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Vorwort
| GLEICHNISSE ZUM LEBEN SCHAFFEN
»Wir sind nicht mehr fähig, Gleichnisse zum Leben zu schaffen. Wir sind nicht mehr fähig zu gestalten, die Ereignisse um uns und in uns zu deuten, ja nicht einmal zu erkennen. Dadurch haben wir aufgehört, Ebenbilder Gottes zu sein, und unser Dasein besteht zu Unrecht. Wir sind eigentlich tot. (...) Wir zehren an längst verwesten Erkenntnissen.«
 
Das sind die Worte des Malers Friedensreich Hundertwasser (1928-2000). Er hatte sie auf eine seiner Grafiken geschrieben, die neben zahlreichen weiteren Werken in einer Ausstellung der Münchner Kultfabrik1 zu sehen war. Ich stand vor jenem Bild, war wie elektrisiert und kritzelte mir die Worte in mein Notizbuch. Seine Mahnung wurde mir während der folgenden Jahre zum Leitmotiv – und es entstand daraus dies Buch. Gleichnisse zum Leben schaffen – Hundertwasser redet davon, dass die Ereignisse um uns und in uns nach Deutungen verlangen. Wie aber können wir Dinge deuten, wenn wir nicht lernen, hinzuhören und hinzusehen?
Immer wieder kommt es während der Arbeit an meinen Instrumenten zu sonderbaren Augenblicken: heilige Momente in meinem Atelier, durch die ich innere und äußere Dinge meines Lebens neu und anders begreife. Diese Erfahrungen gehen über gelerntes Wissen hinaus. Ich bin überzeugt, jedem Menschen können solche Offenbarungsmomente des Alltags zuteilwerden. Wir müssen nur lernen, darauf zu achten. Es ist auffällig, wie häufig die Gleichnisse, die uns von Jesus überliefert sind, mit den Worten enden: »So gebt nun acht darauf, wie ihr zuhört« und: »Wer Ohren hat, der höre.« Das ist die Deutungsfähigkeit, von der auch Hundertwasser spricht!
Wir können es uns nicht leisten, von »längst verwesten Erkenntnissen« zu zehren. Bloße religiöse Richtigkeiten können unser inneres Leben nicht nähren. Der Glaube, um den es mir geht, hat mit einer liebenden Suche und einer suchenden Liebe zu tun. Er ist nichts, worüber man einfach verfügen kann, viel eher etwas, dem man sich zur Verfügung stellt. Der Glaube ist ein entstehendes Werk – er ist dem Kunstwerk sehr ähnlich. Denn in ihm ist eine schöpferische Kraft wirksam, eine heilige Gegenwart, aus der man leben kann.
Wenn ich als Geigenbauer in diesem Buch den Werdegang einer Geige beschreibe, dann ist das äußerlich eine Führung durch meine Werkstatt, doch es ist zugleich ein innerer Weg in die Welt des Glaubens. Das Erkennen der Fasern und Markstrahlen des Holzes, die Suche nach Klangfarben, die Faszination angesichts der Tiefe des Lackes und der Vielfalt seiner Harze, die Schönheit der Wölbungsformen, die Auseinandersetzung mit leidenschaftlichen Musikern – aus all dem werden Gleichnisse zum Leben entstehen.
Ähnlich wie Hundertwasser hat es bereits Bonaventura (1221-1274) gesehen. Er sagte: »Die Menschen haben die Fähigkeit verloren, das Buch, nämlich die Welt, zu lesen. Darum war es nötig, ihnen ein anderes Buch zu geben, das sie erleuchte, auf dass sie die Gleichnishaftigkeit der Dinge verstehen, die zu lesen sie nicht mehr fähig waren. Dieses andere Buch ist die Heilige Schrift, die uns Gleichnisse der Dinge vorlegt, die in der Welt geschrieben stehen.«2
Auch wenn die Reihenfolge der Gleichnisse dieses Buches einer gewissen Logik folgt, ist es doch nicht zwingend, sich daran zu halten. Man kann die Kapitel durchaus wie eine kleine Büchersammlung sehen und mit demjenigen beginnen, das einen am meisten interessiert.
 
Martin Schleske

»Auch alle Bäume im Wald sollen singen«
Psalm 96
 
 
Für Jonas und Lorenz

»Die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben.«
Psalm 69,33
1
Der Sängerstamm
| VON DER SUCHE DES HERZENS
 
Die Alten wussten, wie man die »Sänger« findet. An den reißenden Stellen der Gebirgsflüsse – so berichten die, deren Familien von jeher in der Tradition des Geigenbaus verwurzelt waren – standen ihre Väter und lauschten dem Aneinanderschlagen der Stämme, die sie täglich durch die Fluten hinab ins Tal flößten. Einige der Stämme begannen im Wasser zu schwingen, zu singen, zu klingen. Unter den vielen Stämmen erkannten die Meister so jene besonderen »Sängerstämme« für den Bau ihrer Geigen.
Jahrhunderte zuvor hatten die winzigen Keimlinge der heute mächtigen Stämme im kargen Boden des Bergwalds nach Wasser gesucht und waren im Laufe der Zeit zu stattlichen Bäumen herangewachsen. Für den Geigenbauer ist der enge Baumbestand in den Hochlagen eine Gnade, denn er lässt die Grünastkronen der aufrechten Bergfichten erst sehr weit oben beginnen. So formen die Bäume ihre astfreien, gut vierzig oder fünfzig Meter hohen, stolzen Stämme. Für die akustischen Resonanzplatten im Musikinstrumentenbau ist ihr Holz allen anderen natürlichen Materialien weit überlegen.
Was hier über zwei oder drei Jahrhunderte hinweg langsam wuchs, hat nichts mit den üblichen weitjährigen Fichten gemein, die in den Niederungen wachsen. Diese sind schnell in die Höhe geschossen, und ihre Zellwände sind darum nicht belastbar. Im milden Klima haben sie breite Jahresringe und bis spät in den Herbst hinein ihr schweres Spätholz gebildet. Ihre Zellen sind dickwandig und kurzfaserig. Der hohe Spätholzanteil verdirbt den Klang, und ihre Äste reichen im Stamm bis weit nach unten. Da findet das Charisma der Geige – ihr Klang – keine Substanz.
Ganz anders ist es mit den Giganten der Gebirge, von denen ich nun schreiben will. Diese Bergfichten werfen im Laufe ihres langsamen Wachstums ihre unteren Äste ab. In den dunklen Bergwäldern strecken sie ihre Grünastkronen nach oben, dem Licht entgegen. Ihre unteren Äste sterben ab, denn ihre Nadeln erreichen nicht mehr das Licht. Doch dadurch wächst im lang gestreckten Stamm die für den Geigenbau notwendige astfreie Substanz heran. Auch wenn der Boden und das raue Klima knapp unterhalb der Baumgrenze für die Bergfichten zur harten Herausforderung werden – dem Klang wird es zum Segen. Denn durch die »Krise« des mageren Bodens sie eine große Festigkeit. In dieser Substanz liegt die Berufung zum Klang.

