Unten
auf dem Haus
Kriminalroman
© 2021 Bernd-Peter Liegener
Umschlagsgestaltung Bernd-Peter Liegener
Verlag und Druck: tredition GmbH,
Halenreihe 40-44,22359 Hamburg
ISBN |
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Paperback: |
978-3-347-28772-3 |
Hardcover: |
978-3-347-28773-0 |
e-Book: |
978-3-347-28774-7 |
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Für Mechi
Casus personae
Die Ermittler
Martina Benson, Kriminalkommissarin Mord
Karl König, Kriminalhauptkommissar Mord
Werner Weber, Polizeihauptmeister, Streifendienst
Dr. Kurt van Berg, Gerichtsmedizin
Herr Greben, Oberkommissar Spurensicherung
Katja, Polizeiobermeisterin, Sachbearbeiterin
Die Bundesbrüder
Frank Stein v/o Sokrates, Senior
Stefan Latter v/o Schwengel, Fuchsmajor
Dirk Dromski v/o Lippe, Consenior
Harald Schulzke v/o Mausi, Scriptor
Friedrich Humpf v/o Schlumpf, Quästor
Uwe Heimberger v/o Tonne
Andreas Herter, ein Fuchs
Heiner Degen, ein Alter Herr mit seiner Frau
Die Couleurdamen
Franziska Blum
Martina Degen mit ihrer Freundin Ingrid Hansen
Andere Damen
Frau Kortmann, Sportdozentin
Frau Fitzner, Sportstudentin
Prolog
Es war der winterlichste Wintertag, den eine Beerdigung sich als Kulisse für ihr Stattfinden nur auswählen hätte können. Weichweiße Wülste versteckten und betonten die Konturen der Bäume, Büsche und Grabsteine. Nicht einmal Christo hätte den Friedhof aussagekräftiger verhüllen können, nur die Natur konnte es in derartig ästhetischer Weise.
Es waren erfreulich viele Kollegen zum Begräbnis von Polizeihauptkommissar König gekommen, obwohl er schon seit weit über zwanzig Jahren im Ruhestand gewesen war. Soweit sie sich erinnern konnte, war er als Pensionär noch ein paar Jahre lang von Zeit zu Zeit im Revier vorbeigekommen um zu `socializen´, wie er es nannte. Aber sein Ruf hatte sich länger gehalten, als seine Besuchsfreude.
Immer noch prägten von ihm geschaffene Strukturen die Atmosphäre im Polizeirevier, immer wieder wurde von einzelnen, spektakulären Fällen erzählt, die er in seiner langjährigen Tätigkeit für die Mordkommission gelöst hatte. Vor allem aber war es seine überragende Aufklärungsquote, die ihm den naheliegenden Spitznamen »der König« eingebracht hatte, an die man sich noch immer erinnerte.
Bevor sie nach etlichen Mühen in den höheren Dienst gewechselt hatte, war sie selbst Mitglied seiner Mordkommission gewesen und hatte ihn zu schätzen, ja vielleicht sogar zu lieben gelernt. Erst nach seiner Pensionierung war ihr Kontakt zueinander mehr und mehr weggefasert, und das tat ihr heute natürlich besonders leid.
So eng und freundschaftlich ihre Beziehung auch gewesen war, nie hatte sie das schwierige Grenzgebiet zwischen Beruflichem und Privatem vollständig durchquert. Dass er überhaupt Verwandtschaft hatte, hatte sie erst durch die Traueranzeige erfahren, und dass er für seine Nichten und Neffen sowie deren Kinder wie ein väterlicher oder großväterlicher Freund gewesen war, wusste sie nun durch die Trauerrede.
Jetzt stapfte sie mit einem guten Dutzend Kollegen in Galauniform unter dem schwarzen Mantel hinter den Familienmitgliedern durch den niedergetretenen Schnee. `Trauermobilisation´ hatte sie im Stillen ihr dezentes Drängen genannt, dem die Größe ihrer Abordnung zu verdanken war. Der zaghafte Versuch einer Reflexion der Größe dieses Mannes.
