Über dieses Buch:

Eine Familie kann die Heimat des Herzens sein – manchmal aber auch das pure Chaos! Davon können Gerd Hasemann und seine Tochter Julia ein Lied singen, denn in ihrem Leben spielt eine ganz besondere Frau die Hauptrolle: Josefine Hasemann ist treusorgende Ehefrau, Mutter aus Leidenschaft … und Wirbelwind in einem! Ganz egal, ob ihre Lieben die Feiertage ausnahmsweise ohne großes Brimborium verbringen wollen, Gerd möglicherweise (oder möglicherweise auch nicht) Frühlingsgefühle entwickelt, ein gemeinsamer Sommerurlaub die Nerven strapaziert oder Julia vor der größten Entscheidung ihres Lebens steht – Josefine glaubt immer genau zu wissen, wie man die kleinen und großen Stürme des Lebens meistert. Aber was passiert, wenn Gewitterwolken aufziehen, die sich nicht so leicht verscheuchen lassen?

Über die Autorin:

Silke Schütze lebt in Hamburg. Sie hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. 2008 wurde sie vom RBB und dem Literaturhaus Berlin mit dem renommierten Walter-Serner-Preis ausgezeichnet.

Silke Schütze veröffentlichte bei dotbooks bereits die Romanbiografie »Die Sängerin von Berlin« (auch bekannt unter dem Titel »Henny Walden – Memoiren einer vergessenen Soubrette«).

***

Originalausgabe August 2020

Copyright © der vorliegenden Originalausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

»Eine Familie zum Verlieben« erzählt die Geschichte der Familie Hasemann, die Silke Schütze zunächst in einzelnen Teilen veröffentlicht hat: »Frau Hasemann feiert ein Fest« erschien erstmals 2013 im Sammelband »Frau Hasemann feiert ein Fest – und andere Geschichten«, Copyright © der Originalausgabe 2014 dotbooks GmbH, München; Copyright © der Originalausgabe »Herr Hasemann auf Wolke 7« 2014 dotbooks GmbH, München; Copyright © der Originalausgabe »Die Hasemanns auf großer Fahrt«; Copyright © der Originalausgabe »Frau Hasemann findet das Glück« 2020 dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung diverser Bildmotive von shutterstock/Bernd Rehorst, Africa Studio, Kabardius photo

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96148-137-8

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: info@dotbooks.de. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Eine Familie zum Verlieben« an: lesetipp@dotbooks.de (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Silke Schütze

Eine Familie zum Verlieben

Ein Roman in vier Geschichten

dotbooks.

ERSTER TEIL
Frau Hasemann feiert ein Fest

KAPITEL 1
Frau Hasemanns Welt geht unter – ein bisschen zumindest

Es ist der Tag vor Heiligabend. Frau Hasemann sucht gerade im Gewürzregal des Dorfladens nach getrocknetem Beifuß für die Füllung der Weihnachtsgans, als ihre Tochter Julia ihr den schwärzesten Tag der Adventszeit beschert.

»Mami«, ruft Julia durch das Telefon, das Frau Hasemann an ihr linkes Ohr presst, während sie mit der rechten Hand ungeduldig die Gläschen mit Oregano, Pfefferkörnern und Zimt beiseiteschiebt. »Mami, wir müssen über Heiligabend reden! Ich schaffe es einfach nicht – warum kommt ihr nicht einfach zu mir?«

In diesem Moment stürzt ein Gläschen mit Cayenne-Pfeffer vor Frau Hasemanns Nase aus dem Regal und zerbricht mit lautem Knall auf dem Steinfußboden.

30 peinliche Minuten später, nachdem der Pfeffer weggefegt ist und sich Frau Hasemann ungefähr eine halbe Million Mal bei der übellaunigen Aushilfskraft für ihre Ungeschicklichkeit entschuldigt hat – und nach einer ähnlichen Menge an Niesern, weil ihr der Pfeffer in die Nase gestiegen ist –, steht Frau Hasemann an ihrem Fahrrad und kämpft mit den Tränen.

»Sei nicht albern, du dumme Gans«, schimpft sie leise mit sich selbst. Sie weiß ja, dass gerade nicht die Welt untergeht. Höchstens ihre eigene.

Julia ist 22 Jahre alt, hat nach dem Abitur eine Schneiderlehre gemacht und arbeitet jetzt seit einem Jahr in Hamburg, anderthalb Autostunden von Kiekeby entfernt. Wobei es Frau Hasemann immer so vorkommt, als läge Hamburg auf einem anderen Stern in einer anderen Galaxie. Seit ihrem Umzug ist Julia nur zweimal nach Hause gekommen. Jedes Mal hat sie dann zehn Stunden am Stück geschlafen. Mittags ist sie wie ein ausgehungerter Wolf über das Essen hergefallen und hat den Rest des Tages auf dem Wohnzimmersofa gelümmelt und ihre alten DVDs angesehen.

Frau Hasemann hat derweil mit Herrn Hasemann am liebevoll gedeckten Kaffeetisch gesessen und sich gewundert. »Wie oft will sie diese Gilmore Girls noch gucken?«, hat sie ihm zugewispert. Eine komische Serie ist das. Zugegeben, das innige Verhältnis zwischen Mutter Lorelai und Tochter Rory gefällt ihr eigentlich ganz gut. So hat sie sich und Julia auch immer gesehen. Allerdings gibt es da auch noch die Mutter von Lorelai. Eine vollkommen überzogene Figur, findet Frau Hasemann. Wie die sich ständig in das Leben ihrer Tochter einmischt – schrecklich. »Ich bin sicher, sie kann jede Episode mitsprechen!«

Gerd Hasemann zuckte nur mit den Schultern. Dann bohrte er seine Kuchengabel in das Apfelkuchenstück vor ihm und tat das, was er in den letzten 30 Jahren zu einiger Perfektion gebracht hat: Er schweigt. Diese Taktik bewährt sich für den Elektro-Ingenieur immer wieder, bei seinen Vorgesetzten und der Gattin gleichermaßen.

Manchmal weiß Herr Hasemann nicht, was mit seiner Frau los ist. Erst jammert sie ständig, dass Julia nicht nach Hause kommt. Und wenn ihre Tochter da ist, scheint sie auch unzufrieden zu sein. Herr Hasemann ist eigentlich immer mit dem zufrieden, was ist. Deswegen fängt er auch mit Frau Hasemann keine große Diskussion an, lobt den Apfelkuchen und greift nach dem neuen Baumarktkatalog.

