Epub-Version © 2020 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert
Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.
Internet: https://ebooks.kelter.de/
E-mail: info@keltermedia.de
Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.
ISBN: 978-3-74096-942-4
»Das lässt sich sehen.« Josef Moosbacher überflog noch einmal die Zahlen der Lieferverträge und nickte dabei mit einem zufriedenen Lächeln, das seine hellen Augen blitzen ließ. »Was sagst, Markus? Ab nächstem Monat wird der Name Kronenbräu auch in Hannover und Umgebung ein Begriff werden. Und was für einer …« Der Brauherr zwirbelte seinen in Ehren ergrauten Schnauz. Sein Blick suchte den seines Sohnes, doch Markus schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Stumm schaute er aus dem schmalen Seitenfenster der Cessna und betrachtete scheinbar mit großem Interesse die abgeernteten Stoppelfelder, die sie gerade im ländlichen Umfeld Münchens überflogen.
Der Himmel war klar wie Glas und babyblau an diesem Mittwoch im August. Nur ab und an segelten ein paar Wattewölkchen an der Privatmaschine vorbei und spielten Idylle weiß-blau.
Josef musterte seinen Älteren nachdenklich. Markus war in allem sein Ebenbild, oder doch fast. Sie waren gleich groß und ein wenig massig, fleißig und gute Geschäftsleute. Das dichte, dunkle Haar war bei Josef einem schimmernden Eisgrau gewichen, das ihn distinguiert erscheinen ließ. Das behauptete jedenfalls seine Jüngere, Elke. Sein Ein und Alles, seit seine geliebte Martha vor über zwanzig Jahren bei Elkes Geburt gestorben war. Sie war und blieb sein kleines Madel, zart und zerbrechlich nach einer durchkränkelten Kindheit. Nun eine hübsche junge Frau, fast feengleich mit Augen, so blau wie der Himmel über Bayern, mit glänzendem Blondhaar und einem zauberhaften Lachen. Dachte er an sie, dann ging ihm das Herz auf. Und er schob den Gedanken weit weg, dass sie erwachsen geworden war, dass sie irgendwann ihr eigenes Leben leben wollte, fernab von der imposanten Landvilla im Gebirglerstil, dem Wohnsitz der Moosbachers, nur einen Steinwurf entfernt vom Brauhaus, ihrem Broterwerb seit Generationen. Wenn Elke ihm nur noch eine Weile erhalten blieb, dann wollte er zufrieden sein. Die Familie zählte für Josef alles, sie kam immer an erster Stelle. Und wenn es da nicht stimmte, dann spürte er das. So war es auch jetzt.
»Bub, sag mir, was los ist«, bat er Markus, beugte sich ein wenig vor, sodass die Grandeln an seiner schweren Uhrkette aus Altsilber leise zu flüstern schienen, und legte ihm die große Rechte schwer auf die Schulter. Er spürte den teuren Loden und darunter Muskeln, denn Markus war sportlich. Schon in der Schule war er ein passionierter Ruderer gewesen und übte den Sport auch heutzutage noch aus, wenn die Geschäfte es zuließen, dass er sich ein wenig Freizeit nahm.
Ihr weitläufiges Grundstück hatte einen direkten Zugang zur Würm, mit Bootssteg komfortabel eingerichtet. Hier war der kleine Fluss breit und träge und bot unter dichter Ufervegetation Natur pur. Früher, als Bub, war Josef dort in heißen Sommern schwimmen gegangen. Doch das was so lange her, dass es schon fast nicht mehr wahr zu sein schien…
Markus wandte ihm das Gesicht zu, und er sah in den blauen Augen seines Sohnes, die den seinen erstaunlich ähnlich waren, tiefen Kummer. Die gesamte Geschäftsreise in den Norden war von einer unterschwelligen, kühlen Düsterheit beschattet gewesen. Josef, der für Emotionen jeder Art ein feines Gespür hatte, fragte sich schon, seit sie in Hannover abgeflogen war, woran das lag. Was war nur los mit seinem Sohn?
»Magst drüber reden? Was drückt dich?«, fragte er behutsam.
Der junge Moosbacher seufzte. »Ich mach mir meine Gedanken. Bevor wir losgeflogen sind, hatte ich Streit mit Evelyn. Das kommt in letzter Zeit öfter vor, wie du bestimmt mitgekriegt hast. Wir liegen uns einfach ständig in den Haaren.«
»Was Bestimmtes? Oder nur ein bisserl Eheroutine der unangenehmen Art?«, scherzte Josef mit einem schmalen Lächeln.