Sie genoss die friedhöfliche Ruhe. Gemächlich krabbelten junge Gedanken durch die weiße Winterlandschaft ihres weit entfernten Hirns.
Als Polizeidirektorin hatte sie praktisch keine Möglichkeit zu verhindern, dass sie mit ihrem Stellvertreter die erste Reihe der ehemaligen Kollegen bildete. Der hatte sichtlich Schwierigkeiten, die Stille auszuhalten und sich mit Gedenken und Gedanken zu beschäftigen.
»Sie kannten Ihn noch persönlich, oder? Haben Sie nicht sogar einmal zusammengearbeitet?«
Ihr schroffes »Ja!« unterband jede weitere Konversation. Sicherheitshalber stellte sie sich etwas abseits des unter der dicken weißen Decke kaum erahnbaren Weges, während sich die Sargträger bereit machten, ihre tote Last in das Grab hinabzulassen.
1. Kapitel
Der Tatort
Ja, sie erinnerte sich gut an den König. Nicht mehr an die erste Begegnung, damals irgendwann Anfang der Achtziger, als sie endlich in die Mordkommission versetzt worden war.
Er musste wohl nett zu ihr gewesen sein, das war er immer gegenüber jungen Frauen. Nein, das war ungerecht! Er war immer nett zu allen Kollegen, insbesondere zu den neuen.
Er hatte ihr mit ein paar einleitenden Worten ihren Arbeitsplatz gezeigt, sie hatte sich mit den Akten vertraut gemacht und sich ins `Paperwork´ gestürzt. Kriminalhauptkommissar König hatte eine Vorliebe für Fremdwörter. Nicht nur Anglizismen, sondern Abtrünnige aus allen möglichen Sprachen, die es sich bei uns bequem gemacht hatten, durchsetzten seine Sprache.
Ach ja – es sah so aus, als hätte auch sie sich über die Jahre seine verschrobene Sprechweise zu eigen gemacht. Zumindest in Gedanken redete sie jetzt gerade wie er. Das hätte ihm Freude gemacht. Sie musste lächeln.
Vor allem deshalb konnte sie sich an die erste Begegnung nicht erinnern, weil sie ihr bedeutungslos erschienen war. Er selbst war ihr bedeutungslos erschienen. Uninteressant und uninteressiert, ein Sesselpupser, der ganz offenbar keine rechte Freude bei seiner Arbeit empfand.
Tatsächlich war das Beantworten von Nachfragen zu alten gelösten und ungelösten Fällen nicht sonderlich aufregend, das Schreiben von Berichten war auch nicht gerade das, was man sich unter spannender Polizeiarbeit vorstellte. Immerhin war es für sie als Anfängerin nicht ganz falsch, den Ermittlungsverlauf und die Aufklärung so manchen Mordes nachzuvollziehen. Wie ein Krimi las sich das allerdings nicht.
Aber dann kam ihr erster gemeinsamer Fall. Wenn sie spontan auch nicht hätte sagen können, in welchem Jahr das gewesen war, so konnte sie sich ansonsten doch an jedes Detail dieses Spätsommertages genau erinnern. Es war, als sei es gerade gestern – nun, vielleicht auch eher vorgestern gewesen:
Der Radiowecker zeigte genau halb fünf, als das Telefon viel zu früh seine Funktion übernahm.
»Benson«, raunte sie mürrisch in die Sprechmuschel. Warum hatte sie das blöde Gerät bloß neben ihrem Bett stehen wie diese übereifrigen Inspektoren, Kommissare und Detektive in den Krimiserien? Sonst hätte sie es vielleicht überhören können, möglicherweise auch einfach ignorieren. Es war noch so furchtbar früh. Zu spät!
»Stehen sie auf, Benson und ziehen sich an! Ich hole Sie in einer Viertelstunde ab. Wir haben einen Fall!« Das war nicht die Stimme des angeödeten Kommissar König, die sie in den letzten Wochen kennengelernt hatte. Das war Energie, das war Schwung und Dynamik, das war, ja, ganz klar: Das war der König!
