Rosanne Parry

Als der Wolf den Wald verließ

Mit Illustrationen von Mónica Armiño

Aus dem Englischen von Petra Knese

Für alle Wanderer,
die ein Zuhause suchen

Inhalt

VORWORT

DAS RUDEL

BEOBACHTEN

GEGNER

DER KAMPF

DER HIRSCH

SCHMERZ

DER RABE

GEFUNDEN

BLITZSCHLAG

DIE SCHLUCHT

DER HALBWOLF

FRESSEN

ANGST

WASSER

DER BERG

DIE JAGD

DIE FÄHRTE

RENNEN

HEULEN

DAS RUDEL

DIE WAHRE GESCHICHTE ÜBER DEN WOLF WANDER

WAS DU ÜBER WÖLFE WISSEN MUSST

DAS RUDEL

DAS REVIER

DIE BEUTE

WOLFSSPUR

WANDERS LEBENSRAUM

WÖLFE IN DEUTSCHLAND

DANK

VORWORT

Wanderungen sind der Herzschlag der Welt. Der kleine Monarchfalter, der nicht mal ein halbes Gramm wiegt, legt fast fünftausend Kilometer zurück – die gleiche Strecke wie der riesige Grauwal, der vierzig Tonnen auf die Waage bringt. Tiere wandern, um Nahrung und Unterschlupf zu finden und um sich fortzupflanzen. Sie wandern, wenn andere Tiere ihr Territorium bedrohen oder das Revier zu klein wird; wenn sich das Klima ändert, Menschen ihren Lebensraum beanspruchen oder Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Stürme, Erdbeben oder Waldbrände sie vertreiben.

Auch wir Menschen wandern – und die Gründe sind oft dieselben: um woanders Arbeit, Nahrung oder eine Unterkunft zu finden; um Kriegen und Naturkatastrophen zu entkommen; um näher bei unseren Liebsten zu sein und in Sicherheit und Frieden zu leben.

Ich hoffe, meine Wolfsgeschichte erreicht viele Leser, die aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wurden und auf der Suche nach einer neuen Heimat sind.

Rosanne Parry

DAS RUDEL

Um mich ist es dunkel, und alles, was ich weiß, weiß ich durch meine Nase. Ich habe einen Bruder, Fang. Er ist größer als ich und immer knurrig. Ich habe auch Schwestern: Sturm, die sich gern balgt, und Wedel, die alles mit ihrer Rute sagt. Mein Lieblingsbruder ist Flausch. Er ist der einzige, der noch kleiner ist als ich, und rollt sich gerne unter meiner Schnauze zusammen.

Während die anderen dösen, erkunde ich den Bau. Schnüffle an meinen Geschwistern, an der feuchten Erde über uns und dem trockenen Gras am Boden. Laufe durch den Gang. Sie nennen mich Flink, weil ich so schnell bin und als Erster stehen und laufen konnte. Doch wohin meine Beine mich auch tragen, am Ende zieht es mich immer wieder zurück zu der kleinen Kuhle in der Mitte der Höhle, zu dem Geruch von Zuhause. Daran kann ich mich nicht sattriechen.

Von draußen kommt der beste Duft von allen hereingeweht: Mutter. Sie dreht sich einmal im Kreis und begrüßt uns reihum mit einem Nasenstupser, bevor sie sich in die Schlafmulde legt. Fang, Sturm und Wedel stürzen zu ihr, um zu trinken. Ich hätte der Erste an ihrem Bauch sein können, aber Mutters Fell ist so voller Gerüche! Von ihrer Flanke über den Nacken bis zu ihrem brummig-warmen Atem sind überall namenlose Gerüche, Gerüche von der Welt außerhalb des Baus. So gern würde ich meine Nase durch das Nicht-Weiter nach draußen strecken, dahin, wo das Licht herkommt. Mutter hat jedoch gesagt: »Bis hierher und nicht weiter!«

Wenn ich mich jetzt nicht beeile, bekomme ich kein Mittagessen. Flausch kriecht gerade zum letzten Trinkplatz an Mutters Bauch, aber ich komme ihm zuvor. Und dann – ahhh! – trinke ich in kräftigen Zügen, schlucke, schlürfe und schmatze. Während wir trinken, singt Mutter uns vor, von der weiten Welt außerhalb der Höhle, vom Leben in den Bergen. Ich sauge ihr Lied in mich auf wie die Luft, wie die Milch: Rudel, Berge, Hirsche, Sterne, Wind, Regen, Heulen, Jagen, Berge, Rudel.

