ISBN: 978-3-95573-508-1
1. Auflage 2016, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2016 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de
Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung eines Bildes von shutterstock.
Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Hinter ihr dröhnte ein Motor. Grelles Licht tauchte die einsame Weidelandschaft in gleißende, fast weiße Helligkeit, die Svantje blendete, als das Auto heranraste. Zwar erkannte sie noch, dass sie sich in Gefahr befand, aber da war es schon zu spät. Sie verspürte einen heftigen Ruck, hörte das Kreischen von Blech an Blech und dann schienen die Gesetze von Zeit und Raum auf einmal aufgehoben. Im Zeitlupentempo schwebte Svantje höher und höher. Sie sah die von den Scheinwerfern hell erleuchtete Straße unter sich, die Wiese, in der Tau glitzerte, eine weggeworfene Coladose, Strohhalme, die wahrscheinlich von einem Hänger geweht worden waren. Langsam näherte sich der Untergrund. Svantje überlegte, dass sie sich eigentlich gegen den Aufprall schützen müsste, aber zu ihrer größten Verwunderung konnte sie sich nicht rühren. Die Landung wird wehtun, dachte sie noch, während der Asphalt auf sie zuraste, doch seltsamerweise spürte sie überhaupt nichts, außer einem heftigen Stoß, der ihren gesamten Körper erschütterte.
Erstaunt starrte sie zum Himmel hinauf, ohne zu begreifen, was die glitzernden Punkte zu bedeuten hatten. Irgendwo knirschte es. Ganz langsam wandte Svantje den Kopf, ein paar blank geputzte Schuhe erschienen in ihrem Sichtfeld. Sand und kleine Steine knirschten unter ihnen, während sie immer näher kamen. Aus den Schuhen wuchsen Hosenbeine, dann verdeckte plötzlich das Gesicht eines Mannes alle anderen Bilder. Seine Blicke suchten die ihren. Kühl musterte er ihre Züge. Als sie hilfesuchend ihre Hand nach ihm ausstreckte, wich er aus. Ein unwilliger Zug erschien um seine zusammengepressten Lippen.
Mühevoll versuchte Svantje sich aufzurichten. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie nicht liegen bleiben durfte. Wenn sie sich nicht erhob, würde die Ohnmacht kommen, und damit lief sie Gefahr, von einem anderen Fahrer übersehen zu werden. Nein, sie musste aufstehen, egal wie heftig die Schmerzen auch waren, und musste nach Hause gehen, wo sie in Sicherheit sein würde. All das suggerierte ihr ihre innere Stimme, nur ihre Muskeln wollten nicht den Befehlen gehorchen, die ihr Hirn an sie sandte. In ihrer Verzweiflung streckte sie dem Fremden erneut die Hand entgegen. Ihre Lippen formten mühsam die Worte: „Hel… helfen Sie … Sie mir bit… bitte.“
Der Mann richtete sich ruckartig auf. Aus Angst, er könnte einfach weggehen und sie hier liegen lassen, grapschte sie nach seinem Bein. Die Finger in den Stoff seiner Hose gekrallt, versuchte sie, sich hochzuziehen, aber da hob er den anderen Fuß und trat ihr mitten ins Gesicht.
Vor Schmerz schrie Svantje auf und ließ ihn los. Der Mann nutzte die Chance. Ohne sich um sie zu kümmern, fuhr er herum. Sie hörte seine Schritte, die sich rasch entfernten, dann klappte eine Autotür, der Motor heulte auf und nur Sekunden später raste der Wagen so dicht an Svantje vorbei, dass sie sekundenlang fürchtete, er würde sie streifen. Kleine Steine und Sand regneten auf sie nieder, dann war er vorbeigebrettert, das Heulen des übertourten Motors verlor sich in der Ferne.
Erschöpft schloss Svantje die Augen. Und dann kam der Schmerz.
In der Ferne rauschte es. Das auf- und abschwellende Geräusch nervte ihn. Er versuchte den Kopf zu heben, aber der Schmerz, der wie eine Sushimesserklinge durch seinen Körper fuhr, raubte ihm beinahe erneut das Bewusstsein. Sein Magen stülpte sich um. Hilflos in seinem Schmerz gefangen erbrach sich Jannik auf seine nackten Oberschenkel.
Moment mal, wieso war er nackt? Und wo befand er sich? Das hier war nicht sein Bett! Und der raue Sand war nicht seine wunderbar bequeme Matratze!
Langsam lichtete sich der Nebel in seinem Kopf, ließ aber neben der Erkenntnis seiner Lage auch den unglaublichen Schmerz in sein Bewusstsein dringen.
Oh, verdammt! Tränen schossen ihm in die Augen, als er begriff, dass er vollkommen nackt im Sand kniete. Die See musste ganz in der Nähe sein. Deutlich hörte er die Wellen, die unaufhörlich an den Strand schlugen. Ihr Tosen hatte ihn geweckt. Nur, wieso hatte er überhaupt geschlafen?
Und wie war er hierher gekommen?
Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Er hätte gerne darüber nachgedacht, aber die Schmerzen in seinem Körper machten das Denken unmöglich. Himmel, wie sollte er sich aus dieser Lage befreien?
Seine Haut fühlte sich irgendwie klebrig an. Außerdem fror er erbärmlich. Auf dem Kalender stand zwar Mai, aber die Nächte brachten immer noch Frost und hier draußen war es durch den stetigen Wind noch kälter. Er musste sich irgendwie befreien und ins Warme gelangen, sonst würde er sich mindestens eine Lungenentzündung einhandeln.
