Cover

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Über den Autor
Hinter dem Namen Erin Hunter verbirgt sich ein ganzes Team von Autorinnen. Gemeinsam konzipieren und schreiben sie die erfolgreichen Tierfantasy-Reihen WARRIOR CATS, SEEKERS und SURVIVOR DOGS.
Impressum
Dieses Buch ist erhältlich als
ISBN 978-3-407-74918-5 Print (Taschenbuch)
ISBN 978-3-407-81148-6 Print (Hardcover)
ISBN 978-3-407-74409-8 E-Book (EPUB)
© 2017 Gulliver
in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel
Werderstraße 10, 69469 Weinheim
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© 2009 Working Partners Limited
Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel Warriors, Power of Three, Sunrise, bei HarperCollins Children’s Books, New York
Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt
Lektorat: Susanne Härtel
Umschlaggestaltung/Artwork: © Johannes Wiebel, punchdesign, München
Landkarte: © Gary Chalk
Wort-Bild-Marke Warrior Cats: © Hauptmann & Kompanie, München
Gesamtherstellung: Beltz Bad Langensalza GmbH, Bad Langensalza
Printed in Germany
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Weitere Informationen zu unseren Autoren und Titeln finden Sie unter: www.beltz.de
Mit herzlichem Dank an Lynn und Steve Wiman
Besonderen Dank an Cherith Baldry
Staffel I
In die Wildnis (Band 1)
Feuer und Eis (Band 2)
Geheimnis des Waldes (Band 3)
Vor dem Sturm (Band 4)
Gefährliche Spuren (Band 5)
Stunde der Finsternis (Band 6)
Staffel II – Die neue Prophezeiung
Mitternacht (Band 1)
Mondschein (Band 2)
Morgenröte (Band 3)
Sternenglanz (Band 4)
Dämmerung (Band 5)
Sonnenuntergang (Band 6)
Staffel III – Die Macht der drei
Der geheime Blick (Band 1)
Fluss der Finsternis (Band 2)
Verbannt (Band 3)
Zeit der Dunkelheit (Band 4)
Lange Schatten (Band 5)
Sonnenaufgamg (Band 6)
Staffel IV – Zeichen der Sterne
Der vierte Schüler (Bd. 1)
Fernes Echo (Bd. 2)
Stimmen der Nacht (Bd. 3)
Spur des Mondes (Bd. 4)
Der verschollene Krieger (Bd. 5)
Die letzte Hoffnung (Bd. 6)
Staffel V – Der Ursprung der Clans
Der Sonnenpfad (Bd. 1)
Donnerschlag (Bd. 2)
Der erste Kampf
(Bd. 3)
Der leuchtende Stern (Bd. 4)
Der geteilte Wald (Bd. 5)
Der Sternenpfad (Bd. 6)
Staffel VI – Vision von Schatten
Die Mission des Schülers (Bd. 1)
Donner und Schatten (Bd. 2)
Special Adventure
Feuersterns Mission
Das Schicksal des WolkenClans
Blausterns Prophezeiung
Streifensterns Bestimmung
Gelbzahns Geheimnis
Riesensterns Rache
Brombeersterns Aufstieg
Short Adventure
Wolkensterns Reise
Distelblatts Geschichte
Die Welt der Clans
Das Gesetz der Krieger
Die letzten Geheimnisse
Alle Abenteuer auch als E-Books bei Beltz & Gelberg
www.warriorcats.de

DIE HIERARCHIE DER KATZEN

DONNERCLAN 
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Anführer
FEUERSTERN – attraktiver Kater mit rotem Fell
Zweiter
Anführer
BROMBEERKRALLE – dunkelbraun getigerter Kater mit bernsteinfarbenen Augen
Heilerin
BLATTSEE – hellbraun gestreifte Kätzin mit bernsteinfarbenen Augen; Mentorin von HÄHERFEDER
Krieger
(Kater und Kätzinnen ohne Junge)
EICHHORNSCHWEIF – dunkelrote Kätzin mit grünen Augen; Mentorin von FUCHSPFOTE
BORKENPELZ – dunkelbraun getigerter Kater
SANDSTURM – kleine, gelbbraune Kätzin mit grünen Augen
WOLKENSCHWEIF – langhaariger, weißer Kater mit leuchtend blauen Augen
FARNPELZ – goldbraun getigerter Kater
AMPFERSCHWEIF – schildpattfarbene Kätzin mit bernsteinfarbenen Augen
DORNENKRALLE – goldbraun getigerter Kater
RAUCHFELL – hellgraue Kätzin mit dunkleren Flecken und grünen Augen
LICHTHERZ – weiße Kätzin mit goldbraunen Flecken und vernarbtem Gesicht
SPINNENBEIN – langgliedriger, schwarzer Kater mit bernsteinfarbenen Augen
WEISSFLUG – weiße Kätzin mit grünen Augen; Mentorin von EISPFOTE
BIRKENFALL – hellbraun gestreifter Kater
GRAUSTREIF – langhaariger, grauer Kater
BEERENNASE – sandfarbener Kater
HASELSCHWEIF – kleine, grau-weiße Kätzin
MAUSBART – grau-weißer Kater
RUSSHERZ – grau getigerte Kätzin
HONIGFARN – hellbraun getigerte Kätzin
MOHNFROST – schildpattfarbene Kätzin
LÖWENGLUT – goldgelb getigerter Kater mit bernsteinfarbenen Augen
DISTELBLATT – schwarze Kätzin mit grünen Augen
Schüler
(über sechs Monde alt, in der Ausbildung zum Krieger)
FUCHSPFOTE – fuchsbraun getigerter Kater
EISPFOTE – weiße Kätzin
Königinnen
(Kätzinnen, die Junge erwarten oder aufziehen)
MINKA – Kätzin mit langem, cremefarbenem Fell vom Pferdeort; Mutter von Rosenjunges und Unkenjunges
MILLIE – silbern getigerte Kätzin; Mutter von Wurzeljunges, Hummeljunges und Blumenjunges
Älteste
(ehemalige Krieger und Königinnen, jetzt im Ruhestand)
LANGSCHWEIF – Kater mit hellem Fell und schwarzen Streifen; früh im Ruhestand, weil fast blind
MAUSEFELL – kleine, schwarzbraune Kätzin
SCHATTENCLAN  
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Anführer
SCHWARZSTERN – großer, weißer Kater mit riesigen, pechschwarzen Pfoten
Zweite
Anführerin
ROSTFELL – dunkle, goldbraune Kätzin
Heiler
KLEINWOLKE – sehr kleiner, getigerter Kater; Mentor von FLAMMENPFOTE
Krieger
EICHENFELL – kleiner, brauner Kater; Mentor von TIGERPFOTE
ESCHENKRALLE – rotbrauner Kater
RAUCHFUSS – schwarzer Kater; Mentor von EULENPFOTE
EFEUSCHWEIF – Kätzin mit schildpattfarbenem und weißem Fell; Mentorin von LICHTPFOTE
PILZKRALLE – dunkelbrauner Kater
KNOTENPELZ – getigerte Kätzin mit langem Fell, das nach allen Seiten absteht
SCHLANGENSCHWEIF – dunkelbrauner Kater mit getigertem Schwanz; Mentor von FLECKENPFOTE
BERNSTEINPELZ – schildpattfarbene Kätzin mit grünen Augen
Königin
SCHNEEVOGEL – reinweiße Kätzin
Älteste
ZEDERNHERZ – dunkelgrauer Kater
MOHNBLÜTE – langbeinige, hellbraun getigerte Kätzin
WINDCLAN 
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Anführer
KURZSTERN – braun gescheckter Kater
Zweite
Anführerin
ASCHENFUSS – graue Kätzin
Heiler
RINDENGESICHT – brauner Kater mit kurzem Schwanz; Mentor von FALKENPFOTE
