Klimageräte, doch die Kiste war laut. Sie bewegte die Luft und sorgte so scheinbar für Kühlung, aber der Strom für den Motor, den sie schluckte, wärmte auf der Rückseite den Raum wieder auf. Auch keine Lösung.

Warm war es in der Region schon immer gewesen, aber diesen Sommer waren es einfach die entscheidenden Grade zu viel. An Erholung war nicht zu denken, alles, was eigentlich Spaß machte, wurde anstrengend. Fahrradfahren war zu schweißtreibend, der Pool heizte sich so auf, dass er keine Erfrischung mehr bot, die Felder waren braun und trocken, die Aprikosen verdorrten an den Bäumen, die wir im Jahr zuvor noch so freudig abgeerntet hatten. Und am Meer war der Sand so heiß, dass man nicht barfuß gehen konnte. Von »Sommerfrische« keine Spur.

Zugegeben: Ich kann Hitze einfach schlecht ab. Als Medizinstudent hatte ich verschiedene Klimazonen kennengelernt, hatte in Südafrika einen Teil meines praktischen Jahrs verbracht, war in Brasilien im tropischen Regenwald unterwegs gewesen, und meine Berliner Wohnung hatte große Fenster, auf die die Sonne direkt draufbrutzelte. Aber anders als zu Studentenzeiten war ich mittlerweile über fünfzig. War meine Klage über die Hitze etwa ein Zeichen des Älterwerdens? Oder ein Zeichen dafür, dass der Klimawandel jetzt auch uns in Europa ereilt?

Von Eilen kann eigentlich keine Rede sein, die Klimakrise ist eine Katastrophe mit Ansage. Vom menschengemachten Treibhauseffekt hatte ich schon in der Schule gehört. Theoretisch war mir das alles klar. Aber bei den drei Aha-Momenten, dem bröckelnden Fels, dem sterbenden Wald und dem verschmutzten Wasser, ging es nicht mehr um eine fiktive Zukunft oder um ferne Länder, es ging ums Hier und Jetzt, mitten in Europa, mitten in Österreich, Italien, Frankreich. Auch in Deutschland hatten wir schon 42 Grad. Die Hitze war keine »Welle«, sie war ein Brett, das einem überall entgegenschlug. Wie Sauna ohne Tauchbecken. Man steht im Freien und will ein Fenster aufmachen, so sehr steht man neben sich. Die Hitze ging mir 2018 das erste Mal so wirklich unter die Haut, schlug mir aufs Gemüt, raubte mir Lebensfreude und Substanz. Ich merkte, wie mein Körper und mein Geist überfordert waren, wie ich träge und mürrisch wurde und nur noch wegwollte. Aber wohin?

Ich las den Wetterbericht, der immer neue Rekorde meldete, ich las von Hitzetoten, von Waldbränden, von indischen Städten mit über 50 Grad, in denen die Wasserversorgung zusammengebrochen war. Und ich stellte mir die Frage: Was, wenn das jetzt nicht mehr die Ausnahme ist – sondern die Regel? Was, wenn alles noch trockener, noch heißer, noch lebensfeindlicher wird? Und was können wir alle, was kann ich tun, oder ist der Zug schon abgefahren? Es gibt Momente, in denen man bestimmten Fragen nicht mehr ausweichen kann.

Im selben Hitzesommer 2018, am 20. August, saß eine schwedische Schülerin, deren Namen damals noch keiner kannte, zum ersten Mal statt in der Schule vor dem Parlamentsgebäude in Stockholm. Sie hatte sich ein Pappschild gebastelt: »Schulstreik für das Klima«, Skolstrejk för Klimatet. Greta Thunberg war da erst fünfzehn, ihre Eltern hatten noch versucht, ihr die Idee auszureden, aber Gretas Entschlossenheit war da – und ungemein ansteckend. Am ersten Streiktag war sie noch allein, dann schlossen sich ihr mehr und mehr junge Menschen an. Die Bilder wurden in den sozialen Medien geteilt und gingen um die Welt, im Dezember beteiligten sich weltweit schon zwanzigtausend Schülerinnen und Schüler. Eine globale Bewegung entstand, »Fridays for Future«. Im selben Monat wurde Greta zum UNO-Klimagipfel nach Kattowitz eingeladen. Ihre Rede dort traf einen Nerv: »Mir geht es nicht darum, bekannt zu sein. Mir geht es um Klimagerechtigkeit und um einen lebenswerten Planeten. Unsere Biosphäre wird geopfert, damit reiche Menschen in Ländern wie meinem in Luxus leben können.«

Meinte die etwa auch mich? Eigentlich hielt ich mich insgeheim immer für einen von den »Guten«, so wie das wahrscheinlich jeder tut. Aber während jene Greta von Schweden nach Davos mit dem Zug fuhr, um klimaschädliches Fliegen zu vermeiden, überlegte ich noch, welche Prämien ich mir von meinen gesammelten Flugmeilen aussuchen könnte.