Frau Hasemann ist nicht glücklich darüber, dass Julia ausgerechnet nach Hamburg gegangen ist. So eine große Stadt! Ja, der Hafen ist schön und die Innenstadt mit den vielen teuren Geschäften auch – aber eben zu groß! Der Trubel macht Frau Hasemann nervös, und bei der Vorstellung, dort einen Parkplatz suchen zu müssen, bricht ihr der Schweiß aus. Aber vor allem: die Menschen! So viele von ihnen! »Da wohnen eins Komma sieben Millionen«, sagt Frau Hasemann Julia bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Ihre Stimme hat dabei stets einen vorwurfsvollen Ton, als wäre ihre Tochter persönlich für die globale Überbevölkerung verantwortlich. »Die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Die Menschen kennen einander dort doch gar nicht! Gerade wieder habe ich gelesen, dass jemand wochenlang tot in seiner Wohnung gelegen hat. Unbemerkt. Den hat keiner vermisst! Und dann das Rotlichtviertel. Die Reeperbahn. Verbrechen, Drogen, Kriminalität … Kind, Hamburg ist keine Stadt, Hamburg ist der Inbegriff von seelischer Kälte.«

Julias Antwort, das mit dem Tot-in-der-Wohnung-liegen könne ihr auf keinen Fall zustoßen, weil ihre Mutter täglich anrufe, lässt Frau Hasemann nicht gelten.

Erst einmal haben Hasemanns ihre Tochter in Hamburg besucht. Als sie ihr das Sofa gebracht haben. Julia ist in eine WG gezogen, alles andere ist zu teuer. Jetzt wohnt sie mit zwei jungen Männern zusammen. Der eine studiert, der andere tanzt. Herr Hasemann ist mit dem rothaarigen Mathestudenten Sebastian sofort in die Kneipe am Ende der Straße gepilgert, weil, wie er sich ausdrückte, »ein wichtiges Fußballspiel läuft«. Was an einem Fußballspiel wichtig ist, hat sich Frau Hasemann noch nie erschlossen. Und was kann wichtiger sein, als die einzige Tochter zu besuchen? Julia hatte allerdings auch wenig Zeit, denn sie arbeitet in der Kostümabteilung beim Musical Der König der Löwen. Dort scheint auch der Tänzer beschäftigt zu sein. Julia wollte ihrer Mutter eigentlich noch etwas über ihn erzählen, aber Frau Hasemann wischte dies vom Tisch wie lästige Brotkrumen. »Kind, nun erzähl mir doch lieber von dir!« Was ging sie ein Mann an, der es für sinnvoll hielt, als Löwe verkleidet über eine Bühne zu springen. Oder als Antilope. Oder was man da noch so im Angebot hatte. Frau Hasemann hat einmal einen Ausschnitt aus Der König der Löwen bei Wetten, dass …? gesehen, und eigentlich gefiel ihr das damals sehr gut. Aber das war, bevor Julia begann, dort zu arbeiten.

Natürlich weiß Frau Hasemann, dass Weihnachten Hochsaison für Musicals ist, weil dann alle Welt unterwegs sein muss. Die Menschen wollen nicht gemütlich in den eigenen vier Wänden feiern, sie wollen »was erleben«. Etwas, was Frau Hasemann völlig überflüssig findet. Deswegen hat sie in weiser Voraussicht Julia schon im Oktober auf die Festtage hingewiesen – damit sie für den 24. und 25. Dezember Urlaub einreicht. »Wir wollen doch wie immer feiern, oder?«, hat sie ihre Tochter beschworen.

Während Frau Hasemann sich jetzt an ihren Fahrradlenker krallt, fällt ihr auf, dass Julia auf diese Frage nie eine Antwort gegeben hat. Aber Weihnachten, ohne dass ihre Tochter am Nachmittag den Baum schmückt, ohne den gemeinsamen Kirchgang, die Bescherung und dann das traditionelle Gansessen – das ist doch kein Weihnachten! Nein, wirklich nicht. Weihnachten ist ein Fest, bei dem alles seinen geordneten Gang zu gehen hat. Das denkt jedenfalls Frau Hasemann, die wie immer am ersten Advent die Rezepte für das Weihnachtsessen herausgesucht hat.

»Kannst du das nach so vielen Jahren nicht auswendig?«, wollte Herr Hasemann wissen, als er sie über den alten Kochbüchern und der speckigen Kladde am Küchentisch sitzend fand. Er hat sich ein Bier aus dem Kühlschrank genommen und ihr über die Schulter geschaut, wie sie die Seiten mit den Fettflecken geblättert hat. Frau Hasemann nickte seufzend.

»Aber wenn ich die Rezepte noch einmal lese, erinnere ich mich an so vieles. Und es bringt mich schon in Weihnachtsstimmung. Findest du nicht, dass das alles dazugehört?«

Herr Hasemann weiß, dass manche Fragen nicht dazu gedacht sind, beantwortet zu werden. Also hat er sich schweigend mit seinem Bier zu ihr gesetzt, und als seine Frau das Rezept für den Rotkohl, den sie immer selbst kocht, vorliest, ist auch er bei den Worten Nelken und Rotkohl und Äpfel sehr vergnügt und nostalgisch geworden.

»Wie geht noch einmal dieser Song, den sie zu Weihnachten immer im Radio spielen? Du weißt schon, der, bei dem Julia als Kind nicht verstanden hat, worum es geht.«

Frau Hasemann weiß sofort, dass Herr Hasemann Wham! und Last Christmas meint. Ein Lied, das sie persönlich grauenhaft findet. Aber Julia hat mit fünf Jahren immer wieder gefragt: »Mami, was hat Lars eigentlich Schlimmes gemacht, dass er keine Geschenke bekommt?« Frau Hasemann forschte erfolglos in ihrem Bekanntenkreis nach einem Jungen dieses Namens, bis sie Julia eines Tages in ihrem Zimmer singen hörte: »Lars kriegt nix, la, lala, lala.« Bei der Erinnerung müssen beide kichern, und während Frau Hasemann das Lied singt, greift Herr Hasemann über die Rezepte hinweg nach der Hand seiner Frau. Leider hat dann das Telefon geklingelt, und wie immer, wenn Herr Hasemann die Nummer auf dem Display erkennt, meldet er sich gutgelaunt mit den Worten: »Hier spricht Hasemann – vorne Rammler, hinten Kerl, haha!« Frau Hasemann hört das schon gar nicht mehr. Aber an jenem Abend hat sie trotzdem die Augen verdreht.