Sie fuhr sich mit der Hand über ihr Gesicht und versuchte wenigstens einen Teil seines durch das Telefon geschwappten Elans zu nutzen, um ihren halbwachen Körper aus dem Bett zu bekommen. Nur kurz drehte sie die Dusche auf kalt, womit es ihr gelang den größten Teil des Schlafes aus ihren Gliedern zu spülen.
Die Zweifel, ob sie den richtigen Beruf gewählt hatte, blieben allerdings, bis sie mit nur noch leicht feuchten Haaren auf dem Beifahrersitz von Königs rentnerfarbigem Golf saß. Eine Kurzhaarfrisur hatte Vorteile, wenn man keine Zeit zum Föhnen hatte.
Seine strahlend braunen Augen sprühten, sein Kinn hatte plötzlich einen fast kantigen Ausdruck. Und hatte der Meckischnitt seines kurzen schwarzen Haares gestern beinahe noch dazu verleitet ihm über den Kopf zu wuscheln, so machte es jetzt den Eindruck, als würde dieselbe Geste einem unweigerlich einen elektrischen Schlag versetzen.
»Benson, es geht los! Kennen Sie sich mit Studentenverbindungen aus?«
»Studentenverbindungen? Gibt es so was überhaupt noch?«
»Gut, dann ist es für uns beide etwas Neues«, grinste König, während er aus der Hubertusallee in die holprige Seitenstraße einbog, in der sich durch Blaulicht unübersehbar markiert der Tatort befand.
Untersberg war eine vornehme Wohngegend, in der es keine ärmlichen Hütten gab. Aber dieses Haus wirkte wie der Hahn im Hühnerhaufen, wie ein Diamant unter Halbedelsteinen. Ein wirkliches Juwel, eine herrschaftliche Villa, gebaut aus dunkelgelben Ziegeln. Zierliche Erker und Türmchen lockerten die Fassade auf, in Blei gefasste Butzenscheiben verliehen den Fenstern des Hochparterres einen elegant-nostalgischen Anstrich und eine geschwungene Freitreppe führte hinauf zu einer von Pilastern eingerahmten massiven Eichenholztür. Portal war ein Begriff, der ihr passend erschien. Daneben prangte ein Wappen mit Helm und wallendem Federbausch darauf, darüber eine Fahnenstange mit schlaff herabhängendem Banner. Ein kleines Schloss.
Am Kopf der Treppe erwartete sie ein uniformierter Beamter.
»Guten Morgen, Herr Kommissar! Sie werden es nicht glauben, aber wir haben eine Leiche im Keller.«
Er schien König zu kennen, denn dies traf genau seine Ader für etwas schrulligen Humor. Dass er ihr keinerlei Beachtung zukommen ließ, ärgerte sie schon ein bisschen. Umso mehr freute sie sich über die gutgelaunte Antwort des Kommissars:
»Werner, Werner! So früh am Morgen schon so voller Esprit und so arm an Galanterie. Darf ich Ihnen Frau Benson vorstellen, meine neue Mitarbeiterin?«
»Oh, Verzeihung! Weber, Polizeiobermeister Werner Weber.« Da es noch nicht so recht hell war, konnte man das leichte Erröten eher hören als sehen. »Freut mich, Sie kennenzulernen. Herzlich willkommen im Team, äh, will sagen…« Was er sagen wollte, schien er nicht zu wissen, denn er drehte sich um, öffnete die schwere Holztür und ließ sie ein in ein großzügiges Foyer.
Zwei Kleiderständer, zwei Reihen Garderobenhaken. Platz für viele Mäntel. Durch die weißen Felder der Buntglasfenster blitzte permanent das Blaulicht des Streifenwagens seine Unruhe in die behäbige Atmosphäre. In die hintere Ecke der geräumigen Vorhalle mündete ein schlecht beleuchteter Flur. Eine Treppe, deren dunklem Holz man das Knarren von Jahrhunderten oder wenigstens Jahrzehnten förmlich anzusehen glaubte, führte nach oben, eine steinerne nach unten ins Souterrain. Der strapazierfähige dunkelgrüne Teppich, der auf den Stufen beider Treppen verlegt war, glich dem des Flures und des Vorraumes, in dem sie jetzt standen, und verlieh dem Ensemble den Anstrich eines herrschaftlichen Palastes.