Keine vier Wochen später bekam ich eine E-Mail: »Hallo Eckart, wir waren zusammen auf dem Schadow-Gymnasium. Am letzten Freitag haben Tausende Schüler aus dem ganzen Bundesgebiet gegen den Klimawandel demonstriert. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn du dich am 15.03. auf einer der Demos von ›Fridays for Future‹ mit ein paar Worten an die Schüler wenden könntest. Bully Herbig hat das neulich auch schon gemacht.« Darunter waren die Kontaktdaten von einer Luisa Neubauer. Nie gehört. Aber ich war neugierig geworden.

Luisa hatte Greta in Kattowitz kennengelernt und angefangen, die Idee der öffentlichen Klimastreiks in Deutschland umzusetzen. Wir telefonierten und trafen uns zusammen mit einem ihrer Mitstreiter in Berlin – bei meinem Bruder Christian und seiner Familie. Mein Bruder ist Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und beschäftigt sich mit der Energiewirtschaft, dem desaströs verzögerten Kohleausstieg und den versteckten Kosten der Kernenergie. Ich dachte, das kann nicht schaden, wenn die jungen Leute Zugang zu Fachwissen bekommen. Weit gefehlt. Die beiden brauchten keinen Nachhilfeunterricht, sie kannten sich bestens aus und wussten, wie zentral die erneuerbaren Energien für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels sind, das Deutschland im Paris-Abkommen ja zugesagt hatte. Da war ich still und dachte: Was für eine Menge an ungelösten Fragen und Verantwortung halsen wir da der nächsten Generation auf?

An dem Abend entstand der Plan, dass ich auf der Demo etwas aus ärztlicher Sicht sagen würde, aber nicht alleine, sondern wenn schon, dann zusammen mit Christian und seiner Tochter, um zu zeigen, dass dieses Thema Generationen und Fachgebiete verbindet. Durch den Impuls von außen kam familienintern plötzlich eine ganz eigene Dynamik in Gang, und wie wahrscheinlich in vielen Familien waren auch wir nicht immer einer Meinung. Aber wir fingen an, andere Gespräche zu führen, neue Gemeinsamkeiten zu entdecken und über das zu sprechen, was jeden von uns bewegte.

Schleichend verschob sich bei mir auch meine Rolle in der Öffentlichkeit. Durch die Gruppe »Scientists for Future« nahm ich zum ersten Mal an der Bundespressekonferenz teil, nicht als Journalist, sondern auf der anderen Seite, auf dem Podium. Siebenundzwanzigtausend Wissenschaftler:innen hatten eine Petition unterschrieben, um gegenüber der Politik zu bestätigen: Das Anliegen der Jugendlichen ist völlig berechtigt. Plötzlich wurde ich so etwas wie ein Klimaaktivist, wozu ich mich eigentlich nie berufen gefühlt hatte. Ich war ja kein Alt-68er, wie auch, mit Jahrgang 1967. Aber ist jeder, der nicht mehr länger passiv bleibt, gleich ein Aktivist?

Die Jugendlichen stießen mich mit ihrem Elan und ihrer Konsequenz aus der Selbstzufriedenheit in eine mittlere Midlife-Crisis. War es jetzt Zeit, sich zurückzulehnen oder aufzulehnen? Mir klang der Ruf in den Ohren: »Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!« Was hinterlassen wir, die Kinder von Wirtschaftswunder, Wachstumsglaube, Freiheit und Frieden, den nächsten Generationen? Wie viele Ressourcen darf jeder von uns verbrauchen? Stimmt es, dass wir in den letzten fünfzig Jahren so viele fossile Brennstoffe in die Luft gejagt haben wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, dass so viele Arten ausgerottet wurden wie seit den Dinosauriern nicht mehr und wir vor einem Kollaps unserer Zivilisation stehen, den wir uns selber eingebrockt haben? Und wenn das so ist: Warum regt das nur so wenige wirklich auf? Haben wir das Thema gezielt ausgeblendet oder falsch kommuniziert?

Seit dem Hitzesommer war mir klar, dass es schon lange nicht mehr nur um Eisbären und den Regenwald geht, sondern auch um die Gesundheit hier bei uns in Deutschland. Da war es, das Verbindungsstück, nach dem ich gesucht hatte. Obwohl Themen wie die globale Gesundheit in meiner Ausbildung mit keinem Wörtchen vorgekommen waren, interessierte ich mich schon lange für Querschnittsfragen, für Vermittlung, für Zusammenhänge. Und scheiterte selber regelmäßig dabei, in der globalisierten Welt die richtigen Entscheidungen zu treffen. Allein sich gesund zu ernähren war ja eine Wissenschaft für sich geworden: Soll ich den Bioapfel aus Neuseeland kaufen oder den regionalen, der mit großem Aufwand frisch gehalten wird? Sind die Fette in der Avocado so gut, dass die fetten Nebenwirkungen für die Klimabilanz gerechtfertigt sind? Und was hat Palmöl eigentlich in jedem Keks und sogar in meinem Tank verloren, wenn dafür das Beatmungsgerät der Erde, der tropische Regenwald, abgeholzt wird?