An all das denkt Frau Hasemann, während sie neben ihrem Fahrrad steht und heult. Sie will Weihnachten wie immer feiern! Sie will nicht nach Hamburg, in dieses brutale Sündenbabel mit seinen Millionen aufgedrehten Menschen, die von innerer Einkehr, von Heimeligkeit und Behaglichkeit keine Ahnung haben. Sie sehnt sich nach der Schulter von Herrn Hasemann, der sie verstehen wird. Also schwingt sie sich aufs Rad und tritt so kräftig in die Pedale, dass der feine Pulverschnee, der die Straßen überzuckert, hochwirbelt.

Doch ausgerechnet Gerd Hasemann, ihr Gerd, enttäuscht sie. Der Mann, den sie mehr kennt, als ihr manchmal lieb ist. Jeden Morgen bearbeitet er beispielsweise seine Füße – deutlich hörbar im ganzen Haus – mit einer Hornhautraspel. Nun ist gegen gepflegte Männer nichts einzuwenden. Trotzdem gehört das zu den Dingen, die Frau Hasemann gar nicht wissen möchte, und sie findet auch, dass Gerd es in der Privatsphäre des Badezimmers und nicht auf der Bettkante sitzend erledigen sollte. Mal ganz abgesehen davon, dass nicht er, sondern sie meistens den Teppich im Schlafzimmer staubsaugt … Ja, Frau Hasemann kennt ihren Gerd wirklich gut. Doch als sie ihm von Julias Vorschlag berichtet, überrascht er sie.

Er ist zwar ihrer Meinung.

Aber anders.

»Was denkt sich die Kleine eigentlich«, sagt er, als sie sich an seine blaue Pulloverbrust schmiegt und hervorstößt: »Ich hatte das bei ihrem letzten Anruf schon so im Gefühl, dass sie mir etwas sagen wollte, aber dann doch nicht damit herausgerückt ist.«

»Nein, nein, wir fahren nicht nach Hamburg.« Gerd Hasemann streichelt über die Haare seiner Frau und fährt fort: »Erstens bin ich beim Weihnachtsgottesdienst fest eingeplant.« Herr Hasemann spielt die zweite Posaune im Posaunenchor der Kirchengemeinde. An Weihnachten klingt es wunderschön, wenn der Posaunenchor vom Turm bläst. Herr Hasemann kommt dann immer mit vom Wind geröteten Wangen nach Hause, was natürlich auch an dem Korn liegen kann, den die »Türmer« dort oben gegen die Kälte zwischen den Stücken kippen.

An seinem kleinen Zögern spürt Frau Hasemann, dass nach dem Erstens ein Zweitens kommt, das ihr nicht gefallen wird. Sie rückt ein wenig von ihrem Mann ab.

»Und zweitens …« Gerd legt seine Stirn in die sympathischen Dackelfalten, mit denen sie ihm so selten etwas abschlagen kann. »Sieh mal, Hasenpieps …« Er drückt sie auf den Küchenstuhl.

Frau Hasemann fragt sich in diesem Moment, warum die meisten wichtigen Momente ihres Lebens in einer Küche stattgefunden haben. Seinen Heiratsantrag hat Gerd in der Küche des Gemeindehauses nach einer über die Stränge geschlagenen Erntedankfeier gemacht. Beide sind sich ziemlich sicher, dass Julia nach einer wilden Feuerwehrparty auf der Baustelle ihres Hauses, genauer gesagt, auf dem noch nicht ausgegossenen Boden ihrer Küche, entstanden ist. Und an den Kühlschrank gelehnt, hat Julia vor einem Jahr auch ihren Auszug verkündet.

Die Bezeichnung Hasenpieps ist ein weiteres Indiz dafür, dass ihre Besorgnis angebracht ist. So nennt Gerd Hasemann seine Frau nur in besonders emotionalen oder besonders ernsten Momenten. Hasenpieps, alias Frau Hasemann, hockt also, innerlich aufs höchste gespannt, auf dem Küchenstuhl.

Und dann kommt es auch schon.

KAPITEL 2
Frau Hasemann gibt Gas

»Sieh mal, Hasenpieps, ich wollte das sowieso einmal mit dir besprechen.« Er nimmt die Hand seiner Frau. »Rainer und Heike haben mich letzte Woche gefragt, ob wir nicht alle gemeinsam Weihnachten feiern wollen. Jetzt, wo Ronny dieses Praktikum in Hongkong macht und Julia in Hamburg ist. Also … und … öh …« Er verhaspelt sich, als er den wilden Blick seines Hasenpieps sieht. »Also, Heike meinte, es könnte … und Julia war eigentlich ganz froh, als ich ihr …«

Weiter kommt Gerd Hasemann nicht, denn sein Hasenpieps explodiert.

»Du. Hast. Hinter. Meinem. Rücken! Mit. Julia! Gesprochen? ÜBER WEIHNACHTEN?«

Frau Hasemann hat bis jetzt nicht gewusst, dass ihre Stimme Gläser im Küchenschrank zum Klirren bringen kann. Auch Herr Hasemann ist davon einigermaßen überrascht. Er versucht noch einmal, alles zu erklären.

»Julchen hat mich letzten Montag angerufen. Sie hatte Angst, es dir zu sagen.«

Frau Hasemann wird erst blass, dann rot. »Wovor soll Julia denn Angst haben? Und was hast du mit Heike und Rainer ausgemacht? Wieso redest du mit allen – nur nicht mit mir? Und das alles einen Tag vor Weihnachten?«

Gerd macht alles noch schlimmer. »Guck mal, Rainer und Heike sind doch unsere besten Freunde. Und jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, könnten wir doch auch einmal ganz entspannt … also, so ohne den Druck des verdammten Gänsebratens und der Bescherung … wir können uns doch einfach einen schönen Abend machen.«

»Seit wann ist mein Gänsebraten ein verdammter Gänsebraten?« Frau Hasemann ist verletzt. Zugegeben, sie mag Gans gar nicht besonders. Aber am Heiligabend gehört der Vogel auf den Tisch. Das war schon bei ihrer Mutter so. Und bei ihrer Großmutter. Und bei ihrer Urgroßmutter bestimmt auch. Was spielt persönlicher Geschmack denn für eine Rolle, wenn es um Tradition geht und um ein richtig schönes Fest? Da muss man sich eben zusammenreißen. Die Gans soll nicht die Einzige sein, die ein Opfer bringt.

Frau Hasemann merkt, wie das Blut in ihren Ohren rauscht. Sie macht das doch alles nur für die Familie. Und jetzt will keiner mehr dabei sein? Ihr Körper erbebt in einer Wellenbewegung von den Zehen bis zu den Haarspitzen. Gerd will sie wieder in den Arm nehmen, aber ein abgrundtiefer Seufzer macht deutlich, dass dies im Moment nicht die beste aller Ideen ist. Stattdessen rennt Frau Hasemann in die obere Etage.

