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Epilog

Epilog

»Du lieber Gott, ich dachte, ich würde einen Herzinfarkt kriegen, so sehr haben wir uns beeilt, rechtzeitig hier zu sein.« Kaylee stürzte außer Atem in den Garderobenraum neben der Sakristei. »Unser Flugzeug hatte Verspätung, und dann kam das Gepäck ewig nicht. Ich hoffe, ihr musstet wegen uns nicht warten.«

»Nein, und du hast noch genug Zeit, dich umzuziehen.« Catherine drückte ihre Schwester an sich. »Ich freue mich, dass du da bist.«

»Ich mich auch. Ich wünschte, wir hätten schon ein paar Tage früher kommen können, aber die letzte Woche war völlig verrückt. Ich werde dir alles ausführlich erzählen, sobald wir ein bisschen Zeit haben.«

»Komm, ich will dir meine Brautjungfern vorstellen.« Nachdem das geschehen war, trat Catherine einen Schritt zur Seite, um die erwartete Reaktion zu genießen.

Kaylee enttäuschte sie nicht. »Ach, Cat!« Sie stemmte die Hände in die Hüften und musterte die hellgrünen Kleider, die die beiden anderen Brautjungfern von Catherine trugen. »Als du zu mir sagtest, ›Vertrau mir, ich werde das perfekte Kleid für meine Ehrenbrautjungfer aussuchen ‹, habe ich dich machen lassen – obwohl ich genau wusste, dass ich einen entsetzlichen Fehler begehe.« Die beiden Brautjungfern unterdrückten ein Lächeln, murmelten eine Entschuldigung und verließen den Raum. Kaylee drehte sich zu ihrer Schwester herum.

»Ich hätte es wissen müssen, dass deine Hochzeit eine grauenvoll schlichte Angelegenheit werden würde.«

»Ich würde sie eher als elegant bezeichnen«, erwiderte Catherine ruhig. Dann fuhr sie mit einem leicht spöttischen Unterton fort: »Auch wenn ich zugeben muss, dass sie dir im Vergleich zu der Rock-’n’-Roll-Kapelle in Las Vegas recht zahm vorkommen muss. Und natürlich werden wir von einem ganz gewöhnlichen alten Pfarrer getraut und nicht von so einem ausgeflippten Elvis-Imitator wie ihr ihn hattet.«

Bei der Erinnerung daran musste Kaylee grinsen, und ihre Augen begannen zu leuchten. »War das nicht das Tollste überhaupt?«

»Hmm«, machte Catherine und verzichtete auf einen ausführlicheren Kommentar. Schließlich erwiderte sie das Grinsen ihrer Schwester. »Aber wie dem auch sei, Kaylee, du solltest schon etwas mehr Vertrauen zu mir haben. Meinst du nicht, dass ich deinen Geschmack mittlerweile kenne?«

»Nein, wenn ich nach den braven Kleidchen urteilen soll, die da gerade aus der Tür marschiert sind.« Kaylee musterte nachdenklich das Hochzeitskleid ihrer Schwester. »Ich muss allerdings zugeben, dass du wirklich toll aussiehst. Dein Kleid könnte zwar ein klitzekleines bisschen enger sein und es würde zweifellos ein paar Perlen mehr vertragen, um dem Ganzen mehr Pfiff zu geben. Aber alles in allem, Caty, hast du eine gute Wahl getroffen. Es steht dir ausgezeichnet.«

»Ja. Ist es nicht wunderschön?« Catherine stellte sich vor den mannshohen Spiegel, um sich zu bewundern. Das lange, cremeweiße Hochzeitskleid brachte ihre Figur zur Geltung, ohne zu eng zu sitzen. Es bestand aus einem perlenbesetzten  Oberteil aus Chiffon, das eine tief dekolletierte Corsage durchschimmern ließ, und einem schmal geschnittenen Rock, der sich um Taille und Hüften schmiegte und dann in weichen Falten bis zum Boden floss.

Sie sah ganz einfach bezaubernd aus.

Sie fing im Spiegel Kaylees Blick auf und zog eine Augenbraue in die Höhe. »Okay, bist du bereit für dein Kleid? Mach die Augen zu.«

»So hässlich ist es?« Dennoch tat Kaylee wie geheißen.

Catherine zog den Reißverschluss des Kleidersacks auf, der an einem Haken an der Tür hing, und nahm das Kleid ihrer Schwester heraus. Sie hielt es gegen sich und sagte: »Jetzt darfst du schauen.«

Kaylee öffnete die Augen. »Oh!« Ihr stockte der Atem. »Oh, mein Gott. OHMEINGOTT!« Sie begann sich ihre Sachen vom Leib zu reißen und ließ sie achtlos auf den Boden fallen. »Es ist wunderbar, Schwesterchen, es ist ganz wunderbar.«

»Habe ich dir nicht gesagt, dass du mir vertrauen kannst?« Sie hielt das smaragdgrüne Kleid ihrer Schwester entgegen. »Ich habe der Schneiderin gesagt, sie soll dabei an Jessica Rabbitt denken, aber sie ist noch nicht lange genug in Amerika und hat nicht verstanden, was ich meinte. Deshalb habe ich sie einfach gebeten, jede Menge zusätzlicher Perlen anzunähen. Und ich habe ihr gesagt, sie soll an mir Maß nehmen und es so eng machen, dass ich mich nicht mehr bücken kann.«

»Perfekt«, hauchte Kaylee.

»Ja.« Catherine grinste, als sie sah, wie ihre Schwester das Kleid an ihre Brust drückte. »Ich dachte mir schon, dass es dir gefällt. Zieh es an. Es ist bald so weit, und ich bin gespannt, wie du darin aussiehst.«

Einige Minuten später schob Sam vor dem Altar einen Finger unter seine Fliege und zerrte daran herum. »Himmel«, sagte er. »Wann geht die Vorstellung denn endlich los?«

Der Priester hatte ihn und seine Brautführer kurz zuvor zum Altar geleitet und sie dann dort vor einer riesigen Ansammlung Fremder einfach stehen lassen.

