… es kam einer mit den Wolken des Himmels
wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem,
der uralt war und wurde vor ihn gebracht.
Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker
und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten.
Seine Macht ist ewig und vergeht nicht,
und das Reich hat kein Ende.
Daniel, 7.13
Bewahre stets Ithaka in deinen Gedanken.
Dort anzukommen ist dein Ziel.
Aber beeile dich auf der Reise nicht.
Besser, dass sie lange Jahre dauert.
Dass du als alter Mann erst vor der Insel ankerst,
reich an allem, was du auf diesem Weg erworben hast.
Ohne die Erwartung, dass Ithaka dir Reichtum schenkt.
Konstantinos Kevafis
Erster Gesang
Der Erzähler erklärt sich
Jerusalem brennt. Dies steht am Anfang, obwohl es damit endete. Aber seit die Römer den, der sich der Menschensohn nannte, ans Kreuz geschlagen hatten, lief es darauf hinaus.
Dort, wo er die Stadt wusste, stieg eine Rauchsäule in den Himmel, wie eine Zeder vor ihm stehend, und es erfüllte sich, was die Propheten vorausgesagt hatten – er, Jeschua Barabbas, hatte es von dem Gekreuzigten selbst gehört –, kein Stein würde auf dem anderen bleiben. Die Römer plünderten den Tempel.
Nicht von Jesus will ich berichten, sondern von seinem Gegenbild. Er, der Jerusalem brennen sah, war so etwas wie eine Nachgeburt, ein Zwilling des Phyrros, des Königs der Molosser, der die Römer mächtig in Verlegenheit brachte und so oft siegte, dass er schließlich erschöpft aufgeben musste. Doch dies trifft es nur halb, denn eigentlich passte er bereits damals nicht mehr in unsere Zeit, sondern gehörte eher zu den Mythen um Achilleus, Odysseus und den anderen Archäern, die nach Ruhm trachteten und einzig ihr Heldentum im Sinn hatten, und so kann man Jeschua Barabbas vielleicht noch der Alexanderlegende zurechnen. Ein Mann der Tat also, einer, der sich sein Reich aus den Völkern herausschneidet. Und beinahe wäre es ihm auch gelungen.
Daran erkennt Ihr schon, dass ich im griechischen Geist aufgezogen worden bin. Nach dem Lesen der Anabasis des Xenophon kam mir der Gedanke, niederzuschreiben, was mir mein Vater erzählt hat. Nicht, um mit Xenophon zu wetteifern, sondern um mir Klarheit zu verschaffen, was im Leben meines Vaters wirklich passiert ist und warum er zeit seines Lebens behauptete, dass die Götter mit Jeschua Barabbas genauso gespielt hätten wie mit dem vielgeprüften Odysseus und ihm sein Königreich nicht hätten stehlen dürfen.
Doch nicht mein Vater steht im Mittelpunkt, sondern der Mann, der bei den Christen nur eine Randfigur ist. Was ich erzähle, kann man mit Fug und Recht als die Passionsgeschichte des Jeschua Barabbas bezeichnen.
Mein Name ist Hermelaos, der Sohn des Postus. Alles, was ich hier schildere, weiß ich von meinem Vater, der zusammen mit Jeschua Barabbas den Römern trotzte. Vieles erfuhr ich auch von den Christen selbst, so von den Anhängern eines gewissen Paulus, den die Römer enthauptet haben. Zweifellos ein großer Mann, der Jesus Christus neu erfand und aus ihm das machte, was viele Griechen, aber auch Römer in Jesus einen Gott sehen ließen.
Mein Vater erzählte mir die Geschichte des Jesus allerdings anders, und er war schließlich im Gegensatz zu Paulus dabei gewesen. Mein Vater kannte sogar Petrus und Jakobus, den Bruder des Jesus. Judas, den die Christen einen Verräter nennen, war übrigens meines Vaters Freund. Oh ja, ich kenne die Schriften der Christen, die seit einigen Jahren im Umlauf sind. Sie enthalten so viele Widersprüche und Unwahrheiten, wie ein Hund Flöhe hat, kein Wunder, dass die Gestalt Jesu unter einem Nebel verborgen bleibt.
Ich bin ein skeptischer Mensch, ich glaube nicht daran, dass die Cäsaren zu Göttern werden, und auch den Mysterienkulten vermag ich nichts abzugewinnen. Wenn man mich in den Tempeln sieht, dann nur deshalb, weil ich kein übles Gerede haben und mit meinen Nachbarn in Frieden leben will. Doch das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth erfüllt mich mit Ehrfurcht und Staunen: Er hat etwas Neues und Unerhörtes in die Welt gebracht, und deshalb wundert es mich nicht, dass er so viele Anhänger gefunden hat. Was mich aber außerordentlich erstaunt, ist die Tatsache, dass die Botschaft Jesu Ansprüche stellt, die die Menschen unmöglich erfüllen können. Trotzdem bekennen sich immer mehr Menschen zu ihm.
Seine Anhänger nannten Jeschua Barabbas Fürst der Donnersöhne, ein treffendes Gegenbild, das ihn besser erfasst als die wundersame Gestalt in den Evangelien von Markus und Konsorten, denn die Geschichten kann man nur glauben, wenn man glauben will, und das ist noch das Beste, was ich darüber sagen kann.
Für die Christen ist Jeschua Barabbas weder ein Held noch ein König. Sie bezeichnen Jesus als den Messias, und obwohl mein Vater dies anzweifelte, glaube ich trotzdem, dass einiges dafür spricht, dass er es tatsächlich war, obwohl es die Juden bis heute vehement bestreiten. Sie warten immer noch auf ihren König, was zwischen Juden und Christen schon zu bösem Blut geführt hat: Die Anhänger Christi nennen das jüdische Volk, also sein Volk, Gottesmörder, was, wie wir noch sehen werden, eine Verkehrung der Tatsachen ist und eine heuchlerische Lüge, die noch viel Ärger verursachen wird. Ich kann es mir nur dadurch erklären, dass sie sich bei den Römern und Behörden einschmeicheln wollen.