Oder konnte ein Mensch bei diesen Temperaturen schon erfrieren? Wie kalt war es überhaupt? Und ab wann war Kälte für einen Menschen tödlich?
Der Sand um seine Beine fühlte sich feucht an. Feucht und klebrig. Oh Gott, das war Blut! Er blutete wie ein abgestochenes Schwein!
Verzweifelt versuchte Jannik den Kopf zur Seite zu drehen, aber sofort flammte der Schmerz an seiner Stirn auf. Ihm blieb nichts anderes übrig, als in der Stellung zu bleiben, in der man ihn hier zurückgelassen hatte. Alles, was er tun konnte, um auf sich aufmerksam zu machen, war, laut um Hilfe zu rufen. Jannik öffnete den Mund, sammelte seine Kräfte und rief, so laut er konnte, um Hilfe. Doch der Wind riss ihm die Rufe von den Lippen und trug sie davon.
Vielleicht, so versuchte Jannik sich Mut zu machen, vielleicht war da draußen ja ein Mensch unterwegs. Einer, der nicht schlafen konnte und hoffte, durch einen Spaziergang durch die Dünen müde zu werden. Oder ein Pärchen, das die Abgeschiedenheit des Strandes für ein Schäferstündchen nutzte.
Der Wind frischte auf und trieb Sandkörner über Janniks nackten Rücken. Verzweifelt rief er erneut um Hilfe, so lange, bis er begriff, dass niemand ihn hörte und er keine Chance hatte, sich alleine aus seiner verzweifelten Lage zu befreien. Er war seinem Schicksal vollkommen ausgeliefert. Und das Schlimme daran war, er würde vielleicht niemals erfahren, wer ihm das angetan hatte.
Die Tür flog krachend gegen die Wand. Gleich darauf stand Onken Brökmer mitten im Zimmer, die Haare gesträubt wie das Gefieder eines gereizten Kakadus. Aus seinen Augen schienen regelrecht Funken zu sprühen, während sein Gesicht in ungesundem Dunkelrot leuchtete, was auf einen extrem hohen Blutdruck schließen ließ. In diesen Minuten glich Onken dem Bildnis von Göttervater Zeus, das Jann als Kind in einem Buch entdeckt hatte. Bis heute wusste er noch den Titel ‚Mythen des griechischen Altertums‘, was ihn neugierig gemacht hatte. Fasziniert hatte er darin gelesen, bis sein Vater es bemerkt und ihm das Buch mit der Begründung weggenommen hatte, dass Jann noch zu jung für derartige Lektüre sei. Erst Jahre später, als Erwachsener, hatte Jann das Buch durch Zufall in einem Antiquariat in Emden entdeckt und es sich sofort gekauft.
„Hast du heute schon mal aus dem Fenster gesehen?“ Gottvater Onken-Zeus stemmte die Fäuste in die Seiten und sah seinen Sohn wutschnaubend an. Ja, Jann hätte schwören können, dass tatsächlich kleine Rauchwölkchen aus Onkens Nasenlöchern aufstiegen. „Verdammt noch mal, dir kann man wirklich das Bett unterm Hintern wegziehen, du würdest es nicht merken.“
Jann starrte seinen Erzeuger verständnislos an. Es dauerte eine Weile, ehe ihm der Grund für Onkens Zorn zu dämmern begann. Der Schmierteufel hatte wieder zugeschlagen.
„Du musst den Kerl doch gehört haben“, behauptete Onken aufgebracht. Er stürzte ans Fenster und gestikulierte wild nach draußen. „Der muss eine Leiter dabeigehabt haben und Farbdosen. Das klappert doch.“ Er unterbrach sich. Unter zusammengezogenen Brauen musterte er seinen Sohn aufmerksam. „Oder hast du die Nacht wieder bei diesem Flittchen verbracht?“
„Hör auf!“ Jann sprang mit einem Satz aus dem Bett. Die Hände zu wütenden Fäusten geballt, stand er vor seinem Vater. „Du sprichst von meiner zukünftigen Frau.“
Onkens Gesicht wurde mit einem Schlag aschfahl, wechselte eine Sekunde später zu Hochrot, um nach wenigen Sekunden schneeweiß zu werden.
„Die … die … deine – was?“ Der Schock lähmte fast seine Stimmbänder. Im nächsten Moment wandelte sich der Schrecken allerdings in haltlose Wut. „Nein!“ Sein Aufschrei ließ draußen zwei Möwen aufflattern, die sich an dem überquellenden Mülleimer gütlich taten. „Nein, nein, nein und nochmals nein! Das werde ich nicht zulassen! Auf keinen Fall! Über diese Schwelle tritt kein Bröckmerfuß!“
„Dann werden wir uns in Zukunft wohl nur auf neutralem Boden treffen können“, erwiderte Jann relativ ruhig, mit ernster Miene. „Ich habe nämlich vor, Imken zu heiraten, ob mit oder ohne deinen Segen.“
„Du …!“ Onken machte einen Schritt auf Jann zu, die Rechte zum Schlag erhoben, blieb dann aber stehen. „Siehst du nicht, was dieser Mistkerl uns antut? Er verhöhnt und verleumdet uns vor ganz Norddeich und vor allem vor den Urlaubern.“ Er unterbrach sich kurz, um Luft zu holen. „Weißt du eigentlich, was uns diese Schmierereien kosten? Nein“, gab Onken sich gleich selbst die Antwort, „das weißt du nicht, weil dir das Geschäft ja am faulen Arsch vorbeigeht! Aber ich sag’s dir trotzdem. Sechzehn Prozent Umsatzrückgang im Vergleich zum vergangenen Jahr. Sechzehn Prozent!“
Er stockte erneut, der Zorn machte ihn kurzatmig, sodass Onken drei-, viermal ein- und ausatmen musste, bevor er weiterschimpfen konnte.