Gary sah zu ihm hoch. »Wirst wohl langsam nervös, was?«

»Das kann man wohl sagen.«

Bobby, der immer noch an seinem Kummerbund herumfummelte, raunte ihm zu: »Atme tief durch. Sobald es richtig losgeht, wird sich deine Nervosität sofort legen.«

»Mann, so wie es hier aussieht«, sagte Gary und ließ seinen Blick durch das Kirchenschiff gleiten, »würde ich sagen, dass du einiges hast springen lassen.«

»Ja, ich vermute, es ist ganz gut, dass du dich geweigert hast, etwas von der Prämie anzunehmen. Ich hatte keine Ahnung, dass man mit demselben Betrag, den man für eine Trauung und die Hochzeitsfeier ausgibt, den Staatshaushalt eines mittelgroßen Landes finanzieren könnte. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Jimmy Chains wahrscheinlich seine Goldketten abgenommen, bevor wir ihn dem FBI übergeben haben.«

»Weil wir gerade davon reden«, sagte Gary, »zu Hause waren in letzter Zeit er und Sanchez in allen Nachrichtensendungen Thema Nummer eins. Habt ihr die Berichte hier oben auch gesehen?«

»Nein. In Seattle interessiert man sich nicht sehr dafür, was in Miami passiert.« Sam zerrte erneut an seiner Fliege und hielt die Augen starr auf die Tür am Ende des Mittelgangs gerichtet.

»Kaylee muss jetzt überhaupt nicht aussagen«, fügte Bobby hinzu. »Wir haben die ganze Woche über mit dem Staatsanwalt verhandelt, und seit gestern steht es endgültig fest. Der Anwalt von Sanchez war mit einem Deal einverstanden. Uns ist ein Stein von Herzen gefallen, das kann ich euch sagen.«

Die Orgel setzte ein, aber die Tür war nach wie vor geschlossen. Sam hielt es vor Ungeduld kaum noch aus.

»Sie haben ihn zu zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren verurteilt«, sagte Gary. »Chains ist besser weggekommen. Ihm haben sie fünfzehn bis zwanzig aufgebrummt.«

Die Tür öffnete sich, und Sam hörte auf, dem Gespräch zuzuhören. Sein Blick wanderte an den beiden Brautjungfern in Hellgrün vorbei, vorbei an Kaylee in leuchtendem Smaragdgrün, bis er auf Catherine traf. Ihr hochgestecktes Haar schimmerte in der gedämpften Deckenbeleuchtung, sie war eine Erscheinung, wie sie da in ihrem hellen Kleid blass und ernst auf ihn zukam. Er suchte ihren Blick und sah, wie ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.

Das Lächeln raubte ihm schier den Atem, und seine Nervosität war plötzlich verflogen und an ihre Stelle trat unbändiger Stolz. Sie war klug, sie war schön, und sie war die Seine.

»Oh, Liebste«, flüsterte er, als die Orgelklänge über ihn hinwegbrandeten, und spürte, wie sich sein Mund zu einem Lächeln verzog. »Komm zu mir.«

 

Die Feier war in vollem Gang, als Gary seinen Rollstuhl neben den Bräutigam rollte. »Dürfte ich jetzt vielleicht mal mit der Braut tanzen?«, fragte er. Seit dem Moment, in dem Catherine durch den Mittelgang der Kirche geschritten war, war Sam ihr nicht von der Seite gewichen, und selbst jetzt gab er ein unwilliges Knurren von sich. »Ich habe ja nicht gefragt, ob ich sie küssen darf, Alter, ich will nur mit ihr tanzen.«

Catherine lachte, tätschelte Sam die Wange und schürzte ihr Kleid, um auf Garys Schoß zu klettern. Der grinste seinem Freund vergnügt zu, ließ den Rollstuhl nach hinten kippen und machte eine Kehrtwendung, dann rollte er wie der Blitz auf die Tanzfläche. Dort angekommen, kurvte er langsam am Rand entlang.

»Ich habe Sam noch niemals so glücklich gesehen«, sagte er. Er blickte in Catherines strahlendes Gesicht und sie bedachte ihn mit einem so reizenden, zufriedenen Lächeln, dass er lachen musste. »Du siehst auch recht glücklich aus.«

»Bin ich auch«, stimmte sie zu. »Es macht mich glücklich, dass er glücklich ist. Aber das hat nicht nur mit mir zu tun, Gary. Dazu trägt auch bei, dass er auf die Polizeiakademie gehen wird.« Zu ihrer größten Freude hatte sich Sam bei der Polizeiakademie beworben, kaum dass er in Seattle angekommen war.

»Ja, diese Entscheidung war schon lange überfällig. Ich freue mich, dass er zu guter Letzt doch noch die Kurve gekriegt hat.«

Catherine legte die Hand auf seinen Arm, dessen Muskeln sich unter ihren Fingerspitzen anspannten und lockerten, als Gary mit ihr in großen, gemächlichen Kreisen über die Tanzfläche rollte. »Weißt du, er vermisst dich.«

»Schenk ihm einen Hund. Er braucht einfach nur etwas, um das er sich kümmern kann.« Gary grinste sie breit an. »Oder noch besser, krieg ein Kind.« Er beobachtete sie aufmerksam, als er fortfuhr: »Andererseits ist es hier eigentlich recht nett. Ich könnte ja auch herziehen, sobald ich mit der Schulung fertig bin. Hier seid ihr beiden. Und hier ist Microsoft. Ich hätte nichts dagegen, mir in Seattle einen Job zu suchen.«

Catherine legte einen Arm um seinen Hals und lächelte ihn an. »Das würde uns sehr freuen.«

»Gib mir meine Frau zurück, Proscelli.«

Sie hoben beide die Köpfe und sahen Sam mit dem gleichen Lächeln auf dem Gesicht an, und Gary tippte sich an einen imaginären Hut. »Dein Wunsch ist mir Befehl.«

»Den Tag möchte ich erleben.« Sam half Catherine, von Garys Schoß zu klettern, und sah seinen Freund dann mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Da drüben am Buffet steht eine gut aussehende Frau. Wenn du dich beeilst, kommst du vielleicht noch rechtzeitig.« Er sah Gary zu, wie er seinen Rollstuhl wendete und davonrollte. »Mit etwas Glück wird sie dich so beschäftigt halten, dass du keine Zeit mehr hast, dich an meine Frau ranzumachen«, fügte er leise hinzu.

