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Über den Autor
Hinter dem Namen Erin Hunter verbergen sich gleich mehrere Autorinnen. Während Victoria Holmes meistens die Ideen für die Geschichten hat und das gesamte Geschehen im Auge behält, bringen Cherith Baldry, Kate Cary und Tui Sutherland die Abenteuer der Katzen-Clans zu Papier. Ebenfalls aus der Feder dieses erfolgreichen Autorinnenteams stammt die BärenFantasyreihe SEEKERS.
Impressum
Dieses E-Book ist auch als Printausgabe erhältlich
(ISBN 978-3-407-81160-8)
www.beltz.de
© 2014 Beltz & Gelberg
in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© 2009 Working Partners Limited
Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel Warriors, Omen of the Stars, The fourth Apprentice bei HarperCollins Children’s Books, New York
Aus dem Englischen von Friederike Levin
Lektorat: Susanne Härtel
Umschlaggestaltung/Artwork: Johannes Wiebel, punchdesign, München
E-Book: Beltz Bad Langensalza GmbH, Bad Langensalza
ISBN 978-3-407-74444-9
Besonderen Dank an Cherith Baldry
WARRIOR CATS
In die Wildnis (Band 1)
Feuer und Eis (Band 2)
Geheimnis des Waldes (Band 3)
Vor dem Sturm (Band 4)
Gefährliche Spuren (Band 5)
Stunde der Finsternis (Band 6)
WARRIOR CATS
Die neue Prophezeiung
Mitternacht (Band 1)
Mondschein (Band 2)
Morgenröte (Band 3)
Sternenglanz (Band 4)
Dämmerung (Band 5)
Sonnenuntergang (Band 6)
WARRIOR CATS
Die Macht der drei
Der geheime Blick (Band 1)
Fluss der Finsternis (Band 2)
Verbannt (Band 3)
Zeit der Dunkelheit (Band 4)
Lange Schatten (Band 5)
Sonnenaufgang (Band 6)
WARRIOR CATS
Zeichen der Sterne
Der vierte Schüler (Band 1)
WARRIOR CATS
Special Adventure
Feuersterns Mission
Das Schicksal des WolkenClans
Blausterns Prophezeiung
WARRIOR CATS
Die Welt der Clans
Das Gesetz der Krieger
Alle Abenteuer auch als Printausgaben und Hörbücher bei Beltz & Gelberg
www.warriorcats.de

DIE HIERARCHIE DER KATZEN

DONNERCLAN  
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Anführer
FEUERSTERN – attraktiver Kater mit rotem Fell
Zweiter
Anführer
BROMBEERKRALLE – dunkelbraun getigerter Kater mit bernsteinfarbenen Augen
Heiler
HÄHERFEDER – grau getigerter, blinder Kater mit blauen Augen
Krieger
(Kater und Kätzinnen ohne Junge)
GRAUSTREIF – langhaariger, grauer Kater
BORKENPELZ – dunkelbraun getigerter Kater
SANDSTURM – kleine, gelbbraune Kätzin mit grünen Augen
MILLIE – silbern getigerte Kätzin
FARNPELZ – goldbraun getigerter Kater
AMPFERSCHWEIF – schildpattfarbene Kätzin mit bernsteinfarbenen Augen
WOLKENSCHWEIF – langhaariger, weißer Kater mit leuchtend blauen Augen
LICHTHERZ – weiße Kätzin mit goldbraunen Flecken und vernarbtem Gesicht
DORNENKRALLE – goldbraun getigerter Kater; Mentor von WURZELPFOTE
EICHHORNSCHWEIF – dunkelrote Kätzin mit grünen Augen
BLATTSEE – hellbraun gestreifte Kätzin mit bernsteinfarbenen Augen und weißen Pfoten
SPINNENBEIN – langgliedriger, schwarzer Kater mit bernsteinfarbenen Augen
BIRKENFALL – hellbraun gestreifter Kater
BEERENNASE – sandfarbener Kater
HASELSCHWEIF – kleine, grau-weiße Kätzin; Mentorin von BLUMENPFOTE
MAUSBART – grau-weißer Kater; Mentor von HUMMELPFOTE
 
RUSSHERZ – grau getigerte Kätzin
LÖWENGLUT – goldgelb getigerter Kater mit bernsteinfarbenen Augen
FUCHSSPRUNG – fuchsbraun getigerter Kater
EISWOLKE – weiße Kätzin
UNKENFUSS – schwarz-weißer Kater
ROSENBLATT – dunkelcremefarbene Kätzin
Schüler
(über sechs Monde alt, in der Ausbildung zum Krieger)
WURZELPFOTE – dunkelbraune Kätzin
BLUMENPFOTE – schildpattfarben-weiße Kätzin
HUMMELPFOTE – sehr hellgrau und schwarz getigerter Kater
Königinnen
(Kätzinnen, die Junge erwarten oder aufziehen)
RAUCHFELL – hellgraue Kätzin mit dunkleren Flecken und grünen Augen
MINKA – Kätzin mit langem, cremefarbenem Fell vom Pferdeort
WEISSFLUG – weiße Kätzin mit grünen Augen; Mutter von Taubenjunges und Efeujunges
MOHNFROST – schildpattfarbene Kätzin; erwartet Junge von Beerennase
Älteste
(ehemalige Krieger und Königinnen, jetzt im Ruhestand)
LANGSCHWEIF – Kater mit hellem Fell und schwarzen Streifen; früh im Ruhestand, weil fast blind
MAUSEFELL – kleine, schwarzbraune Kätzin
CHARLY – kräftiger Tigerkater; ehemaliger Einzelläufer mit grauer Schnauze
SCHATTENCLAN  
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Anführer
SCHWARZSTERN – großer, weißer Kater mit riesigen, pechschwarzen Pfoten
Zweite
Anführerin
ROSTFELL – dunkle, goldbraune Kätzin
Heiler
KLEINWOLKE – sehr kleiner, getigerter Kater; Mentor von FLAMMENSCHWEIF
Krieger
ESCHENKRALLE – rotbrauner Kater
RAUCHFUSS – schwarzer Kater
PILZKRALLE – dunkelbrauner Kater
SCHNEEVOGEL – reinweiße Kätzin
BERNSTEINPELZ – schildpattfarbene Kätzin mit grünen Augen; Mentorin von STARENPFOTE
EULENKRALLE – hellbraun getigerter Kater
FLECKENPELZ – dunkelgrauer Kater
ROTWEIDE – braun und rostrot gescheckter Kater
TIGERHERZ – dunkelbraun getigerter Kater
LICHTFELL – cremefarbene Kätzin
Königinnen
KNOTENPELZ – getigerte Kätzin mit langem Fell, das nach allen Seiten absteht
EFEUSCHWEIF – Kätzin mit schildpattfarbenem und weißem Pelz
Älteste
ZEDERNHERZ – dunkelgrauer Kater
MOHNBLÜTE – langbeinige, hellbraun gescheckte Kätzin
SCHLANGENSCHWEIF – dunkelbrauner Kater mit getigertem Schwanz
WINDCLAN  
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Anführer
KURZSTERN – braun gescheckter Kater
Zweite
Anführerin
ASCHENFUSS – graue Kätzin
Heiler
FALKENFLUG – grau gescheckter Kater
Krieger
KRÄHENFEDER – dunkelrauchgrauer, fast schwarzer Kater mit blauen Augen
EULENBART – hellbraun getigerter Kater
HELLSCHWEIF – kleine, weiße Kätzin
NACHTWOLKE – schwarze Kätzin
