ISBN: 978-3-95573-305-6
1. Auflage 2015, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2015 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de
Titelbild: Unter Verwendung des Bildes 273038261 von Tonko Oosterink (shutterstock).
Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten.
Norden-Norddeich im Winter 1886
Sie weinte nicht mehr. Er würde sie sowieso nicht hören, egal ob sie schrie, mit den Fäusten gegen die Wände hämmerte oder mit den Füßen um sich trat. Er hatte sie hierher gebracht, um sie nie wieder abzuholen. Zwar wusste sie nicht genau, was das Wort "TOD" bedeutete, doch sie wusste, dass er oder es auf sie wartete und sie ihm nicht entkommen konnte.
Resigniert kauerte sie sich auf den feuchtkalten Boden, umschlang mit dem linken Arm ihre Knie und ließ mit der rechten Hand den kleinen rotgelben Gummiball aufspringen, den er ihr als einziges gelassen hatte.
Während sie den Ball wieder und wieder aufspringen ließ, summte sie die kleine Melodie vor sich hin, die ihre Mutter ihr immer vor dem Schlafengehen vorgesungen hatte.
"Schlaf Kindchen, schlaf..."
Norden-Norddeich im Sommer 2009
Das Mondlicht war kalt und weiß wie ein Leichentuch, das sich gleichmäßig über das Land gelegt hatte und die Büsche und Bäume schwarz und bizarr wie Scherenschnitte aus der Hand eines leicht morbid veranlagten Künstlers aussehen ließ.
Das Grundstück wirkte schon am Tage düster und abweisend. Jetzt, beschienen von diesem kalten weißen Mondlicht, sträubten sich bei seinem Anblick auch weniger phantasiebegabten Menschen die Nackenhaare.
Der leichte Wind, der durch das Buschwerk strich, ließ die Blätter leise rascheln. Es war ein unaufhörliches Wispern und Tuscheln von Millionen winziger Lebewesen, die um ihn herumhuschten und sich über ihn lustig machten.
Anders die Bäume, die ihre schwarzen Äste anklagend dem fahlen Mond entgegenstreckten. Sie erinnerten den nächtlichen Besucher an Tote, die dem Mond ihre ewige Verdammnis klagten. Jetzt bereute er es, hierhergekommen zu sein. Am liebsten hätte er kehrt gemacht und wäre davongerannt, so schnell ihn seine alten Füße trugen, stattdessen stolperte er vorwärts, immer tiefer hinein in diesen verwunschenen, unheimlichen Garten, in dem es nach Tod und Verderben roch.
Ein Nachtvogel strich über seinen Kopf hinweg. Er spürte den sanften Schwingenschlag, glaubte fast, dass die Federn sein Haar berührten. Vor Schreck trat er neben den holprigen Weg und sofort griffen tausend Rankenhände nach seinen Knöcheln, als wollten sie ihn in die Dunkelheit und Feuchte des Unterholzes zerren. Es gab ein hässliches Geräusch als er sich losriss und der morsche Stoff seiner Hosen zerriss.
Er musste verrückt gewesen sein, als er sich mit dieser verhexten Villa als Treffpunkt einverstanden erklärt hatte. Aber die Gier nach dem Geld und der Wunsch, das Geschäft so diskret wie nur möglich abzuhandeln, waren größer gewesen als die Angst vor diesem unheimlichen Ort. Jetzt wünschte er allerdings, dass er auf einem helleren, freundlicheren und vor allem überschaubareren Platz bestanden hätte.