„Wenn ich nicht so ein gutmütiger Mensch wäre, hätte ich den Kerl schon längst angezeigt, weißt du?“ Onken schnaufte erneut. „Das ist Geschäftsschädigung, jawohl! Und Verleumdung und Beleidigung und Sachbeschädigung und …“
„Ach komm, lass sein, Vater!“ Jann winkte ab. „Wenn du nur einen Fitzel Beweis hättest, dass es tatsächlich Hinnak Bröckmer ist, der dir schadet, wärst du längst Dauergast beim Anwalt. Aber du hast nix, womit du ihn festnageln kannst. Ihn nicht und auch niemand anderen. Und deshalb hast du noch nichts unternommen.“
„Und warum habe ich keine Beweise?“, kreischte Onken auf. „Weil du deine Nächte lieber im Bett dieser kleinen Schlampe verbringst.“ Er schnaubte verächtlich, als er das zornige Aufblitzen in den Augen seines Sohnes bemerkte. Um Vorsicht walten zu lassen, dazu war Onken Brökmer viel zu aufgebracht. „Glaubst du denn, der Mistkerl hätte sich getraut herumzuschmieren, wenn du in deinem eigenen Bett gelegen und aufgepasst hättest?“
„Ja!“ Jetzt wurde auch Jann laut. Er hatte diese ständigen Anschuldigungen und Schimpfereien seines Vaters gründlich satt. „Ja, das hätte er. Der hat nämlich schon zugeschlagen, während du unter seiner Leiter Wache geschoben hast. Du kannst nur abwarten, bis der Täter sich selber verrät oder bis wir ihn durch Zufall irgendwann schnappen.“
„Irgendwann, ja?“ Onkens Faust drohte in Richtung Fenster. „Und bis dahin darf ich jeden verdammten Morgen auf die Leiter steigen und diese Scheißschmierei überstreichen!“
„Ja, Vater.“ Jann nickte so heftig, dass seine Nackenmuskeln schmerzten. „Ja, ich fürchte, es wird uns nichts anderes übrig bleiben.“
„Mir!“, brüllte Onken. „An mir bleibt der Mist hängen. Weil ich nämlich der Idiot bin, der die Schweinerei jeden Tag beseitigen kann.“
„Himmelherrgott noch mal!“ Jetzt war es Jann, der mit geballten Fäusten und in Kampfhaltung dastand. „Ich habe dir hundertmal und mehr angeboten, das zu erledigen, aber du musstest es ja unbedingt selber machen.“
Onken stieß einen spöttischen Lacher aus.
„Bis du das erledigst, hat der Schmierteufel das gesamte Haus versaut.“
„Tja, dann musst du es halt selber erledigen“, konterte Jann wütend. Er wandte sich ab und nahm die Uniform, die auf einem Bügel am Schrank hing, hob den Wäschestapel von einem der Stühle und ging zur Tür. „Ich muss mich fertig machen.“
„Ja, ja, geh nur“, knurrte Onken unversöhnlich. „Geh nur und lass mich mit dem ganzen Unglück alleine. Ich bin ja bloß dein Vater und nicht irgendein wildfremder Touri, der unbedingt auf die Inseln muss.“
„Herrgott, Vater, jetzt dramatisier die Geschichte doch nicht so!“ Jann war normalerweise nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen, aber allmählich gingen ihm das Gezeter und die ständigen Vorhaltungen des Vaters ganz gewaltig auf die Nerven. „Ich muss zur Arbeit. Wenn ich nach Hause komme, kümmere ich mich gerne um die Fassade. Jetzt aber nicht.“
„Vergiss es!“ Beleidigt bis in die Haarspitzen stapfte Onken aus dem Zimmer. Er würde in hundert Jahren nicht begreifen, wieso sein Sohn lieber Touristen zu den Inseln und zurück schipperte, während hier ein komplett eingerichteter Betrieb für ihn bereitstand. Noch weniger konnte Onken es verstehen, weshalb sich der Junge ausgerechnet in die Tochter seines Erzfeindes verlieben musste. Es gab zigtausend bildhübsche Deerns zwischen hier und Bielefeld, aber nein, es musste ausgerechnet diese Imken Bröckmer sein!
Kopfschüttelnd ging Jann ins Bad und schloss die Tür hinter sich mit grimmigem Nachdruck. Als er eine halbe Stunde später frisch geduscht und in seiner Kapitänsuniform die Treppe ins Erdgeschoss hinunterlief, hörte er die Stimme seines Vaters der Verkäuferin eine Fülle an Aufträgen und Verhaltensregeln erteilen, die sich die arme Frau niemals merken konnte. Die beiden waren dabei, den Betrieb für den täglichen Kundenansturm zu rüsten. An der Lautstärke und der abgehackten Artikulation erkannte Jann, dass sein Vater immer noch wütend war, was Nele Johannsen, die seit fünf Jahren im Fischimbiss arbeitete, nicht sonderlich zu beunruhigen schien.
Jann verließ das Haus durch den Hintereingang. Als er sein Auto aus der Einfahrt auf die Straße lenkte, warf er einen raschen Blick in den Rückspiegel.
ONKENS FISCHSTUBE verkündete die Reklameschrift über dem Eingang und darunter stand FRISCHE FISCHE DIREKT VOM KUTTER AUF DEN TISCH. Daneben hatte der geheimnisvolle Nachtsprayer seine inzwischen schon weit und breit bekannte Botschaft gesprüht: DER KUTTER HEIßT ALDI. Was Onken wahrscheinlich nicht mal unter Folter zugeben würde, aber in Norden jeder wusste, war die Tatsache, dass die meisten seiner angebotenen Waren aus den umliegenden Discountmärkten stammten.