Catherine legte ihren Arm um seine Taille und zog ihn an sich. »Du hast doch nicht vor, einer dieser grässlich eifersüchtigen Ehemänner zu werden, oder?«

Er zog sie in seine Arme und wiegte sich mit ihr auf der Stelle im Takt der Musik. »Nur heute. Und während unserer Flitterwochen. Danach werde ich dann gelassener.«

»Gut. Weil ich dich nämlich liebe und zwar nur dich, weißt du.«

Er sah in ihre strahlenden Augen, hob die Hand und fuhr ihr mit den Fingern zärtlich über die zart gerötete Wange. »Ja, ich weiß. Und ich bin ganz verrückt vor Liebe zu dir, Red. Ich werde dir jetzt mal was sagen.« Er winkte Kaylee und Bobby zu, die an ihnen vorbeitanzten, und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder seiner Braut zu. »Nach den Flitterwochen können die anderen Kerle schauen, so viel sie wollen. Falls natürlich einer versuchen sollte, dich anzufassen« – er ließ seine Hände besitzergreifend über ihren Hintern gleiten, rieb sein Becken an ihr und stockte einen Moment, um scharf den Atem einzuziehen, als sie seiner Bewegung im gleichen Rhythmus folgte – »dann, fürchte ich, muss ich ziemlich unangenehm werden.«



ENDE

1

Als es an der Tür läutete, war Catherine MacPhersons erster Impuls, nicht darauf zu reagieren. Ihr war einfach nicht nach Gesellschaft zumute.

Andererseits war Selbstmitleid eine ziemlich unschöne Eigenschaft, und noch dazu verursachte es ihr Schuldgefühle – auch wenn sie sich selbst die Erlaubnis erteilt hatte, einen ganzen Tag lang in ihrem Unglück zu schwelgen. Wieder läutete es, durchdringender dieses Mal, und da gewann Catherines jahrelang geübte Selbstdisziplin die Oberhand. Sie ging zur Tür und öffnete.

Die Letzte, die sie auf ihrer Schwelle zu sehen erwartet hätte, war ihre Zwillingsschwester. »Kaylee«, war alles, was sie in ihrer Verblüffung herausbrachte, und dann stand sie nur noch da und starrte ihre Schwester an.

»Überraschung!«, rief Kaylee mit der heiseren Altstimme, die sie sich antrainiert hatte, als sie beide fünfzehn Jahre alt gewesen waren. Der Riemen ihrer Tasche rutschte ihr von der Schulter, und sie stieß mit ihrem Koffer gegen den Türrahmen, als sie ihn in den Flur bugsierte. Dort ließ sie Tasche und Koffer fallen, schloss Catherine in die Arme und drückte sie in einer Wolke aus Parfüm fest an sich.

Catherine erwiderte die Umarmung ihrer Schwester, konnte allerdings nicht verhindern, dass gleichzeitig eine leise Stimme in ihrem Kopf flüsterte: Oh, oh. Ich wittere Unheil. Sie klopfte Kaylee auf die Schulter, dann befreite sie sich aus ihren Armen und trat einen Schritt zurück.

Kaylee sah sich im Flur um und warf einen Blick ins Wohnzimmer, um sich anschließend mit einer spöttisch hochgezogenen Augenbraue wieder Catherine zuzuwenden. »Wie ich sehe, bist du wie eh und je die ordentliche kleine Hausfrau«, sagte sie mit amüsiertem Unterton. »Alles hübsch sauber aufgeräumt.«

Diese Bemerkung wirkte auf Catherine wie ein Schlag in die Magengrube, und sie erwiderte steif: »Ehrlich gesagt sieht es hier sonst nicht so ordentlich aus. Ich wollte gestern Abend nämlich nach Europa fliegen, aber als ich am Flughafen ankam, musste ich feststellen, dass der Reiseveranstalter Pleite gemacht hat und ich mein Geld in den Wind schreiben kann.«

»Auweia«, sagte Kaylee mitfühlend.

»Ich habe lange für diese Reise gespart, Kaylee.« Catherines Kinn begann zu zittern, sie riss sich jedoch zusammen und biss die Zähne aufeinander, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte.

»Ja, das ist wirklich Pech«, sagte Kaylee. Dann zuckte sie mit den Schultern und fuhr munter fort: »Aber damit wirst du schon fertig, Schwesterherz. Das ist dir doch bis jetzt immer gelungen.« Sie nahm eine zierliche Skulptur in die Hand, die auf einem kleinen Tisch im Flur stand, betrachtete sie einen Augenblick lang ohne großes Interesse und sah wieder ihre Schwester an. »Die Sache ist die, Catherine« – sie stellte die Skulptur vorsichtig zurück – »ich stecke ziemlich tief in der Klemme.«

Na, das ist ja mal was ganz Neues, ging es Catherine unwillkürlich durch den Kopf, wobei ihr klar war, dass diese Art von Sarkasmus kein besonders gutes Licht auf ihren Charakter warf, aber sie war momentan einfach nicht in der Lage, ein entsprechendes Maß an Mitgefühl aufzubringen. Es war kein Zufall, dass sie sich einen Wohnort ausgesucht hatte, der so weit wie möglich von dem ihrer Schwester entfernt lag, wenn sie denn schon auf dem gleichen Kontinent leben mussten.

So lange Catherine denken konnte, hatte man es ihr überlassen, sich der Probleme anzunehmen, die in der Familie auftauchten. Sie hatte keine Ahnung, wie es dazu gekommen war, aber im Grunde lief es immer darauf hinaus. Bevor irgendeine Sache erledigt werden konnte, musste sich erst jemand finden, der das zu übernehmen gewillt war – und niemand sonst aus ihrer Familie hatte sich jemals freiwillig dazu bereit erklärt. Ihr Vater war für gewöhnlich unterwegs, um einen seiner Pläne zu verfolgen, die ihm zu schnellem Reichtum verhelfen sollten, und alles andere war ihm egal, sollte sich doch darum kümmern, wer wollte. Ihre Mutter war taub gewesen und hatte kaum etwas anderes im Kopf gehabt als ihre fundamentalistische kirchliche Gemeinde, und wenn sie sich hin und wieder einmal Catherine und Kaylee zuwandte, dann nur, um sie vor den Gefahren zu warnen, die sie mit der Zurschaustellung ihrer sündigen Körper heraufbeschworen. Derartige Ermahnungen waren mit nervtötender Regelmäßigkeit erfolgt, die Probleme des täglichen Lebens dagegen hatte sie einfach nicht zur Kenntnis genommen. Es war an Catherine hängen geblieben, dafür zu sorgen, dass die Stromrechnung bezahlt wurde und etwas zu essen auf den Tisch kam. Genauso war es an ihr hängen geblieben, Kaylee aus der Klemme zu helfen, wenn ihre Zwillingsschwester wieder einmal Mist gebaut hatte.