Mir wurde schnell klar, dass es nicht reicht, wenn ich als Privatperson den Strohhalm aus Plastik weglasse und den Jutebeutel heraushole, wenn ich mit dem Auto zum Großeinkauf fahre – so wenig ich es mir als öffentlicher Mensch erlauben kann, weiter keine Haltung zu all diesen Fragen zu haben. Vielmehr muss ich die Möglichkeit nutzen, Menschen darauf hinzuweisen, welche Risiken die Klimakrise für unsere Gesundheit in sich birgt. Und dass unsere Gesundheit nicht nur an Arztpraxen, Kliniken und Tabletten hängt, sondern auch an einem gesunden Planeten.

Ich beschloss, Experten und Expertinnen aufzusuchen, die mir Antworten auf meine vielen Fragen geben konnten. Meine Reise führte mich ins Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, in die Ministerien für Gesundheit, Umwelt, wirtschaftliche Zusammenarbeit und ins Auswärtige Amt, auf Podien beim Evangelischen Kirchentag und Deutschen Pflegetag. Ich sprach mit NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) wie Greenpeace genauso wie mit der katholischen Landjugend. Ich lernte Vordenker:innen wie Jane Goodall und Ernst Ulrich von Weizsäcker kennen und sprach mit Harald Lesch darüber, warum Naturgesetze nicht verhandelbar sind. Auf dem Hof von Sarah Wiener aß ich mit gutem Gewissen mal wieder Fleisch, und Dirk Steffens erklärte mir, warum uns der Verlust von Artenvielfalt und Insekten mehr raubt als nur den Honig. Ständig stieß ich auf Probleme, von deren Existenz ich vorher noch nicht einmal wusste, geschweige denn, wie sehr wir gerade auf dem Holzweg sind. Da konnte auch einem Berufskomiker das Lachen vergehen. Aber vielleicht fehlte ja gerade auch der Humor, der Perspektivwechsel, das Um-die-Ecke-Denken, um zu verstehen, wie tief wir in der Tinte sitzen?

Dieses Buch ist ein Reisebericht, kein Endergebnis. Denn noch während ich am Schreiben war, brach die nächste Krise über uns herein: Corona. Etwas völlig Neues. Stimmt. Aber nicht völlig unerwartet. Hat das nicht auch etwas damit zu tun, wie wir mit den Lebensräumen von Tieren umgehen und mit Tieren handeln, wenn Viren von einer Art auf die andere, sprich auf den Menschen überspringen? Corona präsentierte uns ungebeten weitere Themen: Wo sind die Grenzen der Medizin, was ist uns jedes Leben wert und wie sehr hängt meine Gesundheit von der Gesundheit derer ab, die in meiner Umgebung leben – oder sogar am anderen Ende der Welt? Haben wir vergessen, dass wir verletzlich sind, sterblich und endlich? Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe war schon vor 2020 weltweit der Killer Nummer eins. Und wie Studien bald nach Ausbruch der Pandemie zeigen konnten, waren vorgeschädigte Lungen besonders anfällig für die Viren. Dort, wo die Luft am dreckigsten ist, sterben mehr Menschen an schweren Verläufen von Covid-19.

Klimaschutz, Artenschutz, Gesundheitsschutz – ohne zu Verschwörungstheorien zu neigen: Da gibt es einen Zusammenhang! Daher ist dieses »subjektive Sachbuch« der Versuch, einen Teil der Grenzen, in denen Themen oft verhandelt werden, aufzuheben. Wissenschaft lebt davon, nach Wahrheiten jenseits der subjektiven Wahrnehmung zu suchen. Genau aus diesem Grund testen wir Medikamente doppelblind gegen Scheinmedikamente: um unsere Erwartung und den Placeboeffekt beim Patienten auszuschließen. Aber wenn es für die heilsame Wirkung so wichtig ist, was Arzt und Patient wechselseitig denken, fühlen und erwarten, folgt doch daraus, dass es sowohl rational erforschte Medikamente als auch empathische Information braucht. Deshalb finden Sie hier eine wilde Mischung aus Sachinformation und Geschichten, Privates, Politisches und Poetisches. So kann ein Teil meiner Entdeckungen hoffentlich an Ihre Bedürfnisse, Vorerfahrungen und Hoffnungen andocken. Damit Sie für sich alles in Ruhe einsortieren können.