»Heike will Fondue machen«, ruft ihr Gerd hinterher. »Die haben sonst immer Würstchen mit Kartoffelsalat, aber sie hat gesagt, weil du doch ihre Currysauce so magst …«

Frau Hasemann will jetzt nicht über Saucen nachdenken. Sie schmettert die Tür des Wäschezimmers hinter sich zu und wirft sich auf das alte Sofa, auf dem in ordentlichen Stapeln die Bettwäsche liegt, die sie am Vormittag gebügelt hat. Frau Hasemann ist unglücklich. Sie starrt mit brennenden Augen in die Dunkelheit. Eine Stunde vergeht. Vielleicht auch zwei? Als Gerd irgendwann an ihrer Tür klopft, dreht sie als Antwort nur den Türschlüssel um. Auf sein Rufen »Ich geh dann jetzt ins Bett, komm auch bald« reagiert sie mit Schweigen.

Frau Hasemann sitzt einfach so da und fühlt eine Leere in sich. Eine riesengroße, schmerzende Leere. Und die muss gefüllt werden.

Um halb fünf Uhr in der Früh fällt Frau Hasemann in der Einsamkeit ihres Wäschezimmers eine Entscheidung. Mit Gerds regelmäßigem Schnarchen als Hintergrundmusik eilt sie durch das dunkle Haus, holt ihre Reisetasche vom Dachboden und packt in Windeseile ein paar Kleidungsstücke. Dann holt sie die geschmähte Gans aus dem Kühlschrank und verstaut sie mit der bereits vorbereiteten Mousse au Chocolat in der Kühltasche. Im Carport bindet sie den kleinen Weihnachtsbaum auf den Dachgepäckträger ihres roten VW Fox. Gut, dass sie nicht so einen Nadelmammut gekauft hat wie sonst. »Das Kind bleibt vielleicht nur bis zum ersten Feiertag«, hatte Herr Hasemann zu bedenken gegeben, »und für uns beide reicht doch auch der kleine Baum.« Einerseits ist Frau Hasemann ihrem Mann dankbar: Der Babybaum lässt sich wirklich deutlich einfacher handhaben. Gleichzeitig beißt sich der Gedanke fest, ob Gerd nicht schon viel früher wusste, dass Julia nicht nach Hause kommen würde, als er jetzt zugibt. Und Rainer und Heike sicher auch. Heike! Ihre beste Freundin! Frau Hasemann geht nicht leichtfertig mit diesem Wort um. Aber Heike und sie sind seit der Schulzeit gemeinsam durch dick und dünn gegangen, das lässt sich nicht bestreiten. Sie haben aufeinander aufgepasst, wenn sie beim Dorffest zu viel getrunken haben. Sich geholfen, als die Kinder noch klein waren, und Durchhalteparolen ausgetauscht, als die Pubertät aus den lieben Kleinen vorübergehend einsilbige Egomanen machte. Heike war für Frau Hasemann da, als Julia nach Hamburg gezogen ist, und Frau Hasemann hat ihr einen Schokoladenkuchen gebacken, als Ronny sich in Richtung Hongkong verabschiedete. »Jetzt fängt ein neuer Lebensabschnitt an«, hat Heike damals gesagt. Frau Hasemann hat genickt und voller Inbrunst behauptet: »Und es wird ein guter werden!« Es war schließlich nicht von Veränderungen die Rede gewesen.

Als alles verstaut ist, fährt Frau Hasemann auf die stille Straße. Dabei tobt in ihrem Inneren ein Orkan. Sie wird sich doch nicht von den anderen ihr Weihnachtsfest kaputt machen lassen! Fondue bei Heike und Rainer – ja, aber doch nicht an Heiligabend. Ohne das traditionelle Stille Nacht. Ohne auch nur das allerkürzeste Weihnachtsgedicht – denn bei Heike und Rainer wird Gerd sicher nicht Von draußen vom Walde komme ich her vortragen, wobei Julia immer ein Tränchen verdrückt hat. Meistens vor unterdrücktem Lachen, zugegeben. Aber das gehört einfach zu Weihnachten dazu!

»Ich feiere Weihnachten!«, ruft Frau Hasemann in die Dunkelheit hinaus wie eine Kampfansage. Mit Baum und Mousse au Chocolat und sogar mit der verdammten Gans. Vor allem aber: mit Julia. Frau Hasemanns Augen werden feucht, als sie an ihre Tochter denkt. Die tapfere, kleine Julia, die fern von zu Hause ihr erstes Weihnachtsfest allein in der kalten Seelenlosigkeit einer anonymen Großstadt feiern muss. Das arme Kind! Wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen! Frau Hasemanns Mutterherz wird weich. Gut, dass sie sich nicht täuschen lässt von Julias gefasster Absage. Ihre Tochter braucht sie! Das spürt eine Mutter. Kämpferisch reckt Frau Hasemann ihren Kopf und äugt aufmerksam durch die Windschutzscheibe auf die leicht schneeverwehte Landstraße vor sich. Sie weiß selbst, dass sie mit ihrer roten Pudelmütze und dem grünen Winteranorak, der am Bauch ein wenig spannt, nicht gerade wie Superman aussieht. Aber sie weiß, wie sich Superman fühlt!

Frau Hasemann stellt das Radio an, dreht um das Popgedudel herum … und tatsächlich: Auf Klassik-Radio wird ihr das Weihnachtsoratorium entgegengeschmettert. Frau Hasemann stimmt aus voller Kehle in den Eingangschor ein: »Jauchzet, frohlocket! Auf, prei-se-he die-hie Tage!«

Und Gerd?

Wie sie so durch die dunkle Landschaft fährt, verschwendet »Hasenpieps« keinen einzigen liebevollen Gedanken an den »Rammler-Kerl«. Soll er doch sein Fest bei Fondue feiern! Dass Heike und Rainer wirklich gute Freunde sind, steht auf einem Blatt, auf das Frau Hasemann jetzt keinen Blick werfen will.

Kurz bevor sie auf die Autobahn fährt, fällt ihr ein, dass sie das Geschenk für Julia vergessen hat. Weil Frau Hasemann zum ersten Mal nicht so richtig wusste, was sie ihrer Tochter schenken soll, hat sie diesmal zu etwas Nützlichem gegriffen und Julia ein Sechserpack Servietten besorgt. So etwas kann man immer gebrauchen, oder? Frau Hasemann hat noch immer Servietten in Originalverpackung auf dem Dachboden, die sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hat. Also!