GINSTERSCHWEIF – sehr helle, grau-weiße Kätzin mit blauen Augen
RENNPELZ – roter Kater mit weißen Pfoten
HASENSPRUNG – braun-weißer Kater
HEIDESCHWEIF – hellbraun getigerte Kätzin mit blauen Augen
WINDPELZ – schwarzer Kater mit bernsteinfarbenen Augen
GRASBART – hellbraun getigerter Kater
SCHWALBENSCHWEIF – dunkelgraue Kätzin
SONNENSTRAHL – schildpattfarbene Kätzin mit weißer Blesse
Älteste
SPINNENFUSS – dunkelgrau getigerter Kater
FETZOHR – getigerter Kater
FLUSSCLAN  
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Anführerin
LEOPARDENSTERN – ungewöhnlich getupfte, goldfarbene Kätzin
Zweite
Anführerin
NEBELFUSS – graue Kätzin mit blauen Augen
Heilerin
MOTTENFLÜGEL – schöne, golden gestreifte Kätzin mit bernsteinfarbenen Augen; Mentorin von MAULBEERGLANZ
Krieger
SCHILFBART – schwarzer Kater
KRÄUSELSCHWEIF – dunkelgrau getigerter Kater
GRAUNEBEL – hellgrau getigerte Kätzin
EISFLÜGEL – weiße Kätzin mit blauen Augen
FISCHFLOSSE – dunkelgraue Kätzin
KIESELFUSS – grau gescheckter Kater
MALVENNASE – hellbraun getigerter Kater
BLÜTENFELL – grau-weiße Kätzin
WIESENFELL – hellbrauner Kater
OTTERHERZ – dunkelbraune Kätzin, Mentorin von SCHNIEFPFOTE
REGENSTURM – blaugrauer Kater mit Tupfen
Königin
MOOSPELZ – schildpattfarbene Kätzin mit blauen Augen
Älteste
SCHWARZKRALLE – rauchschwarzer Kater
FELDZAHN – kleiner, brauner Tigerkater
MORGENBLUME – hellgraue Kätzin
TUPFENNASE – grau getupfte Kätzin
SPRINGSCHWEIF – goldbraun-weißer Kater
BLEIFUSS – untersetzter, gestreifter Kater
KATZEN AUSSERHALB DER CLANS
KAROTTE – großer, hellroter Kater; Hauskätzchen
PUZZLE – dicker, schwarz-braun getigerter Kater; Hauskätzchen
SCHNEEFLOCKE – weiße Kätzin; Hauskätzchen
WOODY – zottiger, brauner Kater mit gelben Augen; Einzelläufer
ANDERE TIERE
MITTERNACHT – sternenkundige Dächsin, die am Meer lebt
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PROLOG
Wasser sprudelte in einem weichen Bogen über die Felskante und toste hinunter in die Schlucht. Weit unten prasselte es schäumend in einen Teich. Eingefangen von den Strahlen der untergehenden Sonne, tanzten unzählige schillernde Regenbogen in der Gischt.
Drei Katzen saßen gleich oberhalb des Wasserfalls am Flussufer. Sie beobachteten eine vierte Katze, die angewidert über die feuchte Moosdecke schritt. Sternenlicht funkelte um ihre Pfoten und schimmerte in ihrem graublauen Fell.
Die neu Angekommene blieb stehen und bedachte die wartenden Katzen mit einem eisigen blauen Blick. »Bei allen Clans, warum habt ihr gerade diesen Treffpunkt gewählt?«, erkundigte sie sich und schüttelte ungehalten eine Vorderpfote. »Es ist viel zu nass und so laut, dass ich meine eigenen Gedanken kaum hören kann.«
Eine Kätzin mit zerzaustem grauem Pelz erhob sich und trat zu ihr. »Hör auf zu jammern, Blaustern. Ich habe diesen Ort gewählt, weil es hier so nass und laut ist. Was ich euch zu sagen habe, ist nicht für die Ohren einer fremden Katze bestimmt.«
Ein goldfarbener Kater winkte mit dem Schwanz. »Komm und setz dich zu mir. Neben mir ist eine trockene Stelle.«
Blaustern tappte verächtlich schnaubend zu ihm und setzte sich. »Wenn du meinst, dass es hier trocken ist, Löwenherz, bin ich eine Maus.« An die graue Kätzin gewandt, fügte sie hinzu: »Nun, Gelbzahn, was gibt es?«
»Die Prophezeiung hat sich nicht erfüllt«, miaute Gelbzahn. »Die Drei sind endlich zusammengekommen, aber es könnte geschehen, dass zwei der Katzen die dritte nicht erkennen.«
»Wie kannst du sicher sein, dass wir diesmal die richtige dritte Katze gefunden haben?«, fragte Blaustern schroff.
»Du weißt, dass sie es ist.« Die Sprecherin, eine hübsche schildpattfarben und weiße Kätzin, neigte höflich den Kopf vor ihrer ehemaligen Anführerin. »Hatten wir nicht alle den gleichen Traum in der Nacht, in der sie geboren wurde?«
Blaustern schnippte mit der Schwanzspitze. »Da magst du recht haben, Tüpfelblatt. Aber so viel ist schiefgegangen, dass es schwerfällt, sich auf etwas zu verlassen.«
»Da hast du allerdings recht.« Gelbzahn zuckte mit den Ohren. »Aber wenn Häherfeder und Löwenglut die dritte Katze nicht erkennen, gibt es vielleicht noch mehr Schwierigkeiten. Ich will ihnen ein Zeichen senden.«
»Was?« Blaustern erhob sich wieder auf die Pfoten, wobei sie gebieterisch mit dem Schwanz peitschte, als hätte sie der alten Heilerin immer noch etwas zu sagen. »Gelbzahn, hast du vergessen, dass diese Prophezeiung gar nicht unsere ist? Es könnte gefährlich werden, wenn wir uns einmischen. Ich finde, wir sollten uns raushalten.«
Tüpfelblatt blinzelte verwirrt. »Gefährlich?«
»Gefällt euch die Vorstellung, dass es bei den Clans Katzen gibt, die mächtiger sind als die Sterne?«, wollte Blaustern wissen und sah die Katzen eine nach der anderen an. »Mächtiger als wir, ihre Kriegerahnen?« Mit einer weit ausholenden Bewegung ihres Schwanzes schloss sie ihre unsichtbaren Clan-Gefährten ein, die irgendwo im beuteprallen Wald umherstreiften. »Was soll aus dem DonnerClan werden, wenn …«
»Hab Vertrauen, Blaustern«, unterbrach sie Löwenherz sanft. »Es sind gute und loyale Katzen.«
»Das dachten wir von Distelblatt auch!«, warf Blaustern ein.
»Wir werden uns kein zweites Mal täuschen«, miaute Gelbzahn. »Von wem die Prophezeiung auch kommen mag, wir müssen ihr vertrauen. Und unseren Clan-Gefährten am See auch.«
Tüpfelblatt öffnete das Maul, um etwas zu sagen, schloss es aber schnell wieder, als wenige Fuchslängen entfernt eine weitere Katze durch das Unterholz strich. Eine Kätzin mit silbernem Pelz brach hervor und rannte auf sie zu, Sternenglanz wirbelte um sie herum.