Ich habe nichts gegen die Christen, obwohl das, was sie die größte Geschichte der Menschheit nennen, nicht zu dem passt, was ich über die Ereignisse vor der Zerstörung des Tempels durch Titus in Erfahrung gebracht habe.
Für Pontius Pilatus war Jesus ein Aufständischer. Was die Christen in Antiochia, Ephesus, Korinth und Rom natürlich bestreiten, sie nennen ihn einen Gottessohn, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Aber selbst Markus, wenn er überhaupt so hieß, behauptete nicht, dass Jesus ein Gott war, davon sprach nur Paulus.
Paulus ist Jesus nie persönlich begegnet. Ich weiß, jeder Christ erzählt einem die Geschichte, die ihm, Paulus, auf dem Weg nach Damaskus widerfahren ist. Nun ja, solche Halluzinationen hatten auch schon andere. Wir wissen doch, was davon zu halten ist. Hunderte haben Stein und Bein geschworen, gesehen zu haben, dass Cäsar Augustus in einer Wolke zum Himmel aufgefahren ist. Der Mensch kann sich alles, aber auch wirklich alles einbilden. Ich habe mit Menschen geredet, die Paulus gekannt haben, und was sie mir von ihm erzählten, hört sich alles sehr schön an. Wenn ich nicht hier bei Salernum eines der schönsten Güter besäße und nicht Dutzende von Schiffen in Ostia, sondern das Schicksal der Sklaven teilte, würde ich sicher auch Gefallen an den Briefen des Paulus finden. Denn zweifellos haben die Christen ein Herz für die Erniedrigten dieser Welt. Wäre ich Christ, müsste ich meinen letzten Mantel mit den Armen teilen, von meinen Gütern ganz zu schweigen. Da lässt es sich mit den Göttern Jupiter, Apollo oder Artemis allemal besser auskommen. Doch will ich gern anerkennen, dass dieser Paulus ein Cäsar des Geistes war. Was er aus dieser kaum beachteten Geschichte am äußersten Ende des Imperiums gemacht hat, die dem Kaiser nicht einmal zu Ohren kam und dessen Sekretär auch nicht sonderlich beschäftigte, macht ihn in meinen Augen zu einem großen Mann.
Ihr werdet merken, dass Paulus trotzdem nicht mein Held ist, nicht einmal Jesus, sondern der, der vergessen im Schatten des Nazareners steht und dessen Taten Markus und seine Kollegen Jesus zuschreiben. Das Leben des Jeschua Barabbas wurde von ihnen bewusst oder unbewusst totgeschwiegen oder verfälscht.
Die Ereignisse liegen lange vor der Zerstörung Jerusalems. Leider gibt es keine Berichte über den Prozess, den Pontius Pilatus gegen die beiden führte. Nur aus den Schriften der Christen ist bekannt, dass der Präfekt die Juden zwischen Barabbas und Jesus entscheiden ließ und danach seine Hände in Unschuld wusch. Ich frage Euch: Seit wann lässt sich ein römischer Statthalter vorschreiben, was er zu tun hat? Aber nehmen wir ruhig an, dass etwas Ähnliches passiert ist. Nicht, dass die Vermutung aufkommt, dass ich, der Sohn eines Griechen mit hellenischer Bildung, ein Judenfreund wäre. Dennoch kann ich mich der weit verbreiteten Ansicht, sie seien ein verworfenes Volk, das nur überall Unruhe verbreitet, nicht anschließen. Die Juden sind ein tapferes Volk. Ich wollte, wir Griechen hätten uns so hartnäckig gegen die Römer gewehrt. Aber dazu hatten wir nicht mehr die Kraft und diese Unbedingtheit, und so wurden wir zu Römerlein, und die wahren Römer blickten auf uns herab und schimpften uns Friseure und Masseure, obwohl sie von uns alles übernommen haben, was aus diesen Bauern gebildete Menschen macht. Sie sind zweifellos das diebischste Volk der Erde. Sie haben uns alles gestohlen. Selbst unsere Seelen.
Ein halbes Leben habe ich mich mit Jeschua Barabbas und Jesus Christus auseinandergesetzt, sodass ich manchmal selbst glaube, der Fürst der Donnersöhne zu sein. Lest also, welch wundersames Leben er durchlitt.
Jerusalem brennt. Damit will ich beginnen.
Schon in Ur und Eridu, in den alten Städten Chaldäas, hat man über den Gott Hadad geklagt, und was unsere griechischen Götter im Olymp anstellen, lässt auch nicht auf Verlässlichkeit schließen. Sie treiben es mit uns, wie sie wollen. Klein und armselig sind wir Menschen, selbst wenn wir Purpur tragen oder Reichtümer angehäuft haben oder, wie Jeschua, als Freiheitskämpfer gerühmt wurden. Wir alle müssen Schmerz erfahren und Not und Angst und nun, als alter Mann, als er geglaubt hatte, dass ihm nicht mehr viel widerfahren könne und er mit allen Prüfungen durch sei, die ihm der Herr auferlegen konnte, musste er noch eine bestehen, die härter war als alle vorangegangenen. Die Vergangenheit kam zurück und rächte sich auf eine Art, die er nie erwartet hatte und auch nicht erwarten konnte, weil er niemals erfahren hatte, dass seine Liebe zu der Schwester des Cassius nicht folgenlos geblieben war. Aus dem Dunkel war die Frucht seiner Lenden getreten, und er hatte sie nicht erkannt, genauso wenig wie der Centurio weder den Vater noch den Halbbruder erkannt hatte.