Ärgerlich ist nur, dass sie auch ihr Handy vergessen hat; das steckt noch in der Tasche der alten Gartenjacke.

Und hätte sie Gerd vielleicht einen Zettel hinlegen sollen? Er wird sich Sorgen machen, wenn er aufwacht und seine Frau nicht im Bett neben sich vorfindet. Oder im Bügelzimmer.

Aber deswegen jetzt noch zurückfahren?

Auf keinen Fall!

Frau Hasemann schlägt das Lenkrad ein und fährt mit Schwung auf die Autobahn Richtung Hamburg.

KAPITEL 3
Julia Hasemann öffnet die Tür

Knapp zwei Stunden später sieht Frau Hasemann ihre schlimmsten Vorahnungen bestätigt. Während daheim seit Tagen eine zauberhafte Winter-Wunderland-Stimmung herrscht, begrüßt sie in der Großstadt grauer Schneematsch, der wenig dekorativ an die Fahrbahnseiten geschoben worden ist. Eine gut geräumte Straße erhöht vielleicht die Fahrsicherheit, aber wie sieht denn das aus? In die Empörung mischt sich leichte Panik, als Frau Hasemann an die Parkplatzsituation denkt. Vermutlich muss sie stundenlang suchen. Und dann wird ihr nichts anderes übrigbleiben, als weit entfernt zu parken. Dann muss sie alles, was sie mitgebracht hat, in einen Bus zerren. Oder, noch schlimmer, in eine U-Bahn. Frau Hasemann wird leicht blümerant.

Als sie in die Straße einbiegt, in der Julia wohnt, hält sie vorsorglich den Atem an.

Zu ihrer Überraschung findet sie sofort eine Abstellmöglichkeit für ihr Auto. Und zwar direkt vor der Nummer 19. Eine eigene Parkbucht. Frau Hasemann ist mehr irritiert als erfreut.

Während sie den Baum vom Dach wuchtet, hält Frau Hasemann Ausschau nach marodierenden Obdachlosen. Die scheinen sich aber doch eher in anderen Ecken der Stadt herumzutreiben. Nur eine junge Mutter mit Kinderwagen ist auf der Straße zu sehen. Neben ihr läuft ein kleiner Junge, der unablässig auf seinem Smartphone herumwischt. Nein, denkt Frau Hasemann, nein, das ist doch nicht schön. So etwas hätte es früher nicht gegeben. Sicher bekommt der arme Kleine heute Abend nur Computerspiele und anderes geschenkt, was dafür sorgt, dass er sich selbst beschäftigt und seinen Eltern nicht zur Last fällt. Dabei ist es so wichtig, Kindern das Gefühl zu geben, dass sie geliebt und geschätzt werden und dass man sich um sie kümmert. Julia, denkt Frau Hasemann inbrünstig, Julia, ich komme!

Als sie vor der Wohnungstür im siebten Stock steht, hat das arme Kind jedoch so gar nichts von einem aus dem Nest gefallenen Vögelchen, sondern erinnert vielmehr an eine böse überraschte Sandviper. Statt sich schluchzend in die mütterlichen Arme zu werfen, zischt sie hektisch: »Mami! Was machst du denn hier?« Sie stülpt sich eine Wollmütze über den Kopf, die Frau Hasemann an ihren alten Kaffeewärmer erinnert.

»Du hast doch gesagt, dass ich zu dir kommen soll!«, entrüstet sich Frau Hasemann ob des rüden Tonfalls. Dann bemerkt sie, dass ihre Tochter auch schon einen Mantel angezogen hat. »Wo willst du denn hin?«

Julia sieht sie kopfschüttelnd an. »Zur Arbeit. Das habe ich dir doch gesagt. Wir haben heute noch eine Zusatzaufführung.« Sie späht in den Flur. »Wo ist Papa?«

»Zu Hause.«

»Habt ihr euch gestritten?«

»Kind, wir streiten nicht. Dein Vater und ich …« Frau Hasemann weiß nicht, was sie nun sagen soll. Ein Hinweis auf eheliche Differenzen könnte das Kind traumatisieren, man hört immer wieder davon. »Kann ich reinkommen?«

Julia hilft ihrer Mutter, die Reisetasche, die Kühlboxen und den kleinen Weihnachtsbaum in den Flur zu stellen. »Willst du hier einziehen?«

»Ich will mit dir Weihnachten feiern.« Frau Hasemann merkt, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildet. »Aber wenn du dich gar nicht freust, dass ich hier bin, dann kann ich natürlich auch …«

Julia seufzt, zieht ihre Mutter aber kurz an sich und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. »Nein, Mami. Es ist … es ist schön, dass du da bist. Aber ich muss jetzt wirklich los.« Sie zeigt auf die hinterste Tür. »Fernseher und Computer sind in meinem Zimmer. Kannst du gerne benutzen. Schlafen kannst du in Bastis Zimmer. Der ist über Weihnachten zu seinen Eltern gefahren.«

Diese Worte fahren Frau Hasemann wie Messer durch die Seele. Einen Moment lang wünscht sie sich, die Mutter von Sebastian zu sein. Ein so netter junger Mann, trotz des roten Seitenscheitels. Aber bevor sie sich ihrem Schmerz weiter hingeben kann, schärft ihr Julia mit Bühnenflüstern ein: »Und lass unbedingt Emmi schlafen.« Sie zeigt auf die dritte, noch geschlossene Tür, drückt Frau Hasemann einen Kuss auf die Wange, den Wohnungsschlüssel in die Hand und rennt los. »Ich bin gegen halb zehn wieder da!«

»Aber Bescherung ist doch um …«

»MAMI!«

»Ist ja gut, Schatz. Lauf, damit du nicht zu spät kommst. Ich … ich warte dann mit dem Essen auf dich.«

Frau Hasemann kann Julias Schritte noch lange hören. Erst ab dem vierten Stockwerk werden sie leiser. Dann schließt sie die Tür.

Halb zehn?

So hat sie sich das alles nicht vorgestellt.