Markus hob die breiten Schultern. »Eigentlich steckt nix dahinter. Wenn ich im Nachhinein drüber nachdenke, kommt es mir ganz dumm und kindisch vor. Ich hab sogar das Gefühl, dass sie es drauf anlegt, verstehst?«
Josef wurde ernst. »Sie sucht den Streit?«
Er hatte seine Schwiegertochter nie sonderlich gemocht. Als Markus mit der kleinen Blondine aufgetaucht war, hatte er im Stillen gehofft, dass es nichts Ernstes sein würde. Sein Sohn glich ihm auch in dieser Beziehung. Josef war in jungen Jahren ein rechter Hirsch gewesen, vor dem kein Rock sicher war. Dann hatte er sich in Martha Maidenbauer verliebt, die bildschöne und selbstbewusste Tochter eines beruflichen Konkurrenten. Sie hatte ihn nach allen Regeln der Kunst an der Nase herum geführt und mit ihren spöttischen Kommentaren ständig auf die Palme gebracht. Die ersten Jahre mit ihr waren ein Leben auf dem Vulkan gewesen. Doch nach Kampfgeschrei und Leidenschaft hatten sich ihre Herzen in wahrer Liebe einander zugeneigt. Als sie gestorben war, hatte Josef auch sein Herz ins Grab geschickt. Seither war er Witwer mit den üblichen, standesgemäßen Gspuseln. Doch keine hatte sein Herz mehr berührt, seine Liebe war mit Martha gestorben.
Dass Markus an Evelyn hängen geblieben war, an dieser egoistischen und verwöhnten Person, oberflächlich und vergnügungssüchtig, wie sie war, erschien Josef schlimm genug. Dass sie nun auch noch die Ehe hintertrieb, seinen Sohn unglücklich machte, ging für seinen Geschmack eindeutig zu weit.
»Wenn ich’s recht bedenk, dann kommt es mir wirklich so vor. Früher war das anders. Evelyn ist nie zänkisch gewesen.«
Josef schwieg eine Weile, dann ließ er anklingen: »Könnte es denn sein, dass sie einen anderen hat? Will sie ausbrechen?«
Hatte er spontanen Widerspruch erwartet, sah er sich getäuscht. Markus schien ebenfalls schon in diese Richtung gedacht zu haben. Und das machte seinem Vater den Ernst der Lage bewusst. Die Ehe seines Sohnes schien in Gefahr zu sein.
Dass der Brauherr nicht unbedingt böse über eine Scheidung gewesen wäre, behielt er wohlweislich für sich. Hier ging es nicht um seine persönliche Antipathie gegen Evelyn, sondern darum, dass sein Sohn Kummer hatte, leiden musste. Und das tat auch ihm weh. Schließlich waren auch erwachsene Kinder noch Kinder, die beschützt werden wollten. So sah der Familienmensch Josef Moosbacher das jedenfalls.
Markus seufzte bekümmert. »Ich hab schon länger den Verdacht, dass da was ist.«
»Jemand Bestimmtes?«
»Frag mich net, warum, aber es schaut für mich so aus, als ob’s einer aus dem Betrieb wäre. Sie ist auffällig oft daheim, hat ihr ganzes Verhalten geändert. Net nur mir gegenüber.«
»Was meinst?«, forschte Josef nach.
»Da ist so einiges, was sie vor mir verbirgt. Und ich bring’s net über mich zu schnüffeln. Aber vor ein paar Tagen hab ich das auf dem Boden im Schlafzimmer gefunden. Sie hat’s wohl verloren und net bemerkt.« Markus griff in seine Jankertasche und reichte seinem Vater eine Rechnung für Getränke.
»Kasino München. Sie spielt?«
»Das war mir auch neu. Vielleicht spielt aber auch ihr Gspusi, und sie hat ihn begleitet. Vielleicht war’s zufällig eine Verabredung dort. So recht erklären kann ich’s mir net. Es wird mir nix anderes übrig bleiben, als sie zur Rede zu stellen.«
Der Brauherr nickte. Er betrachtete die Rechnung nachdenklich. »Und wenn da kein anderer ist? Könnte doch sein, sie will nur die Spielerei vor dir verheimlichen. Wäre dir das lieber?«
Markus lächelte schmal. »Ich weiß, Vater, du magst Evelyn net. In unserer Ehe ist auch gewiss net alles Gold, was glänzt. Aber ich hab meine Frau nach wir vor lieb. So einfach mag ich meine Ehe fei net verloren geben.«
»Verstehe.« Josef erwiderte das Lächeln seines Sohnes offen. »Wenn du es so willst, soll es mir recht sein. Du weißt, das Glück meiner Kinder steht für mich an erster Stelle.«
»Neben den Verkaufszahlen vom Kronenbräu?«
Er lachte. »Davor, Bub, davor!«
Nun meldete sich der Pilot aus dem Cockpit und informierte die Moosbachers, dass sie auf dem Anflug zum Privatflughafen waren.