In jeder ordentlichen Tragödie hätte jetzt der Chor hervortreten und Jeschuas Schicksal beklagen müssen, sein Leid, seine Schuld und seine Sühne. Aber Tragödien wurden in diesem Land, zumindest auf der Bühne, nicht oft aufgeführt, wenn man von Sepphoris, Cäsarea und einigen anderen Städten einmal absah, die überwiegend von Griechen oder griechisch denkenden Juden bevölkert waren. Denn dies war das Land des einzigen Gottes, und Er hatte in der Vergangenheit nicht daran gespart, Seine Ansprüche an Israel zu zeigen. Und es bewahrheitete sich, dass ein heiler Krug geprüft wird und nicht ein gesprungener.
Jeschua hatte keine Schuld daran, dass er nicht von der Frucht seiner Lenden wusste, denn zu der Zeit war er längst im fernen Kusch gewesen. Durch Herkunft, Tradition und die Macht der Konventionen hatte diese Liebe von Anfang an keine Zukunft, und dies hätten sowohl Helena als auch Jeschua wissen müssen. Zumal er sich gegen das Gesetz verging. Man legt sich nicht zu einem Weib, das anderen Göttern huldigt, und dieses uralte Gebot hatte er, dem Drang der Lenden nachgebend, mit der Unbedachtheit der Jugend verletzt. Und jetzt lag das Ergebnis vor ihm im Staub.
Schluchzend zog er den Ring ab, und nun fielen seine Tränen auch auf diesen Toten.
Nahum umfasste Jeschuas Arm und richtete ihn auf.
»Du glaubst, dass …«
»Ja. Du siehst doch sein Gesicht. Und der Ring bestätigt es.«
»Dann hast du …«
»Ja. Zwei Söhne verloren.«
»Was für ein schlimmer Tag!«, flüsterte Nahum und strich über Jeschuas Gesicht. »Du musst stark sein, mein Fürst.«
»Wie stark soll ich denn noch sein?«
»Wir müssen sie begraben.«
»Ja. Begraben wir sie. Zusammen. Dort.«
Mit zitternder Hand deutete er hinüber zu den Felsen, vor denen die drei anderen Römer lagen. Die Knechte nahmen seinen Sohn Jakobus auf und den anderen Sohn, der ihm fremd war, den Centurio, und schlugen mit Äxten ein Loch in den Boden vor den Felsen und betteten dort die Toten zur Ruhe. Daneben schlugen sie ein weiteres Loch in die Erde, in das sie die toten Römer hineinlegten, und sie schütteten Erde auf beide Gräber und legten Steine darauf, damit keine Tiere die Leichen aus den Löchern zerren konnten. Vor den zwei Gräbern sprach Nahum die Gebete, doch Jeschua betete nicht. Er war gefangen in den Erinnerungen an die erste Liebe, und in seinem Herzen war die Finsternis des Schmerzes.
»Wir müssen weiter. Die Römer werden mit Verstärkung zurückkommen«, sagte Nahum.
»Ja. Geht nur. Geht!«, stimmte Jeschua tonlos zu.
»Kommst du nicht mit?«
»Nein. Ich gehe nach Cäsarea.«
»Was willst du bei den Gottlosen?«
»Um für das hier einzustehen«, sagte Jeschua, öffnete die Hand, in der der Ring lag, und sah dabei hinaus auf das rotbraune Land und den Staubwirbel in der Ferne. Es konnte ein Zeichen sein oder auch nicht. Es war ihm egal.
»Du wusstest nicht, wer er war«, versuchte Nahum ihn zu trösten.
»Macht es das weniger schlimm? Ich muss vor ihr, der Mutter, Rechenschaft ablegen.«
»Du bist ohne Schuld. Er tötete deinen Erstgeborenen.«
»Er, der Centurio, war mein Erstgeborener.«
»Die Wege des Herrn …«
»Das kann ich bezeugen. Unergründlich sind sie, wahrhaftig. Es geschah am Anfang meines Weges!«, sagte Jeschua stöhnend und rieb sich das brennende Gesicht. Er sah das Mädchen vor sich in jener Nacht im Garten des Prätoriums zu Jerusalem. Er sah Cassius’ hassverzerrtes Gesicht, und wieder hörte er seinen mörderischen Schwur. Später, viel später, als er bereits Rebecca zur Frau genommen hatte, kam ihm die Kunde von Helenas Heirat mit einem römischen Hauptmann.
Nach der Nacht im Garten des Prätoriums hatte er die Römerin ihrem Heidentum überlassen müssen und sie und den Liebesschwur vergessen. Sie war wohl zu stolz gewesen, ihn daran zu erinnern, und der Sohn wuchs als Römer auf.
»Du kannst nicht allein nach Cäsarea gehen. Es ist Krieg, und du bist ein alter Mann. Ich werde dir Samuel mitgeben.«
Nahum winkte seinen Jüngsten heran und legte ihm beide Hände auf die Schultern.
»Du bist die letzte Frucht meiner Lenden, und ich liebe dich und ich weiß, dass du deinen Vater ehrst. Gehe mit Jeschua. Ich war sein Gefährte in meiner Jugend, und eine Zeit lang waren wir die Hoffnung des Volkes. Ich werde diese Zeit immer in Ehren halten. Ich will, dass du ihm dienst, wie ich ihm gedient habe. Begleite ihn nach Cäsarea und kehre anschließend mit Gottes Hilfe zu mir nach Jericho zurück, wo wir bei meinem Bruder Hosea Zuflucht nehmen.«
Der Sohn küsste die Hand seines Vaters und versprach zu tun, was ihm aufgetragen wurde. Mit Wehmut beobachtete Jeschua den Abschied. Die Liebe zwischen den beiden und der Schmerz ließen ihn aufschluchzen. Doch dann fasste er sich und nickte den beiden zu. Es war gut, einen Begleiter zu haben. Mit Zuneigung sah er auf Nahums Sohn, der dem Vater und dem älteren Bruder so unähnlich war, von kleiner Statur und stämmig, mit kurzen Beinen und einem breiten Gesicht mit listigen Augen unter einer kurzen Stirn, über der sich rote Locken kräuselten. Nahum hatte ihm stolz erzählt, dass er stark wie Samson sei und Steine zu heben vermochte, die sonst zwei Männer verlangten. Die Jugend und die Kraft konnten ein Ausgleich zu seinem Alter sein. Dankbar drückte er Nahums Hand.