Wie immer krabbelt Flausch unter mich. Winselnd drückt er mit seinem Kopf meine Schnauze hoch. Zack! Mein Trinkplatz ist weg. Mit nur halb vollem Bauch ziehe ich weiter. Bei Fang versuche ich es erst gar nicht. Er ist groß und knurrt nicht bloß, er beißt auch! Ich versetze Sturm einen Stupser, aber sie tritt mir gegen den Kopf. Bei Wedel habe ich mehr Glück. Sie stößt daraufhin Sturm weg, die schubst Fang beiseite und der geht mit gebleckten Zähnen auf Flausch los. Was das heißt, wissen wir alle: »Meins!«

Flausch zieht sich zurück und rollt sich in einer Ecke zusammen. Einer nach dem anderen sinken wir mit vollen Bäuchen in den Schlaf. Doch bevor ich ganz wegdöse, rüttelt mich ein süßer Duft noch einmal auf. Gähnend recke ich die Nase und … tatsächlich. Es gibt noch mehr Milch. Und ich kann sie mir holen. Wenn ich mehr Milch trinke, werde ich wachsen und größer als Fang werden. An jedem Trinkplatz ist noch ein Schluck. Und jetzt weiß ich etwas, das meine Geschwister nicht wissen: Die letzte Milch ist am süßesten. Ich schlecke mir die Tropfen vom Kinn und schmiege mich schützend um Flausch, damit im Dunkeln keiner auf ihn tritt.

»Erzähl es mir noch einmal«, bitte ich Mutter und deute mit der Schnauze in Richtung des Nicht-Weiter. »Wann darf ich hinaus?«

»Draußen geht es rau zu. In unserem Revier gibt es viele hungrige Mäuler«, sagt sie. »Und du bist ein zarter Leckerbissen, mein kleiner Wolf. Du musst erst noch ein bisschen größer werden.« Durch das Nicht-Weiter fällt sanftes Licht herein. Mutter seufzt. »Warte, bis du groß genug bist, einen Kampf zu bestehen.«

Ich unterdrücke ein Gähnen und recke mich nach dem Licht. Ich will nicht länger warten. Meine Geschwister schlafen, ihr Atem geht ruhig. Auch mir wird der Kopf schwer, aber ich will noch nicht schlafen.

»Erzähl mir mehr.«

»Das Rudel gehört zu den Bergen und die Berge gehören zum Rudel«, beginnt Mutter. »Und der Wolfsstern scheint für uns alle.«

Ich höre ihr zu. Allmählich gleite ich hinüber ins Reich der Träume.

Und so schlafe ich, trinke ich und schlafe wieder, bis ich eines Tages aufwache und Mutter fort ist. Durch das Nicht-Weiter dringt kühles weißes Licht. Ich schnuppere alles ab, uns, die Erde, das Gras und Mutters Geruch in der Schlafkuhle. Alles da. Alles, wie es sein soll.

Außer meinem leeren Bauch. Ich spüre, wie er hin und her schwingt, als ich durch die Höhle laufe. Es wird immer enger hier. Es gibt keine neuen Gerüche, bloß immer größere Körper, über die man stolpert. Fang ist nach wie vor der Größte von uns.

So lange hat Mutter uns noch nie allein gelassen. Flausch winselt und reibt den Kopf an meiner Schulter.

»Das Rudel gehört zu den Bergen. Die Berge gehören zum Rudel«, sagt Wedel.

»Und der Wolfsstern scheint für uns alle«, stimmt Flausch ein.

So erzählen sich die beiden unsere Geschichte.

Fang tut so, als würde es ihn nicht kümmern, dass Mutter fort ist, und vergräbt die Zähne in Sturm, um zu testen, ob sie vielleicht gut schmeckt. Es gelingt ihr, ihn zu Boden zu werfen. Ich strecke meine Schnauze durch das Nicht-Weiter, weil ich herausfinden will, wie weit ein Welpe kommt. Flausch zittert vor Angst. Mir egal. Ich schiebe mich ein kleines Stückchen durch das Nicht-Weiter. Eine Pfote. Kopf und Schultern. Alle Pfoten!

Neue Gerüche kribbeln mir in der Nase. An der dunklen Decke der großen Höhle draußen leuchtet weit oben etwas Rundes, drum herum flimmern Funken. Und zwar jede Menge Funken. Viel mehr als alle Ruten, die ich bisher gesehen habe. Mehr als alle Pfoten, sogar mehr als alle Krallen, Pfoten und Ruten zusammen. Ich bin wie gebannt.

Die kühle Luft erzählt mir von Dingen, die ich bislang nur aus Mutters Geschichten kenne: Kiefer, Maus, Eule, Tanne, Heidelbeere, Wasser. Und noch mehr fernen Dingen, für die ich keine Namen habe.

