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Inhalt

Einleitung

„Weisheit oder alte Zöpfe?“

Vom Stall bis zur Futterkrippe

Im Stall und auf der Weide

Strohfresser haben keine Nerven

Unerwünschtes Grün auf der Weide

Vom Füttern und Tränken

Pflege von Pferd und Zubehör

Pferdepflege: Sauber und ordentlich von Kopf bis Huf

Pferde fachgerecht entstauben

Mistflecken am Schimmel

Das Zeug zum Reiten und Fahren

Vom Züchten und Kaufen

Umgang mit jungen und alten Pferden

Wird es ein Junge?

Von Rosstäuschermethoden und Fehlersehern

Nicht austricksen lassen!

Das kranke Pferd

Wenn das Pferd hustet

Hilfe, mein Pferd lahmt!

Verdauungsprobleme

Hausmittel für Pferde

Hilfe bei Insektenplage

Ausritt ohne Fliegen

Tipps, Hausmittel und heilende Kräuter

Nervenstärkung

Service

Zum Weiterlesen

Impressum

EINLEITUNG

© Horst Streitferdt

Weisheit oder alte Zöpfe?

Naturmedizin, biologische Weidepflege und die Kunst der Klassischen Reiterei – alte, fast vergessene Weisheiten rund ums Pferd erleben zur Zeit eine Renaissance.

Gerade Freizeitreiter – oft wegen ihrer mangelnden Professionalität und ihres „Reitminimalismus“ gescholten – interessieren sich für altbewährte Methoden zum Umgang mit Pferden und überlieferte „Geheimtipps“ zur Heilung und Vorbeugung von Krankheiten.

Doch ging ich zunächst mit etwas gemischten Gefühlen an die Zusammenstellung alter Rezepte, Tipps und Tricks heran. Besonders in konventionellen Reitställen hört man immer wieder, wie Fehler und Missstände mit Argumenten wie „Das ist nun einmal so!“, „Tradition“ und „Das haben wir schon immer so gemacht!“ erklärt und entschuldigt werden. Oft leben die unterbeschäftigten Reitpferde von heute in den gleichen Ställen wie die schwer arbeitenden Ackerpferde von vorgestern, und die Fütterung des Kinderponys orientiert sich an der von Opas Kutschpferdegespann. Gerade im Reitsport wird oft versäumt, überlieferte Kenntnisse veränderten Bedingungen anzupassen. Würde ein Buch wie dieses seinen Lesern nicht die falsche Vorstellung vermitteln, früher sei alles besser gewesen?

Ein Problem für mich stellte auch die neuerdings in Freizeitreiterkreisen verstärkt zu beobachtende Hinwendung zur Esoterik dar. Würde ein Buch, in dem Naturheilkunde und durchaus auch mal Zaubersprüche eine große Rolle spielen, den Irrglauben an Wunderheiler, „Tierkommunikation“ und „Gurus“ nicht noch verstärken?

Dann aber las ich die Worte der alten Reitmeister und Pferdekenner und fand dabei alles andere als „alte Zöpfe“. Macht man sich nämlich die Mühe des Quellenstudiums, so findet man keine Hinweise auf dunkle Ställe und Hilfszügel, sondern immer erneute Forderungen nach freundlichem, geduldigem und kenntnisreichem Umgang mit weitgehend artgerecht gehaltenen Pferden. Wie heute gab es eben auch damals gute und schlechte Reiter und Pferdepfleger. Es wird Zeit, dass die Binsenweisheiten der schlechten verschwinden, während die Kenntnisse der guten erhalten und weitergetragen werden. Darin sehe ich eine der wichtigsten Aufgaben dieses Buches, einer Zusammenstellung der besten Pflege- und Haltungstipps aus den bereits nicht mehr lieferbaren ersten beiden Bänden.

Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die mir bei der Sammlung der Tipps und Rezepte behilflich gewesen sind, und wünsche allen alten und neuen Lesern viel Vergnügen und Erfolg mit den Tricks der alten Stallmeister und Pferdepfleger.