| Im Steilhang des Windbruchs

Wann immer man sich im Gebirgswald auf die Suche nach solchen »Sängerstämmen« macht, entwickeln sich unvergessliche Abenteuer. Wie oft klopfte ich mit der stumpfen Seite der Axt die einzelnen Stämme an, spürte ihr Schwingen, hörte ihren Klang. Das Herz des Geigenbauers lebt auf, wenn er mit all seinen Sinnen nach dem Holz für die eigenen Geigen sucht.
Vor vielen Jahren – es war kurz nach meiner Lehrzeit in Mittenwald – brach ich mit einem Geigenbauerfreund in den Stuibenwald der Garmischer Alpen auf. Es war ein dunkler, bewölkter, kalter Wintertag. Nach vielen Stunden anstrengenden Bergmarsches mussten wir am Ende die gebahnten Wege verlassen und konnten uns nur noch durch kniehohen Schnee zu jenem Ort durchkämpfen, von dem wir bis dahin nur gerüchteweise gehört hatten: Es war ein Windbruch. Ein Teil des Hanges an der Baumgrenze war von einem starken Sturm heimgesucht worden. Als wir schließlich völlig erschöpft dort oben ankamen, waren wir schockiert. Unzählige gewaltige Fichten – gut bis zu siebzig Zentimeter im Durchmesser, dreißig bis vierzig Meter lang – lagen entwurzelt oder gebrochen kreuz und quer im Steilhang des Windbruchs. Doch dann riss die Wolkendecke auf, und die Sonne warf ihr Licht auf die weißlichen Stammquerschnitte, die jetzt offen und erhellt vor uns lagen. Der Verlauf der Jahresringe war überwältigend. Euphorisch boxten Andreas und ich uns gegenseitig an die Schulter: Dieser Wuchs, diese Regelmäßigkeit, die Feinheit ihrer Jahre! Da wurden Klangholzqualitäten beleuchtet, wie wir sie selten zuvor gesehen hatten. Sorgfältig inspizierten wir alles und traten dann beflügelt den Heimweg an. Wir stürzten uns wie junge Gämsen regelrecht den Berg hinunter, um möglichst noch am Abend des gleichen Tages das Forstamt zu erreichen und uns diesen Fund zu sichern. Als wir schmutzig, verschwitzt und überglücklich dort ankamen, wollte der Revierbeamte nicht glauben, dass wir tatsächlich zu dieser Jahreszeit dort oben gewesen waren. Wir hatten uns nicht erlaubt, die Schneeschmelze abzuwarten, denn natürlich hatten auch andere Geigenbauer von diesem Windbruch erfahren. Wir mussten also schneller sein. Wir waren besorgt, dass uns dieses außergewöhnliche Klangholz hätte abspenstig gemacht werden können, wenn wir auf die Schneeschmelze gewartet hätten.

| Der Glockenschlag

Wir erhielten die Erlaubnis, in dem Windbruch Stämme zu schneiden. Wenige Tage später waren wir wieder mit Rucksäcken und Proviant, diesmal aber auch mit einer Kettensäge und zwei »Zappis« (das sind spezielle Holzfällerwerkzeuge mit langen Haken, die es erlauben, die Baumstämme zu führen) auf dem Weg nach oben. Angesichts der überwältigenden Ausmaße der Stämme kamen wir uns vor wie zwei Blattläuse auf einem Berg von Mikadostäben. Außer der Säge hatten wir keine weiteren Hilfsmittel, keine Seilwinden, keine Flaschenzüge. Wir waren blutige Anfänger, aber fest entschlossen, unter all diesen Stämmen das beste Holz zu gewinnen. Beim Sägen mussten wir äußerst wachsam und überlegt vorgehen, denn es bestand natürlich stets die Gefahr, dass sich die gigantischen Mikadostäbe unkontrolliert in Bewegung setzten und uns, befreit von der Last eines anderen Stammes, wie ein Katapult entgegenschleuderten. Unsere Arbeitsweise war leichtsinnig und gefährlich. Das muss man rückblickend sagen.
Die freigelegten Stücke mussten nun in einem zweiten Schritt auf den gut zweihundert Meter tiefer gelegenen Ziehweg gebracht werden. Auch dafür fehlte uns das Werkzeug. So legten wir uns auf den Rücken und stemmten mit äußerster Beinkraft gegen die freigesägten Stammabschnitte, bis diese ins Rollen kamen. Sie sollten über den felsigen Berghang hinabstürzen und sich in einer günstig gelegenen Felsspalte unten verkeilen und so zum Liegen kommen. Der erste Stammabschnitt, wenngleich gut eine viertel Tonne schwer, erwies sich als zu klein. Er ließ uns vor Schreck erstarren, denn er sprang über die Felsspalte hinaus, die wir ihm zugedacht hatten, und stürzte in weiten Sprüngen ins Tal. (Glücklicherweise kam niemand zu Schaden.) Wir erkannten, dass wir größere Abschnitte sägen mussten, denn nur diese würden sich vor Erreichen des Ziehweges in jener Felsspalte verkeilen. Es gelang, und die Stämme türmten sich bald zwischen den beiden Felsen auf. Von dort konnten wir sie auf den Ziehweg rollen.
Die Art, wie die Stammabschnitte den Steilhang bis zu jener Spalte hinabstürzten, erwies sich als eine faszinierende akustische Erfahrung. Naturgemäß schlugen sie in großen Sprüngen immer wieder auf den Felsplatten auf. Die kraftvollen Töne, die das auslöste, hallten durch das ganze Tal. Zu unserem Erstaunen waren die Klangunterschiede aber überaus groß. Einer der drei Stämme – wir hatten vielleicht acht oder zehn je knapp zwei Meter lange Stammabschnitte ein und derselben Fichte zurechtgesägt – klang bei jedem Aufprall wie ein Glockenschlag. Es war ein Schall, der nicht mehr ausschwingen wollte, klar und frei und hell im Ton. Die Abschnitte der beiden anderen Stämme gaben beim Aufprall nur einen dumpfen, hölzernen Ton ab. Nicht so dieser eine Stamm – er war ein Sänger! Da begriffen wir, was die Vätergenerationen gemeint hatten, wenn sie im Geigenbau von jeher die Stämme in »Sänger« und »Nichtsänger« zu unterscheiden gewusst hatten. Als wir die Stämme dann über den Ziehweg rollten, bestätigte sich diese klangliche Erfahrung. Die Stammabschnitte des Sängers rauschten! Bei ihnen entstand während des Rollens auf dem Schotterweg ein satter, rauschender Ton! Die Nichtsänger dagegen blieben fast stumm.
Alles in allem hatten wir wohl gut zwölf Stunden gearbeitet, waren zu Tode erschöpft und doch zugleich überglücklich. Die Stammabschnitte waren an ihre Stelle gebracht und mit unserm Zeichen versehen. Damit gehörten sie uns. Nach der Schneeschmelze, in zwei oder drei Monaten, würden wir unseren gewaltigen Fund ins Tal hinabfahren, um ihn in das Sammelbecken des Sägewerkes zu flößen.