Während ihrer Kindheit und Jugend hatte Catherine sich viele Dinge gewünscht, am meisten aber, dass ihre Mutter nicht ständig von ihren sündigen Körpern reden würde. Diese Predigten hatten bei ihr dazu geführt, dass sie Komplexe entwickelte, was ihren Körper betraf, Kaylee aber hatten sie dazu getrieben, von dem ihren so viel zu zeigen, wie es das Gesetz gerade noch erlaubte. Ihre Schwester schien nach dem Motto zu handeln: Wenn sie es dir verbieten, dann tu es. Und wenn du dich gut dabei fühlst, dann tu es, bis du’s überdrüssig bist.

Schon der Gedanke daran machte Catherine müde. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie den größten Teil ihrer Energie darauf verwendet, das Porzellan, das Kaylee zerschlagen hatte, notdürftig wieder zusammenzuflicken. Man konnte selten davon ausgehen, dass ihre Schwester zuerst dachte und dann handelte. Catherine musste nicht einmal die Augen schließen, um eine ganze Reihe solcher Vorfälle wie in einem Videoclip vorbeiziehen zu sehen.

Um Catherines Geduld war es bei weitem nicht mehr so gut bestellt wie früher, das änderte allerdings nichts daran, dass sie wie ein Pawlowscher Hund darauf konditioniert war, auf bestimmte Reize zu reagieren. Was bedeutete, dass sie sofort anfing, nach Lösungen zu suchen, sobald sie mit einem Problem konfrontiert wurde. Und auch jetzt verspürte sie diese allzu vertraute unerfreuliche Mischung aus Liebe, Ärger und Frustration. Sie unterdrückte einen Seufzer und bückte sich nach dem Koffer ihrer Schwester. »Komm mit in die Küche«, sagte sie resigniert, »und erzähl mir alles von Anfang an.«

 

»Du hast was belauscht?«, fragte sie kurze Zeit später fassungslos. Sie wandte sich halb um und sah ihre Schwester über die Schulter an.

»Wie von einem Mord geredet wurde.«

»Mein Gott, dann habe ich mich also nicht verhört.« Catherine drehte sich wieder zum Herd, um den Wasserkessel aufzusetzen. Sie war so entsetzt, dass ihre Finger wie gelähmt waren, und der Wasserkessel stieß mit einem lauten Knall gegen den Gasbrenner, als sie ihn auf die Flamme stellte. Als sie die Teetassen zum Tisch trug, konnte sie nicht verhindern, dass sie leise auf den Untertassen klapperten, und das Sonnenlicht, das durch die Jalousie fiel, kam ihr plötzlich viel zu grell vor. »Wann? Wo? Wer soll ermordet werden?«

Kaylee betrachtete ungläubig die Tasse mit dem zarten Blumenmuster, die Catherine vor ihr auf den Tisch stellte, dann blickte sie auf und sah ihre Zwillingsschwester an, die mit blassem Gesicht vor ihr stand. »Tee?«, fragte sie ungläubig. »Ich erzähle dir gerade, dass ich gehört habe, wie ein Mord geplant wird, und du setzt mir Tee vor? Du lieber Himmel, Cat. Hast du nicht ein bisschen was Stärkeres? Scotch oder Bourbon vielleicht – irgendwas in der Art?«

Du lieber Himmel, Caty. Es war die Stimme ihres Vaters, die Catherine hörte, und sie konnte ihn förmlich vor sich sehen, strotzend vor Gesundheit und stets ein Lächeln auf den Lippen. Du lieber Himmel, Caty, du musst lernen, ein bisschen gelassener zu sein. Ich bin überzeugt, dass du uns etwas Leckeres zum Abendessen zaubern kannst. Du tust ja gerade so, als hätte ich das gesamte Haushaltsgeld auf den Kopf gehauen.

Catherine verkniff sich die Bemerkung, dass es noch ein bisschen früh zum Trinken war. Stattdessen erhob sie sich schweigend und ging zum Schrank, wo sie die Flasche Whiskey aufbewahrte, die von Weihnachten übrig geblieben war. Sie reichte sie Kaylee und sah ihr dabei zu, wie sie die Verschlusskappe abdrehte und einen kräftigen Schuss in ihre Teetasse goss. Schließlich setzte sie sich ihrer Zwillingsschwester gegenüber an den Tisch.

Kaylee nahm einen großen Schluck, ließ ihn durch ihre Kehle rinnen und hüstelte ein paarmal. Dann blickte sie Catherine über den Tisch hinweg an. Als sähe sie ihre Schwester zum ersten Mal, zog sie einen Mundwinkel nach oben und schüttelte den Kopf. »Weißt du was, Cat, du ziehst dich an wie eine Nonne. Mama wäre bestimmt stolz auf dich.«

Catherine sah an sich hinunter. Es ließ sich nicht bestreiten, dass ihre weiße Bluse nicht gerade auf Figur geschnitten war, aber es war ihr einfach unangenehm, wie viel Aufmerksamkeit ihr Busen auf sich zog, wenn sie etwas Enganliegendes trug. Die Radlerhose aus Lycra saß dagegen wie eine zweite Haut. Sie musterte ihre Schwester, die vom Dekolletee bis knapp über den Po in Stretch gehüllt war und hochhackige Pumps trug, wogegen ihre eigenen Füße in Turnschuhen steckten, und musste zugeben, dass sie im Vergleich zu Kaylee vermutlich ziemlich spießig aussah. »Willst du dich wirklich über meine Garderobe unterhalten?«

»Nein, eigentlich nicht. Wo waren wir stehen geblieben?« Im nächsten Augenblick wischte Kaylee die Frage mit einer wegwerfenden Geste ihrer schlanken Finger mit den feuerrot lackierten Nägeln beiseite. »Egal, ich fange einfach von vorn an. Also, vor drei Tagen hing ich im Club fest, ich hatte kein Auto, weil diese Schlampe ... aber das ist eine andere Geschichte, ein Kinkerlitzchen im Vergleich zu den Schwierigkeiten, in denen ich jetzt stecke.«

Bei dem Club handelte es sich um die Tropicana Lounge, wo Kaylee als Showgirl arbeitete. Soweit Catherine wusste, hieß das, dass Kaylee im Takt mit den anderen Showgirls über eine Bühne stöckelte und dabei ein Kostüm trug, das aus viel Kopfputz und wenig Stoff bestand. Ihre Mutter hatte Kaylee immer als Tänzerin bezeichnet, offenbar war sie der Meinung, dass das weniger anzüglich klang. In ihren Augen war »Showgirl« gleichbedeutend mit »Stripperin«. So etwas war typisch für ihre Mutter gewesen.

