cover

Andreas Martin Hofmeir

Kein Aufwand

Schrecklich wahre Geschichten
aus meinem Leben mit der Tuba

Illustrationen von
Carl-Heinz Daxl

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

3. Auflage

Copyright © 2016 by btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Carl-Heinz Daxl

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-18446-9
V002

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Inhalt

Zum Geleit

Geschichte und Bedeutung des bedeutendsten Instruments überhaupt

Beschaffung und Preis-Leistungs-Verhältnis

Paradebeispiele für den sinnvollen Einsatz ohne allzu großen Aufwand

Die Tuba als Metapher der konfliktreichen Geschichte zwischen Bayern und Preußen

Der praktische Einsatz am Beispiel eines typischen Vertreters

Der Transport im Flugzeug

Die völlig überflüssige Autobiographie eines 37-jährigen Tubisten

Meine Kindheit und Jugend

Frühe Kindheit

Eine Weihnachtsgeschichte

Üben

Der Aprilscherz

Unter dem Bundesadler – meine Zeit beim Militärmusikkorps

Mehr oder minder aufwändige Studien

Berlin

Max

Uschi

Sebastian Weber

Pförtnerkunde

Morgenstund

Rekorde

Stockholm

Hannover

Der unerträgliche Aufwand des Berufslebens

Nach Linz ans Dreispartenhaus: Aufwand auf allen Ebenen

Die Kritik – der Lohn für den ganzen Aufwand

Die kurze Geschichte der segensreichen Verbindung von Tuba und Harfe

Im Zug

LaBrassBanda – eine Aufwandseskalation

Rückbesinnung durch brasilianische Mithilfe

Kleine Instrumentenkunde

Die Flöte

Tei Pfloutn

Das Akkordeon

Akkurtheiunnn

Der Kontrabass

Dörr Kuntrabuß

Die Posaune

Tei Poußeunen

Die Trompete

Tei Tromputten

Die Geige

Tei Gougn

Tuppa Ploußen

Zum Ausklang

Dank

Zum Autor

Ich möchte dieses Buch meiner Familie und all meinen wundervollen Freunden widmen. Ohne sie alle wäre niemals so viel herrlicher Blödsinn in meinem Leben passiert.

Zum Geleit

Ich muss jetzt vorsichtig sein. Denn allein die Tatsache, dass Sie dieses Buch in den Händen halten (und aufschlagen), und bitte fühlen Sie sich jetzt nicht persönlich angegriffen, lässt nichts Gutes ahnen.

Entweder haben Sie das Buch geschenkt bekommen: Dann haben Sie fiese Freunde. Oder Sie haben es aus Versehen gekauft, weil so ein nettes Bild drauf war: Dann lassen Sie sich leicht blenden. Oder aber Sie haben es in voller Absicht erworben: Dann ist Ihnen kaum noch zu helfen.

Denn seien wir einmal ganz ehrlich: Warum um Gottes willen so ein Buch? Die Memoiren eines 37-jährigen Tubisten? Da weiß man ja gar nicht, was dämlicher ist: mit 37 seine Memoiren zu schreiben oder dass ein Tubist überhaupt schreibt, und dann auch noch über seinen Beruf!

Beruf? Welcher Beruf?

Sehen Sie, da beginnt schon das ganze Missverständnis …

Geschichte und Bedeutung des bedeutendsten Instruments überhaupt

Beschaffung und Preis-Leistungs-Verhältnis

Tubist wird man nicht aus hehren Gründen. Tubist wird man, weil man für ein anspruchsvolles Instrument einfach keinen Ehrgeiz hat. Oder weil man nicht üben will, aber trotzdem auf die Biermarken beim Volksfest spechtet. Nichts tun und trotzdem dabei sein. Da kann man schon fast von ein bisschen Cleverness sprechen. In der Blaskapelle müssen sich zum Beispiel alle erst mal ihr Instrument kaufen, eine Tuba aber bekommt man gestellt. Zwar total zerbeult und undicht und aus dem Ersten Weltkrieg, aber man muss schließlich auch keine Erwartungen erfüllen. Wir Tubisten, wir sind ja quasi die Mitläufer der Musikanten, wobei das auch wieder falsch ist. Denn in »Mitläufer« ist das Wort »Laufen« enthalten. Und wir Tubisten sitzen eigentlich lieber, denn jede unnötige Bewegung ist ein Aufwand.