»Am besten, Sie kommen mit nach unten und sehen es sich selber an. Es ist etwas, nun, etwas ungewöhnlich. Wenn man bei Mord überhaupt jemals von gewöhnlich reden kann.«
»Nein«, antworte König, »gewöhnlich kann man bei einem Mord nicht von gewöhnlich reden.«
Sie sah von Weber zu ihrem Vorgesetzten. Der grinste breit, legte ihnen beiden eine Hand auf die Schulter und gemeinsam begaben sie sich hinab in die Tiefen des Verbindungshauses. Eine derart vertrauliche Geste war sie nicht von ihm gewohnt, aber es ging etwas Väterliches davon aus, etwas Gemeinschaft Schaffendes und etwas Beruhigendes. Erst später wurde ihr klar, wie gut es ihr tat, ihrer ersten Leiche nicht allein begegnen zu müssen.
Weber hatte Recht gehabt: Alles war etwas ungewöhnlich. Oder wenigstens fast alles.
Am Fuß der Treppe meinte sie zunächst, in einen englischen Pub geraten zu sein: Ein polierter Tresen mit lackiertem Holzaufbau, an dem oben die Gläser hingen, bestimmte das Bild. Davor ein paar Barhocker, an der Wand zwei Spiegel mit aufgedruckter Bierreklame, ein gerahmtes Schwarzweißfoto des Hauses, das sie gerade betreten hatten, dessen Gelbstich sein würdevolles Alter beweisen wollte und wieder das Wappen, das sie an der Eingangstür gesehen hatte. In seiner Mitte prangte ein Zeichen aus verschlungenen Buchstaben mit einem Ausrufezeichen dahinter.
Zwei unauffällige Türen mit eindeutigen Piktogrammen ließen keinen Zweifel an der Funktion der dahinter liegenden Räume. Eine eher schwere Holztür mit eingelassener Rauchglasscheibe trug in gusseisernen Frakturbuchstaben die Aufschrift `Chargenzimmer´.
Das alles konnte man vielleicht noch als gut ausgestatteten Partykeller durchgehen lassen. Der eigentliche Tatort lag aber hinter einer zurzeit offenstehenden breiten Schiebetür: Der riesige holzgetäfelte Raum, der als Kulisse jedem Mantel- und Degenfilm Ehre gemacht hätte, eigentlich eher ein Saal als ein Raum, roch nach verschüttetem Bier und kaltem Rauch. Ein paar leere und halbleere Biergläser auf der langen uförmigen Tafel, Flecken und Brandlöcher auf und in der weißen Papierdecke, übervolle Aschenbecher und niedergebrannte Kerzen in silbernen Ständern zeugten davon, dass hier ein echtes Saufgelage in zumindest anfangs stilvollem Ambiente stattgefunden haben musste. Und mitten in diesem Saal lag, beleuchtet durch das Schummerlicht eines Dutzends heruntergedimmter gelblicher Wandlampen, ausgestreckt ein Mann in Uniform.
Aus welchem Jahrhundert die dunkelgrüne mit dreifarbigen Kordeln reich besetzte Jacke stammen mochte, vermochte sie nicht einmal zu schätzen. Die langen weißen Handschuhe und die bis über die Knie reichenden Stulpen der schwarzen Stiefel über der weißen Hose erinnerten sie an Klaus Wussow als `Kurier der Kaiserin´, und schräg über den selbst im Tode und in dieser Verkleidung noch sportlich wirkenden Oberkörper wand sich eine mächtige grün-gelb-schwarze Schärpe.
Das Gesicht des der Geschichte entstiegenen Reiteroffiziers war nicht zu erkennen. Halb verdeckt durch reichhaltige Wellen vollen blonden Haares lag über dem Rest eine Art Pelzkragen oder eher der Schwanz eines Pelztieres. Befestigt war er an einem unterdimensionierten Hütchen, wie es in älteren Filmen von Hotelpagen getragen wurde, und das jetzt vom Kopf des Toten gerutscht war. Ebenfalls in dunkelgrün. Darauf eingestickt in Silber das merkwürdige Zeichen aus ineinander verschlungenen Buchstaben, das sie auch auf dem Wappen gesehen hatte.