| Die Suche des Herzens

Ein großartiges Klangholz findet sich nicht nebenbei. Unsere Suche ist mir damals zu einem Gleichnis für eine viel umfassendere Suche geworden. Wenn schon ein guter Geigenklang diese Mühen und Wege verlangt, wie könnte dann der Klang unseres Lebens weniger verlangen? Es ist der Weg der wahren Pilgerschaft. Hat nicht Gott uns darum ein Herz gegeben, damit wir ihn suchen? Und wird nicht gerade diese Suche die Dinge unseres Lebens von Grund auf verändern? In einem Psalmwort heißt es: »Denen, die Gott suchen, wird das Herz aufleben« (69,33). Es ist bemerkenswert, dass dieses Wort nicht vom Finden, sondern vom Suchen spricht! Was dem Klang meiner Geigen das Holz ist, das ist meinem Leben der suchende und hörende Glaube.
Das Leben ist kein Weg im Flachland, wo die Dinge schnell wachsen und einfach zu finden sind, sondern es geht durch die Brüche, Widrigkeiten und Unwegsamkeiten hindurch. Eines ist allen Wegen der Gottessuche gleich: Ein leidenschaftsloser Geist ist der gefährlichste Feind des Glaubens. Es ist eine subtile Form des Unglaubens, wenn man sich an das, was man glaubt, gewöhnt hat. Es ist kraftlos. Ein wacher Glaube kann sich weder an Gott noch an die Welt gewöhnen. Denn in der Gewöhnung ist die Seele ohne Hoffnung, und der Geist ist ohne Fragen.
Das Leben wird reizlos, wenn man die Dinge hinnimmt und darum auf nichts mehr reagiert. Anpassung (biologisch: Adaption) bedeutet, dass die Reize ausgeblendet werden. Die Antwortrate der Zellen nimmt ab. Es kommt dann zu keiner Reaktion mehr. So ist es auch im Glauben: Antworten des eigenen geistigen Milieus beruhigen. Doch manchmal tun sie das so sehr, dass man über ihnen schläfrig wird. Es findet keine Reaktion mehr statt. Das Ende der Adaption ist ein reizloses Leben.
Die Frage, ob in den Windbrüchen und Steilhängen unserer Welt nicht doch ein gutes Tonholz zu finden ist (und was es bedeutet, danach zu suchen), wird oft genug mit dem beruhigenden Rat erwidert: »Setz dich an den warmen Ofen und warte die Schneeschmelze ab!« Es gibt Menschen, die sagen stets: »Bleib ruhig!«, denn sie halten Harmonie bereits für Frieden und halten eine ungetrübte Stimmung bereits für Stimmigkeit. Es gibt Antworten, die nehmen uns den Glauben, denn sie schläfern unsere Visionen und Leidenschaften ein.
Etliche unserer Kollegen hätten wohl gesagt: »Auch wir haben schon gutes Holz gesucht und hatten kein Glück dort oben. Setz dich zu uns und stör nicht die gute Stimmung derer, die sich mit der Realität abgefunden haben!« Manch ein vermeintlich reifer Mensch gibt seinen Ratschlag als »Erfahrung« aus, um sich nicht dem stellen zu müssen, was in Wahrheit dahintersteckt: Resignation. Man muss sich vor solcher Art erfahrener Menschen schützen! Sie vergiften jede Hoffnung. Nichts hindert den Weg eines Menschen mehr, als seine Weigerung, lieb gewonnene Enttäuschungen loszulassen. Da wird die Weisheit uns zur Warnung: Hüte dich vor einem Menschen, dessen Ratschlag aus den gehegten und gepflegten Enttäuschungen kommt, denn er hat seine Seele gefesselt, und wenn du ihm glaubst, dann geschieht das womöglich auch dir!
Es ist ein inneres Gebot des Menschengeistes, dass wir Suchende bleiben. Unser Weg an die Baumgrenze des Stuibenwalds wurde mir darin zum Gleichnis. Unsere Fragen sollen uns zu Suchenden machen, unsere Visionen zu Hoffenden, unsere Sehnsucht zu Liebenden. Um den Augenaufschlag des Lebens zu sehen und ihn zu erwidern, braucht man einen liebenden und suchenden Geist.