Gründe für seine Einkaufspolitik waren erstens Onkens Geiz. Seiner Meinung nach verkauften die Fischer und die Fischereigenossenschaft ihre Fänge viel zu teuer. Und zweitens war Onken aufgrund seines Geizes und seiner Streitlust inzwischen mit den meisten Fischern und Genossenschaftlern so verkracht, dass er seit Jahren den Hafen mied aus Angst, mit deren Fäusten Bekanntschaft zu machen.
Jann fragte sich, wie lange sein Vater noch so wirtschaften und handeln konnte, wie er es seit Jahren gewohnt war. Irgendwann würde das Gewerbeaufsichtsamt, die Gesundheitsbehörde oder das Finanzamt hinter seine Schummeleien, Betrügereien und Schlamperei kommen und dann konnte er froh sein, wenn er das Dach über dem Kopf behalten durfte. Ab hier mochte Jann lieber nicht weiter nachdenken, denn die traurige Wahrheit lautete, dass dann allein sein Vater die Schuld an dem Unglück tragen würde, das latent auf ihn wartete. Da Onken aber absolut beratungsresistent war, hatte es keinen Sinn, mit ihm zu diskutieren oder sich Sorgen zu machen.
Jetzt war es wichtig, dass Jann sich auf seinen bevorstehenden Dienst konzentrierte. Die Frisia XV war eine kapriziöse Dame, die seine ganze Aufmerksamkeit verlangte und mit sanfter Hand gesteuert werden wollte. Wie eine kapriziöse Braut bestrafte sie Unaufmerksamkeit mit störenden Zicken. Jann würde ihr keine Gelegenheit geben, ihm zu zürnen. and geleitet Hand
Der Kerl war wirklich zu nichts zu gebrauchen. All die Ermahnungen und Drohungen nutzten bei dem rein gar nichts. Der machte grade so weiter wie bisher. Im Gegenteil, er trieb es immer schlimmer. Aber damit war jetzt Schluss. Lars hatte keine Lust mehr, sich von seinem Sohn auf der Nase rumtanzen zu lassen. Er würde sich einen Ersatz besorgen. Einen, der nicht dauernd verschlief und dem man beim Laufen nicht die Schuhe besohlen konnte.
„Steh auf, du Missgeburt!“ Wütend krachte Lars Hendriksons Faust gegen das Türblatt. „Los, verdammt, hörst du endlich?“
Im Zimmer regte sich immer noch nichts. Mit zorniger Energie riss Lars die Tür auf, stapfte ins Zimmer und blieb mitten im Raum stehen.
Viel Platz gab es hier nicht, aber alles war nett eingerichtet mit weißen Möbeln und blauen Vorhängen und Decken. Allerdings schien der momentane Bewohner nicht viel Wert auf Gemütlichkeit zu legen, denn überall lagen Klamotten und andere Dinge herum. Nur das Bett war frei. Ganz frei, denn Jannik Hendrikson lag nicht darin, wie sein Vater es erwartet hatte.
„Scheiße!“ Wütend knallte Lars die Tür hinter sich zu und polterte die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. „Mia, Mia!“
Sein Ruf lockte eine Frau mittleren Alters aus der großen Restaurantküche. Unter zusammengezogenen Brauen sah sie ihren Mann an, der, vor Wut die Hände zu Fäusten geballt, am Treppenfuß stand.
„Weißt du, wo dein Sohn sich rumtreibt?“
Mias Miene verfinsterte sich. Typisch, wenn der Junge irgendwas angestellt hatte, war es immer ‚ihr‘ Sohn.
„Nein.“ Ihre Stimme klang abweisend. „Ich habe ihn seit gestern Abend nicht mehr gesehen.“
Sie hatten das Lokal um ein Uhr geschlossen. Eigentlich sollte Jannik danach putzen und aufräumen helfen, aber er hatte seine Mutter überredet, ihn früher gehen zu lassen.
„Verdammt, mir reicht’s allmählich!“ Lars kochte innerlich vor Wut. Er konnte ja verstehen, dass der Junge ab und zu seinen Spaß haben wollte. Aber so, wie er sich momentan aufführte, das ging einfach nicht! Schließlich sollte er in ein paar Jahren den Betrieb übernehmen. Aber statt sich auf die Meisterprüfung vorzubereiten und seine Arbeit in der Küche anständig zu versehen, trieb er sich mit seinen verzogenen Freunden herum und kam nächtelang nicht nach Hause. „Wenn der Kerl sich nicht langsam am Riemen reißt, such ich mir einen Pächter und dein Sohn kann zusehen, wo er seine Brötchen verdient.“
„Ach, Lars.“ Mia seufzte leise. „Du warst doch auch mal jung.“
„Ja, aber mir hat mein Vater die Flausen ganz schnell ausgetrieben“, erwiderte Lars grimmig. Und das war nicht gelogen. Lars Hendrikson senior war ein strenger Vater und noch strengerer Ausbilder gewesen, der seinem Sohn nichts durchgehen ließ. Unter der überstrengen Knute hatte Lars junior sich oft wie der letzte Dreck gefühlt.
„Wer herrschen will, muss dienen können“, hatte der Senior immer gesagt und seinen Sohn tatsächlich von ganz, ganz unten anfangen lassen. Die Erfahrungen, die Lars damals gemacht hatte, hatte er seinem eigenen Sohn ersparen wollen. Dass dies wohl ein Fehler gewesen war, zeigte sich seit einigen Jahren im Verhalten des jungen Mannes, der zwar gerne andere herumscheuchte, sich selbst aber vor der Arbeit drückte, wo und wie er nur konnte.