Krieger
FETZOHR – getigerter Kater
KRÄHENFEDER – dunkelrauchgrauer, fast schwarzer Kater mit blauen Augen
EULENBART – hellbraun getigerter Kater
HELLSCHWEIF – kleine, weiße Kätzin
NACHTWOLKE – schwarze Kätzin
HASENSPRUNG – braun-weißer Kater
GINSTERSCHWEIF – sehr helle grau-weiße Kätzin mit blauen Augen
RENNPELZ – roter Kater mit weißen Pfoten
HEIDESCHWEIF – hellbraun getigerte Kätzin mit blauen Augen
WINDPELZ – schwarzer Kater mit bernsteinfarbenen Augen
Älteste
MORGENBLÜTE – schildpattfarbene Kätzin
SPINNENFUSS – dunkelgrau getigerter Kater
FLUSSCLAN 
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Anführerin
LEOPARDENSTERN – ungewöhnlich getupfte, goldfarbene Kätzin
Zweite
Anführerin
NEBELFUSS – graue Kätzin mit blauen Augen
Heilerin
MOTTENFLÜGEL – schöne, golden gestreifte Kätzin mit bernsteinfarbenen Augen; Mentorin von MAULBEERGLANZ
Krieger
SCHWARZKRALLE – rauchschwarzer Kater
FELDZAHN – kleiner, brauner Tigerkater; Mentor von FISCHPFOTE
SCHILFBART – schwarzer Kater
MOOSPELZ – schildpattfarbene Kätzin mit blauen Augen; Mentorin von KIESELPFOTE
BUCHENPELZ – hellbrauner Kater
KRÄUSELSCHWEIF – dunkelgrau getigerter Kater; Mentor von MALVENPFOTE
GRAUNEBEL – hellgrau getigerte Kätzin
MORGENBLUME – hellgraue Kätzin
TUPFENNASE – grau getupfte Kätzin
SPRINGSCHWEIF – goldbraun-weißer Kater
OTTERHERZ – dunkelbraune Kätzin; Mentorin von SCHNIEFPFOTE
REGENSTURM – blaugrauer Kater mit Tupfen
Königin
EISFLÜGEL – weiße Kätzin mit blauen Augen; Mutter von Käferjunges, Stacheljunges, Blütenjunges und Wiesenjunges
Älteste
BLEIFUSS – untersetzter, gestreifter Kater
SCHWALBENSCHWEIF – dunkelbraun gestreifte Kätzin mit grünen Augen
KIESELBACH – grauer Kater
KATZEN AUSSERHALB DER CLANS
SOL – braun und schildpattfarbener Kater mit langem Fell und blassgelben Augen
SOCKE – muskulöser, grau-weißer Kater; lebt in einer Scheune am Pferdeort
MOLLY – kleine, grau-weiße Kätzin; lebt beim Pferdeort
CHARLY – alter, gestreifter Kater; lebt in den Wäldern in der Nähe des Meers
JINGO – dunkelbraun getigerte Kätzin
HUSAR – breitschultriger, grauer Kater
FLECK – gefleckte, braune Kätzin mit vier Jungen
FRITZ – schwarz-weißer Kater mit zerfetztem Ohr
TOBI – magerer, brauner Kater mit grauer Schnauze
FLITZER – langhaariger, schwarzer Kater
CINDY – goldbraun-weiße Kätzin
FELIX – hellgrau getigerter Kater
ANDERE TIERE
MITTERNACHT – sternenkundige Dächsin, die am Meer lebt
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PROLOG
Das Mondlicht ergoss sich taghell über den Felsenkessel, doch unter den Büschen und an den Rändern der Felsen glitten dunkle Schatten hervor wie Krallen. Blattsee neigte sich über Aschenpelz’ schlaffen Körper. Das fahle Licht verlieh seinem grauen Fell einen silbernen Glanz, als sie ihn für das Begräbnis zurechtmachte. Häherfeder half, glättete und schüttelte Aschenpelz’ Schwanz auf, während der Pelz trocknete.
Blattsee hob den Kopf und starrte hinauf zu dem eisigen Funkeln ihrer Kriegervorfahren am Himmel. »Möge der SternenClan deinen Pfad erleuchten, Aschenpelz.« Ihre Stimme drang sanft durch die kalte Luft, als sie die Worte wiederholte, die seit unzähligen Blattwechseln von den Heiler-Katzen verwendet wurden, wenn ein Clan-Gefährte starb. »Wir wünschen dir reichlich Beute, dazu Pfoten, so schnell wie der Wind, und einen sicheren Unterschlupf, wenn du müde bist.«
Diese Worte, die doch Trost geben sollten, da sie dem gefallenen Krieger ein langes und glückliches Leben versprachen, schmerzten sie doch schärfer als Dornen. In ihr stieg die Erinnerung auf an den Augenblick, als sie die Bissspuren an Aschenpelz’ Hals entdeckt hatte. Zu klein für einen Hund, zu gleichmäßig für einen Fuchs, zu spitz für einen Dachs. Nur eine Katze konnte sie hinterlassen haben. Aber welche Katze? Wer hasste Aschenpelz so sehr, dass er ihn ohne irgendwelche Anzeichen eines Kampfes kaltblütig umbrachte? Oder war sein Tod die Folge einer Auseinandersetzung um eine übertretene Grenze oder gestohlene Beute? Könnte es eine WindClan-Katze oder ein vorbeiziehender Streuner gewesen sein? Bitte, SternenClan, mach, dass es so war!
Bei dem Gedanken, eine DonnerClan-Katze könnte Aschenpelz ermordet haben, fuhr ihr eine eisige Kälte bis in die Knochen. Aschenpelz war eigensinnig gewesen und hatte nie ein Blatt vor den Mund genommen, das ja, aber er war auch ein loyaler und respektierter Krieger. Sicherlich hätte keiner seiner Clan-Gefährten einen Grund gehabt, ihn tot sehen zu wollen?
Blattsee beugte sich erneut über ihn und begann, die Ballen des toten Kriegers von Erde und Kies zu säubern. Etwas Weiches, Flauschiges berührte flatternd ihre Schnauze. Sie zog den Kopf zurück und entdeckte ein Fellbüschel zwischen Aschenpelz’ Krallen.
Nein! Das darf nicht sein! Die Heilerin reckte den Kopf und schnupperte daran. Den Geruch kenne ich!
Verzweifelt versuchte sie sich einzureden, dass das Fellbüschel von einer der Katzen stammen musste, die Aschenpelz zurück ins Lager getragen hatten, nachdem man ihn tot im Bach gefunden hatte. Doch die Haare rochen zu stark nach Flusswasser, als dass sie von einer Katze mit trockenem Fell stammen könnten. Außerdem waren Aschenpelz’ Pfoten nach seinem Tod zu schlaff, um einer anderen Katze bei einer zufälligen Berührung ein Fellbüschel auszureißen.
Dieses Fell konnte nur von einer Katze stammen: Aschenpelz’ Mörder.
Atemlos und zitternd zog Blattsee die Haare aus seiner Tatze und trug sie in ihren Bau. Sie zwang ihre bebenden Pfoten, das Büschel auf ein Blatt zu legen, und faltete es fest zusammen. Dann schob sie es in ihr Vorratslager, tief in den Felsspalt hinein, bis hinter den letzten Kräuterstrauß. Die Wahrheit über Aschenpelz’ Tod durfte niemals herauskommen.
Von einem so großen Schmerz erfüllt, dass sie meinte, daran sterben zu müssen, fragte sie sich: Ist das alles meine Schuld?