»Das Trop ist wirklich in Ordnung«, fuhr Kaylee fort. »Nur liegt die Garderobe der Tänzerinnen gleich neben dem Männerklo, und ich kann dir sagen, Cat, die Wand dazwischen ist wirklich sehr dünn. Es gibt einige Körperfunktionen, von denen ich lieber nichts gewusst hätte.« Sie zuckte die Achseln. »Wie dem auch sei, ich saß jedenfalls herum und wartete darauf, dass Maria endlich aufhörte, draußen in der Bar mit diesem Typ zu flirten, und mich nach Hause fahren würde, da hörte ich plötzlich Hector Sanchez, den Besitzer des Clubs, auf der anderen Seite der Wand mit jemandem reden. Er unterhielt sich mit Chains über Alice Mayberry, mit der er, wie jeder wusste, eine heiße Affäre laufen hatte. Ich spitze also die Ohren in der Hoffnung, dass ich gleich ein paar pikante Einzelheiten serviert bekomme, aber stattdessen höre ich, wie Hector Chains auf sie ansetzt.«

»Auf sie ansetzt«, wiederholte ihre Zwillingsschwester mit schwacher Stimme.

»Er wollte, dass er sie umbringt, Catherine, aus dem Weg räumt. Mein Boss gab einen Mord in Auftrag... und Jimmy ›Chains‹ Slovak sollte ihn ausführen. Er ist der Sicherheitschef des Trop. Und, äh« – sie räusperte sich und warf ihrer Schwester einen verunsicherten Blick zu – »er ist der Boss von meinem Freund Bobby LaBon.«

Catherine verschluckte sich an ihrem Tee und setzte hastig die Tasse ab. »Dein Freund? Dein Freund arbeitet für einen Auftragskiller?«

»Bobby ist Rausschmeißer, Cat. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass Chains ein Auftragskiller ist. Verdammt noch mal, das ist er ja auch nicht. Zumindest war er es bis jetzt nicht, soviel ich weiß.«

Catherine hörte ihr gar nicht mehr zu. Sie starrte ihre Schwester fassungslos an. »Und da kommst du zu mir? Kaylee, hast du völlig den Verstand verloren? Dir muss doch klar sein, dass diese Typen dich hier zuallererst suchen werden.«

»Nein, werden sie nicht.« Kaylee zog die Augenbrauen zusammen. »Und was meinst du eigentlich mit ›diese Typen‹, Catherine? Du klingst schon genauso wie Mama.«

»Tue ich nicht. Ich werde einfach ein bisschen nervös, wenn du mir Auftragskiller ins Haus schleppst.«

»Mensch, jetzt mach aber mal einen Punkt. Sanchez und Jimmy Chains wissen nicht einmal, dass es dich überhaupt gibt.«

»Ach ja? Und was ist mit deinem Freund, Kaylee? Du hast doch gesagt, er arbeitet für diesen Chains, diesen – entschuldige bitte, wenn ich mich wiederhole – Auftragskiller, und er wird ja wohl einiges von mir wissen.«

»Nein, eigentlich weiß er nichts.«

Catherine spürte, wie die Verspannung in ihrem Rückgrat etwas nachließ. »Verstehe.« Sie nickte. »Ein neuer Freund, was?«

Kaylee sah Catherine mit ihren großen grünen Augen an und blinzelte verwirrt. »Aber nein, Cat, wir sind schon lange zusammen. Mindestens vier Monate.«

Mindestens vier Monate. Das muss man sich mal vorstellen. Catherine bemühte sich um einen freundlichen und gelassenen Ton, als sie fragte: »Und in all der Zeit hast du dich kein einziges Mal veranlasst gefühlt, von deiner Zwillingsschwester zu erzählen?«

Kaylee zuckte mit den Schultern. »Nicht wirklich. Wenn wir zusammen sind, reden wir meistens nicht besonders viel, falls du verstehst, was ich meine.«

Catherine verstand nur zu gut – das Wissen um Kaylees zügelloses Sexualleben hatte dazu geführt, dass sie sich die wenigen Male, als sie selbst den Kopf zu verlieren drohte, im Zaum gehalten hatte. Was, wenn sie sich gehen ließ und wie ihre Schwester wurde? Die Vorstellung erschreckte sie zutiefst und hatte sie dazu gebracht, sich wenn auch nicht gerade Keuschheit, so doch zumindest Zurückhaltung aufzuerlegen.

Kaylee kramte in ihrer Handtasche und holte eine Puderdose hervor. Als sie nach einer kritischen Musterung ihres Spiegelbilds aufsah und Catherines Gesichtsausdruck bemerkte, versicherte sie ihr hastig: »Ich meine, es ist nicht so, dass wir nie miteinander reden. Wir haben uns schon über alles Mögliche unterhalten. Ich weiß zum Beispiel, dass er mehrere Brüder hat, und er weiß, dass ich eine Schwester habe. Wir sind bloß nie dazu gekommen, Einzelheiten über unsere Familien auszutauschen. Oder unsere Adressbücher.« Sie klopfte selbstzufrieden auf die große Tasche in ihrem Schoß. »Und ich habe darauf geachtet, meines mitzunehmen, als ich abgehauen bin.« Sie war offensichtlich stolz auf ihre Umsichtigkeit.

