Menschen träumen vom Fliegen, wovon träumt ein Mauersegler? Vielleicht vom Fallen, so wie wir an der Grenze zwischen Wachsein und Schlaf.
Im freien Fall befindet sich auch Prometheus, als sein bester Freund Jakob stirbt. Nach einer überstürzten Flucht vor Polizei, Familie und sich selbst schlägt er am dänischen Strand auf. Der Mauersegler erzählt von einem Mann, der unter seiner Schuld zu zerbrechen droht. Und von zwei Frauen, die wenig Fragen stellen – wie alle Menschen, die ihre eigenen Geheimnisse haben.
Die Geschichte einer großen Freundschaft, eines unerwarteten Todes und der Suche nach Vergebung
Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Schriftstellerin. Ihr Bestseller MARIANENGRABEN war das erfolgreichste belletristische Debüt 2020, im März 2021 folgte ihr humorvoll erzählerisches Sachbuch ABSCHIED VON HERMINE, das sich ebenfalls in der SPIEGEL-Bestsellerliste platzieren konnte. Im Wissenschaftspodcast BUGTALES.FM erzählt sie von Nacktmullen, Bärtierchen und Walexplosionen. Gemeinsam mit einer absurden Anzahl an Tieren lebt Schreiber in Frankfurt am Main und macht das Internet auf Twitter und Instagram unter @LaVieVagabonde unsicher.
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG
Originalausgabe
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München
Einband-/Umschlagmotiv: Jasmin Schreiber
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-0947-7
www.eichborn.de
www.luebbe.de
www.lesejury.de
»Viele Menschen stehen am Meer,
weil man da nicht weiterlaufen kann.«
– K.
Für L.
Ab einer bestimmten Geschwindigkeit fühlt sich fahren an wie fallen, der Körper irgendwie schwer zu verorten, das Gehirn ein wenig überfordert, die Landschaft nicht mehr durch klar umrissene Objekte dargestellt, sondern in farbige Scheiben geschnitten: in Grün für das Gras und niedrige Böschung, vielleicht Grau, wenn sich Gebäude ins Sichtfeld schieben, Braun bildet die Baumstämme ab, wieder Grün, wenn die Baumkronen kommen. Über alldem der blaue, graue oder schwarze Himmelsstreifen, der Abschluss oder Anfang, je nachdem.
Wie viele Aggregatzustände hat eine Landschaft, einen, oder vielleicht zwei? Drei? Kann Landschaft gasförmig sein? Doch, ja. Als Geruch, wenn man die Augen schließt und nasse Farne, die zitternden Flanken des Rotwilds, die feuchten Algen am Strand riecht. Steht man hingegen vor einem Wald, erblickt man Bäume direkt vor sich, kann die Waldränder dabei beobachten, wie sie immer mehr ausdünnen und zu einer Wiese zerlaufen, zu einem Gewässer oder zu einer kleinen Siedlung. Fest. Im Flug oder bei hoher Geschwindigkeit am Boden, in Autos, in Zügen oder wenn man als Kind Fahrrad fährt (was sich immer schneller und krasser und halsbrecherischer anfühlt als erwachsenes Fahrradfahren), ist eine Landschaft flüssig. Vielleicht wie Wasser, vielleicht wie Ölfarbe, die in dicken und triefenden Streifen auf die Leinwand gemalt wurde. Saftig, glänzend, fett.
Der Mann am Steuer des dunklen Kombis schwitzte, während er einen Van überholte (zwei Erwachsene, eine undefinierbare Anzahl Kinder, Fahrräder). Sein Hemd klebte feucht an seiner Haut, er konnte sich selbst riechen, konnte die Angst, den Stress, die Anstrengung wittern. Mit durchgedrückten Armen beschleunigte er das Auto immer mehr, während sich der Tag dem Ende entgegenneigte. Rote Einblutungen verwuschen das schon abgedämpfte Graublau des Himmels, die Sonne setzte an zum großen Finale, drehte die Farben noch einmal grell und laut auf, um sie dann plötzlich mit sich in die Nacht zu reißen und eine monochrome, stille Dunkelheit zurückzulassen.