Knurrend stürzte sich Gelbzahn auf Blaustern, warf sie zu Boden und drückte sie in das üppige Gras des Waldes, in dem der SternenClan wandelte. »Das ist alles deine Schuld!«, fauchte sie. »All das wäre nicht passiert, hättest du nicht zugelassen, dass dieses elende Geheimnis im DonnerClan vor sich hin gärt.«
Blaustern trommelte mit den Hinterpfoten gegen Gelbzahns Bauch, schaffte es aber nicht, sich aus dem Griff der ehemaligen Heiler-Katze zu befreien. »Was ist los mit dir?«, zischte sie. »Hast du vergessen, dass ich deine Clan-Anführerin war?«
Sämtlicher Respekt, den Gelbzahn einst für die frühere DonnerClan-Anführerin empfunden hatte, war verschwunden. Ihre gemeinsame Geschichte zerbröckelte zu Staub angesichts der schrecklichen Zukunft, die Gelbzahn für den Clan vorhersah, in dem sie einst eine Heimat gefunden hatte.
»Dein Geheimnis ist wie eine Made, die im Inneren eines Apfels nagt«, knurrte Gelbzahn, die gebleckten Zähne dicht an Blausterns Ohr. »Der DonnerClan ist von Grund auf verdorben – und noch mehr Blut wird vergossen werden, bevor die Wahrheit ans Licht kommt.«
»Woher willst du das wissen?«, protestierte Blaustern und versuchte, ihre Gegnerin abzuwerfen.
»Ein blindes Kaninchen würde das erkennen! Die Wahrheit wird ans Licht kommen. Mitternacht hat Sol alles erzählt. Und wir wissen beide, dass Sol zum DonnerClan zurückkehren wird.«
Blaustern setzte all ihre Kriegerfähigkeiten ein, stieß Gelbzahn den Kopf gegen die Brust und riss sich schließlich los. Gelbzahn gab auf, sprang zurück und schüttelte ihr zerzaustes Fell.
Blaustern stand keuchend vor ihr. »Welchen Sinn hat es zu kämpfen?«, ächzte sie heiser. »Der Schaden ist angerichtet – und egal, was du sagst, es ist nicht meine Schuld.«
Gelbzahn knurrte.
»Ich kann immer noch nicht glauben, dass Mitternacht uns verraten hat«, fuhr Blaustern fort. »Ich habe ihr vertraut, dass sie über die Clans wacht.«
»Nicht Mitternacht ist die Verräterin«, widersprach Gelbzahn mit gesträubtem Pelz. »Der Verrat begann bereits mit den ersten Lügen, mit dem Geheimnis, dass du all diese Monde für dich behalten hast. Der DonnerClan lebt eine Lüge! Wenn diese drei Katzen tatsächlich so mächtig sind, wie die Prophezeiung besagt, dann hätten sie auch die Wahrheit verkraftet. Es sei denn, du meinst, wir hätten uns die ganze Zeit geirrt.«
»Niemals!«, gab Blaustern zurück. »Wer sonst könnten die drei sein? Ich wollte nicht lügen!«, fügte sie hinzu und ihre Stimme verwandelte sich in ein Wehklagen. »Aber wann hätte ich es ihnen sagen sollen? Sie waren glücklich. Eichhornschweif und Brombeerkralle sind gute Eltern. Was hätte es ihnen genützt, die Wahrheit zu erfahren?«
»Nun, das werden wir bald sehen«, grollte Gelbzahn. »Alte Geheimnisse können nicht auf ewig begraben bleiben.« Sie stolzierte mit peitschendem Schwanz davon, blieb dann jedoch noch einmal stehen und blickte über die Schulter zurück. »Wenn die drei Katzen nicht stark genug sind, um mit der Wahrheit fertigzuwerden«, fügte sie hinzu, »dann hast du, Blaustern, den Clan zerstört, den du doch so liebst.«
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1. Kapitel
Vertrocknete Farne raschelten unter Löwengluts Pfoten, als er durch den Wald pirschte. Der Himmel über den blattlosen Bäumen war dunkel und leer. Das Fell im Genick des jungen Kriegers war vor Angst gesträubt und er zitterte von den Ohren bis zur Schwanzspitze.
Dieser Ort hat das Licht des SternenClans nie gesehen.
Er tappte weiter, wich Farnbüscheln aus und schnüffelte unter Sträuchern, ohne jedoch Zeichen oder Gerüche anderer Katzen zu entdecken. Mir reicht’s. Missmutig zerrte er seinen Schwanz aus einem herabhängenden Brombeerzweig. Panik blitzte in ihm auf, als er in die Dunkelheit zwischen den Bäumen starrte. Und wenn ich nie mehr hier rausfinde?
»Suchst du nach mir?«
Löwenglut schrak zusammen und fuhr herum. »Tigerstern!«
Der riesige Krieger war am Rand eines Brombeerdickichts aufgetaucht. Sein getigerter Pelz leuchtete in einem seltsamen Licht, das Löwenglut an den kränklichen Schimmer von Pilzen an toten Bäumen erinnerte.
»Du hast viel Training verpasst«, miaute Tigerstern und trat vor, bis er eine Schwanzlänge vor dem DonnerClan-Krieger stand. »Du hättest früher zurückkommen sollen.«
»Nein, hätte ich nicht«, fuhr es aus Löwenglut heraus. »Ich hätte gar nicht herkommen sollen und du hättest mich niemals trainieren dürfen. Brombeerkralle ist nicht mein Vater! Du bist nicht mit mir verwandt!«
Tigerstern blinzelte nur und zeigte keine Überraschung, nicht einmal seine Ohren zuckten. Seine bernsteinfarbenen Augen wurden schmal, und er schien darauf zu warten, dass Löwenglut weitersprach.
»Du … du wusstest es!«, flüsterte Löwenglut. Die Bäume schienen sich um ihn zu drehen. Eichhornschweif ist nicht die einzige Katze, die Geheimnisse hat!
»Natürlich wusste ich es.« Tigerstern schnippte gleichmütig mit dem Schwanz. »Es spielt keine Rolle. Du warst trotzdem gerne bereit, von mir zu lernen, oder nicht?«
»Aber …«
»Blut ist nicht alles«, fauchte Tigerstern. Er fletschte die Zähne, sodass seine Fangzähne glitzerten. »Frag Feuerstern.«
Wut stieg in Löwenglut auf und sein Nackenfell sträubte sich. »Feuerstern ist ein besserer Krieger, als du es je warst.«
»Vergiss nicht, er ist auch nicht mit dir verwandt«, zischte Tigerstern leise. »Es hat keinen Sinn, ihn jetzt noch zu verteidigen.«
Löwenglut starrte auf den im Halbdunkel leuchtenden Krieger. Weiß er, wer mein richtiger Vater ist? »Du wusstest die ganze Zeit, dass ich nicht mit Feuerstern verwandt bin«, knurrte er. »Du hast mich eine Lüge glauben lassen!«
Tigersterns Ohr zuckte. »Na und?«
Zorn und Enttäuschung übermannten Löwenglut. Er sprang in die Luft, stürzte sich auf Tigerstern und versuchte, ihn umzustoßen. Mit ausgefahrenen Krallen schlug er auf Kopf und Schultern des getigerten Kriegers ein und fetzte ihm große Büschel aus dem Fell. Doch der rote Wutschleier, der seinen Kopf erfüllte, machte ihn unbeholfen und unkonzentriert. Seine Schläge waren schlecht platziert und kratzten kaum an Tigersterns Haut.