Es kostete Catherine einige Mühe, nicht mit den Zähnen zu knirschen. Sie strich sich die Haare aus der Stirn, stützte sich mit dem Ellbogen auf den Küchentisch und sah ihre Schwester an. »Ich bring das alles nicht zusammen. Kannst du noch mal von vorne anfangen und ganz langsam dieses Mal?«, bat sie mit ruhiger Stimme.

»Okay. Bobby hat mich an meinem ersten Abend im Tropicana auf der Bühne gesehen und, na ja, irgendwie hat es zwischen uns sofort gefunkt, verstehst du? Ach, ich wünschte, du könntest ihn sehen, Schwesterherz«, fuhr sie schwärmerisch fort. »Er sieht einfach toll aus, er ist mindestens ein Meter fünfundachtzig groß, hat ganz schwarze Haare und unglaublich breite Schultern, und seine Augen erst, die sind einfach zum Niederknien, so –«

»Kaylee! Es ist mir egal, welche körperlichen Vorzüge dein Liebhaber hat. Erzähl mir von der Sache mit Alice Mayberry.«

»Okay, klar, wo war ich stehen geblieben?« Sie strengte sich an, den Faden an der richtigen Stelle wieder aufzunehmen. »Ach ja. Also, zuerst habe ich es für einen schlechten Witz gehalten, als ich hörte, wie Hector Chains Geld dafür bot, dass er Alice um die Ecke bringt, verstehst du? Ich meine, Hector und Alice waren die ganze Zeit ein Herz und eine Seele gewesen, und ich dachte, das ist nur Gerede, so wie man sagt: ›Manchmal würde ich meiner Freundin am liebsten den Hals umdrehen‹ –«

»Was genau hat Sanchez gesagt?«

»Er sagte, Alice mache ihm Scherereien, und er würde Chains zehntausend Dollar dafür geben, dass er das Problem aus der Welt schafft. Und er hat ihm erklärt, wo er die Leiche vergraben soll, wenn er den Auftrag ausgeführt hat.«

»Und das hast du für einen Witz gehalten?«

»Na ja... ja. Ich meine, wer würde so etwas denn ernst nehmen? Solche Dinge passieren doch nur im Film.«

»Was hast du dann gemacht?«

»Ich habe mich nach Hause fahren lassen.«

Catherine gab ein Stöhnen von sich und stand auf, um ihre Teetasse auszuspülen – nicht aus einem plötzlichen Bedürfnis nach Reinlichkeit heraus, sondern um sich davon abzuhalten, über den Tisch zu langen und ihre Schwester kräftig zu schütteln. Wie konnte Kaylee ein solches Gespräch mit anhören und dann einfach nach Hause gehen? Es war wirklich kaum zu glauben, dass sie und ihre Schwester von derselben Eizelle abstammten. Catherine bezweifelte, dass es irgendwo auf der Welt zwei unterschiedlichere Menschen gab.

»Catherine, denkst du tatsächlich, ich hätte mich seelenruhig auf den Weg nach Hause gemacht, wenn ich geglaubt hätte, dass es die beiden ernst meinen?«

Catherine holte tief Luft, um sich zu beruhigen, stellte die saubere Tasse auf das Abtropfgestell und drehte sich zu ihrer Schwester um, die sie mit vorwurfsvollem Blick ansah. »Nein, natürlich nicht«, sagte sie, und sie schämte sich, weil sie einen Augenblick lang tatsächlich genau das gedacht hatte. Verantwortungsbewusstsein war schließlich noch nie Kaylees starke Seite gewesen. »Und vielleicht hast du ja Recht. Vielleicht war es ja wirklich bloß leeres Gerede.« Sie krümmte sich innerlich bei diesen dürftigen Worten, und ihr war klar, dass sie sich reinem Wunschdenken hingab. Kaylee war den weiten Weg nicht zum Spaß gekommen.

»Das hatte ich auch gehofft«, sagte Kaylee. »Aber ich habe Alice mindestens ein Dutzend Mal angerufen, und sie war nie da. Und zur Arbeit ist sie auch nicht mehr gekommen, Cat. Und zwar, weil sie tot ist, das spüre ich.«

Catherine lehnte sich zitternd gegen die Arbeitsplatte. Es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. »Aus welchem Grund könnte Sanchez sie denn umbringen wollen? Er muss doch irgendein Motiv haben, sonst ergibt das Ganze überhaupt keinen Sinn.«

»Darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen, und ich habe den Verdacht, dass Alice damit gedroht hat, zu Mrs. Sanchez zu gehen und ihr alles zu erzählen.«

»Warum sollte sie das tun? Das Mindeste wäre doch, dass es sie den Job kostet, oder?«

»Ja, aber Alice war ehrgeizig, sie wollte mehr als über eine Bühne staksen.«

»Tanzen«, verbesserte Catherine sie automatisch, und Kaylee bedachte ihre Schwester mit einem liebevollen Grinsen.

»Na, die Gehirnwäsche von Mama hat bei dir ja offensichtlich gut funktioniert.« Catherines Gesicht verzog sich zu einem kläglichen zustimmenden Lächeln, doch Kaylee nahm es kaum zur Kenntnis, sondern fuhr, wieder ernst geworden, fort: »Vielleicht glaubte Alice, Mr. Sanchez auf diese Weise dazu bringen zu können, Mrs. Sanchez den Laufpass zu geben und sie zu heiraten.«

Catherine umklammerte mit beiden Händen die Kante der Arbeitsplatte und sah auf ihre Schwester hinunter. »Kann sein, aber das erscheint mir immer noch nicht als ausreichender Grund, sie umzubringen.«

»In dieser Familie hat Mrs. Sanchez die Hand auf dem Geldbeutel, Cat.«

»Oh Scheiße.«

»Das kannst du laut sagen, Schwesterherz.«

»Na gut, damit hätten wir also ein mögliches Motiv. Aber wenn du in der Garderobe warst, Kaylee, mit einer Wand zwischen dir und den Männern, warum sollten sie dann auf die Idee kommen, dass du irgendetwas gehört haben könntest?«

»Ich bin hinterher draußen auf dem Flur Jimmy Chains in die Arme gelaufen.« Catherines Gesichtsausdruck veranlasste Kaylee, rechtfertigend hinzuzufügen: »Ich dachte, dass sie weg sind! Ich habe sie beide aus dem Klo gehen hören, aber Chains hatte wohl vergessen zu pinkeln oder so. Das sähe ihm ähnlich – wenn das Hirn dieses Kerls aus reinem Gold wäre, würde der Gegenwert doch nicht reichen, um damit einen Lippenstift im Drogeriemarkt zu kaufen. Aber wie dem auch sei, als ich aus der Garderobe lief, um Maria zu suchen und so schnell wie möglich zu verschwinden, kam er mir im Flur entgegen.«

