Hinweise zur E-Book-Ausgabe

Die E-Books des Reclam Verlags verwenden entsprechend der jeweiligen Buchausgabe Sperrungen zur Hervorhebung von Textpassagen. Diese Textauszeichnung wird nicht von allen Readern unterstützt.

Enthält das E-Book in eckigen Klammern beigefügte Seitenzählungen, so verweisen diese auf die Printausgabe des Werkes.

[5]Hamlet, Prinz von Dänemark

[6]Personen

CLAUDIUS, König von Dänemark

HAMLET, Sohn des vorigen und Neffe des gegenwärtigen Königs

POLONIUS, Oberkämmerer

HORATIO, Hamlets Freund

LAERTES, Sohn des Polonius

Hofleute

VOLTIMAND

CORNELIUS

ROSENKRANZ

GÜLDENSTERN

OSRICK, ein Hofmann

Ein andrer Hofmann

Ein Priester

Offiziere

MARCELLUS

BERNARDO

FRANCISCO, ein Soldat

REINHOLD, Diener des Polonius

Ein Hauptmann

Ein Gesandter

Der Geist von Hamlets Vater

FORTINBRAS, Prinz von Norwegen

GERTRUDE, Königin von Dänemark und Hamlets Mutter

OPHELIA, Tochter des Polonius

 

Herren und Frauen vom Hofe. Offiziere. Soldaten. Schauspieler. Totengräber. Matrosen. Boten und andres Gefolge.

 

Die Szene in Helsingör.

[7]Erster Akt

Erste Szene

Helsingör. Eine Terrasse vor dem Schlosse.

Francisco auf dem Posten. Bernardo tritt auf.

BERNARDO.

Wer da?

FRANCISCO.

Nein, mir antwortet: Steht und gebt Euch kund.

BERNARDO.

Lang lebe der König!

FRANCISCO.

Bernardo?

BERNARDO.

Er selbst.

FRANCISCO.

Ihr kommt gewissenhaft auf Eure Stunde.

BERNARDO.

Es schlug schon zwölf; mach dich zu Bett, Francisco.

FRANCISCO.

Dank für die Ablösung! ’s ist bitter kalt,

Und mir ist schlimm zumut.

BERNARDO.

War Eure Wache ruhig?

FRANCISCO.

    Alles mausestill.

BERNARDO.

Nun, gute Nacht!

Wenn Ihr auf meine Wachtgefährten stoßt,

Horatio und Marcellus, heißt sie eilen.

(Horatio und Marcellus treten auf.)

FRANCISCO.

Ich denk, ich höre sie. – He! halt! Wer da?

HORATIO.

Freund dieses Bodens.

MARCELLUS.

    Und Vasall des Dänen.

FRANCISCO.

Habt gute Nacht.

MARCELLUS.

    O grüß dich, wackrer Krieger,

Wer hat dich abgelöst?

[8]FRANCISCO.

    Bernardo hat den Posten.

Habt gute Nacht.

(Ab.)

MARCELLUS.

    Holla, Bernardo! sprecht!

BERNARDO.

He, ist Horatio da?

HORATIO.

    Ein Stück von ihm.

BERNARDO.

Willkommen Euch! Willkommen, Freund Marcellus.

HORATIO.

Nun, ist das Ding heut wiederum erschienen?

BERNARDO.

Ich habe nichts gesehn.

MARCELLUS.

Horatio sagt, es sei nur Einbildung,

Und will dem Glauben keinen Raum gestatten

An dieses Schreckbild, das wir zweimal sahn.

Deswegen hab ich ihn hierher geladen,

Mit uns die Stunden dieser Nacht zu wachen,

Damit, wenn wieder die Erscheinung kommt,

Er unsern Augen zeug’ und mit ihr spreche.

HORATIO.

Pah, pah! Sie wird nicht kommen.

BERNARDO.

    Setzt Euch denn,

Und lasst uns nochmals Euer Ohr bestürmen,

Das so verschanzt ist gegen den Bericht,

Was wir zwei Nächte sahn.

HORATIO.

    Gut, sitzen wir,

Und lasst Bernardo uns hiervon erzählen.

BERNARDO.