Im Nachhinein müssen wir wohl den Hitzewellen 2018 und 2019 dankbar sein. Durch diesen Vorgeschmack auf die Hölle waren viele – wie auch ich – »weichgekocht« und bereit, das, was die Wissenschaftler:innen schon seit Jahrzehnten angekündigt hatten, ernst zu nehmen: Der Klimawandel ist die größte Gesundheitsgefahr der Gegenwart. Und deshalb auch die größte Chance.

Selten war mir beim Schreiben eines Buches die Endlichkeit der eigenen Erkenntnis so bewusst wie jetzt. Ich gebe Ihnen mein Bestes. Mein Wissen zum Zeitpunkt der Manuskriptabgabe, mein Herzblut, meine Zweifel und die Gedanken der Menschen, die ich traf. Dennoch: Was ich heute schreibe, kann morgen schon überholt sein. Unvollständig ist es allemal. Das zu akzeptieren fällt mir schwer, ist aber »das neue Normal«.

Trotz aller Dramatik, die in den Themen steckt, um die es hier geht, gibt es Hoffnung. Es braucht mehr Mut zum Spinnen und Träumen, zum Staunen und Lachen, zu Ideen, die nicht aus einem alleine kommen, sondern aus der Kraft der Gemeinschaft, denn das gehört auch zu dem, was Menschen eigentlich gut können: kooperieren, erfinden und durch aktives Handeln Krisen überwinden. Es gibt viele gute Konzepte, die inspirieren. Wir wissen, was zu tun ist, wir müssen es nur ernsthaft wollen, politisch und privat. Anders zu leben bedeutet nicht zwangsläufig, auf etwas zu verzichten, sondern oft einen Zugewinn an Lebensqualität. Dafür brauchen wir aber ein inneres Bild davon, wie es anders gehen kann. Und schöner. So ist der Titel auch gemeint: Mensch, Erde – wir könnten es so schön haben!

Sind Sie bereit, sich auf diese Reise zu begeben?

Na dann los,

viel Freude,

Ihr

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Ob Sie das Buch am Stück oder in Scheiben zu sich nehmen, durchblättern oder sich »verbeißen«, achten Sie darauf, dass Sie Überdosierungen vermeiden. Irgendwann raucht einem der Kopf. Überforderung gehört im 21. Jahrhundert einfach dazu. Wir sind in diesen seltsamen Jahren alle mehr oder minder im Krisenmodus, leben »auf Sicht« und haben schon mit den eigenen Problemen genug zu tun. Wann soll man denn dann noch die Welt retten?

Zum Aufbau des Buches beziehungsweise zur Reihenfolge der Kapitel: Ich orientiere mich an den Grundbedürfnissen von uns Menschen und versuche bei allem, eine Beziehung zur Gesundheit herzustellen. Das Männeken, das Sie auf Seite 4 bereits gesehen haben, veranschaulicht den Aufbau des Buches entlang der körperlichen Funktionen: Es beginnt mit der Endlichkeit, dann geht es ums Essen, ums Trinken, um das Atmen, entsprechend um Fleisch, Wasserhaushalt und Feinstaub. Nach den Kapiteln, bei denen der Körper im Vordergrund steht, befasse ich mich mit der Seele und der Kommunikation, und in den letzten Kapiteln werfe ich einen Blick auf die gesellschaftlichen Dimensionen und schaue nach vorn, denn gegen Hitze wird uns keine Tablette helfen, nur eine bessere Klima- und Gesundheitspolitik. Und bessere Ideen.

Für alle, die einen bestimmten Bereich in der Tiefe verstehen wollen, gibt es auf der Webseite meiner Stiftung »Gesunde Erde – Gesunde Menschen« eine Liste von empfehlenswerten Büchern und Webseiten. Ich möchte weniger Grundlagen vermitteln als Zusammenhänge, die mir vielleicht deshalb auffallen, weil ich in verschiedenen Welten unterwegs bin: in der Medizin, im Wissenschaftsjournalismus, im Kabarett, in der Fernsehwelt und manchmal nur als Mensch. Nehmen Sie sich, was Sie brauchen können. Manches wird für Sie unbrauchbar sein, dann nützt es jemand anderem. Es ist genug von allem da.

Ich bin in erster Linie kein »Schreiberling«, sondern ein Live-Künstler. Daher spreche ich die Leser:innen so direkt an wie die Zuschauer:innen im Saal. Darf ich das auch bei Ihnen tun? Es macht es lebendiger. Ein Wort noch zur gendergerechten Sprache. Im Gespräch mit Vertreter:innen der nächsten Generation geht sie mir deutlich leichter über die Lippen als beim Schreiben. Und beim Schreiben heute schon leichter als noch vor drei Jahren in meinem letzten Buch über das Älterwerden. Die Themen dieses Buches sind jetziger, gehen alle an, die Folgen insbesondere die jungen Menschen. Deshalb hoffe ich, dass alle, die so wie ich über den Doppelpunkt anfangs stolpern, sich mit ihm anfreunden werden. Mal ehrlich: Es ist doch viel lohnender, sich über die Probleme aufzuregen, die auf uns zukommen, und auch bei denen kann nichts bleiben, wie es immer war. Sprache ist dynamisch. Klimaveränderungen sind es auch. Die Welt ist diverser geworden, fairer und weiblicher. Zum Glück. Deshalb draußen wie innen also mit :innen. Punkt. Oder Doppelpunkt? Ich wäre auch lieber eine Frau. Langfristig. Für dieses Leben hat es nicht sollen sein.

