Zsolnay eBook

Henning Mankell

Die Brandmauer

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

 

Die Originalausgabe erschien erstmals 1998 unter dem Titel Brandvägg bei Ordfront in Stockholm.

ISBN 978-3-552-05611-4

© Henning Mankell 1998
Alle Rechte der deutschsprachigen Ausgabe
© Paul Zsolnay Verlag Wien 2001/2012
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|6|Ein Mensch, der vom Wege der Klugheit abirrt

Wird weilen in der Schar der Toten.

 

Die Sprüche Salomos, 21,16

 

|7|I

Der Anschlag

|9|1

Am Abend flaute der Wind plötzlich ab und schlief dann völlig ein.

Er war auf den Balkon getreten. Am Tage konnte er zwischen den gegenüberliegenden Häusern das Meer erkennen. Aber jetzt war es dunkel. Manchmal nahm er sein altes englisches Miniaturfernglas mit hinaus und schaute in die erleuchteten Fenster des Hauses auf der anderen Straßenseite. Aber es endete immer damit, daß ihn das Gefühl beschlich, jemand habe ihn entdeckt.

Der Himmel war sternenklar.

Schon Herbst, dachte er. Vielleicht bekommen wir heute nacht Frost. Obwohl es für Schonen ziemlich früh ist.

Irgendwo in der Nähe fuhr ein Auto. Ihn fröstelte, und er ging wieder hinein. Die Balkontür klemmte. Auf dem Block neben dem Telefon auf dem Küchentisch notierte er sich, daß er am nächsten Tag die Tür reparieren mußte.

 

Dann ging er ins Wohnzimmer. Einen Augenblick blieb er in der Tür stehen und ließ seinen Blick durch das Zimmer wandern. Weil Sonntag war, hatte er geputzt. Es gab ihm stets ein Gefühl von Zufriedenheit, sich in einem vollkommen sauberen Zimmer zu befinden.

An der einen Schmalseite stand ein Schreibtisch. Er zog den Stuhl vor, knipste die Arbeitslampe an und holte das dicke Logbuch heraus, das er in einer der Schubladen aufbewahrte. Wie üblich begann er damit, das am Abend zuvor Geschriebene durchzulesen.

Samstag, der 4. Oktober 1997. Der Wind war den ganzen Tag böig. Laut Wetterdienst 8  1o Meter pro Sekunde. Wolkenfetzen jagten über den Himmel. Temperatur um sechs Uhr früh sieben Grad. Um zwei Uhr war sie auf acht Grad gestiegen. Am Abend auf fünf gesunken.

|10|Danach hatte er nur noch vier Sätze geschrieben.

Der Weltraum ist heute öde und leer. Keine Nachrichten. C antwortet nicht. Alles ist ruhig.

Er schraubte den Deckel vom Tintenfaß und tauchte die Stahlfeder behutsam ein. Er hatte sie von seinem Vater geerbt, der sie seit seinem ersten Tag als Assistent des Geschäftsführers in einer kleinen Bankfiliale in Tomelilla aufbewahrt hatte. In sein Logbuch schrieb er nie mit einer anderen Feder.

 

Er schrieb, daß der Wind abgenommen hatte und dann völlig eingeschlafen war. Auf dem Thermometer am Küchenfenster hatte er gesehen, daß die Temperatur drei Grad betrug. Der Himmel war klar. Er notierte außerdem, daß er die Wohnung geputzt und dafür drei Stunden und fünfundzwanzig Minuten gebraucht hatte. Zehn Minuten weniger als am Sonntag davor.

Außerdem hatte er einen Spaziergang zum Sportboothafen gemacht und eine halbe Stunde in der Kirche Sankta Maria gesessen und meditiert.

Er überlegte, bevor er fortfuhr. Dann schrieb er eine weitere Zeile ins Logbuch. Am Abend kurzer Spaziergang.

Er drückte das Löschpapier vorsichtig auf das Geschriebene, wischte die Feder ab und schraubte den Deckel des Tintenfasses wieder auf.

Bevor er das Logbuch zuklappte, blickte er auf die alte Schiffsuhr, die neben ihm auf dem Schreibtisch stand. Sie zeigte zwanzig Minuten nach elf.

Er ging in den Flur, zog seine alte Lederjacke an und stieg in ein Paar Gummistiefel. Bevor er die Wohnung verließ, fühlte er nach, ob er die Schlüssel und die Brieftasche eingesteckt hatte.

Als er auf die Straße hinaustrat, blieb er reglos im Schatten stehen und blickte um sich. Es war niemand zu sehen. Das hatte er auch nicht erwartet. Dann fing er an zu gehen. Er bog wie gewöhnlich nach links ab, überquerte die Straße nach Malmö und ging hinunter zu den Kaufhäusern und dem roten Backsteingebäude, in dem das Finanzamt untergebracht war. Er beschleunigte seine Schritte, bis er seinen üblichen ruhigen Abendrhythmus gefunden hatte. Tagsüber ging er schneller, weil er sich anstrengen |11|und ins Schwitzen geraten wollte. Doch die Abendspaziergänge waren etwas anderes. Da versuchte er, die Gedanken des Tages abzuschütteln und sich auf den Schlaf und den kommenden Tag vorzubereiten.