Der große, getigerte Kater ließ sich zur Seite sacken und schlang dabei eine Pfote um Löwengluts Bein, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Schwer landete Löwenglut zwischen den Farnen und die Luft wurde ihm aus dem Körper getrieben. Einen Herzschlag später spürte er, wie sich eine riesige Pranke auf seine Schulter legte und ihn zu Boden drückte.
»Das habe ich dir aber besser beigebracht, kleiner Krieger«, spottete Tigerstern. »Du bist wohl aus der Übung.«
Keuchend stemmte Löwenglut sich hoch. Tigerstern sprang zurück und kauerte mit lodernden Augen eine Fuchslänge vor ihm.
»Ich werde dir zeigen, wer aus der Übung ist«, keuchte Löwenglut.
Er zwang seine Wut hinunter und beschwor eine kalte Entschlossenheit in sich herauf, bis sämtliche Kampftricks, die er je gelernt hatte, in seinen Krallenspitzen lauerten. Als Tigerstern sich auf ihn stürzte, war er vorbereitet. Er warf sich vor und tauchte unter dem Bauch seines Gegners hindurch. Sobald Tigersterns Pfoten den Boden berührten, schoss Löwenglut herum und versetzte dem getigerten Kater mehrere Schläge, ehe er außer Reichweite sprang.
Tigerstern wirbelte zu ihm herum. »Schon besser«, miaute er, immer noch Spott in der Stimme. »Offensichtlich habe ich dich doch gut ausgebildet.«
Ehe Löwenglut antworten konnte, rannte die riesige Tigerkatze auf ihn zu, nur um in letzter Minute auszuweichen und mit der Vorderpfote zuzuschlagen. Löwenglut spürte, wie ihm Tigersterns Krallen die Flanke aufrissen. Blut strömte aus den Kratzern. Furcht durchfuhr ihn. Was ist, wenn er mich umbringt? Bin ich dann wirklich tot?
Sein Kopf wurde wieder klar. Tigerstern griff ihn erneut an. Löwenglut stolperte zur Seite und versuchte auch diesmal, mit der Tatze nach ihm zu schlagen, doch seine Krallen glitten harmlos durch den Pelz des Tigerkaters.
»Zu langsam«, höhnte Tigerstern. »Tja, da du nun weißt, dass die Prophezeiung nicht für dich gedacht war, wirst du dich etwas mehr anstrengen müssen. Sie war ja nur für Katzen gedacht, die Feuersterns Blut in sich tragen, nicht wahr?«
Löwenglut wusste, dass der getigerte Kater ihn in Wut bringen wollte, damit er nicht mehr kämpfen konnte. Ich werde ihm gar nicht zuhören! Ich muss nur diesen Kampf gewinnen!
Er sprang Tigerstern erneut an, wirbelte in der Luft herum, wie er es während seiner langen nächtlichen Trainingsbesuche gelernt hatte, und landete direkt auf den breiten Schultern des riesigen Katers. Er grub seine Krallen in Tigersterns Pelz und versenkte die Zähne in seinem Genick.
Tigerstern versuchte erneut, einfach schlaff zu werden und Löwenglut mit zu Boden zu reißen, doch diesmal war der Krieger vorbereitet. Er arbeitete sich unter dem schweren Körper hervor und schlug dabei mit den Hinterpfoten nach Tigersterns entblößtem Bauch.
»Zweimal falle ich auf diesen Trick nicht herein«, zischte er.
Tigerstern versuchte aufzustehen, doch in seinem Bauch klaffte ein tiefer Riss, aus dem Blut strömte. Er sank zu Boden und rollte sich auf den Rücken. Löwenglut setzte eine Vorderpfote auf Tigersterns Brust und hielt ihm die andere mit ausgefahrenen Krallen an die Kehle.
Die Tigerkatze starrte ihn an und einen Herzschlag lang funkelte Furcht in seinen lodernden Augen. »Glaubst du wirklich, du könntest mich töten?«, knurrte er. »Das würdest du niemals tun.«
»Nein.« Löwenglut zog seine Krallen ein und trat zurück. »Du bist schon tot.«
Er machte kehrt und stolzierte davon, den Pelz immer noch gesträubt und sämtliche Sinne in Alarmbereitschaft, falls Tigerstern ihm folgen und sich wieder auf ihn stürzen sollte. Doch von dem dunklen Krieger kam kein Laut und bald blieb er zwischen den Bäumen zurück.
Löwengluts Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum. Er hatte Tigerstern besiegt! Vielleicht habe ich doch Macht … Aber wie kann das sein, wenn ich nicht einer der drei bin?
Er hielt inne, ohne auf das Gewirr der Sträucher und den dunklen Wald um ihn herum zu achten. Will ich wissen, wer meine richtigen Eltern sind? Spielt es überhaupt eine Rolle? Vielleicht sollte er seinen Clan-Gefährten gegenüber einfach auftreten wie gewohnt und sich weiter darauf konzentrieren, seine Kampffähigkeiten zu verbessern. Ich bin schon der beste Kämpfer des DonnerClans. Ich weiß, dass ich ein großer Krieger sein kann.
»Aschenpelz ist tot«, miaute er laut. »Und Eichhornschweif wird ihr Geheimnis keiner anderen Katze offenbaren. Es würde ihre Clan-Gefährten zu sehr verletzen, wenn sie wüssten, dass sie sie so lange belogen hat. Warum können wir nicht einfach alles lassen, wie es ist?«
Löwenglut erwachte mit der Sonne im Gesicht. Die meisten Katzen hatten den Bau bereits verlassen. Löwenglut erblickte lediglich den grau-weißen Pelz von Mausbart, der in der Nacht zuvor das Lager bewacht hatte.
Löwenglut riss das Maul auf und gähnte. »Dem SternenClan sei Dank, dass ich nicht für die Morgenpatrouille eingeteilt war«, murmelte er.
Als er aufstehen wollte, protestierte jeder Muskel in seinem Körper. Er hatte das Gefühl, als wäre er vom Kopf bis zu den Pfoten ein einziger riesiger Schmerz, und an einer Seite war sein golden getigertes Fell blutverkrustet.
Hoffentlich hat das niemand bemerkt. Er senkte den Kopf und begann, seinen Pelz mit raschem, gleichmäßigem Lecken zu säubern.
Der Kampf mit Tigerstern war doch nur ein Traum gewesen, oder doch nicht? Löwenglut begriff nicht, warum er so viel Schmerz und Erschöpfung spürte, als sei es tatsächlich geschehen. Und die Haut an seiner Flanke war aufgerissen, als hätte ein lebendiger Krieger mit den Krallen nach ihm geschlagen … Er versuchte, nicht daran zu denken. Es spielt keine Rolle, weil ich niemals wieder zu diesem Ort zurückkehren werde. Es ist vorbei.
Nach dem Putzen und mit aufgeplustertem Fell, um die Wunde an seiner Seite zu verbergen, fühlte er sich besser. Er hörte die Stimmen mehrerer Katzen direkt vor dem Bau, allerdings nicht nah genug, um zu verstehen, was sie sagten. Neugierig stand er auf, reckte den Rücken zu einem wohltuenden Buckel und schob sich durch die Zweige auf die Lichtung.
Dornenkralle stand mehrere Fuchslängen entfernt da, Spinnenbein saß neben ihm, während Wolkenschweif mit zuckender Schwanzspitze vor ihnen auf und ab stolzierte. Wolkenschweifs Gefährtin Lichtherz, die sich ein Stück weiter bei Farnpelz, Ampferschweif und Rauchfell niedergelassen hatte, beobachtete ihn ängstlich. Honigfarn und Beerennase hockten ebenfalls in der Nähe, die Augen fest auf Dornenkralle gerichtet.