VOM STALL
bis zur Futterkrippe

© Horst Streitferdt

© Vivien Venzke

Im Stall und auf der Weide

Für den alten Stallmeister war ein gut gepflegter und sauber gehaltener Stall ein Aushängeschild seiner sachgemäßen Pferdehaltung. Die Pferde, die damals viel leisten mussten, sollten in einer ruhigen und sauberen Umgebung Kraft und Erholung finden können. Einiges davon ist auch für uns wichtig und anwendbar!

Wer gute Pferde hält

und will ihr recht genießen,

wird ihre Wartung wohl

fürs erst bestellen müssen.

Durch strenge Ordnung, Maß in

Arbeit, Trank und Speis’,

Durch stete Reinigung von Unrath,

Staub und Schweiß.

Weil viel mehr gute Pferd’

von schlechter Wartung sterben,

als durch viel Unglücksfäll’ und den

Gebrauch verderben.1› Hinweis

TROCKENE EINSTREU

Stroheinstreu und besonders Sägemehleinstreu in Boxen und Offenställen bleibt länger trocken, wenn man darunter eine dünne Schicht Sand anbringt. Der Sand bewirkt eine Drainage und verhindert ein schnelles Vollsaugen der Einstreu mit Urin. Er muss bei etwa jeder dritten großen Ausmistaktion gewechselt werden.

© Jeanne Kloepfer

EINFACHE DRÄNAGE: Sand unter der Einstreu

© Horst Streitferdt

SAUBERES STROH und gutes Heu sind ein Muss!

© Jeanne Kloepfer

ZU HOCH ANGEBRACHTE HEURAUFEN begünstigen Senkrückenbildung.

HEURAUFEN

Inzwischen sollte es jedem Reiter und Pferdehalter bekannt sein, dass man Heuraufen niemals erhöht anbringt. Ein Fressen aus der hochgehängten Raufe mit durchgedrücktem Rücken und gestrecktem Hals erschwert den Speichelfluss und begünstigt den Senkrücken. Dazu trägt es zu Husten und Augenentzündungen durch den unweigerlich frei werdenden Heustaub bei. 1878 war diese Erkenntnis noch relativ neu, wurde aber in einem Ratgeber für Pferdehalter und -pfleger sehr plastisch an den Leser gebracht: „Die hohe Raufe ist ein entschiedener Widersinn, denn das Pferd ist ein Tier der Ebene, das vom Boden weidet, nicht von den Bäumen wie die Giraffe.“2› Hinweis

SAUBERKEIT IM STALL

„Die Wichtigkeit einer guten Streu wird vielfach verkannt; es steht jedoch fest, dass, mag man ein Pferd noch so gut pflegen, es ohne ein gutes Lager nie in den Vollbesitz seiner Kräfte gelangen wird. Kein Futter ist im Stande, dem ermüdeten Pferd die Wohltat einer reinlichen und reichlichen Streu zu ersetzen.“3› Hinweis

In vielen Reitställen – alten wie neuen – beschränkt sich die Reinlichkeit weitgehend auf die Stallgasse. Während diese bei jeder Gelegenheit gefegt und ausgespritzt wird, handhabt man das Misten der Pferdeboxen eher lasch. Bevor Sie also einen Standplatz für Ihr Pferd anmieten: Schauen Sie nicht nur ins Reiterstübchen und auf die bunt gestrichenen Hindernisse, sondern werfen Sie einen Blick in möglichst viele Boxen und wählen Sie keinen Stall, in dem das Stroh für die Einstreu rationiert ist. Wer nämlich schon am Stroh spart, der spart meist auch am Futter für die Pferde!

© Milada Krautmann

SAUBERKEIT IM STALL beschränkt sich nicht auf das Fegen der Stallgasse.

© Hans Kuczka

HECKEN UND BÄUME spenden Schatten und werden gerne beknabbert.

STROHFRESSER HABEN KEINE NERVEN!