Vor dem Baumarkt führte eine Frau ihren Hund aus. Einen Schäferhund. Er begegnete ihr fast jedesmal, wenn er seinen Abendspaziergang machte. Ein Wagen fuhr in hohem Tempo vorüber. Am Steuer erkannte er einen jungen Mann und hörte Musik, obwohl die Wagenfenster geschlossen waren.

Sie wissen nicht, was sie erwartet, dachte er. Alle diese Jugendlichen, die in ihren Autos herumfahren und so laute Musik hören, daß ihre Ohren in absehbarer Zeit geschädigt sind.

Sie wissen nicht, was sie erwartet. Ebensowenig wie die alleinstehenden Damen, die mit ihren Hunden Gassi gehen.

Der Gedanke belebte ihn. Er dachte an all die Macht, an der er teilhatte. Das Gefühl, einer der Auserwählten zu sein. Die über die Kraft verfügten, alte versteinerte Wahrheiten zu Fall zu bringen und ganz neue und unerwartete zu erschaffen.

Er blieb stehen und schaute zum Sternenhimmel auf.

Nichts ist wirklich faßbar, dachte er. Mein eigenes Leben ebensowenig wie die Tatsache, daß das Licht der Sterne, die ich jetzt sehe, schon eine unendliche Zeitspanne hierher unterwegs gewesen ist. Das einzige, was dem Ganzen eine Spur von Sinn geben kann, ist das, was ich tue. Das Angebot, das ich vor fast zwanzig Jahren bekommen und angenommen habe, ohne zu zögern.

Er ging weiter, jetzt schneller, weil ihn die Gedanken erregten, die sich in seinem Kopf entwickelten. Er merkte, daß er ungeduldig geworden war. Sie hatten so lange gewartet. Endlich näherten sie sich dem Augenblick, wo sie ihre unsichtbaren Visiere herunterklappen und ihre große Flutwelle über die Erde hinwegrollen sehen würden.

Doch noch war der Augenblick nicht gekommen. Noch war die Zeit nicht reif. Ungeduld war eine Schwäche, die er sich nicht erlauben durfte.

Er hielt inne. Er befand sich schon mitten im Villenviertel. Weiter wollte er nicht gehen. Kurz nach Mitternacht wollte er im Bett liegen.

|12|Er machte kehrt und ging langsam zurück. Als er das Finanzamt hinter sich gelassen hatte, entschloß er sich, zum Bankomat an einem der Kaufhäuser hinüberzugehen. Er tastete mit der Hand nach seiner Brieftasche. Er wollte kein Geld abheben. Aber er wollte sich einen Kontoauszug ausdrucken lassen, um sicherzugehen, daß alles seine Ordnung hatte.

Er blieb im Licht vor dem Geldautomaten stehen und zog seine blaue Scheckkarte hervor. Die Frau mit dem Schäferhund war jetzt verschwunden. Aus Richtung Malmö kommend, donnerte ein Laster vorbei. Wahrscheinlich wollte er mit einer der Fähren nach Polen. Dem Lärm nach zu urteilen war der Auspuff defekt.

Er gab seine Geheimnummer ein und drückte anschließend auf die Taste Kontoauszug. Die Karte kam wieder heraus, und er steckte sie zurück in die Brieftasche. Im Innern des Geldautomaten ratterte es. Er lächelte, als er daran dachte, kicherte.

Wenn die Menschen wüßten, dachte er. Wenn die Menschen wüßten, was sie erwartet.

Der weiße Zettel mit dem Kontoauszug wurde durch den Spalt herausgeschoben. Er suchte nach seiner Brille, doch ihm fiel ein, daß sie in dem Jackett steckte, das er getragen hatte, als er zum Sportboothafen gegangen war. Einen Moment lang ärgerte er sich darüber, daß er sie vergessen hatte.

Er suchte die Stelle, wo das Licht der Straßenlaterne am hellsten war, und betrachtete blinzelnd den Kontoauszug.

Die automatische Überweisung vom Freitag war verbucht. Ebenso die Barauszahlung vom Tag zuvor. Sein Guthaben betrug 9765 Kronen. Alles in bester Ordnung.

Was dann geschah, kam ohne jede Vorwarnung.

Ihm war, als habe ein Pferd ihn getreten. Ein ungeheurer Schmerz durchfuhr ihn.

Er fiel vornüber, die Hand krampfte sich um den Zettel mit den Zahlen.

Als sein Kopf auf dem kalten Asphalt aufschlug, erlebte er einen Augenblick der Klarheit.

Sein letzter Gedanke war, daß er nichts begriff.

Dann wurde er von einem Dunkel umschlossen, das von allen Seiten gleichzeitig kam.

|13|Mitternacht war gerade vorüber. Es war Montag, der 6. Oktober 1997.

Ein weiterer Lastzug fuhr auf dem Weg zur Nachtfähre vorüber.