»Aschenpelz wurde von einer WindClan-Katze getötet!«, verkündete der goldbraune Kater gerade. »Das ist die einzige plausible Erklärung.«
Ein paar seiner Zuhörer nickten zustimmend, auch wenn andere zweifelnde Blicke wechselten.
»Feuerstern sagt, er glaube, einer von uns habe es getan«, miaute Honigfarn. Sie klang nervös, weil sie einem älteren Krieger widersprach.
»Clan-Anführer können sich irren«, miaute Wolkenschweif. »Feuerstern hat nicht immer recht.«
»Ich bin mir sicher, dass keiner von uns Aschenpelz umbringen würde«, fügte Rauchfell etwas sanfter hinzu. »Warum auch? Aschenpelz hatte keine Feinde!«
Ich wünschte, das wäre wahr.
Obwohl Löwenglut sie am liebsten vergessen hätte, hatte sich jene Nacht des Feuers und des Sturms in sein Gedächtnis gebrannt. Er hörte das Brüllen der Flammen auf dem Felskamm und sah sie hungrig nach ihm und seinen Wurfgefährten lecken, während Aschenpelz das Ende des Asts versperrte, den einzigen Weg, um dem Feuer zu entkommen. Eichhornschweifs Geständnis hallte ihm wieder in den Ohren: Sie hatte Aschenpelz offenbart, dass Löwenglut, Distelblatt und Häherfeder nicht ihre Jungen waren. So zu tun, als kümmere es sie nicht, was mit ihnen geschah, war die einzige Möglichkeit gewesen, das Leben der drei zu retten, aber sie hatte Aschenpelz damit eine Waffe gegeben, die schrecklicher war als ein brennender Ast. Löwenglut wusste, dass der graue Krieger bei der Großen Versammlung allen Clans die Wahrheit verkündet hätte. Nur der Tod hatte sein Maul für immer verschlossen und das Geheimnis sicher bewahrt.
»Löwenglut! He, Löwenglut, bist du taub?«
Löwenglut zwang seine Gedanken zurück in den Felsenkessel, wo Spinnenbein ihn mit dem Schwanz herbeiwinkte.
»Du warst doch Aschenpelz’ letzter Schüler«, sagte der schwarze Krieger, als Löwenglut zögernd zu der Gruppe tappte. »Weißt du, ob er Streit mit einer Katze hatte?«
»Vielleicht mit einer WindClan-Katze?«, fügte Dornenkralle mit einem bedeutungsvollen Zucken seiner Schnurrhaare hinzu.
Löwenglut schüttelte den Kopf. »Äh … nein«, erwiderte er verlegen. Er konnte nicht lügen und sagen, Aschenpelz habe mit einer WindClan-Katze gestritten, auch wenn er sich mit jedem Haar in seinem Pelz wünschte, es wäre so gewesen. Seine Clan-Gefährten so etwas glauben zu lassen, könnte einen Krieg zwischen dem DonnerClan und dem WindClan auslösen, der alles zerstörte. »Ich habe Aschenpelz vor seinem Tod kaum gesehen«, fügte er hinzu.
Zu seiner Erleichterung fragte keine der anderen Katzen weiter nach.
»Wir hätten es gewusst, wenn Aschenpelz mit einer DonnerClan-Katze Streit gehabt hätte«, beharrte Farnpelz. »Es ist unmöglich, hier ein Geheimnis zu bewahren.«
Wenn du wüsstest. Doch Löwenglut ließ sich nichts anmerken.
»Farnpelz hat recht.« Ampferschweif berührte das Ohr ihres Gefährten mit der Nase. »Dennoch können wir nicht sicher sein, dass eine WindClan-Katze …«
»Aschenpelz ist an der WindClan-Grenze gestorben«, unterbrach sie Spinnenbein. »Was willst du noch?«
Angesichts seines beleidigenden Tonfalls schaute Ampferschweif ihn mit gesträubtem Nackenfell an. »Ich möchte etwas mehr Beweise haben als den Fundort seines Leichnams, ehe ich andere Katzen beschuldige.«
Honigfarn und Farnpelz murmelten zustimmend, doch die meisten Katzen schienen davon überzeugt, dass ein WindClan-Krieger für Aschenpelz’ Tod verantwortlich sei. Obwohl Löwenglut sich Sorgen machte, wohin das führen würde, konnte er doch ein schuldbewusstes Gefühl der Erleichterung nicht unterdrücken.
»Soll der WindClan etwa damit davonkommen?«, fauchte Dornenkralle mit angelegten Ohren, während sich seine Krallen in die Erde bohrten.
»Nein!« Beerennase sprang auf. »Wir müssen ihnen zeigen, dass sie sich nicht mit dem DonnerClan anlegen dürfen.«
Löwengluts Bauch krampfte sich zusammen, als er sah, wie sich die Krieger enger um Dornenkralle scharten. Sie benahmen sich, als wäre der goldbraune Kater ihr Anführer, und schienen bereit, ihm sogar in einen Kampf zu folgen, um den Mord an ihrem Clan-Gefährten zu rächen.
»Am besten, wir greifen bei Nacht an«, begann Dornenkralle. »Der Mond scheint hell genug, sodass wir etwas sehen können, und sie werden keinen Ärger erwarten.«
»Den werden sie aber bekommen, dafür sorgen wir schon.« Spinnenbein schlug mit dem Schwanz.
»Wir gehen also zum WindClan-Lager«, fuhr Dornenkralle fort. »Am besten, wir teilen uns auf: Ein Angriffstrupp greift aus einer Richtung an …«
»Wie bitte?« Das leise Knurren ertönte direkt hinter Löwenglut. Verdutzt schaute er sich um und entdeckte Brombeerkralle. Er hatte sich wie die anderen Katzen so auf Dornenkralle konzentriert, dass er den Zweiten Anführer des Clans nicht hatte kommen hören.
»Wir werden den WindClan angreifen«, erklärte Spinnenbein und spannte seine Muskeln an. »Einer von ihnen hat Aschenpelz getötet und …«
»Es wird keinen Angriff auf den WindClan geben«, unterbrach ihn Brombeerkralle. Ein wütendes Funkeln schoss aus seinen Augen. »Es gibt keinen Beweis dafür, dass eine WindClan-Katze Aschenpelz getötet hat.«
Löwenglut starrte den Kater an, den er immer für seinen Vater gehalten hatte. Kennt er die Wahrheit? Er dachte daran, wie Brombeerkralle im Spiel mit ihm und seinen Wurfgefährten gekämpft hatte, als sie noch Junge waren, und wie oft er ihnen geholfen oder Ratschläge gegeben hatte, als sie älter wurden. Eichhornschweif hatte Aschenpelz gesagt, dass Brombeerkralle die Wahrheit nicht kenne, aber Löwenglut wollte sich auf ihr Wort nicht mehr verlassen. Wenn er es weiß, ist er ein sehr guter Lügner. So wie Eichhornschweif.
Brombeerkralle wartete nicht auf eine Antwort. Er ging zu den Steinen, die zur Hochnase emporführten, blieb jedoch nach ein paar Schritten stehen, drehte sich um und forderte Löwenglut mit einem Ohrenzucken auf, ihm zu folgen.
»Geht es dir gut?« Die Stimme des Zweiten Anführers war voller Mitgefühl. »Schließlich war Aschenpelz dein Mentor.«
Aber wir standen uns nicht nahe. Löwenglut wollte die Worte nicht laut aussprechen, obwohl er immer schon gewusst hatte, dass zwischen ihm und Aschenpelz etwas nicht stimmte. Zwischen ihnen hatte es nie die sonst übliche enge Verbindung zwischen Mentor und Schüler gegeben. Ob Aschenpelz ihn ebenso gehasst hatte wie Eichhornschweif? Was für eine Verschwendung: Löwenglut war nicht einmal Eichhornschweifs Sohn.