Doch es gab kein Zurück mehr. Während er sich den holprigen Weg zu der Villa entlang tastete, kamen ihm die Erzählungen seiner Großmutter und der alten "Spökenkieker" in den Sinn, denen er geglaubt hatte, wenn er als Kind abends mit ihnen um den alten Ofen im Fährhaus gesessen hatte. Die Fischer in ihren blauweißen Hemden hatten gerne ihr Seemannsgarn gesponnen, wenn sie am Tresen saßen und ihr Bier und ihren "Upwarmer" oder "Snaps" tranken. Er hatte es geliebt, ihren Geschichten zu lauschen. Umgeben vom Rauch ihrer Pfeifen und dem Geruch von Schnaps und Bier, der tief in die Dielen und Wände der alten Kneipe eingedrungen war, mit dem Bewusstsein, dass ihm hier nichts Böses geschehen konnte, hatte er die Worte in sich eingesogen, wie die Wände den Geruch. Nachts, eingemummelt in sein dickes, warmes Federbett, hatte er sich die Erzählungen wieder zurückgeholt und den Schauder genossen, den sie in ihm auslösten. Jetzt lösten sie ein kaltes Grauen in ihm aus und er versuchte, die Erinnerungen zu verdrängen, doch sie nisteten wie Krähen in seinem Kopf und verwoben sich mit der Realität dieser nächtlichen Umgebung.
Er hatte die steinerne Treppe erreicht und blieb kurz stehen, um Luft zu holen. Dann eilte er die Stufen hinauf, rasch, als würde ihm jemand folgen. Doch es war nur seine Angst und das Wissen, dass ihn der Mut verlassen würde, wenn er sich für seinen Weg allzu viel Zeit ließ.
Das schwere Eichenportal war nicht verschlossen. Das war es nie, denn es gab hier in der ganzen Gegend niemanden, der freiwillig einen Fuß in die Villa gesetzt hätte. Das Haus war verflucht, sagten die alten Leute und auch die Jungen machten einen großen Bogen darum.
Die Angeln knirschten und stöhnten, als er sich gegen den schweren Türflügel lehnte und ihn aufschob. Ein beißender Geruch nach Vogelexkrementen, vermischt mit dem Staub der Jahrzehnte, schlug ihm entgegen. Automatisch schlug er die Hände vor Mund und Nase und hielt gleichzeitig den Atem an.
Er musste sich zwingen, die Halle zu betreten. Als er drei, vier Schritte getan hatte, fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Der dumpfe Knall hallte durch die leeren Räume und verlor sich zitternd in den Tiefen des riesigen Hauses.
Zitternd vor Angst tasteten seine Hände nach der Taschenlampe, die er vorsorglich in den Hosenbund gesteckt hatte. Gleich darauf enthüllte der Lichtkegel einen schwarzweiß gefliesten Fußboden. Er hob die Lampe. Der helle Fleck wanderte nun an dem geschnitzten Geländer empor, das die wuchtige Treppe begleitete, die in die oberen Etagen führte.
Es war absolut still. So still, dass er seinen eigenen Herzschlag hörte. Tastend, einen Schritt nach dem anderen über die Fliesen gehend, immer darauf gefasst, dass seine Schuhe gleich etwas Ekliges berühren könnten, ging er weiter in die Halle hinein, wobei der Lichtstrahl der Lampe an den Wänden entlang glitt und die weißen Flecken offenbarte, über denen einmal wertvolle Gemälde gehangen hatten.
Plötzlich spürte er, dass er beobachtet wurde. Das Gefühl verursachte ihm eine Gänsehaut, die sich von seinem Kopf über den Rücken und die Arme bis hinunter zu seinen Füßen ausbreitete. Wisperte da nicht jemand? War da nicht ein leichter Luftzug?
Er war nicht fähig weiterzugehen. Wie angewurzelt stand er mitten in der Halle und lauschte mit vorgerecktem Kopf auf die Geräusche, die allmählich im Haus erwachten. Da – er hielt den Atem an – er hörte es genau, da war ein seltsam schleifendes Geräusch irgendwo in den Zimmern über ihm. Dann herrschte wieder Stille und dann, als er schon glaubte, seine Sinne hätten ihm einen Streich gespielt, erklang ein kurzes, scharfes Tok, etwa so, als würde jemand einen kleinen Ball aufspringen lassen.
Seine Nackenhaare sträubten sich vor Grauen, während er angestrengt in die Tiefen des Hauses lauschte.
Tok, machte es noch einmal, diesmal etwas näher. Und dann noch einmal Tok. Danach herrschte Stille.