Die zentralen Gespräche aus diesem Buch stelle ich zum Hören als Podcast zur Verfügung, einen Teil finden Sie auch auf meinem YouTube-Kanal. Vielleicht sehen wir uns ja mal »im richtigen Leben«, in einem Theater in Ihrer Nähe oder auf einer Veranstaltung, sobald der Kulturbetrieb wieder weitergehen darf. Eine Nebenwirkung des Buches könnte auch sein, dass Sie selber Lust bekommen, auf die eine oder andere Art aktiver zu werden. Vielleicht bleiben Sie ja dran, vielleicht reden Sie auch mit Ihrer Familie darüber oder gründen eine Initiative, gehen in einen Verein, auf die Straße, in die Politik oder einfach bewusster wählen. Auch das gehört zu den Risiken, dass man sich irgendwann nicht mehr ahnungsloser stellen kann, als man ist. Geht mir ja auch so. Das wäre dann aber keine Nebenwirkung, sondern Teil der erwünschten Wirkung. Ich habe Sie gewarnt. ;-)

START DER REISE

KAPITEL 1
START DER REISE

Diese Reise habe ich mir nicht ausgesucht, sie hat sich ergeben. Sie begann 2017 bei einer Veranstaltung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, als mir die Schimpansenforscherin Jane Goodall eine Frage stellte, die mich seitdem nicht mehr loslässt. Und die werde ich Ihnen auch stellen, denn sie treibt mich um und an.

Ich lade Sie ein mitzureisen – zu den Vordenker:innen einer gesünderen und besseren Welt. Ich treffe einen »Silberrücken« wie Ernst Ulrich von Weizsäcker und Aktivist:innen wie Luisa Neubauer aus der Generation von »Fridays for Future«. Ich frage mich, was meine Zwischengeneration der »Boomer« jetzt eigentlich tun und lassen sollte. Und ob man als Arzt überhaupt unpolitisch sein kann. Falls Sie sich wundern, dass einige Texte einen ganz anderen »Sound« haben: Sie sind aus meinem Bühnenprogramm, in dem ich künstlerische und assoziative Zugänge zu dem suche, was gerade passiert.

Mensch, Erde!

Wir könnten es so schön haben,

 wenn wir all das bündeln würden, was wir schon wissen.

WIE AFFIG SIND MENSCHEN?

»Wahrlich ist der Mensch der König der Tiere,
denn seine Grausamkeit übertrifft die ihrige.«

Leonardo da Vinci

Das klingt vielleicht pathetisch – aber selten habe ich eine so charismatische und gleichzeitig bescheidene Frau getroffen wie Jane Goodall. Mit 26 Jahren wurde sie für ihren kühnen Plan, Schimpansen in freier Wildbahn aus der Nähe zu erleben, weltberühmt und gleichzeitig angefeindet. Mit inzwischen 85 Jahren ist sie immer noch unermüdlich unterwegs in ihrer Herzensangelegenheit: das Überleben von Menschen und Tieren zu sichern.

Seit vielen Jahren schon hatte ich den Wunsch, Jane Goodall live zu erleben. Und dann ergab sich ziemlich spontan die Gelegenheit, sie während eines kurzen Aufenthalts in Deutschland zu interviewen. Ich sagte sofort zu, ließ alles andere stehen und liegen und fuhr nach Düsseldorf, wo ihr der Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises verliehen werden sollte. Auf dem Weg las ich in ihrer Biografie und war mehr und mehr beeindruckt, wie sie von einer jungen Frau ohne akademischen Hintergrund, aber mit einem klaren Ziel vor Augen zu einer der bekanntesten Wissenschaftlerinnen der Welt wurde; dass sie als Mädchen in England von deutschen Bomben bedroht worden war, aber heute in Deutschland einen Verbündeten sieht, um Nachhaltigkeit und Artenschutz auf die internationale Agenda zu bringen. Und wie sie mit ihrem Charme dem männlichen Territorialverhalten der Akademiker etwas entgegensetzte, die einer jungen Frau ohne Studium nicht glauben wollten, dass der Abstand zwischen der »Krone der Schöpfung« und den Affen so groß gar nicht ist. Denn positiv formuliert sind wir Menschen viel stärker Teil der Natur, als uns bewusst und manchmal auch lieb ist. Unglaublich, was diese Frau für ein Pensum auf sich nimmt, in einem Alter, in dem andere schon seit zwanzig Jahren im Ruhestand sind.