„Ich kann nicht länger warten.“ Lars nahm die Schlüssel vom Garderobenhaken und ging zur Tür. „Sag deinem Herrn Sohn, dass er ja nicht wagen soll ins Bett zu gehen. Ich brauche ihn gleich, wenn ich vom Hafen zurückkomme. Er muss mir beim Ausladen und Verräumen helfen.“
Mia nickte zwar, aber Lars wusste, dass er sich die Worte hätte sparen können. Jannik machte sowieso, was er wollte. Nee, das muss anders werden, überlegte Lars, als er wenige Minuten später mit seinem Anhänger zum Hafen radelte. Es war höchste Zeit, dass er sich seinen Sohn zur Brust nahm, und wenn Jannik ganz uneinsichtig blieb, würde Lars sich eventuell tatsächlich nach einem Pächter umsehen müssen.
Jannik musste endlich begreifen, dass ihm der Betrieb nicht einfach in den Schoß fallen würde. Je eher, desto besser!
Man hatte das Gelände weiträumig mit Flatterband abgesperrt, damit keiner dieser sensationsgeilen Touris den Tatort versauen konnte. Die standen nun in gebührendem Abstand drumherum, viele hatten ihre verdammten Smartphones gezückt und filmten aufgeregt, wie der Gerichtsmediziner gerade die nackte Leiche untersuchte, die irgendein irrer Sadist mit Händen und Knien an einen Baumstamm genagelt hatte. Der Stamm musste wochenlang im Wasser gelegen und angeschwemmt worden sein. Jedenfalls ließ sein ausgeblichenes, rindenloses Holz darauf schließen.
KHK Nielsen von der Kripo Wilhelmshaven sah mit unbewegter Miene zu, wie der Mediziner seine Arbeit verrichtete. Im Stillen bewunderte er die Gelassenheit des Arztes. Er selbst kämpfte seit seiner Ankunft mit seinem Frühstück, das unbedingt an die frische Seeluft wollte. Dabei hatte Ewald geglaubt, schon alle Widerwärtigkeiten und Brutalitäten, zu denen Menschen fähig sind, gesehen zu haben. Aber dieser Fall hier toppte alles bisher Dagewesene. Das war kein Mord im Affekt oder aus Habsucht. Hier waren entweder ganz bizarre Sexfantasien ausgelebt worden oder jemand hatte einen solchen Hass auf das Opfer gehegt, dass die Art seines Todes gar nicht qualvoll genug hatte sein können.
Und als hätte der Mörder sein Opfer noch zusätzlich verhöhnen wollen, steckte ein überdimensionierter rosa Dildo in dessen Anus. Das Geräusch, das entstand, als Dr. Beirer das Ding entfernte, war selbst für den an eklige Momente gewohnten HK Nielsen zu viel. Er eilte aus dem gesperrten Tatortbereich und spuckte sein Morgenbrot in die Dünen zwischen Ginster und Sanddorn. Und wie sollte es anders sein, fanden das zwei Touriheinis so interessant, dass sie ihn dabei mit ihren Handys filmten!
Ewald wischte sich den Mund ab, schob mit dem Fuß etwas Sand über die Lache und verließ den Platz. Die Heinis filmten unverdrossen weiter, was es Ewald ermöglichte, mit beiden Händen blitzschnell zuzugreifen und den Blödis die Mobilgeräte wegzunehmen. Die starrten ihn an wie Teletubbies beim Anblick einer Integralrechnung.
„Beschlagnahmt zwecks Beweissicherung!“, rief Ewald ihnen zu und gab sich keine Mühe, sein schadenfrohes Grinsen zu verbergen. „Können Sie sich in sechs Wochen auf dem Kommissariat in Wilhelmshaven abholen.“
Die Typen waren so baff, dass sie sogar vergaßen zu protestieren. Ewald schob die Smartphones in seine Jackentasche, während er zu dem Kripoteam zurückkehrte. Weitere Beamte der Spusi waren inzwischen eingetroffen. In ihren weißen Plastikoveralls wirkten sie wie Aliens, deren Raumgleiter versehentlich zwischen den Dünen gelandet war. In gebückter Haltung suchten sie die Umgebung des Toten ab, der noch immer von Doc Beirer untersucht wurde.
„Wer hat ihn gefunden?“, wandte Ewald sich an einen der uniformierten Polizisten.
„Ein Walker.“ Der Beamte zeigte auf einen älteren Mann in einem altmodischen blauen Turnanzug, den er vollkommen ausfüllte. „Konrad Mühlmann“, entnahm der Polizist seinen Notizen. „Er musste mal dringend austreten und ist dabei beinahe über die Leiche gestolpert.“
„Danke.“ Ewald wandte sich ab. „Sagen Sie ihm, dass er unbedingt warten soll.“
„Mache ich.“ Man sah dem Beamten an, dass er wenig Lust hatte, die Order auszuführen. Aber er setzte sich trotzdem in Bewegung. Ewald ließ seine Blicke über die Reihen der Gaffer gleiten, die eisern hinter dem Flatterband warteten. Ein Stück von ihnen entfernt standen die Vertreter des Beerdigungsunternehmens. Da der Leichenwagen nicht bis an den Tatort fahren konnte, würden sie den Toten auf einem dafür vorgesehenen Rollwagen bis zum Café Neudeich transportieren, wo ein Elektrokarren stand. Der würde den Zinksarg dann zum Flugplatz bringen und von dort per Flieger nach Harlingersiel, wo der schwarze Kombi wartete, mit dem die Leiche anschließend ins Gerichtsmedizinische Institut gefahren werden würde. Für einen Toten kam der Mann noch ganz schön herum!