Diese Umgebung nahm der Mann gar nicht wahr, sah die kurzen Momentaufnahmen der dämmrigen Weite nicht, die kleinen, etwas geduckten Wäldchen und heimeligen Ortschaften, die beim Vorbeifahren immer nach Miniaturwunderland aussehen: statisch, winzig, unbelebt. Er war blind für die hingesprenkelten Windräder, die Weiden, Birken, Scheunen, das knorrige Totholz, die Kühe, manchmal Schafe, die sich in kleinen Senken vor dem Wind verbargen, der über die Ebenen hinwegjagte. Der Mann dachte: Wenn ich jetzt das Lenkrad scharf rüberziehe, ist alles vorbei. Und: Wenn ich das mache, ist es nicht nur für mich vorbei, vielleicht auch noch für andere. Er konzentrierte sich wieder auf die Straße.
Der Motor der Luxuskarosse arbeitete, er surrte, brummte und rauschte, das alles jedoch leise und gelassen. Er war für so etwas gebaut, Zahnräder griffen ineinander, Metallteile bewegten sich gut geschmiert vor und zurück, Riemen schnurrten. Alles okay von seiner Seite aus. Der Rest des Wagens knackte hier und da, reckte und streckte sich ein wenig, weil er noch neu war und sich erst einfinden musste in sein Leben als Transportmittel eines Gehetzten. Dem Fahrer rutschten die schweißnassen Hände fast vom Lenkrad, doch das Auto stieß einfach weiterhin wie eine spitze Nadel durch das dünne Gewebe der heraufziehenden Dämmerung und beklagte sich nicht.
Geile Karre, hatte Jakob damals gelobt, der Mann hatte sich jedoch direkt nach dem Kauf etwas geschämt. Mediziner sein und so ein Auto fahren, klischeehafter ging ja wohl kaum. Zum Glück hatte ihn sein Vater noch davon abgehalten, das Fahrzeug in Silber zu kaufen. Ne Arztkutsche, ach Prometheus, ’s brauchste doch nich, Silber is so prollig, hatte er damals in seiner typischen, etwas brummeligen und vernuschelten Stimme gesagt. Dann hatte er die immer ein wenig zu lockere Hose mit einem Ruck über den kleinen Bierbauch gezogen, anschließend die Hände in den Rücken gestemmt und an seinem Sohn vorbei aus dem Fenster auf den gegenüberliegenden Plattenbau geblickt. Der Wagen war deshalb schwarz. Eine Arztkutsche war er dennoch.
Tock-tock-tock.
Prometheus horchte.
Tock-tock-tock.
Der Wagen rumpelte etwas. Ein Platter, dachte Prometheus, oder ich habe was überfahren, scheiße. Er verringerte die Geschwindigkeit und wechselte vorsichtig und sehr aufmerksam die Fahrbahnen (er drehte vielleicht gerade durch, so durch aber noch nicht), bis er schließlich mit eingeschalteter Warnblinkanlage auf dem Notfallstreifen stand. Er wollte aussteigen, doch seine linke Hand war immer noch fest ums Lenkrad gekrallt. An der Stelle, an der seine rechte Hand eben noch gelegen hatte, bevor sie den Warnblinker angeschaltet hatte, sah man nasse Druckstellen im gepolsterten Leder. Langsam löste er die Finger der Linken, er ruckelte einen nach dem anderen vorsichtig ab, während ein Krampf Schmerzwellen über seine Nervenbahnen durch die Arme ins Rückenmark und dann ins Gehirn jagte. Nachdem er den Daumen als Letztes gelöst hatte, fiel der Arm wie tot an seiner Seite hinab. Prometheus schloss die Augen.
Er konnte nichts finden. Zwei Mal war er in seiner gelben Weste durch den Nebel und um den Wagen herumgekrabbelt, nachdem er das Warndreieck aufgestellt hatte. Alles sah normal aus. Kein Leck, kein platter Reifen, alles intakt, soweit er es beurteilen konnte. Kurz blieb er in dieser Position sitzen, der Körper in der Hocke, den Kopf in den Händen verborgen, sich vor und zurück wiegend wie ein Kind. Das war eigentlich ganz schön, dachte Prometheus, während der Verkehr an ihm vorbeidonnerte und seine Klamotten langsam klamm wurden, irgendwie friedlich, und so tut die Hand auch nicht mehr so weh.