»Federschweif!«, rief Blaustern aus. »Was tust du hier? Willst du uns ausspionieren?«
»Hier gehören wir alle zu einem Clan«, wurde sie von der ehemaligen FlussClan-Kriegerin zurechtgewiesen. »Ich habe mir schon gedacht, warum ihr dieses Treffen vereinbart habt und …«
»Das hier geht nur den DonnerClan an, Federschweif«, fiel ihr Gelbzahn ins Wort und ließ dabei für einen kurzen Moment ihre spitzen, gelben Zähne aufblitzen.
»Nein, da irrst du dich!«, fauchte Federschweif sie an. »Häherfeder und Löwenglut sind zur Hälfte WindClan, Krähenfeders Söhne.« Schmerz erfüllte ihre blauen Augen. »Ich mache mir Sorgen, was aus ihnen wird. Ich muss über sie wachen. Und um Distelblatt trauere ich genauso wie ihr.«
Tüpfelblatt streckte ihren Schwanz aus und berührte die silberne Kätzin an der Schulter. »Sie hat recht. Lasst sie bleiben.«
Gelbzahn seufzte. »Sie sind nicht deine Söhne, Federschweif«, miaute sie überraschend einfühlsam. »Wir können sie warnen und leiten, aber am Ende werden sie ihren eigenen Weg gehen.«
»Das tun Söhne und Töchter immer, Gelbzahn«, kommentierte Blaustern.
Ein paar Herzschläge lang verfinsterte sich Gelbzahns Miene, und ihr Bernsteinblick schweifte in die Ferne, wo sie ein Leben voller schmerzlicher Erinnerungen am Himmel zu sehen schien. Die Sonne glitt hinter den Horizont, die rot gestreiften Wolken färbten sich tiefblau. Im Teich unter dem Wasserfall schimmerte der wirbelnde Schaum in den Schatten.
»Also, was tun wir jetzt?«, drängte Löwenherz. »Gelbzahn, du hast von einem Zeichen gesprochen.«
»Ich denke immer noch, dass wir uns nicht einmischen sollten«, insistierte Blaustern, bevor Gelbzahn etwas sagen konnte. »Die dritte Katze ist bereits kräftig und klug, wir wissen nur noch nicht, über welche besondere Gabe sie verfügen wird. Wenn sie es wirklich ist, wird sie es dann nicht selbst herausfinden?«
»Wir können nicht einfach herumsitzen und nichts tun!«, protestierte Federschweif und bohrte ihre Krallen in die feuchte Erde. »Diese jungen Katzen brauchen unsere Hilfe.«
»Das meine ich auch«, stimmte Löwenherz der silbernen Kätzin mit einer Kopfneigung zu. »Wenn wir häufiger eingegriffen hätten« – er warf Blaustern einen Blick zu –, »hätten wir Distelblatt vielleicht nicht verloren.«
Blausterns Nackenfell sträubte sich. »Distelblatt hat ihre eigene Wahl getroffen. Jede Katze muss selbst über ihr Leben entscheiden. Das kann ihr niemand abnehmen.«
»Nein, aber wir können sie leiten«, miaute Tüpfelblatt. »Ich teile Gelbzahns Meinung. Ich finde, wir sollten ein Zeichen senden.«
»Wie ich sehe, habt ihr euch alle schon entschieden.« Blaustern seufzte, ihr Nackenfell glättete sich wieder. »Nun gut, macht, was ihr wollt.«
»Ich werde ein Zeichen senden.« Gelbzahn senkte den Kopf. Unter ihrem stumpfen Pelz und den schroffen Manieren wurde für einen Moment die tiefe Weisheit der ehemaligen Heiler-Katze für die anderen Katzen sichtbar. »Ein Zeichen der Sterne.«
»Wem willst du es senden?«, fragte Blaustern. »Löwenglut oder Häherfeder?«
Gelbzahns Bernsteinblick leuchtete im letzten Licht, als sie sich ihrer ehemaligen Anführerin zuwandte. »Keinem von beiden«, miaute sie. »Ich werde es der dritten Katze schicken.«
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1. KAPITEL
Der volle Mond zog über den wolkenlosen Himmel und warf tiefe, schwarze Schatten über die Insel. Die Blätter der Großen Eiche raschelten in der heißen Brise. Eingepfercht zwischen Ampferschweif und Graustreif, fühlte sich Löwenglut, als müsste er ersticken.
»Nicht einmal nachts wird es kühler«, knurrte er.
»Stimmt«, seufzte Graustreif, der unruhig auf der trockenen, staubigen Erde hin und her rutschte. »Die Blattwechsel werden immer heißer. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann es zum letzten Mal geregnet hat.«
Löwenglut reckte sich und hielt über die Köpfe der übrigen Katzen hinweg nach seinem Bruder Häherfeder Ausschau, der bei den Heiler-Katzen saß. Kurzstern hatte gerade berichtet, dass Rindengesicht gestorben war, und Falkenflug, die nun allein zurückgebliebene Heiler-Katze, wirkte ziemlich nervös, weil sie ihren Clan zum ersten Mal allein repräsentieren musste.
»Häherfeder sagt, dass der SternenClan ihn nicht vor der Dürre gewarnt hat«, miaute Löwenglut Graustreif zu. »Ich frage mich, ob irgendeine andere Heiler-Katze …«
Er brach ab, als sich Feuerstern, der Anführer des DonnerClans, von seinem Ast erhob, auf dem er gesessen und gewartet hatte, bis er an die Reihe kam. Leopardenstern, die Anführerin des FlussClans, hockte auf einem Ast direkt unter ihm und blickte zu ihm hinauf. Der WindClan-Anführer Kurzstern lehnte sich einige Schwanzlängen höher in eine Astgabel, während Schwarzstern, der SchattenClan-Anführer, auf einem Ast darüber nur an seinen Augen zu erkennen war, die zwischen den Blättern hindurchschimmerten.
»Wie jedem anderen Clan macht die Hitze dem DonnerClan zu schaffen«, hob Feuerstern an. »Aber wir kommen gut zurecht. Zwei unserer Schüler sind zu Kriegern ernannt worden: Rosenblatt und Unkenfuß.«
Löwenglut sprang auf die Pfoten. »Unkenfuß! Rosenblatt!«, jaulte er. Der restliche DonnerClan fiel ein, zusammen mit einigen Katzen aus dem WindClan und dem SchattenClan. Allerdings bemerkte Löwenglut, dass die Krieger des FlussClans schwiegen und dabei feindselig um sich blickten.
Was ist denen in den Pelz geraten? Es gehörte sich nicht, frisch ernannten Kriegern eines fremden Clans auf einer Großen Versammlung den Willkommensgruß zu verweigern. Er zuckte mit den Ohren. Das würde er nicht vergessen, wenn Leopardenstern die nächste FlussClan-Ernennung verkündete.
Die beiden neuen DonnerClan-Krieger senkten verlegen die Köpfe, aber ihre Augen leuchteten bei den Rufen der Clans. Wolkenschweif, Unkenfuß’ Mentor, plusterte sein Fell auf vor Stolz, während Eichhornschweif, die Rosenblatt trainiert hatte, die jungen Krieger liebevoll beobachtete.