Das war ein geflügeltes Wort bei der Kavallerie. Nervöse und schwierige Pferde erhielten eine große Futterstrohration, dafür wurden die Hafergaben gekürzt. Ob die Wirkung nun wirklich darauf beruhte, dass Stroh „dem Organismus reichlich Nährsalze liefert“4› Hinweis, oder ob einfach die stundenlange Beschäftigung mit dem Raufutter die nervösen Pferde beruhigte, ist fraglich, in der Praxis aber unwichtig.

RAUS AUS DEM STALL!

Oberst Spohr empfahl in seinem Buch „Die Logik in der Reitkunst“, zum Scheuen und zur Nervosität neigende Pferde als erstes aus „stillen, ammoniakerfüllten, womöglich noch dunkel gehaltenen Ställen5› Hinweis herauszuholen und ihnen viel Bewegung zu verschaffen (mindestens zwei bis drei Reitstunden am Tag).

Weide und Offenstallhaltung waren beim alten Kavalleriepferd nicht machbar. Beim modernen Freizeitpferd erfüllen sie alle Bedingungen zur Erzeugung eines scheufreien, ausgeglichenen Pferdes.

Pferde brauchen außerdem helle, gut durchlüftete, aber dennoch nicht zugige Ställe, um sich wohlzufühlen. Das war auch dem alten Stallmeister bekannt. Eine einfache Faustregel zur richtigen Beleuchtung nennt Graf von Keller: „Der Stall muß so viel Fensterlicht haben, daß man bequem darin lesen kann.“6› Hinweis

© Horst Streitferdt

NICHTS FÜR WEBER – die Außenbox

AUßENBOXEN

Gewöhnlich sind Außenboxen sehr empfehlenswert, denn der Ausblick auf den Hof bietet den Pferden frische Luft und Unterhaltung. Neigt ein Pferd jedoch zum Weben, so ist es in einem Offenstall oder einer Innenbox mit mehrstündigem Auslauf besser aufgehoben. Die Außenbox bietet ihm nämlich nur den Blick auf interessante Vorgänge, erlaubt ihm aber nicht, wirklich daran teilzuhaben. Das Pferd setzt seine Erregung darüber in Bewegung um und webt.

STALLGASSE

„Vor dem Ausfegen der Stallgasse aber empfiehlt sich deren Besprengung mit Wasser, damit alles Aufwirbeln von Staub in die Luft vermieden wird.“7› Hinweis

Diese Anweisung des alten Stallmeisters gilt heute noch, denn Pferde reagieren äußerst empfindlich auf Staubpartikel. Viele Fälle von chronischem Husten und sogar Dämpfigkeit haben darin ihre Ursache. Im Sommer gilt die Regel übrigens auch für das Abfegen von gepflasterten Stallvorplätzen in Offenställen mit Sandauslauf.

SCHEUEN IM STALL VORBEUGEN

„Nach meinen Erfahrungen empfiehlt es sich als praktisch, im Stalle Kaninchen, Ziegen, Hunde etc. frei herum laufen zu lassen. Ich beobachtete zum Beispiel bei einem bodenscheuen Pferde, wie dieses, welches anfangs sehr erschrak, wenn ein Kaninchen bei ihm vorüberhuschte, nicht nur das Erschrecken sich dabei abgewöhnte, sondern auch im Freien sich nie mehr über Gegenstände aufregte, welche auf dem Erdboden lagen oder an ihm vorbeisprangen.“8› Hinweis

Dies ist ein interessanter Gedanke, auch wenn Sie vielleicht keine Nager in Ihrem Stall aussetzen möchten. Hüten Sie sich auf jeden Fall vor zu steriler Atmosphäre in Pferdeställen! Wenn nur geflüstert wird und nie ein Besen umfällt, wenn die Pferde nie um einen vergessenen Strohballen herumgehen müssen und nie ein vergnügter Hund durch die Stallgasse tobt, werden die Bewohner dieses Stalles in Reitbahn und Gelände vor jeder Kleinigkeit scheuen!

© Horst Streitferdt

BOXENHALTUNG muss dennoch Sozialkontakte ermöglichen.