Verharren geht nur leider nicht, schade, dachte er, und: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich andere gefährde, wenn ich jetzt einfach vor einen LKW laufe? Vermutlich genauso hoch, wie in jemanden hineinzufahren. Zu hoch. Töten wollte er niemanden, nicht schon wieder, sich selbst auch nicht, also vermutete er. Bei Letzterem war er sich nicht sicher, er konnte die Intensität seines aufkeimenden Wahnsinns noch nicht richtig einschätzen, es war alles noch so frisch, er hatte keinen Überblick. Er strich mit der rechten Hand über die Haare seines linken Unterarms, wischte die kleinen Tropfen fort, die sich wie Tau auf einer Wiese darin verfangen hatten. Wenn es noch nebliger wurde, würde er nicht weiterfahren können. Nicht, dass er irgendein Ziel hätte, aber fahren war erst einmal gut, und nicht fahren zu können war dementsprechend schlecht.
Prometheus sammelte sich und das Warndreieck wieder ein, setzte sich zurück in den Wagen, den er mittlerweile hasste, schloss die Tür, schaltete die Warnblinkanlage ab und startete den Motor. Er drückte die Arme wieder durch, suchte mit dem Fuß das Gaspedal und fand es, trat es runter und ordnete sich wieder ein.
Und dann schrie er. Er schrie und fuhr, schrie und blinkte, um auf die linke Spur zu wechseln, schrie, während er LKWs überholte und Familienkutschen und Hippie-Vans, er schrie, ohne überhaupt zu wissen, wieso, oder auch nur was er da brüllte, während er den Scheibenwischer betätigte, um gegen den einsetzenden Regen anzukämpfen. Prometheus schrie und schrie und schrie, bis er mit seiner Arztkutsche brüllend wie ein Tier in die Nacht hinein und über die deutsch-dänische Grenze gefahren war.
Velkommen.
»Vielleicht brauchen wir noch mehr Grillanzünder.«
»Meinst du?«
»Keine Ahnung, aber es klappt ja nicht«, sagte Prometheus, schaute auf das Päckchen Streichhölzer in seinen Händen hinab und heftete dann seinen Blick wieder auf Jakobs Gesicht, das im Feuerschein flackerte und ihn dadurch irgendwie an Halloween erinnerte.
Prometheus war neun Jahre alt und hieß eigentlich Marvin, das andere war nur sein Zweitname. Seine Mutter, eine Hebamme, las ihren Gebärenden zur Beruhigung beim Warten auf die nächsten Wehen gerne altgriechische Sagen und Heldengeschichten vor, und die Sage um Prometheus hatte sie damals besonders mitgerissen. Ein Mann, der die Menschen erschuf, ihnen helfen wollte, die Geduld der anderen Göttinnen und Götter jedoch überstrapazierte, als er das Feuer vom Olymp stahl und auf die Erde brachte. Als Strafe landete er dann festgekettet in einem Gebirge, in dem er sich jeden Tag aufs Neue von einem Adler die Leber herausreißen lassen musste. Welch herzerwärmende Geschichte, wer würde seinen Sohn nicht so nennen wollen? Das war aber natürlich nicht der Grund für die Namensgebung. Seine Mutter war fasziniert von dieser Figur, weil sie den Menschen Gutes tun wollte und dafür sogar Strafe in Kauf nahm. Für sie ging es hier um Zuneigung, Opferbereitschaft, Heldenmut. Prometheus selbst fand die Sache mit dem Adler einfach krass, deshalb mochte er den Namen.
Marvin war schlimmer als Prometheus, also das fand er selbst und die Mutter wohl auch, und so war der kleine Junge schon nach ein oder zwei Jahren nur noch Prometheus genannt worden. Wenn neue Lehrer in die Klasse kamen, lasen sie immer erst Marvin vor, doch Prometheus war schon als Kind sehr selbstbewusst (seine Mitschüler hätten wohl gesagt: eingebildet) gewesen. Entschuldigung, sagte er dann, und: Ich werde Prometheus genannt. Drunter geht’s wohl nicht, Herr Protz, hatte ein Lehrer mal gesagt und sich geweigert, den Namen zu verwenden. Doch als Marvin (Prometheus!) auf diesen Namen ein ganzes Halbjahr nicht reagiert hatte, war auch er eingeknickt. Das von seinem Vater als Vorname ausgesuchte Marvin war damit vom Adler davongetragen worden und wurde nie wieder abseits von Behördenschriftstücken oder Schulzeugnissen erwähnt.