Aber sie wäre nicht Josefine Hasemann, wenn sie damit nicht fertig würde! Es ist eben einer dieser klassischen Du-willst-deine-Tochter-überraschen-aber-sie-hat-völlig-andere-Pläne-Momente, tröstet sie sich, während sie ihre Reisetasche in Bastis Zimmer stellt. Ihre seelischen Muskeln zur Bewältigung solcher Probleme hat sie sich damals in Julias Pubertät trainiert. Wer nächtliche Anrufe einer 14-Jährigen von einer Pool-Party in Henstedt-Ulzburg und die sich daraus anschließenden Fragen (»Weißt du eigentlich, wie spät es ist? Wen kennst du in Henstedt-Ulzburg? Wie bist du dahin gekommen? Wem gehört der Pool?«) ohne Nervenzusammenbruch überstanden hat, wird Heiligabend in Hamburg wohl auch überleben. Frau Hasemann erinnert sich noch gut an Julias lässige Antwort: »Mami, ich ruf ja extra um neun an, damit du dir keine Sorgen machst. Also, Lucas fährt mich nach Hause. Der hat schon seit Mittwoch seinen Führerschein. Und wir sind hier auf dem Geburtstag von … Hey, Lucas, wie heißt Rakete noch mal richtig?«

»RAKETE?«

»Ein Spitzname, Mami. Rakete studiert Ingenieurswesen wie Papa. Da kannst doch nicht mal DU etwas gegen haben …«

Während Frau Hasemann die Mousse au Chocolat im Tiefkühlfach neben Sportverbänden und Joghurtbechern verstaut (Seit wann isst Julia denn Joghurt?), lächelt sie über ihre damalige Aufregung. Am Ende ist alles gutgegangen, und Julias Pubertät hat auch Frau Hasemann gestärkt auf ihren weiteren Lebensweg geschickt.

Sie inspiziert den Herd und verstaut schon einmal die Gans darin; der Bräter passt haargenau. Aber es ist natürlich noch zu früh, um den Ofen einzuschalten. Mit geübtem Blick unterzieht Frau Hasemann die Vorräte einer raschen Prüfung. Das Ergebnis überrascht sie nicht. Natürlich gibt es so gut wie nichts! Vorratshaltung ist nichts für junge Leute. Frau Hasemann entschließt sich, erst einmal einkaufen zu gehen.

Während sie ihren Mantel anzieht und eine Einkaufstasche sucht, verursacht sie keine Geräusche in der Wohnung, mit denen die mysteriöse Emmi aufgeweckt werden könnte. Frau Hasemann kennt diese Freundin von Julia nicht. Sie greift nach ihrer Handtasche und dem Schlüssel und zieht die Tür leise hinter sich zu. Gut, dass Julia nun eine weibliche Verbündete in der WG hat. Von dem Zusammenleben mit diesem Tänzer hat Frau Hasemann sowieso nie viel gehalten. Emmi hingegen, das klingt nett. Vielleicht ist Emmi eine Krankenschwester und hat Nachtdienst gemacht? Frau Hasemann wird von einer Welle des Mitleids für die Unbekannte überschwemmt. Sie wird nachher ein leckeres Frühstück für das arme Mädchen zubereiten, bevor es wieder seinem aufopferungsvollen Beruf nachgeht.

KAPITEL 4
Frau Hasemann trifft einen Engel

Von ihrem letzten Besuch weiß Frau Hasemann noch, dass der nächste Supermarkt nur über die große Kreuzung ist. Sie entert den Fahrstuhl und wappnet sich innerlich. Wenige Stunden vor dem Heiligabend, das kennt sie aus Fernsehfilmen, ist in Großstädten die Hektik am größten. Die Menschen keifen einander an und liefern sich an der Fleischtheke ein blutiges Wettrennen um den letzten Weihnachtsbraten. Und überhaupt, Großstadtsupermärkte. Vollkommen klar, dass es da anders zugeht als auf dem Dorf, wo noch jeder jeden kennt und keine Kassiererin freiwillig eine Tiefkühllasagne über die Registrierkasse ziehen würde, in der auch nur ein Spurenelement Pferd enthalten ist. Nicht, dass Frau Hasemann jemanden kennt, der im Dorfladen arbeitet; seit die alte Frau Minnfeld ihn an diese Großhandelskette verkauft hat, sitzt da immer jemand anders am Laufband. Und im Discounter neben der Ausfallstraße geht es ja auch eher anonym zu. Aber, da ist Frau Hasemann sich sicher, die Angestellten dort kommen aus der näheren Umgebung. Man könnte sich also kennen. Etwas, was im Moloch Hamburg unmöglich ist.

Mit großem Misstrauen betritt Frau Hasemann den Supermarkt. Hier drinnen ist es angenehm warm, ein Duft von frischem Brot umweht den Eingangsbereich, wo – Frau Hasemann muss zweimal hinsehen – ein blonder Engel warme Rosinenbrötchen an die Kunden verteilt.

»Ein frohes Fest«, zwitschert der Engel. »Probieren Sie doch gerne eine unserer Weihnachtswecken.«

Jetzt erkennt Frau Hasemann, dass der Engel natürlich nichts weiter ist als eine Verkäuferin mit Plastikflügeln, aber schön war der Moment doch.

»Sehr aufmerksam von Ihnen«, bedankt sie sich.

Die Engel-Verkäuferin flüstert ihr zu: »Gehen Sie doch zur zweiten Einkaufsstraße hinten rechts, da steht mein Kollege mit der Kaffeeverkostung. Passt prima zur Wecke.«

Erstaunt folgt Frau Hasemann ihren Worten und wird zum zweiten Mal auf das angenehmste überrascht: In der zweiten Einkaufsstraße steht, zwischen Kaffee, Tee und Kakao, ein mittelalter, rundlicher Mann mit roten Wangen, der an einer glänzenden Kaffeemaschine Gratiskaffeeproben verteilt. Frau Hasemann merkt plötzlich, dass es in ihrem Magen rumort. Sie hat Hunger und Kaffeedurst. Dankbar lehnt sie sich an den Verkaufstisch, trinkt den Premium Blend in kleinen Schlucken und beißt in die Weihnachtswecke, die hervorragend schmeckt.

Ein junges Paar schlendert heran. Sie nehmen ebenfalls einen Kaffee und plaudern über die beste Art, Rotkohl zu kochen. Das tun sie so freundlich und überhaupt nicht hektisch, dass Frau Hasemann gar nicht anders kann, als zuzuhören.

»Ich überlege noch, ob ich das pakistanische Rosengewürz nehme oder doch lieber eine Idee schärfer an die Sache rangehe«, grübelt die junge Frau. »Es gibt da diese süße Chilipaste, die …«

Rosengewürz? Chilipaste? Frau Hasemann kann nicht anders, es platzt einfach aus ihr heraus: »In den Rotkohl mischen Sie am besten Preiselbeeren, das macht das besondere Aroma.«

Der junge Mann lächelt sie an: »Das macht meine Mutter auch so, glaube ich.« Er räuspert sich. »Wissen Sie, wir feiern das erste Mal bei uns zu Hause, und unsere Eltern kommen zum Essen.«

Frau Hasemann ist gerührt. »Und da wollen Sie Ihre Eltern natürlich nicht nach den Rezepten fragen? Weil Sie ja jetzt auf eigenen Beinen stehen?«

Der junge Mann nickt, aber seine Freundin fügt ernst hinzu: »Wir könnten schon. Aber dann wäre es ja wieder ihr Essen.«

»Aber was soll schlimm daran sein?«, fragt Frau Hasemann erstaunt.