Seine Muskeln waren so verspannt, dass sie schmerzten. Doch er konnte sich nicht rühren, um sie zu entlasten. Er konnte nur dastehen und mit diesem kalten Grauen, das ihm den Magen zusammenschnürte auf das nächste Tok warten, das – dessen war er sicher – irgendwann erklingen würde.
Das Gefühl, beobachtet zu werden, war jetzt so stark, dass er meinte, die Blicke auf der Haut zu spüren. Sie krabbelten wie eine giftige Spinne seinen Rücken hinauf und bissen sich in seinen Hinterkopf immer tiefer hinein, als wollten sie sein Gehirn aussaugen.
Verdammt, wo blieb der Kerl denn nur? Sie waren für elf Uhr hier verabredet gewesen. Sicher war es jetzt bereits halb oder sogar schon dreiviertel zwölf. Wieso kam der verdammte Bastard nicht endlich?
Tok! Das Geräusch war jetzt direkt im Stockwerk über ihm. Er fuhr herum und rannte zum Portal zurück, dann fiel ihm ein, weshalb er hier war und er zog die Hand, die er bereits nach der geschmiedeten Klinke ausgestreckt hatte, wieder zurück. Sollte er sich dieses Geschäft durch die Lappen gehen lassen, nur weil er plötzlich an Omas Geistergeschichten denken musste?
Zum Teufel noch mal, er war ein erwachsener Mann! Er glaubte nicht mehr an die Spukgeschichten der alten Tratschweiber und Fischer. Geld, das war eine reale Sache. Kein aufspringender Ball, den seine Phantasie ihm vorgaukelte.
Er drehte sich um und kehrte in die Mitte der Halle zurück. Das Geräusch war verstummt, es herrschte wieder diese Stille, in der er das Blut in seinen Ohren rauschen und seine eigenen, schweren Atemzüge hören konnte.
Plötzlich legte sich etwas Schweres auf seine linke Schulter. Die Berührung ließ für den Bruchteil einer Sekunde seinen Herzschlag stocken, bevor der Muskel losraste als wollte er seine eigenen Schläge überholen. Er fuhr herum und richtete den Lichtstrahl der Taschenlampe auf die Person, die ihn unter spöttisch hochgezogenen Brauen musterte.
"Ach, du bist es!", entfuhr es ihm erleichtert. Nie zuvor war er so froh gewesen, ein menschliches Wesen zu sehen, wie in diesem Moment. "Mein Gott, du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt!"
Und genau in diesem Augenblick hörte er das Geräusch erneut. Es war jetzt am oberen Treppenabsatz. Er wirbelte herum, der Lichtstrahl der Lampe folgte seiner Bewegung und blieb an den Treppenstufen haften. Und dann sah er es: Ein bunter Kinderball kam Stufe für Stufe hinuntergehüpft.
Tok, Tok, Tok...
Er wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Person stieß, die ihn verwundert beobachtete.
"He!" Er drehte sich zu dem Menschen herum und ballte die Fäuste. "Was soll der Unsinn?"
Im nächsten Moment explodierte etwas in seinem Kopf. Ein gewaltiges Dröhnen folgte, das alle anderen Geräusche und Empfindungen auslöschte. Er spürte nicht einmal, dass er fiel und dass sein Körper hart auf die Kacheln aufschlug. Er lag nur da, starrte verwundert in die Dunkelheit, die ihn umgab. Und dann hörte er plötzlich das Lachen eines Kindes. Leicht und hell schien es durch die leeren Räume zu tanzen und ihn zu verspotten.
Tok...
Der Ball hüpfte die letzten Stufen hinunter in die Halle.
Tok, Tok, Tok...
Das letzte Tok, bevor das bunte Spielzeug über die Kacheln davon rollte, war zugleich auch das letzte Geräusch, das er in seinem Leben vernahm.
Jenny und Svenja saßen beide im Schneidersitz auf dem Bett und sahen zu wie ihre Tante Jeanette ein Kleidungsstück nach dem anderen in den großen Koffer legte.
"Musst du denn wirklich schon wieder verreisen?", fragte Svenja traurig, als sie sah, dass Jeanette den Kofferdeckel zuschlug und die Schlösser einschnappen ließ.