»Wieso Feuerstern Eichhornschweif nicht als Mentorin abgesetzt hat, werde ich nie verstehen«, murmelte Löwenglut vor sich hin. »Nachdem sie uns die ganze Zeit vorgelogen hat, wir wären ihre Jungen.«
»Feuerstern weiß, was er tut«, antwortete Graustreif. Löwenglut zuckte zusammen, als ihm bewusst wurde, dass der graue Krieger jedes Wort seiner Kritik gehört hatte. »Er vertraut Eichhornschweif und will jeder Katze zeigen, dass sie eine gute Kriegerin und ein wertvolles Mitglied des DonnerClans ist.«
»Vermutlich hast du recht.« Löwenglut blinzelte verlegen. Er hatte Eichhornschweif so sehr geliebt und respektiert, als er noch glaubte, sie wäre seine Mutter, aber wenn er sie jetzt ansah, fühlte er sich kalt und leer. Ihr Verrat an ihm und seinen Wurfgefährten war so ungeheuerlich, dass er ihr nicht verzeihen konnte. Oder etwa doch?
»Wenn ihr dann fertig seid …« Leopardenstern erhob die Stimme über das letzte Willkommensjaulen und stand auf. Feuerstern bedachte sie mit einem funkelnden Blick. »Der FlussClan hat auch noch etwas zu berichten.«
Feuerstern neigte vor der Anführerin des FlussClans höflich den Kopf, trat einen Schritt zurück, setzte sich wieder und legte den Schwanz um die Pfoten. »Du hast das Wort, Leopardenstern.«
Die FlussClan-Anführerin war die Letzte mit ihrem Bericht auf der Versammlung, und Löwenglut hatte gesehen, wie ihre Schwanzspitze ungeduldig zuckte, als die anderen Anführer sprachen. Jetzt schweifte ihr stechender Blick über die Katzenversammlung und ihr Nackenfell sträubte sich vor Wut.
»Beutediebe!«, fauchte sie.
»Was?« Löwenglut war mit einem Satz auf den Pfoten, aber sein entsetzter Ausruf verlor sich im Tumult, denn noch mehr Katzen vom DonnerClan, WindClan und SchattenClan waren aufgesprungen, um zu protestieren.
Leopardenstern starrte auf sie hinab. Sie hatte die Zähne gefletscht und versuchte gar nicht erst, den Tumult zu beenden. Instinktiv blickte Löwenglut zum Himmel auf, aber da waren keine Wolken, die den Mond verdecken könnten. Der SternenClan ließ nicht erkennen, ob er über die ungeheuerliche Beschuldigung verärgert war. Als ob irgendeiner der anderen Clans ihren schleimigen, stinkenden Fisch stehlen würde!
Erst jetzt fiel ihm auf, wie dünn die FlussClan-Anführerin war, deren Rippen spitz unter ihrem gefleckten Pelz hervorstachen. Löwenglut sah sich um und bemerkte, dass die übrigen FlussClan-Katzen nicht besser aussahen, sogar noch abgemagerter wirkten als seine eigenen Clan-Gefährten und die SchattenClan-Krieger – und dünner als die WindClan-Katzen, die, selbst wenn sie wohlgenährt waren, spindeldürr erschienen.
»Sie verhungern …«, flüsterte er.
»Wir hungern alle«, antwortete Graustreif.
Löwenglut seufzte. Der graue Krieger hatte recht. Beim DonnerClan mussten sie in der Morgen- und der Abenddämmerung jagen, um die sengende Tageshitze zu meiden. Die Stunden um Sonnenhoch verbrachten die Katzen zusammengerollt auf den kostbaren Schattenplätzen am Fuß der Wände des Felsenkessels. Momentan herrschte Frieden zwischen den Clans, wobei Löwenglut vermutete, dass sie einfach alle zu schwach zum Kämpfen waren und kein Clan so viel Beute hatte, dass es sich lohnen würde, darum zu streiten.
Feuerstern erhob sich noch einmal auf die Pfoten und gebot mit einer Schwanzgeste Ruhe. Allmählich legte sich der Aufruhr, die Katzen setzten sich wieder und richteten ihre wütenden Blicke auf die FlussClan-Anführerin.
»Es gibt sicher einen guten Grund, warum du uns alle beschuldigst«, miaute Feuerstern, nachdem er sich Gehör verschafft hatte. »Würdest du dich uns erklären?«
Leopardenstern peitschte mit dem Schwanz. »Ihr alle habt Fisch aus dem See gestohlen«, fauchte sie. »Aber dieser Fisch gehört dem FlussClan.«
»Nein, das tut er nicht«, widersprach Schwarzstern und steckte den Kopf durch die Blätter. »Der See grenzt an alle unsere Territorien. Wir haben die gleichen Rechte an den Fischen wie ihr.«
»Besonders jetzt«, schloss sich Kurzstern an. »Wir leiden alle unter der Dürre. Beute ist in jedem Territorium rar. Wenn wir keinen Fisch essen dürfen, werden wir verhungern.«
Löwenglut starrte die beiden Anführer erstaunt an. Herrschte beim SchattenClan und beim WindClan tatsächlich so großer Hunger, dass sie ihre Frischbeutehaufen mit Fisch auffüllten? Dann musste die Lage wirklich schlimm sein.
»Aber uns geht es besonders schlecht«, bekräftigte Leopardenstern. »Der FlussClan isst keine Beute außer Fisch, also sollte er ausschließlich uns gehören.«
»Das ist doch mäusehirnig!« Eichhornschweif war aufgesprungen, ihr Schwanz peitschte. »Heißt das, ihr beim FlussClan könnt nichts anderes essen? Du gibst also zu, dass deine Krieger unfähig sind und keine Mäuse fangen können?«
»Eichhornschweif!« Brombeerkralle, der Zweite Anführer des DonnerClans, hatte einen gebieterischen Ton angeschlagen und sich von seinem Platz bei den Zweiten Anführern auf den Wurzeln der Großen Eiche erhoben. Kühl und höflich fuhr er fort: »Es steht dir nicht zu, hier deine Meinung zu äußern. Und dennoch«, fügte er an Leopardenstern gewandt, »hat sie nicht ganz unrecht.«
Der Ton, den Brombeerkralle angeschlagen hatte, ließ Löwenglut zusammenzucken und weckte in ihm sogar einen Funken Mitgefühl für Eichhornschweif, die sich wieder setzte und den Kopf senkte wie eine Schülerin, die in aller Öffentlichkeit von ihrem Mentor gerügt worden war. Nach sechs Monden, zwei ganzen Blattwechseln, hatte Brombeerkralle seiner ehemaligen Gefährtin immer noch nicht verziehen, dass sie die Jungen ihrer Schwester Blattsee für ihre eigenen erklärt hatte – und somit auch zu seinen gemacht hatte. Löwenglut schwirrte immer noch manchmal der Kopf, wenn er daran dachte, dass Brombeerkralle und Eichhornschweif nicht seine richtigen Eltern waren. Sein Bruder Häherfeder und er waren die Jungen von Blattsee, der ehemaligen Heiler-Katze, und Krähenfeder, einem WindClan-Krieger. Seit die Wahrheit ans Licht gekommen war, hatten Brombeerkralle und Eichhornschweif kaum mehr ein Wort miteinander gewechselt, und selbst wenn Brombeerkralle Eichhornschweif zwar nie für besonders harte Aufgaben und gefährliche Patrouillen einteilte, um sie zu bestrafen, sorgte er doch stets dafür, dass sich ihre Wege bei der Ausübung ihrer Pflichten niemals kreuzten.
