Madrid, 1868. Als Astarloa längst glaubt, das Leben hielte keine Überraschungen mehr für ihn bereit, klopft eine bezaubernde Unbekannte an seine Tür: Sie will seinen berühmten Fechtstoß lernen. Aber er hat nicht vor, seine Ruhe aufs Spiel zu setzen, gerade jetzt, wo die Hauptstadt täglich von blutigen Aufständen erschüttert wird. Doch die Anmut der Dame, ihre geheimnisvolle Narbe und die veilchenblauen Augen wecken seine Neugier. Sie wird seine Schülerin, und während des Wechselspiels aus Finte, Angriff und Parade wächst über Wochen eine zarte Liebe heran, bis Adela spurlos verschwindet. Und für den Fechtmeister beginnt eine bodenlose Suche nach der Wahrheit in den Gassen der Stadt …

 Arturo Pérez-Reverte erzählt gefühlvoll und rasant von der letzten Chance zweier Menschen. Ein Stich ins Herz beschwört eine Liebe, die sich auflehnt und mit allen Mitteln kämpft – gegen die Verhängnisse einer Epoche und für den einen glücklichen Schlußakkord.

 

 

Arturo Pérez-Reverte

EIN STICH INS HERZ

Roman

Aus dem Spanischen
von Claudia Schmitt

Insel Verlag

 

 

Die Originalausgabe erschien 1988 unter dem Titel El maestro de esgrima bei Mondadori, Spanien.

Die vorliegende Übersetzung erschien erstmals 1996 im Weitbrecht Verlag. Sie wurde für diese Ausgabe aktualisiert.

 

 

 

eBook Insel Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4309.

© Insel Verlag Berlin 2014

Copyright © 1988 by Arturo Pérez-Reverte

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Zitatnachweise am Schluss des Bandes.

Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlaggestaltung: glanegger.com, München

Umschlagfotos: Susan Fox/Trevillion Images; Paul Grand/Corbis; shutterstock

 

eISBN 978-3-458-73644-8

www.insel-verlag.de

 

 

 

 

 

 

Für Carlota. Und für den Ritter im gelben Wams

 

 

 

 

Ich bin der höflichste Mensch von der Welt. Ich tue mir was darauf zugute, niemals grob gewesen zu sein auf dieser Erde, wo es so viele unerträgliche Schlingel gibt, die sich zu einem hinsetzen und ihre Leiden erzählen oder gar ihre Verse deklamieren.

 

Heinrich Heine, Reisebilder

PROLOG

»Guten Abend, Señor Astarloa.«

Adela de Otero glich in nichts dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte. Ihre Augen waren groß, veilchenblau und mit goldenen Pünktchen gesprenkelt, das Haar schwarz und üppig. Eine winzige Narbe in ihrem rechten Mundwinkel zauberte beständig den Anflug eines geheimnisvollen Lächelns auf ihre Lippen.

Sie bat ihn Platz zu nehmen, bot Kaffee an und kam dann ohne Umschweife zur Sache. »Ich möchte den Stoß der zweihundert Escudos von Ihnen lernen.«

Don Jaime glaubte, nicht richtig gehört zu haben. »Pardon?«

Die junge Dame sah ihm fest in die Augen. »Ich habe mich ausführlich erkundigt«, sagte sie ruhig, »und weiß, daß Sie der beste Fechtmeister hier in Madrid sind. Ich weiß auch, daß Sie das Geheimnis eines bestimmten Florettstoßes hüten, den Sie interessierten Schülern zum Preis von zweihundert Escudos beibringen. Das ist eine stattliche Summe, aber ich kann sie bezahlen. Ich möchte also Ihre Dienste in Anspruch nehmen.«

Jaime Astarloa kam aus dem Staunen nicht heraus. »Verzeihen Sie, gnädige Frau, Ihr Ansinnen ist, wie soll ich mich ausdrücken … etwas ungewöhnlich. Bitte haben Sie Verständnis, aber ich finde … nun ja, das Fechten … ist nichts für eine Frau. Damit will ich sagen …«

Die veilchenblauen Augen sahen ihn von oben nach unten an. »Ich weiß, was Sie sagen wollen«, erwiderte Adela de Otero. »Aber daß ich eine Frau bin, hat nichts zu bedeuten. Ich besitze nämlich gründliche Kenntnisse in der Kunst, die Sie lehren, wenn es das ist, was Ihnen Sorge bereitet.«

»Nein, darum geht es nicht.« Don Jaime rückte nervös auf seinem Stuhl herum. »Sehen Sie, ich bin jetzt sechsundfünfzig und übe meinen Beruf seit über dreißig Jahren aus. Bis heute hat es sich bei meinen Klienten immer und ausschließlich um Männer gehandelt.«

»Die Zeiten wandeln sich, mein Herr.«

Auf der blaßblauen Blümchentapete spielten die letzten Strahlen der Abendsonne. Die Hitze quälte Madrid wie jeden Sommer, man schrieb den Juli des Jahres 1868, und in Spanien regierte Ihre katholische Majestät Doña Isabella II.