Dann war alles wieder still.

|14|2

Als Kurt Wallander sich in der Mariagata in Ystad in seinen Wagen setzte, war ihm beklommen zumute. Es war kurz nach acht am Morgen des 6. Oktober 1997. Während er aus der Stadt hinausfuhr, fragte er sich, warum er nicht abgelehnt hatte. Er hegte einen tiefen und intensiven Widerwillen gegen Beerdigungen. Dennoch war er jetzt zu einer solchen unterwegs. Weil er noch viel Zeit hatte, beschloß er, nicht den direkten Weg nach Malmö zu nehmen. Er bog statt dessen auf die Küstenstraße in Richtung Svarte und Trelleborg ab. Zu seiner Linken lag das Meer. Eine Fähre lief gerade ein.

Er dachte, daß dies die vierte Beerdigung in sieben Jahren war. Zuerst war sein Kollege Rydberg an Krebs gestorben. Es war eine langwierige und quälende Krankheitszeit gewesen. Wallander hatte ihn oft im Krankenhaus besucht, in dem er dahinsiechte. Rydbergs Tod war für Wallander ein schwerer Schlag. Es war Rydberg gewesen, der einen Polizisten aus ihm gemacht hatte. Er hatte Wallander gelehrt, die richtigen Fragen zu stellen. Mit Rydbergs Hilfe hatte Wallander sich die schwere Kunst angeeignet, einen Tatort zu interpretieren. Bevor Wallander mit Rydberg zusammenzuarbeiten begann, war er ein äußerst durchschnittlicher Polizist gewesen. Erst viel später, als Rydberg schon lange tot war, hatte Wallander erkannt, daß er selbst nicht nur Beharrlichkeit und Energie besaß, sondern auch gewisse Fähigkeiten. Doch noch immer führte er im stillen Gespräche mit Rydberg, wenn eine komplizierte Ermittlung ihm zu schaffen machte und er nicht wußte, in welche Richtung er sich wenden sollte. Noch immer wurde ihm fast täglich bewußt, wie sehr er Rydberg vermißte.

Dann war plötzlich sein Vater gestorben. Er war in seinem Atelier in Löderup einem Schlaganfall erlegen. Es war jetzt drei Jahre |15|her. Nach wie vor erschien es Wallander unbegreiflich, daß sein Vater nicht mehr dasein sollte, von seinen Gemälden und dem ewigen Geruch nach Terpentin und Ölfarben umgeben. Das Haus in Löderup war nach dem Tod seines Vaters verkauft worden. Wallander war zuweilen vorbeigefahren und hatte gesehen, daß jetzt andere Menschen dort wohnten. Aber er hatte nie angehalten. Dann und wann besuchte er das Grab, fast jedesmal mit einem diffusen Gefühl von schlechtem Gewissen. Er stellte fest, daß die Abstände zwischen den Besuchen von Mal zu Mal größer wurden. Und er merkte, daß es ihm immer schwerer fiel, sich das Gesicht seines Vaters in Erinnerung zu rufen.

Ein Mensch, der tot war, wurde am Ende zu einem Menschen, der nicht existiert hatte.

Dann Svedberg. Sein Kollege, der im Jahr zuvor in seiner eigenen Wohnung brutal ermordet worden war. Damals hatte Wallander darüber nachgedacht, wie wenig er im Grunde von den Menschen wußte, mit denen er zusammenarbeitete. Svedbergs Tod hatte Dinge ans Licht gebracht, von denen er nicht einmal ansatzweise etwas geahnt hatte.

Und jetzt war er auf dem Weg zu seiner vierten Beerdigung, der einzigen, zu der er eigentlich nicht hätte fahren müssen.

Sie hatte am Mittwoch angerufen. Wallander hatte gerade sein Büro verlassen wollen. Es war spät am Nachmittag. Er hatte Kopfschmerzen, nachdem er über einem trostlosen Ermittlungsmaterial gebeugt gesessen hatte, in dem es um die Beschlagnahme von Schmuggelzigaretten aus einem Lastzug ging, der mit einer Fähre gekommen war. Die Spuren hatten ins nördliche Griechenland geführt und sich da verloren. Er hatte mit der griechischen und der deutschen Polizei Informationen ausgetauscht. Aber den Hintermännern waren sie trotzdem nicht nähergekommen. Jetzt wurde ihm klar, daß man den Fahrer, der wahrscheinlich nichts von dem Schmuggelgut in seiner Ladung gewußt hatte, zu ein paar Monaten Gefängnis verurteilen würde. Dramatischer würde es nicht werden. Wallander war sicher, daß täglich Schmuggelzigaretten nach Ystad kamen, und er bezweifelte, daß es ihnen jemals gelingen würde, den Verkehr zu stoppen.