»Alles in Ordnung«, murmelte er.
Brombeerkralle legte die Schwanzspitze auf Löwengluts Schulter. »Ich kann sehen, dass du durcheinander bist«, miaute er. »Gibt es etwas, worüber du mit mir reden möchtest? Du weißt, du kannst immer zu mir kommen.«
Einige Herzschläge lang erstarrte Löwenglut. Hat Brombeerkralle mich im Verdacht, Aschenpelz getötet zu haben?
»Es ist schwer, eine Katze zu verlieren, der man nahestand«, fuhr Brombeerkralle fort. »Aber ich habe dir ja versprochen, dass sein Tod nicht ungesühnt bleiben wird.«
Er fuhr seine langen, gebogenen Krallen aus und grub sie in den Boden der Senke. Löwenglut zuckte zusammen und stellte sich vor, wie sich diese Krallen in die Kehle der schuldigen Katze bohrten …
»Wenn ich die Katze finde, die das getan hat«, knurrte Brombeerkralle leise, »wird sie es bereuen, das Leben eines Kriegers und meines Clan-Gefährten genommen zu haben.«
Er wandte sich ab und tappte auf die Hochnase zu, doch ehe er den Fuß des Steinfalls erreicht hatte, kam Feuerstern aus seinem Bau. Er hielt einen Moment lang inne und schaute auf die Lichtung hinab, die fahle Sonne der Blattleere schien auf seinen Pelz und ließ ihn auflodern wie Flammen. Dann sprang er leichtfüßig die Steine hinab zu Brombeerkralle und Löwenglut. Er nickte in Richtung der Katzenschar, die Dornenkralle umringte.
»Was ist los?«, erkundigte er sich.
»Einige aus dem Clan wollen einen Angriff auf den WindClan unternehmen«, berichtete Brombeerkralle. »Ich wusste nicht, dass wir so viele Mäusehirne im DonnerClan haben.«
Feuersterns Ohren zuckten. »Es ist schwer, den Tod eines Kriegers zu akzeptieren«, miaute er laut. »Aber für einen Angriff ist es zu früh. Ich werde eine Patrouille anführen und mit Kurzstern sprechen, um zu sehen, ob er etwas weiß.«
»Natürlich weiß er etwas!« Mit angriffslustig gesträubtem Nackenfell stand Spinnenbein vor ihnen.
»Wir sollten gleich angreifen, ehe wir noch mehr Krieger verlieren«, knurrte Dornenkralle.
Feuerstern schüttelte den Kopf. »Warum Streit suchen, wenn es keinen Grund dafür gibt?«, warnte er.
»Aber es gibt einen Grund.« Dornenkralle trat vor, bis er Nase an Nase mit seinem Anführer stand. »Ein Krieger ist tot!«
Zustimmendes Jaulen stieg von den Katzen um ihn herum auf.
»Aschenpelz muss gerächt werden!«
»Er war ein guter Krieger!«
»Der ganze Clan hat ihn respektiert. Keine DonnerClan-Katze hätte ihn getötet!«
Löwenglut stimmte nicht mit ein. Es fiel ihm schwer genug, seine Furcht und sein Entsetzen vor seinen Clan-Gefährten zu verbergen. Sie hatten Aschenpelz als tapferen, loyalen Krieger in Erinnerung. Die Katze, die bereit gewesen war, ihren Clan zu zerstören, als Rache an Eichhornschweif, weil sie Brombeerkralle ihm vorgezogen hatte, kannten sie nicht.
Feuerstern hob die Pfote, um sie zum Schweigen zu bringen, doch während er noch darauf wartete, dass das Geheul verstummte, tauchten einige Katzen aus dem Dornentunnel auf. Es war eine Jagdpatrouille, angeführt von Sandsturm. Borkenpelz, Eichhornschweif und Distelblatt traten nach ihr auf die Lichtung und legten ihre Beute auf dem Frischbeutehaufen ab, ehe sie sich zu den Katzen um Feuerstern gesellten.
»Was ist denn hier los?«, fragte Distelblatt, als sie zu Löwenglut trat. Löwenglut sah die Qual in Eichhornschweifs Gesicht, während sie den Lobreden ihrer Clan-Kameraden über Aschenpelz lauschte. Bestimmt dachte sie wie er über den grauen Krieger und die Dunkelheit in ihm, die er vor dem Rest des Clans so wohl verborgen hatte. Was weißt du über seinen Tod? Er vermied es, ihrem Blick zu begegnen.
»Löwenglut, was geht hier vor?« Distelblatt wiederholte ihre Frage in einem schärferen Ton und stupste ihn mit der Pfote in die Seite.
Löwenglut schaute sie an. Die grünen Augen seiner Schwester blickten gequält, und sie sah aus, als hätte sie einen ganzen Mond lang nicht geschlafen. Sie sieht so aus, wie ich mich fühle.
»Dornenkralle und einige andere wollen wegen Aschenpelz’ Tod den WindClan angreifen«, antwortete er.
Distelblatts Augen wurden groß. »Glauben sie wirklich, dass es eine WindClan-Katze war?«, fragte sie überrascht.
»Einige schon. Aber Feuerstern …«
Löwenglut verstummte, als der Clan-Anführer zurück zum Steinfall lief und auf einen Felsen sprang. »Alle Katzen, die alt genug sind, Beute zu machen, fordere ich auf, sich hier unter der Hochnase zu einem Clan-Treffen zu versammeln!«, rief er.
Die Katzen, die sich bereits auf der Lichtung befanden, folgten ihm und ließen sich am Fuß des Felsens nieder. Einige von ihnen diskutierten immer noch miteinander, hatten aber die Stimmen gesenkt.
Die beiden Schüler Fuchspfote und Eispfote tauchten aus dem Ältestenbau auf und schoben einen riesigen Moosball vor sich her. Mausefell und Langschweif folgten ihnen und kauerten sich in einen Flecken Sonnenlicht.
Mausbart schob sich gähnend aus dem Kriegerbau und schnippte sich kleine Moosstückchen aus dem Fell.
Graustreif und Millie kamen aus der Kinderstube, während ihre Jungen um sie herumsprangen. Ihnen folgten, etwas langsamer, Birkenfall und Weißflug. Die weiße Kätzin hatte einen dicken, schwangeren Bauch und Birkenfall blieb dicht neben ihr. Minka war die Letzte, die erschien. Sie saß im Eingang der Kinderstube und leckte sich gründlich das Brustfell, derweil Unkenjunges und Rosenjunges um sie herumhüpften und im Spiel miteinander kämpften.
Blattsee und Häherfeder traten aus dem Heilerbau und verharrten vor dem Brombeervorhang abseits des restlichen Clans. Löwenglut versuchte, die Aufmerksamkeit seines Bruders auf sich zu lenken, doch Häherfeder reagierte nicht und schaute nur auf Feuerstern.
»Ich weiß, ihr fragt euch alle, was wir wegen Aschenpelz’ Tod unternehmen werden«, hob der Clan-Anführer an. »Ich verspreche euch, dass die Katze, die ihn getötet hat, bestraft wird. Aber noch gibt es keine Beweise dafür, dass der WindClan etwas damit zu tun hat.«
»Also, mir reichen die Beweise«, knurrte Spinnenbein.