Aus dem Unterleib des Mannes ragte senkrecht nach oben ein Säbel oder kräftiger Degen mit einem riesigen Schutzkorb um den Griff. Natürlich auch er in grün-gelbschwarz.
»Und ich dachte, Duelle seien verboten«, kommentierte König mit einem leichten Druck seiner Hände, bevor er sie von ihren Schultern nahm.
»Nur außer Mode gekommen, Herr Kommissar«, antwortete Weber, ohne dass sein Humor auch nur die Spur eines Lächelns auf seinem Gesicht zurückließ.
Warum standen die beiden nur hier herum und machten blöde Späße, anstatt sich um das Verbrechen zu kümmern?
Natürlich – nichts anfassen, bis die Spurensicherung kommt. Aber musste man sich nicht gleich an die Feststellung der näheren Umstände machen? Wer hatte den Tod gemeldet? Kannte man den Toten? Wer hatte ihn zuletzt gesehen? Hatte er Feinde? Und vor allem:
»Das ist ein Sexualmord«, platzte sie heraus, »also nein, kein eigentlicher Sexualmord. Ich meine einen Mord, der mit Sexualität zu tun hat. Der Degen da ist doch wie ein Symbol. Ein erigierter Phallus! Seine Hände scheinen noch danach zu greifen. Vielleicht hat er jemanden vergewaltigt, der sich jetzt gerächt hat, oder…«
»Gemach, gemach, meine Liebe!« Königs Hand legte sich auf ihren Unterarm. Jetzt fühlte sich der Körperkontakt beinahe wie ein sexueller Übergriff an. Reflexartig zog sie ihren Arm weg. Entschuldigend hob er beide Hände. »Ah, merken Sie, was passiert ist? Sie sind in die emotionale Falle dieses Szenarios hier getappt. Sie spüren sexualisierte Gewalt, aber wir wissen noch gar nichts. Und deshalb vergessen Sie jetzt bitte alles, was sie eben geäußert haben und behalten es gut im Gedächtnis!«
Verblüfft schaute sie ihn an. »Wie meinen Sie das? Soll ich´s jetzt vergessen oder behalten? Ist es blöd oder pfiffig? Oder…«, sie zögerte einen Moment, »…bin ich einfach nur zu vorlaut?«
König lächelte gutmütig, Weber nickte anerkennend. Nicht spöttisch, sondern anerkennend. Sie hatte keine Ahnung, wie er das machte, aber schon bevor der Kommissar ihr eine Antwort geben konnte, wusste sie, dass sie keineswegs etwas Blödes gesagt hatte. Vielleicht war alles etwas schnell aus ihr herausgesprudelt, aber das nahm man ihr augenscheinlich nicht übel. Dass sie das selbst gemerkt hatte, rechnete man ihr hingegen hoch an.
»Es ist so«, erläuterte König in ruhigem Tonfall: »Die Gesamtsituation ist wichtig und es ist richtig, Gedankenassoziationen zuzulassen, sich in die Situation hineinzufühlen und Ihre Intuition zu akzeptieren. Die brauchen Sie später. Wenn nur noch ein Kreideumriss von dem Verbrechen berichtet, kann man das nicht mehr nachholen. Aber das Intuieren darf uns nicht am klaren Denken hindern.«
»Hm«, machte sie.
Ihr Chef hatte die Frage verstanden: »Warum? Man findet immer das, und meistens nur das, wonach man sucht. Deshalb: Kopf frei, dann suchen wir nach allem und finden alles. Na ja, vielleicht vieles. Aber die Suche nach Spuren wird immerhin eine Spur objektiver.«
`Aha´, dachte sie. Erstmal objektiv bleiben. Nüchtern. Klar. Ruhig. Sie nickte bekräftigend. Hoffentlich könnte sie sich in Zukunft daran erinnern zu vergessen, woran sie sich erinnern sollte nachdem sie es vergessen hatte. Könige schienen nicht zu denken wie normale Menschen.