Sie richtete sich auf und sah ihre kleine Nichte liebevoll an.
"Ach, mein Schätzchen, nun sei doch nicht so krümelig." Sie versuchte das Mädchen mit einem Lächeln aufzumuntern, doch Svenjas Miene blieb trübe. "Erstens war ich fast ein ganzes Jahr zu Hause und zweitens bleibe ich ja nicht für lange fort. Zu deinem Geburtstag nächsten Monat bin ich wieder da."
"Ich find's trotzdem doof", maulte nun auch Jenny, Svenjas jüngere Ausgabe und zugleich die perfekte Zweitausgabe ihrer Mutter Antonia, die im Nebenhaus wohnte. Detlef Brunner, der Vater der beiden Mädels, hatte die Familie vor zwei Jahren Knall auf Fall verlassen und war nach Berlin gezogen, wo er mit seiner Lebensabschnittsgefährtin in einer riesigen Altbauwohnung lebte. "Es ist langweilig, wenn du nicht da bist."
"Ach, das stimmt doch gar nicht!", wehrte Jeanette lachend ab. "Wenn ich hier bin, sitze ich die meiste Zeit an meinem PC und denke mir neue Geschichten aus. Ihr seht mich dann oft wochenlang nicht."
"Aber wir wissen, dass du in der Nähe bist und wir dich sehen können, wann immer wir möchten", erwiderte Svenja und dieser Logik hatte Jeanette absolut nichts entgegenzusetzen.
Es stimmte, die Mädchen konnten jederzeit zu ihr kommen, selbst wenn sie im drängendsten Abgabestress steckte. Sie taten es allerdings nur äußerst selten, weil sie wussten, dass ihre Tante ungestört sein wollte, wenn sie arbeitete, wofür Jeanette die beiden noch mehr liebte als sie es ohnehin schon tat.
"Hört zu." Sie ließ den Koffer im Stich und setzte sich zu den Schwestern aufs Bett. "Ich freue mich so sehr auf die Hochzeit von Paulina und Daniel. Mein Kommen absagen zu müssen, weil meine beiden kleinen Lieblingsnichten mich nicht reisen lassen wollen, würde mir wirklich sehr schwer fallen. Und Paulina und Daniel wären sicher schrecklich traurig darüber."
"Oh nee, das wollen wir nicht!", versicherte Svenja ernsthaft und Jenny nickte bestätigend. "Du brauchst ja auch mal Ferien."
"Ja!" Treuherzig sah Jenny ihre Tante an. "Immer sitzt du nur an deinem Computer und gehst nie raus. An der Nordsee, sagt Mami, pustet dir der Wind den Kopf frei."
"Ja, das tut er." Lachend schlang Jeanette beide Arme um ihre Nichten und drückte sie an sich. "Und ich verspreche euch, dass ich ganz oft draußen sein werde und dabei an euch denke."
"Und uns eine Karte schicken", erinnerte Svenja sie ernsthaft. "Ich möchte bitte eine mit einem großen, weißen Schiff drauf."
"Und ich eine mit einem Seehund!", rief Jenny, während sie aufgeregt auf dem Bett auf und ab hüpfte. "Und eine mit einer Windmühle. Bitte, Tante Nette, ja, das machst du doch?"
"Klar doch", versprach Jeanette liebevoll. "Und ich bringe euch auch etwas Hübsches mit."
Sie rutschte vom Bett und blieb, den Finger nachdenklich an die Nasenspitze gelegt, davor stehen.
"Mal sehen, habe ich alles?" Sie blickte auf die Gepäckstücke, die neben der Tür standen. "Laptop, CDs, die dicke Jacke, der Regenmantel, zwei dicke Pullover, mein Partykleid, Jeans, Shirts, steckt alles im Koffer. Die Wanderschuhe, Sandalen und die Gummistiefel liegen schon im Auto und das Beautycase packe ich morgen früh. Okay, es ist alles da."
"Deine Absatzschuhe fehlen noch!" Jenny deutete auf die schicken Pumps, die Jeanette sich extra für die Hochzeit gekauft hatte.