Feuerstern ignorierte die Unterbrechung. »Ich werde eine Patrouille anführen und mit Kurzstern sprechen. Ich werde ihn nicht beschuldigen oder seinen Clan angreifen. Aber Aschenpelz starb an der WindClan-Grenze und möglicherweise hat einer von Kurzsterns Kriegern etwas gesehen.«
Einige der Katzen murmelten protestierend, Dornenkralle ließ seine Krallen aus- und einfahren, sagte aber nichts.
»Brombeerkralle, du begleitest mich«, fuhr Feuerstern fort. »Farnpelz, Ampferschweif und Löwenglut auch. Wir brechen sofort auf.«
Löwenglut spürte einen Stich im Bauch, als Feuerstern seinen Namen aussprach. Einen Herzschlag lang wollte er widersprechen, so zuwider war es ihm, an der Untersuchung von Aschenpelz’ Tod beteiligt zu sein. Aber dadurch würde er nur die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es gab keinen Grund, warum er sich weigern sollte, den WindClan aufzusuchen – was die anderen Katzen anging, war er ebenso entsetzt über Aschenpelz’ Tod wie sie und ebenso entschlossen, Rache zu üben.
»Gut«, hauchte Distelblatt ihm ins Ohr. »Du musst mir alles erzählen, wenn du zurückkommst.«
»Mach ich«, murmelte Löwenglut. »Auch wenn ich mich lieber raushalten würde.«
Feuerstern sprang von seinem Felsen und tappte durch die Katzenschar, dicht gefolgt von Brombeerkralle. Farnpelz und Ampferschweif schlossen sich ihnen an.
Er hat drei Katzen ausgewählt, die gegen einen Angriff auf den WindClan sind. Feuerstern geht kein Risiko ein.
Feuerstern führte seine Patrouille zum Dornentunnel. Ehe sie das Lager verließen, drehte er sich um und winkte Graustreif mit einem Schwanzschnippen zu sich. »Behalte Dornenkralle und die anderen im Auge«, murmelte er dem grauen Krieger zu. »Sorge dafür, dass sie nicht auf eigene Faust einen Angriff starten.«
Graustreif nickte grimmig. »Keine Angst. Ich hänge an ihnen wie eine Zecke.«
Löwenglut und die anderen folgten Feuerstern durch den Wald zur WindClan-Grenze. Laub raschelte unter den Pfoten der Katzen. Im Schatten der Bäume, wo die Sonne der Blattleere nicht hindurchdringen konnte, war jedes Blatt noch frostumrandet. Die kahlen Zweige zeichneten zarte Muster vor den Himmel.
Schweigend lief die Patrouille hinter Feuerstern her, mit Löwenglut als Abschluss. Er spürte das Unbehagen der anderen Katzen. Alle paar Pfotenschritte blieben sie stehen und prüften die Luft. Und als eine Eichel in das Unterholz plumpste, fuhr Ampferschweif mit peitschendem Schwanz herum.
»Es fühlt sich gar nicht mehr wie unser Territorium an«, miaute sie angewidert, als sie ihren Irrtum erkannte. »Wer weiß, was hier im Wald lauert. Angenommen, ein Streuner hat Aschenpelz getötet?«
»Das könnte sein.« Farnpelz legte seiner Gefährtin die Schwanzspitze auf die Schulter. »Aber bei uns bist du sicher. Eine Katze kann es nicht mit einer ganzen Patrouille aufnehmen.«
»Diese Krähenfraß liebende Plage Sol könnte immer noch in der Gegend sein«, fuhr Ampferschweif fort. »Keine Katze weiß, wohin er gegangen ist, nachdem der SchattenClan ihn rausgeworfen hat.«
Feuerstern, der stehen geblieben war und auf seine Clan-Gefährten wartete, spitzte interessiert die Ohren. »Das wäre eine Möglichkeit. Wir sollten alle auf Zeichen von ihm achten. Das werde ich auch dem Rest des Clans sagen, wenn wir zurückkommen.«
»Ich glaube nicht, dass Sol zu der Sorte von Katzen gehört, die töten«, bemerkte Brombeerkralle nachdenklich. »Sein Stil ist es eher, andere Katzen dazu zu bringen, das sie die Drecksarbeit für ihn erledigen.«
Feuerstern nickte. »Das ist wahr. Aber vielleicht hat Aschenpelz ihn bei etwas erwischt, das dem DonnerClan schaden könnte.«
»Vielleicht hat Aschenpelz Sol angegriffen, weil der sich in unserem Territorium aufgehalten hat«, miaute Farnpelz. »Er hätte es mit einem Dachs aufgenommen, um den Clan zu schützen.«
»Er war ein loyaler Krieger«, stimmte Brombeerkralle zu.
Unglücklich wünschte sich Löwenglut, er könnte ihre Gefühle teilen und aufrichtig um seinen Clan-Gefährten trauern. Aschenpelz’ berühmte Loyalität hätte ihn jedoch nicht davon abgehalten, Eichhornschweifs Geheimnis bei der Großen Versammlung zu verraten und den Ruf des DonnerClans zu ruinieren. Er hatte sogar zugegeben, dass er sich mit Habichtfrost verbündet hatte, um Brombeerkralle dazu zu bringen, Feuerstern zu töten. Seine Besessenheit von Eichhornschweif hatte alle Treue gegenüber seinem Clan zerstört. Und nun, da er tot war, wollte sein Clan unbedingt einen Helden aus ihm machen. Löwenglut sehnte sich danach, jeder Katze im Wald die Wahrheit ins Gesicht zu heulen, aber er wusste, welches Unheil das zur Folge hätte. Und so trottete er schweigend hinterher, als die Patrouille sich wieder in Bewegung setzte, in sich einen brennenden Hass auf sich selbst und darauf, schweigen zu müssen.
»Alles in Ordnung mit dir?« Brombeerkralle hatte sich zurückfallen lassen und ging nun neben ihm. »Ich weiß, wie sehr du Aschenpelz vermisst.«
Brombeerkralles Irrtum ließ Wut in Löwenglut aufsteigen. »Mir geht’s gut«, blaffte er, obwohl er wusste, dass er sich töricht verhielt. »Bleib mir einfach vom Pelz.«
Brombeerkralles Augen wurden groß, aber er sagte nichts, sondern nickte nur und beschleunigte seine Schritte, um Feuerstern einzuholen.
»Du solltest ihm nicht gleich die Schnurrhaare ausreißen«, miaute Ampferschweif, während sie zu Löwenglut trat und die Nase an sein Ohr legte. »Natürlich ist Brombeerkralle besorgt um dich, so sind Väter nun mal.« Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten zärtlich. »Meine Jungen sind jetzt auch Krieger, aber sie bleiben trotzdem immer meine Jungen.«
Löwenglut nickte ihr verlegen zu, konnte aber nicht antworten. Sein Geheimnis war wie eine Falle, die ihn von den anderen Katzen in seinem Clan trennte, und er hätte am liebsten laut aufgeheult. Er ist nicht mein Vater! Alles, was man euch erzählt hat, war eine Lüge!
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2. Kapitel
Ein eiskalter Wind blies vom Moor herüber, als Feuerstern und seine Patrouille den Bach erreichten, der die Grenze zum WindClan markierte. Löwengluts Pfoten kribbelten, als er an den Rand der Böschung tappte. Hier ganz in der Nähe hatten sie Aschenpelz gefunden. Er versuchte, die Erinnerung an den nassen, grauen Leichnam zu verdrängen, der eingeklemmt hinter einem Stein in der Strömung trieb. Trotzdem konnte er Aschenpelz’ Tod nicht bedauern.
Seine Gefährten sprangen über den Bach und rannten in das WindClan-Territorium, ohne zuvor Witterung aufzunehmen. Löwenglut vermutete, dass ihnen wegen der Erinnerung an den toten Krieger ebenfalls unwohl war. Feuerstern führte sie in schnellem Lauf weiter, bis der Bach von Steinen und Schilfrohr verborgen hinter ihnen lag.