Weil sie an dem Tag erst aus Belgien anreisen musste, verspätete sich alles. Mit klopfendem Herzen wartete ich in der Hotellobby und dann stand sie plötzlich vor mir: eine zarte, mädchenhafte Frau, die mit ihrer Stimme kämpfte. Ich bot ihr Lutschpastillen an. Sie lachte und sagte: »Oh nein, ich mache das wie die Opernsänger. Ich habe ein Geheimmittel, wissen Sie, was es ist? Whisky. Falls ich mal meine Stimme zu verlieren drohe, habe ich immer eine kleine Flasche dabei. ›Apfelsaft‹ steht drauf. Hat genau die Farbe. Aber es ist Whisky. Nur ein winziger Schluck, aber es hilft.«

Da trifft man sein Idol, und sie bricht das Eis mit Hochprozentigem und Humor. Jane sprach leise, konzentriert, und in ihrem weisen, warmen Blick lag auch eine gewisse Melancholie. Wir führten ein Gespräch, das mein Verständnis für die Verbindung von Erde, Tieren und Menschen grundsätzlich verändern sollte.

Jane hatte über all die Jahre die Sprache der Affen gelernt und führte mir ein paar eindrückliche Rufe vor. Aus der zierlichen Dame kamen markerschütternde Laute, die ich ihr nie zugetraut hätte. Sie klärte mich auf, dass dies die Schreie eines dominanten Männchens seien. Aber das hatte ich schon gespürt, auch ohne Erklärung. Dann zeigte sie mir, wie Aggressionen im Tierreich auch wieder gemindert werden: durch Demutsgesten und Körperkontakt. Jetzt durfte ich das dominante Männchen sein und sie nach ihren Regieanweisungen begrüßen:

»Wir treffen uns zum ersten Mal nach langer Zeit. Ich bin nervös, weil Sie in der Rangordnung weit über mir stehen. Sie sitzen da mit gesträubtem Fell und sind auch ein bisschen aufgeregt. (Sie senkte den Kopf und rückte noch näher.) Ich komme also an, leicht geduckt, und hauche ein leises ›Achachach‹.« Tatsächlich wisperte sie mir etwas nettes Unverständliches ins Ohr, legte meine Hand auf ihren Kopf und umarmte mich. Ich fragte erst mich im Stillen und dann sie, was in so einer Situation eine angemessene Reaktion sei.

»Das Männchen umarmt zurück, wenn es das Weibchen mag. Und wenn nicht, macht es ›Ughughugh‹.« Dabei wedelte sie abwehrend mit der Hand. Ich kam mir vor wie ein Schuljunge im Aufklärungsunterricht und fragte, ob ich sie umarmen dürfe.

»Sie dürfen.« Und wir beide lachten.

Jane Goodall begrüßt mich wie einen Affen. Verabschiedungsrituale haben nur wir Menschen.

Nach diesem Intro wollte ich wissen, was sie aus der intensiven Beschäftigung mit unseren nächsten Verwandten über uns Menschen gelernt habe, denn mir scheint, dass viel von den destruktiven Seiten unseres Egos mit Macht, mit Status und Revierverhalten zu tun hat, ziemlich affig eigentlich. Und fragte sie, ob die Welt besser dran sei, wenn sie nur von Frauen regiert würde. Sie schmunzelte: »Ich liebe eine Geschichte aus Afrika: Der Stamm ist wie ein Adler; die Männer sind der eine Flügel und die Frauen der andere. Wenn das nicht ausbalanciert ist, kann der Adler auch nicht fliegen.«

Aber wenn wir so schlau sind, uns durch Sprache, Verstand und das Zubereiten warmer Mahlzeiten vom Tierreich abzuheben, warum nutzen wir dann unsere Fähigkeiten häufiger zum Beherrschen und Zerstören, als um Bindungen aufzubauen?

»Wir haben offensichtlich die Weisheit unserer Vorfahren verloren, die sich bei ihren Entscheidungen immer auch fragten: Wie werden sie die nächste Generation betreffen? Wir fragen uns heute nur noch: Wie betreffen sie mich? Theoretisch können wir aus der Vergangenheit lernen und für die Zukunft planen. Wir sind die einzigen Lebewesen, die das können.«

Dann drehte sie wieder die Rollen um, schaute mich länger an und fragte mich sehr direkt: »Wie kann es sein, dass die intellektuellste Kreatur, die jemals auf diesem Planeten gewandelt ist, dabei ist, ihr eigenes Zuhause zu zerstören?«