KOPPEN UND WEBEN

Psychologisch gesehen sind Koppen und Weben sogenannte „Übersprungshandlungen“. Das Pferd ist ungeduldig, aufgeregt oder einfach lauffreudig, möchte die Erregung gern in Bewegung umsetzen – und kann es nicht, weil es in der Box stehen muss oder gar angebunden ist. So entlädt sich die Spannung in der schaukelnden Bewegung des Webens. Andere Pferde beginnen aus Frust und Langeweile zu koppen – statt wie das Wildpferd immer wieder kleine Grashappen zu sich zu nehmen, schlucken sie Luft.

Am besten kuriert man Weber und Kopper durch Umstellung auf eine Weide oder in einen Offenstall mit viel Möglichkeit zur Bewegung und zum Kontakt mit Artgenossen. Dazu sollten sie regelmäßig gearbeitet werden, damit auf keinen Fall Langeweile aufkommt.

Weber korrigiert man mit dieser Behandlung meist leicht, aber Kopper finden anscheinend große Befriedigung in ihrer Verhaltensstörung. Sie koppen mitunter trotz idealer Haltungsbedingungen weiter. Zum Glück ist inzwischen erwiesen, dass Koppen wirklich nur eine schlechte Angewohnheit ist, und nicht, wie früher angenommen, zu häufigen Koliken führt. Auf das Anlegen von Kopperriemen oder gar eine Operation zur Beilegung des Koppens können Sie also getrost verzichten.

Auch wenn Kopper und Weber ihre Stalluntugenden weitgehend abgelegt haben, kommt es vor, dass sich diese zur Fütterungszeit noch gelegentlich zeigen. Manchmal koppt oder webt das Pferd auch, wenn sein Reiter noch einige Zeit mit Plaudern und Aufräumen im Stall verbringt, ohne sich ihm direkt zu widmen. Um das dann nicht noch zu fördern, ist es sinnvoll, die „Problempferde“ stets zuerst zu füttern oder ihnen zumindest etwas Heu zum Zeitvertreib vorzuwerfen. Damit erweist man sich zwar als „erpressbar“, verhindert aber Schlimmeres. Weben und Koppen ist nämlich „ansteckend“. Ein ebenso gelangweiltes Pferd, das einem Kopper gegenübersteht, ahmt dessen Untugend gern nach.

© Horst Streitferdt

NEUGIER Psychisch gesunde Pferde verkriechen sich nicht, sondern sind an allem interessiert.

Info

Noch ein Tipp zum Weben

Ob der folgende Trick gegen Weben wirklich hilft, sei dahingestellt, aber im Gegensatz zu anderen Mitteln ist er harmlos und kann insofern relativ gefahrlos ausprobiert werden.

„Man schnalle dem Pferde um jede Fessel – diese also nicht miteinander verbunden, einen Riemen, worauf eine oder zwei Schellen befestigt sind. Das nun beim Leineweben entstehende Geklingel wird dem Pferd so zuwider, daß es dasselbe bald einstellt.“9› Hinweis

Falls Sie das versuchen möchten, probieren Sie vorher aus, ob das Pferd vor dem Klingeln der Glocken scheut! Sonst könnte es nämlich in Panik geraten, wenn plötzlich jeder Schritt ein Geräusch erzeugt, und dann dürfte es völlig unmöglich sein, ihm die Glöckchen wieder abzunehmen!

© Horst Streitferdt

VERGITTERTE BOXEN sollten der Vergangenheit angehören! Pferde brauchen Freiheit und frische Luft.

FESTLIEGEN

Liegt ein Pferd in einer Boxecke oder auf glitschigem Boden fest, so wird es in Panik geraten und immer wieder versuchen, aufzuspringen. Dabei besteht die Gefahr, dass es sich ernsthaft verletzt, bevor Hilfe kommt. Der alte Stallmeister stellte in einem solchen Fall einen Helfer dazu ab, den Hals des Pferdes mit seinem gesamten Körpergewicht zu beschweren. Im Gegensatz zu anderen Tierarten, wie etwa dem Rind, kann sich das Pferd nämlich nicht erheben und nicht mehr zappeln, wenn sein Kopf am Boden gehalten wird. Das oben liegende Auge wird mit der Hand zugehalten, was eine beruhigende Wirkung erzielt. So verbleibt das Pferd, bis mehrere Helfer zur Stelle sind, die sich dann an Schweif, Mähne, Rücken und Kopf des Tieres postieren und seinen erneuten Versuch aufzustehen unterstützen.