KHK Nielsen stellte sich neben den Mediziner der Forensik, der gerade den großen silbernen Alukoffer verschloss, in dem er seine medizinischen Gerätschaften aufbewahrte.
„Und, was kannst du uns sagen?“
Ralf Beirer ließ die Verschlüsse zuschnappen.
„Det der tot is, is ja wohl klar.“ Ewald verzog das Gesicht. Er kannte den Gerichtsmediziner jetzt schon seit drei Jahren, aber an dessen Humor hatte er sich immer noch nicht gewöhnt. „Todeszeitpunkt gegen vier, fünf Uhr morgens. Genaueres kann ich erst sagen, wenn ich ihn mir von innen genau angesehen habe. Du kannst aber zu neunzig Prozent davon ausgehen, dass der Junge entweder stoned war oder irgendwie sediert wurde.“
„Woran erkennst du das?“
„Globste, der hat sich freiwillig an den Boomstamm nageln lassen?“ Dr. Beirer lachte ungeniert über seinen Witz, wurde aber sofort sachlich. „Der Tote weist keine Abwehrverletzungen auf.“ Er deutete auf den linken Handrücken des Opfers. „Siehste, det Loch is ein bisschen ausgefranst. Det kommt, weil er versucht hat, sich zu bewegen. Vorsichtig zu bewegen.“ Beirer ließ die Hand los, sie fiel zurück, wie Ewald erleichtert feststellte. Offensichtlich war die Starre noch nicht eingetreten. Man musste die Extremitäten nicht gewaltsam bewegen. „Wenn der sich jewehrt hätte, sähen die Wunden anders aus.“
Ewald nickte mit nachdenklicher Miene.
„Hatte er irgendwelche Ausweispapiere oder so bei sich?“
Der Arzt grinste breit.
„Ja klar, unter der Zunge. Reisepass, Perso, Führerschein und Impfpass, allet da.“ Er schüttelte den Kopf. „Wovon träumst du nachts? Aber det hier hab ick jefunden.“ Er drehte den Leichnam zur Seite, sodass Ewald die Tätowierung an der rechten Schulter sehen konnte. Der Kommissar runzelte die Stirn.
„Sieht selbst gemacht aus.“
„Is et ooch.“ Beirer nickte. Unvermittelt verfiel er wieder ins Hochdeutsche. Diese Wechsel hatten Ewald zu Beginn seiner Arbeit im Hauptkriminalamt verwirrt. Inzwischen hatte er sich jedoch längst daran gewöhnt. Beirer war halt ein typischer Gerichtsmediziner. Die hatten alle einen fragwürdigen Humor und abgefahrene Marotten. „Ich vermute, das ist eine Jugendsünde. So eine Bandengeschichte wie ‚für immer Freunde‘ oder so.“
Ewald nickte zustimmend. Das Tattoo war absolut dilettantisch gemacht, außerdem ließ sich kein erwachsener Mensch eine Messerklinge mit dem Wort ‚Freunde‘ in die Haut ritzen.
Dann fiel Ewald etwas ein. „Wo sind eigentlich seine Kleider? Und wie ist er hierher gekommen?“
„Antwort auf beides: Keine Ahnung.“ Dr. Beirer zuckte die Schultern. „Das rauszufinden ist Sache der Spusi.“
Ewald unterdrückte einen Fluch. Stattdessen fragte er höflich: „Ich wollte eigentlich wissen, ob das Opfer hier ermordet wurde oder ob man es hier abgelegt hat.“
Beirer schüttelte den Kopf. „Nee, der wurde nach seinem Tod nicht mehr bewegt.“
„Okay, dann sieh zu, dass du mir bald die ersten Ergebnisse auf den Rechner schickst. Ist echt dringend.“ Ewald verzog erneut das Gesicht. „Der, der das gemacht hat, hat echt einen an der Klatsche und sollte schnellstens aus dem Verkehr gezogen werden.“
„Ja, klar, ick beeil mich. Hab ja sonst nischt zu tun, bis auf die fünf, sechs Leichen, die sonst noch so auf mich warten.“ Dr. Beirer winkte die Leute von der Spusi heran. „Ick bin fertig. Ihr könnt weitermachen.“
Die Beamten der Spurensicherung hatten bereits den unmittelbaren Bereich direkt um den Toten herum abgescannt. Jetzt begannen sie auch den mittelbaren Platz genauestens abzusuchen. Erst wenn sie quasi jedes Sandkorn untersucht haben würden, würde man das Opfer abtransportieren, und dann musste auch der Liegeplatz auf Spuren untersucht werden.
Ewald Nielsen überließ das Team seiner Arbeit und ging zur Absperrung. Konrad Mühlmann hatte sich inzwischen etwas abseits in den Sand gesetzt, aber sein blauer Anzug leuchtete in der Morgensonne, sodass der Kommissar keine Schwierigkeiten hatte, ihn zu finden.
Ewald schätzte den Mann als guten Mittsechziger ein. Sport war ganz bestimmt nicht dessen Lieblingsbeschäftigung, denn das, was das hellblaue Trainingsoberteil wölbte, waren bestimmt keine Muskelstränge. Solch eine Wampe ließ auf jahrelanges Futtern und jede Menge Bier schließen. Offensichtlich hatte der Konrad Mühlmann seinen Pfunden jedoch vor Kurzem den Kampf angesagt. Die Turnschuhe an seinen Füßen waren nagelneu und auch die Walkingstöcke sahen relativ ungebraucht aus.