Eichhornschweifs Lüge war allein schon schlimm genug, aber durch ihr Geständnis war noch viel mehr schiefgelaufen. Sie hatte die Wahrheit preisgegeben in dem verzweifelten Versuch, ihre angeblichen Jungen vor Aschenpelz’ Mordlust zu retten. Aschenpelz hatte sich an ihr rächen wollen, weil sie Brombeerkralle ihm vorgezogen hatte, Monde bevor Löwenglut und seine Wurfgefährten geboren wurden. Distelblatt, die Schwester von Löwenglut und Häherfeder, hatte Aschenpelz getötet, um zu verhindern, dass er das Geheimnis auf einer Großen Versammlung lüftete. Anschließend war Distelblatt bei einem Erdrutsch verschwunden, als sie durch die Tunnels zu entkommen versuchte, um ein neues Leben zu beginnen. Außerdem mussten die Brüder jetzt akzeptieren, dass sie HalbClan-Katzen waren und ihr Vater Krähenfeder nichts mit ihnen zu tun haben wollte. Und obendrein warfen einige ihrer eigenen Clan-Gefährten ihnen immer noch misstrauische Blicke zu, bei denen Löwenglut der Pelz brannte vor Scham.
Als ob wir plötzlich Verräter wären, nur weil wir herausgefunden haben, dass unser Vater ein WindClan-Krieger ist! Wer würde denn freiwillig zu diesen dürren Kaninchenmümmlern überlaufen?
Löwengluts Blick wanderte zu Häherfeder, wobei er sich fragte, ob sein Bruder dasselbe dachte. Der junge Heiler hatte die blinden blauen Augen auf Brombeerkralle gerichtet, und seine waren Ohren wachsam, aber was in seinem Kopf vorging, ließ sich schwer sagen. Zu Löwengluts Erleichterung schienen die übrigen Katzen zu gespannt, wie Leopardenstern nun reagieren würde, um darauf zu achten, was sich zwischen Brombeerkralle und Eichhornschweif abspielte.
»Die Fische im See gehören dem FlussClan«, fuhr Leopardenstern fort, ihre Stimme war dünn und schrill wie Wind im Schilf. »Jede Katze, die sie zu stehlen wagt, wird unsere Krallen zu spüren bekommen. Ab sofort werde ich unsere Grenzpatrouillen auffordern, das ganze Gebiet um den See herum im Auge zu behalten.«
»Das kannst du nicht tun!« Schwarzstern schlüpfte aus dem Blätterwald und sprang auf einen tieferen Ast, von dem er Leopardenstern drohende Blicke zuwarf. »Die Territorien sind niemals bis in den See ausgedehnt worden.«
Löwenglut sah den See aus besseren Zeiten vor sich, als die Wellen noch sacht am grasbewachsenen Ufer mit seinen wenigen schmalen Sand- und Kiesstreifen aufgelaufen waren. Inzwischen war der Wasserspiegel gesunken, hatte breite, schlammige Flächen zurückgelassen, die in der unbarmherzigen Sonne der Blattgrüne austrockneten und Risse bekamen. Wollte Leopardenstern dieses verödete Gebiet wirklich als FlussClan-Territorium beanspruchen?
»Falls irgendeine FlussClan-Patrouille ihre Pfoten in unser Territorium setzt«, knurrte Kurzstern mit gefletschten Zähnen, »werdet ihr das bitter bereuen.«
»Leopardenstern, hör mir zu.« Löwenglut sah, dass sich Feuerstern große Mühe gab, Ruhe zu bewahren, obwohl sich sein Fell im Nacken und auf den Schultern zu sträuben begann. »Wenn du so weitermachst, wirst du einen Krieg zwischen den Clans heraufbeschwören. Katzen werden Wunden davontragen. Haben wir nicht schon genug Probleme, als uns das Leben noch schwerer zu machen?«
»Feuerstern hat recht«, flüsterte Ampferschweif Löwenglut ins Ohr. »Wir sollten versuchen, einander zu helfen, statt unsere Pelze zu sträuben und uns zu streiten.«
Leopardenstern schien sich auf die anderen Anführer stürzen zu wollen, ließ geduckt die Krallen ausfahren und fauchte wortlos.
Jetzt ist doch Waffenruhe! Löwenglut riss entsetzt die Augen auf. Eine Anführerin, die auf einer Großen Versammlung eine andere Katze angreift? Das darf nicht sein!
Feuerstern hatte die Muskeln angespannt und war vorbereitet, falls Leopardenstern sich auf ihn stürzen sollte. Die Anführerin sprang jedoch mit einem wütenden Fauchen zu Boden und versammelte ihre Krieger um sich.
»Lasst die Pfoten von unserem Fisch!« Mit dieser letzten Drohung führte sie ihren Clan von der Lichtung ins Unterholz und auf die Baumbrücke zu, die sie von der Insel bringen würde. Ihre Gefährten folgten ihr, wobei sie den übrigen drei Clans im Vorübergehen feindselige Blicke zuwarfen. Nachdem sie gegangen waren, wurde überall getuschelt und spekuliert, bis Feuerstern schließlich seine energische Stimme über den Lärm erhob.
»Die Große Versammlung ist beendet! Wir müssen bis zum nächsten Vollmond in unsere Territorien zurückkehren. Möge der SternenClan unsere Wege erhellen!«
Löwenglut tappte mit den DonnerClan-Katzen, die um den See herum zu ihrem Territorium zurückwanderten, hinter seinem Anführer her. Das Wasser war kaum zu erkennen, schimmerte nur silbrig in der Ferne, und auf der austrocknenden Schlammfläche spiegelte sich fahles Mondlicht. Löwenglut rümpfte die Nase wegen des Gestanks nach verrottendem Fisch.
So ekelhaft stinkende Beute kann der FlussClan gern behalten!
Vor ihm trottete Brombeerkralle neben Feuerstern her, Borkenpelz und Rauchfell begleiteten den Anführer auf der anderen Seite.
»Was sollen wir tun?«, fragte der Zweite Anführer. »Leopardenstern wird ihre Patrouillen ganz sicher losschicken. Was machen wir, wenn wir sie auf unserem Territorium antreffen?«
Feuerstern zuckte mit den Ohren. »Das müssen wir uns gut überlegen«, miaute er. »Gehört der Grund des Sees wirklich zu unserem Territorium? Wir hätten nie daran gedacht, ihn für uns zu beanspruchen, solange er mit Wasser bedeckt war.«
Borkenpelz schnaubte verächtlich. »Wo die getrocknete Fläche an unser Territorium grenzt, gehört er jetzt uns. Der FlussClan hat kein Recht, dort zu jagen oder zu patrouillieren.«
»Sie sehen aber doch so hungrig aus«, miaute Rauchfell mitfühlend. »Und der DonnerClan hat ohnehin nie Fische aus dem See gefangen. Können wir sie ihnen nicht einfach überlassen?«
Borkenpelz berührte kurz das Ohr seiner Gefährtin. »Bei uns ist Beute auch knapp«, erinnerte er sie.
»Wir werden die FlussClan-Krieger nicht angreifen«, entschied Feuerstern. »Erst wenn sie ihre Pfoten auf DonnerClan-Territorium innerhalb unserer Duftmarkierungen setzen – drei Schwanzlängen vom Ufer entfernt, wie wir es bei unserer Ankunft hier vereinbart haben. Brombeerkralle, du sorgst dafür, dass die Patrouillen Bescheid wissen, wenn du sie morgen losschickst.«
»Natürlich, Feuerstern«, antwortete der Zweite Anführer und neigte den Kopf.