RATTEN UND MÄUSE IM PFERDESTALL

Ratten im Stall bekämpfte der alte Stallmeister, indem er Chlorkalk mit Essig vermischte und in flachen Schüsseln aufstellte. Die Tierchen gingen dann freiwillig.

Frische Minze, Stängel sowie auch Blätter unter das Getreide gemischt, hält alten Bauernratgebern zufolge Mäuse fern. Ein paar Tropfen Pfefferminzöl sollen die gleiche Wirkung haben.

Eine noch bessere Wirkung zeigt allerdings eine Katze im Stall. Eine gut gepflegte Stallkatze legt sich aus purem Vergnügen mit Ratten an und hält sie sicher fern. Bedingung dafür ist allerdings, dass Mieze rund, gesund und „kampflustig“ ist. Stallkatzen können sich entgegen der landläufigen Meinung nur selten allein von Mäusen ernähren. Zum Sattwerden braucht eine erwachsene Katze mindestens elf Nager pro Tag, und ein so guter Fang gelingt im Winter und an Regentagen selten. Ihre Stallkatze sollte also zugefüttert werden, und wahre Katzenfreunde sorgen auch für „Geburtenkontrolle“ durch Kastration von Kater und Kätzin!

© Lothar Lenz

MÄUSESCHRECK In einen gut geführten Pferdestall gehört traditionell eine Katze.

FEUER IM PFERDESTALL

Wenn ein Pferdestall brennt, weigern sich viele Pferde, ihre Boxen zu verlassen. Sie kennen den Stall schließlich als einen Ort, an dem ihnen nichts passieren kann. Besser als der Versuch, sie mit Gewalt hinauszutreiben ist, sie aufzutrensen und hinauszuführen. Das Verhaltensschema „Trense – Arbeit – Stall verlassen“ bricht die Magie der Box.

Im Übrigen ist die Suche nach Sicherheit in der Box kein Zeichen von Dummheit, sondern eine anerzogene Verhaltensstörung. Der natürliche Instinkt gebietet Pferden zu fliehen, nicht sich zu verkriechen. Artgerecht gehaltene Pferde verlassen denn auch sofort fluchtartig ihren Offenstall, sobald sie eine Gefahrensituation bemerken oder auch nur vermuten. Binden Sie Offenstallpferde folglich nie im Stall an, wenn sich auf dem Gelände irgendetwas tut, was sie ängstigen könnte.

Von der Richtigkeit dieser Thesen können Sie sich übrigens besonders gut in der Silvesternacht überzeugen. Kein einziges Offenstallpferd wird die Stunde des Feuerwerks im Stall verbringen.

© Jeanne Kloepfer

„NATURBURSCHEN“ fühlen sich draußen sicherer als im Stall.

BLITZABLEITER

Bergbauern im Alpengebiet pflegten die Dächer ihrer Ställe und Wohnhäuser jahrhundertelang mit Dach-Hauswurz (Sempervivum tectorum) zu bepflanzen. Sie waren überzeugt davon, dass dadurch das Einschlagen von Blitzen vermieden würde. Tatsächlich schlägt nie ein Blitz in die der Artischocke ähnliche Pflanze. Forschungen zufolge wird durch die feinen, fast nadelförmigen Blätterspitzen ein Spannungsausgleich zwischen Luft und Erde hergestellt.