»Ich werde ihn wie einen Sohn annehmen und ihn dir mit Gottes Hilfe gesund zurückschicken«, versprach Jeschua und blickte zu den Steinhügeln vor den Felsen.
Der Hals war ihm wie zugeschnürt. Er holte den Stecken vom Wagen und sein Reisebündel, und Samuel schulterte einen Sack mit Brot und Wasser, Feigen und getrockneten Weintrauben. Hungern würden sie nicht.
Als sie sich verabschiedeten, stand in ihren feuchten Augen die unausgesprochene Frage, ob sie einander wiedersehen würden. Jerusalem brannte, und niemand wusste, was die Römer ihrem Volk noch antun würden. Sie küssten sich auf ihre faltigen Wangen und befahlen einander in Gottes Obhut. Unter Segensrufen trennten sie sich.
Jeschua und Samuel nahmen den Weg durchs Gebirge nach Bet-El und wanderten viele Tage. Sie gingen durch Samaria und sahen die Gräuel, die brennenden Dörfer, die weinenden Witwen und die erschrockenen, fragenden Augen der Kinder. Oft mussten sie sich vor Patrouillen der Römer verstecken und Umwege machen, und manchmal war Jeschua so entkräftet, dass sie einen Tag ruhen mussten. Dies geschah dann im Schatten eines Felsens oder, wenn sie es besser trafen, in einem Tal mit Schatten spendenden Palmen, unter denen sie ihr Brot und die Feigen essen konnten.
Auf Samuels eifrige Fragen erzählte Jeschua von den alten Tagen, in denen er mit Nahum den Römern widerstanden hatte und sie als Räuber gejagt wurden und immer wieder entkamen.
»Sie haben euch nie bekommen!«, sagte Samuel zufrieden und voller Stolz auf den Vater, dem er nun nacheifern wollte.
»Wir waren ihnen lange Zeit immer einen Schritt voraus und schlugen dort zu, wo sie es nicht erwarteten.«
»Ihr wart wie Judas Makkabäus, als er den Antiochius schlug mit Hilfe des Herrn!«, begeisterte sich Samuel.
»Ein wenig von ihm hatten wir schon«, stimmte Jeschua zu. »Wir pflanzten wieder die Standarte der Makkabäer auf und brachten Furcht unter die Römer und die Knechte des Herodes Antipas. Und wir nahmen den Steuereintreibern das ab, was sie dem Volk abgepresst hatten.«
»Und gabt es dem Volk zurück. Ich wollte, ich wäre dabei gewesen.«
Am siebten Tag erreichten sie die Stadt Cäsarea, einzig erbaut, um die Macht der Römer zu demonstrieren, und allen Rechtgläubigen ein Gräuel, erbaut von einem, der sich Freund des Kaisers nannte und dafür die Verachtung des Volkes in Kauf nahm und den Frevel weitertrieb. In den Schriften der Juden steht das Wort Gottes geschrieben und sein Gebot, nur ihn zu lieben, doch auf den Plätzen in Cäsarea standen die Statuen des Kaisers um weiße marmorne Tempel, in denen man vor bunten Altären Jupiter, Adonis, Osiris und Isis Opfer brachte.
»Unrein«, flüsterte Samuel, als sie vom Berggipfel auf die Stadt sahen, und Jeschua erinnerte sich daran, dass über Jerusalem, der Stadt des Herrn, die Rauchsäulen wie die Zedern des Libanon standen.
Grün lag das Land vor ihnen, und die Palmen bewegten sich im Morgenwind, und dahinter lagen weiß in gleißender Pracht die Paläste der Römer und Griechen. Dahinter erstreckte sich das unendlich weite Meer.
Cäsarea, von Herodes dem Großen erbaut, wie ihn die nannten, die vom Glauben der Väter abgefallen waren, war eine Stadt der Griechen, und es fehlte nicht an griechischer Art. So gab es ein Theater, kleiner zwar als in Alexandria, und doch war es ein Zeichen des Siegeszuges hellenischen Geistes. Seit Alexanders Zeiten lag die Hand der Fremden schwer auf dem Land des Herrn.
Sie stiegen hinab in die Ebene und gingen an den säulengeschmückten Häusern vorbei zum Markt, einem rechteckigen, von Arkaden umsäumten Platz, in deren Schatten es angenehm zu wandeln war. Jeschua war lange nicht mehr in Cäsarea gewesen und erkannte die Stadt kaum wieder. Er besaß genug Bildung, um anzuerkennen, dass hier ein Kleinod griechischer Baukunst entstanden war, und es fiel ihm schwer, sich der Schönheit der Statuen zu entziehen und der Grazie der Tempel. Mit tränenden Augen dachte er an den Tempel des Herrn zu Jerusalem, aus dem die Römer mittlerweile wohl die Menora und die Schaubrote fortgeschafft hatten. Das Allerheiligste war entweiht.
Die Stadt hatte sich am Meer entlang aus den Mauern hinaus entwickelt. Sie gingen durch schier endlose Straßen mit prächtigen Villen, fragten nach dem Haus des Longinus und bekamen lange keine Antwort. Ein schieläugiger alter Mann musterte sie mit unangenehmer Neugier und gab ihnen schließlich Bescheid.
»Doch, doch. Ich kenne das Haus des Longinus. Einst war er Hauptmann der Wache in Jerusalem. Ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört. Seine Familie lebt aber noch hier.«
»Seine Frau lebt also noch?«
Der Alte zuckte mit den Achseln. »Das ist anzunehmen, denn die Frauen leben länger als wir Männer. Man weiß hier in der Stadt nicht viel über sie. Das Haus liegt hinter dem Palast des Tetrarchen, direkt am Meer. Ein schöner Besitz.«
»Hoffentlich ist sie nicht fortgezogen«, sorgte sich Samuel.