Ich rücke ein wenig vor, obwohl Flausch mich warnend anstupst. »Nicht weiter!«

Ducken. Verharren. Da ist ein fremder Wolf.

Schnüffeln. Verharren. Kein Mutterduft.

Schnüffeln. Wedeln. Verharren.

Den Geruch des Wolfes habe ich schon an Mutters Fell bemerkt. Er gehört zum Rudel. Ich schiebe mich vorwärts.

»Nicht weiter!«

Flausch hat sich verängstigt tief in die Höhle zurückgezogen, ich dagegen kann nicht aufhören, aufgeregt zu wedeln. Erde rieselt von der Höhlendecke, als meine Rute dagegen schlägt.

»Still!«

Schnauze auf den Boden. Ich will mich gar nicht ducken. Doch seine Stimme drückt mich hinunter.

»Horch«, sagt der Wolf, der uns bewacht, etwas milder diesmal.

Ich stelle die Ohren auf. Mit den Gerüchen bringt der Wind auch Geräusche. Rauschen und Rascheln in den Bäumen. Getrippel und Schuhu-Rufe eines Vogels von weit her. Und dann ein Heulen. Wa-huuuuuu! Mir sträubt sich das Fell, den Klang kenne ich aus meinen Träumen. Ich muss antworten, doch der Welpenwächter ahnt wohl, was in mir vorgeht.

»Still!«, sagt er. »Still!«

Ich schlucke das Heulen hinunter und setze mich. Lausche den neuen Geräuschen, vergesse den Hunger und warte. Auch der Welpenwächter wartet. Er pirscht umher, eine graue Gestalt zwischen den Bäumen und Felsen. In der Ferne rauscht Wasser, ganz nah schwirrt und zwitschert etwas. Und dazwischen ein Geräusch … schnelle Pfoten, wie mein Herzschlag. Es kommt näher. Und näher. Jetzt kann ich sie riechen: Mutter und die Wölfe unseres Rudels.

Fang, Wedel und Sturm drängen sich neben mich und winseln hungrig. Und dann erscheint Mutter. Das ganze Rudel taucht auf einer Anhöhe auf und rennt zu uns herunter.

Mutter! Stark und silbergrau, mit schwarzen Ohren und schwarzer Schwanzspitze. Die anderen reiben ihre Schultern an ihr. Neigen den Kopf und heulen ihren Namen. Der Wind trägt mir Mutters wilden, milchsüßen Geruch zu.

»Kommt«, sagt sie.

Meine Rute wedelt wie verrückt. »Nach draußen?« Ich will ganz sicher sein.

»Ja«, sagt sie. »Kommt raus.«

Bevor ich hinausstürzen kann, stößt Fang mich zur Seite und Sturm tritt mir auf den Hinterlauf. Zusammen schießen wir aus dem Bau, dass die Erde nur so auf Wedel und Flausch hinter uns spritzt.

Ich bin draußen.

Draußen!

Wie groß alles ist! Die schwarze Decke dieser neuen Höhle könnte man auch mit dem höchsten Sprung nicht erreichen.

Ich versuche es trotzdem. Der Wind fährt mir durchs Fell. Die anderen Wölfe beschnuppern mich von Kopf bis Schwanz. Ich nehme ihre Gerüche in mich auf: Schall, die Jägerin mit dem goldgelben Fell, der Welpenwächter Knurre, der nur langsam läuft und humpelt. Ich muss immerzu wedeln. Ich lecke über den Boden: Salz, Eisen, Asche. Zuhause.

Vater steht abseits. Graue Schnauze, schwarze Ohren und groß, groß, groß. Am Höhlenausgang habe ich seine Duftmarke gerochen. Ich weiß, ich sollte zu Vater gehen und ihn beschnuppern, aber er ist so groß und still.

Fang kommt mir zuvor. Er drängt sich an mir vorbei und schaut mich dabei von oben herab an, denn er ist einen Kopf größer als ich. Seine Rute zeigt wie immer steil nach oben, doch als er sich Vater nähert, sinkt sie hinab.

Mit gesenktem Kopf kriecht er zu ihm. Vater schnüffelt zweimal an ihm, knurrt kurz und schubst ihn weg. Fang dreht sich um, schnappt ein paar Mal drohend nach uns und knurrt: Er ist derjenige, der sich mit Vater beschnuppern darf. Nicht wir. Flausch fiept. Wedel gibt zwar keinen Laut von sich, aber ihr Schwanz hängt entmutigt herab. Nur Sturm lässt sich nichts sagen und stürzt sich auf Fang. Zweimal unterliegt sie, bevor sie ihn zu Boden ringt.