Ich musste dreimal schlucken bei dieser großen und zentralen Frage und wusste keine gute Antwort. Ich schwieg und kramte in meinem Hirn nach einer schlauen Erklärung, aber da fand ich nichts, was irgendwie adäquat gewesen wäre. So fragte ich Jane nach ihrer Meinung. »Wir sind regelrecht gefangen in unserer materialistischen Gesellschaft, in der es hauptsächlich um Geld oder Macht geht«, sagte sie. »Es ist, als sei die Verbindung zwischen unserem cleveren Hirn und dem menschlichen Herzen, der Liebe und Leidenschaft irgendwie abgerissen. Aber ich glaube auch daran, dass wir dieses Potenzial wieder nutzen können.«

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bemühen sich oft, alles Subjektive aus ihren Studien herauszurechnen. Jane wurde immer wieder vorgeworfen, dass sie mit zu viel Gefühl an die Dinge herangehe, statt aus nüchterner Distanz heraus zu berichten. Aber vielleicht braucht es ja erst eine emotionale Verbindung zu einem Thema, bevor man sich wirklich dafür interessiert und sich davon auch berühren lässt. Auch mir wurde lange vorgehalten, dass man etwas so Ernstes wie die Gesundheit nicht mit Humor vermitteln könne. Nun hatte ich die einzigartige Gelegenheit, die Megaexpertin zu fragen, und so rutschte es aus mir heraus: »Haben Schimpansen eigentlich auch einen Sinn für Humor?«

Jane lachte: »Na klar, ich habe draußen in der Wildnis jede Menge Beispiele dafür gesehen. Einen älteren Bruder etwa, der sich kaputtlachte, während sein kleiner Bruder ihn um einen Baum jagte und versuchte, ihm ein Stöckchen zu entreißen. Der große Bruder wartete jedes Mal, bis der kleine fast herangekommen war, zog das Stöckchen dann blitzschnell weg und lachte. Und der kleine heulte vor Wut. Schimpansen kitzeln sich und haben dabei einen typischen Ausdruck – das ›Spielgesicht‹.«

Nun wurde es wieder ernster. Ich fragte sie, wie sie, die die Zerstörung vieler Orte ihres Lebenswerkes in Tansania und die Auslöschung vieler Arten erleben musste, in die Zukunft blickt. »Als ich in den 60er Jahren mit meinen Beobachtungen begann, kam ich in einen fast unberührten Wald. In den 90ern waren die Bäume verschwunden. Aber sie sind jetzt nachgewachsen. Wir arbeiten mit zweiundfünfzig Dörfern zusammen, sorgen für sauberes Trinkwasser und medizinische Versorgung. Spezialisten erklären den Leuten, wie man Waldgärten anlegt, statt den Regenwald abzuholzen. Wir vergeben Schulstipendien an Mädchen. Viele Bewohner sind heute stolz auf ihren Wald und helfen, ihn zu schützen. Der wichtigste Grund zur Hoffnung ist für mich die Jugend. Sobald junge Menschen wissen, wo die Probleme liegen, sobald du ihnen zuhörst und ihnen hilfst, aktiv zu werden, krempeln sie die Ärmel hoch und machen. Überall auf der Welt.«

Janes Augen leuchteten, als sie von ihrem Programm »Roots and Shoots« berichtete, in dem Jugendliche seit Jahrzehnten eigene Projekte starten und etwas für ihr Leben mitnehmen können. Und weil wir seit der Initialzündung mit den Affenlauten keine Scheu vor dicken Brettern hatten, traute ich mich, sie zu fragen, wie sie ihrer eigenen Endlichkeit, ihrem Tod, entgegensieht.

»Irgendwie freue ich mich darauf. Denn entweder ist der Tod schlicht das Ende von allem – was völlig in Ordnung wäre. Oder er ist irgendetwas jenseits von unserem Dasein. Das wäre doch eine wahnsinnig spannende Entdeckung. Ich weiß nicht, wann mein Körper kollabiert oder mein Gehirn nicht mehr mitmacht. Je näher ich diesem Punkt komme, desto drängender wird in mir der Wunsch, noch das Bewusstsein der Menschen zu schärfen und ihnen zu zeigen, dass es einen Unterschied macht, wie sie handeln. Vielleicht erscheint es als ein kaum spürbarer Unterschied bei jedem Einzelnen, aber es ist ein großer, wenn eine Milliarde Menschen ethisch bessere Entscheidungen treffen.«

Dann musste Jane weiter, sie erhielt am selben Abend noch einen Preis für ihr Lebenswerk. Zu Recht. Und ihr Lebenswerk ist ja noch nicht abgeschlossen.