Jeschua schüttelte den Kopf. Daran wollte er nicht denken, und doch peinigte es ihn. Er wusste nicht, ob er noch die Kraft aufbringen würde weiterzuziehen, vielleicht sogar in ein anderes Land, nach Rom gar, um sie dort aufzusuchen. So viele Tage hatte er nicht mehr vor sich.
»Gehen wir zu ihrem Haus«, sagte er, und sie ließen den schieläugigen Mann stehen. Die Angst ließ Jeschua nun schneller ausschreiten. Er wollte Rechenschaft ablegen.
Schon bald standen sie vor dem prächtigen Anwesen, dessen Mauern mit Marmorplatten verkleidet waren. Ein Palast, der dem Geschlecht der Cornelier alle Ehre machte. Offensichtlich hatte sich hier eine stattliche Mitgift Ausdruck geschaffen, denn ein einfacher Hauptmann war weder in der Lage, ein solches Haus zu erbauen, noch ein solches zu führen.
Samuel verabschiedete sich von Jeschua und versprach, in einer nahen Herberge auf diesen zu warten. Jeschua indes wollte Helena allein gegenübertreten und die Nachricht überbringen.
Jeschua ließ den Türring auf die kupferbeschlagene, mit Reliefs ausgekleidete Tür fallen, deren gräuliche Szenen fremden Göttern und Heroen huldigende Gestalten zeigten, den schnellfüßigen Hermes, den die Leier spielenden Apoll und den schildbewehrten Achilleus. Oh ja, er kannte die Strophen der Ilias und der Odyssee und die Irrfahrt des Listenreichen. Jeschua, der Jude, nannte Homer groß. Es gab unter denen, die sich nach dem Gesetz richteten, nicht viele wie ihn.
Noch einmal schlug der Klöppel gegen das kupferbeschlagene Tor. Lange Zeit tat sich nichts. Hinter sich hörte er die Karren, die zum Hafen fuhren, die Rufe der Kutscher und das stetige Raunen der betriebsamen Hafenstadt.
Ob sie tatsächlich fortgezogen waren? Jeschua blieb jedoch hartnäckig, nahm den Stab und schlug ihn kräftig gegen das Tor, und es hallte, als würden Kriegsknechte Einlass begehren.
Endlich hörte er schlurfende Schritte, ein Riegel wurde zurückgezogen, und knarrend öffnete sich das kupferne Tor, als sei es schon lange nicht mehr aufgetan worden.
Ein altes Gesicht sah ihm misstrauisch und verärgert entgegen.
»Ich möchte zur Herrschaft!«, sagte Jeschua.
»Hier gibt es nur eine Herrin«, erwiderte der Diener, der, obwohl er am Hals den Sklavenring trug, abschätzig die einfache Kleidung des Fremden taxierte, um deutlich zu machen, dass dieser keine zuvorkommende Behandlung verdiente.
»Dann führe mich zu deiner Herrin!«, fuhr ihn Jeschua zornig an.
»Wen darf ich melden?«, fragte der Diener, nun vorsichtiger geworden.
»Sag ihr, dass Jeschua bittet, vorgelassen zu werden.«
»Jeschua wer?«
»Das genügt ihr allemal. Sag ihr einfach, dass Jeschua um Einlass bittet.«
Daraufhin schloss der Diener die Tür, ohne ihn in die Halle zu bitten. Als er wieder zurückkam, verbeugte er sich, wie es der Sitte entsprach, und ließ ihn in die Vorhalle eintreten, die kühl war und in deren Mitte ein Springbrunnen den Aufenthalt angenehm machte. Der Diener ging ihm voraus und führte ihn in einen paradiesischen Garten, in dem unter Palmen Hibiskus und Glyzinienbüsche wuchsen. Dahinter lag das Meer.
Am Ende des Gartens, vor dem schmalen Strandstreifen, erwartete ihn in einem kleinen Pavillon eine hohe Gestalt in einem weißen Kleid.
Jeschua verhielt seinen Schritt. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Die Angst vor der Rechenschaft schüttelte ihn, und er dachte wieder an jene Ereignisse in einem anderen Garten, als er jung und stark gewesen war und ihm ihre Götter gleichgültig gewesen waren, aber auch das Verbot des Herrn, nicht bei den Frauen der Philister zu liegen. Er schämte sich nun, Helena mit den Spuren des Alters entgegenzutreten, die zwar seinen Enkeln Achtung abnötigten, die Geliebte der frühen Tage aber erschrecken mussten, hatte sie ihn doch in der Blüte seiner Jugend erlebt.
Als er nähertrat, gewahrte er zuerst ihr weißes Haar. Ihr Gesicht war faltig, aber ihre Augen hatten immer noch den leuchtenden Glanz von damals.
Sie breitete die Arme aus, und er war bei ihr, und sie hielten sich lange umfangen.
»Jeschua. Jeschua Barabbas! Mein schrecklicher Held!«, flüsterte sie, löste sich aus seinen Armen und hielt sein Gesicht fest und las in ihm, las in jeder Falte, las in dem grauen Haar und in der Mattigkeit der Augen. Sie lächelte schmerzlich. »Die Zeit hat uns kräftig durchgeschüttelt, mein Lieber.«
»Das hat sie wohl. Doch deine Augen haben immer noch den Glanz wie in jenen Tagen in Jerusalem.«
»Wie viel Schreckliches ist seitdem geschehen«, sagte sie seufzend. »Aber du siehst immer noch aus, als wärst du der Herr eines Königreiches, zwar ein alter Fürst, aber immerhin ein Fürst«, setzte sie mit scheuem Lächeln hinzu.
»Ein Mann, der sich bescheiden musste!«, wehrte er ab.
»Ein Mann, der klüger geworden ist?«, fragte sie mit stolzem Lächeln, als wäre er ihr Eigentum, als würde sie eine kostbare Statue betrachten, die nach widrigen Zeitläufen zwar angeschlagen ist und Risse aufweist, aber immer noch die Kunstfertigkeit eines Meisters zeigt.