| Die Klugheit des Suchenden

Wenn ich den Klang einer wunderbaren Geige höre, dann besteht mein Kopf nur noch aus zwei riesig großen Ohren. So ist auch meine Suche nach Gott vor allem Hören. Ich will mit Blick auf Gott kein Wissender, sondern ein Pilger sein. Auch als Menschheit sind wir nicht nur »Wissenschaft«, sondern, von Generation zu Generation, immer auch Weggefährten auf einer gemeinsamen Pilgerschaft. Wir sollten einander daran teilhaben lassen, was uns auf unseren Wegen führt und leitet.
Was ist ein Pilger? Der Pilger wird sich auf dem Weg, den er geht, seiner Herkunft, seiner Berufung und seiner Grenzen bewusst. Immer wieder erlauben wir uns die Dekadenz, Wissende zu sein, die nicht wissen, was sie sollen und dürfen. Ein sinnbewusster Mensch hingegen lebt in einem Gespür für seine Berufung, und er achtet seine Grenzen. Das aber ist die Frucht der Pilgerschaft.
Was wir glauben, zeigt sich nicht in dem, was unser Mund bekennt, sondern in dem, was wir von Herzen suchen. Es zeigt sich nicht an weltanschaulichen Lehrsätzen, sondern daran, womit wir unsere Zeit verbringen und wofür wir unsere Kraft verbrauchen! Zeige mir, was du tust, dann sage ich dir, was du glaubst. Wenn uns die Suche nach Sinn nichts kostet, dann haben wir uns auch nicht auf den Weg gemacht. Wenn die Glut der Sehnsucht in uns erkaltet ist, dann bleibt das, was einmal Glaube war, als die kalte Asche einer religiösen Lehrmeinung in uns zurück. Manchmal entzieht sich uns Gott, damit wir Fragende bleiben. Das macht uns als Menschen aus. Es bedeutet, dass ich im Angesicht einer Verheißung lebe, wie Jesus es in der Bergpredigt sagt: »Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan« (Matthäus 7,7). Alle Propheten sprechen von diesem suchenden Geist des Glaubens!3
Ohne Leidenschaft hätten wir damals wohl bereits im fetten Flachland gesagt: »Lass uns doch diesen Baum hier nehmen. Er wird zwar nicht wirklich klingen, aber er steht nun mal am Wegesrand. Sein einziger Wert besteht darin, dass er keine Mühe macht.« Wenn ich Gott finden will, muss ich manch eine Mühe auf mich nehmen. Ich darf die liebende Suche nicht durch ein religiöses Bekenntnis ersetzen. Was ist ein Bekenntnis wert, wenn dem Menschen die suchende Liebe verloren ging?
Wären wir damals nicht überzeugt gewesen, ein wunderbares Klangholz zu finden, dann hätten wir die Kraft nicht aufgebracht, den Weg unter diesen Umständen zu gehen. Die Suche nach Gott und die Suche nach Klangholz haben darin vieles gemeinsam. Man kann nicht damit rechnen, dass man das Kostbare im Vorübergehen am Wegrand findet.
In der empirischen Physik gibt es eine Grundregel, und in mancherlei Hinsicht gilt diese nicht nur dort, sondern auch für Dinge des inneren Lebens. Sie lautet: Der Erkenntnisgegenstand bestimmt die Erkenntnismethode. Wer also etwa die Temperatur eines Raumes bestimmen will, der muss sich fragen, welche Messmethode dieser Fragestellung angemessen ist, und er wird entsprechend keine Stoppuhr nehmen. Wenn es nun nicht um die Temperatur, sondern um die Frage nach Gott geht – welche Art des Erkennens ist dann angemessen? Die Temperaturmessung erfordert ein Thermometer. Was aber fordert Gott, um erkannt zu werden? Beim Propheten Jeremia findet sich ein Hinweis. Dort heißt es: »Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Ewige« (29,13f). Wie sonst kann ich dies Wort verstehen, als dass Gott vom suchenden Menschen gefunden werden will? Alles Suchen, Fragen, Forschen und Beten ist gelebte Empfänglichkeit. Es ist der Aufbruch des inneren Menschen. Unser Aufbruch in den Stuibenwald ist mir darin zum Gleichnis geworden.
Der 69. Psalm sagt: »Die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben.« Bezeichnenderweise ist auch hier vom Suchen und nicht vom Finden die Rede – denn es ist eine heilige und bleibende Unruhe, die uns aufbrechen und das Leben ergründen lässt. In ihr ist keine Gleichgültigkeit, denn sie weiß um eine Vision. Wie oft aber pendelt unser Leben zwischen der unreifen Ruhe des Gleichgültigen und der unreifen Unruhe des Getriebenen und erscheint darin so, wie ein Weisheitswort aus den Gleichnissen des Tschuang-Tse (300 v. Chr.) es sagt: »Ihr geht, und wisst nicht, was euch treibt. Ihr ruht, und wisst nicht, was euch trägt.«4
Mein Dasein soll eine heilige Suche sein. Es gleicht darin jener Suche nach dem Sängerstamm, denn es erfordert die Bereitschaft, die eigene Trägheit zu überwinden. Sicher gilt auch hier: Wer trägen Herzens ist, dessen Leben wird nicht klingen. Wir meinen heute, Spiritualität bedeute vor allem, dass unser Herz seine Ruhe findet. Doch es bedeutet eben auch das Gegenteil: Wenn mein Leben mir etwas wert ist, dann werde ich mich aufmachen und mein Dasein als eine Pilgerschaft des suchenden und hörenden Lebens verstehen. So werde ich aufbrechen, fragen, ausschauen und forschen.
Habe ich denn ein Recht, zu hoffen, Erfüllung, Berufung und Sinn könne man so eben nebenbei finden, ohne etwas dafür zu tun? Auch einen Sängerstamm findet man nicht zufällig am Wegesrand stehen. Nein, eine Berufung muss und darf uns unruhig machen! Davon spricht auch der Prophet Zefanja, bei dem es heißt: »Ich will Jerusalem mit der Lampe durchsuchen und aufschrecken die Leute, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen« (1,12).