Außerdem war sein Tag dadurch verdorben worden, daß er heftig |16|mit dem Staatsanwalt aneinandergeraten war, der Per Åkeson vertrat. Åkeson war vor einigen Jahren in den Sudan gegangen und schien nicht an eine Rückkehr zu denken. Bei Åkesons Aufbruch und wenn Wallander jetzt die Briefe las, die er regelmäßig bekam, verspürte er ein nagendes Gefühl von Neid. Åkeson hatte etwas gewagt, von dem Wallander nur geträumt hatte. Jetzt wurde er bald fünfzig. Er wußte, auch wenn er es sich selbst nicht richtig eingestehen wollte, daß die großen, wichtigen Entscheidungen in seinem Leben wahrscheinlich hinter ihm lagen. Etwas anderes als Polizist würde er nicht mehr werden. Er konnte bis zu seiner Pensionierung versuchen, ein besserer Ermittler zu werden. Und vielleicht etwas von seinem Können an seine jüngeren Kollegen weiterzugeben. Doch darüber hinaus gab es nichts, was er als Wendepunkt seines Lebens vor sich sehen konnte. Es gab keinen Sudan, der auf ihn wartete.

Er hatte mit der Jacke in der Hand dagestanden, als sie anrief.

Zuerst hatte er nicht gewußt, wer sie war. Dann hatte er erkannt, daß es Stefan Fredmans Mutter war. Gedanken und Erinnerungsbilder rasten ihm durch den Kopf. In wenigen Sekunden hatte er sich die Ereignisse wieder vergegenwärtigt, die jetzt drei Jahre zurücklagen.

Der Junge, der sich als Indianer maskiert und versucht hatte, Rache zu nehmen an den Männern, die seine Schwester in den Wahnsinn getrieben und seinem kleinen Bruder Todesangst eingejagt hatten. Einer der von ihm Getöteten war der eigene Vater gewesen. Wallander hatte sich an das entsetzliche Schlußbild erinnert, als der Junge neben dem Körper seiner toten Schwester kniete und weinte. Von dem, was nachher passiert war, wußte Wallander nicht viel. Außer daß der Junge natürlich nicht im Gefängnis gelandet war, sondern in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt.

Jetzt rief Anette Fredman an, um ihm zu sagen, daß Stefan tot war. Er hatte sich das Leben genommen, indem er sich von dem Gebäude hinabgestürzt hatte, in dem er eingeschlossen gehalten worden war. Wallander hatte ihr sein Beileid ausgesprochen und irgendwo in seinem Inneren eine ganz eigene Trauer verspürt. Vielleicht war es auch nur ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und |17|Verzweiflung. Aber er hatte nicht verstanden, warum sie ihn eigentlich angerufen hatte. Er hatte mit dem Telefonhörer in der Hand dagestanden und versucht, sich ihr Aussehen in Erinnerung zu rufen. Er war ihr zwei- oder dreimal begegnet, in einem Vorort von Malmö, als sie nach Stefan fahndeten und sich an den Gedanken zu gewöhnen versuchten, daß ein Vierzehnjähriger diese brutalen Gewaltverbrechen begangen haben könnte. Wallander erinnerte sich daran, wie scheu sie gewirkt hatte und unter welch starkem Druck sie gestanden haben mußte. Sie hatte etwas Gehetztes an sich gehabt, als fürchtete sie die ganze Zeit, daß das Schlimmste geschehen würde. Was dann ja auch der Fall gewesen war. Wallander erinnerte sich vage, daß er sich gefragt hatte, ob sie süchtig war. Vielleicht trank sie zuviel, oder sie betäubte ihre Ängste mit Tabletten. Außerdem fiel es ihm schwer, sich ihr Gesicht vorzustellen. Die Stimme, die ihm aus dem Hörer entgegenkam, war ihm fremd.

Dann hatte sie ihr Anliegen vorgebracht.

Sie bat ihn, zur Beerdigung zu kommen. Weil fast niemand sonst dabei wäre. Nur sie und Stefans kleiner Bruder Jens waren noch übrig. Wallander war trotz allem ein freundlicher Mann, der es gut mit ihnen gemeint hatte. Er versprach zu kommen. Und bereute es sogleich. Aber da war es schon zu spät. Hinterher hatte er versucht herauszufinden, was mit dem Jungen eigentlich passiert war, nachdem sie ihn gefaßt hatten. Er sprach mit einem Arzt in der psychiatrischen Anstalt, in der Stefan untergebracht worden war. In den Jahren nach der Einweisung war Stefan fast ganz verstummt und hatte alle seine inneren Türen geschlossen. Aber Wallander erfuhr, daß der Junge, der tot auf dem Asphalt gelegen hatte, Kriegsbemalung getragen hatte. Farben und Blut hatten sich zu einer schreckenerregenden Maske vermischt, die vielleicht mehr über die Gesellschaft erzählte, in der Stefan gelebt hatte, als über seine gespaltene Persönlichkeit.

Wallander fuhr langsam. Als er am Morgen den dunklen Anzug angezogen hatte, war er erstaunt, daß die Hose paßte. Er hatte also abgenommen. Seit er vor zwei Jahren erfahren hatte, daß er zuckerkrank war, hatte er seine Eßgewohnheiten geändert, Sport getrieben und auf sein Gewicht geachtet. Anfangs war er im Übereifer |18|mehrmals am Tag auf die Waage gestiegen, bis er sie schließlich wütend fortgeworfen hatte. Wenn er es nicht schaffte, auch ohne ständige Kontrolle abzunehmen, konnte er es ebensogut bleibenlassen.