»Eine Etage höher ist der sogenannte Salon«, meldete sich Weber wieder. Dort sitzen fünf junge Männer, auch derjenige, der den Mord gemeldet hat. Es hat hier unten eine größere Festivität gegeben, nach deren Ende die fünf oben noch etwas gemeinsam getrunken haben.
Das Opfer heißt Stefan Latter, wohnhaft hier im Haus. Er war nach dieser Trinkveranstaltung wohl alleine unten geblieben. Als zwei von den anderen nach ihm sehen wollten, lag er so da. Einer von ihnen, ein Herr Humpf, ist dann gleich nach oben gegangen, um uns zu rufen. Oben auf dem Flur gibt es ein Telefon. Das war genau um…Moment…« Weber zog ein polizeigrünes Notizheftchen aus der Uniformtasche und vergewisserte sich. »Genau um drei Uhr vierundzwanzig. Er hat uns direkt auf dem Revier angerufen. Nicht über die eins-eins-null.
Als wir gegen viertel vor vier hier angerückt sind, standen alle genau da, wo wir jetzt stehen und redeten wild durcheinander. Muss sie ganz schön geschockt haben, der Anblick. Immerhin kannten sie ihn alle.
Damit sie keine Spuren vernichten, oder zumindest keine weiteren Spuren vernichten, habe ich sie nach oben geschickt. Sie sind sämtlich nicht mehr ganz nüchtern oder besser gesagt ordentlich alkoholisiert. Genau genommen ist es ein Wunder, dass niemand bei diesem skurrilen Anblick hier aufs Parkett kotzen musste. Das hätte gerade noch gefehlt!«
»Ich nehme an, Ihr Streifenkollege wartet oben bei den Zeugen?«
»Nein, die brauchen keine Bewachung, also habe ich ihn nach Hause geschickt. Er hat es nicht so weit, also ist er zu Fuß los. Die Nacht war lang genug. Hier gabs ja nichts weiter zu tun, als zu warten.«
»Lassen Sie das mal nicht Ihren Chef hören!«
»Da hoffe ich stark auf die Diskretion der ermittelnden Kommissare.« Er schaute ihr mit ernstem Gesicht in die Augen. Die etwas hochgezogene linke Augenbraue schien die Wichtigkeit ihres nicht gegebenen Versprechens und den Ernst der Lage zu betonen. Sicherheitshalber schenkte sie ihm ein bestätigendes Nicken.
»Na dann«, Königs Stimme klang aufmunternd, »schauen wir mal, was uns im Herrensalon dort oben erwartet. Wollen wir?«
2. Kapitel
Der Salon
Der Salon strahlte Gemütlichkeit, Ruhe und Bildung aus. Dunkelgrüne Ledersessel, samtgepolsterte Biedermeierstühle, zwei polierte Couchtische mit Gläsern und Aschenbechern darauf, ein Billardtisch. An den Wänden vermittelten altmodische offene Regalschränke einen Anflug von verschlafen gelehrter Bibliotheksatmosphäre. Sie waren gefüllt mit ledergebundenen Büchern, die den beruhigenden Eindruck erweckten, schon immer dort gestanden zu haben. Es lag aber kein sichtbares Körnchen Staub auf den Brettern, die jetzt hier ihre Welt bedeuteten. Glückliche, gepflegte Bücher.
Zwischen den Schränken hing wieder das offenbar unvermeidliche Wappen. Neben dem Butzenfenster behauptete eine dunkelbraune Standuhr mit Pendel und zapfenförmigen Gewichten in einem Glaskasten stolz ihren Platz. Kein anderes Möbelstück wagte sich in ihre Nähe.
Gediegen. Das Wort war ihr nicht sofort eingefallen, aber jetzt fand sie es sehr treffend für das Ambiente. Außerdem war die gesamte Einrichtung das genaue Gegenteil von allem, was man als billig bezeichnen würde.