»Klug? Nein. Bescheiden. Herrscher über ein paar Weinberge und Felder und Besitzer eines Gestüts. Das ist alles. Barabbas ist vergessen. Und nun bin ich alt und wäre froh, wenn du einen Sessel bringen lassen würdest, damit sich meine zitternden Knie beruhigen.«
Sie klatschte in die Hände, und Diener eilten herbei und brachten nach ihrer Weisung gleich darauf die Sessel und einen Tisch und stellten Wein und Gebäck zurecht, und sie setzten sich. Jeschua wusste nicht, wie es weitergehen und wie er ihr das Unglück berichten sollte. Er sah über die Glyziniensträucher, in denen ein Schwarm Vögel lärmte, hinweg auf die gegen den Strand rollenden Wellen.
»Schön hast du es hier. Es freut mich, dich hier in so angenehmer Umgebung leben zu sehen«, sagte er unbeholfen und brach ab, und sein Gesicht senkte sich auf die Brust. Er dachte an das Blut, das geflossen war und von seinem Blut war, und an das andere Blut, das wohl auch sein Blut war und weswegen er Rechenschaft ablegen musste, und drückte die Faust an den Mund und sah ihr mit Furcht und Qual entgegen.
»Was hast du, Jeschua? Was bedrückt dich so?«, fragte sie, besorgt über seine offensichtliche Verzweiflung und Not.
»Was weißt du aus Jerusalem?«, fragte er, um Zeit zu gewinnen, um sich selbst wieder aufzurichten und die Festigkeit zurückzuerlangen.
»Das, was alle wissen. Jerusalem ist gefallen. Der Krieg ist vorbei«, hörte er sie flüstern, als könne diese Nachricht nur geflüstert weitergegeben werden und kein lautes Wort vertragen. »Kein Stein soll mehr auf dem anderen sein.«
»So hat er doch Recht behalten.«
»Ja, Jesus hat Recht behalten.«
Er wusste, wen und was sie meinte. Für ihn war Jesus von Nazareth auch nicht mehr Jeschua, auch er nannte ihn wie die Griechen: Jesus Christus, woran ein gewisser Paulus mit seinen Briefen und Predigten einen nicht geringen Anteil hatte. Aus Jeschua, dem Messias, wurde so unter den Nazarenern Jesus Christus, seien sie nun Juden oder Hellenen.
»Du weißt von ihm?«
»Ja, Longinus hat mir viel über ihn erzählt und von dem Tag, als ihm der Prozess gemacht wurde und er ihn ans Kreuz schlug und sich der Himmel verdunkelte.«
»Dein Mann hat mich einst gerettet.«
»Ich weiß. Er gab dir zurück, was er dir schuldete. Leben für Leben, so sagte er mir.«
»Er ist ein guter Soldat. Ich habe ihn geachtet. Und er glaubte nun, dass …«
»Ja. Dass Jesus der Messias war und gestorben und wieder auferstanden ist und wiederkommen wird, am Ende der Tage.«
»Jesus ist spurlos verschwunden. Ich habe ihn damals gesucht.«
»Ja. Aber Longinus glaubte, dass er wiederkommen wird. Sein Tod war ein Zeichen der Liebe. Euer Gott hat seinen Sohn zu uns geschickt, um unsere Sünden auf sich zu nehmen.«
»Und du glaubst das?«
»Longinus glaubte das«, wich sie aus.
»Wo ist er?«
»Er ist von uns gegangen.«
»Das tut mir leid.«
»Ja. Wo lebst du jetzt?«, fragte sie, ganz offensichtlich das Thema wechselnd.
»In der Fremde, bei den Griechen, und mein Name ist nicht mehr Jeschua Barabbas.«
»Dann ist es gut. Dort müsstest du sicher sein. Der Tempel der Juden wird nie wieder aufgebaut werden. Es wird ein schreckliches Unglück über euer Volk kommen.«
»Noch mehr Unglück ist kaum möglich!«
»Ich habe gehört, dass sie alle Juden aus Israel vertreiben wollen.«
»Alle? Nein. Das ist …«
»Doch. Ihr sollt zerstreut werden über den Erdkreis.«
»Sie übertreffen sich in ihrer Grausamkeit immer wieder selbst«, flüsterte er schockiert.
»Du hast deinen Beitrag dazu geleistet, dass die Römer die Juden so hassen.«
»Das ist lange her.«
»Und das ist gut so. Jedenfalls bist du außerhalb Palästinas in Sicherheit.«
»Was wird aus unserem Volk?«, fragte Jeschua und sah sie ratlos an.
Der Tempel war ein Haufen zerbrochener Steine, die man beweinen konnte, aber würde Gott ohne seine Heimstatt und in der Fremde weiterhin am Bund festhalten?
»Wir leben in einer Zeitenwende. Vielleicht hatte Longinus Recht, und Jesus von Nazareth weist nun einen neuen Weg«, sagte sie mitfühlend und legte ihm die Hand aufs Knie, und er ergriff sie und streichelte die welke Haut. »Wie ist es dir ergangen? Erzähl, hast du geheiratet und Kinder?«
Er zuckte zusammen. Es war soweit, nun musste er Rechenschaft ablegen. Er griff in die Tasche seines Haluk und tastete nach dem Ring. Nein, noch war es nicht soweit, noch konnte er es nicht.
