3
Mom liegt reglos auf dem Betonboden. Während Janet zu uns herunterklettert, beobachte ich, wie Dad sich mit der linken Hand an der Leiter festklammert und gleichzeitig versucht die Luke zu schließen. Aber die Leute oben wollen ihn daran hindern. »Richard! Bitte, Richard!« Ihre Stimmen überschlagen sich vor Panik. »Lassen Sie uns runter! Sie können uns nicht hier draußen sterben lassen!«
Ich kauere auf dem kalten Betonboden und habe solche Angst, dass ich am liebsten weinen würde. Jedes Mal wenn die Leute oben es schaffen, die Falltür ein paar Zentimeter aufzustemmen, fällt Licht in den Schacht, und sobald Dad sie zuzieht, wird es schlagartig wieder dunkel. In einem der Momente, in denen es hell ist, sehe ich, dass Mom seltsam verdreht auf dem Rücken liegt. Eines ihrer Beine ist angewinkelt, das andere lehnt an der Wand. Sparky liegt auf ihr und schluchzt.
Janet ist jetzt auf der untersten Sprosse angekommen.
»Achtung!«, rufe ich warnend.
Sie sieht nach unten. »Um Gottes willen, Mrs Parker!«
Ich rapple mich auf und greife nach ihrem Arm, um sie zu stützen, damit sie nicht über Mom und Sparky stolpert.
Plötzlich wird die Klappe über uns so weit aufgerissen, dass das schrille Heulen der Sirenen zu uns herabdringt. Einer der Männer stößt einen lauten Fluch aus. Dad zieht mit aller Kraft an der Tür und sieht zu mir herunter. Sein Gesicht ist vor Anstrengung verzerrt und er beißt die Zähne aufeinander. Lass sie rein!, will ich ihn anflehen, aber ich sage nichts, weil genau das immer mein größter Albtraum war, seit er mir das erste Mal von dem Bunker erzählt hat. Was passiert, wenn dort unten viel zu viele Menschen Zuflucht suchen wollen? Wenn immer mehr dazukommen? Wenn sich so viele in den Bunker zu quetschen versuchen, bis diejenigen, die ganz hinten stehen, erdrückt werden und ersticken? Ich kenne in unserer Nachbarschaft keine andere Familie, die einen Bunker gebaut hat – aber alle wissen, dass wir einen haben.
Die Falltür wird wieder aufgerissen. Jemand schiebt eine Eisenstange durch den Spalt und schlägt damit nach Dads Händen. Ich erkenne die Stange wieder. Sie stammt von unserem Federballnetz.
»Schnell, ich brauche das Seil!«, ruft Dad mir zu. Er umklammert jetzt mit beiden Händen den Griff an der Klappe und hat seine Füße so in den Sprossen verkeilt, dass er nicht abrutschen kann. Jedes Mal wenn die Männer draußen die Klappe hochreißen, wird sein Körper für einen Augenblick in die Länge gestreckt.
»Wo ist es?«, rufe ich.
»Hängt an der Wand!«
Ich stehe in einem schmalen Gang mit nackten Betonwänden und kann kaum etwas sehen. Aber weil ich schon einmal hier unten gewesen bin, weiß ich, dass Dad die Wand im eigentlichen Bunkerraum meint. Allerdings reicht das bisschen Licht, das immer wieder durch den Spalt oben fällt, nicht aus, um dort drinnen etwas zu erkennen.
»Aber ich sehe doch nichts!«, rufe ich.
»Mach Licht!«, keucht Dad.
»Wie?«
»Von der Decke hängt eine Strippe!«
Ich taste mich an den Wänden voran, bis ich den Durchgang zum Bunker erreicht habe. Es ist stockfinster. Vorsichtig gehe ich mit nach oben gereckten Armen im Raum herum. Endlich fühle ich die Schnur. Als ich daran ziehe, wird es schlagartig so hell, dass ich einen Moment geblendet bin. Blinzelnd schaue ich mich um. Da stehen die beiden rechtwinklig zueinander aufgestellten Hochbetten, die Holzregale, in denen Nahrungsmittel und andere Vorräte gestapelt sind, und an der Wand gegenüber hängt das aufgerollte Seil, von dem Dad gesprochen hat. Ich nehme es vom Haken und renne wieder in den kleinen Vorraum hinaus. Janet presst sich an die Wand und sieht ängstlich zu Dad auf. Sparky kauert schluchzend neben Mom, unter deren Hinterkopf sich eine dunkel glänzende Lache gebildet hat.
Auf der anderen Seite der Luke hat mittlerweile jemand zusätzlich zu der Eisenstange auch noch einen Tennisschläger in den Spalt gezwängt. Sie versuchen mit aller Gewalt die Klappe aufzustemmen.