Und einen Aufwand, den schätzen wir überhaupt nicht.

Wenn man zum Beispiel in einem klassischen Berufsorchester vergleicht: In einer sagen wir mal Dvořák-Symphonie, Hausnummer Neun, da spielen die ersten Geigen ungefähr 20 000 Töne, die Tuba sieben. Die werden zwar wiederholt, also 14, aber da kommt’s schon auch nicht mehr drauf an. So.

Das Interessante dabei ist nämlich, dass der Geiger und der Tubist dafür genau das gleiche Geld kriegen. Wenn man also jetzt das Pro-Ton-Einkommen berechnet, also mal angenommen bei einer Abendgage von 300 Euro, dann erhält der Geiger pro Ton 1,5 Cent, ich 21,43 Euro. Da muss man nicht BWL studieren, um sich da ein Urteil zu bilden. Und da kann man ruhig mal auf ein bisschen Rampenlicht verzichten.

Und damit leider auch auf die Wirkung auf Frauen.

Aber es ist doch eh nur Stress, wenn man ständig angehimmelt wird. Die wollen dann immer gleich was, und was hat man dann? Sofort wieder einen Aufwand. Und einen Aufwand versuche ich ja doch lieber zu vermeiden. Da ist es doch schön, wenn man einfach nur belächelt wird, oder? Das ist eine eher passive Angelegenheit, und so wünschen wir Tubisten uns das. Oder wir reden es uns ein. Egal. Gegen meinen Gitarristen, den Guto, hab ich sowieso keine Chance, denn erstens ist Gitarre Lagerfeuer und per se sexy, und außerdem ist er auch noch fesch und Brasilianer, da kann ich mich gleich auf andere Sachen konzentrieren. So ein Gitarre spielender Brasilianer neben einem auf der Bühne ist quasi wie ein Keuschheitsgürtel. Der fängt alles ab. Na ja.

Auf jeden Fall haben wir Tubisten viel Zeit, denn wir müssen schließlich nicht üben (für sieben Töne, bitte schön?), und irgendwas muss man doch machen, wenn die Geigen sich da vorne einen Wolf spielen. Ich hab’s dann erst mit Lesen probiert, aber das ist auch so anstrengend, und man muss erst das Buch kaufen, und vorher muss man noch eines aussuchen, und das ist ja schon wieder so ein Aufwand, und am Ende erwischt man vielleicht sogar das falsche! Der Buchkauf ist heutzutage so ein anstrengender und gefährlicher Prozess, dass ich damit lieber gar nicht erst anfange. Deshalb schreib ich jetzt. Das ist leicht, das kann sogar mein Freund, der Deininger, und verdient sogar sein Geld damit. Ein Wahnsinn.

Aber ich hab’s mir dann doch leichter vorgestellt, als es am Ende war. Denn dann kommt ja gleich wieder so eine Entscheidung daher: Schreib ich Prosa oder Lyrik?

Und da hab ich erst mal in mich hineingehorcht, um quasi herauszufinden, was mein Schreib-Ich eigentlich so will. Ein halbes Jahr hab ich das gemacht, ich hab gehorcht und gehorcht und gehorcht, und es ist nix gekommen.

Und jetzt mach ich halt beides, Prosa und Lyrik. Das ist sehr praktisch, dann kann ich, wenn die Prosa voll in die Hose geht, einfach sagen: Du, ich mach auch Lyrik, das musst du mal anhören. Oder nach einem saublöden Gedicht: Ich schreib normalerweise Prosatexte, die musst du mal anhören. Und wenn beides Müll ist, dann sag ich: Du, ich spiel auch Tuba, das musst du mal anhören. Und dann, dann werde ich wenigstens belächelt. Und das ist doch auch schon mal was.