»Gar nichts«, sagt ihr Gegenüber, nimmt die Hand ihres Freundes und legt den Kopf an seine Schulter. »Aber es ist Zeit, dass wir unsere eigene Tradition beginnen.«

»Mit Chili?« Frau Hasemann ist skeptisch.

»Oder dem Rosengewürz.« Der junge Mann gibt seiner Freundin einen Kuss auf die Stirn.

Als sie sich verabschieden, sieht Frau Hasemann ihnen nachdenklich hinterher. Ihre Rezeptkladde kommt ihr in den Sinn, die sie irgendwann einmal Julia vererben will. Chili spielt darin keine nennenswerte Rolle.

Ob Julia auch lieber Dinge alleine machen will?

Frau Hasemann verscheucht den Gedanken und macht sich an den Einkauf. Brot muss besorgt werden, Obst, Aufschnitt, Kaffee, der Rotkohl, Knödel und Preiselbeeren. Hat sie eine Küchenrolle gesehen? Besser, sie nimmt noch eine mit. Und Toilettenpapier, davon kann man nie genug im Hause haben. Oh, die guten Weihnachtspralinen sind im Angebot, das ist ja praktisch. Und vermutlich hat Julia auch keine Lebkuchen im Haus für den Kaffee morgen. Vielleicht noch ein Stollen?

Der Supermarkt ist zwar gut besucht, aber von aufgeregten Last-Minute-Einkäufen ist nichts zu merken. Im Gegenteil: Die Menschen lachen einander zu, und Frau Hasemann sieht, wie zwei junge Mädchen einem älteren Herrn helfen, als ihm einige Nusstüten aus der Hand fallen.

In einem Ständer werden DVDs angeboten. Eine Box trägt den Titel Girls. Eine der jungen Frauen, die auf dem Cover abgebildet sind, kommt Frau Hasemann bekannt vor. Sicher ist das eine Fortsetzung von Julias geliebten Gilmore Girls. Das perfekte Geschenk! Also legt Frau Hasemann die DVD zu den anderen Einkäufen, die Servietten kann sie ihr immer noch schenken.

So, hat sie nun alles? Im letzten Moment fällt Frau Hasemann der getrocknete Beifuß ein. Dann schiebt sie einen ganzen Einkaufswagen voll zur Kasse. Zwar hat sie selbstverständlich in ihrer Handtasche eine zusätzliche Nylon-Einkaufstasche, die sie jetzt noch entfalten kann, aber es ist doch zu viel geworden. Ratlos starrt Frau Hasemann ihre Einkäufe an. Schließlich fasst sie sich ein Herz und fragt die Kassiererin: »Könnten Sie mir wohl die Einkäufe liefern?«

Die asiatisch aussehende junge Frau schüttelt bedauernd den Kopf. »Nein, das tut mir leid, das ist bei uns nicht vorgesehen.«

Frau Hasemann nickt und packt ihre Einkäufe noch einmal um. Endlich hat sie alles in zwei Plastiktüten, ihrer Nylontasche und einem Karton verstaut. »Darf ich dann einen Teil der Einkäufe bei Ihnen stehenlassen und wiederkommen, um sie zu holen?«

»Ja, natürlich, aber …« Die junge Frau sieht sie skeptisch an. »Wohin wollen Sie denn?«

Frau Hasemann zeigt aus dem Fenster. »Nur da drüben hin, Nummer 19.«

»Zu dem Hochhaus?«

Frau Hasemann nickt. Der Verkäuferin scheint eine Idee zu kommen. Sie wendet sich an die Frau mit Kopftuch, die gerade ihre Einkäufe auf das nächste Band lädt. »Entschuldigen Sie bitte, Frau Günes!«

Die Frau blickt hoch und lächelt so freundlich, dass Frau Hasemann sofort warm ums Herz wird.

Die Verkäuferin fragt: »Ich dachte, vielleicht könnte Mustaffer der Dame hier helfen?«

Die Frau mit dem Kopftuch blickt von Frau Hasemann zu den Einkäufen. Dann zückt sie ihr Handy, drückt eine Nummer und sagt etwas auf Türkisch. Sie steckt das Handy wieder ein. »Mein Sohn kommt gleich und hilft Ihnen.«

***

So kommt es, dass Frau Hasemann, die niemals in die große Stadt wollte, an diesem Weihnachtstag vergnügt mit Frau Günes durch die kalte Winterluft spaziert. Vor ihnen läuft der Teenager Mustaffer, der die Einkäufe in einem Einkaufswagen hinter sich herzieht. »Einen Hackenporsche, hat meine Oma das genannt«, erklärt Frau Hasemann. Frau Günes muss sehr lachen über diesen Ausdruck.

Es hat sich herausgestellt, dass Familie Günes im selben Haus wohnt wie Julia. Nur im vierten Stock.

»Natürlich kenne ich Ihre Tochter«, sagt Frau Günes, »und ihren netten Freund.« Sie lächelt Frau Hasemann an. So von Mutter zu Mutter.

Ihren Freund?

Frau Hasemann stellt fest, dass sie von Julias Leben wohl weniger weiß, als sie denkt. Aber sie möchte das nette Lächeln von Frau Günes nicht trüben, also nickt sie und wiederholt: »Ein ganz reizender junger Mann.«

Frau Günes ist zu feinfühlig, um weiter in Frau Hasemann zu dringen, als diese wider Erwarten nicht über Julias Zukunft mit dem offensichtlich wirklich reizenden und jungen Mann, über eine zu erwartende Hochzeit oder erhoffte Enkelkinder spricht. Frau Hasemann merkt ihre Enttäuschung und versucht, diese mit einem Fünf-Euro-Schein für Mustaffer wieder gutzumachen.

»Das ist nicht nötig«, erklärt Frau Günes entschieden. Mustaffers Blick zeigt deutlich, dass er sich dieser Meinung nicht anschließen kann.