"Oh, danke, Schatz!" Eilig nahm Jeanette das Paar an sich und legte es in den Koffer. "Fällt euch sonst noch was ein?"
"Dein Handy." Der Rat kam von Antonia, die gerade das Schlafzimmer betreten und Jeanettes Aufzählungen gehört hatte. "Ich weiß, ich weiß, du magst die Dinger nicht. Aber manchmal sind sie doch recht nützlich."
"Wann?" fragte Jeanette spöttisch.
"Zum Beispiel, wenn man auf der Landstraße mit einem kaputten Reifen liegen bleibt." Antonia grinste fröhlich. "Und erzähle mir jetzt bitte nicht was von Telefonzellen. Es gibt keine mehr. Wir sind im einundzwanzigsten Jahrhundert, Süße, da haben sogar schon Babys Handys."
"Es ist gut, ich nehme das blöde Teil mit", gab Jeanette sich geschlagen. Sie ging in ihr Büro, um das tragbare Telefon unter dem Wust an Büchern und Papieren zu suchen, der sich auf ihrem Schreibtisch stapelte. Ein Blick auf das Display verriet ihr allerdings, dass es so leer war wie die Geldbörse eines Bettelmönchs.
"Okay, ich lade es auf", seufzte sie und begab sich auf die Fahndung nach dem Ladegerät. "Diese doofen Dinger machen echt nur Ärger. Sie klingeln in den unpassendsten Momenten und wenn man sie wirklich mal braucht, sind sie entweder leer oder man hat kein Netz."
"Wie lange fährst du eigentlich bis nach Norden?", erkundigte sich Antonia, um die Rede von dem verhassten Telefon abzubringen.
"So fünf, sechs Stunden." Jeanette stöpselte das Handy ein und legte es auf den Nachttisch, damit sie es gleich morgen sah und einstecken konnte. Dann drehte sie sich zu Jenny und Svenja herum. "Und jetzt gehen wir alle zusammen Pizza essen."
Die Kinder hüpften vom Bett und sprangen wie Gummibälle im Zimmer herum.
"Au ja!" Vor Freude klatschten sie in die Hände. "Ich will eine mit ganz viel Käse!", verkündete Svenja und ihre kleine Schwester wollte eine Salamipizza, "aber eine mit ohne Zwiebeln!"
"Und ich gehe rüber und kaue an meinen Karotten", verkündete Antonia, bemüht um einen fröhlichen Ton, der ihr jedoch misslang. "Zwei Kilo müssen unbedingt noch runter."
"Ach, komm!" Jeanette legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie mit sich in die Diele.
Detlef Brunner hatte seinen Wunsch nach Trennung unter anderem damit begründet, dass Antonia nach Jennys Geburt so auseinandergegangen sei und er dicke Frauen nun mal unerotisch fände. Seitdem kasteite Antonia sich mit einer Diät nach der anderen und besuchte regelmäßig das Fitnessstudio. Der Gedanke, unbedingt rank und schlank sein zu wollen wie ein Teenager, war inzwischen zu einer fixen Idee geworden, von der Jeanette ihre Schwester unbedingt abbringen wollte, bevor diese Hungerkuren ernsthafte gesundheitliche Schäden anrichteten.
"Verdirb uns und dir nicht den Spaß mit deinen ewigen Diäten. Genieß endlich wieder das Leben", ermahnte sie Antonia deshalb auch streng. "Essen und Trinken sind nicht nur Notwendigkeiten, sondern sie sind auch Genüsse, die man sich nicht ständig versagen sollte. Im Übrigen bist du wirklich nicht zu dick."
"Nein, das stimmt." Antonia seufzte. "Ich bin für mein Gewicht nur zu klein."
"Vergiss es einfach!", befahl Jeanette, während sie ihre Schwester hinter sich aus der Wohnung zog.
Willig ließ Antonia es geschehen. Sie freute sich auf eine wagenradgroße Pizza. Die Karotten und Kohlrabi hingen ihr nämlich meterlang zum Hals heraus.