»Vielleicht hätten wir noch den Schnaps von deinem Vater nehmen sollen? Schnaps brennt doch gut, glaube ich«, murmelte Jakob.
Sie blickten beide hoch, als ein leises Rauschen aufkam, fast wie ein leiser Wasserfall, fast wie die Brandung des Meeres. Die Mauersegler hatten ihre allabendliche Jagdrunde begonnen und flogen unglaublich nah an ihnen vorbei. In halsbrecherischen und kunstvollen Manövern schraubten sich die Vögel, die im Dämmerlicht Schwalben zum Verwechseln ähnlich sahen, durch die Luft, sie wichen Ästen aus und umtanzten Baumwipfel, flogen mit ihren braunen, gebogenen Schwingen scharfe Kurven und jagten Fluginsekten hinterher, die so schnell in den kleinen Schnäbeln landeten, dass sie gar nicht wussten, wie ihnen geschah. Die Tiere bewegten sich so rasant, dass sie vor den Augen der Jungen verschwammen und zu gespenstischen Schatten oder flatterigen Waldgeistern wurden.
»Weißt du, dass Mauersegler immer in der Luft sind, also ihr ganzes Leben? Ununterbrochen?«, fragte Jakob.
»Quatsch!«, antwortete Prometheus.
»Doch, wirklich, das hat mir meine Mutter erzählt. Die schlafen sogar im Fliegen, und wenn die alt sind und versehentlich am Boden landen, kommen die nicht mehr hoch.«
»Und wenn die tot sind? Dann fliegen die aber nicht mehr, oder?«
Prometheus bekam eine Gänsehaut, als er sich vorstellte, dass einige der Mauersegler hier vielleicht tot sein könnten. Geister zum Anfassen, Geister, die vielleicht auch mal in ein Kinderzimmerfenster hineinflattern konnten, wenn die Mutter es, wie so oft im Sommer, nachts offen stehen ließ. Er stellte sich abgefressene fliegende Skelette vor, tote Augen, knorrige, gebrochene und verbogene Klauen, die blind nach ihm griffen. Seine Hände wurden schwitzig.
»Neeee, natürlich nicht. Stell dir das mal vor, da wäre ja der ganze Himmel voll toter Vögel!«, antwortete Jakob.
Die Jungs traten jetzt einen Schritt zurück, weil ihnen der dunkle Rauch der kokelnden, etwas zu feuchten Äste in den Augen brannte. Sie blinzelten ins Feuer, das die Dämmerung mit seinen Flammen abtastete und spielerisch zurückdrängte.
Auf einer kleinen Lichtung zwischen ein paar Tannen hatten die Kinder eine Art Scheiterhaufen errichtet, lange hatten sie dafür nach trockenem Totholz gesucht, jedoch keine zufriedenstellende Menge gefunden. Stattdessen hatten sie einfach Äste von Büschen abgeschnitten und auch noch Zeitungen und Zeitschriften dazwischengesteckt, um der ganzen Konstruktion mehr Volumen zu geben. Herausgekommen war ein etwa kniehoher Scheiterhaufen mit einem abgeflachten Plateau. Und auf diesem Plateau lag Schnuffelchen.
Das Beste daran, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, war, dass Prometheus so viel Fernsehen schauen konnte, wie er wollte. Am liebsten sah er die Bugs Bunny Show und fieberte mit dem titelgebenden Hasen mit, während ihm der Jäger Elmer immer wieder auf die Spur kam, ihn dann aber doch nie erlegen konnte. Er flog mit Captain Future im Raumschiff durch die Weiten des Alls und stellte sich vor, dass auch seine eigenen Eltern Wissenschaftler wären, doch wären sie in seiner Vorstellung nicht tot, wie beim Titelheld der Serie, sondern einfach nur sehr beschäftigt, sodass er auf sich allein gestellt wäre. Er hätte ebenfalls ein richtig tolles und superschnelles Raumschiff, vielleicht in Silber oder Knallrot. Mit dabei wäre auf jeden Fall der Android Otto, jedoch nicht Joan Landor, sondern stattdessen Prometheus’ bester Freund Jakob. Oft stellten sich die beiden Jungs gemeinsam in ihrem Geheimversteck, einem großen Busch, vor, wie sie die Welt vor dem Bösen retten würden – sie würden Kriege abschaffen und die Schule gleich mit, alle Menschen wären frei und glücklich, und man dürfte so viele Kellogg’s Froot Loops ohne Milch essen, wie man wollte. Ja, auch mitten am Tag und nicht nur morgens!