Ich schlüpfe an den anderen vorbei, um Vater mit erhobener Schnauze und aufgerichteter Rute zu begrüßen. Als ich mich ihm nähere, knickt meine Rute jedoch steinschwer hinab. Fast wäre ich umgekehrt und hätte mir Flausch zur Unterstützung geholt, aber manche Dinge muss ein Welpe allein schaffen.

Aus der Nähe ist Vaters Fell nicht bloß grau und schwarz, an der Brust ist es goldgelb und silbern über den Schultern. Dunkles Rot rinnt ihm von der Schnauze.

»Sohn«, knurrt er. »Meiner.«

Obwohl ich mich auf meine Rute setze, will sie nicht stillhalten. Tief atme ich Vaters Geruch ein, bis er einen Platz in meinem Gedächtnis findet, direkt neben dem von Mutter. Für ihn würde ich alles tun! Um ihm zu gefallen, drehe ich mich im Kreis. Springe, kläffe, wedle.

»Vater! Meiner!«

Es zieht mich zu dem Rot an seiner Schnauze, das mich so hungrig macht wie der Duft von Mutters Milch. Doch dieser Geruch ist anders. Kräftiger. Unwiderstehlich. Ich stupse Vater mit der Nase an. Lecke ihm über die Schnauze. Er beugt sich zu mir und öffnet das Maul weit. Ein roter, saftiger Klumpen fällt heraus. Er dampft. So etwas habe ich noch nie zuvor gerochen. Aber Vater hat es mir gegeben.

Schnüffel? Schnüffel!

Je länger ich an dem Klumpen rieche, desto mehr Gefallen finde ich daran. Ich stecke die Schnauze hinein, reibe mich daran. Mutter ruft meine Geschwister zu sich und lässt sie an ihrem Maul schnuppern. Auch sie spuckt einen roten Klumpen aus. Sie ermuntert Wedel und Sturm, ihn zu kosten. Tante Schall macht das Gleiche mit Fang und Flausch. Ich widme mich wieder Vaters Geschenk.

Schleck, schleck, schleck.

Es schmeckt zart und köstlich. Nicht so süß wie Milch, aber so gut, dass ich schon wieder wedeln muss.

Knabbern? Knabbern.

Ganz schön anstrengend zu kauen. Schnapp-schnapp-schling-schling-schling-schluck. Ahhhhhh!

Auch Wedel, Sturm, Fang und Flausch machen sich über ihre Geschenke her, ihre Ruten stehen nicht still dabei. Ich fresse, bis ich fast platze, und rolle mich dann müde in Vaters Schatten zusammen. Vater stupst mich zurecht, bis ich genau vor seinen Pfoten liege.

»Hirsch«, sagt er. »Das Leben des Rudels.«

BEOBACHTEN

Das Rudel jagt den ganzen Sommer über. Wenn die anderen fort sind, passt Knurre auf uns auf. Kommt das Rudel zurück, gibt es für alle jede Menge dampfendes Hirschfleisch. Nach dem Fressen heulen wir. Das gefällt mir am besten. Vater fängt an, Mutter stimmt ein und dann auch Schall. Dann sträubt sich mir das Fell und ich wedle mit der Rute. Wir Welpen heulen zusammen, dabei recken wir wie Vater den Hals, jeder will den anderen übertönen. Wir holen tief Luft und versuchen, am längsten und am lautesten von allen zu heulen. Doch ob laut oder leise, lang oder kurz, unser Heulen schweißt uns zusammen. Wir alle sind das Rudel und dies hier ist unser Revier, unser Zuhause. Unsere Stimmen werden von den Bergen zurückgeworfen und steigen hinauf zum Wolfsstern. Ihr Klang stillt meinen Durst wie frisches Wasser.

Als Letzter lässt Knurre sein tiefes, wehmütiges Heulen erklingen. Er ist schon alt, bringt uns das Kämpfen bei und stiftet aber auch Frieden. Als sich die Wiese im Spätsommer gelb färbt, kann ich schon schneller rennen als er, und beim ersten Frost ist es so weit, dass er die Rute senkt, wenn ich mit den Vorderpfoten auf den Boden trommle und die Nackenhaare aufstelle.

Bei Fang gelingt mir das nicht, da kann ich machen, was ich will. Jeden Tag kämpfe ich mit ihm, aber er schlüpft mir immer wieder durch die Pfoten. Ich laufe weiter als er. Ich heule länger. Ich schlinge mehr Fleisch hinunter als alle anderen, trotzdem ist Fang größer und schwerer, lauter und stärker als ich. Bloß schneller ist er nicht. Mutter sieht, wie ich mich anstrenge, und leckt mir abends tröstend das Fell.