Nach zwei Tassen Kaffee und einigen Scheiben Toast fühlte Jeanette sich am nächsten Morgen fit für die Reise. Sie packte die letzten Kleinigkeiten in die Tasche, die neben der Tür stand, überzeugte sich davon, dass alle Geräte ausgeschaltet waren und verließ die Wohnung.
Sie liebte es, am frühen Morgen loszufahren und mitzuerleben, wie das Land langsam erwachte. Sie war gerne unterwegs. Nach den vielen Stunden am Schreibtisch zog es sie nach draußen, um neue Ideen und Charaktere zu sammeln, die ihr auf ihren Reisen überall begegneten.
Im Player lag eine ACDC-CD, vor ihr das schier endlose Band der Autobahn A3, die sie zunächst durch Rheinland-Pfalz und das Ruhrgebiet führte, wo wie immer reger Berufsverkehr herrschte.
Als sie auf die A31 wechselte, den so genannten "Ostfriesenspieß", ließ die Hektik schlagartig nach. Teilweise befand Jeanette sich über Kilometer hinweg ganz alleine auf der Autobahn.
Die Wegweiser neben der Fahrbahn verkündeten jetzt so ungewohnte Namen wie "Rheine, "Leer" oder "Papenburg". Bereits bei Rheine tauchte die erste Windmühle auf, doch Jeanette fuhr weiter, bis sie das Schild mit der Aufschrift "EMDEN" erreichte.
Sie folgte dem Hinweis, nahm schließlich die Ausfahrt Emden Mitte und drosselte ihr Tempo, um sich dem Strom der Wagen anzupassen, die der B210 in Richtung Norden/Norddeich folgten.
Es war eine breite Straße, die zum Schnellfahren verführen wollte. Jeanette wusste, dass rechts und links der Fahrbahn diese hübschen Säulen standen, die wie Kunstwerke aussahen, aber Blitzanlagen verbargen, die jeden Raser freundlich fotografierten und das Bild gleich an die Bußgeldstelle schickten.
Die Landstraße führte jetzt schnurgerade in Richtung Aurich, vorbei an saftig grünen Weiden auf denen schwarzweiße Kühe oder wollig weiche Schafe grasten. Überwütig winkte Jeanette dem schiefen Kirchturm von Surhuusen zu, den sie bereits vor zwei Jahren für ihren Reiseführer von allen Seiten und aus den verschiedensten Blickwinkeln fotografiert hatte.
Endlich kam der Abzweig nach Norden in Sicht. Jeanette wechselte die Spur und reihte sich auf der Linksabbiegerspur ein, um der Norderstraße zu folgen, die ebenfalls pielgerade durchs Land schnitt.
Bei ihrem letzten Besuch hatte sich Ostfriesland in graue Herbstnebel gehüllt. Jetzt blühte und grünte es überall in den Gärten und vor den Fensterbänken der rotverklinkerten Häuser. In einer Hofeinfahrt stand ein riesiger Kranz, geschmückt mir silbernen Blumen und Schleifen. Eine dicke 25 und der Türbogen aus Silberstreifen verrieten jedem, der hier vorbeikam, dass in diesem Hause eine Silberhochzeit gefeiert wurde. Sicher würde auch an Paulinas und Daniels Haustür bald so ein Bogen hängen als Gruß und Geschenk aller Nachbarn und Freunde des Paares.
Im Stillen hoffte Jeanette darauf, dass die Freunde sie zum Bogenbinden einladen würden, denn das war immer eine feuchtfröhliche Angelegenheit, die die Leute schon mal tüchtig auf das kommende Fest einstimmte.
Norden präsentierte sich ebenfalls im schönsten Blütenschmuck. Jeanette mied den Abzweig auf die Umgehungsstraße, die direkt zu den Schiffsanlegern führte, und folgte der Norderstraße, die in die Stadt und weiter nach Norddeich führte. Erfreut sah Jeanette, dass der Pappkapitän immer noch an der Straße stand und alle Besucher mit einem Schild begrüßte, auf dem "Moin!" stand.