Dad hält mir eine Hand hin. »Scott! Das Seil!«
So schnell ich kann, klettere ich die Leiter hinauf und recke mich ihm so weit entgegen, bis er das Seil greifen kann. »Was ist mit Mom?«, frage ich.
Dad antwortet nicht. Auf einmal sehe ich, wie sich Finger in den Lukenspalt schieben. Erst sind es nur ein paar, dann werden es immer mehr. Die Leute dort oben ziehen mit solcher Kraft, dass sich ihre Fingerknöchel vor Anstrengung weiß verfärben.
Dad versucht das Seil um den Lukengriff zu schlingen, aber es rutscht ab und landet klatschend auf dem Boden. »Verdammt!«
Wieder umklammert er den Griff mit beiden Händen und hängt sich mit seinem ganzen Gewicht daran, aber mittlerweile haben sich noch mehr Finger in den Spalt geschoben. Alle helfen mit, die Klappe nach oben zu stemmen. Ich sehe nackte Füße, Schlafanzughosen und die Säume von Bademänteln. Dann taucht ein Männergesicht auf und späht zu uns herunter. Die Lippen sind entschlossen aufeinandergepresst wie die von Dad. Die Falltür wird noch ein Stückchen weiter angehoben. Dad lässt nicht los, muss sich aber so sehr strecken, dass ein Streifen nackter Haut zwischen Schlafanzughose und Oberteil zu sehen ist.
»Ahhh!«, stöhnt er. Im nächsten Moment verliert er das Gleichgewicht, greift instinktiv mit einer Hand nach einer Sprosse, um sich festzuhalten, und lässt den Griff los.
Die Falltür fliegt auf und es wird schlagartig heller. Ich höre erstaunte Rufe und lautes Poltern, als wären die Leute, die an der Klappe gezogen haben, durch das plötzliche Fehlen des Widerstands nach hinten umgefallen. Die Eisenstange und der Tennisschläger fliegen zu uns herunter. Ich ducke mich und hebe schützend die Hände vors Gesicht. Mom wird getroffen, rührt sich aber nicht. Sparky schreit auf und hält sich den Kopf. In dem erleuchteten Viereck über uns erkenne ich Gesichter. Es sind Ronnie und seine Eltern. Mr McGovern und Paula …
Sie wirken erstaunt, können es wohl selbst nicht glauben, dass sie es geschafft haben, die Falltür zu öffnen. Mein Vater hält sich an den Sprossen in der Wand fest und starrt sie feindselig an. Wenige Sekunden lang passiert nichts, als hätten sich unsere Nachbarn so darauf konzentriert, die Klappe aufzustemmen, dass sie nicht darüber nachgedacht haben, was sie tun sollen, wenn es ihnen gelingt.
»Sie können hier nicht rein«, protestiert Dad. »Der Platz reicht nicht für so viele!«
Die Gesichter über ihm blicken grimmig entschlossen.
»Ronnie, du kletterst runter!«, höre ich Mr Shaw rufen.
»Aber Scotts Vater hat doch gesagt …«
»Mach schon!«, drängt Mr Shaw.
Ronnie dreht sich gehorsam um, seine nackten Füße tasten nach der ersten Sprosse. Dad schlägt sie weg.
»Er lässt mich nicht!«, jammert Ronnie.
Seine Füße verschwinden blitzschnell, als hätte ihn jemand nach oben weggezogen. Stattdessen sehe ich jetzt größere Füße. Männerfüße. Dad versucht sie wegzuschieben, aber sie treten nach ihm. Beine in einer gestreiften Schlafanzughose zwingen Dad immer weiter die Sprossen hinunter.
»Wegen Ihnen werden wir alle sterben!«, ruft er verzweifelt.
Der Mann in der gestreiften Schlafanzughose stößt einen unterdrückten Fluch aus. Es ist Mr Shaw, Ronnies Vater.
»Pass auf, Dad!«, kreische ich. »Mom liegt direkt vor der Leiter!«
Dad springt vorsichtig von der untersten Sprosse, um nicht auf Mom zu treten, dicht gefolgt von Mr Shaw.
»Kommt mit, Jungs!« Er schiebt die Hände unter Moms Schultern, zieht sie von der Leiter weg und drängt mich rückwärts aus dem Vorraum in den Bunker. Sparky flüchtet sich in meine Arme und drückt sich an mich. Sein Herz klopft so schnell wie das von Spinners Hamster. Ich werfe noch einen letzten Blick nach oben und sehe, wie Mr Shaw gerade Ronnie hilft, herunterzuklettern, während ihnen von oben weitere Leute nachfolgen. Mein schlimmster Albtraum wird Wirklichkeit. Wir werden hier drin zerquetscht.