Falls Sie also in den Alpen oder klimatisch vergleichbaren Gegenden wohnen, sollten Sie den ansehnlichen und anspruchslosen Pflanzen ruhig einen Platz auf Ihrem Stalldach gönnen. Sie gedeihen auf Mauern und Dächern aller Art, sogar auf Ziegeln, und revanchieren sich durch ihre Einsatzmöglichkeiten als Heilpflanze. Besonders als Frischblätterauflage bei Verrenkungen und Quetschungen wirkt Hauswurz kühlend und heilend bei Ross und Reiter. Hauswurzöl bewährt sich auch bei Insektenstichen. Wundsalben auf Hauswurzbasis sind in der Apotheke als Fertigprodukte erhältlich.

WEIDEAUFTRIEB

Wenn im Frühling das Gras sprießt, äugen die Pferde sehnsüchtig auf das junge Grün, und man neigt dazu, sie so bald wie möglich herauszulassen. Bereit zum Auftrieb ist die Weide aber erst dann, wenn das Gras auch an den kürzesten Stellen 15 cm hoch gewachsen ist. Lässt man die Pferde eher heraus, fressen sie das frische Gras extrem schnell ab, was erstens Koliken hervorrufen kann und zweitens die Weide ruiniert.

Im Übrigen müssen die Pferde selbstverständlich langsam an den Weidegang gewöhnt werden. In den ersten Tagen genügen wenige Minuten Weide zusätzlich zur Heufütterung, dann wird die Weidezeit langsam gesteigert. Der Grund dafür, dass Pferde bei Futterumstellungen sehr schnell Probleme mit der Verdauung bekommen, liegt übrigens in der Empfindsamkeit ihrer kleinen Verdauungshelfer, der Darmbakterien. Diese Tierchen sind hoch spezialisiert und sterben in Massen ab, wenn plötzlich Gras statt Heu auf sie zukommt. Dann fehlt es erstens an nützlichen Bakterien, und zweitens belasten die toten Kleinstlebewesen die Verdauung zusätzlich. Futterumstellungen sind deshalb immer mit Vorsicht anzugehen. Sobald es zu Durchfällen kommt, muss das Tempo gedrosselt werden.

© Horst Streitferdt

SPIELPLATZ FÜR PFERDE! Üppiges Grün lässt Pferdeherzen höher schlagen.

© Milada Krautmann

HUFFETT schützt vor Verbiss.

WEIDEFÜHRUNG

Idealerweise sollte man Pferdeherden so zusammenstellen, dass die Mitglieder sich in Zweiergruppen zusammentun können. Ansonsten ist die Ausgrenzung eines Herdenmitglieds vorprogrammiert. Wenn die Herde allerdings aus Stuten besteht, unter denen nur ein Hengst oder Wallach lebt, ist die Paaraufteilung nicht so zwingend. In der Regel wird der „Pascha“ sich seinen Damen gleichmäßig zuwenden. Tut er das nicht, steht meistens er außen vor.

Übrigens kann man „kontaktarmen“ Pferden am leichtesten zur Integration verhelfen, indem man sie häufig gemeinsam mit einem ranghohen, am besten gegengeschlechtlichen Weidekameraden arbeitet. Die Tätigkeit im Gespann oder Handpferdegespann, die Teilnahme an Wanderritten mit Übernachtung in fremden Gegenden und gemeinsame Turnierfahrten schweißen ungemein zusammen.

SICHERHEIT VOR VERBISS

Um Bäume davor zu schützen, von Pferden angenagt zu werden, pinselt man ihre Stämme in regelmäßigen Abständen mit Huffett oder Holzteer ein. Das schadet den Bäumen nicht, verdirbt aber den „Nagern“ gründlich den Appetit.

Wenn es trotz aller Sicherungen zu Bissspuren an einem Baum kommt, können Sie Erste Hilfe leisten, indem Sie etwas Erde mit Wasser aus der Tränke vermischen und die verletzte Stelle dick mit diesem Lehmbrei bestreichen. Das hilft mindestens so gut wie der sonst empfohlene Holzteer und ist vor allem eine Aktion, die sofort durchgeführt werden kann. Der Baum wird geschützt, bevor er zu viel Feuchtigkeit verliert.

SCHATTEN AUF DER WEIDE

Als Schattenspender auf der Pferdekoppel empfiehlt sich der Walnussbaum. Er wächst schnell und wird von Pferden ungern benagt. Dem Reiter liefert er zudem die Weihnachtsnüsse.