Doch der Arzt, den er regelmäßig besuchte, hatte nicht nachgegeben, sondern Wallander eindringlich ermahnt, seine nachlässige Lebensweise mit unregelmäßigen und ungesunden Mahlzeiten und ohne die geringste Dosis Bewegung aufzugeben. Schließlich hatte es gewirkt. Wallander hatte sich einen Trainingsanzug und ein Paar Turnschuhe gekauft und angefangen, regelmäßige Spaziergänge zu machen. Als Martinsson vorschlug, gemeinsam joggen zu gehen, hatte Wallander sich jedoch brüsk geweigert. Es gab eine Grenze, und für ihn hörte der Spaß beim Joggen auf. Jetzt hatte er sich eine Runde von einer Stunde zurechtgelegt, die von der Mariagata durch Sandskogen und zurück führte. Mindestens viermal die Woche zwang er sich dazu, sie zu gehen. Seine Besuche bei verschiedenen Fast-Food-Lokalen hatte er auch eingeschränkt. Und sein Arzt hatte einen Fortschritt erkannt. Der Blutzuckerspiegel war gesunken, und Wallander hatte abgenommen. Eines Morgens beim Rasieren hatte er außerdem festgestellt, daß sich sein Aussehen verändert hatte. Seine Wangen waren eingefallen. Es war ihm vorgekommen, als sehe er sein wirkliches Gesicht zurückkehren, nachdem es lange Zeit unter unnötigem Fett und schlechter Haut verborgen gewesen war. Seine Tochter Linda war angenehm überrascht, als sie ihn gesehen hatte. Nur im Polizeipräsidium hatte sich nie jemand dazu geäußert, daß er abgenommen hatte.

Als ob wir einander nie wirklich wahrnähmen, dachte Wallander. Wir arbeiten zusammen. Aber wir sehen einander nicht.

Er fuhr am Strand von Mossby entlang, der jetzt im Herbst verlassen war. Er erinnerte sich an die Zeit vor sechs Jahren, als ein Gummifloß mit zwei toten Männern angetrieben worden war. Er bremste heftig und bog von der Hauptstraße ab. Er hatte noch immer reichlich Zeit. Er stellte den Motor ab und stieg aus. Es war windstill, ein paar Grad über Null. Er knöpfte seinen Mantel zu und folgte einem Pfad, der sich zwischen den Dünen hinschlängelte. Da lag das Meer. Und der leere Strand. Spuren von Menschen |19|und Hunden. Und von Pferdehufen. Er blickte über das Wasser. Ein Zugvogelschwarm war auf dem Weg nach Süden.

Immer noch konnte er sich genau an die Stelle erinnern, an der das Floß angetrieben war. Später hatte die komplizierte Ermittlung Wallander nach Lettland geführt, nach Riga. Und dort war Baiba gewesen. Die Witwe eines ermordeten lettischen Kriminalbeamten, eines Mannes, den er kennen und schätzen gelernt hatte.

Dann waren Baiba und er zusammengewesen. Lange hatte er geglaubt, es könnte etwas daraus werden. Daß sie nach Schweden kommen würde. Einmal hatten sie sich sogar ein Haus in der Nähe von Ystad angesehen. Aber dann hatte sie sich langsam zurückgezogen. Eifersüchtig hatte Wallander sich gefragt, ob sie einen anderen hatte. Einmal war er sogar nach Riga geflogen, ohne sich anzukündigen. Aber es hatte keinen anderen Mann gegeben. Es hatte einfach daran gelegen, daß Baiba sich nicht sicher war, ob sie noch einmal einen Polizeibeamten heiraten wollte und ob sie ihr Heimatland verlassen sollte, in dem sie eine zwar schlechtbezahlte, aber befriedigende Arbeit als Übersetzerin hatte. Dann war es zu Ende gegangen.

Wallander wanderte am Strand entlang und dachte, daß es jetzt mehr als ein Jahr her war, seit er zuletzt mit ihr gesprochen hatte. Immer noch tauchte sie zuweilen in seinen Träumen auf. Aber es gelang ihm nie, sie zu greifen. Wenn er ihr entgegenging oder seine Hand nach ihr ausstreckte, war sie immer schon wieder verschwunden. Er fragte sich, ob er sie eigentlich vermißte. Seine Eifersucht hatte sich gelegt. Jetzt konnte er sie sich in der Nähe eines anderen Mannes vorstellen, ohne daß es ihm einen Stich versetzte.

Es ist die verlorene Gemeinsamkeit, dachte er. Mit Baiba blieb mir die Einsamkeit erspart, die mir vorher nicht bewußt gewesen war. Wenn ich sie vermisse, dann vermisse ich in Wahrheit die Gemeinsamkeit.

Er ging zum Auto zurück. Vor verlassenen Stränden sollte er sich hüten. Besonders im Herbst. Sie konnten leicht eine große und schwere Düsterkeit in ihm auslösen.