Löwenglut hob die Nase und zitterte. In der Luft lag ein Hauch von Schnee, der aus den Bergen stammen musste. Ein dunkler Dunstschleier kauerte wie eine Sturmwolke am Horizont, wo die ferne Heimat des Stamms des eilenden Wassers lag. Wie sie wohl zurechtkommen? Sicher war die Blattleere nur schwer zu ertragen, wenn eine dicke Schneeschicht auf dem kahlen Gestein lag und Beute knapp war. Trotzdem würde ich gerne zurückkehren. Er wusste, dass er damit nicht nur zurück in die Berge meinte, sondern auch zurück in die Vergangenheit. Als ich beim Stamm war, wusste ich noch, wer ich war und wohin mich mein Schicksal führte.
»Es sind WindClan-Katzen in der Nähe«, miaute Feuerstern.
Löwenglut sprang schuldbewusst auf. Weil er an den Stamm gedacht hatte, war ihm der WindClan-Geruch entgangen, obwohl er stark und frisch war. Zum ersten Mal begann er sich zu fragen, wie ihre Mission wohl ausgehen würde. Zwischen dem DonnerClan und dem WindClan herrschte immer noch Feindschaft und Kurzstern würde Feuersterns Fragen bestimmt als Anschuldigung auffassen.
Flankiert von seinen Kriegern, trabte der DonnerClan-Anführer über das Moor in Richtung WindClan-Lager. Eine starke Böe plusterte das Fell der Katzen auf und riss Ampferschweif fast von den Pfoten.
»Ich kann mir nicht vorstellen, warum Katzen hier freiwillig leben!«, fauchte sie, während sie um ihr Gleichgewicht kämpfte.
»Uns gefällt es hier!«, hallte eine laute Stimme über das Moorland.
Löwenglut sah auf und entdeckte eine WindClan-Patrouille, die hinter einem Hügel hervorkam. Fetzohr, die Katze, die gesprochen hatte, führte sie an, ihm folgten Krähenfeder, Hellschweif und Heideschweif.
Als er Heideschweifs Blick begegnete, sah Löwenglut nichts als kalte Verachtung in den Augen der Katze, die einst seine Freundin gewesen war – und noch mehr als das. Tiefes Bedauern schoss durch ihn hindurch. Wenn er zurückblickte, war dies die glücklichste und unbeschwerteste Zeit seines Lebens gewesen, obgleich er gegen das Gesetz der Krieger verstoßen hatte, um Heideschweif in den unterirdischen Tunneln unter dem Wald zu treffen. Nun sah sie ihn an, als würde sie ihn für ein paar Mäuseschwänze umbringen. Löwenglut erzitterte, als er sich seinen eigenen Körper dort im Bach treibend vorstellte.
»Sei gegrüßt, Fetzohr.« Feuerstern neigte den Kopf, als die WindClan-Patrouille näher kam.
»Was macht ihr hier?« Fetzohr klang argwöhnisch, aber nicht feindselig, obwohl Krähenfeder sein Nackenfell gesträubt und Hellschweif die Krallen ausgefahren hatte.
»Ich muss mit Kurzstern sprechen«, erklärte Feuerstern. »Dürfen wir euer Lager aufsuchen?«
Fetzohr zögerte und kniff misstrauisch die Augen zusammen, nickte dann aber schroff. »Na gut, aber wir werden euch begleiten. Und versucht ja nicht, uns reinzulegen.«
»Wir wollen nur reden«, versprach Feuerstern.
Fetzohr übernahm die Führung und marschierte den Hügel hinauf zum WindClan-Lager. Krähenfeder und Hellschweif hatten die DonnerClan-Patrouille in die Mitte genommen, während Heideschweif die Nachhut bildete. Löwenglut spürte, wie sie hinter ihm tappte und ihren Blick wie einen Dorn in seinen Rücken bohrte.
Endlich führte Fetzohr sie den langen Hang hinauf zu dem Kreis aus Ginsterbüschen, der das WindClan-Lager umgab. Löwenglut schob sich durch die Dornen und warf einen Blick nach unten. Das Lager war ein trostloser Ort: eine breite Senke aus grobem Moorgras mit Steinen, die durch die dünne Erde aufragten. Lediglich ein paar verkümmerte Dornenbüsche boten Schutz, sowie ein ehemaliger Dachsbau, der den Ältestenbau beherbergte.
Löwenglut erblickte Kurzstern, der in der Mitte der Senke saß und sich mit Rindengesicht, der Heiler-Katze des WindClans, unterhielt. Einige weitere WindClan-Katzen, darunter die Zweite Anführerin Aschenfuß und Krähenfeders Sohn Windpelz, standen um sie herum und lauschten.
Löwengluts Pfoten kribbelten vor Neugier, als er die Dringlichkeit in Rindengesichts Haltung und Gesichtsausdruck bemerkte. Es schien, als teile er seinem Clan-Anführer ernste Neuigkeiten mit.
Was ist denn hier los? Sie können doch unmöglich von Aschenpelz’ Tod wissen!
Kurzstern blickte auf, als Fetzohr den Hang hinabrannte, um die Besucher anzukündigen. Beim Anblick von Feuerstern und den anderen zögerte der Anführer und sagte dann rasch etwas zu Rindengesicht. Die Heiler-Katze nickte, und schließlich zeigte Kurzstern mit einem Schwanzschnippen an, dass Feuerstern seine Krieger ins Lager bringen dürfe.
»Sei gegrüßt, Kurzstern.« Feuerstern blieb vor dem WindClan-Anführer stehen und neigte den Kopf. »Danke, dass du uns gestattest, mit dir zu sprechen.«
Der Blick, mit dem Kurzstern Feuerstern bedachte, verriet nichts von ihrer alten Freundschaft. »Sag, was du zu sagen hast«, miaute er argwöhnisch.
Angesichts seines nervösen Tonfalls wunderte sich Löwenglut, ob beim WindClan alles in Ordnung sei. Vielleicht gibt es etwas, das wir nicht erfahren sollen. Als er sich umsah, stellte er fest, dass die Katzen alle mager und unterernährt aussahen, aber das war beim WindClan nichts Ungewöhnliches.
»Ich würde gerne unter vier Augen mit dir sprechen«, hob Feuerstern an.
Kurzsterns Nackenfell stellte sich auf und er schüttelte den Kopf. »Alles, was du zu sagen hast, kann vor meinen Clan-Gefährten gesagt werden.«
Aschenfuß tappte herbei und stellte sich neben ihren Anführer. Sie sagte nichts, sondern musterte die DonnerClan-Katzen nur aus ruhigen, klaren Augen.
»Nun?«, sagte Kurzstern auffordernd.
»Wenn du es so willst.«
Löwengluts Magen zog sich zusammen, als Feuerstern fortfuhr: »In der Nacht der Großen Versammlung entdeckten wir Aschenpelz’ Leichnam im Bach an der Grenze. Er hatte eine tiefe Wunde in der Kehle. Wir denken, dass ihn eine Katze getötet hat.«
Sofort sträubten alle WindClan-Krieger ihr Fell und Windpelz stieß ein empörtes Heulen aus.
Kurzstern peitschte mit dem Schwanz und bohrte seine Krallen tief in den Boden. Seine Augen loderten vor Zorn. »Wie kannst du es wagen anzunehmen, wir hätten etwas damit zu tun?«, fauchte er. »Was würde es uns nützen, einen eurer Krieger zu töten?«
»Keiner von uns hatte Streit mit Aschenpelz«, warf Hellschweif ein.
»Dieser