Da ihr der Kommissar ja erlaubt hatte, ihren Geist zunächst etwas assoziativ schweifen zu lassen, ließ sie den Gesamteindruck des edel ausgestatteten Raumes auf sich wirken. Mit einem Mal stand sie in ihren Gedanken mitten in Dagobert Ducks Milliardärsclub. Dort traf sich die vermeintliche Elite von Entenhausen, die sich aufgrund ihres finanziellen Reichtums für etwas Besseres hielt und tatsächlich doch nichts war als Witzfiguren in einer Bildergeschichte.
Sie musste schmunzeln. Hatte sie es hier mit arroganten Enten zu tun? Arroganten, betrunkenen Enten? Die Männer, die hier saßen, machten jedenfalls ganz und gar keinen gediegenen Eindruck. Zugegeben: Alle waren sie sehr vornehm gekleidet. Drei von ihnen in schwarzem Anzug, weißem Hemd und silbergrauer Krawatte. Die beiden anderen trugen ebensolche dunkelgrünen Paradeuniformen wie das Opfer, nur dass die breite Schärpe durch ein schmales Band in den gleichen drei Farben ersetzt war. Auch eher ein Gala- als ein Alltagsoutfit.
Dennoch hatte man das Gefühl, alle fünf seien in einer billigen Spelunke vielleicht weniger deplatziert gewesen, als in diesem noblen Salon. Gelöste Schlipsknoten, offene Knöpfe, befleckte Hemden, rote oder glasige Augen und vor allem der Atemgeruch, der die Fahne draußen am Mast wie einen winzigen Wimpel erscheinen ließ – all das passte nicht in diese elegante Umgebung.
Sie hatte schon viele Betrunkene gesehen. Aber auch die Auswirkung der Trunkenheit auf diese jungen Männer fand sie etwas ungewöhnlich:
Alkohol hatte normalerweise die Eigenschaft, den Muskeltonus herabzusetzen. Stark alkoholisierte Personen zeigten für gewöhnlich eine schlaffe Körperhaltung, hingen in ihren Sitzen, wenn sie denn überhaupt noch sitzen konnten, die Augen fielen ihnen zu, ein artikuliertes Sprechen war kaum möglich. Wie anders waren diese Männer!
Geradezu verkrampft wirkte ihre angespannte Muskulatur, die Körperhaltung war nach vorne gerichtet und aufrecht, beinahe aufgerissene Augen zeigten kein Anzeichen von Müdigkeit.
Doch! Auch diese Säufer kannte sie. Kurz vor einer Schlägerei, wenn das Adrenalin mit dem Alkohol in Konkurrenz geriet. Eine fatale Kombination. War der Anblick ihres so schrecklich getöteten Freundes oder Saufkumpanen der Grund für einen Adrenalinstoß gewesen?
»Guten Morgen, meine Herren! Obwohl ich hier ja schon vor Ihnen stehe, möchte ich mich Ihnen erst einmal vorstellen. Mein Name ist Hauptkommissar König von der Mordkommission und dies ist meine reizende Assistentin Frau Benson.«
Was für eine blöde Formulierung! Sie waren doch nicht im Zirkus, und schon gar nicht war sie ein leicht bekleidetes, dummes Mädchen, das sich zersägen lassen würde, um die Zauberkunst eines Magiers zur Geltung zu bringen, oder durch ihre makellose Unversehrtheit die Präzision eines Messerwerfers zu betonen. Immerhin schien sich die Spannung, die auf den jungen Männern lag, etwas zu lösen. Sie sah Hände Stuhllehnen loslassen, sie sah Rücken sich in Sessel zurücklehnen. Ein Bein hörte auf, nervös auf und ab zu wippen, Gesichtszüge lockerten sich.
Aber war es wirklich die Belustigung über Königs schräges Wortspiel, die ein Lächeln auf die Gesichter gezaubert hatte, oder grinste man sie überheblich an? Ein unangenehmes Gefühl kribbelte aus ihrem Genick in den Hinterkopf. Es fühlte sich an, als stellten sich ihre Nackenhaare ein klein wenig auf. Sicherlich konnte man das nicht sehen, aber vielleicht spürte ihr Chef ja auch ohne solch eine visuelle Wahrnehmung, dass ihr diese Einführung so gar nicht gefallen hatte.