Einmal hatte er an der nördlichsten Spitze von Jütland einen |20|einsamen Polizeibezirk nur für sich allein eingerichtet. Es war in einer Periode seines Lebens gewesen, in der er wegen anhaltender Depressionen krankgeschrieben war und nie geglaubt hatte, daß er noch einmal ins Polizeipräsidium von Ystad zurückkehren würde. Jahre waren seitdem vergangen, aber er erinnerte sich noch immer mit Grausen daran, wie er sich damals gefühlt hatte. So etwas wollte er nicht noch einmal erleben. Es war eine Landschaft, die nur seine Ängste wachrief.

Er setzte sich wieder in seinen Wagen und fuhr weiter in Richtung Malmö. Um ihn her war tiefer Herbst. Er fragte sich, wie der Winter würde. Ob schwere Schneefälle und Wind für Chaos sorgen würden. Oder ob es regnerisch werden würde. Er überlegte auch, was er mit der Urlaubswoche anfangen sollte, die er im November nehmen mußte. Er hatte seine Tochter Linda gefragt, ob sie eine Charterreise in die Sonne machen sollten. Er wolle sie gern einladen. Aber Linda, die in Stockholm lebte und studierte – was, wußte er nicht so genau –, hatte gesagt, sie könne nicht fort. Selbst wenn sie wollte. Er hatte daraufhin überlegt, mit wem sonst er verreisen könnte. Aber es gab niemanden. Er hatte so gut wie keine Freunde. Von Sten Widén einmal abgesehen. Sten besaß einen Reiterhof nicht weit von Skurup. Aber Wallander bezweifelte, ob er wirklich Lust hatte, mit Widén zu verreisen. Nicht zuletzt wegen dessen Alkoholproblem. Er trank ständig, während Wallander – von seinem Arzt streng dazu angehalten – seinen früher allzu bedenkenlosen Alkoholkonsum eingeschränkt hatte. Er konnte natürlich Gertrud fragen, die Witwe seines Vaters. Aber es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, worüber er eine ganze Woche mit ihr reden sollte.

Sonst gab es niemanden.

Also würde er zu Hause bleiben. Für das Geld würde er statt dessen einen anderen Wagen kaufen. Sein Peugeot begann Schwächen zu zeigen. Als er jetzt in Richtung Malmö fuhr, hörte er ein hartnäckiges ungutes Geräusch vom Motor.

 

Um kurz nach zehn war er im Malmöer Vorort Rosengård. Die Beerdigung war für elf Uhr angesetzt. Die Kirche war ein Neubau. Ein paar Jungen schossen direkt daneben mit einem Fußball gegen |21|eine Mauer. Er blieb im Wagen sitzen und sah ihnen zu. Es waren sieben. Drei von ihnen waren schwarz. Drei andere sahen auch aus, als stammten sie aus Einwandererfamilien. Dann war da noch einer mit Sommersprossen und hellen üppigen Haaren. Die Jungen spielten mit großer Energie und unter viel Gelächter. Für einen kurzen Augenblick spürte Wallander heftige Lust mitzumachen. Aber er blieb sitzen. Ein Mann kam aus der Kirche und steckte sich eine Zigarette an.

Wallander stieg aus und trat zu dem rauchenden Mann. »Findet hier die Beerdigung von Stefan Fredman statt?« fragte er.

Der Mann nickte. »Sind Sie ein Verwandter?«

»Nein.«

»Wir rechnen nicht damit, daß viele kommen«, sagte der Mann. »Ich nehme an, Sie wissen, was er angerichtet hat.«

»Ja«, sagte Wallander. »Ich weiß.«

Der Mann betrachtete seine Zigarette.

»Für so einen ist es bestimmt das beste, wenn er tot ist.«

Wallander war empört. »Stefan war noch nicht einmal achtzehn. Für einen so jungen Menschen ist es nie das beste, tot zu sein.«

Wallander merkte, daß er gebrüllt hatte. Der rauchende Mann sah ihn verwundert an. Wallander schüttelte wütend den Kopf und wandte sich um. In diesem Moment fuhr der schwarze Leichenwagen vor der Kirche vor. Der braune Sarg mit einem einsamen Kranz wurde herausgehoben.

Auf einmal wurde ihm klar, daß er Blumen hätte mitbringen sollen. Er ging zu den fußballspielenden Jungen. »Weiß einer von euch, ob es hier in der Nähe ein Blumengeschäft gibt?«

Einer der Jungen zeigte in eine Richtung.

Wallander zog seine Brieftasche heraus und suchte nach einem Hunderter. »Lauf hin und kauf einen Blumenstrauß«, sagte er. »Rosen. Und beeil dich. Du kriegst einen Zehner.«

Der Junge sah ihn fragend an. Aber er nahm das Geld.

»Ich bin Polizist«, sagte Wallander. »Ein gefährlicher Polizist. Wenn du mit dem Geld abhaust, kriege ich dich auf jeden Fall.«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Du hast ja keine Uniform«, sagte er in gebrochenem Schwedisch. »Außerdem siehst du nicht |22|aus wie ein Polizist. Jedenfalls nicht wie einer, der gefährlich ist.«

Wallander holte seinen Ausweis heraus. Der Junge musterte ihn eine Weile. Dann nickte er und machte sich auf den Weg. Die anderen spielten weiter.