| Selig sind die geistlich Armen

Unser Leben verläuft nicht auf festgelegten Bahnen. Es ist ein Pfad durch einen Dschungel an Optionen. Wir haben unentwegt Entscheidungen zu treffen, was wir tun und lassen wollen. In der Bergfichte begegnet uns hier eine besondere Weisheit. Sie bildet natürlicherweise eine Grünastkrone. Da strecken sich ihre Äste dem Licht entgegen und lassen wachsen, wovon sie lebt. Nur durch das Licht bilden sich Nadeln aus und werden dem Baum zur Kraft. Für alles Lebendige gilt: Was sich dem Licht entzieht, das stirbt, und es wird dem Organismus zur Belastung! In ihrer natürlichen Weisheit wirft die Bergfichte die im Dunkel liegenden toten und verdorrten Äste ab, denn in ihnen ist kein Leben. So aber entsteht gerade dort, wo sie das Tote abgeworfen hat, die Substanz des Klanges! Es ist das feinjährige, astfreie, langfasrige und tragfähige Klangholz, aus dem einmal die Geige wird.
Ein klingendes Leben erfordert darum Weisheit und Mut. Es bedeutet zu fragen, von welchen toten Dingen man sich endlich trennen soll. Ein ehrliches Herz wird die toten Äste erkennen, die ihm Kraft und Selbstwert rauben. All die Optionen unserer Freiheit machen uns hier dem Baum in gewisser Weise unterlegen: Nichts in unserem Leben ist selbstverständlich. Wir müssen lernen, uns in allen Lebensbereichen, allen Zweigen und Trieben unseres Daseins dem Licht entgegenzustrecken. Das Leben muss erlernt werden! Das meint Jesus, wenn er sagt: »Kommt her zu mir, und lernt von mir« (Matthäus 11,28). Denn: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis sein, sondern wird das Licht des Lebens haben« (Johannes 8,12).
Die Bergfichte lehrt uns, abzuwerfen, was tot ist. Es bedeutet, sich von Dingen zu trennen, die nicht recht sind; Machenschaften, die sich vor dem Licht verbergen müssen, wo keine Aufrichtigkeit, keine Wahrhaftigkeit, keine Gerechtigkeit, keine Barmherzigkeit, keine Versöhnung ist. Ein klingendes Leben hat gelernt, zu opfern, was tot und unrecht ist! »Nicht zu sündigen« hat tatsächlich etwas mit opfern zu tun. Denn da opfert ein Mensch eine Option. Der einzige Sinn der Sünde besteht doch darin, sie nicht zu tun! Obgleich man es könnte.
Wer das Licht Gottes sucht, der hat in all den Optionen seines Lebens Entscheidungen zu treffen, die ihn scheinbar begrenzen und ärmer machen. Und doch ist genau dies die Armut, die Jesus über alles lobt, wenn er in der Bergpredigt sagt: »Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich« (Matthäus 5,3). Es ist die Armut der Fichte, die edles Holz ausbildet. Es ist die Armut eines Menschen, der sich nicht mehr alles erlaubt. Doch gerade dadurch entsteht Substanz. Das Leben mag durch die Gnade begrenzt und langsamer werden – bestimmt aber wird es bewusster, konzentrierter, leidenschaftlicher und tragfähiger sein. Alle Vollmacht, alles Empfangen lebt aus dieser Armut vor Gott, aus Zeiten der Bewusstheit und Stille, in denen wir Zweige abwerfen und beschnitten werden.
Jedes Leben muss seine Brunnen graben und seine Quellorte suchen. Der reiche Mensch steht in der Gefahr, die Quellorte nicht zu finden, denn er ist nicht durstig. Darum wird er nicht suchen – und darum nicht finden. Im Lukasevangelium stehen nicht nur die Seligpreisungen Jesu, sondern auch dessen Weherufe: »Weh euch, ihr Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, ihr Vollgefüllten, denn ihr werdet hungern!« (6,24f). Sie haben ihren Trost schon gehabt, das bedeutet: Sie haben am falschen Ort gesucht! Das Materielle hat sie gesättigt. Das »Wehe« ist kein Gerichtsruf, sondern ein Ausruf des Schmerzes, wie etwa jemand aufschreit, wenn er in eine Scherbe tritt. So liegt in Jesu Worten tatsächlich ein Aufschrei, ein heiliger Schmerz darüber, dass die Reichen eine Sattheit haben, die sie hindert, von ganzem Herzen zu suchen. Darum werden sie das ihnen gesetzte Ziel verfehlen und ihren Sinn verlieren. Sie verletzen sich und die ihnen anbefohlene Welt, denn sie wissen nicht, was es heißt, zu harren, zu hören und zu suchen. »Wehe euch, ihr Vollgefüllten, weh euch, ihr Reichen!«
Der Arme vor Gott aber weiß, dass vieles schweigen muss, wenn er die Gnadengaben empfangen will. Die Armen, die Jesus seligpreist, haben ein Bewusstsein für einen Mangel, den nur Gott ausfüllen kann. In ihrem Durst werden sie sich auf die Suche machen. Sie werden Suchende und reich Empfangende sein. Es kommt hierbei eine sonderbare Erfahrung ins Spiel. Wir unterscheiden üblicherweise zwischen »aktiv« und »passiv«. Im Glauben aber gibt es noch einen dritten Weg: Es ist das Empfangen! Man könnte es das Gesetz der Gnade nennen, das besagt: Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
Unsere Suche nach dem Sängerstamm spricht etwas Wesentliches in diese Empfänglichkeit des Menschseins hinein: Es ist nötig, dass wir um unserer Berufung willen arm werden können. Arm werden heißt, nicht alles zu wollen! Es heißt, an manchen Dingen bewusst vorbeizugehen. In dieser Armut ist die Kraft, Dinge zu verwerfen, weil aus ihnen kein Klang werden kann. Doch eben diese Art des Armwerdens heißt auch, empfänglich zu sein. So entsteht die Kraft, auf etwas hinzuleben, was noch nicht sichtbar ist. Eine altbekannte Geschichte macht diese Kraft, die man gemeinhin Hoffnung nennt, deutlich:
Auf einer Baustelle arbeiteten drei Männer. Jeder hatte einen Spaten, mit dem er in der Erde grub. Der Erste wirkte lustlos und müde. Jemand fragte ihn: »Was tust du da?« Er antwortete: »Ich grabe ein Loch.« Der Zweite wirkte fröhlicher. Auch ihn fragte man: »Was tust du da?« Er antwortete: »Wir legen das Fundament für eine große Mauer.« Auch der Dritte grub in die Erde. Er war unermüdlich in seiner Arbeit und trotz seiner Erschöpfung voll Freude und Geisteskraft. Auf die Frage: »Was tust du da?« antwortete er: »Wir bauen eine Kathedrale!«
 