Löwenglut kribbelte der Pelz. Es gehörte sich so, dass er die Anordnung seines Anführers respektierte, und das tat er auch, aber sicher war er sich nicht, ob Feuerstern diesmal die richtige Entscheidung getroffen hatte. Werden sie unser Verhalten als Schwäche auslegen, wenn wir ihnen das ganze Gebiet um den See herum überlassen?
Eine Schwanzspitze berührte ihn an der Flanke und riss ihn aus seinen Gedanken. Es war Häherfeder, der zu ihm aufgerückt war.
»Leopardenstern hat Bienen im Kopf«, verkündete sein Bruder. »Damit wird sie niemals durchkommen. Früher oder später kriegen Katzen Krallen zu spüren.«
»Ich weiß.« Neugierig fügte Löwenglut hinzu: »Während der Großen Versammlung habe ich von SchattenClan-Katzen gehört, dass Leopardenstern kürzlich zwei Leben verloren hat. Stimmt das?«
Häherfeder nickte ihm kurz zu. »Ja.«
»Sie hat nichts davon gesagt«, erklärte Löwenglut.
Häherfeder blieb stehen und richtete seine klugen, leuchtend blauen Augen so eindringlich auf Löwenglut, dass er wieder einmal kaum glauben konnte, dass sie nichts sahen. »Komm schon, Löwenglut. Welcher Anführer würde jemals verkünden, dass er ein Leben verloren hat? Damit würde er Schwäche zugeben. Die meisten Katzen wissen nicht einmal, wie viele Leben ihr eigener Anführer noch besitzt.«
»Da hast du vermutlich recht«, gab Löwenglut zu und trottete weiter.
»Leopardenstern hat ein Leben verloren, weil sich ein Kratzer von einem Dornengestrüpp infiziert hat«, fuhr Häherfeder fort. »Und gleich danach hat sie sich eine Krankheit zugezogen, bei der sie schrecklich durstig und schwach wurde. Sie konnte nicht einmal bis zum Bach laufen, um zu trinken.«
»Hast du das alles von Mottenflügel und Maulbeerglanz gehört?«, fragte Löwenglut, der wusste, dass Heiler-Katzen einander vertrauten, während Krieger wegen der Rivalitäten zwischen den Clans stets darauf achteten, nicht zu viel preiszugeben.
»Es tut nichts zur Sache, wie ich es herausgefunden habe«, erklärte Häherfeder. »Ich weiß es einfach.«
Löwenglut unterdrückte ein Schaudern. Obwohl ihm klar war, dass Häherfeder wegen der Prophezeiung über besondere Fähigkeiten verfügte, beunruhigte es ihn, dass sein Bruder auf Pfaden wandelte, die keine Katze und nicht einmal eine andere Heiler-Katze je zuvor betreten hatte. Häherfeder wusste vieles, das ihm nie jemand gesagt hatte, selbst der SternenClan nicht. Er konnte sich in die Träume anderer Katzen einschleichen und ihre tiefsten Geheimnisse entdecken.
»Ich schätze, das ist der Grund, weshalb Leopardenstern wegen der Fische allen so auf die Nerven geht«, murmelte Löwenglut und schob sein Unbehagen beiseite. »Sie will ihrem Clan beweisen, dass sie immer noch stark ist.«
»Dann fängt sie das aber ganz falsch an«, stellte Häherfeder ungerührt fest. »Sie müsste wissen, dass die anderen Clans ihre Befehle niemals befolgen werden. Und damit schadet sie dem FlussClan am Ende mehr, als wenn ihre Katzen die Dürre einfach durchstehen würden wie wir anderen auch.«
Sie näherten sich dem Bachlauf, der die Grenze zwischen WindClan und DonnerClan bildete. Noch in der letzten Blattfrische war das Wasser rauschend und sprudelnd in den See geplätschert, aber jetzt floss nur noch ein kleines schlammig grünes Rinnsal in seinem Bett, über das eine Katze mit Leichtigkeit hinübersetzen konnte. Löwenglut atmete erleichtert auf, als er dahinter ins Unterholz eintauchen konnte, zwischen die vertrauten Bäume des eigenen Territoriums.
»Vielleicht löst sich das alles von ganz allein in Luft auf«, miaute er zuversichtlich. »Indem Leopardenstern zur Vernunft kommt, weil sie darüber nachdenkt, was ihr die anderen Anführer auf der Großen Versammlung gesagt haben.«
Häherfeder schnaubte verächtlich. »Bevor Leopardenstern einlenkt, lernen Igel fliegen. Nein, Löwenglut, unser Problem ist erst dann gelöst, wenn sich der See wieder mit Wasser füllt.«
Löwenglut lief durch langes, üppiges Gras, bei jedem Schritt versanken seine Pfoten im Wasser. Ein kühles Lüftchen zauste sein Fell. Wann immer er durstig war, musste er nur den Kopf senken und konnte trinken, so viel er wollte, seinen Durst löschen, der wie Dornen in seinem Hals kratzte. Vor ihm tauchte in einem Schilfbeet eine Wühlmaus auf, aber bevor sich Löwenglut auf sie stürzen konnte, stieß ihn etwas Festes in die Seite. Er wachte auf und fand sich in seinem Nest im Bau der Krieger wieder. Wolkenschweif blickte auf ihn herab. Sein Pelz war verklebt, die Luft roch nach Staub.
»Aufwachen«, miaute der weiße Krieger und stieß Löwenglut noch einmal an. »Was bist du denn für ein Langschläfer?«
»Musste das sein?«, beschwerte sich Löwenglut. »Ich habe gerade so wunderbar geträumt …«
»Und jetzt darfst du eine ganz wunderbare Wasserpatrouille begleiten«, erklärte Wolkenschweif unbarmherzig. Seit die Bäche versiegt waren und den See hatten austrocknen lassen, war ihnen als einzige Wasserquelle der flache, brackige Teich in der Mitte des Seegrunds geblieben. Mehrmals täglich zogen zusätzlich zu den üblichen Jagd- und Grenzpatrouillen Katzengruppen aus, um den Clan mit Wasser zu versorgen. Die Blattgrüne-Nächte schienen kürzer denn je, weil jede Katze übermüdet war von den Zusatzaufgaben.
Löwenglut gähnte ausgiebig. »Schon gut, ich komme.«
Er schüttelte Moosfetzen aus dem Pelz und folgte Wolkenschweif aus dem Bau. Am fahlen Himmel dämmerte der Morgen, und obwohl die Sonne noch nicht richtig aufgegangen war, fühlte sich die Luft heiß und stickig an. Löwenglut knurrte insgeheim bei dem Gedanken an einen weiteren trockenen, sengend heißen Tag.
Haselschweif, ihre Schülerin Blumenpfote, Beerennase und Eiswolke saßen draußen vor dem Bau. Sie erhoben sich auf die Pfoten, als Wolkenschweif mit Löwenglut auftauchte. Alle drei hatten nicht an der Großen Versammlung der letzten Nacht teilgenommen, aber Löwenglut sah an ihren angespannten Gesichtern, dass sie von Leopardensterns Drohungen wussten.
»Gehen wir.« Wolkenschweif deutete mit der Schwanzspitze Richtung Dornentunnel.
Während Löwenglut hinter dem weißen Krieger durch den Wald trottete, hörte er, wie sich Beerennase vor Eiswolke brüstete: »Der FlussClan soll ja nicht wagen, sich am See mit uns anzulegen. Ich würde keiner Katze raten, mir auf den Pelz zu rücken.«
Eiswolke murmelte eine Antwort, die Löwenglut nicht verstand. Beerennase findet sich einfach großartig. Dabei wäre es so mäusehirnig, Streit zu suchen. Wir sind zum Kämpfen nicht stark genug.