Vielleicht kommt er trotzdem nicht zurück, dachte Wallander finster. Es ist lange her, daß Respekt vor einem Polizisten hierzulande eine Selbstverständlichkeit war.

 

Aber der Junge kam mit Rosen zurück. Wallander gab ihm zwanzig Kronen. Zehn, weil er sie ihm versprochen hatte, und zehn dazu, weil der Junge wirklich zurückgekommen war. Es war natürlich viel zuviel. Kurz darauf hielt ein Taxi vor der Kirche. Er erkannte Stefans Mutter. Sie war gealtert und so mager, daß sie fast ausgemergelt wirkte. Neben ihr stand der Junge, der Jens hieß und ungefähr sieben Jahre alt war. Er war seinem Bruder sehr ähnlich. Seine Augen waren groß und weit aufgerissen. Die Angst von damals stand noch immer darin. Wallander trat zu ihnen und begrüßte sie.

»Es sind nur wir«, sagte sie. »Und der Pastor.«

Es wird ja wohl auf jeden Fall ein Kantor da sein, der Orgel spielt, dachte Wallander. Aber er sagte nichts.

Sie gingen in die Kirche. Der Pastor war jung, er saß zeitunglesend auf einem Stuhl direkt neben dem Sarg. Wallander spürte, wie Anette Fredman plötzlich seinen Arm packte.

Er verstand sie.

Der Pastor steckte die Zeitung weg. Sie nahmen rechts vom Sarg Platz. Sie hielt seinen Arm noch immer fest.

Zuerst hat sie ihren Mann verloren, dachte Wallander. Björn Fredman war ein widerwärtiger und brutaler Mensch, der sie schlug und seine Kinder in Todesangst versetzte. Aber er war trotz allem der Vater ihrer Kinder. Dann wird er von seinem eigenen Sohn getötet. Anschließend stirbt ihre Älteste, Louise. Und jetzt sitzt sie hier, um ihren Sohn zu begraben. Was bleibt ihr noch? Ein halbes Leben? Wenn überhaupt?

Jemand kam in die Kirche. Anette Fredman schien es nicht zu hören. Vielleicht konzentrierte sie sich so darauf, die Situation |23|durchzustehen. Eine Frau kam den Mittelgang entlang. Sie war in Wallanders Alter. Jetzt hatte auch Anette Fredman sie bemerkt. Sie nickte. Die Frau setzte sich ein paar Bänke hinter ihnen.

»Sie ist Ärztin«, sagte Anette Fredman. »Sie heißt Agneta Malmström. Sie hat Jens einmal behandelt.«

Wallander kam der Name bekannt vor. Aber es dauerte eine Weile, bis ihm einfiel, daß Agneta Malmström und ihr Mann es waren, die ihm einen der wichtigsten Hinweise in der damaligen Ermittlung gegeben hatten. Er erinnerte sich, daß er eines Nachts über Radio Stockholm mit ihr gesprochen hatte. Sie hatte sich auf einem Segelboot auf hoher See irgendwo bei Landsort befunden.

Orgelmusik strömte durch das Kircheninnere. Fing nicht eine Beerdigung immer mit Glockenläuten an? Er ließ den Gedanken fallen, als er spürte, wie ihr Griff um seinen Arm fester wurde. Er warf einen Blick auf den Jungen, der auf der anderen Seite von Anette Fredman saß. War es richtig, einen Siebenjährigen mit auf eine Beerdigung zu nehmen? Wallander war sich nicht sicher. Aber der Junge machte einen gefaßten Eindruck.

Die Musik verklang. Der Pastor begann zu sprechen. Sein Ausgangspunkt waren Jesu Worte von den Allerjüngsten, die zu ihm kommen sollten. Wallander saß da und blickte auf den Sarg, versuchte die Blumen im Kranz zu zählen, um den Kloß im Hals loszuwerden.

Die Feier war kurz. Anschließend traten sie an den Sarg. Anette Fredman atmete schwer, als quäle sie sich über die letzten Meter eines bergan steigenden Dauerlaufs. Agneta Malmström hatte sich ihnen angeschlossen. Wallander wandte sich dem Pastor zu, der ungeduldig wirkte.

»Glockenläuten«, sagte Wallander grimmig. »Wenn wir hinausgehen, sollen Glocken läuten. Und am liebsten keine Glocken vom Tonband.«

Der Pastor nickte widerwillig. Wallander schoß der Gedanke durch den Kopf, was wohl passiert wäre, wenn er seinen Polizeiausweis gezogen hätte. Anette Fredman und Jens traten als erste aus der Kirche. Wallander begrüßte Agneta Malmström.

»Ich habe Sie erkannt«, sagte sie. »Wir sind uns zwar nie begegnet, aber Sie waren ein paarmal in der Zeitung.«

|24|»Frau Fredman hat mich gebeten, dabeizusein. Hat sie Sie auch angerufen?«

»Nein. Ich wollte sowieso kommen.«

»Und wie wird es jetzt weitergehen?«

Agneta Malmström schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß es nicht. Sie trinkt viel zuviel. Wie es mit Jens weitergehen soll, weiß ich auch nicht.«

Sie waren während des leise geführten Gesprächs in den Kirchenvorraum gelangt, wo Anette Fredman und Jens warteten. Die Glocken läuteten. Wallander öffnete die Tür. Er warf einen Blick auf den Sarg im Hintergrund. Die Männer des Beerdigungsinstituts hatten ihn schon aufgenommen und trugen ihn hinaus.