»Ich hatte zwei Söhne, und meine Töchter und Enkel sind die Freude meines Lebens.«
»Du hattest? Was ist mit deinen Söhnen?«
»Mein Jakobus wurde vor einigen Tagen ermordet.«
»Du Armer!«, flüsterte sie und drückte seine Hand. »Wie hat es sich zugetragen?«
»Es geschah auf der Straße nach Jericho. Ein Centurio tötete ihn.«
»Was für ein Unglück«, flüsterte sie. »Und warum bist du erst jetzt zu mir gekommen, nach so vielen Jahren? Longinus wusste, dass du die Liebe meiner Jugend bist und ich lange Zeit auf dich gewartet habe. Aber du kamst nie, und deswegen gab ich dem Drängen meines Vaters nach. – Nun greif doch zu. Trink von dem Wein. Nimm von dem Gebäck! – Du trauerst um deinen Sohn und um Jerusalem, nicht wahr? Es ist viel, was du ertragen musst. Ich kenne eure Liebe zu dem Tempel. Ihr werdet von nun an ohne Jerusalem leben müssen.«
»Solange es noch einen Juden gibt, wird Jerusalem Bestand haben und in unserem Herzen sein. Das Gesetz wird zu unserem Tempel werden.«
»Was seid ihr für ein seltsames Volk. So viele Völker sind Rom untertan und nehmen es hin. Viel größere Völker erkennen die Macht des Kaisers an und ihr seid nur wenige und wehrt euch am längsten. Alle haben wir besiegt.«
»Alle? Varus hat in Germanien eine andere Erfahrung gemacht«, erinnerte er an den Feldherrn, der einst auch Tausende von Juden abschlachten ließ und dann später in den Wäldern Germaniens mit seinen Legionen den Tod fand.
»Publius Quinctilius Varus war ein Dummkopf!«
»Ein hochmütiger, grausamer Mensch auf jeden Fall. Schade, dass Germanien so weit weg ist. Was würde passieren, wenn sich die Germanen mit uns zusammentäten und wir von Osten und sie von Westen ins Imperium einfielen?«
»Ein seltsamer Gedanke. Aber das wird nicht geschehen. Niemals! Roms Macht ist auf ewig begründet. Der römische Frieden hält die Welt zusammen.«
»So spricht eine Römerin.«
»Eine Cornelierin zudem!«, sagte sie mit feinem Lächeln.
»Wer weiß, was der Schoß der Zukunft noch birgt.«
»Daran erkenne ich meinen Jeschua«, sagte sie mit mildem Spott. »Immer noch hängst du Träumen nach. Selbst jetzt, wo Jerusalem zerstört ist.«
»Nichts ist ewig. Denk an Alexanders Reich. Denk an Karthago.«
»Das wir besiegt haben!«, erwiderte sie stolz. »Heute stehen die Statuen des Kaisers in Karthago. Erinnerst du dich, schon damals haben wir über Roms Größe gestritten.«
»Ja. Schon damals stand Rom zwischen uns.«
»Aber nicht das trennte uns.«
»Nein. Aber das wird uns trennen«, sagte er und zog den Ring des Centurios aus der Tasche. »Der Mann, der diesen Ring trug, tötete meinen Sohn.«
»Das kann nicht sein … Das darf nicht sein …«, stammelte sie, sprang kreidebleich auf, legte die Hand vor den Mund und starrte auf die ausgestreckte Hand. Weinend ergriff sie den Ring und hielt ihn hoch. »Magnus hat deinen Sohn getötet?«
»Und ich habe den Centurio getötet!«, stöhnte er.
Er sagte nicht, was er bereits wusste. Er brachte es nicht über die Lippen. Sie musste ihm sagen, dass er den eigenen Sohn getötet hatte.
Sie sah auf den Ring in ihrer zitternden Hand, auf das Wappen ihres Geschlechts. Schluchzend warf sie den Ring auf den Tisch und schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen.
»Du hast ihn getötet? Du?«, stammelte sie. »Was haben wir den Göttern getan, dass sie uns so strafen?«, schrie sie und ballte die Faust gen Himmel.
Sie schwiegen lange, und er lauschte ihrem Schluchzen und wartete auf die Anklage und Verurteilung.
Schließlich richtete sie sich auf und ihr Gesicht wurde hart. In diesem Augenblick war sie wieder die Cornelierin, eine Tochter Roms. Zorn loderte in ihren Augen, aber er galt nicht ihm, sondern den Göttern, die dies zugelassen hatten.
»Warum legt man uns dies auf? Warum? Sollten wir beide gestraft werden, weil Römer und Juden sich nicht zusammentun dürfen? Hat sich dein Gott mit unseren Göttern zusammengetan? Oh ja, nun verstehe ich. Magnus war ganz ein Cornelier. Schon als Kind. Er war wild und unbeherrscht und später ein Krieger durch und durch. Niemand vermochte ihn zu bändigen. Als er Soldat wurde, war dies Longinus eine Freude, aber auch dort brachten ihn sein Temperament und seine Unbeherrschtheit immer wieder in Schwierigkeiten. Natürlich hat ihm die Familie geholfen. Zwar gehören wir nicht mehr zu denen, die Macht haben, aber ohne Einfluss sind wir nicht. Jeder in Rom, selbst der Kaiser, achtet unseren Namen, schließlich ist mit ihm der größte Triumph Roms verbunden. Oh, Jeschua, wie hart werden wir bestraft, dass wir uns einst geliebt haben!«
Jeschua zuckte zusammen, als würden ihn Stockschläge treffen.
Sie sah seinen Kummer und hielt ihm den Ring entgegen. »Erzähl!«
Er sprang auf, weil er keine Luft bekam, und ging ruhelos auf und ab.
»Ich habe den Mörder meines Sohnes getötet!«, stammelte er, und er erzählte, wie es gewesen war, wie sein Sohn und der andere Sohn, der Römer, gestorben waren.
»Erst als ich ihm den Helm abnahm, erkannte ich ihn«, schloss er.
»Schuldlos schuldig«, flüsterte sie.
»Ich habe meinen Sohn getötet, der seinen Bruder getötet hat. Er, der Römer, war doch mein Sohn, nicht wahr?«
Sie nickte und hielt die Hände vor das Gesicht, und er wusste, dass sie den Ring gegen ihre Lippen drückte.