Sucht man eine verbissfreie Hecke, so bietet sich der schnellwüchsige Holunder an. Holunderhecken spenden einigen Schatten und wirken abschreckend auf Mücken.

UNERWÜNSCHTES GRÜN AUF DER WEIDE

Gegen MOOS auf der Weide hilft gründliches Besprengen der befallenen Stellen mit einer Eisenvitriol-Lösung. Man löst dazu ein Kilo Eisenvitriol in 20 Litern Wasser.

DISTELN: Besonders auf ausschließlich von Pferden begangenen Weiden machen sich leicht unerwünschte Pflanzen wie Disteln breit. Vor dem Umpflügen und Neueinsäen stark verunkrauteter Weiden kann nur gewarnt werden. Wenn dabei nämlich die Wurzeln zerstückelt werden, keimt aus jedem Wurzelteil ein neues Pflänzchen. Besser ist es, die Pflanzen unmittelbar vor dem Blühen auszureißen. Dann erstickt die Wurzel möglicherweise im eigenen Saft. Ein anderer Trick ist, die Pflanze abzuschneiden und Salz auf die Schnittfläche zu streuen. Auch dann geht sie meistens ein. Nicht zu empfehlen ist dagegen ein Spritzen der Weide mit Unkrautvernichter. Der erwischt nämlich alle zweikeimblättrigen Pflanzen und damit auch gesunde Kräuter. Im Übrigen gehören Disteln keineswegs zu den Pflanzen, deren Verzehr Pferden schadet, im Gegenteil! Besonders säugenden Stuten bekommen sie sehr gut, denn sie fördern die Milchproduktion. Auf der Weide werden sie allerdings kaum aufgenommen. Reißt man jedoch junge Disteln aus und bietet sie dem Pferd in leicht angetrocknetem Zustand an, so greift mancher Vierbeiner gerne zu.

BRENNNESSELN auf der Weide hält man durch regelmäßiges Mähen in Grenzen. Die Pflanze verträgt es nicht, kurz gehalten zu werden. Mähen Sie stets vor der Blüte und mindestens sechsmal im Jahr.

Der giftige HAHNENFUß wächst vorwiegend auf nassen und stark versauerten Wiesen. Neben der Dränage der Weiden hilft gegen ihn vor allem Kalk. Auf regelmäßig stark gekalkten Wiesen wird der Befall auf die Dauer geringer. Lässt man sie frei auf der Weide fressen, meiden Pferde übrigens Hahnenfuß, da er Bitterstoffe enthält. Die verflüchtigen sich allerdings schnell, sobald das Gras geschnitten wird und antrocknet. Verfüttern Sie also möglichst kein Schnittgras von Wiesen mit hohem Hahnenfußanteil. Im Heu ist die Pflanze ungefährlich, wenn zwischen Heuernte und Verfütterung mindestens drei Monate vergangen sind. In dieser Zeit verflüchtigen sich auch die Giftstoffe.

© Horst Streitferdt

WEIDEGANG mit freier Bewegungsmöglichkeit braucht jedes Pferd.

© Milada Krautmann

BRENNNESSELN kurz halten!

© Reinhard-Tierfoto

MAULWÜRFE – Helfer bei der Weidepflege

© Milada Krautmann

VOR DEM HEUEN müssen Maulwurfshaufen verteilt werden.

MAULWURFSHAUFEN

Die Aktivität von Maulwürfen auf der Weide ist ein Beweis für intaktes Bodenleben und trägt zu dessen Erhalt bei, indem sie für systematische Belüftung sorgt. Auf keinen Fall sollte man also Maßnahmen zur Maulwurfsbekämpfung ergreifen. Ganz sicher wird sich kein Pferd beim Tritt in die Gänge der Winzlinge die Beine brechen. Wenn Sie von der Weide allerdings Heu gewinnen wollen, sollten Sie die Haufen vor dem Schneiden auseinanderharken. Ansonsten gerät Erde in die Heuballen und macht sie staubig.