Unsere Suche nach dem »Sängerstamm« ist dieser Geschichte ähnlich. In der Art des ersten Mannes hätten wir geantwortet: »Wir ersteigen einen Berg«, und als es zunehmend kälter, schmutzig und unwegsam wurde, hätten wir das Ganze wohl abgebrochen. In der Art des zweiten Mannes hätten wir gesagt: »Wir suchen nach Holz.« In der Art des dritten Mannes aber wurden wir getrieben von der Schönheit des Tonholzes, das wir vor unseren inneren Augen schon sahen, und die Vorstellung vom Klang unserer zukünftigen Geigen in ihrer Reinheit, Modulierbarkeit, Süße, Dynamik und leuchtenden Kraft beflügelte uns. Da lebten unsere Geigen längst schon in uns – ein Leben für den Klang! Dafür brauchten wir gutes Holz und vergaßen die Mühen. Alles, was wir tun, hängt doch davon ab, welche innere Vision unserer Suche Flügel verleiht. Es war schon ein erhabener, fast magischer Moment, dass gerade in dem Augenblick, als wir das Holz fanden, die Wolkendecke aufriss und die Sonne einen Strahl auf diesen Hang warf. So erkannten wir das gebrochene Holz in seinem Hirnholzschnitt.
Der »Baum der Berufung«, dem man sich zuwendet, geht durch ein Sterben hindurch: Er wird geschlagen oder vom Wind gebrochen. Er sieht den Abgrund und den reißenden Bach. Ins Tal geflößt, wird er aus dem Wasser heraus in die Werkstatt des Meisters gebracht. Es ist wie die Taufe hinein in ein neues Leben. Denn der Baum wird der Gestaltungskraft des Meisters gegeben und dort zu einem Klang geformt, von dem er im Wald nichts wusste. Ein Psalmwort sagt: »Auch alle Bäume im Wald werden singen« (96,12). Unter dieser Gestaltungskraft Gottes zu leben, heißt »geheiligt« zu sein. Nicht dass wir schon vollendet wären, aber wir leben als zur Heiligkeit Berufene in der göttlichen Kraft, der wir uns anvertrauen dürfen und der wir gehorchen – und das macht einen »Heiligen« aus.
Wir sollten wissen: Nicht das Kreatürliche und Gute, sondern das Unreife und Chaotische in uns wird sterben: Lieblosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Ruhelosigkeit, Friedlosigkeit, Gottlosigkeit. Wie ein Meister den Baum zum Singen bringt, so ist ein Meister mit uns am Werk. Mit der Armut, die unser inneres Leben braucht, ist darum gemeint, dass wir verwerfen können, was in dem Reichtum, der Abwegigkeit und dem Überfluss unserer Optionen unserer Berufung schadet. Wer nicht fähig ist zu jener Armut, die Jesus seligpreist, der droht Schaden zu nehmen an seiner Seele und seinen Sinn zu verlieren.
 
Nicht alles Mühsame ist gegen uns, und nicht alles Einfache ist ein Segen. Auf fetten Böden, im milden Klima der Niederungen, wachsen die Bäume kraftvoll und schnell. So sind oft auch die Optionen unseres materiellen und geistigen Reichtums, den wir für Segen halten: fett und schnell gewachsen, doch ungeeignet zum Klang. Die Sängerstämme wachsen meist unter mühevollen, manchmal gar widrigen Bedingungen. Nur wenige Gegenden der Alpen erfüllen die Anforderungen an ein gut klingendes Holz. Nicht nur Höhe, Steigung, Himmelsrichtung, Windrichtung und Klima – selbst die Art des Bodens, auf dem das Holz wächst, wird dem Instrument zum Klang. Auf mageren Böden, wo sie in den Widrigkeiten und Anfechtungen des Alltags durchzuhalten gelernt haben, bilden sie das Klangholz. Dort wächst es in seiner Widerstandskraft und seinen schwingungsfähigen Zellen. Das schnell gewachsene Holz ist ohne Widerstandskraft. Es wird niemals ein brauchbares, frei klingendes Resonanzholz sein. Darin gleicht es einem Menschen, der in der Dickwandigkeit seines Überflusses und in seinem gedämpften Herzen nicht gelernt hat, auf den Geist Gottes zu hören, weil er die Sehnsucht nach Gott nicht kennt! Beim Propheten Jesaja heißt es hingegen: »Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen« (26,9).
Der Sängerstamm, der das widrige Klima und den mageren Boden erfahren hat, gleicht unserer Berufung. Diesen Bäumen wird ein neues, ein zweites Leben zuteil. Sie werden singen. In der Hand des Meisters werden sie geformt, bearbeitet und am Ende als Geigen erklingen. Das neue Leben ist eine Qualität der Ewigkeit, die in unserer Mühsal und Anfechtung heute schon anbrechen kann. Unsere Berufung braucht diese Bewährung. Nur darin erwächst der gute Klang. Der Beginn des Werdegangs ist dieses Rauschen des Stammes, es steht für ein suchendes Herz. Es ist das glockenartige Klingen des »Sängers«.
 
Vom Wind geschlagen / den Abgrund gesehen
Und dennoch bleibt deine Berufung bestehen.
Von Neuem geboren / aus Wasser und Geist:
Sänger, der du Baum der Gerechtigkeit heißt.