»Wenn er nicht gerade der Hellste ist, hat er vielleicht gar keinen Verdacht geschöpft.«

»Von allein käme er wahrscheinlich nicht darauf«, stimmte Kaylee zu. »Aber er redet gern, und ich habe furchtbare Angst, dass er es Hector gegenüber erwähnt. Denn wenn das passiert, Catherine, bin ich genauso tot wie Alice.« Sie sah ihre Schwester an. »Ich bin nicht hysterisch, Cat. Ich habe gehört, wie Hector Jimmy erklärte, wo er die Leiche vergraben soll. Ohne Leiche kein Verbrechen. Mit Leiche – und einer Zeugenaussage, die Hector mit dem Mord in Verbindung bringt – wandert er vermutlich einige Jahre in den Knast. Ich habe jede Menge Nachrichten auf Alice’ Anrufbeantworter hinterlassen, dass sie mich zurückrufen soll. Falls Hector das Band abgehört hat und auch nur den leisesten Verdacht hegt, dass ich etwas von seinen Plänen mitbekommen habe, bin ich so gut wie tot.«

Catherine stieß sich von der Arbeitsplatte ab. »Du musst zur Polizei gehen, Kaylee.«

»Also, äh, was das angeht, Caty...« Ihre Zwillingsschwester vermochte nicht, ihr in die Augen zu sehen.

»Oh, nein.« Catherine richtete sich stocksteif auf. »Was noch? Was hast du ausgelassen?«

»Ich bin vor ein paar Tagen sozusagen verhaftet worden.«

»Du bist was?«

»Verhaftet worden. Aber es war nicht meine Schuld, Cat.«

»Nein, natürlich nicht, es ist doch nie deine Schuld, oder?« Catherine knirschte mit den Zähnen. Wie oft in ihrem Leben hatte sie diese Worte schon gehört? Das war der eigentliche Grund, warum sie die Stelle an der Briarwood School angenommen hatte, als sie ihr vor vier Jahren angeboten worden war. Seattle schien so wunderbar weit weg von Miami zu sein. »Es wäre wirklich schön, wenn du nur ein einziges Mal die Verantwortung für das, was du tust, übernehmen würdest, bevor wir beide ins Grab steigen«, sagte sie verbittert. Mein Gott. Sie musste nur fünfundzwanzig Minuten mit ihrer Schwester zusammen sein, und schon war es so, als wäre sie niemals weggegangen. Das war nicht gerecht.

Aber es ließ sich wohl nichts daran ändern.

»Jetzt schwing dich hier bloß nicht zum Moralapostel auf, Catherine«, blaffte Kaylee zurück. »Musst du eigentlich immer ach so vernünftig sein?«

»Wann habt ihr mir denn jemals die Chance gegeben, anders zu sein?« Catherine ließ sich auf ihren Stuhl fallen und funkelte ihre Schwester über den Tisch hinweg an. »Schließlich war immer ich es, die hinter dir die Scherbenhaufen zusammenkehren musste.«

»Jaja, schon gut, vielleicht war ich früher manchmal nicht – wie hast du es noch mal genannt – verantwortungsbewusst genug. Aber das ist doch Schnee von gestern, und dieses Mal kann ich wirklich nichts dafür, das musst du mir glauben. Die Verhaftung war nichts weiter als ein Missverständnis. Bobby musste etwas außerhalb der Stadt erledigen, und er hat mir sein neues Auto geliehen. Leider stellte sich heraus, dass er es gar nicht verleihen kann, weil es ihm nämlich nicht gehört, und das Ganze endete damit, dass man mich des Autodiebstahls beschuldigt hat, und alles nur wegen der Aussage dieser Schlampe, die zwar keinen Charakter hat, dafür aber mit der Zulassung herumwedeln konnte.«

»Und wie – ?«

»Oh, ich habe Kaution gestellt. Aber genau das ist ja das Problem, Cat. Nach den Kautionsauflagen darf ich Florida nicht verlassen, aber nachdem mir klar geworden war, dass es sich bei Hectors Auftrag, Alice umzubringen, keineswegs nur um einen schlechten Scherz handelte, habe ich natürlich sofort mein Bankkonto abgeräumt und bin hierher gekommen.« Sie griff über den Tisch nach der Hand ihrer Schwester und drückte sie. »Cat, bitte. Die Sache ist ernst, und ich brauche deine Hilfe.«

Auf der Straße wurde eine Autotür zugeschlagen, und Catherine warf einen Blick aus dem Fenster. Zwischen ihrem Haus und dem nebenan war ein Wagen geparkt, und ein Mann beugte sich über die Fahrertür, um sie abzuschließen. Wahrscheinlich jemand, der das zum Verkauf stehende Nachbarhaus besichtigen wollte. Catherine wandte sich wieder ihrer Schwester zu. »Natürlich tue ich, was ich kann, um dir zu helfen, die Angelegenheit zu klären«, sagte sie müde. »Aber trotzdem musst du zur Polizei.«

Kaylee ließ Catherines Hand los. »Verdammt noch mal, Catherine, ich habe dir doch gerade erklärt, warum das nicht geht.«

»Nein, du hast mir erklärt, wie du in diesen Schlamassel hineingeraten bist. Tatsache ist, dass du gehört hast, wie jemand einen Mord in Auftrag gegeben hat. Einen Mord, Kaylee, der, wie du selbst sagst, inzwischen vermutlich ausgeführt wurde. Und deinen eigenen Worten zufolge bist du die Einzige, die weiß, wo die Leiche versteckt worden ist. Das, womit du diesmal fertig werden musst, ist weit davon entfernt, eine kleine Unannehmlichkeit zu sein.«

»Jetzt versuch das doch endlich zu kapieren, Catherine. Mit meiner Flucht aus Florida habe ich gegen die Kautionsauflagen verstoßen. Ich kann nicht zurück.«