Die allerletzte Nacht,

Als eben jener Stern, vom Pol gen Westen,

In seinem Lauf den Teil des Himmels hellte,

[9]Wo jetzt er glüht; da sahn Marcell und ich,

Indem die Glocke eins schlug –

(Der Geist kommt.)

MARCELLUS.

O still! halt ein! Sieh, wie’s da wieder kommt!

BERNARDO.

Ganz die Gestalt wie der verstorbne König.

MARCELLUS.

Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio.

BERNARDO.

Sieht’s nicht dem König gleich? Schau’s an, Horatio.

HORATIO.

Ganz gleich; es macht mich starr vor Furcht und Staunen.

BERNARDO.

Es möchte angeredet sein.

MARCELLUS.

Horatio, sprich mit ihm.

HORATIO.

Wer bist du, der sich dieser Nachtzeit anmaßt

Und dieser edlen kriegrischen Gestalt,

Worin die Hoheit des begrabnen Dänmark

Weiland einherging? Ich beschwöre dich

Beim Himmel, sprich.

MARCELLUS.

Es ist beleidigt.

BERNARDO.

    Seht, es schreitet weg.

HORATIO.

Bleib, sprich! Sprich, ich beschwör dich, sprich!

(Geist ab.)

MARCELLUS.

Fort ist’s und will nicht reden.

BERNARDO.

Wie nun, Horatio? Ihr zittert und seht bleich:

Ist dies nicht etwas mehr als Einbildung?

Was haltet Ihr davon?

HORATIO.

Bei meinem Gott, ich dürfte dies nicht glauben.

Hätt ich die sichre, fühlbare Gewähr

Der eignen Augen nicht.

[10]MARCELLUS.

Sieht’s nicht dem König gleich?

HORATIO.

    Wie du dir selbst.

Genau so war die Rüstung, die er trug,

Als er sich mit dem stolzen Norweg maß;

So dräut’ er einst, als er in hartem Zweisprach

Aufs Eis warf den beschlitteten Polacken.

’s ist seltsam.

MARCELLUS.

So schritt er, grad um diese dumpfe Stunde

Schon zweimal kriegrisch unsre Wacht vorbei.

HORATIO.

Wie dies bestimmt zu deuten, weiß ich nicht;

Allein so viel ich insgesamt erachte,

Verkündet’s unserm Staat besondre Gärung.

MARCELLUS.

Nun setzt euch, Freunde, sagt mir, wer es weiß,

Warum dies aufmerksame, strenge Wachen

Den Untertan des Landes nächtlich plagt?

Warum wird Tag für Tag Geschütz gegossen,

Und in der Fremde Kriegsgerät gekauft?

Warum gepresst für Werfte, wo das Volk

Den Sonntag nicht vom sauren Werktag trennt?

Was gibt’s, dass diese schweißbetriefte Eil’

Die Nacht dem Tage zur Gehilfin macht?

Kann jemand mich belehren?

HORATIO.

    Ja, ich kann’s;

Zum mindsten heißt es so. Der letzte König

Ward, wie ihr wisst, durch Fortinbras von Norweg,

Den eifersücht’ger Stolz dazu gespornt,

Zum Kampf gefordert; unser tapfrer Hamlet

[11](Denn diese Seite der bekannten Welt

Hält ihn dafür) schlug diesen Fortinbras,

Der laut dem untersiegelten Vertrag,

Bekräftiget durch Recht und Rittersitte,

Mit seinem Leben alle Länderein,

So er besaß, verwirkte an den Sieger;

Wogegen auch ein angemessnes Teil

Von unserm König ward zum Pfand gesetzt,

Das Fortinbras anheim gefallen wäre,

Hätt er gesiegt; wie durch denselben Handel

Und Inhalt der besprochnen Punkte seins

An Hamlet fiel. Der junge Fortinbras

Hat nun, von wildem Feuer heiß und voll,

An Norwegs Ecken hier und da ein Heer

LandloserAbenteurer aufgerafft,

Für Brot und Kost, zu einem Unternehmen,

Das Herz hat; welches denn kein andres ist

(Wie unser Staat das auch gar wohl erkennt),

Als durch die starke Hand und Zwang der Waffen

Die vorbesagten Land’ uns abzunehmen,

Die so sein Vater eingebüßt: und dies

Scheint mir der Antrieb unsrer Zurüstungen,

Die Quelle unsrer Wachen und der Grund

Von diesem Treiben und Gewühl im Lande.