Am allerliebsten jedoch schaute Prometheus Sindbad. Die Serie erzählte die Geschichte eines Jungen, der mit seinem besten Freund Hassan wilde Abenteuer erlebte, irgendwann sogar als blinder Passagier auf dem Schiff seines Onkels Ali landete und ab da die Welt bereiste. Das konnte sich Prometheus auch sehr gut für sich vorstellen: Erstens hatte er auch einen ungewöhnlichen Namen, also nicht Marvin, sondern Prometheus. Das klang ja schon nach Abenteuer und Sage, das gehörte einfach zusammen, oder? Zweitens hatte auch er, wie eben schon erwähnt, einen besten Freund, den er mindestens genauso cool wie Hassan fand. Drittens lebte er ja an der Ostsee, es war also durchaus Erfahrung mit dem Meer, Schiffen und Ähnlichem vorhanden. Und viertens war er richtig mutig (fand er) und hatte vor nichts und niemandem Angst. Außer vor Geistern und dem Sensenmann, aber die gab es ja hoffentlich nicht auf dem Meer. Nahm er all das zusammen, hatte Prometheus definitiv das Zeug zum Seemann, und er hatte sich vorgenommen, das später vielleicht auch einfach zu werden, also so als Beruf. Er wollte ein eigenes, großes Schiff haben, mit dem er die Weltmeere umsegeln könnte, er würde Jakob mitnehmen und seine Eltern auch, schließlich konnte er sie ja nicht einfach so allein zurücklassen. Gut, er hatte eventuell auch ein mulmiges Gefühl bei der Vorstellung, so ganz ohne Eltern unterwegs zu sein.
An all das dachte Prometheus gerade wieder, während er sich im Wohnzimmer auf dem braunen Cord-Sofa fläzte und Sindbad dabei zusah, wie er eine Dürre in seiner Heimatstadt Bagdad besiegen wollte, indem er mithilfe von Meerestieren einen Eisberg nach Hause holte. Prometheus fand das ziemlich klug. Da hörte er ein vertrautes Klimpern: Schnuffelchen war aus seinem Körbchen aufgestanden und tapste auf ihn zu. Der altersgemütliche Hängebauch des 16-jährigen Beagles berührte fast den Boden, während die kleinen, festen Beinchen auf das Sofa zutippelten. Schlupp, schlupp, schlupp, die großen Ohren wippten vor und zurück. Prometheus ließ die Hand hinabhängen, damit der Hund sie ablecken konnte, sobald er bei ihm angekommen wäre. Doch als Schnuffelchen (der eigentlich Karl hieß) am kleinen Fliesentisch vorbeigelaufen war, blieb er ungefähr einen halben Meter vor dem Jungen stehen, brummte kurz, taumelte – und fiel um.
Prometheus setzte sich auf.
»Schnuffelchen?«
Der Beagle reagierte nicht. Ungelenk rutschte der Junge vom Sofa und stolperte kurz, weil sein rechtes Bein eingeschlafen war, er humpelte zum weichen Hundekörper und legte die Hand auf die zitternde und zuckende Flanke des Tieres. Schnuffelchen atmete hastig und stoßweise, die Augen waren aufgerissen, plötzlich ein kleines Winseln – und alles war vorbei.
»Schnuffelchen? Schnuffelchen! Hey!«, rief das Kind und schüttelte und rüttelte an dem massigen, warmen Leib herum, doch es half nichts.
Im Hintergrund begann gerade die Abspannmelodie, als Prometheus anfing zu weinen.
Nachdem Prometheus fertiggeweint hatte, hatte er seinen besten Freund Jakob angerufen, der ebenfalls allein zu Hause und nach dem Anruf zu ihm hinübergekommen war, um zu helfen. Gemeinsam hatten sie im Telefonbuch nach Bestattungsunternehmen gesucht und waren auch fündig geworden, doch nachdem sie die dritte Absage kassiert hatten (Ein Hund? Veräppelt jemand anderes, ihr Bengel!), war ihnen klargeworden, dass sie sich selbst um die Angelegenheit würden kümmern müssen.