Als er Ewald auf sich zukommen sah, rappelte Konrad Mühlmann sich mühsam auf die Beine und sah dem Kommissar erwartungsvoll entgegen. Der Schreck über das Gesehene stand ihm noch ins Gesicht geschrieben, seine Hand, die er Ewald entgegenstreckte, zitterte.
„KHK Nielsen“, stellte sich Ewald vor. „Herr Mühlmann? Sie haben den Toten gefunden, ja?“
Mühlmann nickte, sein Gesicht wurde noch eine Spur blasser.
„Kennen Sie ihn, sind Sie ihm schon mal begegnet?“ Es waren die üblichen Fragen, die Ewald immer stellte und auf die er fast immer die gleichen Antworten erhielt. So auch hier in Form eines einfachen stummen Kopfschüttelns. „Haben Sie die Leiche oder irgendwas in deren Umgebung angefasst?“
„Um Himmels willen, nein!“ Konrad Mühlmann stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
„Gut. Und Sie haben sofort die Polizei gerufen?“
Konrad Mühlmann nickte.
„Das heißt, nicht ganz gleich.“ Er fuhr sich mit der Rechten durch das schüttere Haar. „Ich hab zuerst vor Aufregung mein Handy nicht gefunden und dann ist es mir ein paarmal aus der Hand gefallen.“
„Das ist verständlich“, beruhigte Ewald ihn. „Meine Frage zielte eher darauf ab, ob sie vor dem Anruf noch irgendwelche anderen Dinge getan haben. Manche Leute laufen bei solchen Ereignissen erst einmal weg.“
„Nee, das bin ich nicht.“ Konrad Mühlmann schüttelte erneut den Kopf.
„Sie sind wahrscheinlich vom Café Neudeich aus losgelaufen?“, setzte Ewald seine Befragung fort, was Mühlmann bejahte. „Waren Sie noch auf dem Hin- oder schon auf dem Rückweg?“
„Auf dem Hinweg.“
„Und ist Ihnen unterwegs jemand begegnet? Waren Leute am Strand oder in den Dünen?“
Der Befragte hob ratlos die Schultern.
„Ich habe niemanden gesehen.“
Ewald beschloss, die Unterhaltung erst mal zu beenden. Um diese frühe Stunde waren selten viele Leute auf dem Ostteil der Insel unterwegs. Wer hier morgens herumspazierte, suchte die Abgeschiedenheit und wollte möglichst sicher sein, niemandem zu begegnen. Von den Polizisten, die zuerst am Tatort eingetroffen waren, hatte Ewald schon erfahren, dass Konrad Mühlmann der einzige Zeuge war. Alle, die jetzt am Absperrband standen, waren den Sirenen gefolgt, die man weithin über die Insel gehört hatte.
„Nun gut.“ Der Kommissar schob seinen Notizblock in die Manteltasche. „Wie lange sind Sie noch hier?“
„Zwei Wochen.“ Konrad Mühlmann verzog die Lippen. „Wir sind gestern Mittag erst angekommen.“
„Ihre Kontaktdaten von hier und Ihrem Zuhause haben die Kollegen ja bereits aufgenommen, nicht wahr? Dann wäre es schön, wenn Sie uns Bescheid sagen, falls Sie sich entschließen, früher abzureisen. Es kann sein, dass wir noch Fragen an Sie haben.“
„Mache ich“, versprach Konrad Mühlmann. Er war offensichtlich froh, endlich aus der Befragung entlassen zu werden.
„Soll Sie einer unserer Beamten in die Stadt zurückbegleiten?“
„Nein, danke.“ Der Mann hob ablehnend beide Hände. „Ich möchte lieber alleine sein.“
Damit war für Ewald die Befragung beendet. Er verabschiedete sich von dem Zeugen und kehrte zu den Kollegen von der Spurensicherung zurück, die noch eine ganze Weile zu tun haben würden, um alles einzusammeln, was in den Dünen herumlag. Das meiste stammte dabei wahrscheinlich von Touristen. Achtlos weggeworfener Unrat, der nichts mit dem Mord zu tun hatte.
Und mittendrin eine Leiche. KHK Ewald Nielsens Spürsinn sagte ihm, dass der Täter mit seinem unheilvollen Tun erst angefangen hatte.
Die Männer in ihren weißen Plastikoveralls wirkten in der von Frühnebelfetzen verhangenen Dünenlandschaft wie Wesen von einem anderen Stern. Die ganze Szene hatte etwas Irreales an sich: die beiden Herren in grauen Gehröcken, die vor den flatternden Absperrbändern warteten, die Gaffer, die ungeniert den Anblick der geschundenen Leiche kommentierten und sich in Vermutungen ergingen, die Polizisten, die irgendwie ratlos wirkten, und die drei Männer in Zivilkleidung, die zusahen, wie der Spusitrupp jedes Sandkorn umdrehte, all das schien unwirklich und zugleich doch real zu sein.
Die Person schüttelte kaum merklich den Kopf. Ihrer Meinung nach wurde da viel zu viel Aufwand getrieben für einen Menschen, wie es der Tote gewesen war. Die Welt würde ihn nicht vermissen, weil er ihr als Lebender nichts zu geben gehabt hatte. Im Gegenteil, er hatte sie ein ganzes Stück schlechter gemacht. Die Person kannte mehr als einen Menschen, der ihm die Pest an den Hals gewünscht hatte und der sich jetzt heimlich über den Tod des Mannes freuen würde. Es war nur gerecht, was ihm dort zwischen Dünen und Sanddorn passiert war. Die Person würde ihm keine Träne nachweinen! Im Gegenteil, der – oder war es die? – Vermummte würde heute Abend ganz für sich alleine seinen Tod mit einem Piccolo feiern.