Zu seiner Erleichterung führte Wolkenschweif seine Patrouille zum Fuß einer Eiche, wo sie Moos sammeln sollten, um es anschließend im See sich vollsaugen zu lassen. Beerennase konnte Eiswolke nicht länger erzählen, was er für ein großartiger Krieger war, weil sein Maul mit buschigen grünen Mooskissen gestopft war.
Als sie sich dem See näherten, hielt Wolkenschweif kurz inne und blickte hinaus auf den Seegrund. In Ufernähe sah er trocken und staubig aus und war mit tiefen Rissen überzogen, in der Ferne blinkte der See im fahlen Morgenlicht. Gerade versuchte Löwenglut zu ergründen, wo der Schlamm endete und das Wasser anfing, als er weit hinten im Schlamm vier winzige Gestalten entdeckte. Er legte sein Moosbündel ab und prüfte die Luft. Schwacher FlussClan-Geruch wehte ihm entgegen, vermischt mit dem vertrauten Gestank nach toten Fischen.
»Hört mir zu«, miaute Wolkenschweif, der sein Bündel ebenfalls abgelegt hatte. »Der FlussClan kann nichts dagegen haben, dass wir Wasser holen, und Feuerstern hat schon gesagt, dass er Kämpfe vermeiden will. Hast du das verstanden, Beerennase?« Er sah den jungen Krieger eindringlich an.
Zögernd nickte Beerennase. »Verstanden«, nuschelte er mit dem Moos im Maul.
»Vergiss es nicht.« Nach einem letzten Blick führte Wolkenschweif seine Patrouille über das Schlammbett zum fernen See hinaus.
Anfangs war die Schlammfläche noch hart, aber als sich die Patrouille dem Wasser näherte, sanken Löwengluts Pfoten bei jedem Schritt ein. »Das ist ja eklig«, brummelte er mit moosgedämpfter Stimme und versuchte, die klebrigen, hellbraunen Klumpen von den Pfoten zu schütteln. »Die kriege ich nie wieder sauber!«
In der Nähe des Wasserrands angekommen, erkannte er die FlussClan-Katzen Schilfbart und Graunebel mit Otterherz und ihrem Schüler Schniefpfote, die nebeneinander aufgereiht auf sie warteten und ihnen den Weg versperrten. Alle sahen mager und erschöpft aus, aber ihre Augen funkelten feindselig, und mit ihren gesträubten Pelzen sahen sie aus, als würden sie sich auch für ein paar Mauseschwänze auf einen Kampf einlassen.
Schilfbart trat vor. »Habt ihr vergessen, was Leopardenstern letzte Nacht auf der Großen Versammlung gesagt hat?«, miaute er herausfordernd. »Die Fische im See gehören dem FlussClan.«
»Wir wollen keine Fische«, antwortete Wolkenschweif ruhig, nachdem er sein Moos abgelegt hatte. »Wir wollen nur Wasser. Das werdet ihr uns doch wohl nicht verweigern?«
»Gibt es keine Bäche in eurem Territorium?«, erkundigte sich Graunebel.
»Die Bäche sind ausgetrocknet und das wisst ihr ganz genau.« Löwenglut sah, dass Wolkenschweifs Schwanzspitze verärgert zuckte. Dem temperamentvollen Krieger fiel es nicht leicht, Ruhe zu bewahren. »Wir brauchen Wasser aus dem See.«
»Und werden es uns nehmen, ob es euch gefällt oder nicht«, fügte Beerennase hinzu, nachdem er sein Moos fallen gelassen hatte und drohend einen Schritt vorgetreten war.
Sofort ließen die vier FlussClan-Katzen die Krallen ausfahren. »Der See gehört uns«, fauchte Otterherz.
Blumenpfotes Augen weiteten sich vor Entsetzen, worauf sich Haselschweif schützend vor ihre Schülerin stellte. Löwenglut spannte die Muskeln an, ließ die Krallen ausfahren und machte sich bereit zum Sprung.
Wolkenschweif wirbelte zu seiner Patrouille herum. »Du sagst jetzt nichts mehr!«, befahl er Beerennase.
»Willst du zulassen, dass sie so mit uns reden?«, miaute Beerennase vorwurfsvoll. »Im Gegensatz zu dir habe ich keine Angst vor ihnen.«
Wolkenschweif baute sich vor dem jungen Krieger auf, bis sich die beiden Nase an Nase berührten. Seine Augen blitzten kalt wie Eis. »Noch ein Wort und du wirst einen Mond lang die Ältesten nach Zecken absuchen. Verstanden?«
Löwenglut zuckte vor Schreck zusammen. Wolkenschweif war meistens schroff, aber so zornig hatte er ihn einem Clan-Gefährten gegenüber noch nie gesehen. Es war, als ob Wasserholen für Wolkenschweif zur wichtigsten Sache der Welt geworden wäre – und vielleicht war es das ja auch. Löwenglut fragte sich, was passieren würde, wenn es dem FlussClan gelänge, die übrigen Clans vom See fernzuhalten. Würden dann drei der vier Clans aussterben?
Ohne auf eine Antwort von Beerennase zu warten, wirbelte Wolkenschweif noch einmal herum und wandte sich wieder an die FlussClan-Katzen. »Ich entschuldige mich für meinen Krieger«, miaute er mit fester Stimme. Löwenglut wusste, wie schwer es ihm fiel, höflich zu bleiben. »Ich glaube, er hat zu viel Sonne abbekommen. Und jetzt würde ich es begrüßen, wenn ihr uns Wasser holen lasst.«
Einen Herzschlag lang zögerte Schilfbart. Löwenglut juckte es in den Pfoten, loszuspringen und zu kämpfen. Wolkenschweif hatte sie davor gewarnt, weil sie dazu zu schwach waren, aber er wusste nicht, dass Löwenglut als einer der auserwählten Drei die Gabe besaß, jeden noch so harten Kampf ohne einen einzigen Kratzer zu überstehen. Trotzdem ist mir klar, dass wir schon genug Probleme haben, auch wenn wir uns nicht gegenseitig angreifen.
Endlich trat Schilfbart zurück, wobei er seiner Patrouille mit dem Schwanz bedeutete, das Gleiche zu tun. »Wasser dürft ihr holen, aber keinen Fisch«, knurrte er.
Wir sind nicht wegen Fisch gekommen. Wie oft sollen wir euch das noch sagen?
»Danke.« Wolkenschweif neigte den Kopf und tappte zum Wasserrand. Löwenglut folgte ihm, wobei er spürte, wie sich die feindseligen Blicke der FlussClan-Katzen in seinen Rücken bohrten und jede seiner Bewegungen genau beobachteten. Das ist doch einfach idiotisch! Glauben sie, ich könnte einen Fisch unter meinem Pelz wegschmuggeln?
Es entging ihm nicht, dass seine Clan-Gefährten genauso wütend waren. Wolkenschweifs Schwanzspitze zuckte und Beerennases Augen sprühten Funken. Immerhin war er klug genug, nichts zu sagen. Die Kätzinnen hatten die Pelze gesträubt und warfen den FlussClan-Katzen im Vorbeigehen finstere Blicke zu.