»Seht die Bäume an, und lernt daran ein Gleichnis.«
Lukas 21,29; Markus 13,28
2
Die Weisheit des Baumes
| VON DEN ANFÄNGEN DER GEISTLICHEN KRAFT
 
Als Geigenbauer entwickelt man im Laufe der Jahre ein starkes Einfühlungsvermögen in die Struktur des Holzes. Man bekommt einen Blick für den Verlauf der Jahresringe, beurteilt Gleichmäßigkeit, Glanz, Dichte und Spätholzanteil. Immer wieder fesseln mich die Zeichnung der Flammen und der klare Verlauf der Markstrahlen. Der Duft von frisch geschnittenem Holz weckt in mir starke Emotionen. Diese Leidenschaft hat einen existenziellen Grund: Nur dank eines guten Tonholzes kann der Klang entstehen, mit dem ich als Geigenbauer meine Familie ernähren kann. Ich bin abhängig von dem, was die Natur hervorgebracht hat und was sie mir für den Werdegang meiner Geigen schenkt. Darum wäre es ein Frevel, den Werdegang einer Geige zu beschreiben, ohne dabei den Baum anzusehen.
Alle großen Kulturen der Menschheit messen dem Baum eine starke symbolische Kraft zu. Der Baum hat den Menschen erst möglich gemacht. Seit Anbeginn war sein Holz lebensnotwendig. Das Holz der Bäume wurde uns – als Baustoff unserer Hütten – zum sicheren Lebensraum und diente uns als Brennmaterial. Brennendes Holz bedeutete Schutz vor wilden Tieren, es diente der Nahrungszubereitung und schenkte uns Wärme. Ohne den Baum wäre der Mensch inmitten der Widrigkeiten und Gefahren des natürlichen Lebens nicht überlebensfähig gewesen. Auch darin hat wohl die enge emotionale Beziehung des Menschen zum Baum ihren Grund.
Doch auch unser kulturelles und emotionales Leben, unsere Freude, Trauer, Leidenschaft, Besinnung und unser Tanz, sind aufs engste mit dem Baum verknüpft: Sein Holz wurde früh in seinen besonderen Resonanzeigenschaften erkannt und ging als eines der ältesten Materialien für den Bau von Musikinstrumenten in die Kulturgeschichte der Menschheit ein. Das Holz gab der Musik und damit dem menschlichen Seelenleben die Instrumente! Wie früh diese Bedürfnisse nach Kunst und Klang im Bewusstsein der Menschheit verankert sind, zeigt auch der alttestamentliche Stammbaum, wie er am Beginn des Buches Genesis steht. Dort sind Jubal, »von dem alle Zither- und Flötenspieler hergekommen« (4,21), und Tubal-Kain, »von dem alle Erz- und Eisenschmiede hergekommen« (4,22), bereits in der »achten Generation« als die Urväter aller Musiker und Handwerker aufgelistet.
Doch es gibt noch einen tiefer greifenden Grund, den Baum genauer anzusehen. Jesus sagte seinen Jüngern: »Seht die Bäume an, und lernt daran ein Gleichnis« (Lukas 21,29; Matthäus 24,32). Ich will diese Empfehlung ernst nehmen und hören, an welcher Weisheit der Baum mir Anteil gibt. Ich folge darin Hermann Hesse, der sagt: »Bäume sind für mich immer die eindringlichsten Prediger gewesen. (...) Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das Einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.«5

| Die Grannenkiefern

Unter allen Baumarten hat es mir eine Art besonders angetan. Nicht weil sie als Klangholz geeignet wäre oder in der Bibel Erwähnung fände, sondern wegen ihrer Reife, ihres Alters, ihres Wachstums: die Grannenkiefer. Grannenkiefern sind die ältesten lebenden Wesen unserer Erde. Etwa achtzehn Exemplare der Bristlecone Pine (wie sie im Englischen heißen) sind heute über 4000 Jahre alt. Die ältesten von ihnen keimten, als die Pyramiden Ägyptens erbaut wurden, und zur Blütezeit des Alten Israel unter König David waren sie bereits 1500 Jahre alt – und sie wachsen noch heute.
Überraschenderweise finden sich die ältesten Vertreter dieser Art unter den denkbar rauesten Bedingungen. In einer Höhe von über 3000 Metern über dem Meeresspiegel, östlich des Sierra Nevada Gebietes in den »Weißen Bergen« Kaliforniens, stehen sie in einem der trockensten Gebiete der Erde und wachsen unter großen klimatischen Widrigkeiten: Sie bekommen kaum Regen, stattdessen sind sie extremer Kälte und starken Winden ausgesetzt. Sie benötigen kaum Nadeln und nur wenig lebende Rinde, um zu überleben. Die ältesten Vertreter haben ein jährliches Dickenwachstum von nur wenigen Zehntel Millimetern und sind nur etwa 18 Meter groß. Doch sie wachsen noch immer und bringen nach wie vor Samen hervor, aus denen junge Sämlinge emporwachsen und in die nächsten Jahrtausende hineinsprießen.
Die älteste lebende Bristlecone Kiefer, die den Namen Metuschelach trägt, ist 4773 Jahre alt. Ihr exakter Standort wird von der US-Forstbehörde wegen der Gefahr des Vandalismus geheim gehalten. Ihren Namen verdankt sie dem im Buch Genesis (5,21) und im Lukasevangelium (3,37) erwähnten gleichnamigen Patriarchen – dem ältesten in der Bibel bezeugten Menschen.
Wie viel könnten wir von diesen Lebensgiganten für unser inneres Menschsein lernen. Selbst in ihrem fünften Lebensjahrtausend wachsen sie noch immer! Zu hören, was uns diese Bäume erzählen, ist nicht schwer: Was nicht mehr wächst, das lebt unweigerlich seinem Verfall entgegen und wird bald sterben. Der Stamm mag noch eine Zeit lang stehen, doch Windbruch oder Pilzbefall werden ihn innerlich schwächen, bis er unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht. Darin sind die Grannenkiefern ein unübersehbares Gleichnis:
Solange der Mensch in seinem Innern noch lebendig ist, wird er – auch durch Widrigkeiten, Krisen und Schwachheit hindurch – bis an sein Ende wachsen. Paulus redet davon im zweiten Korintherbrief, wenn er sagt: »Wir werden nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert« (4,16). Ein Mensch, der diese innere Erneuerung nicht kennt, wird schließlich – von zerstörerischen Gedanken befallen und dem Wind der Umstände schutzlos ausgeliefert – geschwächt in sich zusammenfallen. Wir haben uns den Boden und das Lebensklima nicht ausgesucht. Doch manche Schmerzen, die wir erfahren, sind Wachstumsschmerzen des inneren Menschen. Wer, wie die Grannenkiefern, sein Leben auch unter Wind, Trockenheit, Anfechtung und Nöten durchzuhalten entschlossen war und sich dennoch das innere Wachstum nicht rauben ließ, dem gilt die gleiche Ehre und Bewunderung wie diesen Giganten des Lebens!