»Wir sind bald daheim.« Josef legte die Verträge in seinen Aktenkoffer. »Ich werde …«
Mitten in seinen letzten Satz hinein drang unvermittelt ein lauter Knall, ganz ähnlich einer Explosion. Von einer Sekunde zur nächsten geriet die Maschine in Schieflage. Ein schriller Alarmton erklang, die Sauerstoffmasken fielen aus den Boxen über den Sitzen. Josef krallte sich automatisch fest, Markus schrie: »Was ist das, Sackerl Zement?«
Der Brauherr starrte, reglos vor Schreck, aus dem Fenster und sah die Landebahn rasend schnell auf sie zukommen. Markus war aufgestanden, wankte nach vorn und riss sie Tür zum Cockpit auf. »Anderl, was ist los?«, fuhr er den Piloten an, der hektisch einen Notruf absetzte und zugleich verzweifelt versuchte, die Maschine zu stabilisieren. Die Instrumententafel leuchtete wie ein Weihnachtsbaum. Markus, der ebenfalls einen Flugschein besaß, quetschte sich auf den Notsitz neben Anderl Hain, der knirschte: »Alle Kontrollen sind ausgefallen. Wir müssen versuchen, die Kiste auf Sicht runter zu bringen. Aber ich krieg sie net stabil, es geht einfach net …«
Markus übernahm den Steuerknüppel, während der Pilot einen Teil der Verkleidung löste, hinter der eine ganze Menge Technik zum Vorschein kam. Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte er.
»Ich kann hier nix überbrücken, jemand hat das Hauptrelais ausgebaut. Das ist Sabotage, das …«
Der junge Moosbacher zog den Steuerknüppel im scharfen Winkel nach oben, doch es war zu spät. Im nächsten Augenblick prallte die Cessna ungebremst auf die Landbahn. Mit ohrenbetäubendem Krachen brachen die Tragflächen, ein Teil des Rumpfs wurde eingedrückt, das Fahrgestell bohrte sich ins Innere der Maschine. Wie ein Geschoss schlidderte sie über die Landebahn hinaus, die Schnauze bohrte sich in den geschotterten Boden abseits des Asphalts. Noch einmal schien das kleine Flugzeug sich aufzubäumen, dann rutschte es auf die Seite und blieb liegen. Letzte Staubwolken stiegen träge in den weiß-blauen Sommerhimmel, dann war alles still.
*
Dr. Erik Berger, Leiter der Notfallambulanz in der Behnisch-Klinik, war gerade damit beschäftigt, einen Longboarder zu verarzten, der mit seinem Brett weit übers Ziel hinaus geschossen war, als sein Kollege Dr. Jakob Janssen den Behandlungsraum betrat und seinen Vorgesetzten wissen ließ: »Sie werden gleich im Schockraum gebraucht. Flugzeugabsturz in Erding, zwei Schwerverletzte in kritischem Zustand. Der Heli ist gerade gelandet.«
Dr. Berger nickte knapp. »Machen Sie das fertig.« Weg war er.
Nur wenige Minuten später wurden Markus und Josef Moosbacher in den Schockraum gebracht. Dr. Fred Steinbach, der die beiden während des Flugs betreut hatte, konnte wenig Gutes berichten.
»Zwei Schwerstverletzte, beide instabil. Multiple Frakturen, Verdacht auf innere Verletzungen. Blutdruck ist im Keller, ich gehe von mindestens einem Milzriss aus, der Ältere hatte auf dem Flug bereits einen Kardioarrest.«
Dr. Berger nickte knapp, dann wandte er sich an Schwester Inga, die ihm bei der ersten Untersuchung zur Hand ging. »Monitor anschließen, Blutdruck, EKG, Sättigung. Und schaffen Sie jemanden von der Chirurgie her, ich habe hier eine ganze Menge Arbeit für mindestens einen Kollegen.« Er schnaufte. »Verdammter Mist, das sieht aus wie auf dem Schlachtfeld …«
Schwester Inga bedachte ihn mit einem knappen Blick, sparte sich aber eine Erwiderung. Sie war die ruppige Art ihres Chefs mittlerweile gewohnt.
In der nächsten Stunde arbeitete Dr. Berger verbissen und mit nicht nachlassender Konzentration. Dr. Christina Rohde, die Chirurgin, operierte Josef Moosbacher, nachdem Erik Berger alles getan hatte, um die beiden Verletzten zu stabilisieren.
Mittlerweile waren nicht nur Feuerwehr und Rettungskräfte in Erding vor Ort gewesen, sondern auch Polizei und Presse.
Während man in der Behnisch-Klinik um das Leben von Vater und Sohn Moosbacher kämpfte, trafen die ersten Journalisten ein und belagerten sogleich den Eingang zur Notfallambulanz.
Schließlich erschien Dr. Daniel Norden, der Klinikchef, um ein Machtwort zu sprechen und dem Spuk ein Ende zu bereiten.