»Du musst.«

Was ihre Schwester da sagte, gefiel Kaylee offensichtlich nicht besonders, und sie machte Anstalten aufzustehen, aber Catherine griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand und hielt sie so lange fest, bis sie sich der ungeteilten Aufmerksamkeit ihrer Schwester sicher sein konnte. »Wenn du dich nicht stellst, läufst du nicht nur vor diesem Chains weg oder deinem Bobby LaBon oder wem auch immer, sondern gleichzeitig vor dem Gesetz. Glaub mir, es wird dir nicht gefallen, wenn auf einmal auch noch der Staatsanwalt hinter dir her ist. Du brauchst jemanden, der auf deiner Seite steht.«

»Ja, ich weiß. Deshalb bin ich ja zu dir gekommen.«

»Um Himmels willen, Kaylee, ich bin Lehrerin an einer Gehörlosenschule! Was weiß ich denn schon von Auftragskillern oder davon, wie die Rechtslage in solchen Dingen aussieht? Du brauchst jemanden, der sich mit so etwas auskennt, wenn du heil aus der Sache herauskommen willst.« Als Catherine erneut einen Blick aus dem Fenster warf, stellte sie fest, dass der Mann inzwischen neben seinem Wagen stand und das Nachbarhaus betrachtete. Er hatte dunkle Haare und Augenbrauen und einen durchtrainierten Körper, der in einer leichten Hose und einem weißen Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln steckte. Er war ziemlich attraktiv und strahlte Energie und Stärke aus.

»Da musst du dir schon etwas anderes einfallen lassen«, sagte Kaylee und zog Catherines Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Ich kann nicht zurück.«

»Es gibt keine andere Möglichkeit.«

»Es muss eine geben. Wenn ich jetzt zurückgehe, wird mir keiner glauben. Sanchez ist ein angesehener Geschäftsmann und eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt.« Kaylee rieb sich mit dem Finger über die Falte zwischen ihren Augenbrauen. »Verdammt noch mal, ich war so froh, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Engagement in einem wirklich guten Club bekommen hatte. Ich dachte, das ist meine Chance. Du musst dir etwas anderes einfallen lassen, Cat. Ich weiß, dass du das kannst – deshalb bin ich ja hergekommen.«

»Um Himmels willen, Kaylee, was erwartest du denn von mir? Denkst du vielleicht, dass ich dich unsichtbar machen kann oder nur meinen Zauberstab schwenken muss, und alles ist wieder so, als wäre nie was gewesen?«

»Deinen Sarkasmus kannst du dir sparen, Cat, ich brauche deine Hilfe! Meine Chancen stehen gleich null, wenn ich zurückgehe.«

»Tut mir Leid, aber du hast keine andere Wahl. Du hast es selbst gesagt, das hier ist eine ernste Angelegenheit. Du kannst nicht einfach alles unter den Teppich kehren.« Catherine sah, wie ihre Zwillingsschwester trotzig das Kinn in die Höhe reckte, und obwohl ihr klar war, dass Kaylee das, was sie ihr zu sagen hatte, nicht hören wollte, wiederholte sie mit zusammengebissenen Zähnen: »Du musst zurückgehen und dich stellen!«

Kaylee wich Catherines Blick hartnäckig aus und sah an ihr vorbei aus dem Fenster. Plötzlich stieß sie ihren Stuhl vom Tisch zurück und sprang auf. »Ich muss mal aufs Klo.« Sie schnappte sich Handtasche und Koffer und stöckelte mit merkwürdig unsicheren Schritten durch den Flur.

Catherine vergrub das Gesicht in den Händen. Vielleicht sollten sie erst einmal mit einem Rechtsanwalt sprechen, bevor sie die Polizei anriefen. Und wandte man sich in einem solchen Fall an die örtliche Polizei oder an die in Miami oder – Moment mal.

Warum nahm Kaylee eigentlich ihren Koffer mit, wenn sie aufs Klo ging?

Im nächsten Augenblick war Catherine bereits durch den Flur gerannt und riss die Badezimmertür auf. Sie sah gerade noch, wie sich ihre Schwester vom Fensterbrett abstieß und in den gepflasterten Hof hinter dem Haus sprang, und stürzte zum Fenster. »Kaylee!«

Es klang leider keineswegs so herrisch, wie sie gewollt hatte, weil ihr Zwerchfell schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Fensterbrett machte. Gleichzeitig war von der Vorderseite des Hauses her ein lautes Krachen zu vernehmen, und eine männliche Stimme donnerte: »KEINE BEWEGUNG!«

Die beiden Schwestern sahen sich mit ihren identischen grünen Augen entsetzt an, während sie der Aufforderung Folge leisteten. Dann schüttelte Kaylee ihre momentane Lähmung ab und bückte sich, um das Adressbuch aufzuheben, das zwischen den anderen Dingen lag, die sie aus ihrer Handtasche um ihre Füße verstreut hatte. Sie stopfte das Bündel Geldscheine zurück, das aus dem Adressbuch gefallen war, klemmte sich dieses unter den Arm und richtete sich auf. Mit der geballten Faust beschrieb sie einen Kreis auf ihrer Brust, das Zeichen für Tut mir Leid in Gebärdensprache. Nach einem kurzen Zögern wiederholte sie noch einmal Tut mir Leid, Cat. Dann drehte sie sich um und rannte davon, ohne sich weiter um ihre Handtasche und ihren Koffer zu kümmern.

Nein!, hallte es als stummer Schrei in Catherines Kopf wider, während sie versuchte, durch das Fenster zu klettern. Sie hatte es beinahe geschafft und hoffte inständig, dass sie nicht ausgerechnet mit dem Kopf zuerst auf dem Boden landen würde, als die Badezimmertür heftig aufgestoßen wurde und gegen die Wand knallte.

»Hier geblieben, meine Liebe!« Grobe Hände legten sich mit festem Griff um ihre Hüften und zogen sie zurück ins Badezimmer.

Catherines Mund öffnete sich zu einem Schrei, doch sie brachte keinen Ton heraus. Also tat sie das Nächstbeste – in Erinnerung an das, was sie im ersten und einzigen Selbstverteidigungskurs ihres Lebens gelernt hatte. Sie holte mit dem Fuß aus und trat kräftig nach hinten. Mit tiefer Befriedigung spürte sie, wie er hart gegen das Schienbein des Angreifers prallte.