| Der Schrei nach Wasser

Wie fing es mit den Bäumen an? Im Anfang war der Keimling. Die Baumsamen enthalten nur so viel Nährstoffe, dass sie den Keimling für einige Tage (große Baumsamen maximal für einige Wochen) ernähren können. Ohne Wachstum wird der Keimling unweigerlich sterben. Aber wodurch setzt dieses überlebensnotwendige Wachstum ein? Die Botanik lehrt uns: Es beginnt mit der Aufnahme von Wasser durch die Samenschale. Auch das kann man als ein Gleichnis verstehen.
Wer zum Glauben gekommen ist, der ist wie ein Keimling. Es gibt ein Leben in uns, das in gleicher Weise nach Wasser dürstet wie unser Körper. Es ist der Durst unserer Seele, wie es ein Psalmwort sagt: »Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir« (42,2).
Es gibt kein Leben ohne Wachstum, und es gibt kein Wachstum ohne Wasser. Darum ist es wichtig, zu fragen, ob ich das lebendige Wasser, das meine Seele stillt, eigentlich kenne. Das Wasser steht in der Bibel für die Erkenntnis Gottes. Es ist sonderbar, doch wer dieses Wasser kennengelernt hat, in dem wächst zugleich auch der Durst nach Gott. Wer den Schrei nach Gott nicht kennt, dessen Glaube wurde noch nicht ins Leben gerufen. Denn wo immer der Glaube eines Menschen lebendig ist, da entwickelt sich ein inneres Dürsten nach Gott. Es ist ein unstillbares Verlangen.
Nur was nicht lebt, kennt keinen Durst. Ein lebloser Glaube kann nicht viel mehr als ein trockenes Fürwahrhalten nicht beweisbarer und nicht widerlegbarer Behauptungen sein. Der Glaube aber, von dem die Evangelien sprechen, ist eine innige Gottesgemeinschaft. Ohne das Wasser aufzunehmen, wird der Glaube nicht am Leben bleiben. Was aber ist dieses Wasser des Glaubens? Im Johannesevangelium heißt es: »Am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.« Und Johannes fügt hinzu: »Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten« (7,37-39).
Wer dem Baumsamen gleicht, der noch in sich selbst verschlossen ist, kennt nicht diesen Durst nach dem Wasser des Heiligen Geistes. Der Durst des Keimlings aber, der zu wachsen beginnt, ist wie die Erfahrung des Menschen, der in der Gottesgemeinschaft seinen innersten Durst zu stillen beginnt.

| Der Lebensboden

Als Erstes treibt der Keimling eine feine Wurzel nach unten, die ihn fixiert. Durch seine winzigen Wurzelhaare kann er so viel Wasser aufnehmen, wie er für Leben und Wachstum braucht. Der Boden gibt ihm Festigkeit und Halt. Auch hier spürt man, was Jesus meint, wenn er sagt: »Seht die Bäume an und lernt daran ein Gleichnis.« Der Baum sucht das lebendige Wasser nicht in sich selbst! Wir aber meinen, wir könnten den Durst unserer Seele aus uns selbst heraus stillen. Der Keimling sucht seinen Halt nicht in sich selbst. Was ihm Halt gibt, ist die Wurzel. Sie steht seit jeher für die Weisheit des Menschen, sich nicht selbst genug zu sein. Wir dürfen nicht nur stolzer Stamm, ausladendes Astwerk und prächtiges Blätterkleid sein, sondern müssen etwas dafür tun, eine Welt zu suchen, die uns im Inneren hält.
Wie die Wurzel des Keimlings in der Erde mehr sucht als sich selbst, so kann jedes Leben nur lebensfähig sein, wenn es »aus sich herausgeht«. Mit dem Leben aus dem Glauben ist es nicht anders. Die spirituellen Moden unserer Tage behaupten, in uns selbst, in unserer Tiefe, sei Gott zu finden. Die spirituell aufgeladene Ichsucht ruft uns darum auf einen Weg nach innen. Doch nur ein Glaube, der bereit ist, »aus sich herauszugehen« und sich mit anderen Menschen zu verbinden, wird Leben finden. Es ist die Entscheidung zur Demut. Fulbert Steffensky schreibt dazu:
 
»Wie alt muss man werden, um zu erkennen, dass die Beschäftigung mit sich selbst, die Verwirklichung seiner selbst nichts abwirft, wovon man leben kann? Man müsste eine alte Tugend erlernen: die Demut. Sie ist das realistische Eingeständnis, dass wir für uns allein kein spannendes Programm sind. (...) Ich brauche kein mich isolierendes Treibhaus zur Findung meiner Wahrheit. Ich brauche Brüder und Schwestern und Väter und Mütter und Lehrer und Lehrerinnen und Bücher und Theorien und Geschichten, mit denen ich aushandle, was die Wahrheit ist und was die Wahrheit verlangt. (...) Erwachsenwerden und Altwerden heißt, sich eingestehen können, dass man selbst und aus sich heraus nicht so viel hat, wovon man sich ernähren kann. Die Hoffnung, die wir aus uns selbst schöpfen, ist zu gering. Der Mut, den wir alleine aufbringen, reicht nicht. Die Träume unseres eigenen Herzens sind zu banal und zu kurzfristig. Wir sind Bettler. Wir können uns nicht alleine ernähren, trösten und ermutigen.«6