»Aber ich möchte mich erkenntlich zeigen!«, beharrt Frau Hasemann. »Bitte, ich möchte das wirklich.« Sie drückt dem Jungen den Schein in die Hand, und als seine Mutter noch einmal widersprechen will, sagt sie: »Wir wollen doch beide nicht so lange darüber diskutieren, dass uns beiden keine Zeit für das Festessen bleibt, oder?«

Frau Günes grinst breit. »Für das Festessen sind heute Sie allein zuständig. Ich bin froh, dass ich meine Ruhe habe.« Als sie Frau Hasemanns irritierten Blick sieht, fügt sie betont trocken hinzu: »Die Geburt von Jesus hat für Moslems nun nicht die allergrößte Bedeutung …«

Einen Moment lang schauen sich die beiden Frauen an, dann lachen sie schallend los.

»Wissen Sie was? Sie kommen heute Abend einfach zu uns«, hört Frau Hasemann eine gutgelaunte Stimme sagen. Und stellt zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass es sich dabei um ihre eigene handelt.

»Sind Sie sicher?«, fragt Frau Günes mit großen Augen.

Frau Hasemann überlegt kurz. Mit den Vorräten, die sie eingekauft hat, kann sie problemlos zwei Großfamilien verköstigen … Warum also nicht?

»Julia kommt heute erst später, aber wenn Sie es so gegen acht schon einrichten können?«

Frau Günes hat noch nie eine Einladung zu einem deutschen Weihnachtsabend bekommen, deswegen sagt sie, sie wolle mal sehen, was ihr Mann dazu sagt. Aber sie wirkt ehrlich erfreut und aufgeregt.

»Ich habe aber meine Schwiegermutter mit bei uns«, warnt sie ihre Gastgeberin vor.

»Ein Grund mehr, am Heiligabend nicht allein zu sein«, sagt Frau Hasemann verschwörerisch, worauf die beiden wieder lachen müssen. Mustaffer steht mit regloser Miene daneben und wünscht sich offensichtlich, gerade ganz, ganz weit weg zu sein.

Frau Hasemann und Frau Günes verabschieden sich herzlich, und nachdem Mustaffer die letzte Tasche in die Küche geschleppt hat, lässt sich Frau Hasemann erschöpft auf Julias Bettsofa fallen. Sie ist auf einmal todmüde und merkt gar nicht, dass sie einschläft.

KAPITEL 5
Frau Hasemann erschrickt

Als Frau Hasemann wieder aufwacht, ist es bereits dunkel, und trotz des geschlossenen Fensters kann sie die Glocken der Stadt hören. Sie linst auf Julias Radiowecker: Schon halb fünf! Da laufen ja bereits die ersten Weihnachtsgottesdienste. Gerd hat jetzt sicher schon einen leichten Glimmer, weil die Türmer bereits ab drei Uhr blasen.

Frau Hasemann hört noch etwas: die Dusche. Also ist Emmi aufgewacht. Das bringt Frau Hasemann auf die Beine. Sie eilt in die Küche, um das späte Frühstück für die tapfere Krankenschwester zu bereiten. »Emmi, nicht wundern«, ruft sie in Richtung Badezimmer. »Ich bin die Mutter von Julia – und ich habe Frühstück für dich gemacht.«

Die Kaffeemaschine blubbert, der Toast springt aus dem Toaster, und ein Spiegelei brutzelt in der Pfanne, als sich Schritte nähern. Frau Hasemann, die gerade die Marmelade aus dem Kühlschrank holt, dreht sich erwartungsfroh um …

… und erschrickt so sehr, dass sie das Glas fallen lässt!

Ihr Gegenüber greift geistesgegenwärtig zu und rettet die Erdbeer-Rhabarber-Kombination.

Das ist nicht Emmi.

Das ist … o mein Gott, das ist ein Einbrecher!

Sehr groß, sehr schwarz und – mit Ausnahme eines Handtuchs – sehr unbekleidet!

Frau Hasemann starrt den fremden Mann vor ihr mit klopfendem Herzen an. Wer ist das? Wie ist er hierhergekommen? Und warum duscht er? Frau Hasemann überfällt eine gruselige Vorstellung. Ist das ein Psychopath? Ein Serienkiller, der sich heimlich mit Nachschlüsseln in die Wohnung alleinstehender junger Frauen schleicht? Frau Hasemann hat darüber einmal einen Film gesehen. Ja, so muss es sein: Dieser Killer hat erst die bedauernswerte Emmi blutig gemeuchelt, dann ist er, um seine Spuren zu verwischen, unter die Dusche gehüpft, und jetzt – jetzt ist ausgerechnet sie ihm in die Quere gekommen. Ihr wird schlecht und kalt. Wird es ihr gelingen, an ihm vorbei in den Flur zu springen und aus der Wohnung zu entkommen? Geistesgegenwärtig schnappt sie sich das Tranchierbesteck, das eigentlich für die Gans gedacht ist.

Aber dann siegt ihr großes Herz: Sie muss jetzt erst einmal sehen, was mit Emmi ist! Ehe der Mann reagieren kann, rennt sie an ihm vorbei in das Zimmer des jungen Opfers. Vielleicht ist sie noch zu retten? Frau Hasemann hat eine Ersthelferausbildung und frischt diese Kenntnisse regelmäßig auf.

Doch statt eine Frau in ihrem Blut oder an den Heizkörper gefesselt vorzufinden, steht Frau Hasemann nur vor einem ungemachten, leeren Bett.

»Wo ist Emmi?«, schreit Frau Hasemann den Fremden an, der ihr gefolgt ist und sich gerade ein T-Shirt überzieht, während er peinlich genau darauf bedacht ist, das Handtuch um seine Hüften genau dort zu halten, wo es hingehört.

Wahrscheinlich versteht er sie überhaupt nicht. Er ist schwarz. Ein Afrikaner vielleicht? Ein Drogendealer? Asylant? Flüchtling? Oder, wieder kommt Frau Hasemann ein irrsinnige Vorstellung, ein amerikanischer Sänger? Sie weiß, dass das alles Vorurteile sind, aber sie kennt nun einmal nicht besonders viele Menschen mit dunkler Hautfarbe.

Langsam dämmert ihr, dass sie eventuell doch nicht in akuter Gefahr schwebt. Immerhin hat der Fremde keinerlei Anstalten gemacht, Hand an sie zu legen. Ein Killer würde sich sicher auch nicht die Mühe machen, ein Marmeladenglas zu retten, wenn er gerade menschliche Leben ausradiert hat.

Der Mann lacht jetzt schallend: »Mannomann, was’n los hier? Und Emmi? Emmi geht’s man gut!« Er spricht mit einem starken norddeutschen Akzent. Er sagt »lo-uhs« statt »los«. Das verwirrt Frau Hasemann derartig, dass sie ihn unwillkürlich anlächelt.