»Als ich es tat, war er wie ein wild gewordenes Tier. Ein Römer, der mich verachtete und nichts dabei fand, meinem Sohn das Schwert in den Leib zu stoßen.«
»Er sah dir nicht nur ähnlich. Er war so wie du.«
»Nein!«, widersprach er zornig. »Ich habe für die Freiheit meines Volkes gekämpft. Er war ein Unterdrücker, voller Hochmut und im Siegesrausch.«
»Und in welchem Rausch warst du, als du als Jeschua Barabbas durch Galiläa zogst? Oh ja, ich habe deinen Weg verfolgt in dem Jahr, als man Jesus kreuzigte. Eine Blutspur zogst du hinter dir her. Aber ich sagte niemandem, wer dieser Jeschua Barabbas war, den die Juden Fürst der Donnersöhne nannten. Longinus gestand ich, nach deinem Sieg bei Megiddo, wem er sein Leben verdankte. Ich habe dich geliebt, und er hat mir dies nie nachgetragen. Er verstand, dass man die erste Liebe seines Lebens nicht vergisst, selbst wenn die Zeit sie verblassen lässt. Du warst ein Krieger, und Blut war an deinem Schwert, und dein Sohn, den du getötet hast, war ein Krieger wie du.«
»Ein Römer war er.«
»Ja. Er war ein Römer mit dem Blut der Cornelier, aber in ihm war auch das Blut des Jeschua Barabbas. Das war wohl eine Mischung, die sich nicht vertrug.«
»Wusste er?«
»Nein. Er glaubte der Sohn des Longinus zu sein. Wir haben es ihm nie gesagt.«
»Warum hast du mir nie eine Nachricht zukommen lassen, dass wir einen Sohn haben?«
»Du warst lange Zeit verschollen. Als ich wieder von dir hörte und mir bewusst wurde, dass dieser Jeschua Barabbas, der Anführer der Rebellen in Galiläa, mein Jeschua war, lebte ich schon viele Jahre mit Longinus zusammen. Mein Vater war froh, dass er mich, obwohl ich Schande über die Familie gebracht hatte, mit einem honorigen Mann verheiraten konnte. Und Longinus war glücklich über die Ehre, eine Cornelierin als Frau zu bekommen. Es war anfangs ein Arrangement. Aber dann erkannte ich, wie gut ich es mit ihm getroffen hatte. Longinus war dem Magnus ein guter Vater. Ich wollte nicht, dass du ihn uns wegnimmst und zum Juden machst. Deswegen schwieg ich.«
»Verschwiegst mir mein Fleisch und Blut und machtest ihn zum Römer.«
»Unser Fleisch und Blut!«, verbesserte sie ihn nun zornig.
»Ich hätte ihn dir nicht weggenommen.«
»Ach ja? Und wie sollte ich das wissen? Du warst der fürchterliche Barabbas, der Rebell gegen Rom, dessen Namen alle Griechen und Römer mit Schaudern nannten.«
»Ich bin verflucht«, lenkte Jeschua ein.
Hochaufgerichtet ging er auf dem palmengesäumten Weg zum Meer, als ginge er freiwillig zu einem Richtplatz. Er beobachtete die Wellen, wie sie gegen das Ufer rollten. Ein Chor, so dünkte ihn, schrie vom Wasser her: »Verworfen!« Er suchte eine Antwort auf sein Schicksal, das vor vielen Jahren mit dem verbunden war, den sie jetzt Jesus Christus nannten. Wie viel Elend hatte er gesehen und verursacht, wie viele Männer hatte er getötet? Wie viele von seinem Volk waren um seinetwillen erschlagen worden? Wie viele hatten Kinder zurückgelassen, die mit hungrigen Augen durch die Dörfer liefen? Vierzig Jahre waren seitdem vergangen. Jeschua hatte geglaubt, alles hinter sich gelassen zu haben, und nun gaben ihm die toten Söhne eine späte Antwort.
Furchtbar war dein Leben, dachte er voller Gram. Aber ich wollte kein Unrecht tun. Eine kurze Zeitspanne war ich die Hoffnung Israels, und mein Name wurde bejubelt, so wie man Jesus bei seinem Einzug bejubelte. Hosianna, schrien die Donnersöhne. Hilf uns, rief das Volk. Beseitige die Not Israels. Nimm von uns das Joch der Römer. Ich wollte nur die Schrift erfüllen, dachte er verzweifelt.
Wie hatte das alles angefangen?
Er rieb sich das graue, bärtige Gesicht und setzte sich in den Sand.
»Mein Gott, warum hast du mich verlassen?«, fragte er in das Tosen der Brandung, und ihm fiel wieder ein, was ihm Maria von Magdala erzählt hatte, dass dies auch die Worte Jesu am Kreuz gewesen waren. Was hatte das alles zu bedeuten? Warum hatte er so lange leben dürfen? Und er, den die Nazarener nun zum Gott machten und dem man zuschrieb, was er, Jeschua Barabbas, getan hatte, war schon so lange fort. Verschwunden. Maria von Magdala erzählte anderes. Er fühlte keinen Neid, weil man über den Fürsten der Donnersöhne nicht mehr sprach. Nur manchmal, doch dies geschah selten, wenn ihm jemand von Jesus erzählte und diesem zuschrieb, was er getan hatte, lachte er bitter auf und schwieg dazu. Nicht Jesus hatte die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel gejagt, sondern er, Jeschua Barabbas. Jesus, der die Liebe predigte, war zur Gewalt niemals fähig. Es hätte seiner Botschaft widersprochen. Aber warum hatte Jeschua weiterleben dürfen, während Jesus …
Er hörte Schritte hinter sich, doch er drehte sich nicht um. Er hielt seinen Blick auf das Meer gerichtet und sah zurück auf den Anfang, als alles begonnen hatte.
»Ich habe dich nicht verurteilt«, hörte er hinter sich Helena sagen.
»Gott hat mich verurteilt!«
»Du quälst dich zu sehr.«
Die Sonne versank im Meer und entzündete kleine goldene Flammen auf dem Wasser. In dem gleißenden Licht der reflektierenden Strahlen entschleierte sich erneut der Anfang seiner Jugend und die erste Begegnung mit ihm. Die sich ihnen nähernden Schritte hörte er nicht.