»Gut«, fuhr er fort, »wenn ich es richtig verstanden habe, haben Sie alle den Abend hier gemeinsam verbracht und bis jetzt wohl auch den Morgen.
Bevor Sie nun alle durcheinander sprechen, möchten Kriminalkommissarin Benson und ich uns mit Ihnen einzeln unterhalten. Gibt es einen Raum, wo wir Ihnen ungestört ein paar Fragen stellen können? Hier oben, meine ich?«
Der Kommissar blickte freundlich in die Runde, die jungen Männer schauten sich gegenseitig an.
»Klar, die Küche«, schlug einer der zwei vermeintlichen Reiteroffiziere vor und deutete den dunklen Flur entlang. Er war relativ groß, größer als ihr Chef, ein athletischer Typ: Sportlich schlanke Erscheinung, keineswegs dürr, aber eben auch nicht dick. Seine rotgeäderten Augen hatten einen erstaunlich wachen, hellen Ausdruck und mit seinen kurzen schwarzen Haaren und der blassen Haut hätte er gut als Vampir durchgehen können. »Nicht sehr gemütlich natürlich, aber wenn wir Stühle mitnehmen, müsste es gehen.«
»Ja, vielen Dank, Herr…«
»Dromski, Dirk Dromski.« Der junge Mann erhob sich leicht schwankend, stand dann stramm wie ein Soldat und hob die rechte Hand zum zackig-militärischen Gruß an die Stirn, wo vermutlich das dunkelgrüne Käppchen gesessen hätte, wenn es nicht bis an seinen Hals herabgerutscht wäre. Dort baumelte es jetzt an einem Gummiband. »Ich bin der Consenior!«
»Aha«, machte König, »der Consenior. Und was bedeutet das, `Consenior´?«
»Habe die Ehre, den Herrn Hauptkommissar über die Verwaltungsstruktur einer studentischen Verbindung aufklären zu dürfen. Die studentischen Belange der Aktivitas, also der studierenden Studenten, inklusive der inaktiven Bundesbrüder nicht aber der Alten Herren, werden durch das hohe Chargenkabinett wahrgenommen und geleitet. Dort sitzt der Senior«, er deutete auf den zweiten grün gekleideten oder eher verkleideten Studenten, »der Fuchsmajor ist… ach du Scheiße!«
Er wurde noch eine Spur blasser und ließ sich in seinen Stuhl zurück sacken. »Schwengel ist unser Fuchsmajor«, hauchte er durch seine vor das Gesicht geschlagenen Hände.
»Schwengel?« König zog seine Stirn in Furchen.
»Schwengel ist sein Biername. Stefan, der da unten im Keller liegt. Stefan ist unser – war unser Fuchsmajor.« Er schüttelte den Kopf. Ihr hingegen schwirrte der ihre. Was war das nur für ein merkwürdiger Verein? »Wenn Sie es genau wissen wollen«, fuhr der mehr als wohlbeleibte Student mit kurzatmiger Stimme fort, während er sich unter Ächzen umdrehte und in eine Schublade des Bücherschrankes griff, »hier hinten stehen die Namen aller unserer Chargen drauf.«
Er reichte ihr und dem Kommissar beiden ein dünnes Heftchen in halbem Taschenbuchformat, so wie es aussah, ein Veranstaltungsprogramm. »Das da vorne auf dem Wappen ist unser Zirkel. War früher mal ein Geheimzeichen. So was hat jede Verbindung.«
Unter dem allgegenwärtigen Wappen, das sie zuerst draußen an der Tür gesehen hatten, stand in verschnörkelten Buchstaben `KdStV Pangermania´. Wohl der Name der Verbindung. Schräg über die linke obere Ecke lief ein dreifarbiges Band. Sie schlug die erste Seite auf.
`Hiermit erlauben wir uns pro tota congregatione unseren ehrenwerten Gästen, den hochverehrten Damen sowie perspicue allen Cartell- und Bundesbrüdern das Semesterprogramm einer verehrlichen KdStV Pangermania im CV zu dedizieren.´ Alles schien so verkorkst, so altmodisch, so… Ob es doch ein Duell gewesen war?