Plötzlich zuckte ein Blitzlicht auf. Vor der Kirche stand ein Fotograf. Anette Fredman versuchte, ihr Gesicht zu verdecken. Der Fotograf beugte sich vor und richtete die Kamera auf das Gesicht des Jungen. Wallander versuchte, sich vor ihn zu stellen, doch der Fotograf war schneller. Er machte sein Bild.

»Könnt ihr uns nicht in Ruhe lassen?« schrie Anette Fredman.

Der Junge begann sofort zu weinen. Wallander packte den Fotografen am Arm und zog ihn zur Seite.

»Was soll denn das?« fuhr er ihn an.

»Das kann Ihnen doch scheißegal sein«, erwiderte der Fotograf. Er war in Wallanders Alter und hatte schlechten Atem.

»Ich mache die Bilder, die ich will«, fuhr er fort. »Die Beerdigung des Serienmörders Stefan Fredman. Die Bilder verkaufen sich. Leider bin ich zu spät zur Trauerfeier gekommen.«

Wallander war im Begriff, seinen Polizeiausweis zu zücken. Doch dann überlegte er es sich anders und riß mit einem einzigen Ruck die Kamera an sich. Der Fotograf versuchte, sie ihm wieder abzunehmen. Aber Wallander hielt ihn sich vom Leib. Es gelang ihm, die Kamera zu öffnen und den Film herauszunehmen. »Es gibt schließlich Grenzen«, sagte er und gab die Kamera zurück.

Der Fotograf starrte ihn an. Dann holte er sein Handy aus der Tasche. »Ich rufe die Polizei«, sagte er. »Das war eine Tätlichkeit.«

»Tun Sie das«, erwiderte Wallander. »Tun Sie das. Ich bin Kriminalbeamter und heiße Kurt Wallander. Ich arbeite in Ystad. Rufen |25|Sie ruhig die Kollegen in Malmö an und erstatten Sie Anzeige gegen mich.«

Wallander warf den Film auf den Boden und zertrampelte ihn. Im gleichen Augenblick hörten die Glocken auf zu läuten.

Wallander war der Schweiß ausgebrochen. Anette Fredmans flehentliches Rufen, daß man sie in Ruhe lassen solle, hallte in seinem Kopf nach. Der Fotograf starrte auf seinen zertretenen Film. Die Jungen spielten ungerührt Fußball.

Schon bei ihrem Anruf hatte Frau Fredman gefragt, ob Wallander nach der Beerdigung auf eine Tasse Kaffee zu ihr nach Hause kommen wolle. Er hatte es nicht über sich gebracht, nein zu sagen.

»Es kommen keine Bilder in der Zeitung«, sagte er.

»Warum können sie uns nicht in Ruhe lassen?«

Wallander hatte keine Antwort.

Die Wohnung im dritten Stock des stark heruntergekommenen Mietshauses war noch so, wie er sie in Erinnerung hatte. Agneta Malmström war auch mitgekommen. Schweigend warteten sie darauf, daß der Kaffee fertig wurde. Wallander meinte, in der Küche eine Flasche klirren zu hören.

Der Junge saß auf dem Fußboden und spielte stumm mit einem Auto. Wallander spürte, daß Agneta Malmström die gleiche Beklemmung empfand wie er. Aber es gab nichts zu sagen.

Sie saßen da mit ihren Kaffeetassen. Anette Fredmans Augen glänzten. Agneta Malmström erkundigte sich, wie sie finanziell zurechtkäme, da sie arbeitslos war.

Anette Fredman antwortete einsilbig. »Es geht. Irgendwie geht es. Immer ein Tag nach dem anderen.«

Das Gespräch verebbte. Wallander blickte zur Uhr. Es war kurz vor eins. Er stand auf und reichte Frau Fredman die Hand. Im gleichen Augenblick fing sie an zu weinen. Wallander fühlte sich hilflos.

»Ich bleibe noch eine Weile«, meinte Agneta Malmström. »Gehen Sie nur.«

»Ich werde versuchen, bei Gelegenheit einmal anzurufen«, sagte Wallander. Dann tätschelte er dem Jungen etwas linkisch den Kopf und ging.

Im Auto blieb er zunächst eine Weile sitzen, bevor er den Motor |26|anließ. Er dachte an den Fotografen, der davon ausgegangen war, seine Bilder von der Beerdigung des toten Serienmörders verkaufen zu können.

Er fuhr durch den schonischen Herbst nach Ystad zurück.

Die Ereignisse des Vormittags bedrückten ihn.

Um kurz nach zwei parkte er seinen Wagen und betrat das Polizeipräsidium.

Es war windig geworden. Der Wind kam aus Osten. Eine Wolkendecke zog langsam über die Küste heran.