Einer der drei Zivilbeamten, die still beobachtende Person war sich sicher, dass es sich um solche handelte, drehte sich herum. Seine Blicke wanderten über die Gesichter der Zuschauer hinweg, die hinter der Absperrung standen. Er tat es langsam, als wollte er sich die Züge eines jeden Einzelnen einprägen. Als er sich dem Menschen zuwandte, drehte dieser sich weg und trat ein paar Schritte von dem Plastikband mit der Aufschrift POLIZEI zurück.
Es wäre bestimmt besser gewesen, sich hier gar nicht sehen zu lassen, aber die Person hatte dem Drang nicht widerstehen können. Sie musste sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass der Mann wirklich tot war. Und das war er! Der Zinksarg, der auf einem schwarzen Karren neben den Gehrockmännern stand, war an sich schon Beweis genug. Aber der Mensch wollte – nein – er MUSSTE sehen, wie die Leiche in den Sarg gelegt wurde. So lange wollte er warten, um das Gefühl des Triumphes voll auskosten zu können.
Wieder sah der Zivile in die Runde, dann winkte er einen der Polizisten heran, die ein Stück entfernt warteten. Während er mit den Beamten sprach, sah er immer wieder kurz zu den Zuschauern und, jedenfalls kam es dem Menschen so vor, auch in seine Richtung. Das war nicht gut, nein, das war überhaupt nicht gut! Unauffällig trat die Person noch ein paar Schritte zurück, wartete einen Moment hinter dem breiten Rücken eines übergewichtigen Hünen und verschwand dann zwischen den Ginsterbüschen und hohen Dünen, während der Zivilbeamte zu den Zuschauern ging.
Von dem hölzernen Aussichtsturm, der etwa eineinhalb Kilometer entfernt auf einer hohen Düne stand, konnte die Person zum Tatort zurückblicken. Zwar sahen die Menschen auf die Entfernung in ihren weißen Schutzanzügen aus wie Zwerge, aber es war deutlich genug zu erkennen, wie die grauen Gehröcke schließlich die Leiche in den Zinksarg legten. Ein weißer Overallträger kam hinzu, legte etwas neben die Leiche, dann wurde der Deckel geschlossen, die Gehröcke hoben den Sarg auf und trugen ihn zu dem schwarzen Karren, wo sie ihn abstellten. Mit ruhigen, zigfach geübten Griffen sicherten die Männer den Sarg, dann zogen sie den Karren zum Strand, wo der Sand etwas fester war, sodass sie das schwere Gefährt leichter vorwärts bewegen konnten.
Ein zufriedenes Lächeln erschien hinter den von einem breiten Schal verdeckten Zügen des seltsamen Menschen, als er sah, wie sich die Gehröcke abmühten. Typisch für den Verstorbenen, er hatte es seinen Mitmenschen nie leicht gemacht. Bei diesem Gedanken hätte der Mensch beinahe laut gelacht. Rasch wandte er sich um und stieg eilig die hölzernen Stufen zu dem schmalen, sandverwehten Weg hinunter, der zum Strand führte. Die Person wandte sich allerdings auf die andere Seite, dorthin, wo die Kartoffelrosen und der Sanddorn wucherten, weil sie den Sargträgern nicht begegnen wollte.
Der Wind zerrte an ihrer Kapuze, doch der Mensch bemerkte es gar nicht. Das Gefühl des Sieges und die Gewissheit, endlich das Richtige getan zu haben, erfüllte sein Inneres und ließ keinen Raum für äußere Empfindungen.
Die Tage der Rache waren da. Es würden nun alle bestraft werden – alle, ohne Ausnahme!
Ewald Nielsen schüttelte irritiert den Kopf. Rächten sich gerade die vielen schlaflosen Nächte, in denen er hellwach durch die Straßen von Emden lief, in der Hoffnung, endlich von Morpheus gefunden zu werden, und er fing an durchzudrehen oder hatte da drüben tatsächlich der Tod gestanden? Er war geneigt, an Letzteres zu glauben, denn die Person hatte sehr real ausgesehen, wie sie da gestanden hatte in ihrem langen schwarzen Mantel mit der großen Kapuze, die sie sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Ein schwarzer Schal oder ein Tuch, so genau hatte Ewald das auf die Entfernung nicht erkennen können, hatte die Züge verdeckt, sodass man eigentlich überhaupt nichts sehen konnte. Da war nur ein schwarzes Loch gewesen, noch zusätzlich verschattet durch die Kapuze, sodass man vermuten konnte, dass es da überhaupt kein Gesicht gab. Genauso wurde der Gevatter von Comiczeichnern und Kunstmalern porträtiert und wer weiß, vielleicht sah er ja auch tatsächlich so aus?
Ewald hätte gerne mit dieser unheimlichen Gestalt gesprochen, einfach nur, um festzustellen, dass sie real existierte. Aber sie war genau in dem Moment verschwunden, in dem er kurz den Blick abgewendet hatte. Jetzt stand an ihrer Stelle ein beleibter Touri, der sensationslüstern mit dem Handy dauerfilmte, damit er den Leuten zu Hause was vorzeigen konnte.
War es doch Gevatter Tod gewesen? Ewald fuhr sich mit allen fünf Fingern seiner Rechten durch das kurz geschnittene Haar. Es wurde Zeit, dass er etwas gegen seine anhaltende Schlaflosigkeit tat, sonst würde er eines Tages auch weiße, fliegende Elefanten und blaulila Elfen sehen.
Aber jetzt musste er sich erst mal dringend auf diesen Mord konzentrieren.