Ein Stück weiter spreizten zwei Mühlen ihre Flügel, deren Stellung verkündete, dass der Müller heute Ruhetag hatte. Weiter ging die Fahrt vorbei an der Marktkirche und dem alten Postamt, und dann wieder schnurgeradeaus in Richtung Norddeich, das immer mehr mit der Stadt Norden zusammenwuchs.
Ihr Ziel war die ehemalige Poststation von Hermine Harmsen, die man Ende der Siebzigerjahre zu einem behäbigen Wohnhaus umgebaut hatte, in dem inzwischen auch drei Ferienwohnungen Platz fanden. Hermine begrüßte Jeanette mit der ihr üblichen Herzlichkeit, die das allgemein herrschende Bild des wortkargen, zurückhaltenden Friesen Lügen strafte. Jeanette hatte kaum die Türglocke betätigt, da flog auch schon die schöne alte Friesentür auf und Miene fiel ihr lachend um den Hals.
"Komm rein, komm rein, das Teewasser steht schon auf dem Herd." Ehe Jeanette sich versah, saß sie auch schon in der großen Küche. "Ich hab Streuselkuchen gebacken", plapperte Miene munter drauflos. "Oder soll ich dir ein Brot machen? Wie war denn die Fahrt hierher? Hattest du Stau? Und hast du gesehen, die Umgehungsstraße ist jetzt fertig? Warst du schon am Hafen?"
Jeanette lehnte sich zurück, ließ den Strom an Worten an sich vorüberziehen und genoss es, hier in dieser gemütlichen Küche zu sitzen, mit Tee und Kuchen verwöhnt zu werden und zu fühlen, wie die Hektik der vergangenen Wochen und Monate Stück für Stück von ihr abfiel.
Der Kandis knisterte leise, als Miene den heißen Tee darüber goss. Die Sahne bildete das berühmte "Wölkche", der Kuchen auf dem riesigen schwarzen Blech duftete. Die Welt war in Ordnung, zumindest hier drinnen in dieser gemütlichen Friesenküche.
In diesen ersten Stunden nach ihrer Ankunft war Jeanette seit langem mal wieder wunschlos glücklich.
Ein paar Urlauber hatten sich trotz ständiger Warnungen mal wieder ins Watt gewagt. Fenna schob beim Anblick der Familie, die unbeschwert im Schlick herumstapfte, ärgerlich die Brauen zusammen. Da trampelten sie im Naturschutzgebiet herum, störten die Vögel, die hier brüteten und nach Nahrung suchten, und nachher konnte die Mannschaft der "Kassen Knigge" sie von einer der Rettungspoller herunterholen, weil sie die Schnelligkeit der einlaufenden Flut unterschätzt hatten.
Es war immer dasselbe. Die Leute waren zum Teil so unvernünftig, dass man sie am liebsten geschüttelt hätte, bis ihr Verstand zu arbeiten begann. Fenna fürchtete, dass manche von ihnen überhaupt keinen besaßen.
Immer noch verärgert ging sie weiter. Doch der Anblick des Watts, das der Sonnenschein wie poliertes Silber glitzern ließ, vertrieb sehr rasch die zornigen Gedanken.
Fenna liebte die Spätnachmittagsstunden, in denen sich ganz allmählich Ruhe über das Land senkte. Das Watt gehörte dann den Wattläufern und Austernfischern (wenn nicht gerade mal wieder ein Tourist durchlatschte), die tiefstehende Sonne färbte es zunächst silbern, dann in allen erdenklichen Rottönen. Die schneeweißen Wolken am Himmel schienen so tief zu hängen, dass man glaubte, sie mit den Fingern berühren zu können.
"Ostfriesland, das Land des tiefen Himmels", ging es Fenna durch den Sinn, während sie langsam auf der Deichkrone dahinschritt. Irgendwo hatte sie diesen Ausspruch mal gelesen. Er traf genau zu. Hier war alles weiter, heller, klarer als anderswo. Und obwohl sie in ihrem Leben schon weit gereist war und viele schöne und interessante Städte gesehen hatte, zog es sie doch immer wieder in ihre alte, friesische Heimat zurück.