Mit einem Bollerwagen hatten sie den unter einer Decke verborgenen toten Hund unter Platanen und an Gassigängern vorbei zu Jakobs Haus gezogen, nachdem sie sich beide schwarze Sachen aus Prometheus’ Kleiderschrank geholt und sich etwas angemessener gekleidet hatten. Jeder von ihnen trug nun eine dunkle Jeans und ein schwarzes Shirt mit Dino-Aufdruck (Jakob einen T-Rex, Prometheus einen Stegosaurus), das musste reichen.
Die Fahrt mit dem Bollerwagen war ganz schön anstrengend gewesen, denn Schnuffelchen war insgesamt gar nicht mal so klein, und Prometheus hatte zwischendrin immer wieder angefangen zu weinen. Die Wahl des Begräbnisortes war ihnen leichtgefallen, denn im Gegensatz zu Prometheus, der mit seinen Eltern in einer engen Zweieinhalbzimmerwohnung in der Plattenbausiedlung lebte, hatten Jakobs Eltern ein Haus mit einem großen Garten, der für eine Wikinger-Bestattung wie gemacht war. Und genau das war der Plan.
Zuerst hatten die Kinder überlegt, am Strand ein richtiges Floß zu bauen, Schnuffelchen draufzupacken, das Ding in Brand zu stecken und aufs Meer rauszuschieben, schließlich hatte der Hund alle Ehren großer Wikingerkönige verdient. Sie hatten in einer Fernsehserie gesehen, dass man das früher wohl so gemacht hatte, also als Wikinger – und sie waren der Meinung, dass Wikinger saucool und dieser Beagle ein König unter den Hunden war, da waren sie sich einig, das war sonnenklar. Doch bei der Planung hatten die Jungs sehr schnell realisiert, dass das mit dem Floßbau gar nicht mal so einfach war, und sie hatten auch gar nicht gewusst, wie sie den Hund die rund sieben Kilometer an der Landstraße entlang oder durch den kleinen Wald zur Küste schaffen sollten. Außerdem war absolut nicht sicher, ob es dort gerade genug trockenes Treibholz geben würde. Nach intensiver Beratschlagung und ausführlicher Abwägung (inklusive Liste und Pipapo) hatten sie sich deshalb für die etwas einfacher durchzuführende Alternative im Garten entschieden. Doch jetzt merkten sie, dass auch diese Variante nicht wirklich einfach war, denn man konnte es drehen, wie man wollte: Der Hund brannte nicht.
»Große Scheiße«, sagte Jakob.
»Ja, Mist.«
Das Feuer prasselte, knackte und rauschte, die Flammen leckten hierhin und dorthin, doch Schnuffelchen blieb von ihnen unbehelligt.
»Hm … na ja, also ein bisschen brennt er ja.«
Jakob war schon immer der Optimistischere der beiden gewesen. Als seine große Schwester von ihrem Freund verlassen wurde, hatte er sie getröstet und dann ihre Telefonnummer an Männer verteilt, die er auf der Straße sah und irgendwie nett fand. Es hatte Monate gedauert, bis die Anrufe aufgehört hatten. So oder so: Wenn man Hilfe brauchte, konnte man sich auf Jakob verlassen, das wusste auch Prometheus, und deshalb war er auch sein bester Freund. Deshalb und wegen des Bonanza-Rades, das Jakob zum letzten Geburtstag bekommen hatte und das Prometheus sich manchmal ausleihen durfte.
»Glaubst du, das klappt so? Wenn wir lang genug warten?«, fragte Prometheus unsicher.
»Weiß nich’.«
An den Stellen, unter denen das Holz richtig brannte, war Schnuffelchens Fell weggekokelt; der Großteil des Scheiterhaufens rauchte jedoch nur. Die Hundehaut hatte sich teilweise rot-schwarz verfärbt, in den offenstehenden Augen spiegelten sich helle Flammen und dunkle Schatten.
Prometheus musste wieder weinen, und weil auch Jakob Schnuffelchen sehr gerngehabt und Prometheus noch viel lieber hatte, weinte er solidarisch mit seinem besten Freund mit und legte ihm den Arm um die Schulter. Da ging hinter ihnen in einiger Entfernung plötzlich das Terrassenlicht an, und eine Vaterstimme wurde über die Wiese zu ihnen hinübergeweht.
»Jungs, hey, was macht ihr denn da?«
Die Luft roch ein bisschen nach Bratwurst.