BERNARDO.

Nichts anders, denk ich, ist’s, als eben dies.

Wohl trifft es zu, dass diese Schreckgestalt

In Waffen unsre Wacht besucht, so ähnlich

Dem König, der der Anlass dieses Kriegs.

[12]HORATIO.

Ein Stäubchen ist’s, des Geistes Aug’ zu trüben.

Im höchsten palmenreichsten Stande Roms,

Kurz vor dem Fall des großen Julius, standen

Die Gräber leer, verhüllte Tote schrien

Und wimmerten die röm’schen Gassen durch.

Dann feu’rgeschweifte Sterne, blut’ger Tau,

Die Sonne fleckig; und der feuchte Stern,

Des Einfluss waltet in Neptunus’ Reich,

Krankt’ an Verfinstrung wie zum Jüngsten Tag.

Und eben solche Zeichen grauser Dinge

(Als Boten, die dem Schicksal stets vorangehn,

Und Vorspiel der Entscheidung, die sich naht)

Hat Erd und Himmel insgemein gesandt

An unsern Himmelsstrich und Landsgenossen.

(Der Geist kommt wieder.)

Doch still! Schaut, wie’s da wieder kommt. Ich kreuz es,

Und sollt es mich verderben. – Steh, Phantom!

(Der Geist breitet die Arme aus.)

Hast du Gebrauch der Stimm’ und einen Laut:

Sprich zu mir!

Ist irgendeine gute Tat zu tun,

Die Ruh’ dir bringen kann und Ehre mir:

Sprich zu mir!

Bist du vertraut mit deines Landes Schicksal,

Das etwa noch Voraussicht wenden kann:

O sprich!

Und hast du aufgehäuft in deinem Leben

Erpresste Schätze in der Erde Schoß,

[13]Wofür ihr Geister, sagt man, oft im Tode

Umhergeht: sprich davon! verweil und sprich!

(Der Hahn kräht.)

Halt es doch auf, Marcellus!

MARCELLUS.

Soll ich nach ihm mit der Hellbarde schlagen?

HORATIO.

Tu’s, wenn’s nicht stehen will.

BERNARDO.

’s ist hier.

HORATIO.

’s ist hier.

(Geist ab.)

MARCELLUS.

’s ist fort.

Wir tun ihm Schmach, da es so majestätisch,

Wenn wir den Anschein der Gewalt ihm bieten.

Denn es ist unverwundbar wie die Luft

Und unsre Streiche nur boshafter Hohn.

BERNARDO.

Es war am Reden, als der Hahn just krähte.

HORATIO.

Und da fuhr’s auf, gleich einem sünd’gen Wesen

Auf einen Schreckensruf. Ich hab gehört,

Der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen,

Erweckt mit schmetternder und heller Kehle

Den Gott des Tages, und auf seine Mahnung,

Sei’s in der See, im Feu’r, Erd’ oder Luft,

Eilt jeder schweifende und irre Geist

In sein Revier; und von der Wahrheit dessen

Gab dieser Gegenstand uns den Beweis.

MARCELLUS.

Es schwand erblassend mit des Hahnes Krähn,

Sie sagen, immer, wann die Jahrszeit naht,

Wo man des Heilands Ankunft feiert, singe

Die ganze Nacht durch dieser frühe Vogel.

[14]Dann darf kein Geist umhergehn, sagen sie,

Die Nächte sind gesund, dann trifft kein Stern,

Kein Elfe faht, noch mögen Hexen zaubern:

So gnadevoll und heilig ist die Zeit.

HORATIO.

So hört’ auch ich und glaube dran zum Teil.

Doch seht, der Morgen, angetan mit Purpur,

Betritt den Tau des hohen Hügels dort:

Lasst uns die Wacht aufbrechen, und ich rate,

Vertraun wir, was wir diese Nacht gesehn,

Dem jungen Hamlet; denn, bei meinem Leben,

Der Geist, so stumm für uns, ihm wird er reden.

Ihr willigt drein, dass wir ihm dieses melden,

Wie Lieb’ uns nötigt und der Pflicht geziemt?

MARCELLUS.

Ich bitte Euch, tun wir das; ich weiß, wo wir

Ihn am bequemsten heute finden werden.

(Ab.)

Zweite Szene