Paradebeispiele für den sinnvollen Einsatz ohne allzu großen Aufwand

Wie Sie sicherlich wissen (vielleicht sogar als Zeitzeuge), ist die Tuba als bayerischstes aller Instrumente und als die Vollendung der Instrumentenbauerkunst erst 1835 erfunden worden, und zwar – jetzt halten Sie sich fest – paradoxerweise in Berlin. Völlig verrückt, aber lassen Sie uns darauf später noch mal zurückkommen. Bleiben wir vorerst beim Instrument selbst:

Die Tuba ist also folglich das neueste und hochentwickeltste Instrument der nichtelektronischen Instrumentalgeschichte überhaupt, wenn man mal vom Saxophon absieht. Aber das ist ja auch kein Instrument. Alle anderen Instrumente sind quasi evolutionstechnisch gesehen auch in Wirklichkeit nur prähistorische Vorläufer, kümmerliche Versuche auf dem Weg hin bis zu dieser Vollendung der Instrumentenbauerkunst.

Und 1835, müssen Sie wissen, das war eine Zeit, in der es noch kein Telefon gab, kein Fax, kein E-Mail. Bis man also mitbekommen hatte, dass da ein gewisser Herr Wieprecht in Berlin so ein Rohr zusammengelötet hat, bis man jemanden gefunden hatte, der es nachgebaut hat, bis man jemanden gefunden hatte, der freiwillig hineinblasen wollte, bis man jemanden gefunden hatte, der auch etwas halbwegs Vernünftiges rausgebracht hat, bis den wiederum ein Komponist gehört hat, der dann gesagt hat: »Na ja, so grausig klingt’s gar nicht …«

Auf jeden Fall: Das erste vorzeigbare Solostück für Tuba datiert aus dem Jahre 1955, also 120 Jahre später.

Und selbiges existiert auch nur, weil ein Komponist namens Hindemith vollmundig verkündet hatte, er würde für JEDES Instrument eine Sonate schreiben. Seine Sonate für Tuba war also mehr das Produkt einer Angeberei (oder vielleicht auch einer Wette?) als eine missionarische Tätigkeit. Seine Tuba-Sonate zeichnet sich übrigens dadurch aus, dass der Tuba-Part äußerst schlicht und nicht besonders anspruchsvoll gehalten ist, während die Klavierstimme dem Pianisten einen halben Fingerbruch verordnet. Besonders lustig ist immer, dass sich nach einem Vortrag dieses Werkes der Tubist am vorderen Bühnenrand stolz und wunderbar ausgeruht feiern lässt, während der Pianist im Hintergrund schweißgebadet und frustriert von der Bühne schleicht.

Aber vor diesem Werk lagen, wie Sie ja jetzt bereits wissen, über hundert Jahre, in denen man die Tuba nur bedingt solistisch einsetzte, und wenn, dann meistens humoristisch oder zum Zwecke der Angsteinflößung beziehungsweise so gut wie gar nicht. Wie zum Beispiel bei der vorhin erwähnten »Neunten Symphonie« von Dvořák.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Hintergrund, warum Dvořák überhaupt diese sieben Tuba-Töne da hineinkomponiert hat. Das ist kaum zu verstehen, zumal Dvořák ja wirklich, sagen wir mal, also durchaus musikalisch war. Da hat man eine knappe Stunde diese herrlichen Themen aus der Neuen Welt, vom Horn, von der Klarinette, die Geigen jubeln über das neue Amerika hinweg, und dann – mittendrin – ist da dieser zweite Satz. Und dieser zweite Satz beginnt mit einem Trauergesang, also einem Posaunenchoral, das ist so ungefähr das Gleiche. Ein vollständiger, fertiger, trauriger Posaunenchoral. Bestehend aus wie viel Tönen? Richtig: sieben. Und jetzt werden Sie sich sicher fragen: Wenn das ein fertiger Posaunenchoral ist, warum dann eine Tuba? Das klingt doch schon traurig genug. Und Sie haben recht! Da war auch eigentlich gar keine Tuba. Nichts, keine Spur. Dienstfrei. Tubistenfeiertag!