»Das Wichtigste ist, das Rudel mit Nahrung zu versorgen«, sagt sie. »Alles andere ist egal.«

Als der erste Schnee fällt, jage ich deshalb nicht den Flocken nach und schlittere auch nicht mit meinen Geschwistern über gefrorene Pfützen, sondern begleite Vater zu seinem Beobachtungsposten in die Berge. Mit Vater mitzuhalten, kostet mich viel Kraft, aber mit jedem Tag werde ich ausdauernder. Sobald wir den flachen Felsen an unserem Fluss erreicht haben, lasse ich mich zu Vaters Pfoten nieder. Vater beobachtet den Berghang und die Prärie, die sich daran anschließt. Und ich beobachte ihn.

Er lauscht den Schreien der Pumas, dem Jaulen der Kojoten und dem Krächzen der Raben. Er lauscht dem rauschenden Wasser, dem Planschen, Schnauben und Grunzen des Bären und dem Plitschplatsch des Lachses, der am Flussufer auf die Steine klatscht. Und dann dem zufriedenen Schmatzen des Bären, der den Fisch frisst. Ich lausche Vater.

Ein Eichhörnchen mit orangerotem Bauch flitzt von einem Baumstamm zum nächsten. Es ist schnell, aber ich bin schneller.

»Darf ich’s jagen, Vater?« Ich mache mich sprungbereit.

»Kannst du’s?«

Sofort mache ich einen großen Satz nach vorn. Im nächsten Augenblick ist das Eichhörnchen hinter dem Baum in Deckung gegangen und ich krache gegen den Stamm. Während ich langsam hinabrutsche, klettert es immer höher hinauf und hüpft von Ast zu Ast wie ein Vogel. Ich schüttle mir die Borke aus dem Fell.

Vater lacht mich nicht aus. Aber er wedelt ein wenig mit der Rute. Ich setze mich wieder und beobachte, wie mein Vater die Berge beobachtet. Der Wind bläst. Die Vögel wispern miteinander.

»Da, Vater! Da drüben!«

Ein kurzbeiniges, wieseliges Wesen überquert den Fluss. Es ist schwarz wie die Nacht mit einem breiten weißen Streifen vom Kopf bis zur Schwanzspitze und einem schmalen weißen Streifen von der Stirn bis zur Nase. Es ist ganz schön mollig. Es wird köstlich schmecken.

»Ich könnte es jagen. Ganz bestimmt.«

Ich mache mich bereit. Zwei Sätze, schon könnte ich das Wesen packen. Doch Vater drückt mich mit seiner Pranke zu Boden.

»Was hat Mutter dir über das Fressen weißer Sachen beigebracht?«

»Weiße Beeren …« Ich versuche, mich zu befreien. »Weiße Pilze … Lass die Pfoten davon, hat sie gesagt. Nicht mal dran lecken.«

Ich drehe und winde mich, aber Vater lässt mich nicht entkommen. Es kostet ihn nicht die geringste Kraft, sosehr ich mich auch abmühe. Ich schnaufe und keuche, ziehe und zerre, bis ich mich schließlich auf den Rücken rolle und ihm meine Kehle darbiete. Endlich lässt er mich los.

Ich springe auf, deute mit der Schnauze auf die Beute. »Das ist aber keine Beere. Und auch kein Pilz. Es läuft herum!«

»Ja, es läuft herum. Am helllichten Tag. Es zeigt uns seinen weißen Streifen und hat keine Angst. Was sagt dir das?«

Ich lasse die Rute hängen.

»Gift?«

»Schlimmer noch.«

Ich drücke mich flach auf die Erde und vergrabe den Kopf in den Pfoten.

»Ich könnte es trotzdem fangen. Ganz allein.«

»Nicht. Mal. Dran. Lecken.«

Ich schaue auf zu Vater. Auch wenn er mich nicht auslacht, ruckt seine Rute wieder ein wenig hin und her.

Das Friss-mich-nicht watschelt fast aufreizend langsam in den Wald. Ich laufe zum Flussufer hinunter und betrachte seine Spuren. Sein Pfotenabdruck hat fünf Zehen. Mir ist zum Winseln, aber ich verbeiße es mir und richte mich auf. Wer will schon fressen? Ich doch nicht.

Ich setze mich neben Vater. Beobachten. Auch als die Schatten länger werden, beobachtet er noch. Meine Geschwister haben den ganzen Tag gespielt – und Vater beobachtet immer weiter. Das Wedeln ist mir längst vergangen, trotzdem bleibe ich bei ihm. Beobachte.