Löwenglut tränkte sein Moos im Seewasser und leckte ein paar Maulvoll auf. Das Wasser war warm und schmeckte nach Erde und Algen, den Durst löschte es kaum. Er zwang sich zu schlucken und krümmte sich, als ihm die sandige Flüssigkeit durch die Kehle rann. Die Sonne war inzwischen aufgegangen und warf ihre sengenden Strahlen über die Baumspitzen. Am Horizont war weit und breit keine Wolke zu sehen.
Wie lange können wir noch so weitermachen?
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2. KAPITEL
Häherfeder durchsuchte die Kräuter hinten in seinem Bau in der Vorratshöhle. Die Blätter und Stängel fühlten sich trocken und brüchig an und rochen modrig. Ich muss für die Blattleere auffüllen. Aber wie soll ich das machen, wenn nichts nachwächst?
Das Wissen, dass er nun als einzige Heiler-Katze für den DonnerClan verantwortlich war, lag ihm wie ein Stein im Magen. Er dachte daran, wie oft er gemurrt hatte, wenn ihm Blattsee Vorschriften machte, wie er was tun sollte. Jetzt wünschte er sich, sie wäre niemals von ihrer Position als Heilerin zurückgetreten, um in den Kriegerbau umzuziehen. Was macht das schon, dass sie einmal Junge bekommen hat? Trotzdem kennt sie alle Kräuter und weiß, was zu tun ist, wenn sich eine Katze verletzt.
Sein Pelz fing vor Ärger an zu kribbeln, als er sich daran erinnerte, wie Wurzelpfote vor einigen Sonnenaufgängen ins Lager und direkt zu seinem Bau gesaust war.
»Häherfeder!«, hatte sie gekeucht. »Komm schnell! Feuerstern ist verletzt!«
»Was? Wo?«
»Ein Fuchs hat ihn erwischt!« Die junge Schülerin zitterte vor Angst. »An der SchattenClan-Grenze, beim toten Baum.«
»Gut, ich komme.« Insgeheim fürchtete sich Häherfeder auch, was er sich aber nicht anmerken ließ. »Mach dich auf die Suche nach Blattsee und sag ihr Bescheid.«
Wurzelpfote riss erstaunt die Augen auf, aber Häherfeder fragte nicht nach dem Grund. Er packte einige Stängel Schachtelhalm, rannte durch den Dornentunnel in Richtung SchattenClan-Grenze. Erst als er längst unterwegs war, fiel ihm ein, dass Blattsee gar nicht mehr Heiler-Katze war.
Der Blutgeruch führte ihn zu seinem Anführer. Feuerstern lag auf der Seite in einem Farnbüschel, er atmete schnell und flach. Sandsturm und Graustreif beugten sich über ihn, während Dornenkralle von einem Baumstumpf aus Wache hielt.
»Dem SternenClan sei Dank!«, rief Sandsturm, als Häherfeder herbeigerannt kam. »Feuerstern, Häherfeder ist da. Du schaffst das!«
»Was ist passiert?«, fragte Häherfeder, während er Feuersterns Flanke vorsichtig mit einer Pfote abtastete. Sein Magen zog sich zusammen, als er eine lange Wunde fühlte, aus der stoßweise das Blut strömte.
»Unsere Patrouille ist von einem Fuchs angegriffen worden«, antwortete Graustreif. »Wir wollten ihn verjagen, aber …« Seine Stimme erstarb.
»Sucht Spinnweben«, befahl Häherfeder. Er begann, den Schachtelhalm zu einer Paste zu zerkauen. Wo bleibt Blattsee? Ich weiß nicht, ob ich alles richtig mache.
Er tupfte die Paste auf die Wunde in der Flanke seines Anführers und legte Spinnweben darüber, die ihm Graustreif in die Pfoten drückte. Aber bevor er damit fertig war, hörte er Feuersterns Atem flacher und flacher werden, bis er schließlich ganz aufhörte.
»Er verliert ein Leben«, flüsterte Sandsturm.
Wie betäubt fuhr Häherfeder fort, die Wunde zu verschließen, damit Feuerstern nicht noch mehr Blut verlor, wenn er sich wieder erholte. Die Zeit schien unnatürlich langsam zu verstreichen, und Häherfeder schwirrte der Kopf, als er sich zu erinnern versuchte, wie viele Leben seinem Anführer noch geblieben waren.
War das etwa sein letztes Leben? Nein, das darf nicht sein!
Er hatte die Hoffnung fast aufgegeben, als Feuerstern hustete, wieder zu atmen begann und den Kopf hob. »Danke, Häherfeder«, miaute er schwach. »Mach nicht so ein besorgtes Gesicht. In ein paar Herzschlägen geht es mir wieder gut.«
Aber als sich Feuerstern auf den Rückweg ins Lager machte, sich dabei an Graustreifs Schulter lehnte, mit der besorgten Sandsturm an seiner anderen Seite und Dornenkralle am Schluss, machte sich Häherfeder immer noch Vorwürfe. Ich habe Blattsee gebraucht und sie war nicht da. Seine ehemalige Mentorin war erst aufgetaucht, als sie den Felsenkessel schon vor sich sehen konnten. Sie hatte an der WindClan-Grenze gejagt.
»Du hast dein Bestes gegeben«, hatte Blattsee Häherfeder getröstet, nachdem er ihr berichtet hatte, was passiert war. »Manche Dinge kannst du nicht verhindern.«
Aber Häherfeder glaubte ihr nicht, er wusste, dass Blattsee Feuerstern gerettet hätte, wenn sie da gewesen wäre.
Verbittert machte er sich Vorwürfe. Es ist meine Schuld, dass mein Anführer ein Leben verloren hat. Was bin ich nur für eine schlechte Heiler-Katze!
Jetzt sortierte er seine Kräutervorräte zu Ende, nahm ein Maulvoll Jakobskraut und machte sich auf den Weg zum Bau der Ältesten. Er duckte sich unter den äußeren Zweigen des Haselstrauchs hindurch und fand Mausefell, die sich neben dem Stamm zusammengerollt hatte und leise schnarchte, während Langschweif und der alte Einzelläufer Charly Seite an Seite im Schatten der Felswand saßen.
»Also, dieser Dachs, der war auf Ärger aus und da bin ich ihm gefolgt …« Charly brach ab, als Häherfeder den Bau betrat. »Hallo, junger Freund! Was können wir für dich tun?«
»Ich will, dass ihr diese Kräuter esst.« Häherfeder ließ die Stängel fallen und teilte sie sorgsam durch drei. »Es ist Jakobskraut. Das hält euch bei Kräften.«
Er hörte Charlys rasselnden Atem, als er angetappt kam und mit einer Pfote in den Kräutern stocherte. »Dieses Zeug? Sieht nicht besonders appetitlich aus, finde ich.«
»Kümmert euch nicht darum, wie es aussieht«, fauchte Häherfeder mit zusammengebissenen Zähnen. »Esst es einfach. Du auch, Langschweif.«
»Wie du meinst.« Der blinde Älteste trat zu den Kräutern und leckte sie auf. »Komm schon, Charly«, miaute er mit vollem Mund. »Du weißt, dass sie dir guttun werden.« Seine Stimme war heiser und seine Pfotenschritte unsicher. Jedes Haar in Häherfeders Pelz kribbelte unbehaglich. Der ganze Clan litt unter Hunger und Durst, aber Langschweif schien besonders betroffen. Häherfeder vermutete, dass er seinen Anteil an Nahrung und Wasser Mausefell gab.