Wie kommt es also, dass nun alle Tubisten weltweit eine völlig überflüssige, die Bassposaune einfach doppelnde Stimme spielen müssen, und das in einem der meistgespielten Werke der klassischen Musikliteratur? Abertausende schweißgetränkter Arbeitstage für überarbeitete Tubisten, für nichts und wieder nichts? Warum?

Ich werde es Ihnen erklären: 1893 stand in der New Yorker Carnegie Hall die Premiere des Werkes an, und weil das auch für einen bekannten Komponisten wie Dvořák ein sehr besonderer Karriereschritt war, wollte er natürlich als pflichtbewusster und motivierter Komponist bei allen Proben anwesend sein, um sein neues und kostbares Werk gut erarbeitet zu wissen. Gut erarbeitet wurde aber zeitgleich vor allem seine Ehefrau, und zwar zeittechnisch bedingt nicht von ihrem Gatten, sondern praktischerweise von einem einfühlsamen Orchestermusiker, der Gott sei Dank in dieser Symphonie nicht besetzt war. Dreimal dürfen Sie raten, welches Instrument …

Unglücklicherweise wurden die beiden verraten, und so unterband Dvořák auf hinterlistige und grausame Art und Weise das noch junge Glück und kettete den Liebhaber für sieben lächerliche Töne den ganzen Abend hinter das Notenpult. Das, meine Damen und Herren, ist der Grund, warum der Trauergesang im zweiten Satz von Dvořáks Neunter so abgrundtief traurig klingt und warum alle festangestellten Tubisten des Erdballs jedes Jahr aufs Neue zähneknirschend ihre weinenden Frauen und Kinder zurücklassen und sich für völlig sinnlose sieben Töne auf die Konzertbühnen der Welt wälzen. Und deshalb, bitte, haben Sie ein wenig Mitleid mit uns …

Nicht als Strafmaßnahme, sondern als artgerechte Haltung gilt die Verwendung der Tuba bei Richard Wagner. Wagner war begeistert vom Klang der Tuba (nicht zu verwechseln mit den Wagner-Tuben, das sind lediglich schlechter intonierende Waldhörner), weniger aber wohl von der Klangkultur der damaligen Spieler. Zu deren Verteidigung muss man fairerweise erwähnen, dass anfangs nur frustrierte Posaunisten oder pensionierte Trompeter zu Tubisten umfunktioniert wurden. Und noch bis in die 1960er Jahre gab es keine »reinen« Anstellungen für Tubisten in den Orchestern, sondern nur solche mit gleichzeitiger Verpflichtung zum Kontrabass, zum Busfahren oder auch zur leichten Gartenarbeit.

Wagner war das alles wohl bewusst, und so verwandte er die Tuba stets zur Untermalung besonders gruseliger Momente in seinen Opern, allen voran im Ring des Nibelungen. Dort hat die Tuba ihr großes Solo, wenn der schleimige Wurm Fafner aus seiner Höhle kriecht. Leider wird Fafner recht schnell von Siegfried umgebracht, weshalb es im weiteren Ring keine solchen Glanzstellen mehr gibt.

Aber auch andere Komponisten wussten die Finesse des Instruments zu schätzen:

Gleich zu Beginn meiner Studienzeit in Berlin kam ich in den Genuss, als Einspringer für meinen damaligen Professor im Orchester der Komischen Oper mitzuwirken, und zwar bei zwei wunderbaren Werken, in denen die Tuba eine besondere Rolle einnimmt: Da war zum einen das Ballett »La Fille mal gardée« von Ferdinand Hérold, eine tänzerische Symbiose von Zwangsheirat und Paarungsakten in Heuschobern. Den Höhepunkt erreicht das Spektakel schon sehr früh, als ein ziemlich betrunkener Tänzer sich am Minnetanz versucht. Die Abfolge der für klassisches Ballett durchaus ungewöhnlichen Tanzschritte wird dabei ausschließlich von einem einzigen Instrument untermalt, und zwar von dem, das dieser Situation als einziges gewachsen ist: der Tuba.