Jane hat mich tief beeindruckt mit ihrer radikalen Naturverbundenheit und ihrem unermüdlichen Engagement, die Bedrohung unseres Lebensraumes ernst zu nehmen und zu handeln. Als Arzt und Wissenschaftsjournalist bin ich es nicht gewohnt, selber eine zutiefst persönliche Frage gestellt zu bekommen, die gleichzeitig uns alle betrifft: Wie kann es sein, dass wir immer betonen, wie schlau wir sind, und dennoch unser eigenes Zuhause zerstören? Seit dieser Begegnung lässt mich diese Frage nicht mehr los. Sie treibt mich an, nach Antworten zu suchen. Ich gebe sie weiter, bei jedem Auftritt, in jedem Vortrag, in jeder Vorlesung vor Studierenden, und es ist eigentlich auch die Kernfrage dieses Buches. Es muss doch bessere Ideen geben, als unsere einzige Heimat zu zerstören, so doof können wir doch nicht wirklich sein, oder?

UNSERE JETZT-BESOFFENHEIT

»Wir müssen in einem Zeitraum
von einem Jahrhundert denken –
ein Wimpernschlag in kosmischer Hinsicht,
aber für Politiker eine Ewigkeit.«

Sir Martin Rees

»Silberrücken« gibt es auch unter Menschen. Nach der Begegnung mit Jane interessierte mich, wer die Pioniere in Deutschland sind, die Vordenker:innen, von denen ich etwas lernen könnte. Da kommt man sehr schnell auf Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker. Ernst stellte seine Kenntnisse als Physiker viele Jahre in den Dienst der Politik, wurde Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, leitete Enquete-Kommissionen, Evangelische Kirchentage und gehört unter anderem dem World Future Council an. Bis heute prägt er auch den Club of Rome, ein Netzwerk aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft, das 1972 mit dem Bericht ›Die Grenzen des Wachstums‹ schlagartig weltweit bekannt wurde. Dieses Ursprungsdokument der Umweltbewegung sorgte damals für große Aufbruchstimmung und wurde dreißig Millionen Mal verkauft. Seitdem ist die Welt insgesamt ökonomisch immer reicher, ökologisch aber dramatisch ärmer geworden. Wie hält man es als Vordenker aus, dass allen Warnungen zum Trotz in vielen Bereichen Wachstum nach wie vor wichtiger zu sein scheint als Wachheit?

Ich besuchte ihn dort, wo er ab und zu anzutreffen ist: zu Hause. Das Haus in einer Straße in der Nähe von Freiburg fällt schon aus der Reihe, denn es ist kein klassisches Einfamilienhaus, sondern als Mehrfamilienhaus mit wenig Energieverbrauch konzipiert. »Wir üben uns in Vernunft. Wir haben ein Auto für fünf Führerscheine und ernähren uns vorwiegend von ökologisch angebauten Lebensmitteln, zu einem Teil aus unserem eigenen Garten – das ist ganz das Verdienst meiner Frau Christine. Wir fahren viel Bahn, aber wir fliegen auch – nach Kalifornien etwa oder nach China. Und auch solch ein Haus, in dem wir umweltfreundlich leben können, hat natürlich Geld und Natur gekostet. So oder so spielen wir mit im System.«

Ernst Ulrich v. Weizsäcker ist ein Pionier der Nachhaltigkeitsbewegung und ehemaliger Vize-Präsident des Club of Rome. Wie hält man es aus, sein Leben lang seiner Zeit voraus zu sein?

Was mich sehr freute: In seinem Arbeitszimmer hängt ein Foto von ihm zusammen mit John Cleese von Monty Python – für mich einer der größten Komiker der Welt –, das Ernst bei einer zufälligen Begegnung mit Cleese gemacht hat. Zwei Idole auf einem Foto. Hilft ein Sinn für Humor, bei aller Dringlichkeit der Sachlage und den unausweichlichen eigenen Widersprüchlichkeiten nicht verrückt zu werden?

Mit einer Tasse Tee setzten wir uns in den Garten und ich lernte den Unterschied kennen zwischen einer leeren und einer vollen Welt. »Unsere Kinder und Enkel leben in einer ganz anderen Zeit als die Menschen aller vorherigen Epochen der menschlichen Geschichte. Herman Daly, lange Jahre führender Ökonom bei der Weltbank, sagt: Alle Religionen und auch wirtschaftlichen Leitgedanken sind in einer leeren Welt entstanden. Die Menschen lebten verstreut, die Ozeane und die Urwälder blieben stets intakt. Der Anspruch ›macht euch die Erde untertan‹ war gar nicht anstößig, denn die Natur war unermesslich groß und die Menschheit sehr klein. So eine leere Welt existierte bis etwa 1950. Ab dann gingen die menschengemachten Veränderungen durch Nahrung, Konsum und Mobilität raketenartig nach oben, die Kurve des CO2-Ausstoßes wächst stetig. Damals lebten erst etwas über zwei Milliarden Menschen auf der Erde. Heute sind es siebeneinhalb Milliarden. Wir bewohnen nun eine volle Erde. In einer solchen Welt aber muss man anders leben und denken als in einer leeren Welt.«